Ich wußte von Schweden aus meiner Geographiestunde kaum noch die

Hauptstadt zu nennen. Wir in Bayern verwechselten damals, wie ich das

öfters später noch erlebte, fortwährend Christiania und Stockholm

miteinander. Und zwischen Schweden und Norwegen gab es für uns keinen

großen Unterschied. Es waren eben Nordländer, Nebelländer, von denen

wir seit der Edda und später seit Gustav Adolf nichts mehr gehört

hatten.

Erst seit neuester Zeit, und das waren kaum fünf, sechs Jahre her,

hörte man vom geistigen Leben, das dort oben erwacht sei. Man hatte uns

Ibsen, Björnson und Strindberg in Übersetzungen vermittelt. Von den

Ländern selbst aber, wie man sonst dort lebte, wußte man zu Anfang der

neunziger Jahre in Süddeutschland recht wenig. Man hörte nur, daß die

Engländer seit einigen Jahren im Sommer die Fjorde und die Gletscher

dort oben aufsuchten, und daß sie das Reisen im Norden dem Reisen in

der altmodisch gewordenen Schweiz vorzogen.

Besonders Schweden, von dem man nur den Wasserfall des Trollhättan als

rauschende Sehenswürdigkeit nannte, lag hinter neunundneunzig Nebeln

den Blicken des Deutschen, und besonders denen des Süddeutschen

entrückt. Ich erinnere mich auch, als ich Schweden schon mehrere Jahre

kannte, später bei einem Vortrag über nordische Kunst von einem Pariser

Schriftsteller die Worte gehört zu haben „~les pays imaginaires~“,

wobei der Vortragende mit großer Geste in die Luft deutete und mit den

Worten „Fabelländer“ Dänemark, Schweden und Norwegen bezeichnete. Den

Parisern auch lag damals Japan näher als der nebelferne Norden.

Ich selbst hatte von Schweden in den letzten Jahren nur den Namen

Strindbergs nennen hören, und aus früheren Jahren war mir von

schwedischer Dichtung nur Tegner und seine „Fritjofs Saga“ bekannt.

In Kopenhagen aber, in Dänemark, war ich geistig stärker zu Hause.

Andersens Märchen und mein Prosameister J. P. Jacobsen hatten mich

mit Stadt und Land vertraut gemacht. Norwegisches Volk kannte ich aus

Ibsens „Peer Gynt“, aus Björnsons „Arne“, aus Kiellands „Novellen“,

Griegs Musik und Munchs Bildern.

Norwegen und Dänemark waren mir deshalb viel bekannter als Schweden,

das ich nur in Strindbergs „Leute von Hemsö“ und Ola Hansons „Sensitiva

Amorosa“ ein wenig aus der Dämmerung unklarer Vorstellungen hatte

auftauchen sehen. Denn das Buch „Gösta Berling“ von Selma Lagerlöf,

das Schwedens Land und Menschen mir hätte nahe bringen können, war in

Deutschland noch nicht bekannt, und ich las es erst ein Jahr später in

Stockholm.

Daß sich an der schwedischen Westküste die Stadt Gothenburg befand,

das war aus meinem Geographiegedächtnis bereits verschwunden gewesen.

Ich sah im Geist an der schwedischen Westküste nur hinter Nebeln

verschanzte Fischerdörfer und vereinzelte Gutshöfe liegen.

Aber es schien auch anderen Leuten so wie mir zu gehen. Denn als ich

ein paar Wochen später eine Büchersendung nach Hause zu schicken

hatte und zum Einpackpapier einige Gothenburger Zeitungen verwenden

mußte, erhielt ich die erstaunte Rückfrage aus Deutschland, ob es denn

in Schweden oben auch Zeitungen und Schnellpressen gäbe. Man konnte

sich eben von dem seit Gustav Adolfs Zeiten verschollenen Land in den

neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wenig Vorstellung machen. --

Ich war über Kopenhagen-Helsingör gereist, hatte in der Nacht den

dunklen Giebel des Hamletschlosses Helsingör über dem Nachtmeer ragen

sehen, war über den Sund nach Helsingborg gekommen und von dort in

einem Bahnzug -- dessen Wagen stark nach Heringen rochen -- durch

eine öde Schneelandschaft am Meer entlang nach einer Tagesreise nach

Gothenburg gekommen.

Ich war in Gothenburg noch nachts auf den Dampfer gegangen, und ich

fühlte mich unter der Obhut des jungen Schweden -- der nur ein paar

Jahre älter war als ich -- in dem neuen Lande sehr gut eingeführt. Ich

sehnte mich vorläufig nicht nach dem glänzenden Berlin zurück, das noch

vor meinen Augen flimmerte, wenn ich sie schloß.

Ich hatte Deutschlands Grenzen früher nur drei Mal verlassen. Einmal

war ich ein Vierteljahr in der französischen Schweiz in Genf gewesen,

um mich im Französischen zu vervollkommnen. Das war im Frühling 1889.

Im gleichen Jahr, im Herbst, war ich ein Vierteljahr bei Verwandten

in Rußland, in St. Petersburg, zu Besuch gewesen. Und die dritte

Auslandsreise war der kleine Pfingstausflug im Jahre 1892 von München

nach Venedig.

Ich erwähne dieses, damit der Leser nicht vermuten soll, ich hätte

in meinem Erstaunen, das mich nun auf meiner Weiterreise in Schweden

packte, keine vergleichenden Anhaltspunkte mit anderen Ländern gehabt

und wäre vielleicht deshalb so übermäßig durch Schwedens Küste in

Verwunderung gesetzt worden.

Ich befand mich nun auf dem kleinen Küstendampfer, der langsam in der

schmalen Wassergasse durch das gefrorene Meer dem Regierungseisbrecher

nachfolgte. Am Abend des ersten Tages, als die Sonne unterging, waren

wir in der Nähe der Insel Smögen, wo der Dampfer für die Nacht anlegen

mußte.

Die gelblichen Felsen, die dort senkrecht aus dem Meer standen, waren

von breiten roten Streifen bestrichen. Es war dies der rote Rost großer

Eisenadern, die sich über die Granitmauer verzweigten. Im Abendlicht

sahen die Felsen wie blutige riesige Fleischstücke aus, die da auf dem

weißen Riesenteller des gefrorenen Meeres lagen.

Als es dunkel war und kein Mond am Himmel, erkletterten der Schwede

und ich im Finstern einen Steinweg zwischen den Holzhütten Smögens

und kamen bis zu einer Felsenplatte, auf welcher der große eiserne

Leuchtturm wie ein ungeheures Eisenrohr festgeschraubt stand. Dort über

der kleinen freien Klippenanhöhe leuchteten die Sterne, jeder einzelne

so groß über dem Meer, als wären sie nah wie winzige Monde. Es war, als

stünden dort im dunklen Weltraum tausend zuckende Leuchttürme, deren

weiße Feuer auf- und niederblinkten.

Ich spürte kaum die Eiskälte der Nacht. Ich erinnere mich, daß ich

erstaunt war, als ich mich mit der Hand an den eisernen Turm stützte

und derselbe kalt war. Das mächtige erhabene Gefühl, das vor den großen

Himmelslichtern über dem lautlosen gefrorenen Meer in mir anschwoll,

war wie eine unergründliche Wärmewelle. Die schien aus einer Sonne zu

kommen, die ich nicht sah, und war in mich gedrungen, und ich fühlte

mich körperlich verschmolzen mit Stein und Sternen und mit ihnen

unzertrennbar zusammengehörig.

Gedanken meiner neuen Weltanschauung, die ich vorher nur in meinem

Gehirn wie aufklärendes Sonnenlicht empfunden hatte, waren jetzt zum

erstenmal hier in der ungeheuren Einfachheit und Größe der Winternacht

am Meer mit der Ahnung der ewigen Wärme, die sie geben konnten, auch

in mein Blut eingedrungen. Ich fühle noch heute, wenn ich daran denke,

die wohltuende warme Zufriedenheit, die jene Nachtlandschaft im Eis und

beim Glanz der tausend großen Weltkörper meinem Herzen gab.

Sonst, in Würzburg oder Berlin, war der Sternhimmel über den Häusern

immer eine ferne fremde Nachtwelt gewesen. Die war scheinbar edler und

reiner als die Tagwelt und hatte mich nur wehmütig sehnsüchtig stimmen

können. Dort aber, in Schweden auf Smögen, fühlte ich jeden Stern so

nah, als wäre er auf meinem Kopf gewachsen, und die Nacht hatte nichts

Fernes und Fremdes mehr. Sie war mir zugehörig wie mein Mantel am

Leib es war, wie das kleine Küstenschiff, in dem ich nachher schlafen

sollte. Sie war viel größer, als ich sie jemals gesehen hatte, die

Sternennacht, und war dabei doch heimlich und gemütlich, wie sie nur

denen wird, die nichts mehr hineingeheimnissen können oder wollen. Sie

wurde zu einer vertraulichen Stube, in der ich seit ewigen Zeiten zu

Hause war.

Es war mir aber auch zugleich, als könnte ich am Fuße jenes

Leuchtturms, von der Klippenanhöhe über den fernen totstillen Meerrand

fort, hinter die Meerlinie sehen, und da lagen in der Nacht in

Deutschland helle große Städte. Und dort in abendbeleuchteten Straßen

kreiselten die Lichter der Wagen und Fenster und Gedanken. Und jede

Stadt war ein Lichterhaufen auf der dunklen Landkarte Deutschlands,

und der größte Lichterhaufen war Berlin. Und wie kleine Phosphorpunkte

sah ich dort denkende Menschen durcheinander rennen. Da waren Dichter

und Maler und Musiker. Das Echo ihrer Worte war noch fern über dem

Meer wach. Aber alles, was die Menschen dort in den Lichterhaufen

ausgrübelten, und was sie mit Licht im Hirn zusammentrugen, schien mir

nicht so gütig, nicht so freundlich und einfach festlich zu sein wie

die reine kluge Luft in diesem reinen guten Frieden auf der kleinen

schwedischen Fischerklippe.

Ich dachte mir: wenn der Morgen kommt, wirst du auch in Schweden am

Land in einem alltäglichen Pfarrhaus, im Spinnwebenalltag, von neuem

die Erhabenheit dieser Nacht einbüßen und den Eindruck vielleicht nicht

einmal mehr erinnern.

Am nächsten Morgen, als ich schon ziemlich zeitig auf Deck kam,

erstaunte es mich, daß das hohle Tuten der Sirenenpfeife des Schiffes,

die nur im Nebel Stimme bekam, scheinbar von vielen Schiffen rundum

beantwortet wurde. Das Meer war mit dickem Nebel bepackt, und das

gellende Geheul der Dampfpfeife schien mir ähnlich dem Gebrüll

mächtiger sagenhafter Nebelkühe. Und als ob ein Leitstier im Dunkeln

brüllte und rundum die Kuhherde antwortete, so wurde die Dampferstimme

vielfach im Nebel wiederholt.

Nachdem ich lange diesem Gebrüll gelauscht hatte, wichen die

Nebelberge, und dunkle Felsenumrisse standen da. Unzählige, aus dem

Meer gewachsene Inseln schienen wie eine große Stadt zu sein, wie

viele Häuserblocks. Und das Meer ging zwischen den steingewölbten

Inselklippen in sich kreuzenden Wasserstraßen hin. Und der kleine

fortschleichende Dampfer schien still zu stehen. Aber die Inseln und

die dämmerigen Gassen zwischen den Felsenwänden der Inseln schienen zu

wandern. Und die schmalen Seewege wurden immer ähnlicher den Gassen

einer großen Stadt, immer dunkler. Zuletzt waren wir tief in die

Stadt aus Inselklippen eingedrungen und hatten nur über uns, wie in

richtigen Straßen, einen schmalen Streifen Himmel, und unsere Stimmen

hallten wie aus großen Gewölben von den kahlen Inselwänden zurück.

Und nun wußte ich auch, daß nicht Schiffe, sondern die Echos dieser

Inseln und Inselgassen das Sirenengeheul unseres Schiffes vorhin hinter

dem Nebel beantwortet hatten. Jede Felsenwand hatte den Dampferruf der

andern Felsenwand weitergegeben. Die alten Bewohner der Mauergassen,

Tausende von Möwenfamilien, saßen in langen Reihen und in Nischen und

auf den Felsenstufen an den steilen Wänden und sahen uns still an.

Wußten die stummen Vogelreihen, daß es bald Frühling wurde, da der

ihnen altbekannte kleine Küstendampfer nach langer Winterpause zum

erstenmal wiederkehrte? Sie waren nicht scheu, die großen silberblauen

Vögel. Aus ihren dunklen Mauerwohnungen äugten sie uns, die Köpfe

schief legend, nach.

Und diese silbernen Vogelscharen, die ich nie vorher in solchen Massen

gesehen hatte, und die Inselgassen, in denen unsere Menschenstimmen

weiter redeten, wenn die Reisenden oder der Kapitän an Bord laut

sprachen, und auch die Steine rundum, alle waren mir vertraute Güter,

als wäre ich von Kindheit an ihr Besitzer hier. Die fremde Inselwelt

war mir so lieb vertraut, als hätte ich die Vögel hier immer gefüttert,

als müßten sie bei meinem Ruf mir aus der Hand fressen.

Die Felsenstimme, die aus den harten Klippen aufgeweckt wurde, kam wie

aus meiner eigenen Brust. Mir war, als könnte ich erzählen, was diese

Steinklippen den Winter über gedacht hatten, während hier kein Dampfer

gegangen war. Es war die reine kluge Luft, der reine kluge Frieden, die

hier nichts Trennendes zwischen mich und die Umgebung legte und mich

allwissend stimmte.

Dann kamen wir an einen großen weiten Meerplatz zwischen Küste und

Inseln. Der Wasserplatz war weiß zugefroren, als wäre er mit einer

einzigen kilometergroßen Marmorplatte gepflastert. Rote Holzhäuschen,

in den Schnee geduckt, standen rot bemalt am Rand des Meerplatzes auf

Pfählen und erschienen mir wie Nürnberger Spielzeug. Diese Meerbucht

wurde von der offenen See durch die Inseln getrennt. Die roten Häuser

am Rand der buckeligen Schneeküste bildeten den Fischerort Fjellbacka,

wo der Küstendampfer anlegen sollte, und wo wir den Dampfer verlassen

sollten.

Von jeder verschneiten Insel rundum löste sich dann ein kleiner

schwarzer Punkt, vor welchem noch ein kleinerer Punkt herzueilen

schien. Jeder Punkt war ein Mann, der von einer Insel übers Meereis

herbeisprang zum Dorf Fjellbacka hin, und der mit dem Fuß vor sich her

ein Fäßchen stieß, das über die Eisfläche rollte. Das Fäßchen, erklärte

man mir, enthielt Fische, die später auf den Küstendampfer verladen

werden sollten.

Auch der große Meerplatz hier, der zugefrorene, wirkte wie eine

lautlose Riesenstube, auf deren weißer Diele die Männer herbeiliefen,

weil Gäste ins Haus gekommen waren. Wunderbar behaglich wirkte diese

winterstille Landung.

Dann am Land führte ein Schlitten, der vom Pfarrhof geschickt war,

den jungen Schweden und mich mehrere Meilen in das verschneite Land

hinein, hie und da an einem Einzelgehöft vorbei. Ich sah nur wenige

Bäume auf dieser Fahrt und eine einzige Windmühle. Sonst waren überall

schneebedeckte Steinbuckel, nirgends ein Wald. Es schien mir, als fuhr

der Schlitten nur auf leeren Eishügeln bergauf, bergab.

Schon begann ich zu bereuen, daß ich das lebensfrische Berlin mit

dieser toten Eiswüste vertauscht hatte. Ich wäre am liebsten mit dem

Dampfer zwischen den Inseln ewig weitergefahren. Denn was konnte

mich in dem Pfarrhause anderes erwarten als Religionsgespräche und

Tagesklatsch und Weltnachrichten, während ich doch so gern tiefer in

die Urwelt eingedrungen wäre. Blicke, wie ich sie am Abend vorher von

Smögen beim Leuchtturm und heute morgen in den Klippengassen hatte --

wo nur Möwenfamilien wohnten und die Steinbrust meiner Menschenstimme

antwortete und ich die stille Landung in der gefrorenen Meerbucht

erlebte, von diesen Blicken ersehnte ich mehr zu bekommen. Und sollte

ich zu alltäglichen Menschen zurückgeführt werden, so wollte ich aber

auch dann gleich lieber wieder nach Berlin zu den geistig regsamen

Menschen kommen.

Ich war noch jung und voreilig und schwankenden Eindrücken leichter

preisgegeben, da ich auf kein Kapital von Erfahrungen zurückschauen

konnte.

Ein wenig entmutigt saß ich neben dem Schweden, der nur ein gebrochenes

Deutsch sprach, der sich freute, mir seine Heimat zu zeigen, und der

während der Fahrt lebhaft seinen Kutscher befragte nach allem, was er

von seinem Vaterhaus wissen wollte.

Der Schwede erklärte mir, daß all die waldlosen Hügel, die ich da

ringsum sah, und an denen unser Schlitten hinaufkletterte, um dann

wieder an der anderen Seite zu Tal zu fahren, daß diese Buckel in

alter Zeit Inseln gewesen waren, an welchen die Wikinger mit ihren

Booten damals landen konnten, und bei denen sie mit den Schiffen in

den Meergassen hindurchgefahren sind, so wie es der Dampfer heute

zwischen den Schären draußen getan. Das Meer aber war von Jahrhundert

zu Jahrhundert weiter zurückgetreten, so war das Land nach Westen hin

gewachsen und war allmählich aus dem Meer gestiegen. Wir flogen also

eigentlich im Schlitten hier über verschneiten Meeresboden.

Mehr als die Erklärung, daß ich in der Urprovinz der alten Wikinger war

-- die Provinz Bohuslän fühlt sich vor allen schwedischen Provinzen

mit Recht stolz, weil sie auf tausendjährige Menschenvergangenheit

zurücksieht -- mehr als diese Erklärung befriedigte mich der Gedanke,

daß ich auch hier im Schlitten immer noch auf meerverwandtem Boden war

und die Hügel des Landes als Brüder der Meerinseln ansehen durfte,

jener Inseln, in deren Nähe mir auf der Herreise so wohl gewesen war.

Würden mir jetzt -- so dachte ich -- die Menschen mit alltäglichem

Gespräch in den Ohren liegen, so brauchte ich im Pfarrhaus dann nur

an das Fenster zu treten und würde dann meine Augen mit den Hügeln

sprechen lassen und würde die Schiffe der Wikinger auf die Steinfelder

kommen sehen, als wäre da noch Meerwasser rund um die Hügel.

Ich muß noch kurz berichten, daß der junge Schwede, der da neben mir

im Schlitten saß, kein alltäglicher Mensch war. Er hing zwar keinen

philosophischen Gedanken nach, aber aufgewachsen als Sohn dieser

Bohuslänschen Provinz, von Mutterseite von altschwedischem Adel

stammend und von Vaterseite stark gemacht durch Wikingerblut, hatte

er das Leben bisher als ein Riesenabenteuer angesehen und es immer

festlich gestimmt aufgesucht. Auch die Unruhe der alten Wikinger hatte

er ererbt, und so war er schon durch die halbe Welt gereist, trotzdem

er erst siebenundzwanzig Jahre zählte.

Aber den Beginn seiner weiten Reisen hatte er nicht mit den

gewöhnlichen Verkehrsmitteln, mit Dampfschiffen und Eisenbahnen,

ausgeführt, sondern ein kleines Ruderboot hatte ihm genügt. Und in

seinem Kahn war er, alle Gefahren verachtend, der Westküste Schwedens

entlang bis nach Kiel gerudert. Dort hatte er sich vom Ruderklub feiern

lassen und war dann weitergerudert nach Holland und war endlich in

Calais gelandet.

Diese seine außergewöhnliche Reise, die mehrere Sommermonate dauerte,

hatte in der damaligen Sportswelt Aufsehen erregt. Die großen Zeitungen

brachten sein Bild, und von den Zeitungen aufgefordert, beschrieb er

seine Reiseeindrücke.

Mehrmals hatte ihn unterwegs beinahe der Meerirrsinn erfaßt. Viele

Nächte mußte er auf dem Meere übernachten. In anderen Nächten war er

bei Leuchttürmen gelandet oder auf Leuchtschiffen, wo die Männer den

Meerentstiegenen erstaunt und ehrfurchtsvoll aufgenommen hatten. In

London, wo er zuletzt hinkam, stellte man sein kleines Boot, das so

viele Mühseligkeiten mit seinem Herrn geteilt hatte, zur Besichtigung

aus. Aber als er die Rückreise antreten wollte, waren die Stürme in der

Nordsee zu schwer. Er nahm dann die Aufforderung einer Zeitung, nach

Amerika zu gehen und Amerikabriefe zu schreiben, an.

Als ich den jungen Schweden und Weltfahrer bei Ola Hanson in

Friedrichshagen in Berlin an einem Abend kennen lernte, war er eben

von Amerika nach Europa zurückgekehrt und sollte nach Hause reisen,

nach Schweden, um dort sein Buch über Amerika in seinem Vaterhaus, im

Pfarrhaus zu Bohuslän, zu schreiben.

Er hatte als Kind, angeregt dadurch, daß er seinen Vater jeden Sonntag

predigen hörte, zuerst Lust gehabt, selbst Prediger zu werden. Wie er

mir erzählte, war er als kleiner Knabe oft auf einen Stuhl gestiegen

und hatte vor den Dienstboten des Hauses gepredigt. Dann aber hatte ihn

das Meer doch stärker angelockt als die Kirche, und er hatte schon, als

er fünf Jahre alt war, von alten Fischern in Fjellbacka Unterweisung

im Segeln bekommen und hatte dann von seinem Vater ein eigenes kleines

Boot erhalten, auf dem er bald eigenmächtig von Insel zu Insel

steuerte.

Da Gothenburg in regem Schiffsverkehr mit England steht und sich der

junge Schwede, als er älter geworden, Schriftsteller zu werden sehnte,

ließen ihn seine Eltern später hinüber nach England, nach Hull, reisen,

wo er in einer Zeitungsredaktion beschäftigt wurde. Zurückgekehrt von

England, pflegte er eifriger den Rudersport als die Schriftstellerei

und unternahm kurz danach die abenteuerliche Ruderfahrt im eigenen

Boote über die Nordsee und machte dann die Rundreise durch Amerika. --

Jener junge Mann hatte also viel Welt und Wirklichkeit erlebt und

sich mutig durch Meer- und Hungerstürme durchgeschlagen, als ich ihn

kennen lernte. Und wir wurden gute Kameraden. Aber nicht bloß, weil er

das Leben großzügig nahm, sondern hauptsächlich deswegen wurden wir

Freunde, weil er einer jener wenigen damals war, die an der Überzeugung

festhielten, daß die Dichtkunst über Prosa und Dramatik erhaben sei,

wenn auch augenblicklich der Zug des Zeitgeistes verächtlich auf

Gedichte und gereimte Dichtungen herabsehen wollte.

Dieses Vertrauen für die Dichtkunst bei ihm zu entdecken, das war mir

ganz überraschend gewesen. Der Gedanke, einen Gleichgesinnten gefunden

zu haben, machte mir ihn besonders wert. Ich war erfreut, daß ein Mann,

der die Wirklichkeit und stets die Wirklichkeit vor Augen gehabt hatte,

in seinem Innern die Dichtung, die damals die verachtetste Kunst in

Deutschland war, hochhielt.

Er hatte eben erst auf seiner Rückreise von Amerika den holländischen

Dichter Gorter, den ich damals nicht einmal dem Namen nach kannte, in

Holland aufgesucht. Gorters Gedichte und dessen Gedichtbuch „Mai“ waren

ihm Heiligtümer geworden.

In jener Dichtung „Mai“ ist der Frühling als ein kleines Mädchen

beschrieben, das auf einem Kahn durch die Kanäle Hollands fährt. Und

die Dichtung erzählt in schlichten und reichen Bildern, durchdrungen

von weiser Innerlichkeit, was das kleine Mädchen, das „Mai“ heißt,

erlebt. Er erzählte mir außerdem, daß Gorter den einfachen Beruf eines

Lehrers ausübe, und daß er eine schöne Gesprächsstunde bei ihm in

seinem Hause erlebt habe, aber daß Gorter sehr traurig gewesen, da ihn

sein Lehrerberuf quäle.

Auch hatte der Schwede Walt Whitmans großen Band „Grashalme“ aus

Amerika mitgebracht. Auch von diesem Dichter wußte ich nichts Genaues.

Ich hatte nur seinen Namen flüchtig nennen hören, denn in Deutschland

war er damals so gut wie nicht bekannt.

Mit diesem Freund, der jetzt in sein Vaterhaus, nach beinahe

zweijähriger Abwesenheit, zurückkehrte, flog ich im Schlitten über die

Hügel der weiß verschneiten schwedischen Provinz Bohuslän, wo jetzt

Ende März der Schnee noch viele Fuß hoch ausgebreitet lag.

Es war aber nicht bloß die Lust an der Dichtung, die uns beide zu

Freunden gemacht hatte, sondern auch die Lust am Wirklichkeitsleben.

Aber darin, fand ich, war der Schwede mir überlegen. Er kannte eine

Welt von Bedürfnissen, die ich nur vom Hörensagen genossen hatte. Er

liebte schöne Frauen, gute Getränke, erlesene Speisen, gute Zigarren,

neue Kleider und außerdem alle neuzeitlichen Bequemlichkeiten. Wohl

waren meine Sinne ebenso wach für alle diese Genüsse wie die seinigen,

aber die Gelegenheit hatte sich mir noch nicht so geboten wie ihm, die

Welt der weltmännischen Genüsse aufzusuchen und zu pflegen.

Es erstaunte mich gleich zu Beginn der Reise, mit welch ausgesuchter

Feierlichkeit er sich im Hotel zu Tische setzen konnte und mit

welcher Ruhe und Gründlichkeit er die Speisekarte untersuchte. Ebenso

verblüffte es mich, daß den schweren Mahlzeiten sofort Kaffee, Likör

und Zigarren folgen mußten, oder daß vormittags vor der Mahlzeit ein

Magenbitter oder irgendein Bolzgetränk zur Anregung des Appetits

genossen werden mußte.

In meines Vaters Haus war gut gekocht und gut gelebt worden. Aber ich

hatte in all den Jugendjahren keine Zeit gefunden, den Gaumengenüssen

nachzuhorchen, und ich wäre wahrscheinlich noch lange nicht auf den

Gedanken gekommen, die Leibesgenüsse zu pflegen, hätte ich nicht in

jenem Schweden einen Meister des Genießens gefunden. Ein gedeckter

Tisch schien ihm ein Altar zu sein, an dem er für eine Stunde einen

Gottesdienst abhalten konnte. Und die Würde, die Ruhe und die Andacht,

mit der er das Zerlegen des Bratens, das Salzen der Speisen, das

Betrachten der aufgetragenen Schüsseln vornehmen konnte, machten, daß

man die Mahlzeit in seiner Nähe für eine heilige Handlung halten mußte.

Und ich mußte bei seiner Art an die alten Helden Homers denken, die

einst mit derselben schönen Umständlichkeit und Andacht die Hände zum

lecker bereiteten Mahle erhoben hatten.

So ließ ich es mir gern gefallen, länger, als ich es früher getan, beim

Essen und bei Essensfragen zu verweilen, und gewöhnte es mir an, mir

den Schweden darin als Vorbild zu nehmen. Denn ich merkte, daß es mir

gar nicht schädlich war, den Körper mehr zu beachten, als ich es früher

getan, und ihm Genüsse zu gönnen, zu denen ich vorher mir nicht Zeit

und Ernst genug eingeräumt hatte.

Ich begriff auch bald, je länger ich in Schweden war, daß es in einem

so ruhigen und verhältnismäßig menschenleeren Lande jedem Menschen

von der Natur leichter gemacht wird, mehr Zeit für sich und seine

Lebensansprüche zu finden. Im hohen Norden mag es auch die vernichtende

Kälte sein, die den Menschen zwingt, den Körper widerstandsfähiger

aufzubauen und ihm breiteres Behagen zu bieten.

Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band · 第 15 / 21 段