die Tischplatte gesenkt gehalten hatte. Er sagte, er hoffe, daß ich
ihn auch einmal besuchen würde. Und er nannte eine Straße und seine
Wohnungsnummer, die ich aber wieder nur halb verstand.
Wir reichten uns die Hände, und dann ging der Besuch fort, von dem ich
immer noch keine Ahnung hatte, wer er gewesen und weshalb er gekommen
war. Es blieb mir nur als tiefer Eindruck das tiefe Schweigen, das wir
miteinander geschwiegen hatten, jeder auf die Tischplatte schauend.
Draußen über Berlin schneite es, als der Mann in der Tarnkappe
fortgegangen war. Der tiefgesenkte Schneehimmel schien den Besuch
fortgenommen zu haben. Er war wie von schweigenden Wolken verschluckt
worden.
Einige Tage später, als ich Przybyszewski besuchte, fiel zufällig
mitten im Gespräch aus Przybyszewskis Mund der Satz: „Richard Dehmel
wollte Sie besuchen. Ist er noch nicht bei Ihnen gewesen?“
„Nein,“ sagte ich ahnungslos. Denn ich hatte mir unter Richard Dehmel
keine Vorstellung gemacht, wie man sich von einer Stadt, die man nicht
gesehen hat, keine Vorstellung machen kann. Den fremden Besuch brachte
ich eigentümlicherweise gar nicht in Zusammenhang mit einem auf Erden
lebenden Menschen. Er war wie die Schneeflocke gewesen, die lautlos ans
Fenster kommt und zergeht, ehe man ihre Form noch recht erkannt hat. Er
war mehr als ein Lebender und zugleich auch weniger als ein Lebender
gewesen, unwirklich und wirklich, wie ich vorher noch keinem begegnet
war.
Darnach wieder, bei einem späteren Besuch bei Przybyszewski, sagte mir
dieser: „Richard Dehmel behauptet, er sei bei Ihnen gewesen. Und ich
soll Ihnen sagen, er erwarte, daß auch Sie ihn bald besuchen.“
Da begriff ich erst und erkannte auch durch Fragen, die ich an
Stanislaus Przybyszewski stellte, daß jener Mann mit dem durchfurchten
Gesicht Richard Dehmel gewesen war.
Aber Przybyszewski, der unruhige und geistig immer lebendige Pole,
wenn er von Richard Dehmel sprach, verwandelte er mir den Mann, der
mich besucht hatte, ohne daß er es wußte oder wollte, in eine andere
Gestalt, und darum bekam ich bei seiner erstmaligen Frage, ob ich
Richard Dehmel gesehen hätte, keine Ahnung davon, daß mein unbekannter
Besuch Richard Dehmel gewesen sein könnte.
Als ich dann meinen Gegenbesuch machte und in einem großstädtischen
Hause in der eben fertig gebauten Elsässer Straße im Treppenhaus auf
einem schönen stattlichen Messingschild den Namen ~Dr. phil.~ Richard
Dehmel las, konnte ich mir den Mann mit dem durchfurchten Gesicht, der
wie Christus die Sorgen der ganzen Welt zu tragen schien, nicht in
diesen Renaissancebau hineindenken.
Und auch als ich dann in einem mattblauen Schreibzimmer stand und durch
die Flügeltür nach einer Weile ein schmaler feingliedriger schlanker
Mann von ungefähr dreißig Jahren hereinkam und mich begrüßte, da konnte
ich in der Figur, die neulich unter einem weiten Kragenmantel verborgen
gewesen, den Mann, den ich im eisigen Besuchszimmer meiner Hausfrau
gebeugt vor der Tischplatte hatte sitzen sehen, nicht gleich wieder
erkennen.
Nur die angenehme leise Stimme erkannte ich wieder, aber die Furchen
im Gesicht waren lachendere Furchen, lebensbewegter und nicht nur
Sorgenfurchen, wie ich sie zuerst falsch gedeutet hatte. Es war ein von
Begeisterung und innerlichen Ekstasen durchwühltes Künstlergesicht,
über das ich erstaunte, weil es für seine jungen Jahre schon mächtig
lebenserschüttert schien.
Aber immer noch nicht kannte ich den Dichter Dehmel. Denn ich hatte
noch kein Gedicht von ihm gelesen. Dann erlebte ich jenen, mir
unvergeßlichen Abend, an welchem Dehmel mir sein Gedicht „Christus
der Künstler“ vorlas. Wir saßen bei ihm bei der Lampe an einem Tisch,
und Dehmel, in gesteigerter Begeisterung, las stark ergriffen und
hingerissen, wie es seine Eigenart ist, vor.
Auf meinem Stuhl war mir, als hätte man denselben mit mir mitten in
eine Meeresbrandung gestellt. Ich begriff weniger das Gedicht als die
Art des Dichters, der mit einer Urweltstimme fortgesetzt donnernd
zwischen den Zeilen meinem Herzen zuzurufen schien: „Begreifst du nun,
du elender Nichtigkeitswurm, daß der Glaube an die Dichtung Dichtung
schaffen kann und Dichter gebären kann, auch wenn das Zeitalter von
Prosa, Naturwissenschaft und Nüchternheit strotzt!
Ein Gedicht bleibt ewig die Krone der Schöpfung. Wie konntest du so
armselig sein und nicht mehr glauben, daß auch die Neuzeit Gesänge
anstimmen muß! Daß auch die Zeit der Lokomotiven, der Telegraphie und
des elektrischen Lichtes Sänger haben will und muß, die in Reimen, in
begeisterten Versen und ewigen Liedern Verkünder der Menschengefühle
sein müssen!
Kleinmütiger, du glaubtest, die Zeit des Liedes sei vorbei? Du
glaubtest, die Zeit der nüchternen Arbeit habe die Zeit der festlichen
Gefühle verdrängt, habe die Menschen so taub und blind gemacht, daß
keiner mehr Ruhe finden könne, sich in ein Gedicht zu vertiefen! Du
glaubtest, äußerst ehrlich zu sein, als du dem Liederdichten entsagen
wolltest und nur zum erzählenden Wort deine Kräfte sammeln wolltest!
Du irrst gewaltig. Du hast freiwillig verzichten wollen auf den Weg zur
höchsten Menschenhöhe, um wahr gegen deine Zeitgenossen und dich selbst
zu handeln! Werde wach, und sieh auf mich, den Gläubigen, der vor der
Muse mit Begeisterung niederkniet und der durch das Alltagsgeschrei
hindurch an Lied und Dichtung inbrünstig glaubt!“
Da kam eine Träne in mein Auge, und als Dehmel sein Gedicht fortlegte
und die Brandung seiner Stimme im Zimmer verschollen war, bemerkte er
die Träne, die ich gerne versteckt hätte, und wir schüttelten uns die
Hände, und er sagte:
„Habe ich das wirklich fertig gebracht mit meinem Gedicht, daß du
weinen mußtest?“
„Ja,“ sagte ich. Doch konnte ich ihm nicht all die aufgewühlten
Gedanken erklären, die mich plötzlich umgewandelt hatten von einem
dichtungsungläubigen in einen dichtungsgläubigen Menschen.
Und diese Weihe und diesen Glauben, den ich von dieser Stunde an wieder
für Lied und Gedicht über mich kommen ließ, der ist nie wieder von mir
gewichen und steigerte sich von Jahr zu Jahr, sich in Kraft umsetzend.
--
Die andere Begegnung, die mit Stefan George, war nicht von dieser stark
hinreißenden Art gewesen, aber sie bestimmte und festigte ebenfalls
in mir die neue Überzeugung, daß der Wunsch, Dichtungen in Versen und
Gesängen zu schaffen, trotz des Maschinenzeitalters und trotz der
Wirklichkeitskunst, die auf den Bühnen in jenen Jahren Feste feierte,
nicht unmöglich war. Wenn auch der augenblickliche Zeitgeist sich
ablehnend gegen das Lesen von Gedichten verhielt, so war es doch ganz
unmöglich, daß deshalb die Dichter und die Dichtung aussterben und nur
die Erzählungskunst und die Bühnenkunst allein weiterleben sollten.
Die Begegnung mit Stefan George wurde durch seine Zeitschrift
eingeleitet. Ich erhielt im Winter 1892-1893, in jener Zeit, da Dehmel
und ich eben befreundet wurden, eines Tages das Heft einer Zeitschrift
zugesendet, welche den Titel führte „Blätter für die Kunst“. Das zuerst
ins Auge fallende an jenem Heft war die anspruchslose Einfachheit der
Ausstattung, die angenehm berührte. Aber als ich die Einleitung und die
Gedichte darin lesen wollte, fand ich mich zuerst nicht zurecht, der
Schreibweise wegen; alle Hauptwörter waren klein geschrieben. Das war
mir zuerst fremd, schien mir aber nur eine Gewohnheitsfrage zu bedeuten.
Der Inhalt dieser Blätter aber trennte sich noch stärker als die
Schreibweise vom damaligen Zeitgeist. Mitten in der eben stürmisch
eroberten Welt der Wirklichkeit trat der Geist der „Blätter für die
Kunst“ für die Welt der reinen Unwirklichkeit ein. Er hielt sich an
den Geist der alten Romantiker. Nur war seine Sprache, der Neuzeit
angemessen, gewählter. Aber die Dichter des Kreises der „Blätter für
die Kunst“ hatten gar nichts mit der Butzenscheibenromantik gemein, die
ihre Vertreter in Viktor Scheffel und Julius Wolf gehabt hatte.
Doch die Dichter der „Blätter für die Kunst“ schienen immer noch
der Anbetung der Menschenseele ergeben zu sein. Neben der ewigen
Menschenseele schien es für sie noch eine unbelebte tote Welt zu geben
und eine unverständigere Tier- und Pflanzenwelt, auf die man ein wenig
lässiger herabsah. Die man sich aber nicht als Kameraden oder gar als
Geist von gleichem Geist dachte.
Ich war mir aber damals selbst noch nicht klar, wie eine Verjüngung
in der Dichtung zu erreichen war. Nur das war mir klar, daß eine
Verjüngung nur aus der neuen Weltanschauung heraus entstehen konnte,
aus dem Satz: wir besitzen alle und alle besitzen uns. Das heißt:
_Menschen, Pflanzen und Tiere und alle Dinge sind eine Seele und ein
Leib, alle führen wirkliches und unwirkliches Leben zugleich, alle
genießen dieselben Leiden des Hungers und dieselben Seligkeiten der
Liebe und dieselbe Schöpferkraft des ewigen Lebens._
_Nichts im Weltall ist größer, als der Mensch es ist. Nichts ist
kleiner, als der Mensch es ist._ -- Dieses zu wissen, machte mich aber
noch nicht fähig, ganz und gar nach der neuen Weltanschauung zu leben,
zu handeln und zu schaffen.
Meine Freunde, der Denker und der Schweigende, studierten jetzt auf
verschiedenen Universitäten Deutschlands weiter, und ich erschien mir
in der Millionenstadt Berlin mit meiner festlichen Weltanschauung, die
noch nicht einmal meinen ganzen Menschen durchdrungen hatte, die nur
einstweilen meinen Verstand und meine Begeisterung gepackt hatte, wie
ein kleines Atom, wie eine winzige Lebenszelle, die sich erst aufbauen
wollte zu einem neuen organischen Leben.
Mich freiwillig trennend von den vielen alten Überlieferungen, die
mir vorkamen wie Zeug- und Papierblumen, wie Überbleibsel alter
Jahrhunderte, hatte ich nur einstweilen die neuen Gedanken in mein Herz
gesät und fühlte, daß sie aufgehen wollten. Ich mußte nun geduldig
warten wie ein Ackersmann.
Wohl versuchte ich einige Male, in Gesprächen mit Schriftstellern und
Dichtern auf die Weltanschauung von der Atomkraft und auf die Gedanken
vom ewigen Lebensfest, von der festlichen Beseelung aller lebenden
und aller sogenannten toten Dinge hinzuweisen und jene Freunde zu
überzeugen. Aber meine Erklärungen waren hilflos.
Ich hatte auch noch keine Beweise, um den mir befreundeten Dichtern an
neuen Gedichten meine Weltanschauung zu erläutern. Und so mußte ich,
immer wieder ohnmächtig gemacht von der Umgebung, die keine Ahnung
hatte, was ich sagen wollte, einsam in mich zurücksinken, vertrauend,
daß die Saat in mir im stillen, wenn ich gläubig bliebe, den Gedanken
vom großen Lebensfest ganz von selber reifen würde und mir Beweise
geben würde für die Möglichkeit, mit meiner festlichen Weltanschauung
eine neue Dichtungsweise zu finden.
Nachdem ich in jenem Heft der „Blätter für die Kunst“ wegen des alten
romantischen Geistes, der darinnen zutage trat, nicht viel Erbauung
finden konnte, legte ich es auf die Seite und hatte es beinahe
vergessen.
Da erhielt ich eines Tages die schriftliche Aufforderung, dem
Herausgeber ein Gedicht als Beitrag zu senden.
Ich hatte nach einem Bilde Munchs, das sich „Der Kopf des Ertrunkenen“
nannte, einen ganz winzigen Versuch zu einem Gedicht unternommen.
Jenes Bild stellte ein blaues Teichwasser dar, aus welchem der Kopf
eines Ertrunkenen ragte. Im Wasserspiegel schwammen die Widerscheine
weißer, lieblicher Frühlingswolken, und ein silberweißer Schwan glitt
hinter dem Menschenkopf friedlich, und sich gleichfalls wie eine
Frühlingswolke auf der durchsichtigen Fläche spiegelnd, vorüber.
Schwan, Wolken, Teichspiegel und Frühlingssonne lebten festlich, ohne
daß der Schrecken des Todes, der aus dem Kopf des Ertrunkenen starrte,
sie im Frühlingsfrieden störte. Die ungeheure Macht des Malers, den
Frühlingsteich im Licht darzustellen und dabei den Menschen und seinen
Untergang so nebensächlich zu behandeln, wie es sonst nur der Mensch
der Natur gegenüber zu tun gewohnt ist, nebensächlich auf seine
Mitwesen herabzusehen, -- diese Auffassung erschütterte mich, und ich
schilderte das Munchsche Bild und seine Tragik in ein paar kurzen
Zeilen in einem Gedicht.
Dieses kleine Gedicht schickte ich den „Blättern für die Kunst“. Einige
Tage darnach erhielt ich eine briefliche Einladung, mich zu einer
Besprechung über einige Fragen, die sich auf meine Gedichteinsendung
bezogen, im Café Bauer einzufinden, wohin der Herausgeber und der
Dichter Stefan George kommen wollten.
Es war dieses im Februar 1893, als ich mich bereits mit dem Gedanken
trug, nach Schweden zu reisen und dort in der Einsamkeit eines
schwedischen Pfarrhauses das Drama „Sehnsucht“, das im Hirn eines
Menschen spielen sollte, und das ich erst im Plane bei mir trug, zu
schreiben.
Als ich mich zu jener Besprechung um halb zehn Uhr abends im oberen
Saal im Café Bauer einfand, begrüßte mich dort der Herausgeber, er war
im Zylinder und englischem Gehrock erschienen, und er sagte mir, Herr
Stefan George wünsche mich wegen einiger Punkte und Kommas, die in dem
Gedichte vermieden werden sollten, zu sprechen.
Das verwunderte mich ein wenig. Dann kam nach einer Weile ein
schlanker, gleichfalls vornehm mit Gehrock und Zylinder bekleideter
Herr, mit ausgeprägten, starken Gesichtszügen, die einem Kardinal
gehören konnten, an den Tisch.
Ich kam mir in meinem alltäglichen Straßenanzug ein wenig überrumpelt
vor von dem gezüchteten Auftreten beider Herren. Wir sprachen über
einige, wie es mir schien, ganz belanglose Dinge, über die Stellung von
Satzzeichen, und Stefan George meinte, er wünsche in meinem Gedicht die
Fragezeichen, wie es in spanischer Literatur üblich sei, an den Anfang
der Sätze zu stellen.
Ich sagte, er möge das mit meinem Gedichte so halten, wie er es in den
„Blättern für die Kunst“ eingeführt habe. Auf die Satzzeichen möchte
ich nicht zu große Bedeutung legen, wenn nur der Sinn des Ganzen nicht
gestört würde. Und damit war unsere Besprechung bald beendet, und wir
trennten uns.
Von Stefan Georges Dichterkraft und Eigenart erhielt ich erst aus
späteren Heften der „Blätter für die Kunst“ einen umfassenden
Eindruck. Aus den Gesprächen bei jener Begegnung nahm ich nur den
angenehmen Gedanken mit nach Hause, daß es also wirklich neue Männer in
Deutschland gab, die ihr Leben für die Dichtkunst einsetzen wollten und
dieses mit Eigenwillen taten.
Um zu verstehen, wie stark Richard Dehmel und Stefan George, jeder in
seiner Art, sich damals von der Prosavergötterung jener Tage abhoben,
muß man sich erinnern, welche große Bewegung in jenen Jahren in Berlin,
im Drama und Roman, die literarischen Kreise im Atem hielt. Auf der
Bühne waren es Ibsen und Gerhart Hauptmann, deren Werke gerade daran
waren, eine völlige Umgestaltung im Geschmacke des Publikums und in
der Schauspielkunst überhaupt hervorzurufen. Man hatte die „freie
Bühne“ gegründet. Die „Wiener moderne Rundschau“, eine neuzeitliche
Monatsschrift, die neben M. G. Conrads „Gesellschaft“ die Gedanken und
Kräfte der naturalistischen Geistesbewegung förderte, war eingegangen
und feierte in Berlin im S. Fischerschen Verlag ihre Auferstehung,
ebenfalls unter dem Titel „Neue freie Bühne“.
Der Verleger Friedrich in Leipzig, der die moderne Bewegung als
erster im Entstehen lebhaft unterstützt hatte, war an seinen modernen
Schriftstellern zugrunde gegangen, da das bücherkaufende Publikum
wie immer einige Jahresreisen hinter den neuen Dichtergeistern
zurückgeblieben war und sie nicht verstehen und kaufen wollte.
An Stelle des Friedrichschen Verlages aber blühte in Berlin der S.
Fischersche Verlag für Deutschland auf, der sich damals von allen
Verlegern am meisten um die Herausgabe der neuzeitlichen Literatur
verdient gemacht hat.
Männer wie Strindberg, Gunnar Heiberg, Gabriel Finne, Knut Hamsun kamen
in jenem Berliner Winter aus dem Norden und hielten einen nordischen
Vorleseabend im Saal der Singakademie. Sie vertraten die damals wuchtig
auftretende neue nordische Prosakunst.
Ich erinnere noch gut jenen Abend, an dem ich Strindberg zum erstenmal
auf dem Podium hinter einem kleinen Holztischchen stehen sah, ein
Blatt Papier in der Hand, von welchem er eine Novelle zu lesen
angesagt hatte. Aber sein Gelispel aus dem überkleinen Mund unter dem
riesengroßen Schädel drang nicht über das kleine Tischchen vor ihm
fort, und die Zurufe des Publikums „lauter, lauter“ wollten nicht enden.
Alle Leute legten sich, um Strindberg hören zu können, mit den Köpfen,
soweit sie es vermochten, vor, und es war, als wüchsen den Horchenden
die Ohrmuscheln zu Strindberg hin, so sehr sehnte sich ein jeder,
nur ein kleines Wörtchen von dem nordischen Mann aufzufangen. Dieser
aber lispelte, als spräche er zu dem Blättchen Papier allein, und im
totenstillen, menschengefüllten Saal konnte jeder nur das unhörbare
Zwiegespräch Strindbergs, das er mit seinem Manuskript hielt, mit den
Augen aufnehmen.
Jedem anderen hätte man unwillig sein leises Lesen endlich verwiesen,
aber hier war es anders. Es war einer meiner tiefsten Eindrücke,
festzustellen, daß Strindbergs Erscheinen und Anwesenheit genügte,
die vielhundertköpfige Menschenmenge in ein Anschauen zu bannen. Die
Rufe „lauter, lauter“, die zuerst gewagt wurden, blieben weg, und
eine halbe Stunde lang versank der Wille der Ohren vor dem Willen der
betrachtenden Augen. Ein brausender Beifall toste dann, als die Hand
mit dem Papier sank und Strindberg mit einem kaum merklichen Kopfnicken
das Podium verließ.
Dieser Glaube und diese Andacht vor der Schöpfungsgewalt eines neuen
Mannes hat mich gerührt und hat mir wohlgetan, und ich habe gern die
Novelle verloren, auf die ich gespannt gewesen.
Ich hatte nie vorher einer ähnlichen Wirkung der Macht einer
Persönlichkeit beigewohnt. Und man hätte nach dem Eindruck, den
Strindberg machte, annehmen können, daß dieser Mann in Ruhe, und sich
in seiner Kraft behauptend, seine Tage ungequält hätte verbringen
können.
Um so erstaunter war ich, als ich eines Tages bei einem Besuch in
Friedrichshagen bei Ola Hanson hörte, daß Strindberg sich von aller
Welt verfolgt fühle. Dieser Mann, der die Macht hatte, durch seine
Erscheinung allein eine Menschenmasse andächtig zu machen und sie zu
bannen, befand sich auf steter kläglicher Furcht vor allem Weltalleben.
Er glaubte, daß alle Dinge und alle Menschen ihm schaden wollten. Seine
Freunde und auch die Frauen, die er liebte, mußte er immer wieder
anklagen und mußte fliehen und unheimlichste Geheimnisse überall im
Weltall wittern, dort, wo doch nur die ungeheure Festlichkeit des
arbeitskräftigen und liebeskräftigen und weisen ewigen Lebens herrscht.
Strindbergs Riesengehirn erschien mir, nachdem ich von seiner Angst
gehört hatte, wie ein Riesenlabyrinth, in welchem ich jenes Mannes
Gedanken durch unentwirrbare Gänge flüchten sah, zusammenfahrend und
erschreckend vor dem eigenen Schatten, vor dem eigenen Licht.
Der große Mann prallte vor jedem versöhnlichen Lichtstrahl
unversöhnlich zurück. Er brauchte die Dunkelheit und das Verdammen der
Mitwelt, um sich mächtig zu fühlen, weil seine Kräfte nicht friedliche
Herrscher in einem versöhnlichen Licht, als der Besitz aller und alle
besitzend, verweilen wollten.
Es war an einem Spätnachmittag, als ich einmal nach Friedrichshagen
kam. Damals bestand Friedrichshagen noch aus Reihen kleiner Häuschen,
in denen sich nur Erdgeschoßwohnungen und darüber Giebelzimmerwohnungen
befanden. Vor jedem dieser Häuschen war ein kleiner Vorgarten mit einem
dünnen Eisenzaun nach der Straße hin.
Hier draußen, zerstreut in diesen winzigen Wohnungen, lebten viele der
großen Geister jener Zeit. Geistige Bergwerksarbeiter, die nach den
Goldadern in Gedankengruben suchten, nach ungeprägtem Golde. Gold,
das heute aus ihrer Hand genommen, als Münze im Volk von Hand zu Hand
wandert. Da lernte ich Wilhelm Bölsche kennen, da besuchte ich an einem
Abend Max Halbe. Da wohnten Gerhart Hauptmann und auch Bruno Wille und
mancher andere.
Als ich an jenem Tage zum Hause Ola Hansons kam, bog vor mir ein
Briefträger in den Vorgarten ein und gab einem Herrn, der ihn hinter
dem Zaun erwartete, einige Briefe. Ich erkannte sofort Strindberg,
trotzdem ich ihn noch nie in der Nähe gesehen hatte. Ich mußte wieder
staunen über den ungemein kleinen Mund, der in keinem Verhältnis zu der
riesigen Schädellast stand. Strindberg studierte die Adressen seiner
eben empfangenen Briefe und sah nicht auf, als ich am Zaun vorüber in
das Haus trat, um bei Ola Hanson anzuklopfen.
Später im Gespräch sagte Frau Laura Marholm zu mir: „Wissen Sie schon,
daß Strindberg bei uns wohnt? Er ist seit ein paar Tagen in Berlin.“
„Ja,“ sagte ich, „ich glaube, ich habe ihn eben am Gartengitter
gesehen. Der Briefträger brachte ihm die Post.“
Einen Augenblick war Frau Marholm ganz verblüfft. Dann wurde sie
zornrot und sagte, sich zum Lachen zwingend, zu ihrem Mann:
„Da siehst du, was ich dir sagte, Strindberg ist auf jedermann
argwöhnisch! Er will seine Post selbst in Empfang nehmen. Er traut
nicht seinen besten Freunden.“ --
Und dieser Ausspruch wurde mir später noch in viel stärkerer Weise von
Eduard Munch in Paris bestätigt. Einige Jahre später forderte mich
Munch einmal auf, in seinem Atelier seine neue Holzschnittart für ein
Mappenwerk anzusehen. Und als er unter anderen Bildern den Porträtkopf
Strindbergs hervorholte und ihn mir zeigte, sagte er und deutete dabei
auf die Atelierwand:
„Hier nebenan hat bis gestern Strindberg gewohnt. Er ist aber jetzt
ganz verrückt geworden. Sehen Sie, was er mir geschrieben hat! Diese
Postkarte bekam ich heute früh von ihm. Lesen Sie!“
Strindberg schrieb auf einer Postkarte an Munch: „Jedermann weiß, daß
man auf physikalischem Weg auch durch eine Mauerwand hindurch ein Licht
ausblasen kann. Ich bin sicher, daß Sie mich töten wollen. Aber ich
werde das zu verhindern wissen. Sie sollen nicht mein Mörder werden.“
Munch lachte, als ich kopfschüttelnd gelesen hatte. „Was,“ sagte er,
„ist er nicht ganz und gar verrückt? Er war schon immer ein wenig
verrückt, aber jetzt ist er ganz und gar verrückt. Er meint, daß ich
ihn durch die Wand töten will, als wenn ich gar nichts anderes zu tun
hätte.“
Strindberg konnte trotz seines Riesenwissens, trotz seines
Riesengehirns, nicht zum Weltgleichgewicht kommen und kam mir wie ein
mittelalterlicher Büßer vor. Seine Geißel war der Menschenargwohn
und die Menschenfurcht. Bald war er der Welt zu fern, verloren in
Weltnebeln, bald war er der Welt zu nah, so daß ihm eine weibliche
Fliege wie ein Elefant vorkam. Er war unglücklich, weil er nicht
festlich lächeln konnte über das Summen einer Fliege und die andern
Leben im Geist nicht festlich nachleben wollte.
* * * * *
Im März 1893 reiste ich zum erstenmal nach Schweden. Auf dem Wege
nach Warnemünde waren schon die Felder leicht grün. Der Schnee war
fortgeschmolzen, aber die dunkle Erde und die helle Sonne standen noch
unvermittelt nebeneinander. Dann, nördlich von Gothenburg, an der
schwedischen Küste, war das Meer noch eine Eisebene und das Land ein
Schneeland.
Ein Küstendampfer, der mich nach Fjellbacka, einem Fischerdorf an der
Küste der Provinz Bohuslän, als Fahrgast aufgenommen hatte, machte
seine erste Frühlingsfahrt. Einige tausend Meter voraus dampfte der
Regierungseisbrecher, um dem Passagierschiff den Weg zu bahnen.
Die Fahrt ging sehr langsam, weil unser Dampfer um nicht an die Ränder
des scharfen Eises anzustoßen, sich nur ganz vorsichtig in der Mitte
der engen Eisschollengasse vorwärts bewegen konnte. Deshalb brauchten
wir bei dieser Winterfahrt die doppelte Fahrzeit, die im Sommer
dasselbe Schiff nötig hatte, um nach Fjellbacka zu kommen.