Da waren Bilder von Ludwig von Hoffmann, von Exter und von

Segantini und von einigen anderen, die ich ausgewählt hatte. Diese

Bilderbeschreibungen waren die ersten Anfänge zu der kleinen

Prosagedichtsammlung „Ultraviolett“, deren weiteren Inhalt ich

hauptsächlich in einem Pfarrhaus in Schweden fertig schrieb, das in

einsamen Granitwüsten wie am Ende der Welt versteckt lag, und wo ich im

folgenden Frühjahr weilte.

Den Winter 1892-1893 verbrachte ich in Berlin, und hier trat ich zum

erstenmal mit Dichtern und Denkern der Neuzeit in engere Fühlung.

Mein Roman „Josa Gerth“, mein erstes Buch, war zu Winteranfang bei

Pierson in Dresden erschienen, und mit dem Bewußtsein, mein erstes

Buch der Öffentlichkeit gegeben zu haben, fühlte ich mich mutiger und

getraute mich, den Kreis gleichgesinnter Zeitgenossen aufzusuchen.

Auf der ersten Seite dieses meines ersten Buches stehen die Worte:

_dieses Buch gewidmet einem Toten_. Dem toten Dichter und meinem

Dichtermeister, dem Dänen J. P. Jacobsen -- dessen Schreibart ich mir

zuerst zum Vorbild genommen hatte, um mich vom deutschen Aufsatzstil

frei zu machen -- hatte ich meinen Erstling gewidmet, zufrieden, daß

nur ich allein es wußte, welcher Tote mit der Widmung gemeint war.

Auch die Person jenes Dichters in der Gestalt eines Doktor Wiking,

eines Naturwissenschaftlers und Botanikers, war in den Roman verwebt.

Nach Jacobsens Photographie, die ich mir aus Kopenhagen hatte kommen

lassen, hatte ich meiner Romangestalt möglichst die Ähnlichkeit meines

dänischen Prosameisters zu geben versucht.

Die Handschrift dieses Buches hatte ich noch in Würzburg im Herbst 1891

beendet, kurz, ehe ich zu Weihnachten beinahe gewaltsam von meinem

Vaterhaus geschieden war. -- Diese Trennung habe ich bereits im „Geist

meines Vaters“ ausführlich beschrieben.

Nach dem Erscheinen meines ersten Romanes hatte mein Vater mein

Monatsgeld etwas erhöht, so daß ich in weniger großer Bedrängnis, aber

immer noch knapp gehalten, in Berlin leben konnte. Aber es wurde mir

zugleich angedroht, daß ich nur bis zu den nächsten Ostern väterliche

Hilfe erhalten würde und dann auf eigenen Füßen stehen müßte.

Einstweilen aber lag Ostern noch für mich hinter tausend Jahren, und

ich versuchte, so wenig wie möglich an das Ende der Gnadenfrist meiner

Freiheit zu denken.

In Berlin besuchte ich zuerst den schwedischen Schriftsteller

Ola Hanson. Ich hatte im Herbst in München das Buch „Sensitiva

Amorosa“ von Ola Hanson gelesen. Feingezeichnete Menschenschatten

bewegten sich darin auf dem Hintergrund starker, gütig beobachteter

Landschaften, Abrisse von Lebensschicksalen stumm vorüberwandelnder

Gestalten. Die eine Gestalt kam lebenssuchend auf einem Feldweg bei

einem Gut in Schonen daher; die andere saß auf einer Bank am Meer

und sah lebensbetroffen über den Sund; und andere traten auf in der

schicksalsreichen, stimmungsvollen Östergade Kopenhagens.

So ungefähr erinnere ich mich dieses Buches noch heute. Und die

bedeutsame Art des Schweden Ola Hansons, mit der er schwere

Menschenschicksale zart und verständnisvoll behandelte, erinnerte

mich an Jacobsens Art. Und als ich hörte, daß Hanson, mit der

Schriftstellerin Laura Marholm verheiratet, in jenem Jahr 1892 in

Friedrichshagen bei Berlin wohne, freute ich mich, ihn aufzusuchen.

Denn alles Nordische übte eine starke Anziehung auf mich aus. Jene fast

menschenleeren Länder, die ich mir dort oben vorstellte, schienen eine

reinere und keuschere Luft zu haben, einen stärkeren rücksichtsloseren

Geist, verbunden mit schärferer Selbsterkenntnis. Und die kleinen

Völker dort oben, außerhalb unserer Kulturgrenzen stehend, lockten mich

damals mehr als das von verweichlichten üppigen Kulturen schlaffe,

sinnensüße Südeuropa.

Kunstformen und künstlerische Gedanken, die aus Italien kamen, waren

mir alle zu sehr beeinflußt von dem christlichen Zeitalter. Der Dichter

Dante ist mir immer mit seinem Himmel- und Höllenwahn der Göttlichen

Komödie mehr schulmeisterlich als dichterisch erschienen. Es kam mir

häßlich vor, daß er sich in seinem großen Gedicht zum Richter seiner

Zeitgenossen aufgestellt hatte.

Wie mit der Rute in der einen Hand und einem Lobzettel in der anderen

Hand, so schien mir Dante in der Göttlichen Komödie mehr fanatisch

beschränkt zu sein als hoheitsvoll milde verstehend. Und ich zog den

Schluß: die alte Kirchenkultur Italiens, so scheint es mir, ist zu

jeder weiteren künstlerischen Entwicklung unfähig und ist unfruchtbar.

Im Norden dagegen lebten unverbrauchte Völker mit unverbrauchten

Geisteskräften. Und jedes neue Buch, das vom Norden über die deutsche

Grenze kam, hatte damals den Atem einer belebenden Meerbrise und schien

von Länderstrecken zu kommen, wo die Menschen, die von Jugend an einer

rauhen Wirklichkeit gegenüberstanden, stark geworden waren auf noch

jungfräulicher Erde, der sie reinste Ehrlichkeit zeigen mußten.

Ich sah im Geiste dort in skandinavischen Meernebeln Fischerdörfer und

Einzelgehöfte an weltentrückten Küsten, und wenn ich ans Reisen dachte,

sehnte ich mich, jene weltabgeschiedenen Stätten aufzusuchen.

Und mein Schicksal kam auch auffallenderweise diesem meinem innersten

Wunsche entgegen. Ich tat nur einen Schritt in dieser Wunschrichtung,

und das war der, daß ich, in Berlin angekommen, den Schriftsteller Ola

Hanson besuchte. Alles weitere fädelte dann mein Schicksal von selbst

ein, und ich kam plötzlich nach dem Norden, wo ich die nächsten Jahre

meines Lebens mit kleinen Unterbrechungen verbrachte, und wo ich dann

auch später ein Mädchen fand, das meine Frau wurde. --

Die deutschen jungen Mädchen zerfielen damals für mich in zwei

Gattungen. Die einen waren noch nach altmodischer, beschränkter,

gedankenenger Weise erzogen und waren wie abgerichtete Wesen, denen

Geistesfreuden -- außer den Grenzen christlicher Auffassung und der

Familienkunstbegriffe -- unbekannt waren. Ihr Benehmen war jungen

Männern gegenüber wohl jugendlich und körperlich lieblich, aber geistig

stumpfsinnig. Sie waren versunken in einer Empfindsamkeit, die geistige

Festlichkeit vorstellen sollte. Mit all ihrer Bildung machten sie darum

auf einen geistig anspruchsvolleren Mann einen völlig ungebildeten

Eindruck. Ich spreche hier natürlich von der großen Masse. Vereinzelte

geistig wacherzogene Mädchen mag es immer in Deutschland gegeben

haben, aber ich bin ihnen damals nicht begegnet.

Die andere Gattung waren die sich in jener Zeit vom Familienzwang

befreienden Frauen, jene, die in blinder Nachahmung männlichen

Auftretens in der ersten Sturm- und Drangzeit der neuen Frauenbewegung

abstoßend wirkten. Sie trugen mit Vorliebe die Haare kurz geschnitten,

dazu steife Herrenstehkragen und Krawatte, und wollten die Reize des

weiblichen Körpers möglichst übersehen wissen. Sie taten sich etwas

zugute auf ungelenke Bewegungen, sie trugen Zwicker, Manschetten, und

sie wählten ihre Kleider schmucklos, alle Zartheit und Zierlichkeit mit

Absicht vermeidend.

Heutzutage sind diese beiden Frauenarten glücklicherweise zu

einer neuen Frauengattung verschmolzen. Man kann von einer

neuen Frau sprechen. Denn die Geistesfrische und eine gewisse

natürliche Geistesfreiheit, die die Frau fernhält von unnatürlicher

Familienverblödung, ist jetzt im ganzen Lande allgemein geworden.

Damals, vor zwanzig Jahren aber hatten beinahe nur die nordischen

Länder die geistige Neugestaltung der Frau aufzuweisen.

Diese Frauenverschiedenheit zwischen Nordeuropa und Südeuropa erkannte

ich aber natürlich nicht früher, als bis ich nach dem Norden kam. Dort

wurde mir der Unterschied schnell bewußt. Fast alle jungen Mädchen

waren dort damals schon in ihrem Auftreten von natürlicher geistiger

Frische.

Die Haushaltungsarbeit schloß nicht das tiefere Wissen und die geistige

Aufklärung aus, und ebenso hielten die nordischen Frauen, die sich

ähnliche geistige Kenntnisse wie der Mann angeeignet hatten, auch nicht

die kleinsten Haushaltungsarbeiten für unwert.

Die Mädchen in Schweden waren von ihren Müttern und Vätern und von

den frischen und harten Lebensbedingungen, bei denen die Menschen

dort, trotz der Rauheit des Landes, fröhlich und festlich aufwachsen,

so freigeistig erzogen, daß sie liebende Frauen, geistige Kameraden

und tüchtige Familienmütter im Hause eines verständigen Mannes werden

konnten.

Die meisten jungen nordischen Mädchen hatten durch ihre geistige

und körperliche Erziehung einen europäischen, vorurteilslosen

Weltblick erhalten. Sie waren auch glühende Vaterlandsverehrerinnen,

treue Pflegerinnen alter heimatlicher Gebräuche und verständige

Beobachterinnen ihrer Heimatnatur und ihrer Heimatlandschaften. Da die

meisten von ihnen von Kindheit an beinahe die Hälfte des Jahres in

freier Luft, bei Seen und Wäldern, an Küsten und auf Inseln verbracht

hatten, waren sie körperlich und seelisch frisch und gesund.

Die Urlaute der Natur waren den Damen der Stadt so bekannt wie den

Bauern des Landes. Die nordischen Damen zeigten sich nicht bloß auf

städtischen Promenaden, sondern waren gewohnt, zu wandern, zu segeln

und mit den Pflanzen und Tieren wie die Bauern zu plaudern, während

die langen Winternächte den Büchern und dem Familienleben in der Stadt

gewidmet waren.

So wurde ich angenehm überrascht, ernsteren und geistig klareren

und körperlich gesunderen Frauen und Männern in Schweden zu begegnen

als in irgendeinem südlicheren Lande. Auch hatten die meisten weite

Auslandsreisen gemacht. Viele der jungen Mädchen hatten mit Freundinnen

Paris, London, Italien, Deutschland besucht.

Sie hatten schon mit zwanzig Jahren ein Stück Welt und fremde Menschen

zu beobachten Gelegenheit gehabt. Aber sie prahlten nicht mit ihren

Kenntnissen. Sie waren ein wenig verschlossener als unsere Frauen, und

man mußte ihnen Urteile und Gedankenaussprüche entlocken.

Aber dann, wenn diese Frauen die Lippen öffneten und einen Satz sagten,

sprachen sie nicht Gelesenes aus Büchern nach, sondern gaben ein

unumwundenes frisches Urteil. Das klang manches Mal fast rücksichtslos,

war aber im Grunde nur unbeholfen, ehrlich und äußerst schlicht und

ernst gemeint.

Dieses war in großen Zügen das Wesen der Nordländerinnen, die ich in

kleinen und großen Städten, auf Pfarrhöfen und Bauernhöfen in manchen

Jahren kennen lernte.

Aber bis ich das Mädchen dort fand, dem sich mein Herz zukehrte,

vergingen noch zwei Wanderjahre.

* * * * *

In Berlin war in den ersten Jahren der neunziger Jahre eine große

nordische Bewegung im Gang. Ibsen belebte die Theater. Björnson wurde

uns näher bekannt. Strindberg war nach Deutschland gekommen. Außerdem

machten die Bilder des jungen norwegischen Malers Munch einen

verblüffenden Eindruck auf die Berliner Akademie.

Ein Akademieprofessor hatte auf einer norwegischen Reise von den

Arbeiten Munchs in Christiania gehört und den jungen Künstler

aufgefordert, in der Berliner Akademie eine Ausstellung zu veranstalten.

Als aber Munch seine Bilder im darauffolgenden Herbst sandte und die

Sendung in der Akademie ausgepackt werden sollte, wurden die anderen

Akademieprofessoren, die bei der Öffnung der Kisten anwesend waren,

dermaßen erschrocken über die neue Malart des Norwegers, daß sie nicht

einmal die Bilder auspacken lassen wollten, den Saal zur Ausstellung

verweigerten und so dem Gaste, den sie eingeladen, schmählich die

angebotene Gastfreundschaft kündigten.

Der Norweger aber wußte sich zu helfen und wußte sich zu rächen. Er

mietete Ecke der Leipziger- und Friedrichstraße, also an der damals

verkehrsreichsten Stelle der Hauptstadt, einen in dem ersten Stockwerk

eines Prachtgebäudes leerstehenden großen Ladenraum, ließ seine

Bilderkisten dorthinbringen und stellte die ganze Sendung auf eigene

Faust dort aus. Natürlich wollte Berlin den Maler sehen, den die

Berliner Akademie ein- und ausgeladen hatte.

Die berliner Zeitungen brachten lange Spalten für und gegen Munchs

neue nordische Malerei, die alle Überlieferungen übersprungen hatte,

die nicht mehr gewollte Schönheit sah und nicht nach der Farbenskala

vorgeschriebener Farbentöne malte, sondern die die Welt in Linien

und Farben wiedergab, wahr und unverdreht und doch dem inneren

phantastischen Eindrucksbilde getreu, von dem das Herz des Künstlers

erschüttert worden war.

Aber trotz dieser Ausstellung blieb Eduard Munch noch lange

in Europa unverstanden, und ich habe später oft in Paris bei

den Jahresausstellungen der „Independants“ beobachtet, daß das

Bürgerpublikum dort, so wie in Deutschland, mit einem Ausruf des

Schreckens vor den Munchschen Bildern stehen blieb und dann mit einem

Lachen sich abwendete.

So mochte man vor hundert Jahren die ersten Bilder der Chinesen und

Japaner bei uns aufgenommen haben, die man erst später genießen lernte!

Als ich in Berlin in Munchs erste Ausstellung trat, mußte ich mich auch

vor den neuen Bildern in der neuen Malart erst zurechtfinden. Ich sagte

mir aber, wenn ich nicht sogleich das ganze Bild sehen kann und es

erst, ich möchte sagen, entziffern muß, so war daran nicht Munch, nicht

der Maler schuld, sondern mein, den neuen Eindrücken nicht gewachsenes

Auge, das in alten Überlieferungen eingeschult war und noch nicht mit

der Ehrlichkeit des begeisterten neuen Malerauges mitgehen konnte.

Aber ich fühlte den innerlichen Ernst des Malers, seine Kraft und die

Ehrlichkeit der Naturwiedergabe aus jedem Bilde. Munchs Bilder wirkten

zuerst ähnlich wie die ersten Augenblicksbilder der Photographie

gewirkt hatten, als man zum erstenmal springende Pferde nicht in

der Auffassung gewohnter Reiterstatuen im Bilde sah, sondern in den

mächtigen Verkürzungen und den fortstürzenden Verkrümmungen, die das

Auge im hundertsten Teil einer Sekunde wohl miterlebt hatte, aber

deren Eindruck nicht zum festen Bewußtsein gekommen war.

So auch brachte Munch neue Farben und Formen und Empfindungseindrücke

zum Bewußtsein und bereicherte den Beschauer seiner Bilder, wenn dieser

vertrauensvoll sein Auge der neuen Malart hingab.

Wenn einer aber ungeduldig war und hartnäckig an seinen eigenen

altgewohnten Sehbegriffen festhielt, dem erschien jedes Gemälde Munchs

so wie chinesische und japanische Bilder, die gleichfalls uns Europäern

neue Begriffe, neues Anschauen der Natur und der Menschen in feinster

und tiefster Weise eröffnen, aber lange für Wirrwarr, linienverrenkt,

farben- und formenunmöglich angesehen wurden. --

Die selbstzufriedenen, unkünstlerischen und lebensunwilligen

Menschen, die, in der Torheit eines beschränkten Ichs befangen, die

Weiterentwicklung des Lebensfestes nicht mitfeiern können, sind

Schädlinge, die den Stillstand ihrer alten erworbenen Begriffe

wie einen zu kurzen Maßstab der Weiterentwicklung aller Künste

entgegenhalten.

Diesen Menschen begegnen die Dichter ebenso oft wie die Maler und

Musiker, und diese zu kurz Empfindenden sind es, die dem Künstler die

großen Dornenhindernisse bauen, Dornenhecken, die sie bis in den Himmel

seiner Begeisterung wachsen lassen, und an denen er sich oft genug wund

und blutig reißen muß auf seinem festlichen Lebensweg.

Diese Stillstandmenschen sind die letzten an der großen Tafel

des Lebensfestes, sind die, die beschränkterweise allem neuen

Lebensfestlichen mißtrauen, die schelten und unverständlich schielen

auf die anderen Festlichen.

Doch können sie nicht die unendliche Schöpferlust hindern, und

lange, nachdem die andern schon zu neuen Freuden übergehen, bleibt

jenen Störern doch nichts anderes übrig, als dem Fortgang des Festes

nachzuhinken, da die Lust am Leben sie dazu zwingt und endlich ihre

Trägheitswiderstände überwindet. --

Diese Munchsche Ausstellung stellte mir die nordische Landschaft,

ungeschmeichelt und in ihrer einsamen und rohen Pracht, zum erstenmal

vor Augen. Auf vom Meer rundgewaschenen Klippensteinen begegnete ich

auf den verschiedenen Bildern einer und derselben Mädchengestalt, die

einem weißen Runenstein ähnlich dastand und über die kahlen Steinfelder

fortsah. Sie kam dann auf einem anderen Bild wieder und stand im

Abend im Tang beim Meerwasser, und in der Ferne, wie ein grauer Stein

aufgerichtet, sah ihr immer ein junger Mann zu.

Diese Eindrücke von nordischen einsamen Menschengestalten erweckten in

mir eine heftige Sehnsucht nach den Küsten jener urgermanischen Leute,

bei denen nachdenkliches deutsches Wesen noch ursprünglicher zu leben

schien als bei uns.

Ich war im engen Franken zwischen Weinbergen, in einer Landschaft

abgezirkelter Felderflecken aufgewachsen und hatte mein Lebenlang nur

Wälder gesehen, in denen jeder Baum im Forstbuch wie ein Haustier

aufgezählt und eingetragen war. Das waren nicht mehr die ursprünglichen

machtvollen Naturwälder; es waren gezüchtete Baumherden, bei denen der

Förster und sein Hund, ähnlich dem Hirten und dem Hirtenhund, Aufsicht

und Ordnung zu halten hatten.

Die Heimatwälder waren nicht mehr Naturgewalten; sie waren

staatliche Holzgeschäfte geworden. Und die Zeiten, da man von ihrer

Undurchdringlichkeit sprach und man sich eine Abenteuerfülle in die

Wälder hineinträumen konnte, waren bei uns längst vorüber. Die Bürger

hatten zwar versucht, sich durch Butzenscheibenromantik das alte

Abenteuerdeutschland wieder vorzuspiegeln. Aber die altdeutschen

Wälder, die altdeutsche Landschaft, die konnten sie sich nicht mehr aus

der Vergangenheit zurückrufen.

Nach einem jahrelangen Schul-, Familien- und Kulturzwang sehnte ich

mich nach kräftigster urweltlicher Ursprünglichkeit, und die fehlte in

dem kulturreichen Franken auf allen Wegen.

Prächtig verlockend aber sahen mich die nordischen Steinmassen und das

nordische Tangmeer in der Munchschen Ausstellung an, und ich beneidete

die Figuren, die da in den Munchschen Bildern herumgingen, die ihre

träumende Stirn weiten, stillen, urweltlichen Länderstrecken hinhalten

durften, Landschaften, die beleuchtet waren von unergründlich hellen,

gedankenreichen Sommernächten.

Es erschien auch auf jenen Munchschen Bildern oft ein Haus, immer

wieder dasselbe Haus, das kahl, unschön, nüchtern, in einem Garten lag,

dessen Baumwelt den verzerrten Tangpflanzen glich. Stürme hatten den

Bäumen erschrockene und ringende Arme gegeben.

Auf einem Bild stand das Haus mit einer Reihe beleuchteter Fenster

und vom Mondlicht grell getüncht auf einem freien Platz im Garten,

wild beleuchtet, als würde es von den Bäumen und von Sturmstimmen hell

angeschrien. Und im Garten stand das weißgekleidete Mädchen wieder,

schmal und weiß wie eine dünne Blumenzwiebel, wie die Luftwurzel einer

Orchidee über dem Gartenweg schwebend. Und neben dem Mädchen, einige

Schritte entfernt, war da eine Reihe anderer Mädchengestalten, die

der Sturmwind, der ihnen die Kleider an die schmalen Glieder preßte,

unwirklich schlank machte.

Die Figuren waren in dem großen Garten so klein, daß ihre Gesichter

im Gemälde nicht mehr als ein Farbenfleckchen bedeuteten. Aber man

sah doch die Empfindung dieser Gesichter deutlich. Wie eine Reihe

Irrlichtflammen strebten sie vorwärts, dem Sturm, der durch den Garten

jagte, entgegen. Es war, als hörten sie alle zusammen in der großen

Sturmstimme eine gemeinsame Sehnsucht reden.

Und die Gartenwirrnis mit den ungeschlachtnen Bäumen glich den Maschen

eines Netzes, in denen die Mädchengestalten wie kleine gefangene Fische

hingen. Das grelle Haus aber über dem Gartenplatz war wie ein Spuk,

vor dem die Mädchen flohen und immer noch weiter entfliehen wollten.

Sie wußten noch nicht, daß ein einziges Netz von Sehnsucht sie alle

gefangen hielt. --

Nachdem ich diese Munchschen Landschaften lebhaft erlebt hatte, wurde

der Gedanke, den schwedischen Schriftsteller Ola Hanson zu besuchen und

vielleicht mein Schicksal mit den in fernen Nebeln versunkenen Küsten

des Nordens verbinden zu lassen, immer kräftiger in mir.

Und als ich einige Monate später -- nachdem ich oft als Gast im Hause

Ola Hansons aus- und eingegangen war -- mit einem jungen schwedischen

Schriftsteller bekannt wurde, kam mir nichts erwünschter als die

Aufforderung desselben, mit ihm sein Vaterhaus an der schwedischen

Westküste zu besuchen.

Jenes jungen Schweden Vater war Oberprediger, und ich konnte bei

seiner Mutter im Pfarrhause Pension erhalten, da sie im Sommer immer

Pensionäre, meist aus der Stadt Gothenburg, bei sich habe.

Ehe sich aber für mich diese Gelegenheit fand, zum erstenmal nach

den nordischen Ländern zu kommen, hatte ich vorher in Berlin

einige geistige Erlebnisse, die von wichtigem Einfluß auf meine

Weiterentwicklung waren.

Diese Ereignisse waren das Zusammentreffen mit zwei bedeutenden

Zeitgenossen, mit dem Dichter Richard Dehmel und dem Dichter Stefan

George.

Als ich im Herbst 1892 nach Berlin gekommen war, hatte ich noch keine

Ahnung vom Erdendasein dieser beiden jungen Dichter. Das war auch nicht

gut möglich, denn ihre Namen fingen eben erst an, in die Öffentlichkeit

zu treten, und noch nicht einmal an die breitere Öffentlichkeit; sie

wurden damals erst in den Kreisen der jüngsten Schriftsteller genannt.

Ich, der ich damals schon keine Gedichte mehr schreiben wollte, aus den

früher genannten Gründen, und mich ganz der Entwicklung eines neuen

Prosastiles gewidmet hatte, las auch in der neuen Zeitschrift „Die

freie Bühne“, die damals in Berlin erschien, nur selten Gedichte. Und

da ich noch nicht mit Literaten verkehrt hatte, waren mir Dichter, die

Gedichte schrieben, kaum dem Namen nach bekannt. Ich kannte nur aus

jener Zeitschrift neue Dramatiker und Romanschriftsteller.

Ola Hanson hatte mich in Berlin an den polnischen Schriftsteller

Przybyszewski empfohlen, und dieser sagte mir eines Tages, er habe

meinen Roman „Josa Gerth“, der eben erst erschienen war, Richard Dehmel

zum Lesen gegeben. Ich hörte zum erstenmal den Namen, den er für sich

so bekannt aussprach, als wenn er mir eine Stadt in Europa genannt

hätte, die irgendwo auf der Landkarte stand, von der ich aber nichts

wußte.

Bald darauf besuchte mich eines Tages in meiner Studentenwohnung ein

Herr, den meine Hausfrau in ihre gute Stube führte. Ich hatte den Namen

des Besuchers nicht verstanden, und ich saß mit dem Fremden vor einem

großen Tisch in der eiskalten guten Stube, in der ich selbst noch nie

gewesen war, und wo ich mich auch als Besuch fühlte. Die Haltung des

Fremden war sinnend und gedankenvoll, so daß mir jedes Wort im Halse

stecken blieb.

Der fremde Besucher hatte einen großen dunkelblauen Kragenmantel an --

wie sie damals getragen wurden --, in dem er wie in einer Tarnkappe

verborgen saß. Sein Gesicht schien mir sorgenvoll, und es war sehr

durchfurcht. Und was der Fremde sagte, verstand ich nicht, denn er

murmelte etwas Leises vor sich hin. Und er verstand wieder nicht,

was ich gesagt hatte, denn meine Art war es ebenfalls, leise zu sein

und leise zu sprechen -- was meinen Vater und meine Umgebung oft zur

Verzweiflung gebracht hatte.

Wohl nahm ich mir ganz schüchtern heraus, nochmals nach seinem Namen zu

fragen, aber ob der Besuch meine Frage verstanden hatte, das erfuhr ich

nicht, denn er antwortete wieder etwas Leises, als antworte er seinen

innersten Gedanken.

Etwas lauter, und dieses Mal wahrscheinlich an mich gerichtet, mit

einem leichten Blick in mein Gesicht, sagte mir dann der unergründliche

Mensch, er habe mein Buch gelesen. Damit konnte ich aber nichts

anfangen, denn er sagte nicht, ob es ihm gefallen hätte. Er murmelte

etwas von „erstaunlicher Ausdrucksweise“ und von sehr „farbig“.

Daraufhin versanken wir wieder, jeder in seine Stille. Es wurde, als

gingen wir lautlos nebeneinander durch ein weites weißes totstilles

Schneeland, ohne Weg und nicht wissend, woher und wohin.

Dieses Nebeneinanderherdenken war eigentlich ganz nach meinem eigenen

Wesen und Geschmack. Erlebt hatte ich das aber noch nicht bei einem

Fremden. Der Zeitbegriff hörte beinahe auf, und es war die Stille um

uns, von der es in der Bibel heißt: Tausend Jahre sind wie ein Tag.

Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band · 第 13 / 21 段