Priester am Altar, und als ich einen Augenblick zurücksah über die
Menge, die mich vorwärts schob, stach durch die offene hohe Kirchentür
das blauweiße Tageslicht grell in das dunkle Kirchengewölbe herein,
als stahlblauer Strahl und war wie ein mächtiges helles Schwert über
den Köpfen der Menge. Und die Menschen, die Kopf an Kopf da drängten,
erschienen mir wie ein Heerwurm, der unter dem blanken drohenden
Schwert durch die Kirche zog.
Einen Augenblick schien es mir, als ich den Weihrauch aufsteigen sah,
als hätten die Kerzen das violette Tuch, das über dem Altarbild hing,
angezündet, und als rolle das Tuch feurig brennend und rauchend über
den Köpfen der Menge hoch.
Ich ging dann nach Hause und schrieb den visionären Eindruck dieses
Karfreitagkirchenbesuches in kurzer Skizze, die ich „Auferstehung“
betitelte, nieder. Ich gab den Eindruck so wieder, wie ich ihn
eben erzählt habe, nur ein wenig mehr ausgearbeitet, in heftigeren
Farbeneindrücken und in knappen, etwas gehackten Sätzen.
In jenen Tagen in München -- das muß ich noch vorher bemerken -- hatte
ich mir manches Mal ein Buch in der „Bibliothek der Modernen“ geliehen.
Diese Bibliothek war im Hause des Schriftstellers Schaumberger, und
dort im Hausgang war ich im Vorübergehen den Dichtern O. J. Bierbaum
und Ludwig Scharf vorgestellt worden.
Einige Tage später erhielt ich von O. J. Bierbaum die Aufforderung,
eine kleine Arbeit für den „Musenalmanach“ 1892-1893 einzusenden.
Nichts schien mir geeigneter für diesen Zweck als die kleine Skizze
„Auferstehung“, die kaum zehn Druckzeilen groß war, und die ich für
meine erste und beste Leistung auf dem neuen Weg beschreibender Prosa
hielt.
Ich dachte mir aber, daß wahrscheinlich Hunderte von Schriftstellern
zu Beiträgen für den Musenalmanach aufgefordert worden waren, und daß
das, was ich geschrieben hatte, so wenig war, daß es in dem Buchband
kaum zehn Menschen auffallen würde. Mir persönlich sollte diese
kleine Skizze die Linie zeigen, die ich einschlagen wollte. Nicht
Wirklichkeitsschilderung, sondern in Vision umgesetzte Wirklichkeit
wollte ich von jetzt ab geben.
Ich hatte damals noch keine Ahnung von Kritik und Kritikern überhaupt.
So wie es nirgends in der Bibel steht, daß Gott bei seiner Schöpfung
an eine Kritik derselben gedacht habe, so wenig war mir der Gedanke
gekommen, daß ich je eine gedruckte Kritik über mich lesen würde. Ich
selbst hatte nie Kritiken über Bücher gelesen, so wie ich auch bis
dahin nur äußerst selten eine Tageszeitung in die Hand genommen hatte.
Ich dachte, Dichtungen werden schweigend geliebt oder schweigend
abgewiesen, und ich wußte noch nicht, daß das meiste, was geschrieben
wird, auch öffentlich besprochen wird.
Daß in den Zeitschriften Bücherbesprechungen gebracht wurden, in jenen
modernen Zeitschriften, in welchen die neuen Dichter sich vereinigt
hatten, um auf neue Wege hinzuweisen, das schien mir natürlich.
Daß aber die Zeitungswelt, die Augenblickswelt, die doch keine
Zeit zum Sichvertiefen haben konnte, Geistesarbeit zu kritisieren
sich berechtigt fühlte, in derselben Weise, als ob man das Wetter
beschrieb und Tagesvorgänge besprach, daß Geistesarbeit unter die
Augenblicksvorgänge gerechnet werden könnte, das war mir ganz unbekannt
und unverständlich.
Im Herbst desselben Jahres, als ich dann später von München nach Berlin
gezogen war, erhielt ich eines Tages von meiner Familie aus Würzburg
eine Nummer des „Berliner Tageblattes“ zugesandt. Im Feuilleton war
der Bierbaumsche „Musenalmanach“ für 1892-1893 breit besprochen. Aber
mein Erstaunen wuchs aufs höchste, als ich meinen Namen an die Spitze
des Aufsatzes gestellt sah und die Worte am Eingang der Kritik las:
„Da tut ein Max Dauthendey seine milde Hand auf und schenkt uns eine
Auferstehung.“
Ich begriff zuerst nicht, daß der Artikel von Hohn strotzte. Man hatte
zugleich meine Skizze wortwörtlich abgedruckt, und man geißelte mit
bissigem Spott die neue verrückte Schreibart. Die für eine Tageszeitung
auch wirklich nicht am Platze gewesen wäre. So schwer denkbar wie
es ist, daß Botticelli Skizzen für eine illustrierte Tageszeitung
gezeichnet haben würde, so wenig paßte natürlich die Skizze eines neuen
Wegesuchers in den Alltagsstil einer Zeitung.
Da ich zur Mitarbeit aufgefordert worden war und meine Skizze als
Geschenk dem „Musenalmanach“ gegeben hatte, hatte ich die Einfalt, zu
glauben, daß die Welt auch meine Arbeit als Geschenk annehmen müsse und
nicht als eine Herausforderung zum Meinungszweikampf.
Grausam und ungerecht fand ich diesen unerwarteten Angriff auf meinen
mit tiefstem, heiligstem Ernst ausgearbeiteten kleinen ersten Versuch,
Wirklichkeit und Unwirklichkeit vereinigen zu wollen. Ohne nach der
alten Figurenwelt von Engeln und Teufeln zu greifen, hatte ich die
Visionen eine Kirchenstimmung, eine Karfreitagsphantasie, versuchsweise
wiedergeben wollen.
Daß meine Welt nicht die Welt von heute war, wurde mir aus jener
Kritik hier gründlich zum erstenmal öffentlich bestätigt. Aber mutlos
oder kopfscheu machte mich diese Erkenntnis nicht. Und so breit, wie
ich heute das Ereignis beachte, tat ich es damals nicht. Es war eine
flüchtige Sekunde des Unbehagens, die aber doch so stark war, so daß
ich sie nach langen Jahren noch in mir aufgezeichnet finde. -- Und ich
erzähle dieses nur, weil es meinen ersten neuen Versuch betraf, der mir
am Herzen lag.
Der Gedanke, die Natur phantastisch, doch ohne Verwandlung der
Naturleben in Menschengestalten, wiederzugeben, beschäftigte mich
damals in München, seit ich den ersten Versuch, die kleine Skizze
„Auferstehung“, geschrieben hatte, unausgesetzt.
Eines Sonntags wohnte ich im Münchner Hoftheater einer Vorstellung des
Byronschen „Manfred“ bei, und Ernst von Possart spielte den „Manfred.“
Von meinem Platz aus auf einem der Ränge konnte ich immer sehen, wie
die Versenkung sich öffnete, und wie einer der Erdgeister oder einer
der Feuergeister aus dem Bretterloch aufstieg. Das störte mich sehr.
Wohl war die Sprache des Dichters schön, aber auf dem Heimweg vom
Theater sagte ich mir, ich hätte das Stück lieber gelesen und hätte mir
dann die Gestalten der Elemente mächtiger und unbegrenzter vorstellen
können.
Es wirkte komisch, wenn da in grauen Kattunstoffe eingewickelte
Menschen auf der Bühne herumliefen wie Gugelmänner, und wenn man sich
vorstellen sollte, diese Vermummten sollen die verkörperten Elemente
der Erde sein. So dürftig und so beschränkt war mir noch nie die
Gestaltung der Elemente vorgekommen. Die Schuld lag nicht an der Bühne,
nicht an der Darstellung, sondern am Dichter, der sich hätte hüten
müssen in seinem Drama ungeheuere Elemente in der Form von Menschen
auftreten zu lassen.
Mein neuzeitlicher aufgeklärter Natursinn sträubte sich fortwährend
gegen die Annahme, daß verkleidete Menschen Elemente darstellen
sollten. Ich ging unbefriedigt nach Hause, und ich sagte zu meinen
Freunden: „Ich möchte ein Drama schreiben, in welchem die Elemente
auftauchen wie die Bilder im Gehirn eines Menschen. In dem Drama möchte
ich Gletscher, Meer, Wüste als unsichtbare Chöre singen lassen.“
Jedenfalls stieg mir an jenem Abend unklar die Idee auf, daß, wenn
ein Drama ohne Menschen auch eine Ungeheuerlichkeit wäre, es doch
keine Unmöglichkeit sein müßte. Heute weiß ich, daß das alles nur
Vorbereitungsgedanken für meine künftige Lyrik waren, in welcher ich
dann mit Vorliebe Liebes- und Landschaftsleben verschmolzen habe, ohne
den Landschaftsdingen Menschengestalten zu geben.
Als die Universität Osterferien hatte, fuhr ich mit dem einen meiner
Freunde, dem Schweigenden, ins Gebirge nach Tirol, und wir stiegen zum
Achensee hinauf. Zu beiden Seiten des Weges lag noch hoher Schnee,
besonders hoch beim See an den kalten Nordseiten der Berge.
Der Ausflug währte nur zwei Tage, aber ich erinnere mich noch deutlich,
als wäre es gestern, einer Sekunde, die ich auf dem See erlebte,
und die in mir blitzartig die Gestaltung eines Dramas ohne Menschen
schaffen sollte.
Wir saßen am Spätnachmittag in einem Boot, mein Freund ruderte. Wir
waren an einer Seeseite gewesen, wo streckenweise der Schnee auf
großen Wiesenflächen geschmolzen war, und dort waren, in der heftigen
Frühjahrssonne, Gruppen von rosa Alpenhyazinthen emporgeschossen, die
da wild und üppig wucherten.
Wir hatten einen großen Strauß davon gepflückt, der lag neben mir auf
der Bootsbank. Ich hielt das Steuer und lag halb über den Bootsrand
gebeugt und starrte in die herrliche smaragdgrüne Tiefe des Bergsees
und freute mich an dem feuerblauen Schatten, den unser Schiff und wir
selbst über die Seefläche zeichneten. Mir schien, wir schwammen mit dem
Boot über einen ungeheueren Kristallberg.
Stellenweise konnte man die schlangenartigen Figuren der Seegewächse
goldig am Grund aufblinken sehen oder Felsblöcke, die wie Goldklumpen
spukartig aus dem grünen Wassergrund heraufsahen. Und versunkene
Baumstämme waren da unten, unheimlichen Tierkörpern ähnlich, mit grünen
und blauen Gliedern, die schienen mehr unwirklich als wirklich zu sein.
Ich ließ von Zeit zu Zeit einen Blütenbüschel des rosa
Hyazinthenstraußes, daran ich einen kleinen Stein gebunden, in die
Seetiefe gleiten, und es erstaunte mich immer wieder, wie die rosa
Blumen in einiger Tiefe blau und dann weißlich wurden und versanken,
als fielen sie durch verschiedenfarbige Tinten.
Und ich stellte mir dann vor, wie meine Blumen nun da unten liegen
mußten und sich nach der Sonne und nach den Wiesen oben sehnen würden,
und daß der Seegrund sie nun nie mehr loslassen würde, und daß sie zu
Stein werden mußten neben dem Stein, der sie hinuntergezogen hatte in
die grüne Glaskammer des Sees.
Als ich müde war vom Hinunterschauen, sah ich drüben über dem
Seeufer einige schneebedeckte Berge Tyrols, und wenn auch keine
Gletscher zu sehen waren, so bildete ich mir doch ein, so starr weiß
müßten Gletschergipfel unberührt den ewigen Schnee tragen wie jene
verschneiten Berge.
In demselben Augenblick ging die Sonne unter, und die Schneegipfel
färbten sich, als wüchsen auf ihnen vor meinen Augen Felder von rosa
Alpenhyazinthen. Es war aber nur die Abendsonne, die die äußersten
Erdzacken aufglühen ließ.
Und dieses feierliche Schauspiel, dem ich im Boot, schwebend über der
Seetiefe, im lautlosen Abend zusah, das prägte sich so stark in mich
ein, daß ich es dichtend nachgestalten wollte, so wie es gewesen.
Und nach München zurückgekommen, dachte ich mir aus, ich wollte
ein Drama schreiben, in welchem kein Mensch auftreten sollte, wie
ich das schon einmal gesagt habe. Nur einzelne Menschenstimmen und
Menschenchöre und Musik hinter der Bühne sollten die Verwandlungen
begleiten.
Und ich wollte zuerst hinter der Szene eine große Stimme singen lassen.
Das sollte die Stimme der menschlichen Sehnsucht sein. Und unsichtbare
Chöre des Weltalls sollten ihr antworten.
Und die Sehnsucht sollte hinuntertauchen in die Meerestiefe, in die
Pflanzengärten dort unten, wo die Perlen in ihren Schalen singen und
tausend Jahre reifen. Und das Bühnenbild sollte den farbigen Meergrund
zeigen.
Und die Sehnsucht, keine Ruhe in der Meerestiefe findend, sollte dann
zum Gletscher eilen, zum ewigen Schnee. Und auf der Bühne sollte das
Eis der Gletscherfelder aufglühen in der Abendsonne, und Chöre der
Stimmen des ewigen Schnees sollten antworten, so wie die Scharen der
Perlen in der Meerestiefe der Sehnsucht geantwortet hatten.
Und die Sehnsucht sollte, auch dort keine Ruhe findend, vom Gletscher
zur Wüste eilen und dem Sand und den Sandmeilen zusingen. Und der im
heißen Wind aufwirbelnde Sand sollte in Chören der Sehnsucht antworten.
Und die Sehnsucht sollte endlich heimkehren, heimgetrieben, nachdem sie
nicht Ruhe gefunden, nicht in der Tiefe des Meeres, nicht in der Höhe
des ewigen Schnees, nicht in der Hitze der Wüste.
Dann sollte im Abend ein Frühlingsgarten voll Blüten als letztes Bild
dastehen und ferne Geigen unter den Blüten singen. Chöre der Blüten
und die Mondstimme in der Frühlingsnacht und die Chöre der Blumendüfte
sollten singen, und die Sehnsuchtstimme des Menschen sollte ihr letztes
Lied finden und sich sagen: da sie nirgends auf Ruhe traf und auch
das Weltall ihr geantwortet habe, daß nirgends Ruhe sei, so wäre die
einzige Weisheit die, das Leid aller und die Liebe aller mitzuerleben,
mitzujubeln und mitzuleiden. --
Ich wollte mich nun für dieses Drama vorbereiten. Schneeberge
hatte ich gesehen. Auch die Seetiefe des Achensees konnte mir eine
Vorstellung geben vom Meeresgrund. Nur über die Wüste wußte ich noch
nichts. Und ich verschaffte mir Bücher mit Wüstenbeschreibungen.
Aber sie gefielen mir nicht. Ich konnte keine Stimmung aus ihnen
erhalten. Und da erinnerte ich mich, wie ich als Knabe oft im heißen
Mainsand auf einer Insel im Fluß nach dem Bade gelegen hatte. Und
dieses ferne erlebte Bild des trockenen Julisandes mit der senkrechten
Sonne am Himmel, gab mir mehr Wüstenvorstellung, als das Lesen von
wissenschaftlichen Wüstenreisen in Büchern es vermocht hätte.
Aber es sollte noch ein Jahr dauern, bis ich die Stimmen dieses Dramas
in Versen schreiben konnte. Das geschah im Jahre 1894, als ich zum
zweiten Male in einem einsamen Pfarrhof an der Westküste Schwedens
mehrere Monate zubrachte. --
Ich hatte jetzt in München fast alle Wagnervorstellungen besucht, den
Nibelungenring gehört und war auch einige Jahre vorher in Bayreuth
gewesen, wo ich bei einem Abstecher von Würzburg aus den „Parsifal“
gehört hatte.
Wagners neue heftige Musik hatte mein junges erregbares Blut tief
erschüttert. Aber Wagners Dramengestalten, die Götterfiguren in
Menschengestalten, erschienen mir in der Darstellung auf der Bühne
unmöglich und kindisch und nicht so überzeugend, wie es für unsere
neuzeitlichen Vorstellungen nötig gewesen wäre, um in mir volle Andacht
zu erwecken.
Ein dicker Tenor, der den Wotan spielte, oder eine üppige Sängerin,
die die verklärte Gestalt der Freja oder die gewaltige Gestalt einer
Walküre darstellen sollte, verärgerte meine Aufmerksamkeit jedesmal,
so daß ich meistens die Augen im Theater schloß und nur den singenden
Stimmen der Musik zuhörte und auf das Bühnenbild, das ich mir in der
Phantasie viel schöner vorstellen konnte, gern verzichtete.
Ich war also aus innerem Antrieb und nicht aus Neuheitssucht auf den
Gedanken gefallen, teils durch die Manfredvorstellung, teils durch die
Wagnervorstellungen herausgefordert, einmal ein Drama zu schreiben, in
welchem nur Chöre und Landschaftsbilder von der Bühne wirken sollten.
Aber es sollte dieses durchaus nicht eine neue Dramengattung werden.
Ich wollte nur einmal eine Bühnenphantasie geben, die, ohne menschliche
Figuren zu verwenden, erhebend wirken sollte. Ich hatte in der
Wagnerschen „Walküre“ in München auch gesehen, wie mit Dampf und
bengalischen Flammen eine künstliche Branddarstellung erzeugt wurde,
und ich stellte mir vor, daß die Landschaftsbilder meines Dramas, der
Meeresgrund, der Gletscher und die Wüste nicht nur einfach nüchtern
auf der Bühne dargestellt werden durften, sondern sie müßten, wie von
Wolken getragen, erscheinen, auftauchen und in Wolken verschwinden wie
Gedankenbilder im Gehirn eines Menschen. Und um dieses zu ermöglichen,
sollte Dampf aus den Versenkungen aufsteigen und sollten so auf der
Bühne Wolken erzeugt werden.
So wie in einem menschlichen Gehirn die Vorstellungsbilder bald
klarer, bald unklarer wie aus Wolken aufzutauchen scheinen und dabei
Stimmen der Gedanken sprechen oder singen, so sollten die Bühnenbilder
in diesem Operndrama „Sehnsucht“ sein. Und ich hatte die jedenfalls
etwas waghalsige Kühnheit, an die Spitze meines Dramas, als ich es
schrieb, die Worte zu stellen: „Die Bühne stellt das Gehirn eines
Menschen dar.“
Die eilige Kritik, welche heutzutage den Dichtern ihren Wert schnell
zu- oder abspricht und sie bei Lebzeiten schon untereinander in
Rangordnungen dem deutschen Volke vorführt, und die nicht Rücksicht
nimmt, ob der Dichter jung ist und sich entwickelt, sondern die ihn mit
fünfundzwanzig Jahren vielleicht sogar an toten Dichtern mißt, welche
achtzig Jahre geworden sind -- diese hastige Kritik, die in dieser
erstaunlich voreiligen Weise an den lebenden und sich entwickelnden
jungen Dichtern oft schweres Unrecht begeht, konnte mir dann zwanzig
Jahre hindurch diesen Jugendausspruch nicht verzeihen: „Die Bühne
stellt das Gehirn eines Menschen dar“. Und man frischte diesen Satz in
unzähligen Kritiken über mich jedes Jahr wieder auf.
Meine zukünftige Welt, die ich in mir täglich weiterbildete -- und
deren erste Anfänge mir heute noch ebenso heilig sind wie damals, weil
sie ehrlich und echt gemeint waren und nicht aus Verblüffungssucht
entstanden -- hat man verhöhnt und verlacht, und man hat nie einen
Augenblick daran denken können, daß alles, was ich damals schrieb,
begründet war von dem Drang, eine neue Weltanschauung in der Dichtung
zur Geltung zu bringen. Alle diese jungen Versuche aber zielten auf die
Schöpfung einer mir eigenen Lyrik hin, die ich doch erst später geben
konnte.
Den Dichter kann man nicht anspornen zum Blühen und ihn nicht hindern,
wenn seine Dichtung blüht. Man kann nur die natürliche Verbindung
zwischen Leserkreis und Dichter zeitweilig schädigen.
* * * * *
Mein Freund, der junge Philosoph -- der in München in jener Zeit
neben seinem Studium bereits mit der ersten Niederschrift über die
Atomkraftlehre eifrig beschäftigt war -- schlug mir im Frühjahr 1892
vor, die Pfingstreise, die er zu seiner Erholung hätte unternehmen
sollen, und wozu ihm seine Mutter Reisegeld geschickt hatte, an seiner
Stelle zu machen. Was ich mit Dank gerne annahm, und um die Pfingstzeit
nach Venedig reiste.
Von dieser Reise sind mir zwei kleine Begebenheiten in Erinnerung.
Ich war am Abend von München abgereist, und als ich morgens im Bahnzug
über den Brenner kam, begann ich, bereits von der Station Franzensfeste
ab, unausgesetzt den Himmel zu prüfen, gespannt aufschauend, ob
derselbe bald italienische Bläue zeigen würde. So saß ich in grauem
Morgendämmern, bis wir zur Grenze nach Ala kamen, stundenlang das
Gesicht nach oben gerichtet. Obgleich mein Nacken mich schmerzte und
ich den Kopf kaum noch zurückbiegen konnte, so war doch die Begierde,
den italienischen Himmel zu sehen, stärker als die Unbequemlichkeit.
Aber leider stellte sich die Bläue des Himmels nicht so mächtig ein,
wie ich sie von allen italienischen Bildern in Erinnerung trug. Doch
weit entfernt enttäuscht zu sein, freute ich mich, daß ich mich nicht
blind vom Reisefieber fortreißen ließ und mich nicht selbst belog. Und
ich war stolz darauf, daß ich trotz aller Reisebegeisterung feststellen
konnte, daß der italienische Himmel, wenigstens auf der Fahrt bis
Venedig, nicht blauer war als zwischen Würzburg und München.
Diese Erkenntnis, die zwar für einen jungen Italienreisenden etwas
Schmerzliches hatte, befriedigte mich aber, weil ich mir sagte: ein
neuzeitlicher Schriftsteller muß die Dinge sehen, wie sie sind, und
er darf nicht bloß die gehörte Fabel der Dinge sehen, die die andern
gefabelt haben.
Ich erzähle dies nur als kleinen kennzeichnenden Zug der Schulung zur
Wirklichkeitsbeobachtung, von der ich und meine Zeit damals fanatisch
durchdrungen und besessen waren.
Das glitzernde Venedig, das bunt wie eine indische Stadt an den
Spiegeln der Kanäle und an dem Spiegel eines sonnigen Frühlingshimmels
lag, stimmte mich sehr glücklich.
Diese wirkliche und unwirkliche Stadt, deren Paläste wasserentstiegen,
wie aus Meerschaum und Perlmutter gebaut, irisfarben beim Widerschein
der leichten Wellen beleuchtet sind, beseligte mich. Ich fühlte mich,
vom Norden wie aus einer grauen Wüste gekommen, als hätte ich eine
sonst unerreichbare Fatamorgana erreicht.
Ein körpergewordenes Meeresspiegelbild erschien mir Venedig mit
seinem blendenden, marmorgepflasterten weißen Markusplatz und
mit den silbrigen indischen Kuppeln der Markuskirche und mit den
Schaufensterreihen voll mit Juwelen und glitzernden Glaswaren unter den
Bogengängen des Platzes.
Am Abend vor dem Himmelfahrtstage, als alle Glocken läuteten, trat
ich in einer Seitenstraße in eine Kirche ein. Darinnen jubelte eine
klingende Musik, wie ich sie vorher nur in Operetten gehört hatte.
Scharen von jungen Mädchen und Frauen des Volkes, mit Spitzentüchern
über den schön frisierten Köpfen, saßen dort bis dicht an die
Altarstufen auf Stühlen. Und der Priester und die Chorknaben bei
Blumen, Lichtern und dem weihrauchreichen Altar bewegten sich lebhaft
und fröhlich, als wäre die Messe, die sie lasen, eine Volksvorstellung.
Ich sah in der ersten Sitzreihe Frauen bequem und gemütlich ihre
kleinen Füße -- die in seidenen Stöckelschuhen steckten, als wären sie
zu einem Ball gekommen -- auf die obersten Altarstufen aufstellen. Und
ich bemerkte eine, die mit ihren übereinandergelegten Fußspitzen den
messelesenden jungen Priester, der den Rücken gegen die Menge wendete,
mit der Fußspitze leicht an seinen Fersen streichelte. Sie zeigte
keck, daß sie den jungen Mann liebte und ihm ihre zärtlichen Gefühle
mitteilen wollte. Sie hielt den Fächer halb vor das Gesicht, und ihre
schwarzen Augen blinzelten schelmisch über den Fächerrand zum Kopf des
Priesters hin.
Wahrscheinlich wartete sie auf den Augenblick, da der junge
Geistliche, um die Menge zu segnen, sich umwenden mußte.
Auf den Kirchenemporen jubelten Sängerchöre, helle und dunkle Stimmen
durcheinander. Und es herrschte ein freies und ungebundenes Leben in
dieser Abendkirche, deren Türen weit offen standen und die Stimmen
der Frucht- und Eisverkäufer und das Glockengewoge von der Straße
hereinließen.
Das junge Mädchen, das zum Priester die Fußspitzen hinstreckte, die
klingelnde Operettenmusik und alle auf ihren Stühlen schaukelnden und
singenden Besucher der Kirche -- diese Frühlingsabendstimmung in einer
Kirche habe ich zwanzig Jahre nicht vergessen können. Ich hatte nie
vorher Ähnliches erlebt und habe es nie nachher wieder erlebt.
Hier hatte zum erstenmal die Andacht etwas natürlich
Frühlingsfestliches. Dabei muß ich gestehen, daß die Festlichkeit auch
ein wenig überreizt an Gedankenlosigkeit und Leichtsinn streifte. --
Ich war aber der südlichen Süßlichkeit der Farben und Formen Venedigs
nach acht Tagen schon satt. Es wurde meinem deutschen Herzen zuletzt
vor den ewigen lila und rosigen Perlmutterfarben beinahe übel, als
hätte man mich gezwungen, acht Tage nur von Zuckerwerk zu leben. Und
ich sehnte mich von der großen schwülen Perlenmuschel im Meeresbilde
fort nach dem Festland und nach erquickender grüner Landschaft. Ich
sehnte mich fort von dem ewigen venetianischen Sonntagsgefühl, fort von
dem auf lautlosen Wasserstraßen gleitenden Verkehr, von den Straßen, in
denen keine Wagen dröhnen, keine Hunde bellen, in denen immer stilles
und glattes Wasser steht, als wären das polierte Sonntagsstraßen ohne
Verkehr.
Ich war jung und sehnte mich nach Getriebe und nach der Abnützung
meiner Kräfte, die hier nur gewiegt wurden in Gondeln und auf
sonnenwarmem Wasserspiegel. --
Nach München zurückgekommen und die farbigen venetianischen Eindrücke
noch im Gedächtnis, freute ich mich, nach der Eröffnung des
Glaspalastes täglich nun die Ausstellung besuchen zu können und die
ersten Bilder der Sezession zu sehen.
Da ich sehr wenig Menschenverkehr suchte und mich immer mit Plänen
und Gedanken trug, die ich abends auf den Spaziergängen mit meinen
zwei Freunden besprach, so prägten sich bald die auf der Ausstellung
gesehenen neuen Bilder der neuen Freilichtschule so stark in mein
Gedächtnis, daß ich sie stündlich wie neue Kameraden empfand. Und
ich setzte mich an meinen Schreibtisch und versuchte, um mich im
Beschreiben zu üben, einige der Bilder der Sezession in knappen
dichterischen Worten wiederzugeben.