in die „Thalysia“ verschlagen war, und dieser erzählte mir vom Maler
Dieffenbach, welcher zu jener Zeit bei einem Dorf im Isartal sich
ein Atelierhaus gebaut hatte. Dies Haus war aus schwarzen Teerpappen
zusammengenagelt. Und mit mannshohen gelben Buchstaben stand an dem
Giebel der schwarzen Halle das Wort: „Humanitas“ geschrieben.
Man konnte Dieffenbach damals öfters in den Straßen Münchens begegnen,
wenn er in die Stadt kam, um Besorgungen zu machen. Bart und Kopfhaar
reichten ihm fast bis an den Gürtel. Er trug eine lange Kutte und
ging in Sandalen, und die ganze Stadt kannte ihn, den verrückten
Malereinsiedler vom Isartal, wie ihn die Leute nannten.
Die meisten Theosophen, die ich damals sah, trugen langes schlichtes
Christushaar, das im Nacken weit über den Rockkragen fiel und nicht gut
zum zweckmäßigen geradlinigen Männeranzug des neunzehnten Jahrhunderts
stimmte. Das träumerische langherabfallende Haar stand im Widerspruch
zu den knappen nüchternen Linien des Anzugs des Arbeiterzeitalters.
Daß übrigens die Theosophen und ihre Anhänger, die vom gedankenvolleren
Norddeutschland in das lebensüppigere Süddeutschland gekommen waren,
eigentlich im scharfen Widerspruch zur derben bayerischen Landesseele
standen, das fiel mir auf. Aber so wie die Fische am liebsten an heißen
Tagen an der Oberfläche des Wassers weilen und sich der warmblütigen
Welt über ihnen behaglich nahe fühlen wollen, ohne doch ihre Wasserwelt
aufgeben zu müssen, so schien es mir auch bei jenen Lotossehnsüchtigen
zu sein. Man merkte, daß sie sich im derberen München, wo das Dasein
mehr dem Leibe als der Seele zugewendet ist, wohler fühlten als im
gedankensüchtigeren Norddeutschland.
Eigentlich war mir die Gedankensehnsucht dieser Menschen, die etwas
Mitleiderregendes hatte, nicht unangenehm. Wenn diese Männer nur nicht
alle selbst so mitleiderregend gewesen wären und so weltabgewendet,
dann hätte ich mich gern mit ihnen unterhalten und mich ihnen nähern
wollen. Aber daß sie der Wirklichkeitswelt, ohne nur von derselben
gekostet zu haben, blindlings und vorurteilsvoll den Rücken wendeten
und die gesunden Derbheiten des Daseins nicht ebenso zu beherrschen
gelernt hatten oder beherrschen lernen wollten wie die Seelenwelt, und
daß sie aus dem Wirklichkeitskampffest, das sie nur vom Hörensagen
kannten, flüchteten wie Krieger, die plötzlich der Schlacht den Rücken
wenden und sich unter eine Schanze setzen und sagen, es wäre unnütz
zu kämpfen, denn einmal müßte ja doch diese Erde vergehen und alle
ihre Genüsse, und gegen die Vergänglichkeit des Leibes könnte auch
diese Schlacht nicht ankämpfen, und deshalb sollte man nur seine Seele
befriedigen -- das hat mich von ihnen abgestoßen, und ich fand es weder
der Mühe wert, noch für mich von irgendwelcher Notwendigkeit, an jener
Seelenüberzüchtung Anteil zu nehmen.
So wie der derber werdende Bürgerstand, der damals immer breiter das
mittelalterliche Rittertum und seine Romantik nach Anleitung Makarts
in Wien in üppigen Samt- und Stoffausschmückungen der Räume in Orgien
der derbsten Geschmacklosigkeiten feierte, und dem die Tapezierer die
Fenster und die Türen mit dunklen orientalischen Teppichen schwülstig
bekränzen durften, so entgegengesetzt übertrieben zum sinnenrohen
Treiben wirkte die Leere und die reizlose Klarheit, mit der jene Gruppe
von Theosophen, die ich täglich sah, das sinnliche Leben betrachtete.
Die Bürger waren übertrieben in der Gestaltung des äußeren Lebens,
die Theosophen übertrieben in der Flucht zum inneren Leben. Die einen
hatten zuviel Weltnähe, die anderen zuviel Weltferne. Die einen arteten
in Weltüppigkeit aus, die anderen in Weltfremdheit. Die meisten
Bürger wünschten nur Feste der Sinne zu feiern, die Theosophen nur
Feste der Seele. Und beide Menschengruppen schienen mir entrückt der
Weltnatürlichkeit, der einfachen Weltselbstverständlichkeit. Sie
feierten nicht das selbstverständliche Fest natürlicher Schöpferkraft,
die inneres und äußeres Leben, Weltnähe und Weltferne in möglichstem
Gleichgewicht erlebt.
Weder weltverwildert sein noch weltentfremdet werden ist dem
großen weisen Fest des Lebens günstig. Weder Lebensüberhitzung
noch Lebenserkältung ist das Ideal des Lebensfestes. Eine emsige
Lebensfestlichkeit, die aber nicht das Leben schulmeisterlich verrenken
will, wie es die Seelensehnsüchtigen gern möchten, und die ebensowenig
zur Lebensgier anspornen will, diese natürliche Lebensfestlichkeit fand
ich damals selten unter den Gesichtern der Straße, aber ich fand sie
immer bei den Dichtern jener Zeit.
Alle die Dichter, die ich noch später kennen lernte, und alle, die
ich bereits aus ihren Werken kannte, alle sogenannten „Modernen“
enthielten sich möglichst, seelisch schulmeisterlich zu wirken oder
stumpfsinnig einseitige Lebensüppigkeit zu pflegen. Es war ein markiger
festlicher Ernst in fast jedem neuen Buch, das damals aus der Gruppe
der „Modernen“ erschien.
Aus allen diesen Gründen fühlte ich mich nicht hingezogen, Verkehr mit
jenen Theosophen anzuknüpfen. Ich las nur manchmal in ihrer Zeitschrift
„Sphinx“, die in dem vegetarischen Speisehaus auf den Tischen lag, und
plauderte dort mit einigen Malern.
Am Tage besuchte ich gern die Museen. Ich ließ mich bei der Betrachtung
dort von keiner Kunstgeschichte leiten, sondern gab mich nur den
Eindrücken hin, die die Bilder auf mich ausübten, und ordnete für mich,
je nach der Stärke oder Schwäche dieser Eindrücke, die Meister der
verschiedenen Jahrhunderte nach meinem eigenen Gutdünken.
Und dabei fiel mir auf, wieviel Geistesqualen und wieviel
Geistesentsagung aus den gemalten Gesichtern aller christlichen
Jahrhunderte sprach. Dagegen frei und gesund und festlich trugen die
griechischen Statuen in der Glyptothek ihre Mienen. Von Gedanken- und
Körpergesundheit aufrecht gehalten und natürlich selbstbewußt, trugen
jene festlichen Menschen der Heidenzeit ihren Leib.
In der alten Pinakothek dagegen sprachen die Menschengesichter der
christlichen Zeiten, die ich da auf den Gemälden sah, von einer
Bedrückung, durchdrungen von einer, wie mir schien, unaufrichtigen
Bescheidenheit und einer eingebildeten Demut. Und jene Maler der
Renaissance, die die Gestalten der biblischen Geschichte nackt
darstellen, malten, gereizt vom Fleischton, die enthüllten Körper
meistens in einer lüsternen Beleuchtung. Und nur bei ganz wenigen alten
deutschen Malern, wie bei Holbein und Memmlinger, war das Fleisch
streng, aber abgetötet behandelt.
Auch diese Bilder konnte ich nicht lieben. Die Körper waren von diesen
Malern dargestellt, als sähe man erfrorene Bäume im Sommer, während bei
den italienischen und niederländischen Meistern das Fleisch der nackten
Menschen zu üppig strotzte, zum Beispiel bei Michelangelo und Rubens,
als hätte das Fleisch ohne Geist wuchern dürfen und wollte Orgien
feiern.
Ich traf auch hier wieder dasselbe Gefühl, das mich immer bei der
Betrachtung der alten Weltanschauung begleitet hat: die Eindämmung der
Lebenslust zur Lebensentsagung erzeugt wuchernde Phantasiegebilde,
die nichts mehr mit edler Schönheit gemein haben. Nur eine natürliche
Weltauffassung, eine selbstverständliche Weltanschauung, die den
Menschen zum Schöpfer und Geschöpf erhebt und das Weltalleben einfach
festlich ansieht, kann auf allen Gebieten der Künste festliche und
natürliche Schönheit schaffen.
Die Griechen, die den Menschen nicht mit einer Erbsünde belasteten, die
ihn frei aufwachsen ließen, denen die Götter des Olymps nichts anderes
waren als Personen gewordene Menschengesetze, sie schufen festliche
Schönheiten.
Der griechische Olymp, sagte ich mir, war nichts anderes als eine
höhere Menschengesellschaft, eine erdichtete Versammlung höchster,
schönster und weisester Menschen, die man wegen ihrer Vollkommenheit zu
Menschenoberhäuptern ernannt hatte.
Die Götter waren anspornende Beispiele, um zu zeigen, wie hoch sich der
Mensch entwickeln kann bei fortgesetzter Geistes- und Körperzucht.
Und jeder weiß, es war beim griechischen Volke nicht ausgeschlossen,
daß mutige Naturen, Menschen, die sich auf Erden außergewöhnlich
hervortaten, oder Menschen, die außergewöhnlich vollkommen zur Welt
kamen, als Götter in die Versammlung des Olymps aufgenommen wurden,
manche sogar nur wegen ihrer äußerlichen körperlichen Vorzüge, andere
wegen ihrer geistigen und körperlichen Heldentaten.
Den lebenden Menschen von damals wurde also bestätigt, daß die
Möglichkeit in ihnen lag, Schöpfer und Geschöpf zugleich sein zu
können. Und diese Möglichkeit, ein Gott sein zu können, krönte das
Menschendasein der Griechen.
Und da sie ebensogut durch Körpervorzüge als durch Geistesvorzüge
Götter werden konnten, herrschte im Volkssinn jener Tage ein edles
Bestreben nach Körper- und Geistesgleichgewicht auf Erden, das uns
heute, wie wir alle wissen, noch aus griechischen Kunstwerken unendlich
erhebend anredet. -- Aber warum mußte jenes Ideal vergehen, wenn es
bereits festliches Leben darstellte?
Deshalb mußte es vergehen, weil es doch noch nicht das
selbstverständlich _allumfassende_ Festliche war. Weil die Tierwelt,
die Pflanzenwelt, die Welt der toten Dinge von den Griechen noch nicht
als ihr Ich, als ihre eigene Schöpferkraft angesehen wurden.
So wie die Märchen des Mittelalters, um die Natur belebt zu sehen,
menschliche Figuren in das Landschaftsleben hineindichteten, so taten
dies in noch höherem Maße die Sagen der Griechen. Wo wir Elfen,
Hexen, Kobolde dichteten, dichteten sie Dryaden, Faune, Nymphen und
Halbgötter. Nie aber lebten in den griechischen Dichtungen der Baum,
das Tier, die Quelle, die Wolke als Naturleben.
Es mußte in der Vorstellung der Griechen immer jedes Leben erst eine
menschliche Verkörperung eingehen und deshalb war das griechische
Lebensfest nicht vollkommen zu nennen. Die griechischen Dichter
konnten nicht eine Abendstimmung auf sich wirken lassen, nicht einen
Baum rauschen hören, nicht die Meereswelle sehen, ohne bei diesem
Natureindruck sofort eine menschliche Gestalt hinzuzaubern, die
Nymphe, den Pan oder einen ihrer Götter.
Und dieses Umgestalten will die neue Weltanschauung nicht mehr tun.
Sie will das Fest feiern, wie es ist. Sie will die einfache Musik des
Windes und der Welle, des Regens und der Wälder, das festliche Leben
der Tiere, Vögel und Insekten einfach festlich erleben.
Der „Mensch von morgen“ hat Sehnsucht, in die Nähe aller Wesen zu
kommen, deren Lebensfest er noch nicht bewußt mitgefeiert hat. Er
hat sich jetzt genug Geduld, Ruhe und Ernst angeeignet, um in die
Festlichkeit der anderen Lebewesen dichterisch einzudringen, ohne daß
er notwendig hat, in der Vorstellung die Körper der Tiere und Pflanzen
fortzuwerfen und ihnen Menschengestalten aufzudrängen.
_Der Weltblick des „Menschen von morgen“ will sich erweitern, und mit
dem Weitblick vergrößert sich die Lebensfestlichkeit._
In der Kunst, die menschliche Gestalt darzustellen, darin haben die
Griechen wohl höchste Lebensfestlichkeit erreicht. Aber im Hinblick auf
das Weltalleben waren sie beschränkt und unaufgeklärt. Diese Aufklärung
und diese Festlichkeiten des Menschengeistes zu erleben, blieb späteren
Jahrtausenden vorbehalten, unserer Zeit und der Menschheit von morgen.
Wer aber behauptet, die Künstler seien nicht an eine Weltanschauung
gebunden, sie dichten, musizieren, malen und bildhauern einfach das,
was ihnen gefällt, dem möchte ich antworten, daß die Schöpfungen der
Künstler immer abhängig waren von der Weltanschauung, die die Nation
hegt und die Zeit, der ein Künstler angehört.
Die Künstler der Japaner, der Chinesen, der Indier, die die Tiere
und Menschen, Landschaft und Pflanzen seit Hunderten von Jahren mit
tiefster Kenntnis und künstlerischer Liebe umfassen und darstellen
können, sind von der buddhistischen Weltanschauung beeinflußt, die
alle Wesen gleich achtet. Die Lebenstreue und die Feinheit, mit der
jene asiatischen Künstler die feinsten Lebensregungen in der Natur
in großzügigen Linien auf ihren Bildern einzufangen verstehen, die
Knappheit und Kürze und Anschaulichkeit ihrer Gedichte, die wenig
ermüdend nie den dichterischen Eindruck übertreiben, sondern das
Erlebte und Tiefste in sparsamer Kürze hinzusingen verstehen, ebenso
die wunderbare Einfalt ihrer in Naturlauten summenden träumerischen
und unaufdringlichen Musik, die nicht zum Anfüllen steinerner
Hallen, sondern zum Einwiegen des Menschenohres berechnet ist, diese
Kunstausübung nähert sich der festlichen Anschauungsweise des gesamten
Weltallebens.
Wie wenig dagegen leisteten infolge ihrer engen Weltanschauung
in der Kunst die Mohammedaner. Nur in der Architektur, in der
Raumausschmückung und in der Ausschmückung von Waffen und häuslichen
Geräten sind sie Meister gewesen. Aber nirgends im mohammedanischen
Kunstleben wird das Naturleben oder Menschenleben, das vielgestaltige,
dargestellt, wie dieses bei den buddhistischen Völkern, bei den Indern,
Chinesen und Japanern der Fall ist.
Und seht die christliche Zeit des Abendlandes. Die Künstler des
Mittelalters, sie malten und bildhauerten, musizierten und dichteten,
aufs stärkste beeinflußt von der christlichen Weltanschauung, und jene
mittelalterlichen Künstler konnten nur das hervorbringen, was sich um
die Kirche und den Kirchengeist der damaligen Zeit bewegte. Nie kamen
die christlichen Künstler jener Zeit den Künstlern der buddhistischen
Weltanschauung gleich. Aber den mohammedanischen Künstlern waren die
christlichen wieder an vielseitiger Entfaltung überlegen.
Von der jüdischen Kunst sind uns zwar Bücher und Lieder überliefert,
aber in der darstellenden Kunst leisteten die Juden nichts, da die
Weltanschauung dieses Volkes die bildnerische Kunst nicht zu pflegen
erlaubte.
Und es ist wohl als sicher anzunehmen, daß bei den Juden damals in
Palästina Künstler geboren wurden, ebenso wie in den übrigen Ländern
der Erde, denn wenn dieses Volk auch hauptsächlich ein Handelsvolk ist,
so ist das kein Beweis, daß nicht Kunstliebe und Künstler unter ihnen
leben.
Das große Handelsvolk, die Engländer, haben den großen Dichter
Shakespeare hervorgebracht und andere Künstler. Bei den Juden hätten
sich in alter Zeit wohl auch Bildhauer ausgebildet, so wie bei den
Ägyptern und Griechen, wenn die jüdische Weltanschauung das Aufstellen
von Kunstwerken erlaubt hätte.
Ich wollte hiermit denen antworten, die da glauben, der Künstler dürfe
immer zu allen Jahrhunderten und bei allen Völkern tun und lassen, was
er wolle. _Der Künstler war aber immer an die Weltanschauung seiner
Zeit gebunden_, auch wenn diese ihm ungünstig gesinnt war, _anpassen
mußte er sich immer der Weltanschauung seiner Zeit_.
Ich erinnere nur an die Madonnenmaler, an die Künstler des
Mittelalters, die gar keine himmlischen Gesichter erdachten, sondern
schöne Mädchen des Volkes, die sie herzlich und sinnlich anregten, und
von denen manche eines Künstlers auserkorenen Liebste war, die er in
Holz oder Stein oder Farben im Kunstwerk herstellte, wonach das dann
auf die Altäre als Mutter Gottes oder als irgendeine Heilige in die
Kirche kam. Des Künstlers Liebesideal wurde so oft zum Anbetungsideal
einer Kirchengemeinde.
Ebenso weiß man, daß die vielen Gedichte, die die Mönche für die
Madonna, für ihre himmlische Braut, und die Nonnen an Christus, für
ihren himmlischen Bräutigam schrieben, stark durchsetzt waren von
weltlichen Liebeserinnerungen und unbewußt oder bewußt aus heißen
Liebeserinnerungen und Liebessehnsüchten entstanden, die jene Männer
und Frauen aus der Welt mit in die stillen Klöster brachten.
Wenn jene aus der Welt flüchtenden Menschen Mönche und Nonnen
wurden und sich hinter die Klostermauern zurückzogen, schrieen ihre
Welterinnerungen auf, und ihr heißes Gedenken an genossene oder
entsagte Lust verwandelte sich oft in die inbrünstigsten und schönsten
Liebeslieder, in denen sie ihren eingekerkerten Sinnen Luft machten.
Diese Künstler mußten öffentlich eine Gottheit verehren unter dem Druck
der Weltanschauung ihrer Tage; in Wahrheit aber verehrten sie das
festliche Leben, dem sie sich entzogen hatten.
Als dann eine freigeistige Zeit anbrach, kam auch die große Zeit
für die Porträtmaler, wobei dieselben ihre Menschen nicht mehr als
Heilige und Madonnen verkleiden mußten. Sie folgten der befreiteren
Weltanschauung ihrer Zeit und malten, so gut sie konnten, auch
Landschaften, in denen aber erst immer noch Menschenfiguren als Beigabe
herumstanden.
Zu dem vielseitigeren Genießen reiner Landschaften, reiner
Naturstimmungen und zum Malen aller Leben ist erst unsere heutige
Zeit mit der aufgeklärteren Geistesrichtung gekommen. Aber sie
übt diese Kunst noch nicht so sichtlich reichhaltig und durch
Menschengeschlechter geschult, wie es die buddhistischen Maler Asiens
vermögen, welche die Insekten, fliegende Vögel, alle Blumen und
Gräser und alle Naturstimmungen mit wenigen, kennzeichnenden Strichen
wunderbar künstlerisch darstellen.
Laßt aber allen europäischen Völkern einmal die Weltanschauung von der
Festlichkeit des geringsten Daseins bewußt werden, die Überzeugung von
der Bedeutung der unendlichen Schöpferkraft, die in jedem Geschöpf
liegt, die nicht nur den Menschen seelenvoll nennt, sondern, seelenvoll
und dem Menschen gleichgestellt, das letzte Lebewesen, dann wird erst
ein großes künstlerisches Aufblühen und damit ein inniges Vertiefen in
alle Weltleben in der Dichtung, der Malerei, der Bildhauerei und der
Musik einsetzen, so daß dann die Welt offensichtlich zu einer Festwelt
wird.
Denn ihr sollt nicht sagen, die Japaner und die Chinesen und die
meisten Asiaten erzeugen nur deshalb so viele Kunstwerke, und jeder
ihrer Gebrauchsgegenstände ist nur deshalb von einem Kunstgedanken
zum Leben gebracht, weil diese Völker ein angeborenes größeres
Kunstverständnis und stärkeren künstlerischen ausübenden Sinn mit auf
die Welt gebracht haben.
Das ist es nicht. Das ist eine bequeme Täuschung, mit der ihr euch
selbst herabsetzt, weil ihr euch in Europa nicht gründlich in aller
Weltallfestlichkeit erkannt habt, weil ihr euch nicht gründlich
vertrauen wollt und noch teilweise in einer kunstfeindlichen, weil
weltfeindlichen Weltanschauung befangen seid.
Die Künstler aller Zeiten waren wohl immer durchdrungen von der
Festlichkeit aller Leben. Es waren nur die Volksmassen, die den
Künstlern den Zwang einer beengenden Weltanschauung auflegten. Aber
auch die Völker sind im letzten Grunde immer von der Festlichkeit des
Daseins überzeugt gewesen, es fehlte ihnen nur die Reife und die Kraft
des Eingeständnisses.
Die Kunstseele ist in allen Völkern und zu allen Zeiten immer dieselbe
gewesen. So wie das Sonnenlicht jeden Tag rund um die Erde geht und
überall Sonnenlicht ist, wenn ihr es nur zu euch kommen laßt und euch
nicht vor dem Licht versteckt und das Licht nicht verbaut, und so wie
die Erde unter euren Füßen euch rund um die Weltkugel gleichmäßig
trägt und überall dieselbe Erde unter euren Füßen bleibt, so seid ihr
Menschen, wandelnd zwischen Sonne und Erde überall auf der Welt,
durchdrungen von der Lust am Betrachten, am Zuhören und Wiedergeben der
Welteindrücke, durchdrungen von der Weltallfestlichkeit, geboren.
Und aus diesem festlichen Empfinden heraus, das überall dem
Menschenleben bei allen Völkern angeboren ist, entstehen auch überall
die drei Kunstarten: Dichtung, Bildnerei und Musik. Nur schwächende
Weltanschauungen und enge Weltüberblicke können teilweise das festliche
Weltbetrachten dem Menschenherzen verkürzen, so daß die künstlerische
Wiedergabe beschränkt wird.
Setzt aber einmal bei allen Völkern eine festliche Weltanschauung ein,
so werdet ihr sehen, daß alle Völker höchste künstlerische Kräfte
besitzen, und daß das Menschenleben sich zu einem harmonischen Fest
auch in künstlerischer Hinsicht gestalten wird.
* * * * *
Halb bewußt und halb unbewußt gab ich mich damals in den Münchner
Museen diesen Betrachtungen hin. Aber heute erst kann ich sie in Worten
niederschreiben. Ich wußte damals nicht, was mich so eifrig zu den
heidnischen antiken Kunstwerken hinzog, aber mich doch im allerletzten
Grunde auch unbefriedigt ließ.
Ich wußte auch nicht, was mich an den Gemälden der christlichen Bilder
bedrückte, und was mich daran, abgesehen vom malerischen Können jener
Meister, unbehaglich, unbefriedigt ließ. Ich stand vor großen Werken
der Malkunst, aber die Maler selber, das sagten ihre Werke, waren nicht
Besitzer einer freien und natürlich festlichen Weltanschauung gewesen.
Darum fand ich mehr Freude draußen in der Natur, bei Spaziergängen, wo
das Leben der Wälder und Berge, des Himmels und der Flüsse von keinem
kurzsichtigen Zeitgeist erschaffen war, dort im Freien herrschte das
Weltallfest vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis zum Morgen. Die
Kunstwerke des Christentums konnten mir nicht dieselbe Festlichkeit
geben, wie sie mir die Natur gab. Nur die Statuen des heidnischen
Griechentums trugen ähnliche Lebensfestlichkeit zur Schau wie die immer
festliche Landschaft.
Es war mir aber damals auch noch unmöglich, mein Handeln und mein
Denken zusammen Hand in Hand gehen zu lassen, da die Gedanken nicht so
klar wie heute vor mir standen, also, der Gedanke noch nicht so sicher
die Tat leiten konnte.
Ich wußte noch nicht, wie ich die Welt in Worten knapp durchgeistigt
und verkörpert, ohne Anlehnung an die alte christliche Weltanschauung,
in Gedichten wiedergeben sollte, und war oft recht verzweifelt und von
Ungeduld geschüttelt.
Ich konnte auch niemanden um Rat fragen, mein philosophischer Freund
hatte mir nur sagen können: „Verlaß die alte Weltanschauung! Sei
ehrlich zu dir selbst. Du und wir alle haben sie im Grunde schon längst
verlassen. Du findest den Weg zu neuen dichterischen Schöpfungen von
selbst. Sei nur mutig!“ --
Verlassen hatte ich die alte Welt. Aber ich tappte noch im unklaren
und hatte keine neue vor mir. Denn die Wirklichkeitswelt, in der die
anderen Dichter damals arbeiteten, die Alltagswelt, die Welt der
Taglöhner und Proleten, die von ihnen mit Vorliebe damals aufgesucht
wurde, die schien mir nur ein Nebenweg am Hauptweg zu sein, der
eingeschlagen werden mußte, ein Vermittlungsweg zum Hauptweg.
Ich versuchte diesen Weg ein Stück zu gehen, und ich schrieb in
München, um mir zu beweisen, ob ich mit photographischer Treue das
Wirklichkeitsleben wiedergeben könnte, damals ein Drama in zwei
Akten, betitelt „Das Kind“, das mit allzu deutlicher Deutlichkeit den
Seelenzustand eines jungen Mädchens wiedergab während einer Nacht des
Abschieds von ihrem Bräutigam, und das sich am Morgen nach dem Abschied
aus dem Fenster stürzt.
Das Stück war kraß, erschütternd, aber es löste keine innere Erhebung
in mir aus. Nur die Achtung vor wirklichkeitsgetreuer Schilderung
blieb als Endgefühl in mir übrig. Und ich sah ein, daß äußere
Wirklichkeitswiedergabe nur eine Schulung für einen Schriftsteller sein
konnte, aber daß sie nicht höchstes Kunstideal werden durfte. Das Stück
wurde später im Jahr 1900 vom Münchner Schauspielhaus angenommen. Aber
ich zog es zum Erstaunen des Direktors vor der Aufführung zurück. --
Das Osterfest 1892 kam heran, und ich ging an einem Karfreitag, erfüllt
von den Erinnerungen alter Osterzeiten, durch die Kirchen Münchens
und kam in eine hohe alte Kirche, die war dunkel und wirkte wie ein
geräumiger Keller. Und die Menschenmenge, die zu dem einen Eingang
hineindrängte, Kopf an Kopf, und die Kirche durchquerte und zu einem
anderen Eingang hinausdrängte, schob mich vorwärts.
Alle großen Gemälde über den Altären und die Altäre selbst und die
Altarstufen waren, wie das immer in der Karwoche ist, mit tiefvioletten
Tüchern zugedeckt. Und durch die Weihrauchwolken sah ich die Pyramiden
der Kerzen aufragen, deren unzählige spitze Flämmlein mir den Eindruck
von goldenen Dornen machten.