alle jene Versmaße aus dem Sinn eines angeborenen Gleichgewichts
geboren. Die Südsonne und das Südblut des Mittelmeervolkes mußten dem
inneren Leben der Dichter dort einen mächtigeren Rausch und Schwung
geben, ein höheres Pathos, welches zu uns gebracht, in unser deutsches
Klima und bei unserer kühleren Rasse ewig unnatürlich wirken wird und
unwahr.
Unser Leben in Deutschland, das fast ein halbes Jahr Winter kennt,
den kurzatmigen Sommer hat, und das zugleich von einer neuzeitlichen
Emsigkeit durchdrungen ist und die Aufmerksamkeit auf ganz andere
Lebensgesetze richten muß, als es die Griechen vor zweitausend Jahren
taten, dieses Land muß ein eigenes Versmaß, seine eigenen Rhythmen
haben. Dieses Versmaß muß sich dem inneren Leben, den zarteren
Menschen, dem bewölkteren Himmel und den grübelnden Träumen, den
rauschenden Laubwäldern unseres Landes anpassen.
Die Natur jedes Landes -- Landschaft, Himmelsstrich und Sprache -- gibt
ihren Dichtern ein bestimmtes Versmaß ein.
Die Länder der Zypressen und Pinien, die Länder des heißen Südweines,
die südlichen Länder, wo keine Singvögel nisten, können nicht in
demselben Verstakt dichten wie deutsche Haine, deutsche Wiesen und
Buschlandschaften voll fliegender Sänger und kühler lauschiger
Grashügel.
Nach dieser Erkenntnis war es mir vorerst unmöglich, daran zu denken,
Gedichte zu schreiben, da ich nicht im alten Versmaß schreiben
wollte und zur Eingebung des neuen noch nicht gekommen war. Außerdem
lag nichts zur Dichtung Aufmunterndes in der Haltung des damaligen
Zeitgeistes, wie ich es vorher erklärt habe.
Und so stellte ich mich auf den Standpunkt, daß es vorläufig unmöglich
sei, Gedichte zu schreiben in einer Zeit, die voll Maschinenlärm
und Reiselärm war und mit Triumphen und neuen Wahrheiten der
Naturwissenschaft protzte.
Ich wollte mich deshalb zuerst nur in einer neuen Erzählerkunst
ausbilden, ausgehend von haarscharfster Beobachtung und genauester
Wiedergabe der zartesten Lebenseindrücke. Dann hoffte ich, es würde
sich vielleicht mit der Zeit die Sehnsucht und die Kraft zum Dichten
in mir wieder verstärken und Dichterlust eines Tages von selbst
hervorbrechen. Was ich aber im Lärm aller Neuheiten, die jetzt auf mich
einstürmten, vorläufig stark bezweifelte.
Ja, ich ging damals so weit in meinem Urteil, und war darin nicht der
einzige meiner Zeit, Dichtung und Dichten für eine Unmännlichkeit zu
erklären. Dichtung schien mir, war heutzutage nur noch möglich für
junge Mädchen, Schüler, ältere Tanten und Greise.
Der zeitgemäße Mann sollte auf die altmodische Süßigkeit gedichteter
Gedanken verzichten und das Prosawort handhaben lernen und seine
Gedanken durch die Kraft einer neuen Prosa vermitteln. --
Aber dieselbe Sehnsucht, sich von einer alten überlebten Welt zu
trennen, die damals die Dichter erfaßt hatte, die hatte alle Künstler
erfaßt.
Die Musiker, unter Wagners Führung, sagten sich von der alten Lehre
des Kontrapunktes frei. Und die deutschen Maler packte die Sehnsucht,
die Heimat in Licht und Farben wiederzugeben. Und die Dunkelmalerei
der alten Schule und das Sichbrüsten mit dem Malen von sogenannten
Charakterköpfen und Ideallandschaften wurde ebenfalls mehr und mehr
beiseite gelassen, und die Freilichtmalerei feierte ihre ersten
stürmischen Feste.
Man malte mit Weiß in Weiß, wo man vorher nur Braun in Braun gegeben
hatte, und man malte Bunt in Bunt, lustig befreit von den schematischen
Farbenlehren akademischer Abtönungen.
Und man malte das Häßlichste und das Eintönigste, sowie man auf der
Bühne den Armeleutestand und auch das Häßliche zu Wort kommen ließ und
sich bemühte, Pathos und Pose möglichst von den Brettern zu verbannen.
Die Schauspieler fingen an das Versesprechen zu verachten, weil der
geistige Zuschauer den Versstücken nicht mehr zuhören wollte und
übersättigt von Pathos und Pose war und einen Wirklichkeitshunger
abends ins Theater brachte, der entstanden war aus dem neuen wachsenden
Großstadtlärm und aus dem Bedürfnis nach Kraftbetätigung und
Wirklichkeitslust.
Die ganze Kunstwelt war in jenen Jahren vielleicht mit einem Maskenball
zu vergleichen, bei welchem plötzlich das Zeichen zur Maskenabnahme
gegeben wird. Und wo vorher sich nur Larven angesehen hatten, sah man
plötzlich wirkliche lebende Gesichter wieder, lebende Gesichter in den
Büchern, auf den Bildern und auf der Bühne.
Die Künstler begrüßten fröhlich diese Umwandlung, die Rückkehr zum
Leben ohne Larve, während die breite Bürgermasse sich nicht recht
an die entlarvten Gesichter gewöhnen wollte und nur seufzend,
rückwärtsschauend, schwerfällig und gezwungen dem neuen Zug der Zeit
Folge leistete.
Viele äußere Umstände trafen da noch zusammen, die den
Wirklichkeitssinn bei den Künstlern wachriefen und die auch die Bürger
mitrissen. Das neue ungewohnte schnelle Reisen und Orte wechseln
können, durch das damals ausgebaute Eisenbahnnetz über ganz Europa,
machte die Menschen wirklichkeitsfroh, und ebenso die Erfindung
und Anwendung des reinlichen und verblüffend hellen elektrischen
Lichtes; dessen alle Winkel ausleuchtende Klarheit ließ nachts keine
Gespensterfurcht und keine überflüssig wuchernde Romantik mehr
aufkommen.
In der Wissenschaft legte die Bakterienlehre die Ohnmacht und Macht
des Menschen klar, dem winzigsten und dem Auge unsichtbaren Lebewesen
gegenüber. Und weiter kamen dazu die aufsehenerregenden ersten Versuche
der Hypnose, die in allen Gesellschaftskreisen mit Eifer besprochen
und begutachtet wurden. Die bei diesen Versuchen sich befestigende
Überzeugung, daß der Mensch keine ihn durch Gut und Böse leitende Seele
habe, sondern daß durch den Willen eines stärkeren Menschen der Wille
des Schwächeren so ausgeschaltet werden kann, daß dem besten Menschen
in der Hypnose Böses zu tun befohlen werden kann, dieses alles half mit
am Aufbau einer neuen Weltauffassung.
Auch ein amerikanisches Buch muß ich noch erwähnen, das in jenen Jahren
in hunderttausend Exemplaren von Hand zu Hand ging. Das war Bellamys
„Rückblick aus dem Jahr 2000“. Es war ein Buch, das erstaunlich den
Wünschen und Sehnsüchten der Zeit entgegenkam, indem es scheinbar
alle Wünsche des letzten Standes mit den Wünschen der höheren Stände
so verschmolz, daß ein Idealstaat dem Leser des Buches gar nicht so
unmöglich erschien und es manche Ungeduldige für möglich hielten, im
neuen Jahrhundert diesen Staat noch zu erleben.
Ich will und kann hier nicht alles aufzählen, was in jenen
Jahren bei der Neuheit des Maschinenlebens, bei der Neuheit des
naturwissenschaftlichen Denkens, bei der Neuheit des raschen Reisens
und des plötzlich sich schnell Verständigenkönnens durch Telegraph und
Telephon mit nie dagewesener Macht die Menschen von alten Vorurteilen
entkettete, das abgezirkelte Gesellschaftsleben entkräftete und
Bewegung und Denkfreiheit in Kunst und Leben herstellte. Diesem neuen
Zeitgeist, den zuerst die Künstler erfaßt hatten, arbeitete aber der
altmodische Bürgergeschmack entgegen.
Die Bürgerkreise sehnten sich, kaum ein wenig aufgerüttelt vom neuen
Zeitgeist, scheinbar nach den Dunkelheiten des Mittelalters, so wie
einer, den durch eine aufgerissene Tür die Sonne blendet, die Hand zum
Schutz über die Augen legt oder sich nach dem Zimmerdunkel umsieht und
sich erst allmählich an die plötzliche krasse Helle gewöhnen will.
Es blühte und wuchs bei den Bürgern in jenen Tagen in Deutschland
allgemein die kindische Lust nach sogenannten altdeutschen
Stuben mit Butzenscheiben, diese Lust, die man später höhnend
Butzenscheibenromantik nannte. Bei jeder Gelegenheit wurden in
den Städten altdeutsche Festzüge veranstaltet, wo die Leute, die
im Zeitalter der Zeitungen, Eisenbahnen und der Sozialdemokratie
aufgewachsen waren, plötzlich als Faustritter, Zunftmeister,
Ritterfräulein und Ehrenjungfrauen sich gebärdeten. Als sei die
Gegenwart nicht Maskenspiel genug, wollte man auch noch am hellen Tage
die Gegenwart mit der Vergangenheit maskieren.
Jedes neue Haus mußte damals wenigstens _einen_ altdeutschen Turm
bekommen oder ganz unnötige Zinnen, und die Mode des Altdeutschen
tobte sich auch bei allen Gebrauchsgegenständen in der lebhaftesten
Weise aus. Es ist übrigens heute noch nicht viel anders. Nur ist die
Maskerade der Butzenscheiben von der Maskerade der Biedermeierei
verdrängt worden.
Die Bühnen- und Romanschriftsteller hatten sich noch zu Anfang der
achtziger Jahre so romantisch altdeutsch benommen, daß schon deshalb
Gerhart Hauptmann für jeden ernster empfindenden Deutschen nicht bloß
als Geist einer neuen Zeit, sondern auch als Erlöser vom altdeutschen
Massenwahnsinn begrüßt werden mußte. --
So lagen die Dinge der geistigen Welt, als ich im Frühjahr 1892 nach
München kam, wo die großen Brauereien eben ihre prunkenden Bierpaläste
zu bauen begannen. Da las ich im gleichen Frühjahr in den Zeitungen,
daß sich vom Glaspalast, dem großen Ausstellungspalast der Maler,
eine Malergruppe trennen wolle, die nichts mehr zu tun haben wollte
mit akademischen Grundsätzen. Dieser Gruppe Mitglieder strebten
die Freilichtmalerei und die Freiheit für jede Eigenart fern aller
Schablone an. Auf Wunsch des Prinzregenten hatte man sich aber noch
einmal geeinigt und wollte sich noch nicht vom Glaspalast trennen,
sondern die neue Malergruppe, die sich Sezession nannte, sollte im
Glaspalast einige Säle für sich erhalten.
Wenn ein Bienenvolk schwärmen will, beginnt es im Bienenkorb laut zu
summen, also summte es damals wütend in allen Bierlokalen der Stadt
München. Man ereiferte sich für und wider den Streit, der unter den
Malern im Glaspalast ausgebrochen war. So wie man vorher für und gegen
Wagner gewesen, so stritt man jetzt für und gegen die Sezessionisten.
Das Kaffeehaus Luitpold war eben erst eröffnet worden und galt als das
prächtigste Großstadtkaffeehaus Deutschlands. Das Leben in prunkhaften
Kaffeehäusern hatte damit für München seinen Anfang genommen, und
die Bürger wollten wichtiger genommen sein, seit sie ihren Kaffee
mit ihren Frauen auf rotem Samtsofa bei vergoldeten Säulen und in
Oberlichträumen einnehmen durften. Überhaupt, das Bürgerleben wurde
täglich feister, und das Sprichwort „nur Lumpen sind bescheiden“ wurde
in Bürgerkreisen zum Erziehungswort.
Bahnbrechend im Geistesleben in München war aber damals nicht bloß
die Sezession, sondern ebenso ein Häufchen Schriftsteller, die wie
weltferne Kameraden dem, in altdeutscher Maskerade protzenden Bürgertum
die maskenlose, ehrliche und erschütternde Wirklichkeit in Romanen und
Dramen darbieten wollten.
Ich erinnere mich besonders gut an einen literarischen Abend auf der
Isarinsel in dem Gasthaus „Isarlust“, das, wenn ich nicht irre, ein
paar Jahre vorher zur Zeit der ersten Elektrizitätsausstellung gebaut
worden war. Dort in einem Saal war von jener Schriftstellergruppe ein
Vorleseabend veranstaltet worden, der mich zum erstenmal in die Nähe
von wirklichen Dichtergeistern brachte.
Ich kann kaum ausdrücken, mit welcher heiligen Scheu und mit welcher
höchsten Seelenspannung ich mich auf den Weg zu jener Vorlesung
machte, und wie geweiht ich mir vorkam, die Gesichter neuzeitlicher
Schriftsteller sehen zu dürfen, ich, der bis dahin nur in Würzburg in
engster Familie, fern von allem öffentlichen Leben, aufgewachsen war.
Mir war, als sollte ich einen neuen Olymp kennen lernen. Ich hatte bis
jetzt nur Bücher aus jener neuen geistigen Welt zu Freunden gehabt, nur
Geschöpfe, aber keine Schöpfer. Außer mit meinen beiden studierenden
Freunden hatte ich bisher mit niemandem einen Gedankenaustausch erlebt,
abgesehen natürlich von den Gesprächen meines Vaters, dessen Geist mir
bis dahin die Unterhaltung von hundert Leuten hatte ersetzen können.
Als ich in jenen Vortragssaal eintrat, ließ ich mich scheu und
beklommen auf der letzten Sitzreihe nieder, reich beglückt, dort sein
zu dürfen, wo Frische und neue Geisteslust die Luft, wie mir vorkam,
leichter und zum Atmen selbstverständlicher machte.
Der Saal war ungefähr zu dreiviertel von Zuhörern gefüllt. Max Halbe
las sein Drama „Jugend“ aus der Handschrift vor. Dasselbe war noch
nicht aufgeführt. Nach ihm lasen Johannes Schlaf, Ludwig Scharf und
noch andere, deren Namen ich mich heute nicht mehr entsinne.
Ich hatte von dem, was vorgetragen wurde, da die Schallkraft des Saales
schlecht war, auf meiner letzten Sitzreihe, wo ich einsam saß, zwar nur
halbe Sätze und halben Sinn aufgefaßt, aber ich war doch ehrfürchtig
gestimmt worden, als hätte ich Stimmen aus einer anderen Welt sprechen
hören. Und deshalb blieb mir jener Abend für immer unauslöschlich in
der Erinnerung.
Doch eigentümlicherweise kam in mir nicht die Kraft auf, an einen jener
Dichterkameraden heranzutreten, mich vorzustellen und die Hand zum Gruß
zu reichen. Wohl war der Wunsch da, mich unter jene Männer zu mischen
und mich mit und bei ihnen frei und fern der Bürgerwelt zu bewegen.
Aber, wie ich schon vorher sagte, war es in jenen Tagen allgemein,
daß jeder Dichter in jenen Jahren entweder den Doktortitel führte und
auf eine Universitätsbildung zurücksehen konnte oder daß er doch das
Abiturientenexamen gemacht hatte. Ich aber, da ich Maler hatte werden
wollen, hatte nur eine Realschule besucht und nur mit Mühe und Not das
Zeugnis zum Einjährigfreiwilligendienst erlangt.
Dem geistigen Wissen meiner besten Freunde, dem Denker und dem
Schweigenden, die Studierende der Universität waren, konnte ich meine
künstlerischen Veranlagungen entgegenstellen, und es konnte dadurch
gleiche Wertstellung im Verkehr herrschen.
Den Dichtern aber, denen ich in jener Vorlesung zum erstenmal begegnet
war, hätte ich nur künstlerische Anfänge bieten können. Es waren von
mir bisher nur in der „Gesellschaft“ und in der „Wiener modernen
Rundschau“, den beiden damals einzigen Blättern des neuzeitlichen
Schrifttums, ein paar Novellen erschienen. Mein erster Roman „Josa
Gerth“ lag nur in der Handschrift fertig und sollte erst zum Herbst
1892 erscheinen.
Ich hatte also noch kein Buch aufzuweisen, um mich vor den bereits
anerkannten jungen Dichtern als Geisteskamerad auszuweisen.
Meine Familienangehörigen hatten mir außerdem, wenn ich davon
gesprochen, Schriftsteller zu werden, oft vorgehalten, daß ich
nicht die nötigen Vorkenntnisse zu diesem Beruf besäße, und daß
der künstlerische Drang zwar gut und schön sei, aber daß er kein
überzeugender Beweis dafür wäre, daß ich im Schriftstellerberuf
vorwärts kommen könne.
Auch war ich in einer Universitätsstadt aufgewachsen, in welcher der
junge Studierende alle Hochachtung genoß und dagegen der künstlerisch
Begabte herzlich wenig beachtet wurde. Wenn man noch keine großen Werke
aufweisen konnte, erschien man dort als anfangender Dichter mehr als
lächerlich und wurde ohne Universitätsbildung nicht ernst genommen.
„Glauben denn diese Leute,“ so mußte ich manchmal zu meinen Freunden
sagen, „Homer habe Ägyptisch oder Persisch oder Hebräisch studiert? Hat
man je von einem Dichter der alten Zeit verlangt, daß er ein Examen
machen mußte in fremden Sprachen und in Wissenschaften? Genügte es
nicht, daß er die Begeisterung und das angeborene Können eines Dichters
besaß?
Haben die indischen und arabischen Dichter und die alten deutschen
Barden Universitätskenntnisse besessen? -- Dichterfeuer, dichterische
Vorstellungskräfte und tiefstes Gefühl für den Weltrhythmus, nur
angeborene Kräfte besaßen jene alten Dichter alter Völker. Die
Professoren konnten ihnen nichts lehren. Nur das große Leben war immer
ihr Lehrer gewesen, und ebenso war ihnen Lehrer der Lebensernst und die
Lebensfreude.“
Und meine Freunde gaben mir stets recht. Aber was half mir das, wenn
die Bürgerkreise, in denen sich mein tägliches Leben abspielte,
unaufgeklärt und befangen waren in dem, was sie Bildung nannten.
Diese Kreise glaubten, da sie selbst die Bücher und die Professoren zur
Bildung nötig hatten, der Dichter müsse den bürgerlichen Weg erst gehen
und sollte nachher seinen eigenen künstlerischen fortsetzen. Mit dem
Satz: „Heutzutage ist es einmal so“, lehnten die meisten Leute jener
Zeit jedes höhere Verständnis für die freie angeborene Schöpferkraft
des Dichters ab, die doch über jede Universitätsbildung erhaben ist.
Einige studierte Verwandte von mir, Vettern mit Staatsanstellung,
warfen mir sogar den Ausruf hin: „Wie willst du denn Bücher schreiben
können, wenn du lateinische und griechische Fremdwörter, die in der
deutschen Sprache eingeführt sind, nicht ableiten kannst? Du wirst dich
mit falschen Ausdrücken nur lächerlich machen!“
Ich sagte ihnen zwar: „Für die, denen ein Fremdwort mehr wert ist
als ein deutsches Wort, das ich an Stelle der Fremdwörter möglichst
immer setzen werde, für die, die glauben, daß die deutsche Sprache
nur schön ist, wenn sie sich mit lateinischen und griechischen
Ausdrücken schmückt -- als ob man eine Menschenhand geschmückt mit
falschen Brillanten hinreicht --, für die, die fremdklingende Worte den
deutschen, einfachen deutlichen Worten vorziehen -- für diese Leute
will ich gar nicht schreiben.“
„Es ist gar nicht zu vermeiden,“ antworteten jene darauf, „daß man
fremde Ausdrücke anwenden muß. Die deutsche Sprache reicht nicht für
alle Begriffserklärungen aus.“
„Gut,“ sagte ich, „dann werde ich der deutschen Sprache neue Worte
geben. Denn es ist das Recht jedes wirklichen Dichters, seine
Muttersprache zu bereichern, und es ist seine Pflicht, Fremdworte
auszumerzen und an ihrer Stelle Worte mit heimatlichem Klang der
Heimatsprache zu erschaffen.“
Man lachte und zuckte die Achseln und sagte, die Erfahrung würde es mir
schon lehren, daß ich Unmögliches wolle. Und mein Vater, beeinflußt
von den Reden jener studierten Verwandten, setzte mein Taschengeld
monatlich so knapp an, daß ich ohne die Hilfe meiner Freunde hätte
verhungern müssen. Denn er wollte mich durch die Entbehrungen, die ich
mir auferlegen mußte, zwingen, von dem Vorhaben, Dichter zu werden,
abzulassen, nach Hause zurückzukehren und mein Leben einem sicheren
Geschäftsberuf zu widmen.
Auch dieses Gefühl, daß ich mich noch nicht durch das Schreiben
erhalten konnte und nur von der Gnade meines Vaters leben mußte und
nichts besaß, um auch mal fröhliche Feste feiern zu können, das hielt
mich damals davon ab, mich jenem Dichterkreis in München zu nähern, und
ich wartete bessere Zeiten ab, um dann Anknüpfung zu finden.
Die Entbehrungen zu ertragen, fiel mir leicht. Trotzdem ich in Würzburg
in einem wohlhabenden Hause aufgewachsen war und es mir nie an
irgend etwas gefehlt hatte, empfand ich die Einschränkungen jetzt im
Verhältnis zur geistigen Freiheit, die ich genoß, als fast gar nicht
vorhanden.
Es wäre mir komisch vorgekommen, wenn mich jemand als ärmer angesehen
oder mich bedauert hätte und mir gesagt hätte, ich hätte zu Hause bei
meinem vermögenden Vater reicher gelebt und besser, weil sorgloser.
Ich kam mir in jenen meinen ärmsten Tagen nie arm vor, und das Gefühl,
ich besitze alles und alle besitzen mich, und das Gefühl, Mitteilhaber
an allem Reichtum der Welt zu sein, war mir von jeher angeboren.
Ich konnte deshalb meinen Sorgen immer nur schwer glauben, bis sie
dicht vor mir standen und nicht mehr abzuweisen waren; dann kamen sie
mir erst wirklich vor. Unverständige Leute nennen dies Leichtsinn. Ich
nenne es _Sorgenblindheit_. Und sie ist der angeborene sechste Sinn
aller Künstler.
Denn wie könnten die Dichter Melodien und Lieder finden, die Maler sich
an Farben, die Bildhauer sich an Formen freuen, die Musiker an Tönen,
wenn sie sich nicht die Sorgenblindheit als sechsten Sinn geschaffen
hätten, der ihnen Schutz bietet, wie Öl, das man in die Maschinen
träufelt, damit sich die Räder nicht heiß laufen.
Und ohne die Öldrüse der Sorgenblindheit würde der eindrucksfähige
Künstler tausendmal am Wege, lange vor seinem Ziele, sorgengebrochen
zusammenstürzen.
Meine Freunde, der Denker und der Schweigende, die zu jener Zeit in
München die Universität besuchten, halfen mir in edelster Weise. Ohne
ihre Mithilfe wäre ich vielleicht doch gezwungen gewesen, ins üppigere
Vaterhaus zurückzukehren. --
In dem vegetarischen Speisehaus „Thalysia“ in der Landwehrstraße, in
welchem ich mittags ein kärgliches Reis- oder Linsenkotelett aß, fand
ich damals seltsame Menschen, von deren Anwesenheit auf der Erde ich
vorher nichts geahnt hatte. Es waren Theosophen.
Diese Menschen mit blassen Gesichtern und großen vergeistigten Augen
wirkten auf mich so befremdend, wie wenn man von einem zoologischen
Garten in die Grotte eines Aquariums eintritt und hinter Glasscheiben
im Wasser die Pflanzen der Tiefsee und die geschmeidigen Gestalten der
Meeresfauna bei künstlicher Sauerstofferhaltung leben sieht.
Mir schien, jene Theosophen hatten die Geschmeidigkeit von Fischen
oder Pflanzen, die schlank im reinen Wasser leben. Ihre Sehnsucht war,
den Indiern ähnlich zu werden, und die Lotosblume, jene auf dem Wasser
ruhende, keusche Reinheitsblume, war auch ihnen wie den Indiern das
höchste Lebenssymbol.
Aber die Indier, aus dem reichen heißen Himmel, aus dem reichen heißen
Tropenleben geboren, kamen sich zu kühlen, wenn sie sich zur Lotosblume
neigten. Die Indier kommen aus dem Reich wildester Begierden und wollen
ähnlich werden der Blume, die in Ruhe über kühlen Wassern schwebt.
Es ist natürlich, daß sie sich aus dem natürlichen Sonnenbrand ihres
Landes, aus ihres edelsteinschweren Landes Üppigkeit nach kühlender
Einfachheit sehnen und dann bei der Weltflucht und der Weltentsagung
anlangen. So wie der von der Sonne Überhitzte gern zum Schatten
flüchtet. Dagegen jene Theosophen kamen, aufgewachsen im nebelgrauen
Deutschland, in einem kargen Klima, auf einer Sorgenerde, zu der
Lotosblume wie die Fische angeschwommen.
Und sie sahen wie Fische zur Lotosblume hinauf, zu ihr, die in
einer höheren Welt lebte, zu ihr, die in der reinen Sonnenluft
atmete, während sie selbst nur in den bläulichen Dämmerungen einer
Wasserschicht ihr Dasein hatten.
Diese Theosophen, schien mir, sehnten sich aus der Kargheit
eines phantasielosen Daseins nach der Phantasieblume des Lebens.
Ihre Gedankenschicht, in der sie immer schwammen, schien mir der
Wasserschicht ähnlich zu sein, auf der die Lotosblume schwimmt. Sie
selbst aber schwammen immer um die Wurzel der Blume und sahen den
Lotoskelch nur von unten.
Denn diese Männer, die ich da sah, waren nicht durch den Weltbrand
hindurchgegangen und hatten sich nicht, um sich vom Leben zu kühlen,
ans Wasser des Gedankenfriedens niedergesetzt wie die Indier. Sie
haßten die Wirklichkeit, ehe sie sie erlebt hatten, weil sie zu schwach
und zu kühl geboren waren und die Wirklichkeit nie ihr Reich gewesen
war.
Sie lebten immer in ihren Gedankengewässern, in denen sie geboren
waren, wie der Fischlaich. Und sie sprachen von dem Begierdereich wie
Kinder, die vom Liebesleben der Erwachsenen in ihrem Kindheitsreich nur
eine verzerrte Ahnung erhalten können.
Diese Menschen, unter denen ich Reis und Gemüse aß -- weil mein Geld
nicht für Fleischspeisen reichte, da ich mir nur abends ein wenig
Wurst gönnen durfte -- diese schlanken, durchsichtigen Menschen, die
meistens in Schriften und Büchern lasen, während sie kauten, wären
mir aber in meiner Armut beinahe doch als eine tröstliche Umgebung
vorgekommen, da sie nach geistiger Erhebung und nach Gedankentiefe
strebten, wenn nur nicht die graue Lebensschwäche aus ihren grauen
Adern geklagt hätte.