In denselben Tagen war auch die Welt erfüllt vom Geschrei über Tolstois

„Kreuzersonate“. Und es hatten sich, wie für und gegen Wagners Musik,

Streiter für und gegen die „Kreuzersonate“ in allen geistigen Kreisen

des Landes aufgemacht.

Kühler lassend, aber auch aufrührerisch, wirkte das Auftreten

Björnsons, der in seinem Buch „Der Handschuh“ zum erstenmal die

Forderung aufstellte, daß der junge Mann seine Keuschheit bis zum

Hochzeitstage ebenso streng bewahren müsse, wie das junge Mädchen.

Die Erde schien in jenen Tagen dem geistig Miterlebenden im tiefsten

Geiste stündlich zu erzittern. Dem sicheren Gesellschaftsleben

war außerdem in dem noch unsicher schwankenden Geist des neue

Menschenrechte fordernden Sozialismus ein Gespenst erstanden, und

nur die Dichter wurden vorerst angelockt von der noch unbedichteten

Zyklopenwelt des Arbeitertums.

Bei verweichlichten Gemütern mußte jedes Buch dieser neuen Gattung

einen Schrecken erzeugen. Das Wohlbehagen des Bürgergeistes wurde

gewaltig gestört durch die neuen Armuts- und Arbeitergestalten, die,

ungewaschen und ungekämmt, verhungert und ungehobelt, in Fabrikluft

schwindsüchtig und elend geworden, aber mit unverheuchelt ehrlichen

Lebens- und Liebestrieben versehen, das Erbarmen und die Bewunderung

der Dichter gefunden hatten.

In Deutschland konnten darum damals gute Bürger Zola auf offener Straße

ein Schwein nennen! Auch Gerhart Hauptmann und Holz und Schlaf, die

drei ersten deutschen Verkünder des Wirklichkeitslebens in Dramen und

Romanen, waren von der sogenannten guten Gesellschaft noch geächtet,

als könnten sie mit ihren Büchern die Leprakrankheit in Haus und

Theater verbreiten.

Außerdem war da noch der Philosoph Nietzsche aufgetaucht. Ich sah zum

erstenmal in der „Gesellschaft“ -- die M. G. Conrad mit mächtigem

Sturm und Drang stark und mutig begründet hatte -- das Bild Nietzsches,

des Dichterphilosophen, im Lesesaal der Würzburger „Harmonie“ im Jahre

1891, und zugleich war da ein begeisterter Aufsatz mit einer kurzen

Angabe aller seiner Werke und mit der Nachricht, daß der große Mann

geistig umnachtet bei seiner Mutter in Naumburg lebe und wahrscheinlich

nie mehr die Klarheit seiner Gedanken zurückerhalten werde.

Ich eilte vom Lesesaal sogleich zur Stubertschen Buchhandlung und

verlangte dort Nietzsches Werk „Also sprach Zarathustra“. Niemand

in der Universitätsbuchhandlung kannte den Namen des deutschen

Philosophen. Man bestritt sogar, daß ein Philosoph dieses Namens in

Deutschland lebe oder gelebt habe. Man behauptete, ich müßte mich

im Namen geirrt haben. Man lächelte und schrieb den Namen, den der

Universitätsbuchhändler und die ihn umgebenden Herren noch nie gehört

hatten, nur ungern auf.

Man wird sich das heute kaum vorstellen können, heute, wo jeder

einigermaßen gebildete Student Nietzsches Namen so gut kennt, wie ein

Musiker Richard Wagner kennt.

„Den Philosophen Nietzsche, den Sie verlangen, kennen wir nicht.

Nehmen Sie doch die Werke eines anderen,“ so riet man mir in jener

Buchhandlung. „Einen Philosophen Nietzsche gibt es gar nicht, und wir

werden uns nur lächerlich machen, wenn wir nach Leipzig schreiben.

Bestellen Sie doch ein Werk von Kant oder Spinoza. Bei diesen Namen

sind wir sicher, daß wir Ihnen die Werke verschaffen können.“

Ich dankte für den billigen Rat und wollte gehen. Da ersuchte man mich

gnädigst, den Namen noch einmal aufzuschreiben. Drei Tage später bekam

ich aus Leipzig das Buch.

Nietzsche war bereits geistig gestorben, aber sein Werk stand vollendet

da. Ist es dann nicht erstaunlich, daß damals bloß die geistigen

oberen Zehn, die sich um M. G. Conrads „Gesellschaft“ sammelten, den

Namen Nietzsche kannten und im Besitz seiner Werke waren? Während

fünfzig Millionen Deutsche, die ahnungslos das Kommen und Gehen eines

deutschen Geisteszyklopen miterlebt hatten, so wenig von ihrem großen

Zeitgenossen wußten und so wenig an seiner Arbeit beteiligt waren, wie

wenn ein fernes Sonnensystem im Weltall untergegangen wäre, von dessen

Glanz und dessen Erlöschen nur einige Sternwarten der Erde Kunde hatten.

Und ich frage mich: woran liegt dieses auffallende Unbeteiligtsein

der gebildeten Massen an der Entwicklung großer Männer und ihrer

Geistesarbeit? Erst wenn ein Lebenswerk vollendet ist, erst wenn manche

Geister irrsinnig werden vor Überanstrengung und vor Qual über den

Unverstand und die Teilnahmlosigkeit, auf die sie stündlich stoßen

müssen, erst dann wird die heutige Gesellschaft in breiteren Massen

auf sie aufmerksam. Selten aber werden junge einsame Geisteshelden von

ermutigenden Zurufen, von der Spannung und Erwartung eines ganzen

Volkes durchs Leben getragen. Jene jungen Männer sind die einsamsten

Söhne ihres Landes, und, wie ich schon zu Anfang dieses Buches sagte,

sie müssen durch Wälder von Dornen wandern.

Heute weiß ich mir die Teilnahmlosigkeit der Nation zu erklären.

Der Hauptgrund, daß das Verachten oder Übersehen starker junger

Männer in einem Volke möglich ist, beruht auf einer unglücklichen

Weltanschauung der Menschheit. Würden die ungeheuren Kräfte und die

ungeheure Aufmerksamkeit, die die Gesellschaft graugewordenen Idealen

zuwendet, dem Weltfestlichkeitsideal zugewendet, so würde eine größere

Festlichkeit des Geisteslebens das Völkerleben verklären, und die

Schwungkraft des Geistes aller Gesellschaftskreise würde sich erhöhen.

--

Kühnheit und umwälzende Neuheit waren die Kennzeichen aller bedeutenden

Bücher der achtziger und der neunziger Jahre. Diese neuen Werke

wirkten, wenn man sie mit den auf einer alten Weltanschauung fußenden

Werken der Klassiker verglich, wie Dynamitpatronen im Bücherschranke.

Zugleich mit dem umwälzenden Geist des Schrifttums waren in jener

Zeit die Frauen teilweise der Madonnenhaltung müde geworden, und auch

der Geist der Frau wollte am öffentlichen Leben teilnehmen. Die Zeit

gärte, und es wogten im Geistesleben jener Tage zwei Strudel auf und

nieder. Künstlerbewegung und Frauenbewegung, beide von Schöpferkraft

angefeuert, hielten die öffentliche Meinung in Atem.

Von der Republik Amerika kam dazu das Wort _Arbeit_ wie ein festliches

Schlagwort herüber, und Europa echote: „Arbeit,“ und der Arbeiter wurde

zum Ritter in der Phantasie der Dichter. Und die Frau wollte nicht

zurückbleiben und wollte zur Arbeiterin werden. Sie, die vorher nur im

Hause Mutter und Dame gewesen war, sie suchte sich jetzt auch einen

Wirkungskreis außer dem Hause.

Ich muß gestehen, daß ich im Jahre 1890 noch herzlich wenig von all

diesen geistigen Umwälzungen, die in der Welt vorgingen, wußte. Ich

hatte bis zu meinem dreiundzwanzigsten Jahr von Gefühlsfragen und

von Geistesfragen, die das Weltbild von Jahrzehnt zu Jahrzehnt,

von Jahrhundert zu Jahrhundert und von Jahrtausend zu Jahrtausend

umgestalten müssen, nur eine Ahnung bekommen aus der Geschichtsstunde

der Schule oder aus den Gesprächen meines Vaters über Politik. Sonst

aber war die Welt bisher für mich scheinbar vollkommen gewesen,

unerschütterlich nach biblischen Vorbildern aufgebaut, die vom Staate

gutgeheißen und von den Dichtern mit Phantasie durchdrungen und

besungen worden waren.

In der Privatier- und Universitätsstadt Würzburg sah man nicht das

Elend und den Haß der Armen gegen die Reichen, der in Fabrik- und in

Bergwerksgegenden damals zuerst aufschrie. Denn die Kaufmanns- und

Rentierbevölkerung, die Beamten, Professoren und Offiziere, dazu die

unbekümmerte Studentenschaft gaben dem Stadtbild, bei Weinbergen und

altersgrauen Kirchen, den Frieden einer Lämmerhürde.

Das Wort Streik kannte man nur aus Zeitungen. Auch von der

Frauenbewegung und Dichterbewegung kamen damals nur die Echos in

Zeitschriften oder Zeitungen zu den stillen Gestaden meiner Vaterstadt.

--

Außer einer würzburger Zeitung hatte ich kaum einmal in einem

Kaffeehause eine andere Zeitung in der Hand gehabt, bis ich von dem

einen meiner beiden Freunde, von dem Schweigenden, eines Tages auf

das Berliner Tageblatt aufmerksam gemacht wurde. Ich höre noch seine

Worte, als er sagte: „Im Feuilleton dieser Zeitung ist immer von einer

Literatur die Rede, die nichts mit der alten Zeit zu tun hat. Diese

Kreise, die in einem neuen Geist schreiben, solltest du aufsuchen.“

Ich hatte jene Literatur bereits aus der Zeitschrift „_Die

Gesellschaft_“ kennen gelernt, aber ich war wie jeder Anfänger scheu

und wollte erst meine eigenen Kräfte sammeln und meine Eigenart

ausgeprägt haben, ehe ich mit jenen fremden Kreisen in Verbindung

trat, die mir vielleicht zumuten würden, ihre Eigenart anzunehmen. Und

ich war ängstlich, mein schriftstellerisches Ich zu hüten, bis es mir

soweit ausgebrütet schien, daß es eine Persönlichkeit bekommen hatte.

So ließ ich es beim Lesen und Wiederlesen von Jacobsens Niels Lyhne

beruhen. An diesem Buche bildete ich zuerst meine Schreibweise, und

zugleich kam mir Niels Lyhnes Weltanschauungskampf, der zwischen dem

Glauben an den alten Gott und dem Glauben an die Menschenvernunft

schwankte, nahverwandt vor. Denn auch ich wog, ähnlich wie Niels

Lyhne, noch immer die alte und meine neue Weltanschauung stündlich ab,

schwankend zwischen der qualvollen Lehre der Erbsünde, der Verdammnis

und der Belohnung nach dem Tode, und jener festlichen Denkweise, die

mir erlaubte, mich Schöpfer und Geschöpf eines ewigen Weltfestes zu

fühlen, zurückgeführt auf die Atomkraft aller Dinge.

Und so wie die Bücher der deutschen christlichen Klassiker nicht mehr

in der Mauserzeit meiner Weltanschauungen auf mich wirken konnten, da

sie mir in der gärenden Zeit zu christlich gottergeben vorkamen, so

konnte ich auch selbst nicht mehr den Wunsch hegen, ähnlich dichten zu

wollen wie die Dichter der alten Weltanschauung, die da in Reihe und

Glied die Familienbücherschränke eines jeden deutschen Hauses füllten

und den eisernen Geistesbestand meiner Zeit darstellten.

Solche Bücher kamen mir damals vor wie die jahrhundertalten

Festungswerke der Stadt Würzburg, die schweigend behaupteten, für alle

Jahrhunderte gut und nützlich zu sein und den Feind, den Erbfeind

abwehren zu können. Sie sahen auch sehr trutzig drein, diese prächtigen

Wälle, die von den klügsten Geistern ihrer Zeit zur Abwehr ausgedacht

waren und stattlich und unerschütterlich schienen, als könnten sie noch

Jahrtausenden trotzen.

Das Stadtleben aber, das sie schützen wollten, engten sie mit

der Zeit so ein, daß die Bevölkerung, die weiterwuchs und immer

licht- und luftbedürftiger wurde, durch Raummangel jeden Tag

verheerende Krankheiten ausbrechen sehen konnte, hervorgerufen durch

Menschenanhäufungen.

Und dieselben Wälle, die dem Feind wehren sollten und ihre Bürger

retten vor dem Tod durch Feindeshand, sie wären schuld geworden, daß

der Tod sich von selbst in der Stadt geboren hätte, wären sie nicht

niedergelegt worden. Denn sie waren jetzt nicht mehr die Verteidiger,

sondern die Feinde der Bürger, deren Kindern und Kindeskindern sie den

Lebensatem und die Lebensfrische unfreiwillig raubten.

Ebensolche Wälle schienen mir die vorsichtig gehüteten Geistesgüter der

Vergangenheit und einer alten Weltanschauung zu sein. Die neuen Bücher

dagegen, wenn sie vielleicht auch nicht bleibende Grundsteine zu neuen

Mauern waren, so brachen sie doch wie Dynamitpatronen Breschen in das

veraltete Geistesbollwerk der europäischen Nationen.

Die neuen Schriftsteller, die diese aufrührerischen Bücher schrieben,

wurden aber zur damaligen Zeit noch vom Adel sowohl als vom Bürger und

vom ganzen Volk, gleich den Geächteten, für vogelfrei erklärt. Das Wort

„Schweine!“ war noch das mildeste, das man ihnen nachwarf.

Und so wie sich damals Familien und Freunde in der Musik über Richard

Wagner zerkriegten, so entspannen sich in der deutschen Dichtung über

Gerhart Hauptmann und die Jüngsten geistige Bürgerkriege, die in allen

Gesellschaftskreisen mit heftigem Dafür und Dagegen ausgefochten

wurden, -- gar nicht zu sprechen von Nietzsche, dessen Name noch

lange in Bürger- und Volkskreisen so unbekannt blieb, wie er es jenem

Universitätsbuchhändler in Würzburg im Jahre 1890 gewesen.

Auch Nietzsches Buch „Jenseits von Gut und Böse“ schlug wie mit Keulen

an die guten alten Bücherschränke. Und es war eigentlich kein Wunder,

daß an der Provinzuniversität der Name eines solchen Umwerters aller

Werte noch unbekannt blieb, auch nachdem der Zyklopengeist dieses

Denkers bereits aufgehört hatte, dem Leib zu gehorchen.

Es war so viel Gärstoff in jener Zeit, so viele große Männer waren an

der Arbeit, daß, wer sich nach Geistesnahrung sehnte, reichlich genährt

wurde.

Zu jedem Weihnachtsfest gab Ibsen ein neues Drama heraus. Björnson und

Tolstoi behaupteten große Wahrheiten. Und Strindberg, der damals noch

an der Züchtung seiner gewaltigen Eigenart arbeitete, stand in der

Mitte seines Lebens und hatte noch seine mächtigsten Arbeitsjahre vor

sich.

Liliencron fing eben an seine stürmischen und weltfröhlichen Lieder zu

singen. Er trat erst mit vierzig Jahren als Dichter auf.

Die meisten der Genannten haben sich aber heute auch schon in jene

alten Bücherschränke eingebürgert, und sie sind die Klassiker der

zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts geworden; das deutsche Volk

hat sie bereits in Gnaden aufgenommen, dasselbe Volk, das sich damals

gegen ihren neuen Geist gewehrt hat.

Das Deutschland der blauen Ritterromantik und einer bleichsüchtigen

Griechentumverehrung ist in jenen Jahren abgelöst worden von jenen

Männern, die tapfer und furchtlos gegen Geistesverweichlichung weiter

Bürgerkreise wie junge Ritter mit den Arbeitern Schulter an Schulter

kämpften. --

Ich wollte mit diesen letzten Zeilen kurz eine Erinnerung des

Geistesgesichtes jener Umsturzzeit geben. Ich habe auch nicht alle

Geisteshelden jener Zeit genannt, sondern nur einige Schriftsteller

und wollte nur das Zusammenwirken jener Titanen dem Leser in

Erinnerung rufen, damit er Fuß fassen kann und meinen Weg leichter

miterleben kann, den ich ihn jetzt durch die Jahre nach 1890 bis zur

Jahrhundertwende führen will.

Ich habe im ersten Teil des Buches bereits gesagt, daß sich Stöße von

Notizbüchern bei mir ansammelten, da ich die täglichen Spaziergänge,

Gespräche und so weiter im Jahre 1890 niederschrieb und die

Eindrücke in neuen Vergleichen festzuhalten versuchte. Es waren dies

Übungen, wie ein Maler sie beim Aktmalen und der Musiker sie bei der

Kompositionslehre vielleicht ähnlich vornehmen muß.

In meinen ersten Prosaversuchen hielt ich mich nicht an die alte

Erzählungskunst der Klassiker, sondern an die neue Erzählungskunst,

die mit Jacobsens „Nils Lyhne“ mir zum erstenmal bekannt geworden

war. Diese Kunst verweilte nicht bloß am Wege, um notwendige Dinge

zu schildern, die dem Fortgang der Erzählung nützlich waren. Auch

vertiefte sie sich nicht in _moralisierende_ Betrachtungen zum

Beispiel beim Ansehen eines Sternhimmels, einer Blume, des Meeres

und so weiter, wie es die Dichter des achtzehnten Jahrhunderts mit

Vorliebe getan. Sie beschrieb auch nicht die Dinge nur der Schönheit

halber, sondern es war ihr darum zu tun, künstlerisch Leben zu geben,

vertieftes Weltsehen, das in den leisesten Bewegungen eines Blattes,

eines Baumes, das im Summen einer Biene und in der Zeichnung eines

Gesichtes festliche Erlebnisse findet. In alles Weltalleben vertiefte

sich mehr als in irgendeinem Jahrhundert diese neue Schreibart. Die

früheren Zeiten beschrieben ein Frauengesicht nur, um seine Schönheit

zu schildern, oder um festzustellen, daß jene Frau gut oder böse sei.

Nun aber enthielt man sich jedes Urteils. Die Neuen zeichneten ihre

Personen, wie ein Maler sein Modell zeichnet, das ihn anregt, und dem

Schuld oder Unschuld desselben gleichmäßig künstlerisch anziehend ist.

Man lud keinen Fluch mehr auf die Handlungen des Menschen und übte

keine offensichtliche Belobung ihrer guten Eigenschaften.

In dieser Weise schrieb Jacobsen seinem „Niels Lyhne“, der für eine

ganze Reihe von jungen Schriftstellern der neunziger Jahre gleichsam

als die Schöpfungsgeschichte einer neuen Schreibkunst galt. Jacobsen,

der Naturwissenschaftler, der Botaniker, faßte die Menschen so

behutsam wie Pflanzen an, die Menschen seiner Bücher, und schilderte

ihre leisesten Handlungen mit einem feinen Beobachten, als galt es,

Pflanzensorten zu bestimmen.

Seine durchaus nie verdammende oder beschönigende Art glich der Art

eines Arztes und nicht der eines Richters. Wie ein Arzt, der, seelen-

und körperkundig, die Fehler nachsichtig Schwächen nennt und die

Schönheiten nicht überschätzt, sondern auch diese mit Augen betrachtet,

welche die Vergänglichkeit aller Lebensformen nur zu gut kennen, und

der darum nicht übermäßig begeistert und nicht übermäßig verurteilend

auftreten kann, so war Jacobsen als Schriftsteller.

Seine Art gewann damals rasch die Herzen vieler der jüngeren

aufwachsenden Dichter. Die Seelenkunde in den neuen Büchern schien ein

großer Fortschritt zu sein gegenüber der moralisierenden Schreibart der

Vergangenheit und gegenüber dem einfachen Richtertum, das selten über

gute und böse Helden hinausgekommen war. --

Die meisten jungen Dichter der achtziger Jahre mußten mit einem

Doktortitel versehen in die Welt treten. Denn das Wort Dichter stand

tief gesunken im Ansehen des Volkes, und die komische schmachtlappige

Dichterfigur, die Wilhelm Busch im Dichter Bählamm geschaffen hat,

spukte immerfort in den Gehirnen der Dichter, die, überfüttert von

verweichlichter Lyrik, deutlich ihren Ekel und Spott zur Schau trugen,

wenn man von jemandem sagte, er dichte.

Heute ist es ein wenig besser geworden. Man ahnt wieder, daß die

Dichter ernste Männer sind, arbeitsame, kräftige Naturen voll

Wirklichkeitssinn. Man ahnt wieder, daß das Wort „Dichter“ nicht mit

dem Wort „Schmachtlappen“ verwechselt werden darf, und daß wirkliche

Dichter Kraftnaturen des inneren Lebens bedeuten, so wie große

Feldmarschalle, große Diplomaten und große Herrscher Kraftnaturen des

äußeren Lebens darstellen.

Wenn ein Dichter leiser auftritt als ein anderer Mann, wenn er

träumender umhergehen muß, so ist es, weil er das wirkliche Leben

äußerlich rascher aufgenommen hat als die anderen, blitzartiger,

und weil in ihm die Gedanken und Gefühle dann tosen. Diesem inneren

Gewitter seiner Gedanken und Gefühle muß er nachhängen und muß

äußerlich oft verstummen und sich selbst zuhören.

Jeder wirkliche Dichter wird demütig gemacht von der Wucht, Ehrlichkeit

und Eindringlichkeit seiner Gedanken und Gefühle, die ihm die Melodie

des Lebens schon offenbaren, wenn die andern nur erst Lärm und Wirrnis

sehen. Andere werden vielleicht demütig gemacht durch Niederlagen,

durch Notlagen, Enttäuschungen und durch gewaltsame Demütigungen von

außen. Der Dichter wird demütig gemacht von seiner Dichterstimme, die

ihn fortwährend begleitet, als trüge er die Weltorgel in sich, auf der

er den Lärm der äußeren Ereignisse in innere Töne auflöst.

Die Zerstreutheit eines Dichters, seine geistige Abwesenheit, der

scheinbare Hochmut, der über seiner Haltung oft unbewußt liegen kann,

die Ungeduld und der scheinbare Größenwahnsinn und sein Stolz -- alles

sind Zustände, wie sie die andern Menschen vielleicht kaum zehnmal

in ihrem Leben kennen lernen, ein Zustand, wie ihn ein Feldmarschall

während einer Schlacht empfinden muß, wenn diese noch zwischen Sieg

und Niederlage schwankt. Der Dichter ist in jedem Augenblick auch

ähnlich einem Erfinder, der nahe daran ist, der Welt eine Entdeckung

zu offenbaren, und den nur noch fünf Sekunden von dem Recht trennen,

darüber aufgeklärt zu werden, ob er sich in seinen Voraussetzungen

geirrt hat oder nicht.

In diesem steten Schöpferzustand, in diesem ununterbrochenen

Schöpfungsfieber bewegt sich das Leben des Dichters vom ersten

Gedicht bis zum letzten. Er erledigt das äußere Leben blitzartiger,

vorausfühlend und vorauswissend, wo die andern erst an der Tür des

äußeren Ereignisses stehen. Aber die Verinnerlichung, in der er zum

zweitenmal die äußeren Erschütterungen in sich lautlos nachleben und

in Worte und Rhythmen bringen muß, ist ihm wichtiger und scheinbar

wirklicher.

Ein Dichter im Verkehr wirkt deshalb immer unbequem, rätselhaft und

ungelenk. Er scheint nur mit dem einen Fuß mitzutanzen, während die

andern mit beiden Beinen Lebensgaloppaden ausführen.

Ein ernster Dichter wird immer den Frauen und den Männern

ungesellschaftlich vorkommen, denn während sie ihn noch im Gewande oder

in den Melodien seiner letzten Werke sehen und ihn darüber befragen

möchten, hat seine innere Welt längst neue Töne angeschlagen, und er

kann den Fragenden nicht einmal mehr antworten, da er fortgerückt und

tief benommen ist von dem neuen Schöpfungsfieber, das ihn gepackt hat,

und das ähnlich ist dem Fieber bei einer wogenden Schlacht.

Es würde keinem vernünftigen Menschen einfallen, von einem

Feldmarschall beim Höhepunkt einer Schlacht Aufmerksamkeit für andere

Ereignisse als die mit der Schlacht zusammenhängenden zu verlangen. Ein

anderes Verhältnis besteht aber zwischen Welt und Dichter.

Der Dichter, der nur für die Schlacht in seinem Inneren Ohr hat,

wird meistens als unvernünftig angesehen, wenn er sich in seiner

Hingerissenheit nicht zugleich auch in seiner äußeren Welt so fest

behaupten kann wie die andern. Er gilt als dumm und blöd, wenn er sich

dort nicht helfen kann, wo die anderen sich spielend helfen.

Er gilt der Welt als frech und anmaßend, wenn er Ansprüche an die

Mitwelt stellt, die ihm vom Standpunkt seiner Schöpferkraft aus klein

scheinen, während die anderen den scheinbar Lebensunbeholfenen und

scheinbar Lebensblöden bescheiden und anspruchslos und möglichst

verzichtend haben wollen, da er von seiner inneren Welt reichlich

entschädigt sei, wie sie triumphierend behaupten.

Als ob jeder Künstler die äußere Welt nicht immer reichlich nötig hat,

um zur inneren zu kommen!

Der Gedanke, daß ein Dichter nur eine Dachkammer benötige, und daß

nur die Not ihm Dichterträume gibt, lebte besonders zur Blütezeit

der alten Weltanschauung eingewurzelt im deutschen Volke. Heute

ist es aber bereits besser geworden, wenn auch die Dichter noch

lange nicht vom Staat Pfründen beziehen wie die Kirchenbeamten oder

Gehälter wie die hohen Staatsbeamten. Und doch wäre dieses eigentlich

selbstverständlich, denn der Dichter, der Maler, Bildhauer und Musiker,

sie sind die höchststehenden geistigen Beamten des Staates, und sie

sind durch ihr Schaffen neuer geistiger Güter höher an Würde und Rang

als die größten politischen Führer jedes Volkes. Die Künstler sind die

reichsten Festgeber des festlichen Daseins der Menschheit, und dafür

hat ihnen jeder Staat zu danken.

Ich setze diese Erklärung und Verteidigung der Künstler hierher, weil

ich eben jene Zeiten erlebt habe, in denen Gedicht und junge Dichter

bei der menschlichen Gesellschaft niedriger im Wert standen als im

Mittelalter die Scharfrichter und ihr Handwerk. Aber wer gründlich

verachtet wird wie der Henker, dem wird doch noch von den anderen ein

_volles_ Gefühl zuteil, das Gefühl des Abscheus.

Aber in jener Zeit, die ich meine, hatte man für den jungen Dichter in

den Gesellschaftskreisen entweder ein mitleidiges Achselzucken, oder

ein solch junger Geist wurde kurzweg als eine Lächerlichkeit angesehen,

die nicht einmal mit ernstem Spott verfolgt wurde; er war für die

Gesellschaft Luft und hatte kaum Daseinsberechtigung. --

* * * * *

Durch die neue Weltanschauung war ich aus dem Gleichgewicht der

griechischen Rhythmen und einlullenden gutmütigen Melodien der alten

Dichterwelt aufgerüttelt worden, und die Trochäen und die Jamben und

der Hexameter, alle die uns von den Griechen überkommenen Versmaße,

schienen mir undeutsch, zu feierlich und nicht auf die heutigen

Lebensäußerungen und Lebenszerrissenheiten anwendbar, mit denen der

Arbeitsgeist uns Menschen einer neuen Welt umgibt.

Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band · 第 9 / 21 段