gar kein Gewitter. Das ist meine Schöpferkraft! Bleibe! Ich werde dir
dann die Krawattennadel gleich verwandelt zeigen.“
Ich lief aber schon fort, während er das sagte. Und ich tat, als wären
mir meine Zeichenmappe und auch mein neuer Strohhut im Augenblick
wichtiger als die zweifelhafte Verwandlung der Krawattennadel. Denn es
begann eben mit talergroßen Tropfen zu regnen.
Mit großen Sätzen sprang ich bergab dem Gutshof zu. Ich hatte mich nur
einmal umgesehen und zufrieden bemerkt, daß mein Freund, immer das
Taschentuch durch die Luft schwingend, mir eiligst folgte.
Im Gutshof unter der Haustüre erwartete ich ihn. Er kam aber
nicht eilig, sondern kam gemächlich unter den großen Regentropfen
dahergewandert und behauptete, er habe mit seinem Taschentuch den
Regen von sich abgehalten. Und trotzdem ihm das Regenwasser von beiden
Schultern lief, meinte er, er wäre gar nicht naß geworden.
Jetzt begann ich mich über all die Torheit laut zu ärgern, und
ich hielt ihm seine Selbsttäuschung vor. Er aber sagte, er habe
Herrlicheres erlebt, als ich mir vorstellen könne. Er sei jetzt ganz
frei von der Elektrizität, die in ihm aufgespeichert gewesen, denn
den Donnerschlag und den Blitz, die hätte er mit seinen Kräften
hervorgebracht. Das Gewitter wäre nur Schein und Einbildung von mir
gewesen.
„Jawohl,“ sagte ich, „und dein Rock, der jetzt auf den Schultern ganz
naß ist, und der Regen, der dich bis auf die Haut durchnäßt hat, nennst
du das auch Einbildung?“
„Das ist nur in deinen Augen so,“ entgegnete er mir. „Ich sehe keinen
Regen an mir. Ich bin ganz trocken. Und dich hätte auch kein Regen
eingeholt, wenn du mir vertraut hättest und nicht vorausgelaufen
wärest. Denn ich ging trocken im Regen nach Hause, weil es mein Wille
war, daß der Regen mich nicht berühren sollte.“
„Und die Krawattennadel ist vielleicht jetzt ein Diamant geworden,“
höhnte ich ein wenig.
„Du bist immer so ungeduldig,“ klagte er. „Wärest du nicht
fortgelaufen, wäre der Kiesel längst ein Diamant. Der Stein hat sich
aber wieder zurückverwandelt, weil du das Gewitter mit deiner Furcht
unterbrochen hast.“
Ich wollte: „Unsinn“ sagen, schwieg jedoch und sagte, ich wollte ihm
einen Regenschirm holen, damit er auf dem Heimweg nicht naß würde. Er
behauptete fortgesetzt, er würde nicht naß, er würde den Schirm nicht
aufspannen.
„Denn wenn man von der Weltanschauung _keinen Nutzen_ haben soll,“
lachte er, „dann ist ja die ganze Sache langweilig.“
Ich war erschüttert über den ihn erniedrigenden Ausspruch, den er da
tat, und ich hätte aufweinen mögen. Seine Rede schnitt mir ins Herz.
Er sprach von Nutzen und Vorteil. Während er früher nichts als die
Erhabenheit seiner Gedanken erleben wollte, wollte er die Gedankenkraft
jetzt in Diamanten und in irdischen Nutzen umsetzen. Aber Schuld daran,
das leugnete ich keinen Augenblick vor mir selbst, war ich.
Als ich im Hause in meinem Zimmer den Regenschirm holte, erschien
mein Freund plötzlich unter der Tür, und rief aus: „Ah, du hast
einen eisernen Ofen im Zimmer! Ich habe zu Hause leider nur einen
Kachelofen. Und wenn ich gestern einen eisernen Ofen im Zimmer gehabt
hätte, hätte ich mein Waschwasser in kölnisches Wasser verwandeln
können.“
Ich wurde ganz traurig und ich ließ ihn reden. Er aber stellte einen
Stuhl an den Ofen und bat mich, auf den Stuhl zu steigen. Ich sollte
mit der einen Hand den Ofen berühren. Meiner anderen Hand reichte er
den Zipfel seines Taschentuches hin.
Er behauptete, das Taschentuch sei jetzt mit seiner Elektrizität ganz
gesättigt. Er hatte vorher Wasser in die Waschschüssel gegossen und
hielt nun mit der rechten Hand das andere Ende des Taschentuches. Seine
linke Hand aber tauchte er in das Waschbecken.
„Nun ist der Strom hergestellt,“ triumphierte er. „Soll ich nun das
Wasser in Rosenwasser oder in kölnisches Wasser verwandeln?“
Ich mußte beinahe auflachen. Aber er bat mich inständig, meine
Gedanken zusammenzufassen, und wir entschieden uns, das Waschwasser in
Rosenwasser zu verwandeln.
Plötzlich rief er: „Ach, ich habe ganz vergessen; du bist nicht
isoliert genug. Ziehe deine Stiefel aus!“
Dagegen sträubte ich mich, und er ließ es dabei bewenden, daß ich die
Stiefel anbehalten durfte.
Unser Anblick wäre für einen plötzlich Eintretenden äußerst komisch
gewesen. Feierlich schweigend bildeten wir die Stromkette vom Ofen bis
zum Waschtisch, und als Verbindungsglied zwischen mir und meinem Freund
schwebte das weiße Taschentuch.
Nach einer kleinen Weile sagte er: „Jetzt ist es genug. Jetzt muß die
Verwandlung fertig sein.“ Und er nahm von meinem Schreibtisch ein Stück
Fließpapier, tauchte es vorsichtig in das Wasser, roch dann an dem
durchtränkten Papier und behauptete, daß es einen schwachen Rosengeruch
habe.
„Ja,“ stimmte ich bei, „es riecht nach Rosen im Zimmer.“ Das war
auch wahr, denn die Sonne war eben untergegangen, und durch das
offene Zimmerfenster strömte der feine Atem der Rosenbüsche aus dem
tiefgelegenen Garten herauf. Ich wollte meinen Freund aber nicht daran
erinnern, daß dieser Rosenduft jeden Abend nach Sonnenuntergang ins
Zimmer kam, denn ich war müde von der Narretei.
Er sagte dann ganz ernst: „Der Duft des Wassers wird wahrscheinlich
nicht lange anhalten, denn es ist dies heute das dritte Wunder, an das
ich meine Kräfte verschwendet habe, und die Elektrizität war nicht mehr
stark genug in mir, um das Wasser bleibend in Rosenwasser verwandeln zu
können. Schade, daß ich das Gewitter hinter den Berg geschickt habe.
Wenn es über das Haus gezogen wäre, hätten wir seine Kraft mit zur
Bereitung des Rosenwassers verwenden können.“
Ich sah hinaus. Der Himmel war klar, das Gewitter war verschwunden, und
der Abend breitete sich friedlich über Felder und Gärten aus.
Sichtlich stolz auf seine Leistungen, steckte jetzt endlich mein Freund
das Taschentuch in seine Brusttasche, und ich begleitete ihn zur Stadt
den Berg hinunter. Ich wollte ihn in dem unklaren Zustand, in dem
er war, wenigstens bis zum Stadttor folgen. Ich fürchtete, er würde
unterwegs vielleicht im Felde sitzen bleiben und irgendein neues Wunder
ausdenken.
Vor dem Burkardustor war damals ein großer Zimmerplatz am Mainufer.
Dort lagen lange Baumstämme und Balken, zu Haufen geschichtet, auf dem
Rasen. Als wir an dem Platz vorüberkamen, stand der Mond mit schwach
leuchtendem Halbrund am Himmel. Es war dämmrig geworden, und das
Mondlicht begann auf den glatten Stämmen des Zimmerplatzes zu glänzen.
Ich wollte mich jetzt von meinem Freund verabschieden. Da deutete er
nach dem Mond und sagte: „Warte einen Augenblick! Ich will doch noch
versuchen, dir noch ein ganz einfaches Wunder zu zeigen.“
Ich wollte nicht hinhören und sagte: „Mein Vater wartet mit dem
Abendbrot auf mich. Ich muß eilen, um auf den Berg zurückzukommen.“
Mein Freund aber war schon auf einen Balkenhaufen geklettert.
Schleunigst zog er, oben sitzend, seine Stiefel aus und stand nun da,
aufgerichtet auf den Zehenspitzen, die Arme hoch zum Mond gehoben,
während ich an dem Bach -- der damals noch nicht überbrückt war -- an
einem Maulbeerbaum lehnte und dem Wundersüchtigen von weitem zusah und
nun wirklich von Herzen wünschte, es möge ihm gelingen, vor mir in den
Mond zu steigen, damit wir nicht mehr von den Wundern weitersprechen
müßten.
Es wurde dämmeriger. Wolken schoben sich vor den Mond, und einen
Augenblick schien es wirklich, als wäre mein Freund im Dunkel
verschwunden. Da wurde mir bang, und ich rief mehrmals seinen Namen.
Er war aber nur hinter die aufgestapelten Balken gestiegen und hatte
dort seine Stiefel wieder angezogen. Nun kam er zurück und bewegte
wieder lebhaft das Taschentuch in seiner Hand. Und er sagte: „Es wird
mir gelingen, ich weiß es ganz gewiß. Jetzt ist es Halbmond, aber wenn
es Vollmond ist, wird der Mond kräftig genug sein, mich zu sich zu
ziehen.“
Dann nahm er ganz vergnügt Abschied, und wir trennten uns. Nachher auf
dem Heimweg hinauf zum Gut in der Stille des dunkelnden Heckenwegs
atmete ich auf, als wäre ich einem Zauberer entronnen.
War die Welt nicht wundervoll, wie sie da im Sommerabend nach dem
Gewitter in der gereinigten Luft vor mir lag auch ohne Wunder? War
es nicht wundervoll, als Mensch zu wandern und sich Mensch und sich
nur als Mensch zu fühlen? Warum sollte man fliegen oder Verwandlungen
vornehmen?
Als wäre ich von einem Alpdruck aufgewacht aus einem quälenden Schlaf,
so befreit fühlte ich mich jetzt auf dem Abendweg. In der Ferne stand
der Schattenriß des Giebels vom Gutshaus am Bergabhang. Ein Lichtpunkt
leuchtete auf der dunklen Terrasse. Am Himmel flimmerten ein paar
vereinzelte Sterne.
War es nicht Wunder genug, zu wissen, daß man lebte?
Der Lichtpunkt auf der Terrasse und die Lichtpunkte der Sterne waren
einander ähnlich, und doch wußte ich, die Lichtpunkte oben am Himmel
waren riesige Weltenkörper, und auf der Terrasse unten stand nur eine
kleine Petroleumlampe auf einem gedeckten Tisch, auf dem das Abendbrot
wartete.
War das nicht Wunder genug, daß riesige Welten klein wie Lampen werden
konnten, klein wie eine Lampe, die auf einem Menschentisch steht?
_Beim feierlichen Bewundern der Lebensdinge werden alle Leben Wunder!_
Heute kann ich mir mein Empfinden in Worten ausdrücken. Damals genoß
ich es ohne umfassendes Wort.
* * * * *
Einige Tage nach diesem Augustnachmittag war ich wieder in unserer
Stadtwohnung, als der andere Freund, der Schweigende, zu mir kam und
mich fragte, wann ich zum letztenmal den jungen Philosophen gesehen
hätte. Derselbe sei nicht mehr ins Kolleg gekommen, auch wäre ihm nicht
geöffnet worden, als er den Freund in dessen Wohnung aufgesucht habe.
Auf Nachfrage bei seiner Hausfrau habe diese geantwortet, ihr Mieter
liege seit ein paar Tagen zu Bett, wolle aber keine Besuche empfangen,
habe auch kein Essen zu sich genommen und wünsche nur in Ruhe gelassen
zu sein. Sie gehe deswegen gar nicht mehr an seine Türe, da er jedesmal
von drinnen herausrufe, daß er nicht gestört sein wolle.
Das, was ich da hörte, erschreckte mich gewaltig. Ich erzählte in
kurzen Zügen dem Schweigenden die Vorgänge des Nachmittags: daß unser
Freund mit dem Vorsatz, Wunder zu wirken, zu mir gekommen und noch im
gleichen Wahn von mir fortgegangen sei.
„Er muß uns öffnen,“ sagte ich. „Er darf nicht sich selbst überlassen
bleiben, sonst verfällt er in Irrsinn. Hoffentlich ist es noch nicht
zu spät.“ Der Schweigende nickte, und dann eilten wir beide nach der
Wohnung des jungen Philosophen.
Es war sechs Uhr abends, heller Sommerabend. Und als wir in das
altmodische Haus traten, in welchem unser Freund ein Zimmer gemietet
hatte, war es in dem großen Treppenraum still, und nur unsere Schritte
hallten auf der geräumigen Holztreppe des weiten Stiegenhauses. Mit
einigem Staunen sahen wir, als wir den oberen Flur, der durch keine
Türe von der Treppe abgesperrt war, erreicht hatten, daß dort auf den
Sandsteinfliesen viel Wasser ausgeschüttet war.
Wir dachten aber an nichts Besonderes dabei, sondern meinten, daß
dieses durch die Unachtsamkeit eines Dienstmädchens geschehen wäre;
denn im gleichen Flur war ein Wasserhahn an der Wand angebracht, mit
einem eisernen Becken darunter. Da war es leicht möglich, daß das
Wasser im Becken vielleicht übergelaufen war, wenn der Beckenabfluß
verstopft und der Hahn nicht zugedreht gewesen.
Vorsichtig über die Wasserlachen steigend, kamen wir zur Zimmertür.
Wir klopften, aber wir erhielten keine Antwort. Der Zimmerschlüssel
steckte, also mußte unser Freund zu Hause sein. Wir klopften mehrmals
und versuchten durchs Schlüsselloch zu spähen, und ich sehe uns da
noch heute vor der großen weißlackierten Türe beratschlagen, immer
ängstlicher werdend, weil wir nicht mehr wußten, was wir zu tun hatten.
„Vielleicht ist er eingeschlafen,“ meinten wir dann und wir
beschlossen, einen Augenblick auf der Treppe zu warten, denn es
ging augenscheinlich etwas Unheimliches vor. Das sagten uns immer
eindringlicher die großen Wasserflecken, die, wie es mir auf einmal
schien, ganz von selbst anwuchsen und sich immer mehr über die
Steinfliesen ausbreiteten. Wir stiegen über die Wasserseen zurück bis
zur breiten Holztreppe. Dort standen wir zaudernd und warteten, an das
Geländer angelehnt. Endlich setzten wir uns auf die oberste Stufe und
überlegten.
Während wir noch in die Haustiefe zur Treppe hinunterhorchten und immer
hofften, der junge Philosoph möge ausgegangen sein und würde plötzlich
nach Hause kommen, da fuhren wir auf einmal beide gleichzeitig in die
Höhe, denn das Wasser, das wir aus dem Auge gelassen hatten, hatte uns
am Treppenrand erreicht, und wir sahen staunend, daß es jetzt wie ein
fließender Bach von Stufe zu Stufe hinunterlief.
Wir sahen beide unwillkürlich nach der weißen Zimmertür und verstanden
nun, daß die Unmenge Wasser aus dem Zimmer unseres Freundes kam.
„Was ist das wieder für ein Streich?“ entfuhr es dem Schweigenden.
Das bewegliche Wasser, das da neben uns das einzige Leben im
Treppenhause war, blickte uns an und sagte uns: „Es ist ihm nichts
Schlimmes geschehen, und ihr braucht euch nicht zu ängstigen. Er macht
nur neue Wunderversuche.“
Jetzt hörten wir auch, daß einige Gefäße im Zimmer, Eimer und
Waschschüssel, klirrten, als würden sie zur Seite gerückt. Unsere Laune
heiterte sich auf. Wir klopften nun lebhafter an die Türe und riefen
lachend, daß wir eintreten wollten.
„Es ist offen,“ rief drinnen die Stimme unseres Freundes.
Rasch drückten wir die Türe auf, und nun wurden wir noch mehr erstaunt.
Wir sahen eine Wasserfläche, weit ausgebreitet über den ganzen
Zimmerfußboden, vor uns. Und in seinem Bett, mit dem Augenglas auf der
Nase, lag der junge Mann mit feuerrotem Kopf und vergnügt lachend.
Er erklärte uns, daß er noch einmal Versuche gemacht hätte, sich und
diesmal auch das ganze Zimmer vollständig zu isolieren, damit er
dadurch neue Elektrizitäten in seinem Körper ansammeln könne, die er
heute nacht zum Aufstieg in den Vollmond brauchen wollte. Er sagte
auch, er habe tagelang nichts gegessen, sondern nur Zigaretten geraucht
und sich Kaffee und Tee bereitet.
Als wir durch das Wasser hindurch zu ihm an sein Bett traten, sahen
wir erst, daß er im Gesicht seltsam zerschunden war. Er hatte sich
die Backenknochen, die Stirnecken, Nase und Kinn so sehr mit dem
Taschentuch gerieben, daß diese Stellen wie offene rote Wunden
leuchteten. Und umgeben von diesem Kranz von Röte, glänzten unheimlich
funkelnd seine Augengläser.
Aber das Vergnügen, daß wir ihn lebend antrafen und auch scheinbar
noch bei Verstand, überwog den Schrecken dieser Eindrücke,
und wir versuchten mit Lachen und Scherzen und Plaudern seine
Wundersucht ins Komische zu ziehen und sie als harmlos und spaßhaft
hinzustellen, und brachten es auch fertig, ihn zu überzeugen, daß
diese Nervenüberspannung, hervorgebracht durch Hungern, Rauchen und
Teetrinken, ihn nur schwächer und nicht stärker mache.
Er befahl uns zwar mehrmals, ihn allein zu lassen, vorgebend, er wolle
schlafen. Aber wir ließen uns nicht so leicht abweisen. Da wir nun
ins Zimmer eingedrungen waren, wollten wir es nicht so bald wieder
verlassen, bis wir ihn gesund und vernünftig gemacht hätten.
Wir riefen das Dienstmädchen. Ihr sagten wir, der Wasserhahn wäre offen
gewesen, und das Wasser wäre von draußen hereingeflossen. Daß der junge
Philosoph selber Eimer um Eimer geholt und in sein Zimmer ausgegossen
hatte, das wäre ihr natürlich nie eingefallen auszudenken. Aber man
sah es ihr an, daß sie auch nicht verstehen konnte, wie das Wasser von
draußen hereingeflossen war.
Während viele Hände nun die Flut hinausbeförderten und der junge Mann
im Bett sich ärgerte, daß man ihn nicht in Ruhe ließ, lief einer von
uns fort und kaufte Essen ein, und wir überredeten den Freund, Nahrung
zu sich zu nehmen, was er dann auch tat. Wenn er von Wundern reden
wollte, fingen wir beide an, der Schweigsame und ich, zu schmunzeln
und dann zu lachen. Und besonders der Schweigsame verstand es gut, mit
gesundem Spott des andern ungesunde Wunderlust lächerlich zu machen.
Ich war froh, als der Wundermann endlich mitlachte, und als er, nachdem
er gegessen und Bier getrunken hatte, wieder Schlaflust bekam, die er
seit Tagen künstlich vermittelst Tee und Tabak von sich fern gehalten.
Er mußte uns versprechen, zu schlafen und nicht mehr an Wunder zu
denken und im Bett zu bleiben, bis wir ihn am nächsten Tag wieder
besuchen würden.
Das tat er auch wirklich, und er schlief noch, als wir ihn am nächsten
Mittag um zwölf Uhr wieder aufsuchten. Dann war seine Rede wieder
vernünftig, und nur noch die roten Flecken in seinem Gesicht, die
erst nach einigen Tagen verschwanden, erinnerten an die fieberhafte
Wundersucht, die ihn beinahe um Verstand und Leben gebracht hätte.
* * * * *
Nach diesen Erlebnissen mit dem jungen Philosophen war mir eigentlich
das Sprechen mit ihm über Atomkraft und über die neue Weltanschauung
verleidet, und es war mir lieb, daß mein Freund, der erst vorhatte,
den Ferienkurs in Würzburg zu besuchen, sich entschloß, zu den Ferien
heimzureisen, um in der Universitätsstadt, in der er geboren war,
Ferienkollegs zu belegen.
Als das Wintersemester begann und er wiederkehrte, war er wieder
derselbe ruhige und stilldenkende gesetzte Mensch, als den ich ihn
immer gekannt hatte. Er hatte dann auch viele Kollegs zu besuchen,
und sein Studium nahm ihn derart in Anspruch, daß er nicht mehr so
ausschließlich der von ihm auf Physik und Chemie angewandten Lehre der
Atomkraft nachgrübeln konnte. Aber das will nicht sagen, daß er die
neuen Gedanken bei Seite gelegt hatte. Er holte sie immer wieder vor
und ließ sie nicht los und legte sie auch ein Jahr später in einem
Manuskript nieder; nur auf plumpe Wunderversuche ließ er sich nie mehr
ein.
Wenn ich ihn manchmal nach Jahren wiedersah, in dieser oder jener
deutschen Stadt, wo er als Assistenzarzt weilte, und auch dann, als
er später selbständiger Arzt geworden, so war seine Atomkraftlehre
immer mit neuen Erklärungen chemischer und physikalischer Vorgänge
weitergediehen, und er hat diese Lehre niemals aufgegeben, sondern sie
immer mehr vereinfacht und ausgearbeitet.
Doch die Anwendung der neuen Weltanschauung auf das Gesellschaftsleben
der Menschheit und auf das einzelne Menschenleben kam ihm als etwas so
Selbstverständliches vor, daß er sich nicht weiter Mühe gab, darüber
etwas niederzuschreiben.
Mir aber, in meinem Schriftstellerberuf, bildete sich die neue
Weltanschauung zu einer Mündigkeitssprechung der Menschheit aus. Und
die Zeit von 1890 bis heute, vor allem die Zeit von 1890 bis 1900, war
für mich eine fortgesetzte Entwicklung zu einem neuen Menschentum hin
auf Grund der neuen Weltauffassung, von der ich heute fest überzeugt
bin, daß sie dazu da ist, die Menschheitsideale von morgen zu schaffen,
denn das Weltfestlichkeitsgefühl liegt im Menschen eingeboren, _es
ist keine Lehre, sondern ein natürlicher Zustand, den jeder an sich
erkennen kann_.
Ich habe diese Weltauffassung in der Dichtung angewandt und habe sie
bewußt und unbewußt bei allen Begegnungen mit Dichtern, Künstlern und
geistigen Zeitgenossen aus mir sprechen lassen.
Meine festliche Weltauffassung wurde mir aber oft als Oberflächlichkeit
oder Leichtsinn ausgelegt. Um nun endlich ganz verstanden zu werden,
in Werken und Handlungen, will ich die Entwicklungsjahre jener Zeit
weitererzählen und die Zeitspanne, in der die neue Umwandlung am
auffallendsten bei mir zutage trat, im nächsten Abschnitt dieses Buches
schildern.
* * * * *
Noch immer liege ich nach dem Sturz mit steifem, schmerzendem Bein im
Bett. Aber ich bin erstaunt, wenn ich feststelle, daß ich Wochen am
selben Fleck gelegen habe. Es ist mir, als hätte ich keinen Augenblick
still gelegen, denn ich bin Meilen über Meilen in das Jahr 1890
zurückgewandert.
Ich erlebte nach dem Sturz in den wenigen Minuten im Gartensaal
des Gutshofes, als ich meine und meines Freundes Photographie dort
stehen sah, blitzartig jenen Augustnachmittag wieder und die wirren
Wunderversuche des jungen Philosophen.
Die Glocken schweigen jetzt mittags, denn die Zeit des
außergewöhnlichen Trauergeläutes für den verstorbenen Prinzregenten
ist abgelaufen. Die Glocken haben mich gut in die alten Zeiten
hineingesungen, so daß ich sie im Geiste immer weiter singen höre, auch
wenn sie mittags nicht mehr läuten und nicht mehr melodisch brausend
mein Zimmer umkreisen.
Kaum aber kann ich noch glauben, daß ich bereits im Jahre 1913 lebe,
denn ich habe auf der Erde noch keinen Schritt in diesem Jahr getan.
Nur meine Gedanken marschierten.
Dreiundzwanzig Jahre, die mich vom Jahre 1890 trennen, sind
verschwunden, als wenn sie nie gewesen wären. Ist das nicht auch eine
Festlichkeit, keinen Schritt mit seinen Füßen in der Gegenwart tun zu
können und im Geist bei den Geistern alter Jahre Spaziergänge zu machen
mit frischen Jünglingsgliedern?
Und ist das nicht auch eine Festlichkeit, daß ich bei den Erinnerungen
die Schmerzen der Gegenwart ganz vergessen und mein Buch beginnen
konnte?
Das ist ein großes festliches Wunder, daß die Zeit des Menschen
Wunsch gehorchen muß, und daß der Mensch der Gegenwart Schmerzen in
Vergessenheit verwandeln kann.
Es ist mir das eine neue Bestätigung dafür, daß das Leben in Leid und
Freude ein Fest ist.
Und ich muß es immer wiederholen: _Das Leben ist unter allen Umständen
ein Fest._
_Für den Armen und für den Reichen, für den Lebenden und für den
Sterbenden ist es festlich, wenn wir es nicht bloß mit äußeren, sondern
auch mit inneren Kräften erleben und uns Schöpfer und Geschöpf zugleich
fühlen wollen._
* * * * *
Mein Lebenslauf in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war
folgender:
Nachdem ich mein Vaterhaus Weihnachten 1891 verließ, flüchtete ich
fort aus den Bürgerkreisen zu den „hundertjährigen“ Männern. Ich meine
damit diejenigen Dichter und Denker, denen ich teils in Büchern, teils
in der Wirklichkeit begegnete, jene, die reif und weise geboren sind,
wenn sie auch noch einen jungen törichten Körper haben, jene, die
einen bestimmten Grad von Unsterblichkeit besitzen, auch ehe sie ihr
Lebenswerk vollendet haben.
Bis 1890 war ich im alten geistigen Deutschland aufgewachsen, im
Deutschland von Schiller und Goethe, im Deutschland der Idealisten. Ich
hatte noch keine Ahnung, daß dieses nicht mehr das heutige geistige
Deutschland war, trotzdem ich empfand, daß die Gedichte, die ich bisher
gelesen, wie ein alter vererbter Familienschmuck wirkten, und daß sie
auf ihrem Glanz und in ihrer Sprache bereits eine dicke Patinaschicht
trugen. Und auch alle die Gedichte der späteren Romantiker brachten
eine süße Friedlichkeit mit, wie die alten Mahagonischränke sie
ausströmten, in denen jene Bücher ihre Behausung hatten.
Körner und Kleist, Hauff und Mörike, Uhland und Rückert, Heine
und Klopstock, ihre Bücher waren gütig und ehrwürdig und von der
Vergangenheit geheiligt und gaben dem Zimmer, in dem sie standen, eine
glückliche Ruhe und eine Weltferne. Und dieses wunderte mich nicht,
denn sie waren aus alter Zeit. Aber daß die neueren Schriftsteller, die
der sechziger und der siebziger Jahre, einen süßen Vergangenheitshauch
in ihre Sprache legten, als wären ihre Bücher unter der Feder alt
geboren, während die Worte noch tintennaß waren, das fiel mir
unangenehm auf. Die Schriftsteller der achtziger Jahre dagegen, die,
statt mit Tinte, mit Tier- und Menschenblut zu schreiben schienen,
wirkten auf mich erlösend.
Ich hörte eines Tages zwei Herrn in Würzburg vor mir auf der Domstraße
zueinander sagen: „_Zola_, dieses Schwein, sollte in Deutschland
verboten werden.“ Und ich wurde stutzig, denn die Gesichter derer, die
das sagten, waren derart empört, daß ich sofort begriff: wenn diese
Bürgerleute sich so aufregten, dann würde jener Schriftsteller --
dessen Name ich oft gehört, aber von dem ich noch kein Buch gelesen --
sicher sehr ernsthaft sein.