der Terrasse auf den Berg gehen wollte und mein Freund nicht kam. Ich
hatte einige Tage vorher zu dem jungen Philosophen gesagt: „Ich finde,
wir nützen deine neuen Weltallgedanken viel zu wenig aus. Du willst
diese Gedanken nur auf die Chemie und auf die Physik anwenden, und
ich soll sie nur auf die Dichtung anwenden. Wäre es nicht einfacher,
wenn wir, um jene Gedanken einmal auf ihre Echtheit zu prüfen, -- ich
meine von ihnen besonders den Gedanken, daß wir Schöpfer und Geschöpf
zugleich sind und keinen einzelnen Schöpfer über uns haben, -- wäre
es nicht möglich, wenn dieser Gedanke wahr ist, daß wir uns dann auch
im alltäglichen Leben als Schöpfer gebärden müßten, so daß man alle
diese Wunder spielend vollbringen könnte, welche zum Beispiel Christus
vollbracht haben soll?“
So vermessen fragte ich, da ich den Begriff Schöpfer nicht im weitesten
und nicht im tiefsten Sinne nahm und nicht begriff, daß ein weiser
Schöpfer seine Schöpfung klug empfunden und erdacht hat und sich nicht
willkürlichem Wunderwirken ergehen wird, nachdem er weise und mit Liebe
an seinen Werken tätig war.
Es wird keinem Bildhauer, wenn er ein Meisterwerk vollendet hat,
einfallen, sich noch mehr Beweise seiner Schöpfungskraft geben
zu wollen, indem er ganz unnütze und unnötige Änderungen an dem
vollendeten Meisterwerke vornimmt. Indem er zum Beispiel Willkür walten
läßt und plötzlich einem herrlichen Menschenbild, das er geschaffen
hat, Ohr und Nase abhackt und das Ohr dorthin setzt, wo vorher die
Nase war, und die Nase an Stelle des Ohres anbringt, und dieses nur, um
sich zu beweisen, daß er tun kann, was er will, weil er Schöpfer ist.
So unsinnig wird kein weiser Meister handeln.
So unsinnig aber forderte ich jetzt Verwandlungswunder, die mein Freund
ausführen sollte als sichtbare Beweise für die neue Weltanschauung,
weil diese sagt, daß wir Schöpfer und Geschöpf zugleich sind.
„Daß ich Geschöpf bin, habe ich immer gewußt. Nun will ich auch an mir
erfahren, daß ich Schöpfer bin,“ so hatte ich zu ihm gesprochen. „Wenn
du keine Wunder vollbringen kannst, dann bist du nur Geschöpf, und der
Schöpfer lebt dann doch über dir. Beweise mir einmal deine Macht, oder
beweise dir selbst deine Ohnmacht.“
Von dieser Sprache wurde der junge Philosoph gereizt. Es war ihm etwas
ganz Unfaßbares -- das sah ich ihm an --, daß ich mich nicht reich
genug fühlte durch die Gedanken, die er in mir angeregt hatte, und die
allmählich auf meine Lebensumwandlung und auf meinen Dichterberuf, dem
ich im Innersten zustrebte, schöpferisch wirken sollten.
„Du wirst das Schöpferische an dir erleben. Warte nur, warte nur! So
geht das nicht, wie du es dir denkst. Es kommt nicht auf Wunder im
Leben an, sondern auf Bereicherung des Lebensfeldes, Bereicherung an
Lebensverständnis. Mit Wunderwirken hat die neue Weltanschauung nichts
zu tun. Wunder sind billige Verblüffungen für das gedankenlose Volk und
nicht nötig für den Denker.“
„Gut,“ sagte ich ungeduldig, „dann rechne ich mich zum gedankenlosen
Volk. Denn, was heißt unumschränkte Schöpferkraft anderes, als daß
du tun und lassen kannst, was du magst. Christus ist übers Wasser
gegangen, Christus ist in den Himmel gestiegen, Christus hat Wasser
in Wein verwandelt. Und dieses vollbrachte er alles vor den Augen
seiner Jünger, so sagt man. Und er tat dies, um sie gläubig für seine
Weltanschauung zu machen und ihnen seine Macht zu beweisen.
Du willst, daß ich meine alte Vorstellungsmacht vom Schöpfer beiseite
legen soll und jeden Menschen als Teilhaber an der Schöpfungskraft
erklären soll. Beweise mir dieses, daß wir Mitschöpfer sind,
durch Wunder. Steige vor mir zum Mond auf oder laß die Wolken,
die da weiterziehen, plötzlich stillstehen. Tue irgend etwas
Außergewöhnliches, und ich werde nie mehr an deiner Weltanschauung
zweifeln und will ihr erster Jünger und erster Verkünder werden.“
Mein Freund sah mich bei dieser Aufforderung an, halb gekränkt, halb
beleidigt und zuletzt ärgerlich. Dann aber änderte sich plötzlich sein
Gesichtsausdruck, und er lachte sein altes Lachen wieder, ein wenig
spöttisch und klug.
„Darauf war ich wirklich nicht gefaßt,“ meinte er immer noch lachend,
„daß du darauf verfallen könntest, Wunder zu fordern. Ich habe mir
noch nie überlegt, ob Wunder nötig sind, um die neue Weltanschauung,
die die _Mündigsprechung der Menschheit_ umfaßt, zu beweisen. Laß mich
überlegen bis morgen, dann werde ich dir Antwort sagen.“
Und er schnitt kurz das Gespräch ab und sprach von etwas anderem, als
wenn er meine Frage vergessen wollte.
Ich sagte ihm aber noch einmal eindringlich, daß ich es lächerlich
fände, einen solchen Ausspruch in die Welt zu setzen, sich Schöpfer
zu nennen, wenn man dann doch nicht mehr tun kann, als man bisher
geleistet hat.
„Du bist noch nicht tief genug in die neue Weltauffassung
eingedrungen,“ antwortete er mir kurz. „Die schöpferischen Leistungen
werden sich ganz von selbst einstellen, aber nicht so, wie du sie
erwartest, nicht als Wunder, sondern als neue Leistungen in der
Weltvertiefung.
Deine Gedichte werden zum Beispiel ganz anders werden müssen, einen
neuen Rhythmus, einen neuen Bilderreichtum und größere Verinnerlichung
aufweisen als die Dichtungen jener Zeit, die sich auf den Standpunkt
stellten, daß nur der Mensch ein gottähnliches Geschöpf sei, Tiere aber
unvernünftige Wesen wären und nicht gottähnliche Geschöpfe, und daß
Pflanzen und Steine und alle Gegenstände und Wolken und Licht für den
Menschen tote Dinge bedeuten.
Diese Einseitigkeit der alten Anschauung, die immer nur von der
_Menschenseele sprach_, aber die die _Schöpfung_ rundum als _seelenlos_
behandelte, als verstandlos und geistlos, dieser Auffassung wirst
du jetzt als Dichter in deinen Gedichten die _Kameradschaft aller
Lebewesen_ gegenüberstellen.
Tote Dinge gibt es nicht mehr. Wie ich dir erklärt habe, ist alles
von Schöpferkraft durchdrungen, alles aus äußerem und innerem Leben
entstanden, und alles lebt ein äußeres und ein inneres Leben, das
heißt, _alles ist Geschöpf und Schöpfer zugleich und lebt so seit
Unendlichkeit und in Unendlichkeit_.
Dieser Friedensspruch, den die Versöhnung aller Leben mit sich bringt,
die Gleichstellung aller Kräfte, die Aufstellung, daß jedes Ding
dich besitzt und du wiederum auch alles besitzt, diese Erhellung
und Bereicherung des menschlichen Daseins, die bisher noch nicht
ausgesprochen und nicht bewußt erlebt wurde, diese Weltanschauung wird
gegen die frühere Auffassung bei den Menschen Wunder wirken.
Das Leben wird reicher und festlicher werden nach der Befreiung von den
alten unfreien Gedanken.
Die neue Weltauffassung, sie befiehlt dir nichts. Sie erklärt dir nur,
wer du bist. Sie erklärt, daß du Schöpfer und Geschöpf bist, das heißt,
daß du von dir abhängig bist, von dir und deiner Schöpfung. Sie sagt
dir noch: du bist der Besitz aller, und du besitzt alles, das heißt,
_du bist den Gesetzen deiner eigenen Gesetze unterworfen, denn nur aus
Gesetzen entsteht eine Schöpfung. Und als Geschöpf bist du abhängig
von dir selbst als Schöpfer, und es ist selbstverständlich, daß du
als Schöpfer deine Schöpfung liebst, wie du dich selbst liebst._ Ohne
Drohung, ohne daß ein ‚du sollst‘ und du ‚mußt‘ einer fremden Macht
über dir lastet, sondern in weiser Freiheit, bist du dein eigener
Herr, erkennst dich mitarbeitend am ewigen Leben und erkennst dich
als das ewige Leben selbst. Du nimmst dann von selbst die natürlichen
Verpflichtungen, die sich bieten, auf dich, zugleich mit deinen
natürlichen Ansprüchen am Lebensfest.
Die alte Weltanschauung verlegte dein Heil in ein künftiges Leben nach
dem Tode. _Die neue Weltauffassung von morgen ruft dir ein ewiges Heil
in jedem Augenblick zu._ Du bist in einer Seligkeit geboren, sagt sie
dir, du erlebst diese heute mit wie vor tausenden Jahren und wie in
allen kommenden Jahrhunderten. Sie erklärt dir: _du warst, du bist und
wirst sein Mitgenießer und Mitschöpfer_.
Du brauchst nicht auf ein Heil zu warten. Du, Schöpferkraft, hast dich,
Geschöpf, selbst festlich geschaffen, dich und die Schöpfung. Und
müssen dich, Geschöpf, Sorgen bedrängen oder Leiden oder Strafen, weil
du die Schöpfung nur aus Leiden und Freuden schaffen konntest, dann
erlöst du dich als Schöpfer selbst, indem du die Gestalten wechselst,
indem du dich, Geschöpf, verschwinden läßt und dich in einer andern
Gestalt aufleben läßt. Von tätiger Freude zu tätiger Freude wanderst
du. Dein Wesen ist die unerschöpfliche Schöpferlust und Schöpferkraft,
dein Wesen ist die Ewigkeit, und deine Seligkeit heißt: _Tätigkeit,
Liebe und Weisheit in Unendlichkeit_.“
So, nicht im Wortlaut, aber im Sinn, sprach mein Freund, der junge
Philosoph, heftig auf mich ein. Ich ließ ihn reden und hörte nur
verstockt zu, immer von der Gier nach den Wundern besessen, und
ich war ein Tor, dessen Schatten erst über die Schwelle der
Erkenntnis gefallen war, aber ich selbst stand noch draußen vor der
Erkenntnisschwelle.
In meiner Jugendhitze wollte ich schnelle Taten sehen. Das Wort
Schöpfer reizte mich. Ich wollte die Macht, die in diesem Worte lag,
äußerlich vor mir aufleben lassen.
Und ich sagte plump zu meinem Freund: „Du verschanzt dich hinter vielen
Worten, weil du ohnmächtig bist. Du redest von dem Wort Schöpfer und
bist nichts als ein ohnmächtiges Geschöpf. Ich glaube dir nicht mehr.
Es kann manches gut an deinen Erklärungen sein, aber seit Wochen hast
du mich jetzt totmüde gemacht mit deinen immerwährenden Wiederholungen
von Schöpfer, Geschöpf und Schöpferkraft.
Ich will und muß von der Kraft etwas erleben. Von deiner inneren Kraft
bin ich überzeugt. Zeige mir jetzt auch äußere Kraft.“ Und ich fügte
noch, ihn reizen wollend, hinzu: „Der neue Freund, den du mir neulich
vorgestellt hast, der Schweigende, er sagte auch, solange du dich nicht
als Schöpfer beweisen kannst, bleibst du ein weltabhängiges Geschöpf.“
Im selben Augenblick fuhr es mir durch den Kopf: Hat sich denn der
junge Philosoph nicht längst als Schöpfer bewiesen, indem er die
„_Weltauffassung von morgen_“ ausdachte; so nannte ich die neue
Weltauffassung jetzt.
Aber ich übersprang diesen Gedanken rasch, immer auf die Wunder
begierig, die mein Freund als Beweis seiner Macht vollbringen sollte.
„Du willst mich vielleicht gar nicht mehr als Freund anerkennen
wollen,“ sagte er scherzend, als er sich verabschiedete, „wenn ich dir
nicht ein Wunder zeige.“
„Nein,“ entgegnete ich, „ich werde mich für irregeführt halten, wenn du
kein Wunder vollbringen kannst.“
Da sah er mich rasch an, und es war mir, als hätte ich ihn aufs
Äußerste gereizt.
„Also,“ sagte er plötzlich unvermittelt, „ich werde es mir nochmals
überlegen. Vielleicht kann ich, wenn ich nächstens wiederkomme, doch
einige Wunder vollbringen.“
Diese Entscheidung setzte ihn wieder in meine Achtung ein. Wir trennten
uns mit einem kurzen Kopfnicken.
Nach dieser Aussprache waren einige Tage vergangen.
Nun saß ich auf der Terrassenecke und wartete. Beinahe bereute ich
schon, daß ich den an äußerer Ruhe, Geduld und Weisheit mir so
überlegenen Freund mit den heftigen Wünschen nach Wundern in die Enge
getrieben hatte. Denn es waren bereits zwei Tage vergangen, oder
war es eine ganze Woche -- ich erinnere mich heute nicht mehr so
genau, -- seit er sich nicht mehr hatte sehen lassen. Er war öfters
am Spätnachmittag auf das Gut gekommen, wo ich meinen Vater täglich
besuchte und hatte mir beim Zeichnen zugesehen und geplaudert oder mit
meinem Vater Schach gespielt.
Mit Spannung sah ich über die Äcker hinunter, ob ich nicht seinen Kopf
bei der Buchenhecke am oberen Weg oder unter den Obstbäumen am unteren
Weg auftauchen sehen würde. Der andere Freund, der Schweigende, hatte
mir erzählt, daß er ihn lange nicht mehr in den Kollegs gesehen hatte,
und hatte mich an diesem Morgen gefragt, ob der Philosoph krank sei.
Diese Anfrage war am Telephon geschehen, und der Schweigende hatte
gesagt, er wollte heute gegen Abend kommen und mir Nachricht über
unseren Freund bringen.
Da hörte ich unterhalb der Terrasse den Kies des Weges knirschen, und
als ich mich über die Mauerbrüstung bog, sah ich, bereits dicht am Gut
angekommen, den jungen Philosophen. Aber sofort erkannte ich auch,
daß eine Veränderung mit ihm vorgegangen war. Sein Gang war fahrig,
sein Gesichtsausdruck war, als er mir jetzt zunickte, lebhafter als
sonst. Er hielt ein weißes Taschentuch in der Hand, mit dem er sich
unausgesetzt die Handflächen rieb.
Ein leichtes Gefühl von Schuld verdunkelte meine Gedanken. Ein Gefühl
von Bedauern und Ratlosigkeit begann mich zu quälen, denn ich hatte
blitzschnell begriffen, daß der Wunsch, Wunder zu wirken, in meinem
Freund jetzt stärker Fuß gefaßt hatte als in mir vorher; das sah ich
seiner Veränderung an.
Ich sagte mir dann rasch, daß ich alles wieder rückgängig machen
müsse. Es war, als hätte ich den klugen Freund mit der Wunderforderung
kindisch gemacht. Und ich wollte ihm sogleich Abbitte tun und gern auf
alle Wunder verzichten, damit er seine ruhige gelassene Haltung bei
blindem Vertrauen in seine Weltanschauung zurückgewänne.
Ich sah auf einmal ein, daß er recht hatte, wenn er behauptete, daß
seine Weltanschauung genug innere Wunder wirken würde, und daß man
nicht äußerliche Verblüffungswunder von ihr verlangen sollte.
Unheimlich war mir das Taschentuch, mit dem er sich immer die
Handflächen rieb, während er den letzten Rest der Wegstrecke am
Bergabhang heraufstieg. Dann kam er herein in den Garten. Ich hatte ihm
entgegengehen wollen, war aber an der Terrassenecke sitzen geblieben,
um ihn beobachten zu können, und ich wurde mehr und mehr erschüttert.
Er nahm sein Augenglas ab und putzte die Gläser mit dem Taschentuch,
und ich sah, daß seine Augen fieberten.
Er kam näher; er zwang sich zu lächeln, als wir uns begrüßten, aber
sein Blick war nicht mehr ruhig und nicht in sich gekehrt wie sonst,
nicht gefestigt und unerschütterlich. Seine Augen flackerten, als wären
sie von einem Fieber entzündet.
Wir standen eine Weile nebeneinander, und jeder von uns überlegte,
so schien es mir, um eine Gesprächseinleitung zu finden. Aber
das Taschentuch blieb dabei nicht still in den Händen des jungen
Philosophen. Es glitt von seiner einen Hand in die andere, und wenn
er nicht seine Augengläser putzte, so rieb er sich die Handflächen.
Und dabei konnte er nicht ruhig auf beiden Füßen stehen. Er stand bald
auf dem linken, bald auf dem rechten Fuß, und ich fühlte mich immer
schuldbewußter werden.
Plötzlich meckerte er ein Lachen, schielte mich ein wenig von der Seite
an und sagte: „Nun, welches Wunder verlangst du zuerst von mir?“
Da wurde ich wie erlöst, weil ich glaubte, er scherze, und ich sagte
rasch: „Ich bitte dich, vergiß diesen Unsinn von mir. Ich verlange gar
keine Wunder. Ich verlange nur, daß du derselbe Mensch wieder bist, der
du früher warst.“ Und ich sah voll Angst das Taschentuch an, das da
immer noch von seiner linken Hand in seine rechte wanderte und von der
rechten in die linke Hand zurück.
„Du wunderst dich,“ sagte er und fing meinen Blick auf, „daß ich so
unruhig bin. Aber ich habe in mir seit drei Tagen künstlich ein Fieber
gesteigert. Ich habe Unmassen Tee und Kaffee getrunken und Zigarren und
Zigaretten geraucht, um mich aufzurütteln.“
Während er dies sagte, befühlte er seinen Puls und stellte befriedigt
fest, daß das Fieber immer noch stieg. Und er hielt mir seine rechte
Hand hin, damit ich auch seinen Puls fühlen sollte. Das wollte ich aber
gar nicht tun. Mein Herz klagte plötzlich, als läge es irgendwo wie ein
verwundetes Wild im Dickicht. Dieser Mensch, sagte ich mir, zerstört
sich, um seine Weltanschauung zu beweisen, die längst bewiesen ist.
Denn sie ist dadurch bewiesen, daß sie den festlich stimmt, der sie
ernst überlegt.
Ich wußte mir nicht mehr zu helfen. Er meckerte wieder ein
unnatürliches Gelächter. Vielleicht ist er schon ganz von Sinnen, rief
es in mir eilig und ratlos.
„Du willst ja Wunder haben, und das geht nicht nur so ohne
Vorbereitung, wenn man sich mit der Sache noch nicht befaßt hat. Darum
habe ich mich jetzt in diesen Tagen vorbereitet,“ fuhr er fort. „Laß
uns mal eine Probe machen.
Ich will mal versuchen, ob ich vor deinen Augen fortschweben kann
über die Stadt, über das ganze Maintal, hinüber auf die Berge da
drüben.“ Und er deutete auf den sogenannten „Kugelfang“ hin, auf die
Höhenfläche, die im Osten das Maintal abgrenzt und die Stadt Würzburg,
die mit Türmen und Dächern reich im Tal ausgebreitet liegt. „Du mußt
aber fest an die Möglichkeit glauben und keinen Augenblick an mir
zweifeln,“ fügte er hinzu.
Ich wollte abwehren. Er sah es mir an, daß ich nicht mittun wollte, und
rief aus: „Nun, das ist noch schöner! Jetzt, wo ich mich vorbereitet
habe, willst du gar keine Wunder haben. Aber jetzt gibt es keinen
Rückweg. Jetzt will _ich_ die Wunder haben,“ behauptete er. „Willst du
nun daran glauben oder nicht, daß ich das Wunder fertig bringe?“
Ich verstand, daß er sich fest vorgenommen hatte, mich zu überzeugen,
und daß ich ihn nicht abbringen würde von seinem Vorsatz, Wunder wirken
zu wollen.
„Ach,“ sagte ich, „ich glaube dir alles. An meinem Glauben soll es
nicht fehlen. Sage mir aber nur, warum du fortwährend deine Handflächen
mit dem Taschentuch reibst?“
„Das will ich dir gleich erklären. Das tue ich, um die
Elektrizitätskraft, die ich in meinen Fingerspitzen und in meinen
Handflächen sich ansammeln fühle, an die Hautoberfläche zu bringen,
um vielleicht so die elektromagnetische Stromverbindung mit der Ferne
herzustellen, mit jenem Berge da drüben, zu dem ich mich jetzt durch
die Luft bewegen will.“
Da mußte ich ihm antworten: „Ich habe mir das Wunder eigentlich ganz
anders vorgestellt. Ich habe nicht geglaubt, daß du dich in einen
Fieberzustand versetzen müßtest. Auch nicht, daß du dich vermittelst
Elektrizitätskräften und Magnetismus auf den Berg über das Tal hinweg
versetzen willst. Sondern ich dachte, daß dein einfacher Wunsch allein
im gesunden alltäglichen Körper das Wunder vollbringen würde, das du
deiner Schöpferkraft zu tun befiehlst.“
Da meckerte er wieder und schielte mich von der Seite an mit einem
irren Blick, aus dem ich nicht klug wurde, ob mein Freund ernst war
oder ob er scherzte.
„Du bist aber anspruchsvoll,“ höhnte er ein wenig. „Ich habe noch nie
Wunder vollbracht und kann natürlich nicht sofort mit dem Wunsch allein
arbeiten. Vielleicht, wenn ich einmal Übung habe, wird das möglich
sein. Jetzt aber kann ich noch nicht ohne Vorbereitung eine Wirkung
versprechen. -- Nun wollen wir eine Gedankenkette herstellen,“ fuhr er
fort. „Sieh da, der Stein an der Terrassenbrüstung ist noch warm von
der Sonne, die ihn vorhin beschienen hat.
Lege deine beiden Hände flach auf den warmen Stein. Ich werde dasselbe
tun. Dann benützen wir die Erdkräfte. Aber du mußt stark mit mir
wünschen, denn ich glaube, daß dein Wunsch nach Wundern, weil er
zuerst entstand, der kräftigere ist. Ich glaube, daß dein Wunsch mich
eher hinüberheben wird auf den Berg als der meinige.“
Wir taten, wie er gesagt hatte. Aber natürlich rührte sich sein Körper
nicht von der Stelle, und ich war auch ganz froh darüber, denn es war
alles schon so unheimlich, daß, wenn auch noch ein Wunder sich ereignet
hätte, wir wahrscheinlich alle beide unseren Verstand verloren hätten.
Nachdem wir eine Weile über das Tal hinüber auf den Berg gestarrt
hatten, brach ich zuerst das Schweigen, da ich sah, wie seine Hände
zitterten. „Laß es doch gut sein,“ sagte ich. „Ich glaube jetzt, daß es
keine Wunder gibt. Streng dich nicht weiter an.“
Da wurde er aber böse, fuhr mich heftig an und rief geärgert: „Eben
habe ich mich fortbewegen wollen! Ich fühlte schon meine Hände zittern,
ich fühlte schon, daß ich in die Luft aufsteigen würde. Wenn du aber
ungeduldig bist und keinen Glauben in mich hast, dann allerdings sind
keine Wunder möglich.“
Mir wurde immer banger um seinen Zustand, denn er begann wieder
dieselben heftigen Bewegungen mit seinem Taschentuch. Da sagte ich zu
ihm: „Ich will jetzt auf den Berg gehen und zeichnen. Wir können ja ein
andermal einen neuen Versuch machen. Für heute finde ich es genug.“
Das Seltsame war geschehen, wir hatten unsere Naturen vertauscht. Ich
hatte seine äußere Ruhe angenommen, und er trug meine Wunderbegierde
zur Schau. Ich sprach fast wie ein Philosoph und er wie ein
junger Dichtersmann, der Märchen in der Welt erleben möchte und
Wunderbarkeiten, weil ihn die Dichtersehnsucht mehr zum Unwirklichen
als zum Wirklichen lockt.
Ich nahm meine Zeichenmappe und den Bleistiftkasten, der auf der
Terrassenbrüstung neben mir gelegen, an mich, setzte meinen Strohhut
auf und ging langsam voraus. Ich fühlte, daß ich meinen Freund auf
andere Gedanken bringen mußte, damit der Fieberzustand ihn verlassen
könne.
Er folgte mir zögernd und immer das unheimliche Taschentuch zwischen
den Fingern zerknitternd.
Und als ich ihm sagte, er solle seinen Hut nicht vergessen, erklärte
er mir, er habe gar keinen Hut mitgebracht, damit die Elektrizität aus
seinen Haaren ungehindert ausströmen könne.
Allmählich fing ich an, fast Verachtung für seinen Zustand zu
empfinden. Dieser Wunderwahnwitz, der ihn ergriffen hatte, grenzte ans
Lächerliche. Diese Wundersucht hatte es fertig gebracht, den jungen,
sonst so gern unauffällig und schlicht daherkommenden Mann ganz zu
verwandeln. Er war ohne Hut durch die Stadt aufs Land gewandert!
Eine Viertelstunde später saß ich unterhalb der Steinbrüche, die höher
hinauf hinter dem Gutshof liegen, am Rande eines Akazienwäldchens, und
ich zeichnete und plauderte von harmlosen Dingen, während mein Freund
hinter meinem Rücken unstet umherging und kleine Steine aneinander und
aufeinander klopfte. Das Gewitter, das am westlichen Himmel stand,
grollte dort hinter einem Wald, immer näher herankommend.
„Hörst du,“ sagte der Unruhige, „das ist meine Elektrizität, die das
Gewitter jetzt anziehen wird. Du wirst sehen, es wird sogleich über
unsere Köpfe ziehen. Ich fühle, wie ich mit Elektrizität geladen bin.“
Ich ließ ihn reden, zeichnete ein wenig und sah mich dann erst nach
dem Gewitter um. Aber als ich meinen Freund anblickte, erschrak ich.
Er hatte sich die Stirnecken so heftig mit dem Taschentuch gerieben,
daß seine sonst weiße Stirn zwei feuerrote Male zeigte. Er schien einen
neuen Einfall bekommen zu haben und winkte mir.
Er hielt seine Krawattennadel in der Hand. Diese Nadel war ein
Geschenk seiner Mutter. Es waren in Silber gefaßte Rheinkiesel daran,
die stellten eine Rose dar. „Ich werde diese Rheinkiesel jetzt in
Diamanten verwandeln,“ sagte er mit etwas geduckter Stimme, kicherte
geheimnisvoll und setzte sich auf einen Feldstein.
Das Gewitter grollte jetzt dumpfer und näher. Der Himmel hatte sich
verdunkelt, aber die Wolken waren noch nicht über uns angekommen.
„Ich fürchte für meinen Strohhut,“ sagte ich nachlässig, um abzulenken,
und blickte zum Himmel.
Er meckerte wieder das mir so unangenehme Lachen, das er heute zum
erstenmal mitgebracht hatte, und rief: „Jetzt ist der Augenblick da,
wo ich dir beweisen will, daß ich ein Wunder wirken kann. Das Gewitter
dort und die Elektrizität in mir treffen so günstig zusammen wie
vielleicht niemals wieder. Wünsche nun mit mir, daß diese Glaskiesel
sich in Diamanten verwandeln sollen.“
Ich sah ein, es war ihm nicht zu widersprechen. Ich gab ihm
achselzuckend nach und wünschte, daß die Rheinkiesel, die er
unausgesetzt mit seinem Taschentuch rieb, sich in Diamanten verwandeln
möchten. „Du wirst sehen,“ sagte er eifrig, „dieses Mal wird ein Wunder
geschehen.“
Ich wollte es gerne glauben. Da setzte er noch hinzu: „Du sollst dich
nicht vor dem Gewitter fürchten. Ich habe die Macht, es abzulenken. Ich
werde es nach der anderen Seite des Berges schicken.“
Im gleichen Augenblick blendete uns ein greller Blitz, den ich in den
Augen meines Freundes sich widerspiegeln sah, und zugleich schien die
Erde, wie lebendig geworden, sich zu schütteln und zu brüllen. Die
Steine zitterten, und in den Büschen hinter uns sprang ein heulender
Wind auf. Die dünnen Bäume des jungen Akazienwäldchens legten sich
schräg und begannen alle laut zu pfeifen.
Mein Freund blieb bleich sitzen; er sah aus, als beleuchte der Blitz
ihn noch immer. Und ich sprang fort und rief: „Wir werden hier
erschlagen. Schnell fort!“