kommen kann und wir nicht zur ganzen Welt kommen können._ Die Gedanken
sind die Klänge und Worte der Festlichkeit, und das Gefühl gibt die
Rhythmen und den Takt an, mit dem uns das Weltallfest jeden Augenblick
anders umgibt.
_Gedanken und Gefühle sind die Sprache, die die Weltalleben
untereinander verbindet._ Glaubt nicht, daß nicht jedes Tier denken und
fühlen kann. Jedes Gras denkt und fühlt; jeder Baum, jeder Stein, die
Berge, die Wolken, der Fluß, die Sterne, Sonne, Mond und Erde denken
und fühlen. _Alles Leben schickt sich Gedanken und Gefühle zu, alles
steht untereinander immer in ewiger Fühlung, denn alles Leben ist eine
und dieselbe Schöpferkraft, alles besitzt eine und dieselbe äußere und
innere Welt._
Eine große unendliche Lebensfühlung waltet im Weltall, und die
äußersten Sterne der Milchstraße sprechen ebenso deutlich zur Erde, wie
deine Freunde in Amerika oder China, nicht bloß mit Telephon, Telegraph
oder Brief, nein, mit den Gedanken und Gefühlen, mit dir sprechen.
Wir wissen jetzt, daß wir ohne Draht von einem Meeresschiff auf dem
Ozean zu einem anderen Meeresschiff, das wir weder sehen, hören, noch
von dessen Dasein wir eine Ahnung haben, durch die „Telegraphie ohne
Draht“ Gedanken aufnehmen und Gedanken, also auch Gefühle, hinleiten
können. Und, stellt euch nun vor: jedes Atom im Weltall ist Besitzer
eines solchen Gedankenübertragungsapparates, da es Besitzer der
Schöpferkraft ist, die seit Millionen Jahren unausgesetzt denkt,
handelt und empfindet.
Ihr werdet mir sagen: zum Denken gehört ein Gehirn.
Wer an die Schöpferkraft des Atomes glaubt, kann sich leicht
vorstellen, daß jedes Atom ein Gehirn besitzt. Denn im Weltraume
gibt es eigentlich kein groß und klein und auch keine Zeit. Es
gibt nur Unendlichkeit in den Größenbegriffen dort und Ewigkeit in
Zeitbegriffen. Also, welche Welt kann nicht in jedem Atom vorhanden
sein!
In jedem Atom können auch Sonnensysteme sein und kann auch ein Weltraum
sein, da des Atomes Kleinheit nur im Verhältnis zum Menschen die letzte
Kleinheit bedeutet. Aber im Verhältnis zur Ewigkeit ist das Atom noch
ein Weltraum, noch ein Weltraum voll Weltkräften, voll Weltempfinden,
eine Weltschöpfung, eine Unendlichkeit in der Unendlichkeit.
* * * * *
Wer Frieden im Ohr mitbringt und die Sehnsucht im Willen, sich
aufzuklären, der wird klärende Worte wie Öltropfen in seinem unruhigen
Welttasten empfinden. Und diese Worte werden wie Inseln in ihm werden,
auf denen seine Sehnsucht nach Ruhe und Überblick Fuß fassen kann.
Wer aber noch Unruhe mitbringt beim Lesen dieser Zeilen, den wird
die Unruhe nicht Fuß fassen lassen. Der wird in einem Chaos zwischen
Dämmerungen und zwischen grellen Lichtblitzen und bei plumper
Erdendumpfheit und bei Gedankendunkelheit herumtappen, von früheren
falschen Idealen unbefriedigt, von früheren halben Lösungen angewidert;
der wird wie einer sein, dessen Haar verwirrt ist, und der nicht die
Geduld besitzt, es in Ruhe auszukämmen. Und er wird sich Schmerzen
bereiten aus einer unnötigen Ungeduld heraus. Darum gönnt euch Geduld,
diesem Buch zuzuhören.
Ich habe keinen Vorteil davon, den Menschen diese Aufklärung, die
sich in mir bald dreiundzwanzig Jahre ununterbrochen aufgebaut hat,
vorzuschlagen. Den einen Vorteil vielleicht hätte ich, daß ich weniger
Unruhe begegnen würde, weniger Hast und Unzufriedenheit und mehr
weisem, festlichem Sichversenken in den Reichtum der Welt rundum.
Ich möchte, daß es in Europa so werde wie im fernen Osten, wo mehr
Verinnerlichung und mehr Verständnis für die Weltleben, für Naturleben
und für Freude am Weltall herrscht, und wo mehr Nutzen und Freude vom
Lebensfest geerntet wird.
Der Kapitän des Schiffes, auf dem ich in Japan ankam, sagte zu mir,
als die Anker in Nagasaki Grund faßten: „Herr Dauthendey, so lange Sie
jetzt in diesem Land, in Japan, sein werden, werden Sie niemals ein
Kind schreien hören und niemals sehen, daß ein Tier geschlagen wird.“
Kinder und Tiere werden in Asien nur mit Milde und mit Freundlichkeit
behandelt. Denn der Asiate sagt, es ist die erste Pflicht der Eltern,
unendliche Geduld zu üben gegen alle Unarten eines Kindes. Und es
ist Pflicht des Menschen, wenn er sich mit Tieren verständigen will,
unendliche Geduld zu üben. Die Freundlichkeit erreicht alles, sowohl
beim Kind als beim Tier. Und für alle Leben, mit denen man in Beziehung
treten will, sind Geduld und Freundlichkeit die einzig möglichen
Verkehrsmittel, die angewendet werden müssen, weil sonst überhaupt
keine Verständigung möglich ist, keine Übertragung von Gedanken und
Gefühlen dieser lautlosen, aber überall den Verkehr ermöglichenden
Weltsprache.
Denkt euch einem Franzosen oder einem Engländer gegenüber, dessen
Sprachen ihr noch nicht geläufig versteht, so könnt ihr doch bei Geduld
und Freundlichkeit die Gedanken des Fremden empfinden und verstehen.
Denn es ist durchaus nicht nötig, die Sprache der verschiedenen
Völker oder der Tiere, der Vögel oder aller Dinge in ihren Lauten
auszuklügeln.
Es ist auch nicht nötig, die Zeichensprache der windbewegten Bäume, der
Gräser in ihren Rhythmen und in ihrem Linienwuchs zu ergründen. Es ist
auch nicht nötig, die Sprache der Steine, die, mit Licht und Schatten
bekleidet, eine Sprache von Farbenwirkungen sprechen, sich zu deuten.
Dieses Deuten überlaßt denen, die ihr Leben dem Sprachdeuten des
Weltallebens widmen wollen.
Ihr alle aber könnt alle Leben verstehen ohne besonderen Scharfsinn,
ohne langwieriges Beobachten, wenn ihr nur Geduld und Freundlichkeit
über euch selbst breitet und den Gedanken und Gefühlen so den Zutritt
laßt, die jedes Ding dem anderen zuschickt, jedes Lebewesen dem anderen
Lebewesen, jedes Atom dem anderen Atom.
Hört, wenn ihr vor ein Ding hintretet oder vor einem Lebewesen steht,
hört auf die Gedanken und Gefühle, die in euch aufsteigen, die zu eurem
inneren Ohr reden, so wie ihr mit dem äußeren Ohr auf die Sprache und
Gesten der Menschen achtet; dann werdet ihr an euren unwillkürlichen
Gedanken und Gefühlen das Leben des Gegenstandes oder des Lebewesens
miterleben.
Hört auf die Gedanken, die euch übertragen werden von den euch fremden
Wesen, auf die stille Gedankenwelt und Gefühlswelt, die die allgemeine
Weltsprache ist, und wißt es: _auch eure Gedanken und Gefühle dringen
ein in die anderen Leben um euch_.
Ihr braucht dabei nicht an das Wort „Gedankenlesen“ zu denken. Ihr
sollt gar nichts an eurem Wesen ändern, um die Welt zu verstehen.
Ihr sollt nur Geduld und Freundlichkeit und _Lebensfestlichkeit_
unausgesetzt über euch verbreiten. Dann wird euch von allen Leben
zugesprochen und dadurch geholfen, geraten, gewarnt und zugeplaudert,
so wie ihr es nie erwartet habt, daß dieses möglich wäre zu erleben.
Ihr braucht euch aber nicht immer dazu still hinzusetzen und auf die
Welt zu horchen. Gerade mitten in der Tätigkeit, wenn ihr euerer
Beschäftigung am ernstesten nachgeht, spricht irgendein Ding oder ein
Lebewesen um euch seine Gedanken zu euch aus, manchmal betreffs eurer
Arbeit, manches Mal ein Urteil über eure Vergangenheit, manches Mal
einen Gedanken oder einen Vorausblick in eure Zukunft.
Nur _der Glaube_ an die Weltallsprache sei euch gegeben, denn das
_innere Wissen_ habt ihr alle längst selbst gehabt. Freunde müßt
ihr sein mit allen Lebewesen, möglichst geduldige, vertrauende und
liebevolle Freunde, mit allen Gegenständen um euch, mit allen Lebewesen
um euch. Denn nur Freunde werden euch warnen, werden euch helfen und
zusprechen.
Glaubt nicht, daß ihr euch ungestraft Menschen, Tiere und auch tote
Dinge zu Feinden machen könnt. Ihr könnt euch die ganze Welt zu
Feinden machen, wenn ihr ungeduldig, unfreundlich handelt und auf die
Gedankensprache der Welt nicht hören wollt. Dadurch werdet ihr dann
viel leiden und vielleicht zuletzt gezwungen werden, wenn ihr die
ganze äußere Welt euch zu Feinden gemacht habt, die Gestalt, in der
ihr gelebt habt, abzulegen, früher vielleicht abzulegen, als ihr es
vorhattet, und müßt euch verwandeln, um eurem Haß und dem Haß der Welt,
den ihr auf diese Gestalt geladen habt, zu entgehen.
Vielleicht gelingt es euch aber in anderer Gestalt, unter anderen
Verhältnissen, friedfertiger, geduldiger und freundlicher euch die Welt
zu Freunden zu machen und das Weltfest genußreicher zu feiern, als ihr
es vorher tatet, _denn ihr seid immer Schöpfer eurer Zustände_.
Vom Tage an aber, an dem ihr annehmt, daß ihr an einem weise gefeierten
Fest teilnehmt, könnt ihr vielleicht gar nicht anders als euch
freundlich und geduldig und festlich benehmen. Denn welcher Mensch,
wenn er Gastgeber oder Gast ist, könnte seine Lust darin finden, eine
Feindschaftsfeier statt einer Freundesfeier bei einem Fest zu erleben!
Wenn einer so entstellt ungeduldig und unfreundlich zu einem Fest
erscheinen wollte, würde er sich bald hinausgewiesen fühlen und würde
erst wiederkommen dürfen und wollen, wenn er sich in festlicher Gestalt
zeigen kann.
Wohl mag es vorkommen, daß einer sich den rauhen Spaß machen will, sich
Spielverderber zu nennen, und hunderte Male wiederkommt und immer als
Feststörer. Auch diese wird es geben und immer wieder geben müssen,
weil wir Gestalten innerer Schöpferkraft sind, weil Leben aus Licht
und Schatten, Freude und Leid bestehen muß und nur der Wechsel das
festliche Leben erzeugt.
Darum setze ich hinzu: _die große festliche Weltallschöpfung wird
nicht gebessert werden durch diese Weltanschauung, wie niemals eine
Weltanschauung die Schöpfung gebessert hat. Denn die Schöpfung ist
nicht zu bessern und nicht zu verschlechtern. Sie ist ein ewiger Wandel
von Tag und Nacht, von innerer und äußerer Welt, von tiefster Ruhe und
höchster Gestaltungsunruhe, sie ist unsere ewige Schöpferlust._
Es ist nur ein neuer Wandel, der mit der neuen Weltanschauung über die
Welt kommen wird, weil die alte Weltanschauung abgetreten, ausgeleiert,
nichtssagend, mürbe, alt und brüchig geworden ist, weil ihre Zeit um
ist und eine neue Zeit neue Ideale, neue Weltüberblicke aus neuen
Aufklärungen heraus für die Menschheit fordert, und die früheren
Weltanschauungen für uns nicht weitsichtig genug, nicht mehr äußerste
Weltüberblicke sind. So wie ihr alte Kleider ablegt, weil sie eng
werden, weil sie sich nicht mehr erweitern lassen, weil ihr eure Formen
verändert habt, sie aber ihre Formen nicht mehr bewahren können, so
wechseln auch die Weltüberblicke der Menschheit, die sie sich über das
Leben machen muß.
Die Götterlehre der Griechen und Römer, die Götterlehre der alten
Germanen und Kelten, die Götterlehre der Egypter, die Götterlehre
der Inkas und viele Weltanschauungen noch vieler Völker, die
jahrhundertelang Familiensitte, Landessitte gestaltet und geleitet
haben, sind vom Erdboden verschwunden. Und wir wundern uns nur, daß
das damals scheinbar Unerschütterliche erschüttert werden konnte,
absterben und schwinden konnte.
Der Leser wird selber verfolgen können, wenn ich ihm jetzt die
Entstehungsgeschichte meiner Bücher und die Richtung meiner
Lebenswege schildern werde, daß ich alle Kraft, alle Arbeit,
Eigenart und Lebensbejahung dreiundzwanzig Jahre lang nur aus dem
Weltfestlichkeitsgedanken und Weltfestlichkeitsgefühl schöpfen konnte.
Aber man möge mich nicht falsch verstehen und meine Rede nicht mit der
Rede des Pharisäers vergleichen, der stolz auf seine Brust deutete und
sagte: „Seht, bin ich nicht immer gut, immer gerecht und wohltätig
gewesen.“
Keinen Stolz sollt ihr aus jenen Zeilen, die ich bis jetzt
niederschrieb und keinen Stolz aus denen, die ich schreiben werde,
herauslesen, keinen Übermut und keine Überhebung über alle die, welche
anders denken.
Es fällt mir auch nicht ein, den dumm zu finden, der meine Worte nicht
begreifen kann. Wer heute nicht in der Sonne liegen mag, weil er sich
ans Dunkel gewöhnt hat, wird vielleicht morgen den sonnigen Platz, den
sonnigen Lebensplatz selbst aufsuchen, wenn er sich an den Gedanken vom
Dunkel zum Licht gewöhnt hat. Ich jedenfalls halte meine Weltanschauung
für die wärmste unter der Sonne.
Wer das Leben bisher als eine Strafe oder als eine Notwendigkeit oder
als ein Jammertal oder als eine Aufgabe oder als eine Pflicht oder
nur als einen sinnreichen Mechanismus oder als ein sinnloses Chaos
betrachtet hat, oder als eine blind zupackende Wollust oder als eine
unheilbare Krankheit -- denn alle diese Anschauungen habe ich aus
dem Munde lebender Menschen gehört --, wer eine von diesen genannten
Anschauungen vertritt, der möge doch wenigstens seinem heranwachsenden
Kinde oder der unbefangenen Jugend den Lebenssinn als eine weise
Festlichkeit auslegen.
Und der wird sicher erleben, wenn er dieses mit Geduld und
Freundlichkeit unternimmt, daß er einen größeren Vorteil davon haben
wird, weil er sein Kind reicher macht, befreiter, als es die früheren
Kinder waren, weltverständiger und dadurch edler. Und weltverständige
und reichgemachte Kinder werden ihren Erziehern mehr Glück, Ehre
und Vergnügen bereiten als eingeschüchterte, verheuchelte oder in
Weltunkenntnis einseitig und also arm erzogene Menschengeschöpfe.
Sagt dann euren Kindern, wenn sie euch nach Herkunft, Sinn und Ziel
des Lebens fragen, sagt ihnen zuerst, daß sie Schöpfer und Geschöpfe
zugleich sind seit ewigen Tagen und in ewigen Tagen, und daß ihre
augenblickliche Menschengestalt wirklich und unwirklich zugleich ist,
sowie alle Leben rundum, sowie das ganze Weltalleben.
Sagt ihnen dann weiter: „Wir erinnern uns nicht und könnten nicht
antworten, wenn wir plötzlich gefragt werden: Was haben Sie vor zwei
Jahren am letzten Januartag in der sechsten Stunde des Tages gedacht
und erlebt?“ -- So ist es auch mit unserem früheren Leben. Wir kennen
es äußerlich nicht mehr, so wie uns die Speisen nichts mehr angeben,
die wir vor zwei Jahren verdaut haben.
_Nur dem inneren Leben ist alles unvergessen geblieben._ Schon die
Sekunde, während ihr diese Zeile lest und aussprecht, ist aus der
äußeren Wirklichkeit in die Unwirklichkeit geglitten und hat einer
anderen wirklichen Sekunde Platz gemacht, die auch wieder unwirklich
wird, bis ihr ausgedacht habt.
Und wie die Sekunde, so ist auch unser eigenes Wesen, wirklich und
unwirklich zugleich. _Und wir sind immer in der Unwirklichkeit so gut
zu Hause wie in der Wirklichkeit. Und mit uns sind das alle Dinge und
alle Lebewesen._
Alle Leben gehören einer greifbaren und einer ungreifbaren Welt an, und
deshalb ist kein Leben nur niedrig und keines nur hoch. Das niedrige
Tier ist niedrig und hoch zugleich. Die niedrigste Pflanzengattung ist
hoch und niedrig zugleich.
Der toteste Gegenstand ist hoch lebend und niedrig lebend zugleich,
denn er ist unwirklich und wirklich zugleich. Der elendste Mensch ist
hoch und niedrig zugleich, vergänglich und unvergänglich, wirklich und
unwirklich.
Und sagt euren Kindern weiter: „Liebe Kinder, wenn ihr das begreift,
daß alles Leben wirklich und unwirklich, hoch und niedrig, greifbar und
ungreifbar, einer inneren und einer äußeren Welt angehörig zugleich
ist, so müßt ihr nicht den Schluß ziehen, als wäre die Welt und das
Leben ein kreisender Unsinn.
Seht, das Leben soll ein weises Spiel sein.“ Deshalb ist es wie jedes
Spiel wirklich und unwirklich. Was die Puppe für das Mädchen und das
Schaukelpferd für den Knaben, das ist das Leben den Erwachsenen: ein
anregendes, aber zugleich auch ein verantwortungsvolles Spiel. Und
wenn ihr spielt, eifrig, glücklich und lebensvoll, dann fühlt ihr euch
festlich.
_Das ganze Leben ist deshalb im Grunde ein feinsinniges mächtiges
Fest, das wir alle zusammen seit ewigen Tagen begehen und ewig weiter
festlich erleben wollen._ Die verschiedenen Gestalten des Lebens,
Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine, Gegenstände, Lichtstrahlen und
Schatten, alle sind Millionen festlicher Kleider, in denen die
Schöpferkraft, die in jedem Leben wohnt, zur Festfeier erscheint.
Alle kommen, um Freude und Leiden zu erleben und Freuden und Leiden
erleben zu lassen. Das Freudeerleben und Leiderleben ist unser
wechselndes Erleben bei diesem Feste.
Und in jeder Gestalt sind drei große Hauptfreuden zu erleben möglich,
und alle drei Freuden gehören wie die Geschöpfe, wie die Schöpferkraft
auch, zugleich der wirklichen und unwirklichen Welt an.
Die erste Freude, die dir in der Jugend begegnet, wenn du ins Leben
trittst, das ist die _Tätigkeit_, körperliche und geistige _Tätigkeit_.
Die _Tätigkeit_ ist kein Fluch, keine schwitzende Not, keine bloße
Aufgabe, keine nackte Notwendigkeit. _Tätigkeit_, geistige und
körperliche, ist die erste Freude, die dem aufwachsenden Leben zuteil
wird; und diese Freude täglich zu vergrößern, wird jedem eine Lust
sein.
Denn die _Tätigkeit_ kann jedem wohltun wie Essen und Trinken, wie
Atmen und Schlafen, wie Gehen und Liegen. _Die Tätigkeit anderer
betrachten und die Tätigkeit nachahmen, das ist das Lebensfest des
Kindes._
Wenn ihr dann erwachsen werdet, wird euch eine zweite große Festfreude
begegnen: _die Liebe_, wie Vater und Mutter sie zu einander hegen.
Auch die _Liebe_ gehört einer wirklichen und einer unwirklichen Welt
an, so wie die _Tätigkeit_ einer geistigen und körperlichen Welt
angehört. _Tätigkeit_ und _Liebe_ sind dann die beiden großen Freuden
im _Lebensfest des Erwachsenen_, im Lebensfest des Mannes und der Frau.
Und wenn das Alter kommt und mit ihm der Abschied vom Lebensfest, nicht
der Abschied vom ewigen Fest, nur der Abschied von der Gestalt, von dem
Kleid, das wir wechseln sollen, und das vertragen ist, dann kommt eine
Verklärung über euch, ein Rückblick über das Sattgewordensein in diesem
Kleid, das ihr tragt, ein Dankblick auf diese Gestalt, in der ihr tätig
wart und geliebt habt, und es kommt ein leichter Ruhegenuß über euch.
Doch auch dieser ist wirklich und unwirklich zugleich. Und es kommt
die dritte Freude, die letzte große Festfreude über euch: das ist die
Freude an der _Weisheit_. _Wissend_ und _weise_ werdet ihr über das
Fest zurückschauen, ehe ihr eine Pause macht und die alte Gestalt
ablegt und nach einem neuen Kleide greift und euch verjüngt.
Und auch die _Weisheit_ ist wirklich und unwirklich zugleich, und
darum werdet ihr nicht bei ihr verweilen. Die _Weisheit_ ist eine hohe
Kraft, die wir weder als Kind noch in den mittleren Jahren im höchsten
Grade besitzen konnten, die erst beim Lebensabschied errungen wird.
_Die Weisheit ist die Freude des satten Alters._ --
Aber über eurem äußeren und eurem inneren Leben, die wirklich und
unwirklich zugleich sind, ist _wirklich allein eure_ Schöpferkraft.
_Sie ist ewig und unendlich wirkend, sie war seit ewigen Tagen euer
Eigentum. Sie führt euch durch die drei Festzeiten jedes Lebens.
Sie erschafft euch Lebensgestalt um Lebensgestalt. Sie erschuf und
vernichtet eure Gestalt und alle Gestalten um euch. Sie macht euch zum
Geschöpf und Schöpfer. Sie kann euch nie genommen werden. Sie ist euer
unendlicher Besitz und läßt euch ein unendliches Fest feiern, ohne
Müdigkeit, ohne Eintönigkeit, ein unendliches Schöpferfest._ --
Und seht noch einmal um euch! Alles, was ihr um euch empfindet,
das seid ihr selbst. Nicht bloß euer Kleid schuft ihr euch, eure
Schöpferkraft durchströmt alles und alle Leben, alle lebenden und toten
Dinge um euch. Nie seid ihr allein, nie einsam. Nie sollt ihr ängstlich
sein.
_Was immer ihr empfindet, ist euer festlicher Besitz._ Ihr braucht
nicht danach zu greifen. So wie ihr es empfindet, ist es euer Besitz.
Eure Schöpferkraft umschließt es, auch wenn ihr es nicht in den Taschen
und in den Händen haltet.
_Denn eure jeweilige Gestalt ist auch mit allen Leben verkettet._ Wie
euer Leib einen Kopf besitzt und ein Herz, und wie der Kopf eine Stirn
besitzt, und wie das Herz im Besitz von Herzkammern ist, so ist euere
Gestalt eingegliedert als Teil, als Geschöpf in die Welt. Und euere
Gestalt ist Besitz der Welt, wie die Welt Besitz eurer Schöpferkraft
ist. Das heißt: _Ihr seid der Besitz aller, und ihr besitzt alle, --
ihr seid Geschöpf und Schöpfer zugleich._
* * * * *
Nun habe ich die Weltanschauung, die sich von 1890 bis 1913 in mir
ganz langsam ausbaute, mit diesen Zeilen dem Leser erklärt. Bewußt und
unbewußt wuchsen die Gedanken in all diesen Jahren in mir auf. Jetzt,
in meinem sechsundvierzigsten Jahr, da das Leben sich bald dem Abstieg
zuneigt, wollte ich dieses Gedankengut, wie es heute in mir lebt, vor
mir feststellen.
Seit jenem Abendspaziergang mit meinem Freund, dem jungen Philosophen,
der mir im Frühling 1890 bei untergehender Sonne, am Main entlang, jene
mir so wichtige Aussprache gab, habe ich diese Weltanschauung zuerst
wie einen Keim wachsen gefühlt, und jetzt überragt sie mich wie eine
Weltenesche, und ich sitze unter schützenden Gedanken, gelehnt an den
festen Stamm meines gefestigten Schöpfungsbaumes und fühle mich im
innersten Leben wohl und zufrieden, ruhig und reich.
Aber erst war ich nicht gleich zufrieden, als ich noch die Reste der
Spinnweben, der alten unfruchtbaren Weltanschauung, in meinen Taschen
und vor Augen hatte, und ich will erzählen, wie es mir da erging.
Auf jenem Abendspaziergang, im Frühling 1890, gab mir mein Freund mit
den neuen Weltgedanken sozusagen das erste Goldstück meines heutigen
Reichseins, und es hatte die Eigenschaft, daß es sich durch fast
dreiundzwanzig Jahre ganz von selbst in meiner Tasche vermehrte.
Als ich in den ersten Wochen damals die Entdeckung machte, daß sich
das Goldstück von selbst, ohne daß ich damit wucherte, zu vermehren
begann, und ich merkte, daß das Gold, wenn ich in meine Tasche griff,
meine Hand mehr und mehr anfüllte, da kam die lächerliche Gier über
mich, das Reichwerden beschleunigen zu wollen. Und mit Jugendhast
und Jugendfrevel verlockte ich meinen Freund, der bisher ruhig
war und dem selbstverständlichen Wachsen des geistigen Goldes mit
Selbstverständlichkeit zusah, meine Gier zu teilen und die Macht, die
wir mit dem neuen Weltgedanken in uns trugen, zu versuchen und zu
stürmischer Bereicherung anzufeuern.
Und das geschah an jenem Augustnachmittag, dessen Schilderung ich nun
dem Leser so lange schuldig bin, daß er längst das Recht hat, sie
ungeduldig von mir zu fordern.
Mein Vater wohnte im Sommer 1890 einige Wochen zu seiner Erholung
auf jenem Gutshof am Nikolausberg. Es ist dies derselbe Hof, wo ich
nach jenem Sturz verweilte und im Gartenzimmer einen Augenblick, an
dem Weihnachtsbaum vorbei auf die Gartenterrasse schauend, mächtig
an törichte Wunderversuche erinnert wurde, die ich damals mit meinem
Freunde im Angesicht der Stadt Würzburg durchlebte.
* * * * *
Ich stand an jenem Augustnachmittag im Jahre 1890 an der Terrassenecke,
halb auf der Mauerbrüstung sitzend und an die Fahnenstange angelehnt,
die dort in der Ecke im Boden eingerammt ist. Ich war an diesem
Samstagnachmittag auf jenes Gut gekommen, um meinen Vater zu besuchen,
und sollte über den Sonntag bleiben.
Zwei Wege führen von der Stadt zum Gut herauf, und ich erwartete, auf
einem derselben den Kopf meines Freundes auftauchen zu sehen, der zum
Spätnachmittag heraufkommen wollte und bei mir sitzen wollte, während
ich mich im Landschaftszeichnen üben würde.
Am Abhang vor der Terrasse lagen die Felder, hohes Korn und saftiger
Klee, windstill. Die Hitze des Tages lastete auch noch spät in der
Nachmittagsstunde drückend auf jedem Halm, und im Westen hatten sich
dunkle Gewitterwolken angesammelt. Aber die Täler und die Stadt im Tal
lagen noch breit im glühenden Nachmittagsonnenschein.
Die Gartenterrasse, die sich haushoch an jener Ecke, wo ich stand, über
den Bergabhang erhebt, war ein guter Aussichtsplatz, und man konnte
sich hier leicht Herr der ganzen Welt fühlen.