wie die Träume in die Nachtruhe. Alle Kunstwerke erinnern dich am Tage
an dein inneres Leben, sie sind in den Tag gestreute Ewigkeitsbilder
des inneren Lebens, während deine Nachtträume Augenblicksbilder deines
äußeren Lebens sind, in die Nachtruhe gegeben.
Kunstwerke und Träume, beide sind Echos zweier entgegengesetzter
Welten; Kunstwerke sind Echos der inneren Welt; Träume sind Echos der
äußeren Welt. --
Nun geh, mein Kind, lerne zuerst die Regeln und die Festregeln. Denn
jeder Gestalt auf Erden sind andere Festregeln geboten, damit das ganze
Weltspiel ein Fest bleibe und kein Chaos werde.
Lerne die Regeln des äußeren Lebens, das sind die Staats- und
Gesellschaftsgesetze deiner Zeit, kennen, und die Ahnungen der Regeln
des inneren Lebens werden bereits in dir dämmern, bis du erwachsen
bist und dich dann in die Gesetze des inneren Liebeslebens vertiefen
kannst und Überblick erhältst über das große herrliche Fest, das wir
alle im Weltall feiern, in dem wir alle zusammen Schöpfer und Geschöpfe
bedeuten, und neue Gesetze und Wandel schaffen, wenn wir reif geworden
sind. --
* * * * *
Einem Kind, dem also von der ersten Frage an bis zum Verlassen des
Elternhauses verkündet wird, daß es unwirkliche und wirkliche Kräfte
besitzt, daß sein Wesen das Wesen aller Dinge ist, daß es festlich an
der Seite der Eltern das Fest der Tätigkeit, das Fest des Wachsens
zu allen Dingen hin erleben wird, dem man sagt, auch wenn Vater und
Mutter sterben, sind sie in aller Gestalt immer da, sie sind nicht zu
einem fremden Mann gegangen, nicht in ein fremdes unfaßbares Reich
eingegangen, wo es schöner ist, und haben nicht ihr Kind in einer
häßlicheren Welt zurückgelassen, sie sind immer dagewesen und werden
immer da sein in des Kindes eigener Schöpferkraft und in der Kraft
seiner Lebensgespielen um ihn -- für dieses Kind, dem das Leben als
ein ewiges weises Fest erklärt wurde, gibt es keinen Tod, für dieses
Kind gibt es keine Zeit und kein Alter; für dieses Kind gibt es keine
Häßlichkeit ohne Schönheit.
Für dieses Kind gibt es keinen Schmerz ohne Freude. Im Gleichgewicht
seiner wirklichen und unwirklichen Welten und im Bewußtsein seiner
unerschöpflichen Schöpferkraft und in der Erkenntnis seines ewigen
Daseins, im Wissen, daß es vor tausend Jahren war, schöpferisch wie
heute, festlich wie heute, und daß es in Tausenden von Jahren immer
noch sein wird, festlich wie heute, wird es, wenn es dies alles täglich
gehört hat, geduldig, demütig und lächelnd, stolz, frisch und fröhlich,
mutig und todesverachtend und weltallfestlich aufs Leben und auf die
Liebe sehen.
Die Naturunschuld, die Naturweisheit und die Naturlust werden in
ihm bis an sein Lebensende ungebrochen bleiben und werden seine
Menschengestalt festlich auf Erden führen und aus ihm festlich wirken.
Welch ein unerschöpflicher, unentdeckter und noch unangetasteter
Reichtum dem Menschenleben dargeboten wird, wenn es sich nicht mehr von
einem sogenannten höheren Wesen unterjocht fühlen wird und von keiner
Erbsünde belastet, wenn es seine Kraft frei auf sein Ich, auf das Wohl
der mit ihm Lebenden richtet -- das zu ermessen, bleibt jedem Herzen
gegeben, das sich aufmacht und sich als Schöpfer und Geschöpf fühlen
will und das Leben als eine Festlichkeit ansehen will, -- eine Feier
von wirklicher und unwirklicher Welt, eine Feier der Vergänglichkeit
und Unvergänglichkeit, ein unerschöpfliches Fest, bei dem jeder
zugleich Festgeber und Gast ist, jeder in anderer Gestalt, jeder mit
anderen Tätigkeiten und Genußfähigkeiten, jeder in anderen Würden und
anderen Wirkungskreisen, jeder den anderen feiernd und ihn als Kraft
von seiner Kraft anerkennend, Menschen, Tier, Pflanzen und alle Dinge.
Der Schauspieler, der bei der Festvorstellung des Lebens den König
spielt, und der andere Schauspieler, der bei derselben Festvorstellung
den Bettler machen muß, und der, der den Gesunden und der, der den
Kranken darstellen muß, und der, der den Witzigen und der, der den
Dummen spielen soll -- die sollen verstehen, daß hinter jeder Rolle
ihre Schöpferkraft steht, die sich in der nächsten Festvorstellung
sofort in eine andere Gestalt verwandeln kann. Sie werden verstehen,
daß sie nur als augenblickliches Geschöpf die Rolle im Feste
spielen. Und daß sie dem Fest gerecht werden sollen und keine Spiel-
und Festverderber werden sollen, das fordern alle Leben auf Erden
von ihnen. Das fordert, wenn sie sich ehrlich fragen, ihr eigener
Schöpfertrieb. Und nichts anderes haben sie auf der Erde zu erfüllen,
als festlich tätig zu sein, um festlich feiern zu können.
Wo und wie soll ich anfangen, so festlich zu werden? -- Wenn mich
das ein Erwachsener fragen würde, einer, dem man nicht als Kind vom
Lebensfest erzählt hätte, so würde ich ihm sagen: „Du brauchst nicht
erst anzufangen, anders zu werden. Du bist es schon, was du sein
willst. Du bist in diesem Festglauben geboren. Sage mir nicht, daß du
es nicht fühltest, daß du festlich geboren bist, festlich auch in den
tiefsten Sorgen, festlich auch bei dem größten körperlichen Leid.
Du bist nie anders gewesen als festlich, du konntest auch nie anders
sein. Was dir aber gefehlt hat, das war das Bewußtsein deiner
Festlichkeit und deiner Schöpferallmacht. Mache dir deine Weltallkraft
bewußt, macht es euch alle bewußt, daß Geburt, Liebe und Tod zusammen
eure wirkliche festliche und eure unwirkliche festliche Welt bedeuten,
daß ihr ewig und unerschöpflich die unsterbliche Schöpferkraft selbst
seid.“
Macht dieses euch bewußt, sagt es einer dem andern; macht es den
Kindern bewußt, ruft es den Leidenden und den Kranken in die
Erinnerung; sagt es euch selbst, wenn ihr die Liebsten um euch sterben
seht, wenn ihr selber leidet und sterben wollt; sagt es in eurer
Todesstunde euch und denen, die ihr beim Sterben verlassen müßt.
Sagt dieses auch den Hochmütigen, den Tyrannischen, den sich
übermächtig Aufmachenden; sagt es den Gedemütigten, den Erniedrigten,
den Lebensmüden: Alles gehört ihnen im Weltall und nichts. _Alles
sollen sie als Gast genießen und alles als Gastgeber hergeben beim
unerschöpflichen Fest ihrer Schöpferkraft._
Wenn ihr euch umseht in der Welt, -- in jeder Handlung, in jeder
Lebensgestalt fühlt ihr überall Schöpferkraft, nicht bloß in den
Menschen. Alle Gestalten sind gestaltgewordene Schöpferkraft. Ihr müßt
die Tiere nicht dumm nennen, die Steine nicht gefühllos nennen, die
Bäume und Pflanzen nicht als unverständige Wesen ansehen.
Ja, selbst die Dinge, die ihr aus eurer Schöpferkraft, aus eurem Geist,
aus den Gestalten der Erde zusammenfügt, den Tisch und den Stuhl, den
ihr euch gezimmert habt, das Bett und den Schrank, eure Werkzeuge und
eure Maschinen, -- vom Augenblick, wo ihr sie schuft und sie benennt,
sind es Wesen von eurem Geist geworden, lebende Gebilde eurer ewigen
Schöpferkraft.
Denn auch die toten Dinge haben durch euch äußeres Leben und innerstes
Leben erhalten. Ihre Gestalt wird wie eure Gestalt abgenützt und
abgelegt, aber ihre Schöpferkraft geht nicht verloren, und diese Dinge
werden sich aus euch wiedergestalten.
Denn auch die toten Dinge sind zum Feste gekommen, auch sie leben
festlich. Auch sie werden krank, auch sie werden müde, denn auch sie
arbeiten für euch, indem sie euch nützen, auch sie werden alt wie
ihr, auch sie haben ihre bestimmten Festgesetze, die aber natürlich
grundverschieden von denen der Menschengestalt sind.
Wenn ihr euch tief zu eurer inneren Welt zurückzieht oder euch zu
ihr erhebt, so könnt ihr das Lebensgesetz, die Schöpfungsidee, den
Schöpfungsgenuß, die jeder Gestalt zugrunde liegen, verstehen, _denn
ihr wißt im Grunde alles_.
Ihr dürft aber die Dinge um euch nicht mit euren Menschengesetzen
messen. Ihr sollt nicht sagen: „Schrank, sprich Menschenworte, wenn du
lebst, wie ich. Dann will ich dir dein Leben glauben.“
Ihr könnt nicht sagen: „Tisch, bewege dich mit deinen Beinen vorwärts
wie ein Tier. Dann werde ich dir glauben, daß du lebst.“
Ihr sollt nicht sagen: „Stuhl, verneige dich vor mir. Dann will ich dir
glauben, daß du lebst.“
So sollt ihr auch nicht zum Stein sprechen: „Friß Fleisch und weine
Tränen!“ Und da er das nicht kann, verachtet ihr ihn und nennt ihn
leblos.
So könnt ihr nicht zum Baume sagen: „Trage beliebige Früchte, wenn ich
es befehle, damit ich erfahre, ob du meine Menschenstimme hörst und
dich mir verständlich machen willst.“ Oder: „Baum, fliege fort wie ein
Vogel und komme aus dem Tal auf den Berg.“
Ihr werdet nicht zum Pferde sagen können: „Wenn du menschenähnlich
bist, dann gehe aufrecht wie wir Menschen auf zwei Füßen dein Leben
lang.“
Und zum Vogel dürft ihr nicht sagen: „Du kannst nicht so klug und so
festlich sein wie wir, weil du nicht in Häusern mit vielen Zimmern
wohnst, weil du keine Menschengenüsse kennst, keine Menschenbücher,
keine Menschenbilder, keine Menschenmusik verstehst.“
Darauf muß euch euer Weltallverstand antworten, der ebenso im Vogel,
zu dem ihr sprecht, wie in euch regiert: „Wenn du fliegen könntest,
Mensch, von Ast zu Ast, so würdest du zwischen Blüten erfahren, in
welch herrlicher Welt ich lebe. Die Blüten, die für dich, Mensch, klein
sind, sind für mich, den kleinen Vogel, so groß, daß, wenn sie in
deiner Welt wären, sie im Verhältnis zu dir so groß wie dein Kopf sein
würden und noch größer, ja, manche Blumen wären so groß wie du selbst.
Denke dir, in diesem wunderbaren Reich zu fliegen unter Millionen
mühlsteingroßer Blüten! Wenn du dann fliegen dürftest; wenn du in den
Äther hinaufsteigen könntest, wie ich, kleine Lerche, nur getragen
von dir selbst, so wie dich deine Füße über die Erde tragen, aber
nicht getragen von Flugmaschinen, von Motoren; getragen von dem Drang
in deiner Brust. Stelle dir vor, dich hoch, hoch von aller Welt und
Wirklichkeit entfernen zu können, getragen von dem Liebesdrang im Äther
ein Liebeslied zu jauchzen, um der Geliebten zu zeigen, wie hoch deine
Liebe auch deinen Körper über alle Dinge erhebt.
Welch ein Fest, Mensch, würdest du dann fühlen! Würdest du nicht gerne
die Bücher, die Säle, die Bilder und deine Menschenkunst verlassen?
Tu es, und nimm im nächsten Leben die Gestalt einer Lerche oder
die einer Nachtigall an; denn es ist dir ja ein kleines, dieses zu
tun, wie es mir ein kleines sein wird, Mensch zu werden, wenn mich
mein Vogeldasein ermüden sollte und mich ein innerer Wunsch zur
Menschengestalt hindrängen sollte.
Meine Schöpferkraft ist auch deine Schöpferkraft. Du kannst mir
nachfühlen, auch ich kann dir nachfühlen. Wir sind verschieden und doch
nicht verschieden voneinander, da wir beide wirklich und unwirklich
leben, da wir beide im äußeren Leben scheinbar getrennt sind, im
inneren Leben aber unzertrennlich dasselbe sind, Besitzer einer und
derselben ewigen Schöpferkraft.“
So würde der Verstand des Vogels zu dir sprechen, o Mensch, wenn dein
Verstand ihn fragen würde. Und so wird jede Gestalt des Lebens, jedes
Lebewesen, wenn du willst, dir ihr äußeres Leben verschieden von
deinem erklären, aber im inneren Leben seid ihr ein und dasselbe, ihr
Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine und Dinge.
Ihr steht alle zusammen in Fühlung, in Verstandes- und Gefühlsfühlung,
geboren unter verschiedenen Gesetzen, aber alle seid ihr dasselbe, die
_eine_ einheitliche Schöpferkraft, die im äußeren und inneren Leben das
ewige Schöpfungsfest feiert.
_Keine Schöpferkraft steht über euch; die Kraft liegt in euch. Alle
Gestalten haben sich zusammen ausgedacht, und es wohnen alle Gestalten
deshalb auch in jedem einzelnen von euch. Das große Fest zerfällt in
viele kleine Feste, und alle Feste zusammen bilden das Schöpfungsfest,
das immer war und immer sein wird, und bei dem ihr immer anwesend wart
und anwesend sein werdet, und bei dem ihr mitgeschöpft habt und immer
mitschöpfen werdet._
Kommt aber da einer und sagt mir: Was hat es für einen Sinn, dieses
ewige Sichverwandeln, dieses ewige Schaffen ohne Ende? Wo will das
Schaffen hin? Wenn auch Schaffen Genuß ist, wird dieser Genuß nicht
eintönig?
So frage ich dich zurück: Hat dein Herz in den neunzig Jahren, die du
vielleicht gelebt, eine einzige Stunde stillgestanden? Hat nicht dieser
kleine Muskel eine Titanenaufgabe erfüllt? Wie kannst du denn da mit
dem Hauch einer Sekunde zweifeln wollen an der unerschöpflichen Lust
der Schöpfungskraft, wenn dein eigenes Herz dich Lügen straft?
Dieses soll dir aber nicht genug Erklärung sein. Ich will dich gar
nicht erinnern, wie sehr du als Kind nach dem Leben verlangtest und
dich sehntest, mithelfen, mitleben, mitfeiern zu dürfen. Ich will dir
nur sagen, wenn du ein alter Mann oder eine alte Frau bist, die mich
so fragt: erinnere dich, als du in der Mitte deines Lebens standest,
auf der Höhe deiner Schöpferkraft, als du dir vorkamst, als wenn alles
dir gelingen würde und dein Körper noch stolz war, dein Blut spielend
durch deine Adern lief, dein Rücken, dein Knie, deine Ellenbogen, deine
Gelenke alle herrlich elastisch waren, dein Geist mutig und dein Herz
voll Wohlbehagen -- würdest du da gesagt haben: Es ist eintönig, ein
Mensch zu sein?
Und wenn dir in der Fülle deiner Kraft, dir, Mann, das Weib
gegenüberstand, das du liebtest und das dich wiederliebte, und nach
dem du vor Sehnsucht branntest, sobald sie dich ansah, und sie vor
Sehnsucht herrlich demütig wurde, wenn du sie ansahst; oder wenn dir,
Weib, der Mann, nach dem du verlangtest, begegnete, glaubst du, Mensch,
daß dann dieser Augenblick eintönig war?
Glaube mir auch, daß, wenn du diesen Augenblick wieder erleben würdest,
in anderer Gestalt, wieder auf dem Gipfel deiner Kraft, glaube mir, er
wäre in keiner Lebensgestalt eintönig. Der Liebesaugenblick ist bei
allen Gestalten ein Augenblick von unerschöpflichster Seligkeit und
Lebenslust und höchster Lebenshöhe.
Ob du in einer Blüte bist mit deinem Weibe und der eine von euch ist
Stempel und der andere ist Staubfaden, oder ob du ein Tiermännchen
bist und dein Weib ein Tierweibchen irgendwelcher Tiergestalt, oder
ob du als Atom in den Steinen liegst, zusammengepreßt in Kalk- oder
Sauerstoffverbindung, -- wo und wie du dich auch mit deinem Weib
gestaltet hast, überall wirst du den Lebenshöhepunkt auf dem Gipfel
deiner Kraft im _Liebesaugenblick_ finden, in der Liebesumarmung, wobei
du, Mann, und du, Weib, euer inneres Leben und euer äußeres so dicht
zusammenlegt, daß ihr in der Schöpferkraft eins seid.
_Und in diesem Augenblick erkennt sich die Schöpferkraft selbst. In
diesem letzten Augenblick der höchsten Liebesvereinigung, des tiefsten
Ineinandersinkens erlebt ihr ein größeres Sichselbstvergessen als im
Tod und zugleich ein höchstes Sichselbstbetätigen, einen stärkeren
Augenblick, als der war, da ihr ins Leben tratet, stärker, als es eure
eigene Geburt für euch war und alles, was ihr im Leben tatet._
Und aus dem fortpflanzenden Liebesaugenblick heraus, der aller
Lebewesen höchstes Fest ist, höher als das Geburtsfest und höher als
das Todesfest, der das Fest der neuen Verwandlung ist, könnt ihr, wenn
auch eure Lebensgesetze euch von allen anderen Leben trennen, den Weg
zur Verständigung mit allen anderen Gestalten finden. _Denn in der
Liebeslust gipfelt die Lust aller Leben, -- der Liebe streben alle
Leben im Weltall zu._
* * * * *
_Außer der Liebe gibt es im ganzen Weltall keine höhere Seligkeit, für
jede Gestalt bedeutet die Liebe die höchste Lebenshöhe, sie ist für
alle Leben das einzige Lebensziel, die höchste Lebensfestlichkeit, die
das Weltall kennt._ --
Aber ihr werdet mir sagen: der Schrank gebiert doch keine Schränke, der
Tisch und der Stuhl doch keine Tische und Stühle! Wo ist das Liebesfest
und der Schöpfungsakt bei den toten Dingen?
Der Schreiner, der den Schrank ausgedacht hat, ist Vater und Mutter
des Schrankes. Ihr habt doch gehört, daß alle Dinge zu euch Vater
und Mutter sein können. Alle haben etwas an euch geboren. Und da der
Schrank ein zugehöriges Stück zum Menschen ist, so mußte er auch von
einem Menschen zuerst für das Menschenleben geboren werden.
_Denn, seht, Wünsche sind so gut Lebewesen, wie es Gedanken sind._ Der
Leib des Menschen sprach zum Kopf des Menschen: Bau mir einen Behälter
für meine Kleider. Und der Kopf des Menschen sprach: Du, Leib, dem ich
diene, so wie du mir, Kopf, dienst, schicke deinen Wunsch tief ins
Herz, so daß er ein Herzenswunsch wird. Dort laß ihn rufen und sich
sehnen nach Vereinigung mit einem Gedanken in mir, Kopf.
Und seht, der Leib tat so und schickte den Wunsch zum Herzen, wie er es
mit allen Wünschen tun muß, wenn sie etwas erreichen wollen.
Und im Kopf machte sich der Gedanke auf, der längst für diesen Wunsch
vorbereitet war, so wie ein Mann geboren ist für eine Frau. Und Gedanke
und Wunsch kamen zum Herzen und umarmten sich im Herzen. Und die
Schöpferkraft, die sie erzeugten, setzte den Menschen in Bewegung.
Und der Mensch nahm die Bretter, die er aus einem Baumstamm gesägt
hatte, und seine Hände setzten die Bretter zum Schrank zusammen. Und
siehe, Wunsch und Gedanken, vereinigt im Herzen, freuten sich über ihr
Geschöpf, den Schrank, den sie geschaffen.
Und als der Leib seine Kleider dann in den Schrank legte, war der
Wunsch befriedigt, und auch der Gedanke war befriedigt. Und der Kopf
nickte auf dem Leib, und Wunsch und Gedanke, beide sahen ihr Werk, den
Schrank, an und freuten sich festlich.
Und so, aus Wunsch und Gedanken, aus dem Liebesakt von beiden im Herzen
des Menschen, wurden alle Dinge geboren, die der Menschenleib nicht
vorfand, und die der Wunsch und der Gedanke für das Menschenleben
schaffen mußten. Doch das Leben solcher geschaffenen Dinge kann
natürlich nicht seinen Zweck ändern, und es endet, wie alle Leben, bei
der Zweckerfüllung. Wir können nicht zum Schrank sagen: „Sei du heute
die Treppe des Hauses oder gib uns heute Licht wie die Lampe.“
Erfüllen die Dinge ihren Zweck gut, so sind sie gutgeratene Dinge und
können lange leben.
Der Zweck eines Gegenstandes ist sozusagen das innere Leben des
Gegenstandes. Der Zweck bedingt die Gesetze des Gegenstandes, unter
denen derselbe leben soll, und von denen seine äußere Gestalt bedingt
ist. Die Gegenstände leben darum innerlich und äußerlich, wie die
Menschen, die auch für ihre Menschengestalt ihre Gesetze und ihren
Zweck von ihrer Weltferne für ihre Weltnähe vorgeschrieben bekommen
haben.
Da der Schrank sozusagen ein Glied ist am Menschenleben, so kann er
nicht sich selbst und keine neuen Schränke erzeugen; denn dein Arm an
dir bringt auch keine neuen Arme hervor, dein Kopf setzt keine neuen
Köpfe zwischen deine Schultern, weil er ein Glied an dir ist; die
Glieder selbst pflanzen sich nicht an dir fort. So pflanzt sich auch
kein Schrank fort, der ein Glied deines Menschenlebens bedeutet, da du
ihn dir für deinen Leib geschaffen hast.
Und Glieder des Menschenlebens sind alle Gegenstände, die du dir zum
Leben schaffst, wie der Schrank, wie der Stuhl, wie der Tisch, wie
die Lampe, wie dein Haus, wie dein Kleid, wie alle Maschinen und alle
Kunstwerke, die du dir zur Erhaltung deines Leibes und deines Geistes
erschaffen hast, das heißt, zum Fest deines Menschenlebens, deines
inneren und äußeren Daseins.
Du wirst jedoch, wenn dein Arm seinen Zweck erfüllt, aber sich nicht
an dir fortpflanzt, nicht behaupten wollen, dein Arm sei kein lebendes
Wesen, er sei ein totes Ding. Er besteht aus lebenden Schöpferatomen so
gut wie die Bretter des Schrankes. Sie sind ja gewachsen, die Bretter,
als der Baum wuchs, dem sie angehörten.
So ist dein Arm gewachsen vom Mutterleibe an bis zum Tage, wo dein
Wachstum stillstand. Aber da er jetzt nicht mehr weiterwächst, dein
Arm, und da die Bretter des Schrankes nicht mehr weiterwachsen, sind
sie deshalb doch nicht tot.
Frage nur den Schreiner, ob der Schrank nicht lebt. Wenn er neu und
das Holz zu grün ist, werfen und spannen sich die Bretter. So wie das
Fleisch deines Armes für Wärme und Kälte empfindlich ist, so ist das
Fleisch des Schrankes, das heißt, seine Bretter sind für Wärme und
Kälte empfindlich und leben. Und so wie dein Arm im Alter mürbe wird
und lahm und müde und die Frische und die Lebenslust einbüßt, so geht
es mit dem Schrank. Sein Holz wird mürbe, und das Holz kann Krankheiten
bekommen durch Feuchtigkeit und Nässe. Wucherungen entstehen, so wie in
deinem Fleisch, so auch im Holz.
Und nicht bloß dem Holz und deinem Arm ergeht es so. Frage die
Baumeister, die sich auf Eisen und Stein verstehen. Frage die Gärtner,
die sich auf Erde verstehen. Eisen, Stein, Erde, wenn sie lange gelebt
haben und dem Weltfest dienten und genug mitgefeiert haben, Stein,
Eisen und Erde können krank, müde, mürbe und untauglich werden. Und
wenn sie von den Menschen zu Gegenständen verarbeitet waren, dann
können sie, wenn sie müde werden, auch nicht mehr ihr inneres Leben,
nicht ihren Zweck mehr erfüllen.
Da aber mit den Gegenständen -- die wir nur mit erweiterten Gliedern
unseres Menschenlebens vergleichen können, wenn wir sie in ihrer
Gestalt betrachten und verstehen wollen -- also nur ein Teil von uns,
ein Glied von unserem Leib stirbt, sind wir auch nicht so traurig,
wenn wir diese Gegenstände sterben sehen, als wenn wir ganze Menschen
sterben sehen. Denn der Verlust eines Armes, eines Zahnes, eines Ohres,
eines Beines ist uns wohl sehr wichtig, aber doch nicht so wichtig als
der Verlust einer ganzen Menschengestalt.
Sehen wir aber von der Gestalt ab und denken, daß Lebensatome,
Lebenskräfte, mit den Gegenständen oder mit den Gliedern, die wir
verlieren, um uns verschwinden, so können wir, wenn wir uns auf einen
höheren Empfindungsstandpunkt stellen, uns sagen: die Atome und Kräfte
dieser Gegenstände oder Glieder sind ebensowenig wie die Menschenatome
und ihre Atomkräfte, die mit dem einzelnen Menschenleben scheinbar
aufhören, verschwunden. Sie wirken seit Ewigkeit und wirken in Ewigkeit
fort. Die Schöpferkraft in uns, die den Schrank gebaut hat, und die den
Menschenarm zum Menschenleib aus Wunsch und Gedanken geschaffen hat,
diese gibt dem Schrank ähnlich ewiges Leben, wie sie dem Menschenarm es
gegeben hat.
Ich will damit sagen: die Entstehung des Schrankes aus Wunsch und
Gedanke gehört wie der Mensch im letzten Grunde der Urschöpferkraft
aller Leben an. Und die ist nicht weniger ewig zu nennen, ob sie nun
Glieder des Leibes, wie Arme, oder sogenannte tote Dinge, wie Schränke,
ausdenkt.
Mit dieser Auseinandersetzung habe ich darauf hinweisen wollen, daß
nicht bloß der Mensch zum Menschen reden soll und kann. Sondern Tiere,
Pflanzen, Bäume, Steine, Erde, Holz, da sie mit dem Menschen Wesen
und Glieder desselben ewigen Lebens sind, so können sie und auch die
„toten“ Dinge ihr Leben einander und den Menschen mitteilen. So gut
wie der Vogel den Menschen überzeugen kann, wenn letzterer sich in des
Vogels Leben vertieft, wie schön es dieser in der Luft hat, so können
auch die Gegenstände im Zimmer zum Menschen überzeugend reden und
können von ihrer Zufriedenheit, von ihrer Frische, von ihrem Alter,
ihren Krankheiten und ihren Erinnerungen zu dir, Mensch, reden.
Und diese Gedanken und Gefühle, die dir, Mensch, beim Anblick toter
Dinge im Herzen zu reden beginnen, _das ist die Sprache der stummen
Dinge_. Höre darum deinen Gedanken und Gefühlen zu, wenn du vor der
Welt und ihren Dingen sitzt. _Die Gedankensprache und Gefühlssprache
ist die Weltallsprache._
Der Gedanke und das Gefühl sind die Stimme, mit denen die Gestalten
des Lebens, die Lebewesen und die von den Menschen geschaffenen
Gegenstände, sich deinem Herzen und seiner Schöpferkraft verständlich
machen wollen.
Mal wollen sie dich mit Gedankensendungen unterhalten, mit
Gefühlserinnerungen; mal wollen sie dich durch Gedankeneingabe um Hilfe
bitten, daß du tätig wirst und ihnen beispringst; mal wollen sie dir
selbst helfen, daß du aufmerksam wirst und nach einer Gefahr, die dir
droht, dich umsiehst. Mal wollen sie dir klagen, daß sie müde sind und
sterben wollen und die Gestalt wechseln möchten. Mal wollen sie dir
in ihrer Tätigkeit gefallen und deinem Gefühl mit ihrer Farbe und mit
ihrer Linie mitteilen, wie schön, stark und ewig das Lebensfest ist.