Und er würde die Festvorstellung, bei der er mitwirken sollte und bei

der er Freude geben und Freude ernten sollte, verwünschen und sie als

eine _Plage_ verfluchen. Und er würde vielleicht seine Gestalt und

seine Rolle wegwerfen aus Unverstand, und weil er keine Ahnung hat, daß

er zu einem Fest, zu einer Lust beitragen soll.

Er würde jammern, unglücklich sein. Und wenn er ein ernster Mann

ist und ein entschlossener Mann, so wird er höchstens die Rolle auf

Zureden aufnehmen und weiterspielen und immer von seiner _Aufgabe_

sprechen, aber nicht von einem _fröhlichen Werk_ oder gar von _einem

Fest_.

Mit dieser Erklärung ist aber noch nicht erklärt, warum Gutes und Böses

da sein können, wenn Weltferne und Weltnähe immer weise herrschen. Der

eigenen Schöpferkraft Weisheit in uns ist so hoch, daß sie versteht,

daß alle Geschöpfe, alle Handlungen, gute und böse, notwendig sind, um

Erscheinungen zu schaffen und Lebenswechsel.

Dem Guten wird deshalb ewig das Böse gegenüberstehen müssen, dem Tag

die Nacht, dem Frieden der Krieg, dem Aufbau der Verfall, dem Anfang

das Ende. Diese Notwendigkeit sieht die Weisheit der Weltferne in

uns ein, und es wird ihr deshalb nicht einfallen, dem Wechsel dieser

Gegensätze, der sich in unserer Weltnähe gestaltend und vernichtend

ausdrückt, einseitigen Einhalt zu tun und nur Gutes zu schaffen und zu

verlangen.

Träte im Peripherieleben, im Leben der Weltnähe, im Leben der

Erscheinungen, ewiger Tag ein, ewig Gutes, ewige Freude ohne Schmerz,

ewiger Frieden, so würde das den Stillstand des Festes bedeuten, das

wir so sehr lieben, und dessen Stillstand ganz unmöglich ist, da unsere

ewige Schöpferkraft am ewigen Werke ist.

Ohne Weltnähe wäre keine Weltferne möglich, und beide sind undenkbar

ohne die unerschöpfliche Kraft, die jedem Atom innewohnt. _Wir sind

Besitzer der Allmacht und der Ohnmacht. In diesem Wechsel von Ewigkeit

und Endlichkeit befindet sich unser endliches und ewiges Leben in

jedem Augenblick._

_Wir sind die Weisheit und das Verbrechen an der Weisheit. Wir sind das

Gute und das Böse, wir sind der Tag und die Nacht, der Frieden und der

Krieg. Alles das besitzen wir, mit all dem handeln wir, und alles das

handelt mit uns._

Wir spielen alle diese Kräfte aus, wie der Kartenspieler all seine

verschiedenen Karten ausspielt. Jedem Spiel aber liegen Regeln

zugrunde. So auch schreibt die Weltferne der Weltnähe ihre Regeln

vor, damit das Spiel in Ruhe geführt werden kann. Da die Karten immer

wechseln, das heißt, aufs Leben übertragen, der eine mal die, der

andere andere Eigenschaften seiner jeweiligen Lebensgestalt einsetzen

kann, so wird das Lebensspiel, so wie jedes Kartenspiel, immer wieder

anders ausfallen, trotz der feststehenden Grundregeln, die das Spiel

regieren.

Wir selbst haben das Schöpfungsspiel erfunden und spielen es, da

es unendlichen Wechsel bietet, unendlich weiter. Manche ähnliche

Kartenzusammenstellungen kehren zufällig wieder. Das erweckt dann den

Schein, als ob ein Spiel wiederkehre. _Aber es ist kein Spiel gleich

dem andern, kein Leben, das wiederkehrt, ist gleich dem andern._

Um die urewigen _Gesetze_ des Spieles dreht sich der urewige _Wechsel_

des Spieles, und das Ganze ist von der Feststimmung der Spielenden

durchdrungen. Wie ein Spiel Scharfsinn fordert, Übung, Ausdauer, Glück,

so fordert das jedes Leben.

Der Elendeste aber fühlt noch im elendsten Augenblick, wenn er

vielleicht vom endlichen Leben gewalttätig scheidet, die Feststimmung,

die auch das endliche Leben der Weltnähe und nicht bloß das unendliche

Leben der Weltferne durchschwingt. --

Glaubt mir, ich habe fünfundvierzig Jahre jetzt nicht nur ein Leben auf

Rosen gelebt. Ich habe gelitten, gezagt, den Tod gewünscht und selbst

durch den Haß und durch das Verfluchen des Lebens hindurch immer noch

die Köstlichkeit und die Feststimmung des Lebens schimmern sehen.

Ich habe gehungert und gedarbt. Ich habe gestritten und habe geweint.

Ich habe mich ohnmächtig, gedemütigt, in den Schmutz gezogen, verlassen

und verloren gefühlt, _aber ich müßte mich unehrlich, taub, blind und

gefühllos nennen, wenn ich das Leben nicht trotzdem, im Rückblick und

im Vorwärtsschauen, in jedem Augenblick als ein Fest ansehen müßte_.

Alles dieses hatte ich nötig zu sagen, und es überkam mich die Lust zu

dieser Aussprache.

Ehe ich die Geschehnisse aus meiner eigenen Weltnähe weitererzähle,

wollte noch einmal meine Weltferne dazwischen reden, und ich mußte ihr

das Wort geben.

* * * * *

Noch ein Schlußwort über die Einführung in diese neue Weltanschauung,

_die sagt, daß das Leben ein Fest ist und ein Fest sein will_.

Ihr erinnert euch wohl alle noch der Zeit, als ihr in der Kindheit

noch nichts von Gott oder dem Schöpfer wußtet, von dem man euch später

erzählte.

Ich glaube mich noch genau zu erinnern, wie bestürzt ich war, als man

mir sagte, daß etwas Stärkeres im Unsichtbaren existieren sollte, ein

stärkerer Herr als mein Vater es war, eine stärkere Macht als meine

beiden Eltern mir waren. Wie frei war es vorher um mich im Hause

gewesen, ehe diese Erklärung der Elternohnmacht über mich kam! Und

wie seltsam wurde es mir bei dem Gedanken, daß, wenn ich einmal groß

sein würde, vom Vater fortkäme und meine eigene Frau haben würde,

ein Gottherr, der schon über meinen Vater regiert hatte, immer noch

da wäre, auch wenn meine Eltern tot wären, und daß er ewig wie ein

Aufpasser über mir und meiner Frau sitzen sollte, ebenso wie über allen

Menschen.

Ich empfand das demütigend. Das Erhabenste in mir fühlte sich

gedemütigt; _das Erhabenste in mir wollte allein regieren. Das

Erhabenste dünkte sich nicht erhaben zu sein, wenn man ihm nicht

vertraute, daß es unantastbar wäre._ Es fühlte sich beleidigt und

erniedrigt, einen Aufpasser über sich haben zu müssen. Es war mir, als

dürfte ich mich keinen freien unendlichen Gefühlen mehr hingeben, da

meine Unendlichkeit nicht anerkannt wurde, da immer nur von meiner

„niedrigen“ Endlichkeit gesprochen wurde.

Es war mir wirklich unbequem beim Abend-, Morgen- und Mittagsgebet mit

der Bitte um tägliches Brot immer zu einem Herrn, der an einem aller

Vorstellung entrückten Ort wohnen sollte, aufzuschauen; einen Fremden

aufsuchen zu müssen, ich, der ich so voller Vertrauen geglaubt hatte,

was ich nötig habe, schenke mir mein Vater, und dafür schenke ich ihm

meine Liebe und werde leben, wie er es wünscht und werde später mir

selber helfen können.

Für das Brot, für den Rock, für die Wohnung, für Gesundheit und

Wohlergehen, für die meine Eltern sorgten, dankte ich bereits meinen

Eltern. Nun sollte ich jeden Abend noch einmal danken und ebenso

morgens und mittags, einem Herrn, von dem man sagte, daß er alles, was

ich von meinen Eltern erhielt, diesen gegeben hatte. Diese waren also

Schwächlinge und konnten sich nicht helfen, so dachte das Kind für sich.

Meinen Eltern zu danken, erschien mir selbstverständlich, und ich tat

es gern. Aber wenn meine Eltern von einem fremden Herrn und Schöpfer

etwas angenommen hatten, so hatten _sie_ bereits gedankt. Die ganze

Beterei war mir zu viel Dankerei und zu viel Bitten und Bettelei.

Warum schaffte mein Vater nicht alles selbst an, was er brauchte?

Warum mußte er immer alles von einem Gottherrn annehmen, und ebenso

meine Mutter, da doch beide arbeiteten? Und warum zeigte der fremde

Herr sich mir nicht? Es war mir unverständlich, was seine ewige

Unsichtbarkeit für einen Sinn haben sollte.

Es hieß, er könne mich fortwährend sehen, nur ich könne ihn nicht

sehen. Ich gewöhnte mir danach an, mich blitzschnell im Zimmer

umzusehen, um zu erfahren, ob jener Herr nicht hinter mir stünde und

ich ihn ertappen könnte.

Und als meine Mutter, wie ich fünf Jahre alt war, starb und man mir

sagte, sie wäre jetzt zu dem fremden Herrn gegangen und sie hätte es

dort viel schöner, da konnte ich das gar nicht fassen. Was tat sie denn

bei ihm, da doch mein Vater und ich sie so nötig hatten?

Und als man mir antwortete: nichts ist beständig, nichts ist wirklich,

da hatte ich oft das Gefühl: vielleicht ist das Nebenzimmer schon

verschwunden, während ich mich im anderen Zimmer befinde. Und ich

sah vorsichtig durchs Schlüsselloch, ob das Nebenzimmer noch da

wäre. Denn das verstand ich: seit meine Mutter verschwunden war und

weder zum Frühling noch zum Sommer, noch zum Herbst, noch zum Winter

wiederkehrte und ihr Bett leer blieb am Morgen und am Abend, und ihr

Platz am Eßtisch leer blieb am Mittag und Abend, und ihr Platz am

Nähtisch am Nachmittag, und ihr Platz am Klavier leer blieb in der

Dämmerstunde, und ihr Platz in der Küche leer war am Herd und im Flur

am Wäscheschrank und im Sommer unter dem großen Nußbaum und auf der

Gartenterrasse, -- da sah ich ein, es hatte sich etwas Unfaßbares

ereignet.

Und ich dachte: jener unsichtbare Herr ist doch mächtiger als mein

Vater. Sonst hätte mein Vater meine Mutter von ihm zurückgefordert,

und es würden ihre Plätze nicht alle leer geblieben sein. Und diesem

Herrn, der die Mutter mir und die Frau meinem Vater genommen hatte, dem

sollte ich morgens, mittags und abends weiter danken! Das war die reine

Heuchelei, die man mich da lehrte.

Es steckte danach eine tiefe Furcht in mir vor dem unsichtbaren Ort,

an dem jener fremde Herr wohnen sollte und Furcht vor dem Unsichtbaren

selbst. War es wirklich so schön dort bei ihm, wie es alle sagten? Ja,

warum blieben wir denn dann alle hier? Warum folgten wir denn nicht

sofort meiner Mutter nach?

Und wie konnte man sagen, daß sie es jetzt schöner habe, wenn sie

meinen Vater nicht hatte und uns Kinder, die sie liebte? Konnte sie es

dann wirklich bei dem Fremden schöner haben und glücklich sein? Meine

Mutter war für mich bei diesen Gedanken auf einmal nicht mehr meine

Mutter, sondern eine kühle, fremde Dame, die dort hingegangen war, wo

man sich besser unterhielt, und die wahrscheinlich meinen Vater und uns

Kinder über besserer Unterhaltung vergessen hatte.

Aber das glaubte ich nicht. Ich stampfte auf und weinte zornig und warf

mich schreiend auf den Zimmerboden und wollte zu meiner Mutter gebracht

werden. Und als mein Vater gerufen wurde und er mich aufhob und mich

auf seinen Schoß nahm und mir mit Tränen in den Augen versicherte:

„Deine Mutter hat uns nicht vergessen,“ da stieß ich unter Schluchzen

hervor: „Warum holst du sie denn nicht endlich?“ Und mein großer

starker Vater mußte wimmernd zugeben, daß es einen Stärkeren und

Größeren gäbe als ihn, der die, die er einmal zu sich gerufen habe,

nicht mehr hergeben wollte.

Für einen Augenblick sank da die Hochachtung für meinen Vater in meiner

Kinderbrust von tausend auf null Grad. Eigentlich wollte ich meinem

Vater nun nicht mehr gehorchen. Der Unsichtbare war stärker als er,

und meine Mutter war bei dem Stärkeren. Ich wollte mich nur an den

Unsichtbaren halten, weil auch meine Mutter zu ihm hielt.

Aber nun geschah das noch viel Unverständlichere, etwas, das mich ganz

verwirrte, das alle meine Begriffe auf den Kopf stellte: mein Vater,

der doch jenen Unsichtbaren, der ihm die Frau genommen hatte, hätte

hassen müssen, wie ich folgerte -- er faltete meine kleinen Hände in

seinen großen Händen und sagte: „Laß uns zusammen zum Herrn beten. Dann

kommen wir der Mutter näher.“

Ich ließ ihn beten und ließ ihn meine Hände falten und sah ihm mit

offenem Munde zu, wie er sich demütig gegen jenen unsichtbaren,

gewalttätigen Herrn benahm. Und wenn ich damals schon gewußt hätte, was

Narren und ein Narrenhaus sind, so würde ich vielleicht gedacht haben:

wir sind vor jenem Herrn alle zu Narren geworden. Und unser Haus, in

welchem früher mein Vater und meine Mutter emsig und klug gewaltet

hatten, das ist jetzt ein Narrenhaus geworden. --

Aber wie einfach, glückselig und menschenwürdig wäre mir die Welt

erschienen, wenn man dem Kind, auf die Frage, woher alles kommt --

die jedes Kind einmal an seine Eltern stellt -- die tiefnatürliche

Erklärung gegeben hätte: „Liebes Kind, alles ist seit Ewigkeit da.

Nicht bloß wir sind deine Eltern, alle Dinge sind deine Eltern, so

lange du klein und unbeholfen bist. Achte gut auf alle Dinge. Alle

haben dir etwas zu sagen, alle können dir irgendwie helfen. Wir, die

du deinen Vater und deine Mutter jetzt nennst, wir, wenn wir scheinbar

von dir fortgehen und du uns eine lange Zeit nicht sehen solltest, wir

bleiben doch in allen Dingen, die du siehst, um dich.

Wir Menschen alle und alles Leben können die Gestalten verändern,

wenn wir es müde sind, Menschen, Tiere oder Pflanzen gewesen zu sein.

Aber wir gehen niemals fort, niemals ganz fort von dir, von der Welt.

Vielleicht wird deine Mutter eine Wolke, vielleicht wird dein Vater ein

Blitz, vielleicht werden wir Singvögel, vielleicht werden wir zusammen

eine Blume in einem Blumentopf an deinem Fenster. Vielleicht werden wir

ein paar Mondstrahlen, vielleicht ein paar Sonnenstrahlen. Vielleicht

sind wir ein Stück Brot, das du ißt, vielleicht ein Schluck Wasser, den

du trinkst, vielleicht eine Uhr, die neben dir tickt, vielleicht ein

Haus und ein Garten, in dem du wohnen wirst.

Denn sieh, es wird nichts um dich geben, was wir nicht werden können,

und es gibt nichts um dich, was nicht so innig, so gut und lieb Freund

zu dir sein kann, wie wir es jetzt zu dir sind, während wir am Tisch

und am Bett bei dir sitzen.

Und du kannst überall zu uns kommen und nah bei uns sein. Denn, sieh,

du bist so gut wie wir in und bei allen Dingen zu Hause und sollst dich

darum vor keinem Leben fürchten. Und kommt eine giftige Schlange in den

Garten, und sie beißt dich, und du willst nicht sterben, du willst noch

Mensch bleiben, dann wird die Schlange keine Macht über dich haben, und

jemand wird dir von dem Gifte helfen können, vielleicht dein Vater,

vielleicht ein Freund, vielleicht du selbst.

Bist du aber wirklich der Menschengestalt müde, vielleicht durch eine

tiefe Trauer, vielleicht durch ein so tiefes Unglück, daß du dein

Unglück in anderer Gestalt vergessen möchtest oder durch das Alter

deiner Gestalt müde gemacht, dann wirst du von selbst die Gestalt

ablegen können, ohne dir Gewalt antun zu müssen. Und dann werden alle

Dinge ringsum dir wieder helfen, eine neue Gestalt anzunehmen, die dir

gut behagt. Aber ein Kind, wie du, wird noch kaum den Wunsch bekommen

können, die Gestalt schon zu wechseln. Denn sieh, so wie alle mit dir

festlich sein wollen, so wirst du auch erst in Menschengestalt festlich

gewesen sein wollen, ehe du dich danach sehnen willst, zu verschwinden

und neu zu erscheinen.

Deine Menschengestalt haben du und wir alle mit Fleiß und Sorgfalt

aufgebaut. Das Licht hat deine Augen ausgedacht, der Schall, die Musik

und die Menschenstimmen und alle Stimmen überhaupt haben deine Ohren

ausgedacht. Und es ist kein Ding in der Welt, das nicht teil hat,

irgend etwas an deinem Leibe ausgedacht zu haben.

Wir, dein Vater und deine Mutter, wir legten unser Fleisch und Blut

zusammen und die Wollust unseres Atems und unsere Freude am Leben. Und

ich, dein Vater, gab dir von meinem Mark, von meiner Lebenskraft, und

deine Mutter gab dir von ihrer Lebensdemut und ihrer Lebenswärme.

Und als du fertiggebildet warst im Schoße deiner Mutter, da hatte dich

deine Mutter neun Monate unter ihrem Herzen getragen. Neun Monate litt

sie Beschwerden und neun Monate wünschte sie Tag und Nacht, daß du gut,

stark und tätig werden solltest, so wie sie selbst es ist, und dein

Vater und deine Brüder und deine Schwestern und alle Dinge, die um dich

leben, es sind.

Denn, wenn auch einmal ein Ding dir weh zu tun scheint und dir Trauer

oder Schmerz bereiten muß, so mußt du bedenken, daß du auch manchen

Dingen weh tun mußt und manchen Trauer bereiten mußt, denn das Leben

besteht nicht aus Freude allein, aber auch nicht aus Schmerzen allein.

Das Leben besteht aus dem Wechsel von Freude und Leid, aus Lachen und

Weinen, aus Erhebung und Erniedrigung. Und nur durch diesen Wechsel

kann es festlich bestehen.

Aber es ist noch eine andere Welt in der Welt, mein Kind. Alle Dinge,

zu denen du mit den Händen und Füßen, mit den Augen und Ohren, mit

deiner Menschengestalt kommen kannst, alle diese, denen du so dich

nähern kannst auf der Erde, sie und du selbst leben noch in einer

andern Welt, in einer weltfernen Welt. Und du und wir alle schicken

unsere Gestalt auf die Erde, so wie du deine Stimme über den Fluß

hinüberschicken kannst, so wie du einen Brief in die Ferne schicken

kannst, oder so wie dein Schatten vor dir eilen kann oder so wie der

Schatten einer Wolke, die oben am Himmel steht, unten über die Äcker

der Erde gehen kann.

Oder wie das Licht der Sonne und des Mondes durch das Zimmer gehen

kann, ohne daß die Sonnenkugel oder die Mondkugel selbst durch die Tür

in das Zimmer kommen. Oder wie du eine Blume, die stark duftet, im

Dunkel riechen kannst und sie also bemerken kannst, ohne sie zu sehen,

so leben wir alle in zwei Welten zugleich.

Dort in der weltfernen inneren Welt, dort wohnt die Kraft aller Dinge.

Dort wohnt _alle unsere Kraft zusammen_. Dort gibt es dann nicht Vater,

nicht Mutter, nicht Kinder. Dort sind wir dann _eine_ Stärke. Dort

sind tausend Männer wie ein Mann, tausend Frauen wie eine Frau, und

dort sind Mann und Frau so eng umarmt, daß sie _eine_ Kraft sind, ohne

Anfang und ohne Ende, _eine starke Schöpfer- und Liebeskraft_. Und dort

in der Weltferne sind wir in jedem Augenblick, wenn wir uns in uns

versenken, wenn wir uns in hohen Gefühlen erheben und erhaben fühlen.

Dieses aber, mein Kind, zu verstehen und zu erfassen, dazu bist du noch

zu klein und mußt erst in die Welt der nahen Dinge hineinwachsen, in

die Weltnähe. Und bis dahin sollst du bei Vater und Mutter bleiben,

bis deine Menschengestalt so kräftig fertig geworden ist, daß du den

Weg zu deiner inneren und weltfernen Welt allein finden kannst.

Aber ganz allein brauchst du dann auch diesen Weg nicht zu gehen.

Irgendwo auf der Welt ist heute schon oder wird eine Lebensgefährtin

jenes Weges zur inneren Welt für dich von ihren Eltern geboren und

auferzogen.

Ihr wirst du, wenn du willst, begegnen, sobald du groß genug bist und

du tätig genug bist, um sie von ihren Eltern empfangen zu können, und

wenn du weise und kräftig genug bist, um deinen Ernst mit ihrem Ernst

und deine Lebensfreude mit ihrer Lebensfreude und dein Lebensmark mit

ihrer Lebenswärme zusammenlegen zu können. Dann wirst du mit ihr das

Lebensfest feiern und mit ihr ein Menschenkind erschaffen, wie wir dich

geschaffen haben, damit das Fest sich fortsetzt.“ --

Hätte man mir als Kind, aus einer befreiten Weltanschauung heraus, auf

meine Frage, woher das Leben kommt, woher die Dinge und die Menschen

kommen und gehen, natürlich und mich zum Leben vorbereitend, also

geantwortet, dann wären mir schreckliche Stunden der Qual, schauerliche

Mißklänge, unheimliche Dumpfheiten und dornige Verirrungswege erspart

geblieben.

Und hätte man noch betont: _Das Leben ist ein weises Fest_. Du sollst

es klug zu feiern lernen, du sollst es aufmerksam festlich erleben

lernen; du wirst an dem Fest beschaulich und tätig, Freude aufnehmend

und Freude spendend, gern teilnehmen; du wirst verstehen lernen, daß

das Weltfest so mächtig ist, daß es in seinem Wechsel von Freude und

Leid ein Spiel von Erscheinungen bedeutet, und daß es deine größten

Schmerzen immer in tiefste Freuden verwandeln kann.

Siehe, oft ist das Leben wie eine Schlacht, in der du fallen mußt, um

in einer anderen Gestalt wieder aufspringen zu können, um weiterkämpfen

zu können. Denn auch eine Schlacht ist ein Fest!

Festlich ist das Leben immer, ob du gehen lernen darfst oder schreiben

und lesen lernen sollst. Und wenn du krank liegen mußt, zwischen

Schmerzen und Genesungshoffnung, in den Nächten wach liegen mußt,

mache dich geduldig, mache dich demütig. Hasse deine Schmerzen nicht.

Lerne sie verstehen, denn sie wollen wie die Freuden dir helfen zu

einer Verjüngung deines Körpers, helfen zu einer Verjüngung deiner

Schöpferkraft.

Sei darum gütig zu deinem Leib, wenn er dich auch plagt, weil er dich

verjüngen will. Sei verständig und gehorsam seinen Mahnungen zur

Verjüngung. Dann wird dir auch die Krankheit zum Fest, verklärt von der

Hoffnung der Verjüngung und Genesung.

_Horche immer auf alle Lebensregungen um dich. Denn die Kräfte aller

Leben sind in dir. Du kannst alle Leben verstehen, wenn du willst, und

alle Leben verstehen dich._

Denn es ist nur ein Schein, daß du getrennt, scheinbar einsam oder

verlassen umhergehst. Du bist nicht bloß der Mensch, den du im Spiegel

siehst. Du bist zugleich mit deiner inneren Welt in _allem_ Leben, und

alle Erscheinungen und Gestalten sind _in dir_.

Bedenke immer: du hast die größte Macht, und hattest sie seit Tausenden

und Tausenden von Jahren, das Fest des Lebens zu feiern, und wirst dein

Schöpferfest weiterfeiern, Tausende und Tausende von Jahren ohne Ende.

_Durch deine äußere Welt bist du wirklich, durch deine innere Welt

unwirklich zugleich. Und durch deine Schöpferkraft verwandelst du die

äußere Welt und bleibst doch unverwandelbar in deiner inneren Welt ewig

leben._

Und dieses, o Mensch, genießend und festlich zu verstehen, dazu wird

dir jeder Augenblick auf Erden Erkenntnis geben, und du wirst es an

allen, die mit dir festlich lebend sind, ebenso erkennen, wie an dir,

daß du wirklich und unwirklich zugleich bist.

Und wenn dich die Wirklichkeit ermüdet, wirst du an der Unwirklichkeit

ausruhen können. Und wenn dich die Unwirklichkeit ermüdet, wirst du zur

Wirklichkeit zurückkehren können.

Aber du brauchst nicht zu fürchten, daß du die Menschengestalt, die du

augenblicklich angenommen hast, und die dein augenblickliches Kleid im

Weltfest ist, daß du diese immer ablegen sollst und sterben sollst,

wenn du dich nach Unwirklichkeit sehnst.

Sieh, an jedem Abend legst du mit deinen Kleidern auch deine Gestalt

hin auf die Erde und läßt beide ausruhen, damit sie sich nicht so

schnell abnützen. Denn du hast beide lieb und gönnst ihnen, Kräfte zu

sammeln.

Und wenn du einmal groß bist und größere Tätigkeit hast, als ein Kind

sie hat, und größere Kräfte hergeben mußt und deshalb auch wieder

größere Kräfte und größere Ruhe sammeln mußt, ob du nun als Mann oder

als Weib geboren bist, sieh, die Nächte können dann nicht länger

gemacht werden, um dir größere Erholung zu geben. _Aber die Ruhe um

dich kann tiefer gemacht werden._

Dann wirst du, um tiefste Ruhe zu finden für deine männlichen Kräfte,

oder ein Weib wird, um tiefste Ruhe zu finden für ihre weiblichen

Kräfte, die Arme ausbreiten, und Mann und Weib, die sich lieben,

werden sich im Dunkeln umarmt niederlegen, und ihre Körper werden sich

einander wie ihre Lippen den tiefen Kuß der Liebe geben, und sie werden

das Lebensfest der Liebe feiern.

_Und sie werden für Augenblicke tiefer ausruhen können als je, so tief,

als hätten sie ihre Gestalt wie im Tod abgelegt._

Dann in der Liebesumarmung finden sie sich nicht bloß in der Weltnähe

wieder und nicht bloß in der Weltferne, sondern sie sind in ihrer

Schöpferkraft eins geworden, in der Schöpferkraft, in der sie am Tage

getrennt gearbeitet hatten auf Erden.

Und das ist der tiefste Augenblick des Weltallfestes jedes Lebens

und der höchste eines ganzen Lebens zugleich. Dann, in diesem

Liebesaugenblick, ist in beiden, im Mann und in der Frau, tiefste Ruhe

der Ewigkeit und höchstes Schaffen der Ewigkeit tätig.

Aber sieh, es ist noch ein Ausruhen möglich und eine Einkehr in deine

Unwirklichkeit, wenn dich die Wirklichkeit ermüdet, ohne daß du sterben

mußt und die Gestalt wechseln sollst.

Wenn der Mann das Weib nicht gefunden, noch nicht gefunden oder wieder

verloren hat, oder wenn beide sich vorbereiten wollen, die sich

gefunden haben, zum Liebesfest, dann sind Leben da, Schöpfungen, die

jeden an die Schwelle der inneren Welt führen können.

Das sind die Werke der Künstler, Lied und Gedicht, ein Bild,

eine Bildsäule und die Musik, Aussprüche der Weisheit und stille

Betrachtungen, die du mit offenen Augen, offenen Ohren, offenem Herzen

empfangen sollst.

Ein Gedicht, ein Gemälde, eine Bildsäule, ein Musikstück -- das

sind Leben, die sich dir zum Wechsel bieten, zum Ausruhen von der

Wirklichkeit und zum Vorbereiten für dein Fest der Lebenstätigkeit und

für das Fest der Liebe.

Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band · 第 4 / 21 段