Silben lesen und Silben schreiben lernen, ehe sie ganze Worte, Sätze
oder Aufsätze bilden dürfen. Ich schulte dabei mein Gedächtnis für die
Vorgänge um mich, und zugleich eignete ich mir ein schnelles Fühlen,
Auffassen und ein schnelles Bezeichnen jener Vorgänge durch solch
tägliches Niederschreiben an.
Diese Notizbücher hatten aber nichts mit einem Tagebuch gemeinsam.
Es handelte sich darin nicht um zusammenhängende, fortlaufende
Geschehnisse. Ich beschrieb manchmal nur den Gang eines Menschen, der
mir zufällig aufgefallen war, oder Gewohnheitsgesten eines Sprechenden,
oder nur ein paar Bäume im Regen, das Abendlicht über den Dächern der
Stadt, das Windgeräusch in der Nacht in einem Garten und so weiter.
Vielleicht manches Mal nur das Gefühl, den der Händedruck eines
bestimmten Menschen mir gab, das Gefühl eines Kopfnickens nur oder das
eines flüchtigen Blickes, den ich von Vorübergehenden auffing, und der
mir tiefe Seelenzustände zu enthüllen schien.
Ich übte mich so in der Kunst, Kleinstes und Flüchtiges in
bezeichnenden, nachdrücklichen Worten festzuhalten. Und deshalb
wurde es mir allmählich auf den Spaziergängen schwerer, dem jungen
Philosophen in allen seinen Gedankengängen über Chemie und Physik zu
folgen.
Der neue Freund, den mir der Denker zugeführt hatte, und den ich
zum Unterschied von uns beiden Sprechenden und Erörternden, da er
wenig sprach, aber mitempfindend nickte und meist zuhörend war, den
Schweigsamen nennen will, -- dieser neue Freund war mir jetzt eine
wahre Wohltat. Nach den ununterbrochenen Gedankengesprächen der
vorausgegangenen Zeit wirkte er durch seine Ruhe und sein teilnehmendes
Nicken wie jemand, der da war und doch nicht da war. Und man konnte
sich vorstellen, daß, wo er in Gedanken war, es friedlich sein mußte,
da er immer irgendeine Melodie leise vor sich hinsummte oder leise
pfiff. Der Schweigsame setzte sich auch oft ans Klavier und spielte
Chopin oder Grieg, während der Denker, wenn er sich ans Klavier setzte,
nicht ohne Beethoven gespielt zu haben wieder aufstehen konnte.
So war der Sommer herangekommen, und nun komme ich in meiner
Erlebnisschilderung bald zu jenem seltsamen Augustnachmittag.
Es war notwendig, den Leser mit der Entstehung jenes lebensbestimmenden
Grundgedankens bekannt zu machen, der mir von jenem Freund, dem jungen
Philosophen, gegeben wurde, da diese neue Weltanschauung, die sich
mit der Zeit in mir festwurzelte, dann auch wirklich der Grundton
aller meiner Liederbücher und Prosabücher wurde, die in den letzten
zweiundzwanzig Jahren entstanden sind. Auch der Binnenreim und meine,
die Kritiker immer wieder verwundernde, Heranziehung von wechselnden
Vergleichen und Bildern des Naturlebens ist die Folge jenes befreiten
Weltblickes und hat den Ursprung in einem Herzen, das sich Schöpfer
und Geschöpf fühlt und nicht bloß sklavische Unterordnung unter
überlieferte Begriffe kennt.
Viele Kritiker sagten Jahre hindurch, meine Bücher und ich selbst seien
nirgends einzureihen. Dieses ist wahr, sie haben recht, da ich jetzt,
wenn ich auf meine Bücher zurückblicke, mich, ohne mir schmeicheln zu
wollen, den _dichterischen_ Verkünder einer neuen menschenbefreienden
Weltanschauung nennen kann.
Meine Gedichte werden oft mit den kurzen gedrungenen Liedern der
Asiaten verglichen. Ich habe aber niemals weder chinesische noch
japanische Literatur studiert. Ich kenne von diesen Literaturen nur
einige wenige Gedichte, die in den letzten Jahren in Übersetzungen zu
uns gekommen sind.
Ich erhielt öfters Aufforderungen von Literaturprofessoren, ihnen
die Quellen zu nennen, aus welchen ich die japanischen Novellen und
Liebesgeschichten entnommen, die ich nach meiner Reise um die Erde 1911
herausgab. Ich muß aber immer wieder und diesmal öffentlich erklären:
ich kenne nichts von japanischen oder chinesischen Urtexten. Nur ein
weniges, was in Übersetzungen zu uns kam, und das jene Herren viel
aufmerksamer studiert haben werden als ich, kenne ich. Auf meiner
Reise um die Erde, durch ganz Asien, von Bombay bis Yokohama, war
es die vorher vor dem Leser ausgebreitete Weltanschauung, die mich
der Seele der Asiaten sozusagen zum Zwillingsbruder machte. Und fühlt
man seine Seele mit der Seele eines Volkes verwandt, und decken sich
die Weltanschauungen, oder sind sie sich wenigstens sehr ähnlich, so
ist es ein leichtes, das ganze Gebärdenspiel einer fremden Rasse,
ihre Wünsche, Bedürfnisse und Begierden, auch die Wallungen ihrer
Leidenschaften zu verstehen und miterleben zu können, so wie man es zu
Hause bei dem vaterländischen Volk tut.
Durch Beobachtungsgabe und Rhythmusverständnis, die mir im Ohr und im
Blut von meinen Eltern ins Leben mitgegeben wurden, die ich aber beide
durch die Erfassung jener neuen Weltanschauung viel freier schulen
und üben konnte, als wenn ich alten Überlieferungen und ausgetretenen
Gefühlswegen nachgegangen wäre, sind mir auf meiner kurzen Reise
durch Asien die Kulturen der morgenländischen Völker leicht vertraut
geworden, so daß viele Kritiker behaupteten, ich müßte jahrelang
asiatische Studien betrieben haben vor, während oder nach meiner Reise.
Und das ganze Geheimnis, warum ich Asien nahe kam, liegt doch nur in
dem Weltallverständnis, das in jenem Satze enthalten ist: _wir besitzen
alles, und uns besitzen alle, und über uns ist kein anderer Besitzer_.
Dieser Satz, der der neuen Weltanschauung voransteht, macht einen jeden
Menschen zum natürlichen Besitzer aller Lebensregungen, die der Erdball
und der Himmel hervorbringen.
Wenn ein Dichter sich von alten beengten Überlieferungen befreit hat
und die Freuden und Leiden der ganzen Erde gleich hält seinen eigenen
und sich mitbeteiligt fühlt am Lebenszustand aller Rassen, ausgegangen
von der engsten Heimat bis zur weitesten Ferne und zurückkehrend zur
engsten Heimat, so ist es nicht mehr erstaunlich, wenn demselben dann
Gedanken und Gedichte in Fülle zufliegen.
Die meisten Gebildeten heutzutage, die den Schöpfer über sich nicht
mehr anerkennen, werden planlos vom Weltgetriebe umhergeschaukelt;
die meisten, die die alten Überlieferungen ablegten, gehen ziellos
umher, als einziges Ziel nur die Jagd nach ihrem Glück anerkennend. Die
Einsicht aber, daß der Wert aller und ihr eigener Wert unzertrennbar
von einander sind und ebenso das Glück aller und ihr eigenes Glück
zusammengehören, diese Einsicht haben wohl viele, aber danach zu leben,
wird ihnen schwer, weil sie nicht _alle Leben als ihren festlichen
Besitz und nicht sich als den festlichen Besitz aller Leben anerkennen
wollen_.
Dieser Besitz beschränkt sich nicht bloß auf die kurzen Menschenjahre,
sondern es ist gemeint, daß der Besitz sich auch erstreckt auf alle
Zeiten, auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, das heißt, auf alles
Leben, dem wir immer angehört haben, angehören und angehören werden,
und auf alle Schöpferkraft im Weltall.
Jedes Menschenleben ist ähnlich einem Künstler. Dieser verfertigt ein
Buch, ein Bild, eine Statue, ein Musikstück; und ist eines seiner Werke
beendet, so ist damit doch nicht sein Leben beendet. Er beginnt ein
neues Werk, aber sein Leben steht hinter allen seinen einzelnen Werken.
So leben wir durch alle Zeiten neue Leben, und hinter allen diesen
Leben steht unser eigenes ewiges Leben, das ewige Leben des Weltalls,
von dem wir im Innersten Besitzer sind. Aber kein Leben steht über
uns, kein Schöpfer und kein Richter; wir selbst sind unser Schöpfer
und unser Richter. _Diese Anschauung macht frei und verantwortlich
zugleich._
Vielleicht wird mir einer zurufen: ach, das ist die
Seelenwanderungslehre! Das ist altbekannt und nichts Neues!
Nein, es ist nicht die Seelenwanderung allein, die ich meine. Ich
erkläre: _wir alle sind längst Besitzer der göttlichsten Seelenruhe,
des Nichtseins_, des Nirwana, wie es die Asiaten nennen. _Wir sind
aber auch zugleich Besitzer des Seins. Beide Zustände sind untrennbar
von einander in uns verschmolzen._ Wir wandern nicht anders von Leben
zu Leben, als der Künstler es tut, wenn er ein Werk nach dem andern
vollbringt. Der Geist jedes Schaffenden steht hinter allen seinen
Werken in göttlicher Ruhe und Betrachtung. So stehen wir hinter unseren
Leben.
Wir sind von Leben zu Leben durch die Jahrtausende wandernd, die
Jahrtausende erlebend gegangen, so wie ein Meister von Werk zu Werk
tätig ist und doch hinter seinen Werken, Ruhe bewahrend und mit
göttlichem Geist die Werke betrachtend, unsterblich lebt.
Und nun will ich an Stelle des Wortes _Werk_ das Wort _Fest_ setzen.
Der Elendste unter uns Menschen, das Elendste unter den Tieren und das
Elendste unter allen Atomen feiert das Fest seines Werkes, so lange es
sein Leben liebt. Wenn ihm das Werk nicht mehr genügt, ihn das Fest
seines Lebens nicht befriedigt, so legt er dieses Leben fort und wird
ein neues beginnen, ein neues Werk, ein neues Fest.
Das heißt, jedes Lebewesen kann sich unbewußt oder bewußt sterben
lassen, mit oder ohne Gewalt. Aus der Ruhe seines urewigen Lebensatoms
heraus wird dieses Lebewesen die Gestalt, in der es Schöpfer war,
z. B. den Körper Mensch, Tier, Pflanze eingehen lassen und sich mit
neuer unerschöpflicher Werk- und Festlust, die wir Lebenslust oder
Schöpferlust nennen, neue Gestalt geben.
Jeder wird nach dieser Ausführung verstehen, daß diese Art
Seelenwanderung, wenn man sie so nennen kann, zwar ähnlich jener
bekannten Annahme von der Seelenwanderung ist, _aber da sie aus
Schöpferlust geschieht und keinen Zwang bedeutet, ist sie mehr, sie
ist festlich_. Dieser Gedanke ist eine Verschmelzung von christlicher
Anschauung und buddhistischer Anschauung.
Jede Halbkugel der Erde gab ihren Geist zum Aufbau dieses Ideales,
dieser neuen Weltanschauung. Die Asiaten behaupteten, daß wir
_gezwungen_ von Leben zu Leben gehen müssen, wenn wir uns nicht durch
steten Lebensverzicht von der Lebenswiederkehr bewahren und so durch
fortgesetzte Abtötung des Lebenswillens uns zum Nirwana, zur höchsten
Seelenruhe bringen. Der Asiate sieht also die Seelenwanderung, das
Weiterleben, wie eine Strafe an und das Leben wie eine Plage, aber die
Seelenruhe, das Nichtsein als das einzig lebenswerte Ideal.
Der Geist des Abendländers dagegen gibt die Lebenslust nicht auf.
Er findet es feig, auf das Leben zu verzichten. Er sieht das Leben
als eine _Aufgabe_ an, als ein Werk, an dem er arbeitet, und jene
träumende Seelenruhe des Asiaten erscheint seinem europäischen
Lebenswillen unbehaglich. Und der neuzeitliche Abendländer kann sich
unter der Seelenruhe nach dem Tode und ihrer Seligkeit gar nichts
mehr vorstellen, da er immer kräftig lebenstätig ist und unermüdliche
Lebenstätigkeit über unendliche Ruhe setzt.
Das neue Ideal aber oder die Weltanschauung, die sich ergibt,
wenn wir die edelsten Regungen des morgenländischen Geistes und
die des abendländischen Geistes zu einer einzigen Lebenserklärung
zusammenstellen, dieses Ideal, oder diese Weltanschauung sagt: _Wir
sind immer ungezwungen Schöpfer und Geschöpfe gewesen und werden
es immer sein_, das heißt: wir sind immer im Besitz _ewiger_ und
_endlicher_ Kräfte gewesen. _Jedes neue Leben, das wir erleben, ist uns
ein festlich stimmendes Werk, hinter dessen Endlichkeit unsere eigene
Unendlichkeit weiterlebt und stets mit Schöpferlust nach neuen Werken
und Festen greift._
Wir sind ewige Besitzer der Schöpferkraft seit allen Zeiten. Wir und
alle kleinsten und größten Lebewesen sind immer ewige Besitzer einer
ewigen Ruhe, _die wir nicht erst in einem fernen Nirwana oder Himmel
zu erreichen brauchen. Und wir sind außerdem die ewigen Besitzer des
Lebens, des festlichen Wechsels in der Ruhe, dessen Gestaltung wir
selbst bestimmen aus unserer unendlichen Schöpferlust heraus._
Christus, der große Weise und große Mensch der weißen Halbkugel, sagte:
„Ihr sollt nicht sorgen für den morgigen Tag, das heißt, euch nicht
zu viel Unruhe machen. Der Vater im Himmel sorgt für euch wie für die
Lilien auf dem Felde.“
Jener Vater im Himmel ist unsere eigene, ewig in uns wohnende und uns
gehörende unsterbliche Schöpferlust, die Atomkraft, wie mein Freund,
der Philosoph, sagte, deren Ruhe unerschütterlich ist, vor der unser
jeweiliges endliches Leben weniger als den millionsten Teil eines Atoms
bedeutet. Diese Schöpferkraft wohnt in uns wie in allen, die mit uns
in die Weltallerscheinung treten und am Weltallwerke und Weltallfeste
mitarbeiten und mitfeiern. Dieser unserer Schöpferkraft müssen wir uns
bewußt werden, um uns nicht bloß als die schwachen Geschöpfe und als
Sklaven eines endlichen Lebens oder einer ewigen Seelenwanderung zu
fühlen.
Wir streben weder einem Himmel noch einem Nichtsein oder einem Nirwana
zu. _Das Nichtsein ist uns so gut angeboren wie das Sein._
In unseren tiefsten, erhabensten Augenblicken kehren wir bei unserem
Nichtsein ein. Wir fühlen uns dann weltfern. Wir kehren dann in unsere
Weltferne zurück, in das Apogäum, wie die Griechen sagten, in das
Nirwana, wie es die Asiaten nennen.
Aber wenn wir dann zum Lebensfest und zum Lebenswerk zurückkehren, zum
irdischen Atmen, zum Tätigsein und Handeln in irgendwelcher Gestalt,
in der wir eben unser Lebensfest feiern, dann hat uns auch stets die
Rückkehr entzückt, die Rückkehr von der Weltferne in die Weltnähe.
Denn beides ist unser ewiger Besitz, und keines von beiden wollen wir
missen. _Die Weltferne ist das ewig festlich Unabänderliche in uns, die
Weltnähe das ewig sich festlich Verändernwollende in uns._
* * * * *
Und nun, ehe ich endlich jenen seltsamen Augustnachmittag beschreibe,
muß ich noch eine Erklärung abgeben.
Jeder Mensch hat nur zwei Hände bekommen, zwei Augen, zwei Ohren, zwei
Nasenlöcher und im Halse zwei Röhren, eine für die Luft- und eine
für die Speiseaufnahme. Alle diese Zugänge zum Körper bedingen ein
bestimmtes Körperleben, ein bestimmtes Sinnesleben, das, solange wir
als Menschen leben, unverrückbar der Ausführung unseres Lebenswerkes
und unseres Lebensfestes bestimmte Grenzen setzt.
Das Lebenswerk und das Lebensfest würde natürlich anders ausfallen,
anderen Erlebnissen unterworfen sein, wenn wir zum Beispiel mit dem
Leib eines Vogels, mit Flügeln, Schnabel und Fußkrallen geboren wären.
Ebenso wären wir, als Blume oder Baum festgewurzelt, als Stein
festliegend oder als Wasser fortfließend, als Feuer auflodernd oder
als Rauch fortschwebend, einer anderen Lebensbewegung, einer anderen
Lebenstätigkeit, einem anderen Lebenswerk und einem anderen Lebensfest
hingegeben.
Da aber jedes Lebewesen nicht bloß der _Weltnähe_, sondern auch der
_Weltferne_ angehört, da unzertrennbar von einander das Gefühl der
_Weltnähe_ und das Gefühl der _Weltferne_ in jedem Atom vereint wohnen,
sowohl im Rauchatom, als im Feuer, als im Wasser, wie in der Blume und
im Baum, ebenso wie in der Menschengestalt, so sind im Grunde alle
Lebewesen _eine_ Kraft, _eine_ Schöpfung.
Festliche Ruhe, festliche Tätigkeit, an ihnen hat jedes Atom teil,
ebenso an der Lust der Weltferne wie an der Lust der Weltnähe. Die
Gestalten des Lebens gehören sowohl der Weltnähe, welche Tätigkeit
bedeutet, und zugleich der Weltferne, welche eine Erhebung über das
Leben bedeutet, an.
Die Gestalten sind die Geschöpfe, das Gefühl der Weltferne in den
Gestalten ist der Schöpfertrieb, das ewige Leben.
Mit unseren jeweiligen Sinnen können wir immer nur _ein_ Leben leben,
_ein_ Fest feiern, das sich in der Weltnähe abspielt. Aber von der
Weltferne aus, zu der wir uns stündlich über unser endliches Leben
erheben können, weil wir im letzten Urgrund bei ihr untrennbar wohnen,
können wir bei gründlicher Vertiefung alle endlichen Leben überschauen
oder uns in sie hineinversetzen, ohne unsere eigene Gestalt, in der
wir augenblicklich arbeiten und Feste erleben, sterben lassen zu müssen.
Wenn es in der Bibel heißt: siehe, die Stimme Gottes sprach zu ihm im
Traum, oder wenn Buddha sagt: ich ging in einem Traum von Leben zu
Leben, so ist das nicht ein außer uns stehender Gott und Schöpfer,
dessen Stimme wir gehört haben wollen, oder der uns im Traum von Leben
zu Leben geführt hat, sondern: _es ist die Weltferne in uns, die zur
Weltnähe in uns spricht_.
Wir sind es, die im Traum zu uns selbst sprechen. Wir sind es, die uns
im Traum und in der wachen Ahnung Bilder, gewesenes und kommendes Leben
zeigen können.
Wir selbst, vermöge der Schöpferkraft in uns, die von der Weltferne aus
zur Weltnähe spricht, sind allwissend.
Unsere Weltferne steht nicht bloß über uns, sondern sie lebt im
Mittelpunkt aller Weltleben überhaupt.
Wir fühlen, wie die Radien eines Lebens tun, den Mittelpunkt und die
Peripherie des Kreises zugleich. Alle Leben finden sich zusammen in der
Weltferne auf einem Punkt, sowie alle Radien sich im Mittelpunkt des
Kreises treffen. Auf der Peripherie, in der Weltnähe, leben alle Leben
voneinander getrennt in der Welt der tätigen Erscheinungen.
Im Mittelpunkt, in der Weltferne, zu der wir uns in jedem Augenblick
erheben können, sind wir Besitzer und Überschauer des ganzen Weltalls,
gleichwie der Kreismittelpunkt mit allen Radien Fühlung hat. Auf
der Peripherie aber, wo sich unser Gestaltenleben abspielt, dort
entsteht die körperliche Weltnähe, das Fest des endlichen Lebens,
während zugleich unsere Weltferne in ewiger Ruhe, im Mittelpunkt des
Lebens, die Erscheinung aller Leben, die wir im Augenblick oder nach
Jahrhunderten erleben, immer um sich kreisen läßt, betrachtet und das
Fest der Ewigkeitsruhe genießt.
_Wir sind also in jedem Lebensaugenblick da und fort von uns._ Und wenn
unser endliches Leben aufhört, so hört doch nie unser Mittelpunktsleben
im Weltall auf. Wir nehmen vom Mittelpunkt aus sofort neue Fühlung mit
einem neuen Punkt auf der Peripherie.
Unerschöpflich ist das Leben in der Peripherie, unerschöpflich die
Schöpferkraft unseres gemeinsamen Mittelpunktes im Weltall. Da wir
immer Weltnähe und Weltferne, Peripherie und Mittelpunkt in jeder
Sekunde zugleich erleben, _so sind wir alle allwissend, allgegenwärtig,
allfühlend_.
Wir tragen immer in uns alle jene göttlichen Eigenschaften, die wir,
früher unaufgeklärt, immer nur _einem Schöpfer über uns_ zusprachen.
Wir Menschen waren bisher nicht mutig genug, uns unseren gewaltigen
Lebensinhalt, den, daß wir Mitbesitzer der Weltallschöpfung, der
Weltallgedanken, der Weltkraft sind, klar zu machen.
Wir hielten uns nur für ohnmächtige Peripheriewesen, nur von der
Weltnähe lebend. Wir trennten uns, unaufgeklärt, in unseren Worten und
Gedanken vom großen Schöpfungsfest. Wir wollten nie verantwortlich,
nie gründlich den Anlauf zur Selbsterkenntnis unseres ewigen Daseins
nehmen.
Es war uns so wie einem, der nur immer seine Füße sieht und seine Hände
und seinen Unterleib, der sich aber nicht einzugestehen wagt, daß er
auch einen Kopf besitzt, weil er diesen Kopf bisher nicht sehen konnte
und deshalb nicht an das Empfinden glaubte, das ihm sagte, er besitze
einen ihm unsichtbaren Kopf, der für ihn denkt, riecht, schmeckt, hört,
sieht, das heißt wahrnimmt.
Aber nun haben wir den Mut, wir Menschen von heute, zur Erkenntnis.
Es bleibt uns nichts anderes übrig, als endlich zu erkennen, daß der
Weltkopf, den wir fühlen, aber nicht sehen, nicht einem Schöpfer über
uns gehört, sondern uns selbst.
Wir haben bei der neuen Erkenntnis nichts getan, als endlich
vollständig unsere Weltallgestalt festgestellt.
Wir glauben jetzt ganz unserem Gefühl, das uns schon im Christentum als
Mitbesitzer der Weltferne, des Weltkopfes, erklärte, indem es uns den
vagen Begriff Seele einräumte. Aber man setzte über diese Seele damals
noch eine Weltseele, einen Weltschöpfer. Die Seele aber ist unsere
Weltferne, die nichts über sich erlebt, auch keinen Weltschöpfer. Denn
sie selbst ist schon im Vollbesitz der Ursprungskraft, der Weltallruhe
und der Schöpferkraft.
_Wir Menschen sind, wie alle Leben, Schöpfer und Geschöpf, von uns
geschaffen und von allen und jedem Leben des Weltalls. Und wir sind
zugleich Mitschöpfer von allen und jedem Leben des Weltalls._
Mancher wird nun vielleicht nach den vorangegangenen Erklärungen
töricht sagen: wenn wir behaupten, die Schöpferkraft eines
Weltschöpfers zu besitzen, müßten wir dann nicht unser Leben
fortwährend bewußt ändern können? Es müßte uns ein kleines sein, aus
Steinen dann Brot zu machen oder uns im Magen satt zu fühlen, wenn
wir es nicht sind, oder Berge fortwandern heißen, Wasser in Feuer
verwandeln usw. Es müßte uns leicht sein, so könnte ein Tor sagen, ein
willkürliches Spiel mit den Lebensgestalten und Lebenserscheinungen zu
spielen.
Wer so fragt und so spricht, hat aber nicht begriffen, daß die
Weltferne und die Weltnähe sich in uns ewig das Gleichgewicht halten.
Das heißt, ein unsinniges Spiel mit sinnlosen Verwandlungen in der Welt
der sinnvollen Erscheinungen, in der Welt der sinnvollen Weltnähe, ist
durch das Gegengewicht der ewig weisen und ewig ruhenden Weltferne in
uns unmöglich gemacht. Die Weltferne in uns läßt die Weltnähe keine
chaotischen Zuckungen machen. Wir selbst stehen ewig weise über der
Torheit.
Das ewige Wechselleben in der Weltnähe wird in Zucht und Gleichgewicht
gehalten durch die unerschütterlichste Ruhe der Weltferne in uns.
Denn als Schöpferkraft wirken immer zwei Regungen: erstens die
verankerte Ruhe und Betrachtung, die das Überschauen vermittelt, und
zweitens die Tätigkeit, geleitet von jenem Überschauen, die das
Lebenswerk oder Lebensfest gestaltet und in Szene setzt.
Aber wenn Ruhe und Weisheit an unserer Tätigkeit beim Lebenswerk
teilnehmen, -- wie kann dann überhaupt Böses geschehen, da doch die
weise waltende Weltferne in uns von unserer Weltnähe unzertrennlich
ist? Man sollte meinen, Böses könnte nie möglich sein.
Nun müßt ihr, die ihr das fragt, einen Standpunkt so hoch einnehmen,
daß ihr auch die hohe Antwort auf diese Frage verstehen lernt.
Bis jetzt nahmt ihr Menschen meistens alle an, daß das Leben eine Plage
ist. Die Asiaten sprechen von der Lebensqual und von dem Fluch aller
Leben. Die Abendländer sprechen vom Jammertal, von der Hoffnung auf
Erlösung und, wenn es hoch kommt, von der Lebensaufgabe, die man zu
vollenden habe.
Darüber hinaus hat sich noch kaum eine Lehre erhoben, keine Lehre der
beiden Erdhälften.
_Das Leben ist aber ein Fest und soll ein Fest sein._ Das Leben ist
auch dem Elendsten immer festlich gewesen.
Bedenkt doch, daß die Süße des Lebens in euerer Vorstellung das
Paradies hat entstehen lassen, daß sie den Mohammedanern lustige Gärten
vorgaukelt voll sinnenfroher Frauen, den Christen einen melodischen
Himmel voll singender Harmonien und den Asiaten das große selige
Ruhebett des Nirwana.
Wie festlich teuer ist uns Menschen alles Erleben, wie köstlich
festlich! Wir schaffen uns Bilder vom Leben noch über den Tod hinaus,
um das Erleben nie zu entbehren.
Das Leben ist ein so gewaltiges Fest, daß nur, wenn wir uns
bereitwillig die höchste Schöpferkraft und damit zugleich die höchste
Verantwortung zuerkennen, wir das ganze Fest genießen können. Sonst
wird es uns gehen wie einem Dörfler, der nie Musik, nie Bilder, nie
Tanz, nie Geist und Anmut gesehen hat und der beim Eintritt in einen
festlichen Gesellschaftssaal alle für Narren halten würde, die sich
dort rhythmisch bewegen. Er wäre zuerst geblendet vom Fest und würde
nichts als einen Wirrwarr sehen. Er würde an der Schwelle stehen
bleiben und höchstens ausrechnen, wieviel Umstände das ganze Fest dem
Wirt und den Eingeladenen gemacht hat.
Und derselbe Dörfler, in ein Theater geführt, würde, wenn er auf der
Bühne mitspielen sollte, linkisch oder frech werden. Und da ihm der
Überblick über das Stück fehlte, das zu spielen wäre, und über die
Gestalt, die er darin zu verkörpern hätte, würde er sich geärgert
fühlen, wenn er sich nicht einzufügen gelernt hat, wenn er keine Lust
zum Spielen mitgebracht hat.