Sie haben längst nicht mehr glauben können, daß menschenähnliche Wesen

den luftleeren Weltraum bevölkern können. Sie leisten mir nur jetzt

Widerstand, weil Sie sich noch nicht in den Reichtum der neuen Welt,

die sich Ihnen darbietet und in die Verantwortung, die Ihr Ich als

eigener Schöpfer auf sich nehmen soll, hineinfinden können.

Das ist aber nur Gewohnheitssache. Die neue Welt, in welcher jedes

Geschöpf Selbstschöpfer ist und keinen anderen Übersichstehenden

anerkennt als sein eigenes Gefühl und seinen eigenen Verstand und als

Richtschnur die Erfahrungen, die es aus den Widerständen des Lebens

sammelt -- diese Welt scheint einem zuerst etwas schwieriger zu sein,

weil sie verantwortungsreicher ist.

_Man muß seine eigene Schuld auf sich nehmen, aber auch die Freuden

werden nicht mehr Geschenke, sondern eigene Errungenschaften. Man ist

nicht mehr Geschöpf, das auf Gnade und Ungnade Knecht eines Herrn ist,

sondern man ist Herr geworden, eigener Herr seines Lebens und aller

zukünftiger Leben._

Niemand, der die neue Weltanschauung annimmt, kann sich mehr mit

Schwäche entschuldigen, denn jeder glaubt dann an die unendlichen

Schöpferkräfte, die er in sich hat, die wir aber bisher nur dem einen

Schöpfer zusprachen.

Sehen Sie die anbrechende Nacht! Sie verhüllt Ihnen nichts mehr vom

Augenblick an, wo Sie die Sonnen nicht höher setzen, als sich selbst.

Die Nacht birgt in ihrem Dunkel keine anderen Schrecken, als die, die

Sie in sich selbst tragen.

Die Nacht ist nicht besser und nicht schlechter als alles Licht. So wie

Sie, im Urbegriff genommen, nicht besser und nicht schlechter sind als

ich und alle anderen Menschen. Niemand ist Herr und niemand ist Knecht.

Wir bieten jeder dem Leben schwache und starke Kräfte an, je nachdem

wir müde oder weniger müde, krank oder gesund sind. Jeder schafft sich,

angemessen den Kräften, die er verbraucht, seine eigene Welt. Jeder

ist Schöpfer seiner eigenen Freuden und seiner eigenen Sorgen.

Die Kräfte rundum antworten nur auf Kräfte, die zu erwecken jeder ein

eigener Schöpfer sein muß. Wir sind nicht Sklaven, nicht Gut und Besitz

eines einzigen höheren Wesens. _Wir besitzen alles und uns besitzen

alle._“ --

Wären Lawinen von den Bergen mit Donner heruntergekommen, hätten die

Berge zu wandern begonnen, und hätte der Mainfluß, an dessen Ufer wir

gingen, sich senkrecht aus seinem Bett aufgerichtet und wäre als heißer

Geiser in den Himmel gerauscht -- ich hätte mich nicht betäubter fühlen

können als jetzt von den Erkenntnisworten, die da mein Herz anredeten.

Mein vom Altgewohnten fast gedankentot gemachtes Herz, das da in den

wuchernden Überlieferungen wie in Bergen von Efeu eingesponnen gelegen,

erwachte aus einer Finsternis, die ihm liebgeworden war. Vorher war es

wie in Dornen eingewickelt gewesen, die es nie ganz hatten aufatmen

lassen.

Und nun war ein Brand in mich hineingefallen. Und die alten staubigen

liebgewordenen Lasten des Gedankengestrüppes der Jahrhunderte flogen

wie leichte Asche fort, und durch den Aschenregen ahnte ich bereits,

daß nun ein ewiger Tag anbrechen würde, ein Tag ewiger Kräfte, ein Tag

von befriedigendem, ewigem Wechsel, begleitet von einer Unermüdlichkeit

und fern aller Wehleidigkeit.

Große handelnde Freuden und große handelnde Schmerzen würden über

mich kommen, und nicht mehr jene verschleierten mitleiddurchtönten

Augenblicke, nicht mehr jene Unluststunden, die mich bisher ein

willenloses Werkzeug nennen durften eines höheren Willens über mir.

„_Wir besitzen alles, und uns besitzen alle._“ Dieses war das Wort, mit

dem man Herzen und Berge öffnen konnte. Keine Angst vor dem Tode, kein

Drang nach Reichtum und Gold, keine Angst vor Armut und keinen Drang

nach Eitelkeiten läßt dieser Ausspruch mehr aufkommen bei dem, der ihn

voll erfaßt: „_Wir besitzen alles, und uns besitzen alle._“

Man arbeitet für alle, und alle arbeiten für einen. Unter diesem

Losungswort lebten seit Jahrtausenden alle Weltatome und waren alle

zusammen Schöpfer dieser Schöpfung, und auch ich war nur im Leben, um

Mitschöpfer an der Schöpfung zu sein.

Und mit mir war es der Hügel dort über dem Fluß, die Wolke am Himmel,

der Fluß, die Stadt mit ihren Gassen, die Menschen und die Tiere, die

Schwalben, die jetzt da im Abend pfeifend in den Äther schossen, die

Wälder in der Ferne, in denen die Sonne fortgewandert war, meine Hand,

das Holz meines Spazierstockes in der Hand, der Pflasterstein, über den

ich ging, die Blütenblätter der Linden, die vor mir im Winde von den

Bäumen flogen, -- sie alle mit ihren Atomen sind mit mir Schöpfer und

Geschöpfe, sagte ich zu mir.

Der verdammende Bibelspruch: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du

arbeiten, und dein Acker wird Dornen tragen,“ -- dieses Spruches Fluch

wird ohnmächtig werden auf den Äckern derer, die sich nicht mehr zu

Sklaven und zu aus dem Paradies Verstoßenen stempeln wollen, die sich

der Erde Mitschöpfer nennen, Mitschöpfer an der Weltallarbeit und an

der Weltallfreude. Denn nicht mehr Knechte sind nach dieser Erkenntnis

an der Arbeit, sondern Herren ihrer Lust, Herren ihrer Sorge. --

Ich war still stehen geblieben und hatte über den Main gestarrt und

hatte meinen Freund neben mir vergessen. Und wie ich meine Blicke hob,

stand in der Richtung nach dem Steinbachstal, wo auf Meilen sich der

Guttenbergerwald hinstreckt, ein großer funkelnder Stern, die Venus.

Und die Liebe? Wird deine neue Weltanschauung auch der Liebe den

richtigen Wert geben? Es war mir, als spräche das eine feine Stimme aus

dem blitzenden Punkt dort vom Himmel herab.

Ich wußte damals noch nichts von der Liebe und konnte mir nicht

sogleich antworten.

Leben allein ist wenig, wenn es nur dem Erhaltungstrieb zuliebe

geschieht! Ich hatte mir aber, solange ich zurückdenken kann, immer

vorgestellt, daß das Liebesgefühl zu erleben das Lebenswerteste sein

müßte.

Nicht die Sättigung des Magens, nicht das Wettrennen um das tägliche

Brot, nicht einmal den Dichterruhm und nicht die Dichterunsterblichkeit

wünschte ich zu erreichen, wenn ich dabei auf das Erleben des

Liebesgefühls verzichten müßte.

„Alles wirst du stärker erleben, als es je eine Zeit erlebt hat.

Verstehst du denn nicht: vom Augenblicke an, wo du keinem Weltphantom

huldigen mußt, wirst du deine Huldigungen allen Lebensregungen

unverkürzt zukommen lassen. Die Anbetungsstunden und Andachtsstunden,

die dich aus deinem eigenen Ich entfernten, wirst du nun zu

Anbetungsstunden und Andachtsstunden aller Lebensgefühle machen.

Und auch das Liebesgefühl wird dann von dir reicher bedacht. Du wirst

keinen Gott höher stellen als das Herz der Frau, die du auserwählen

wirst, und du wirst auch in ihr, der Geliebten, eine Schöpferin

begrüßen, wie sie dich als einen Schöpfer begrüßen muß.

Die Frau hat wie der Mann ihre bestimmte Tätigkeit, in der sie am

Weltall mitarbeitet, die, wenn sie auch nicht deiner Tätigkeit gleicht,

doch ebenso wertvoll und dem Weltbau unentbehrlich notwendig ist, wie

das, was du leistest.“ -- So redete ich mit mir.

„Sind Sie nun beruhigt?“ fuhr mein Freund fort, als ich ihn lächelnd

ansah und in meinem Innern keine Abweisung mehr fand für die neue

Empfindungswelt, die er mir anbot.

„Es leuchtet mir ein,“ sagte ich, „daß die alte Welt, die Bilderwelt

der Kirchen und Bibelideale, von den Künstlern so ausgeschöpft ist

wie ein Jahr, das ausgereift und längst abgeerntet worden ist. Ich

ahnte aber vor unserer Aussprache noch nicht, woher neue Ideale kommen

sollten, neue Felder der Phantasie.

Aber noch stehe ich bei Ihren Worten auf keinem sicheren Boden. Ich muß

mich zuerst einleben in das, was Sie mir enthüllten.

Ich wünschte, daß die Begeisterung, die vorhin sich meiner beim letzten

Sonnenstrahl, der dort aus dem Tal kam, bemächtigte, anhalten möchte.

Ich fürchte aber, wenn ich Ihnen heute ‚gute Nacht‘ gesagt habe,

werden in den nächsten vierundzwanzig Stunden aus der alten noch nicht

abgestorbenen Kirchenwelt alle Zweifel wieder auf mich einstürmen.“

„Das macht nichts,“ sagte der junge Philosoph. „Sie werden noch oft

zweifeln müssen. Ich glaube aber, ich kann alle Ihre Zweifel verjagen.

Übrigens wird das nicht einmal nötig sein. Ich glaube, Sie selbst

werden sie verjagen. Denn da Sie Dichter werden wollen und nicht auf

abgeleierten Wegen gehen wollen, wird die Sehnsucht, einen neuen Weg zu

finden, Sie von selbst der neuen Weltanschauung entgegentreiben.

Dafür ist mir gar nicht bang. Jeder, der vorwärts will, muß jetzt

diesen Weg gehen. Und da die Welt nicht stehen bleibt und auch nicht

rückwärts geht, werden alle Menschen von morgen diesen neuen Weg gehen

müssen, da es für das Menschengeschlecht keinen anderen Weg gibt, als

den Weg fortgesetzter Aufklärung.

Auch die Dümmsten werden zuletzt mit fortgerissen werden und werden

mitgehen müssen, da die jetzt kommende Zeit der Menschheit einfach

keinen andern Weg zum Vorwärtsgehen übrig läßt, als diesen einen

Erkenntnisweg, der da heißt: _wir alle sind Schöpfer an der stets

fortschreitenden Schöpfung, die wir Leben nennen._ Über dem Einzelnen

gibt es keinen einzelnen Schöpfer, sondern wir selbst besitzen alles,

und alle besitzen uns.“

* * * * *

Diese Spaziergangsstunden waren dem August-Nachmittag vorausgegangen,

von dem ich jetzt weiterfort erzählen will, und der dann zur Folge

hatte, daß ich mich dann äußerlich beinahe von meinem Freunde lossagte,

obgleich ich ihm innerlich ein treuer Freund war.

Man muß bedenken, daß wir beide blutjung waren, er nur einundzwanzig

Jahre alt, ich nur dreiundzwanzig.

Es ist gerade dieses Alter, in dem man als Jüngling die meiste Zeit und

den größten Drang hat, eine Weltanschauung zu suchen, die einem ein

Leitfaden durch das Labyrinth des Lebens werden soll.

Diese Jahre sind die Brutjahre der Ideale, da man noch von keiner

Meisterschaft in irgend welcher Tätigkeit in Beschlag genommen worden

ist. Man läßt sich leicht von Menschen anziehen und leicht abstoßen.

Man ist noch nirgends für immer fest verkettet, man ist in jenen

Jugendjahren wie ein Samenkorn im Wind, das weiterfliegt und noch

keinen Wurzelplatz gefunden hat.

* * * * *

Man sollte nun meinen: nach jener Aufklärung, bei der wir uns beide zu

unseren äußersten Geistesgrenzen erhoben hatten und gleichsam über der

Erde im Äther des Weltraums gesprochen hatten, hätte es nie mehr für

uns möglich sein können, in alltäglichen Dunkelheiten unterzutauchen.

Aber so, wie ich das Gespräch jenes Abendspazierganges hier

niederschrieb, ist dasselbe nicht in Wirklichkeit gesprochen worden.

Sein Sinn und seine Bedeutung waren wohl dieselben. Aber die Einheit

des Gedankenganges stand nicht so geradlinig vor uns. Alles wurde

schwankender, im unklaren Plauderton, ausgedrückt, und ich gebe heute,

nach dreiundzwanzig Jahren, mehr das Gespräch unserer Geister wieder

als das ungelenke und unbeholfenere Gespräch unserer Lippen, das ich

natürlich nicht behalten konnte.

Das Endergebnis jenes Abends war, daß ich den neuen Aufklärungen meines

Freundes keinen hartnäckigen Widerstand oder eigensinnige Taubheit,

welche gleichbedeutend mit Dummheit gewesen wäre, mehr entgegensetzen

konnte oder wollte. Im Gegenteil: ich verfiel in einen neugläubigen

Übereifer, und diesem allein schreibe ich auch jene verhängnisvolle

Probe zu, mit der wir die neue Weltanschauung, ganz unsinnig, äußerlich

prüfen wollten.

Wie eine Belastungsprobe bei einer neuen Brücke gemacht wird, so derb

gedachten wir auch einen raschen äußerlichen Beweis von der Macht der

neuen Weltanschauung liefern zu können.

Ich hatte meinem Freund gesagt: „Angenommen, daß der Mensch gleiche

Schöpferkraft hat wie der Schöpfer, den wir uns früher über das Weltall

gesetzt vorstellten, dann kann ich recht gut verstehen, daß die Wunder,

die Christus tat, wenn er lebenden Leibes zum Himmel gestiegen ist,

Wasser in Wein verwandelte, Lahme gehen machte, Blinde sehend und Tote

auferstehend, -- daß eigentlich diese Wunder von jedem Sterblichen

geleistet werden könnten.“

Diese Frage warf ich Monate nach jenem Frühlingsabend auf, nachdem ich,

losgetrennt von meinen alten Überlieferungen, sozusagen zwischen der

alten und neuen Welt vagabondierte. Denn, wenn auch der Geist rasch an

der Schwelle einer neuen Erkenntnis steht und blitzartige Aufhellungen

genossen hat, -- bis der Leib sich an das neue Licht gewöhnt, hat es

noch gute Weile.

Alles, was ich an Dichtungen zu schreiben anfangen wollte, neigte noch

nach der alten Seite hin, und mein Geist sagte mir, daß ich noch nicht

in den Sinnen reif sei, um schon sofort ein Gedicht oder eine Dichtung

auf dem Weg der neuen Weltanschauung zu schaffen.

Darüber war ich unglücklich, denn nichts war mir von jeher widerlicher

gewesen als Tatenlosigkeit. Seufzer stiegen in mir auf und heimliche

Vorwürfe gegen meinen Freund, der mir alles, was jahrhundertelang niet-

und nagelfest gewesen war, gelockert hatte.

Ging ich an den schönen alten ehrwürdigen Kirchen vorbei, so sagte ich

mir jetzt: es wohnt gar kein Gott darin. Und die Priester dort und die

Andächtigen schauen zu einer Leere auf, als ob sie ein leeres Loch in

der Luft anbeten.

Und ich bemitleidete alle Menschen, alle, die mir begegneten, von

meiner Familie angefangen bis zur Obrigkeit des Landes. Sie alle

schienen mir bedauerlich, da sie eine große Null als ihren Herrscher

ausgerufen hatten.

Es ging mir wie in jenem Märchen, in dem es heißt, daß ein König bei

einem Festzug im Hemd durch die Straßen gegangen ist und es allen

Leuten bei Todesstrafe verboten war, zu sehen und zu sagen, daß der

König nur ein Hemd anhabe. Denn der König behauptete, ein kostbares

Gewand anzuhaben, und niemand durfte dieser Behauptung widersprechen.

Bis endlich aus der schweigenden Menge ein kleines unschuldiges Kind,

das einen Königsmantel sehen sollte, wo keiner war, harmlos ausgerufen

hat: „Aber der König hat nur ein Hemd an. Er hat ja gar keinen Mantel

an!“ --

So ging es mir jetzt den Menschen und den Kirchen gegenüber. Ich hätte

gern in alle Kirchentüren hineingerufen: „Ihr guten Leute, die ihr da

kniet, steht doch auf und geht heim und versäumt die Zeit zur Arbeit

nicht und versäumt die Zeit zur Liebe eurer Frauen nicht und versäumt

nicht die Zeit zur Bewunderung der Welt, von der ihr Mitschöpfer seid.

Es ist gar kein Gott im Himmel, nur Luft und Leere; jeder von euch ist

sein eigener Gott.“

So vereinsamt, alleinstehend, einer neuen Weltanschauung verfallen,

die nur jener Freund mit mir teilte, fühlte ich mich aber nicht wohl,

ich, der ich gerne gesellig sein und die Menschen lieben und achten

wollte. Und daß mir von allen Menschen niemand übrig blieb als dieser

junge Philosoph -- mit dem ich mich plötzlich allein, wie von der

ganzen Menschheit getrennt sah, nachdem ich auf seine Gedankengänge

eingegangen war --, das plagte mich. Denn ich war jung und wollte

gern durch die Menschenschwärme gehen, die Menschheit erlebend und

liebend, und wollte ein einfacher Mensch unter Menschen sein und keinen

Sonderling vorstellen.

Der junge Student hatte seine Eltern und seine Heimat in einer andern

süddeutschen Stadt, und in meiner Stadt kannte er, mit Ausnahme von

einigen Mitstudierenden, denen er sich aber wenig anschloß, fast

niemanden.

Er arbeitete in seinen Mußestunden an der Atomkraftlehre, die er später

niederschreiben wollte, und deren vertieftes Durchdenken und Klarlegen

ihm bereits zur Lebensaufgabe geworden war.

Zu Anfang war es wohl wunderschön, wenn wir uns abends trafen und als

zwei verkappte Weltumstürzler an den Provinzlern und Kleinstadtleuten

vorübergingen. Diese fanden an uns beiden vielleicht nichts anderes

merkwürdig, als daß der junge Philosoph untersetzt war, aber im Gesicht

eine kluge regelmäßige Linie zeigte, außerdem ein Augenglas trug und

auf der Oberlippe einen kaum beginnenden Bartflaum. Und an mir fiel

auch nichts auf als der überstarke Haarwuchs auf meinem Kopf. Auch an

unserer Kleidung war nichts Aufrührerisches. Mein Freund trug, solange

ich ihn kannte, hechtgraue Kleider von einfachstem Schnitt, während

ich meistens schwarze Stoffe trug und mich höchstens durch eine etwas

gewähltere Krawatte auszeichnete.

Der junge Philosoph war von Haus aus Katholik, ich Protestant. Aber es

war selbstverständlich, daß Religionsunterschiede nie zwischen uns zu

Tage traten, da wir uns über jede Religion erheben wollten.

So dachten wir auch, als ein dritter junger Mann, welcher Jude war,

sich zu uns gesellte, keinen Augenblick über seine Religion nach

und fühlten ihn, nachdem er von dem jungen Philosophen in die neue

Weltanschauung eingeweiht worden war, als einen geistesfreien Menschen

uns zugehörig. Wenn wir von den neuen Gedankenwegen sprachen, waren wir

alle drei wie ein einziger Mensch, der da denkt, fragt und sich Fragen

beantwortet.

Das Seltsame war aber, daß jeder von uns dreien aus einer

strenggläubigen Familie stammte. Meine Mutter hatte der

strengprotestantischen Sekte der Herrnhuter angehört, und in meines

Vaters Familie waren viele Oberprediger unter meinen Vorfahren gewesen.

Der junge Philosoph hatte eine äußerst strenge Mutter, die jeden

Morgen, Sommer und Winter, ihn und seine Brüder vor dem Schulbesuch in

die Frühmesse geschickt hatte. Und jeden Sonntag hatte er die Kirche

zweimal besuchen müssen, morgens und nachmittags. Ebenso mußte er jeden

Monat zur Beichte gehen, und die äußerst scharfe Mutter, die nie mit

schweren Strafen gegeizt, sammelte eifrig die Beichtzettel, die ihr den

Beweis des Gehorsams geben sollten, den sie blindlings bei allem, was

die Kirche betraf, von ihren Söhnen forderte.

Auch später noch, als mein Freund auf dem Gymnasium war, war sie

eben so streng zu ihm gewesen. Und nachher hatte sie ihn dann

erst zum Studium auf die fremde Universität gehen lassen, als er

ihr versprochen hatte, den Kirchenbesuch dort fortzusetzen. Und

dieser junge Mann, der so aufklärend und auf meine alten religiösen

Überlieferungen vernichtend wirkte, er besuchte regelmäßig -- um seine

Mutter nicht belügen zu müssen, wenn er in den Ferien heimkam und über

den Kirchenbesuch ausgefragt wurde -- jeden Sonntag vormittag eine

katholische Kirche der Universitätsstadt.

Als ich ihn fragte, wie er das fertig brächte, in die Kirche zu gehen,

sagte er: „Es ist mir ganz gleich, ob ich zu Hause auf meinem Zimmer

oder in der Kirche über meine Atomlehre nachgrüble. Meine Mutter

belügen mag ich nicht, das ist mir unbequem. Und würde ich nicht in

die Kirche gehen, so ist diese Frau so stark, daß sie mich nicht

weiterstudieren lassen würde. Also tue ich ihr den Gefallen. Ich bin

das Nachdenken in den Kirchen schon von Jugend an gewöhnt und habe

meine ganze Weltanschauung seit Jahren im Schutz der Kirchengewölbe

und der Kirchenstille durchgearbeitet. Ich habe meiner Mutter nur

versprochen, _in die Kirche zu gehen_. Für meine _Gedanken in der

Kirche_ aber hat sie mir kein Versprechen abgenommen, und dafür hätte

ich ihr auch keines geben können.“

Der Vater meines Freundes, welcher als Direktor einer Fabrik, die auf

dem Lande lag, nur des Sonntags zur Familie in die Stadt kam, hatte

die Erziehung seiner Söhne dieser etwas gewalttätigen Mutter ganz

überlassen und war zufrieden, wenn er Ruhe zu Hause fand, und wollte

von keinem Streit und keinen Erziehungsangelegenheiten hören. Es hätte

dem jungen Mann also nicht geholfen, wenn er in der Kirchenfrage sich

an seinen Vater gewendet hätte.

Und so oft ich, der von Haus aus keinen Kirchenzwang kannte, den

Freund, wenn er mich Sonntag nachmittag besuchte, fragte: „Warst

du heute vormittag spazieren?“, da war seine stete und mich immer

wieder verwundernde Antwort: „Ich? Nein. Ich war in der Kirche. Das

mußt du doch endlich behalten. Ich bin wahrscheinlich unter allen

Medizinstudierenden der beste Kirchengänger der ganzen Universität.“

Er sagte das lachend. Und ich schüttelte den Kopf und erstaunte immer

wieder. Ich hätte ein solches Gleichgewicht von Beherrschung und Willen

nicht aufbringen können, so glaubte ich immer und äußerte das zu ihm.

Da sagte er zu mir: „Tust denn du nicht dasselbe? Du lebst im Hause

deines Vaters, bei ihm, der dich nicht Künstler werden lassen will. Und

du beugst dich mit Beherrschung seinem Willen und lebst und arbeitest

in seinem Geschäft und denkst dabei deine eigenen Gedanken, von denen

dein Vater keine Ahnung hat.

Du gehst folgsam in sein Geschäft, aber deine Gedanken sind nicht dort,

denn du willst Schriftsteller und Dichter werden. Ich tue meiner Mutter

den Willen und gehe in die Kirche, und du tust deinem Vater den Willen

und übst einen Beruf aus, bei dem du, so wie ich in der Kirche, ganz

anderen Gedanken nachhängst.“ --

Der Dritte von uns gehörte einer strengjüdischen Familie an und war

aus einer der jüdischsten Provinzen Ostdeutschlands nach Würzburg

gezogen. Er studierte ebenfalls Medizin, und der junge Philosoph hatte

ihn in einem Kolleg, das sie beide besuchten, und wo sie nebeneinander

saßen, kennen gelernt. Er hatte ihn mir gelegentlich vorgestellt,

und seltsamerweise geschah dieses gerade in dem Augenblick, als ich

es etwas eintönig empfand, mit dem jungen Philosophen immer von der

Entwicklung seiner Atomlehre zu sprechen.

Denn geleitet vom Studium der Physik und der Chemie, die er eifrig

betrieb, da er sie zum Physikum-Examen benötigte, hatte der Philosoph

jetzt eine Atomlehre aufgebaut. Er behauptete, die Atome aller Dinge,

im Eisen, im Holz und so weiter, kreisen ebenso untereinander wie die

Planeten um die Sonne und leben wie die Sonnensysteme kreisend.

Überall, wo Leben herrsche, sei dieselbe kreisende Bewegung in den

Dingen wie im Sternenhimmel, so behauptete er. Die Weltkörper seien

für den Weltraum nichts als Atome von ungeheurem Umfang. Und mit

der Annahme vom Kreisen der Atome wäre auch der Magnetismus und die

Elektrizität, deren fernwirkende Kraft bisher unerklärlich war, leicht

erklärbar. Ebenso wären die Macht der wirbelnden Dampfkraft, das

Schwergewicht und die Ausdehnung der Gase durch das Kreisen der Atome

verständlich.

Und der junge Denker wollte die Vorgänge der Chemie und Physik nun auf

die einfachste Weise erläutern und ein Buch ausarbeiten, das von nichts

weniger als „_vom Wesen aller Dinge_“ handeln sollte.

Bei diesen, auf die Einzelheiten des mechanischen Lebens eingehenden

Übertragungen der neuen Weltanschauung wurde ich unaufmerksam und

konnte nicht genau mitfolgen, da sie fern von meinem Gebiet lagen:

der neuen Dichtung, der ich zustreben wollte. Und so war mir der

andere neue Kamerad willkommen, der als Student dem jungen Philosophen

kritischere Einwände machen konnte als ich. Ich war schon ganz

überanstrengt von den chemischen und physikalischen Vorträgen, die mir

der junge Denker auf allen Spaziergängen gehalten hatte.

Auch war ich, um mir eine persönliche Schriftsprache anzueignen und mir

das eingedrillte aufsatzartige Deutsch der Schuljahre abzugewöhnen,

auf den Gedanken gekommen, alle Spaziergänge und alle Beobachtungen

an Menschen und alle Gespräche mit Menschen aufs knappste zu Hause in

Notizbüchern niederzulegen. Und da hatte ich viel zu tun, denn ich sah

bald ein, wieviele wichtige Beobachtungen aus der Augenblickswelt,

wieviele feine, unauffällige und doch wichtige Menschenzüge und

wieviele vorüberflatternde Ausdrücke in der Sprechweise der Menschen

mir bisher entgangen waren. Denn so, wie in der Landschaft mir jetzt

nichts zu klein war und zu unbedeutend, als daß es nicht eindrucksvoll

gewesen wäre, so erging es mir bei den Menschen und ihren Gesprächen.

Bald häuften sich Stöße von dicken Notizheften bei mir an, und wenn

ich manchmal darin blätterte, war ich erstaunt, wie lebensfrisch

jedes Erlebnis noch nach Wochen wirken konnte, wenn es in treffenden

Worten und mit genauer Beobachtung festgehalten worden war. In diesen

Notizbüchern standen natürlich ganz unzusammenhängende Beobachtungen,

herausgerissen und niedergeschrieben aus dem Tagesleben.

Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band · 第 2 / 21 段