Im „_Herzoghof_“ des seit Römertagen gesuchten Kurortes _Baden bei
Wien_, – „Aquae thermae“ nannten es die Pensionisten der pannonischen
Legionen, die in seinen Schwefelquellen Heilung erhofften, – haust Otto
Eißler. Das Gebäude, so benannt nach den fröhlichen Babenberger
Herzögen, den vorhabsburgischen Herrschern von Österreich, die gerne
hier verweilten, stellt eine passende Unterkunft für Leute dar, die in
der sommerüber von Fremden wimmelnden Stadt keinen überflüssigen Kontakt
wünschen und dabei eine gewisse vornehme Behaglichkeit nicht entbehren
wollen. Der Misanthrop aus der Holzdynastie verlegte darum frühzeitig
sein Hauptquartier an dieses stille Refugium, von dem aus er den Krieg
gegen seinen Vetter führt, zuletzt 1923 in einer bereits an Irrsinn
grenzenden Erregung, je sicherer die Erfolglosigkeit seiner Bemühungen
zu erwarten schien. Freundin und Kinder umgeben ihn mit liebereichster
Pflege; dennoch muß der Arzt zu dem von schwersten Nervenkrisen
Erschütterten gerufen werden, stellt seelische Störungen fest, deren
Behandlung strengste Ruhe und Abgeschlossenheit von der Außenwelt als
erstes Gebot erforderte. Davon will der Unglückliche nichts wissen,
streitet mit punischer Tapferkeit für seine steigend getrübteren
Aussichten, klingelt nachts Anwälte und Notare aus dem Schlaf, um
dauernd das Gleiche zu erfahren: Daß er für sich nahezu nichts zu hoffen
habe. Allenfalls den mitgeschädigten Schwestern würde man im Wiener
Erzhause Kompensationen zubilligen, – ihm: Nicht die winzigste!
Es ist August, der Monat der Verbrechen aus Leidenschaft. Seine weiße
Glut vergiftet die Hirne, heizt die Herzen bis zur Explosion. Achtete
eindringlicheres Verfahren, als das der gegenwärtigen Themis auf die
Verknüpfung von Gewalttat und Gezeiten, es gelangte zu verblüffenden
Erkenntnissen: Winter, Intellektualverbrechen; Affekthandlungen im
Sommer; Selbstmorde und Revolutionen in den Brunftzeiten Frühling und
Herbst. Durch die verschlafene Empirestadt, über der es von Hitze
brütet, jagt ein rasendes Menschentier: Otto Eißler, trächtig von seinem
Schicksal. Klarheit hat er jetzt durch den Rechtsfreund. Eine Tagsatzung
soll in seiner Sache noch stattfinden, nutzlos wird sie vergehen. Nichts
mehr nützt! So wird er berufen; immer wieder berufen. Hartnäckig wie ein
Bauer, der um einen Grenzstein streitet. Wohin führt das am Ende? Und
er, Otto Eißler, hat selber beigetragen, daß es so weit gekommen ist!
„Dummer Kerl!“ hört er zischeln um sich; nein, niemand ist da, nur die
leeren flimmernden Straßen, – aber der Vetter soll das ja gesagt haben
von ihm, der Vetter Robert, der in Wien hockt, breit, gewaltig,
unangreifbar. Er, der Reiche, kann ja warten, bis der andere sich
zugrunde prozessiert hat; fünfzehntausend Schweizer Franken tauchen bald
in Expensen auf; dann fällt die Angelegenheit in nichts zusammen, weil
Otto ein Bettler geworden ist. Was aber nachher? Die Frau! Die Kinder!
Unmöglich ist es, unmöglich! Im kühlen Waffenladen kommt der
Heißgelaufene zu sich. Ein Entschluß beginnt. Alle Gerichte bleiben
wehrlos in Sache des Rechtes. Und auch Gott schweigt; er ist ihm nicht
wohlgefällig, – niemandem ist er wohlgefällig, er, der Häßliche, von
Kind auf Gestoßene. „Gewiß Herr Müller! Mauserpistole samt Patronen. Ja
...“ Ob er mit dem Browning vom Februar zufrieden gewesen sei? – „O,
freilich!“ Den Browning trägt er doch stets im Sacke, entsichert und
wohlgeladen, – umlagert von Feinden, wie er ist. Aber davon erzählt er
nichts. Etwas glättet sich in ihm, wie er die kalte Waffe am Schafte
hält und mit dem Abzug spielt. Und nun läßt er sich Munition geben, als
gälte es, ein neues Fort Chabrol zu armieren. Es ist der
dreiundzwanzigste August.
Zu Hause macht er Bilanz über sich und das Seine. Man hat sich
vorzusehen für alle Fälle. Wogegen? Ach, das wird sich schon weisen. Das
geschieht doch nicht so einfach aus einem selbst, das packt einem von
draußen und findet statt. So heißt es auch immer „fand statt“. Also
darum jede Schuld berichtigt, selbst die kleinste! In einer Woche ist er
in Ordnung damit. Keine Rückstände! Alles soll sauber liegen hinter ihm.
Ja, da ist noch seine Schwester Ida, Witwe nach Exzellenz von Molnar,
ungarischen Staatssekretär. Immer war die gut zu ihm; sie sollte man
unbedingt aufsuchen, – der armen Frau daheim, den Kindern, kann man
nichts zumuten, – die Schwester ist ein kluger starker Mensch, und so
einer muß zur Stelle sein für die Seinen, wenn – ja, irgend etwas
geschieht, – und wäre es das eigene Leben, das man wegwirft – um den
Frieden, – um den endlichen Frieden, nach dreißig Jahren Unrast,
Verfolgung, Bitterkeit. Und vorher zwanzig Jahre einsamer Jugend,
lichtloser Kindheit ... „Sorge Dich um die Meinen,“ bittet er die
Schwester und noch allerlei Verworrenes, das der tödlich Erschrockenen
kaum zum Bewußtsein kommt; da ist er auch schon fort.
Er fahrt nach Wien. Früher Morgen. Der letzte Augusttag brennt ab. Die
elektrische Kleinbahn surrt grau durch das sommerträge Land. Ringsum
Ebene, schattenlos. Erst westwärts in den schwarzblauen Bergen am Rande
des Flachlandes strotzen wieder stämmige Waldbäume. Sie mögen sich
hüten, daß nicht auch sie bald dem großen Vetter verfallen. Wie es ihm
ergeht samt seinem Anspruch und allem, was daran hängt: Die Schwestern,
die Gefährtin, die drei Kinder. Das Blut siedet ihm dick in die
Schläfen, wenn er versucht, das zu Ende zu denken. Ihnen insgesamt wird
noch das Mark ausgesogen durch den höchst unbrüderlichen Bruderssohn,
der früher nicht rastet. Man will ihn aber jetzt stellen; von Angesicht
zu Angesicht befragen will man ihn, zu letzten Male, ob er sich nicht
doch vergleichen mag in zwölfter Stunde? Das muß man, ehe man jede
Vernunft fahren läßt, die sich nur mühsam noch, von Wut umschäumt,
hinter der glühenden Stirne aufrecht hält. Vielleicht sind die beiden
Mitchefs zugegen; die könnten eingreifen, mildern; die haben sich ja
nicht so verbissen in diese Menschenjagd. Da ist der Luegerplatz mit der
Burg des Feindes, die er nun betritt. Wieder einmal. Denn erst vor
wenigen Wochen war er hier, nachdem er zuvor lange heraufgestiert hat
vom Rathausparke aus. „Wie eine Wachspuppe“ –, so berichtet einer, der
ihn dabei ertappt. Und der Herr Robert würdigte ihn damals kaum einer
Antwort und die Bucheinsicht wird ihm auch verweigert; gerade, daß sie
ihm nicht schon die Türe weisen. Nein, – das tuen sie doch nicht; von
den Angestellten keiner; die verstehen sich mit ihm, weil er freundlich
zu ihnen ist, nicht so – wie der! Der Robert! Kommt er heute etwa nicht
ins Kontor? Da erteilt der Kassierer Köhler Bescheid: Robert allein sei
hier, – und geht eilig weg. Robert – allein –? Stille stemmt einem den
Atem zurück, entsetzliche Stille. Gleicht das Chefzimmer nicht plötzlich
einem gedämpften Raum, darin eine Leiche liegt? – Der Besuch lehnt sich
an den Schreibtisch; den kennt er: Vierzig Jahre war sein Vater Heinrich
daran verkettet gewesen, vierzig in Arbeit geknechtete Jahre, – mit
einem Fußtritt als Dank zum Abschluß! Das verantwortet – Robert! Immer
bleibt er so letzte Ursache jedwedes Unheiles, das ihn und die Seinen
martert, er – in seiner unbeugsamen Härte! Auch im Hause hier mögen sie
ihn sicherlich alle nicht. Man tuschelt mancherlei. Da ist der Jakob
Singer, – den hat er einmal mit zerrissenen Schuhen stundenlang im
Schnee warten lassen, und wie der vor ihm frostzitternd von einem Fuß
auf den anderen tritt, schreit er ihn an: „Hund, kannst du nicht habt
acht stehen?“ Und der Ernst, sein Cousin, der weiß, wie der Robert beim
Militär die armen Soldaten angeblasen hat wegen dem Grüßen. Und solche
Geschichten gibt’s genug von dem Robert, zum Beispiel die mit dem Vetter
Otto, he? Mit ihm selbst? – Die Hände würgen in den Säcken des
schlotternden Anzuges; sie spüren Kühle, Metall: Die Pistolen! Und da
tritt auch der Vetter ein, scheinbar nicht eben erfreut über den Gast,
den er vorfindet. Freilich, gerade heute, wo ihn der Kopf wohl von
Wichtigerem summt, wo unter anderem die deutsche Mark von den
rheinischen Kollegen abgefeilt endgültig ins Bodenlose saust, – da sind
andere Sorgen am Ruder und andere Pläne. Und schon hält er auch das
Telephon in der Hand und rasch zuvorkommend in des Wortes engster
Bedeutung wirft er es hin zwischen zwei Geschäftsgesprächen: „Ich werde
lieber sieben Jahre prozessieren, als dir die Rente bezahlen.“ Da wird
alles rot, roter wogender Nebel, drinnen schwankt der Schreibtisch des
alten Heinrich wie ein Schiff im Untergang. Wo klammert man sich fest,
daß es einen nicht niederreißt, hinab zu den goldlüsternen Haifischen,
die nun wieder Beute wittern, zahllose Beute? Die Kolben in den Taschen
bäumen sich; man möchte sie zurückzwingen, aber nun halten sie einen
fest, wachsen einem in die Fäuste, wühlen sich aufwärts, drängen ans
Licht. Was sagt der drüben? – „Du kannst noch sieben Jahre Prozeß
führen.“ Bis dahin hat man doch keine Faser am Leibe mehr, die einem
gehört! Und jetzt weiter: „Von mir aus könnt ihr alle krepieren!“ Nein!
Das nicht! Das muß Täuschung sein, sausen in den Ohren! Die Kolben
rücken über den Rand der Säcke, – verlängerte Hände sind sie und ihre
Läufe steile Finger, die auf den Menschen weisen, der dort ruhig sitzt
und telephoniert. Ja hübsch ruhig, während ihm gegenüber sein
Blutsverwandter an der gleichen Stelle zugrunde geht, wo man schon
seinem Vater die Knochen gebrochen hat. Trotz des Rechtes, das hinter
beiden stand, sie _hatten_ recht, – bloß der andere war schlauer! –
„Dummer Kerl!“ – Wer ruft so? – Der drüben? Der – am Telephon? Und hätte
er es auch nicht ausgesprochen, – jede seiner Gesten, die ihn
abstreifen, schreit es ihm zu, jeder seiner Blicke, der ihn anspuckt.
Wahrhaftig, das ist kein Mensch mehr! Das ist das Geld selbst, das da
vor einem thront, ungeheuer, unbarmherzig, angemästet mit allem Elend
der Erde, vollgesoffen aus den Wunden ihrer Schlachten und dennoch
unersättlich gierig nach Blut und Blut und Blut! Alles Bauch,
wälderzermalmender, menschenkauender Bauch! Die Welt muß man erlösen von
ihm – man muß – und los! – oh jauchzende Himmelfahrt der feuerblitzenden
Hände – weiter – oh unfaßbare Befreiung im Donner der ersten krachenden
Schüsse – weiter – oh überirdischer Rausch, der den Krampf eines Lebens
entbindet, – weiter – da drüben taumelt einer, ächzt, speit rot – weiter
– als Barrikade den Schreibtisch des Vaters, Opferblock, wo nun wieder
geschlachtet wird, – weiter – Blut wäscht ihn rein, Blut sühnt – weiter
– das krümmt sich dort auf, röchelt, sinkt ein, wie eine Marionette, der
man die Drähte gekappt hat – weiter – Türen klaffen, Gesichter schreien
und flattern durch Rauch, – man hört nichts mehr davon – man sieht
nichts mehr, – man weiß nur eines: Man hat es dem Golde gegeben, man hat
dem Golde in den Bauch geschossen, sechsmal –
Und nun rasch die letzte Kugel durch den eigenen Schädel! Abschied im
Zenith der Tat! Ihn soll keiner noch je angrinsen, keiner ihn verhöhnen,
eine Millionenstadt hebt nun seinen Namen über alle Gischt ihrer
täglichen Helden hinaus, – – aber schon dringen aus dem blassen Haupte
drüben, um das sich Entsetzen und Grauen schart, ein paar furchtbar
klarer Worte:
„Wie oft hat dieser dumme Kerl geschossen?“
„Dieser dumme Kerl –“ Das war es wieder und unleugbar laut! Also auch
jetzt ist er für den dort noch nichts anderes, auch daß er ihm den Tod
sechsfach ins Fleisch geimpft hat, zählt nicht. Der stirbt, ohne
Kenntnis zu nehmen von seinem Mörder, stirbt voll verzweifelter Wut über
einen blöden unsinnigen Zufall, der ihn mitten aus seinen Plänen und
Werken reißt, – denn das ist ihm der Vetter samt seiner Tat: Ein
Ziegelstein vom Dache! Ein Auto, das sich mit ihm überschlug! Stupide
Tücke eines Dinges! Mehr nicht!
Der Mörder läßt die Arme baumeln wie schlaffe Peitschenschnüre. Mühelos
entwindet man ihm die Waffen; ingrimmig stößt er etwas hervor, – „es ist
nicht schade um den“ will ein Zeuge gehört haben, – und dann sagt eine
Uniform:
„Im Namen des Gesetzes –“
Und neuerlich kommt drüben die Stimme des anderen. Aber dieses Mal ist
sie leise und von einem fremden Klang. „Bauchschuß – ich sterbe, – Herr
Doktor, – wie lange habe ich noch zu leben?“ und „– meine arme Frau, –
meine Kinder –“ Die Maske der Macht gleitet nieder von dem Antlitz eines
Menschen, der sich sterben weiß. Und dieses Antlitz ist ganz bleich,
ganz rein, – wie das eines Genesenden von einem schweren qualvollen
Leid.
Der Täter gewahrt das nicht mehr. Eine Entspannung lockert ihn. Ruhig
läßt er sich abführen.
Er gewahrt auch das Größere nicht. Daß man im Leben stets nur _einen_
Feind hat. Den man vergeblich vernichten würde, und wäre es durch
tausend Leiber. Weil er sich im Nebenmenschen am Widerspruche zu dem
Nachbarwesen immer neuerlich entzündet. Weil das Ich schuld trägt daran
und seine schicksalshafte Gegensätzlichkeit zu einem ebenso bestimmt
gearteten anderen Ich. Darum begegnet man ihm immer wieder. Erledigt ihn
mit keiner Gewalt. Vielleicht nur durch klare wehrlose Güte, wenn sie
ihn überzeugt: Mit Selbstaufopferung.
Robert Eißler wurde so sein Feind. Als Urgegner des Undeutbaren, des
Unentschlossenen, des Wegelosen, des vom Gefühle Überschwemmten. Ein
Ekstatiker seines Lebensbekenntnisses, das hier „Gold“ hieß. Aber auch
andere Namen hätte führen können: Kampf, Herrschaft, Gott, Gesetz!
Wenige Stunden nach jenem Überfalle stirbt Robert Eißler. Die Kugeln
haben sein Inneres fast zerfleischt: Zu sechzehn Wunden.
Und acht Monate später steht Otto Eißler in Wien vor der Apostelzahl der
zwölf Geschworenen und ihrem Vorsitzenden, dem Gesetze in
Menschengestalt.
Der Vorsitzende nennt sich: Hofrat Doktor _Ramsauer_.