Dramatische Kontrapunktik, die fast schon ans Kolportagehafte streift,
fügte es, daß Robert Eißler dem durch ihn zur Strecke gebrachten
Heinrich die Stellung zu verdanken hatte, kraft derer er auf dem
Hauptmaste der Firma saß. Des alten Bernhard Kinder _Heinrich_,
_Johann_, _Jakob_ und _Moritz_ verwalteten gemeinsam das Geschäft unter
einer Art Rückversicherung vor der Nachkommenschaft, wonach nämlich ihre
Söhne erst nach freiwilliger Abdankung oder Tod der Väter die Stellungen
jener einzunehmen vermöchten, also im Sinne des zitierten talmudischen
Sprichwortes über den geliebten Feind. _Otto_, _Alfred_, _Hermann_ und
_Robert_ hießen sie, von denen zwei bald durch Hinscheiden der
elterlichen Vordermänner die Führersitze erobern sollten. Just der
Ehrgeizigste, Robert, war nicht dabei; ihm brannte das längst unter den
Nägeln, doch sein Erzeuger, der vermutlich Ähnliches verspürte, saß
unerbittlich fest mit begründeter Aussicht auf hohes Alter und
ungeschwächte Tätigkeit. In seiner Not kam Robert zu dem gutmütigen
Onkel Heinrich, er möge bei dem Bruder, Roberts Vater, erreichen, daß
Robert noch zu Lebzeiten des unverwüstlichen Urhebers seines Daseins
Aufnahme in die Leitung der Firma gewährt würde. Heinrich, ahnungslos,
wie sehr er sich und seinen Sohn damit gefährdete, bedrängte unablässig
den Bruder, Roberts Ansinnen zu willfahren und setzte endlich nicht ohne
Schwierigkeiten jenem durch, was ihm für sein eigenes Fleisch und Blut
versagt werden sollte. Freilich mit drückenden Vorbehalten. Roberts
Vater, aus gleichem Hartholz wie sein Sprößling, heischte als Preis für
seine Erlaubnis von dem Sohn im Laufe eines Jahres sechshunderttausend
Goldkronen Einlage in das Geschäft, die er in dem zeitgemäßen Wege einer
Ehe binnen der genannten Frist zu beschaffen habe. Und wieder hilft die
Familie Heinrichs; diesmal ist es die Gattin, Ottos Mutter, die ihm die
Frau mit den sechshunderttausend Goldkronen besorgt, und Robert Eißler
heiratet und er besteigt den Firmenthron. Und sein erstes war, den zu
stürzen, der ihn hinaufgeleitet hatte, vielleicht gerade weil er vor ihm
einst schwach gewesen war.
Sonderbar und bedrückend mag derlei trotz tausend alltäglicher Beispiele
einem schlichten Hirne erscheinen, das noch an Worte von Liebe und
tieferer Gemeinschaft zwischen Menschen glaubt. In einer auf den Besitz
eingeschworenen Ordnung zählt es jedoch zu den einfachsten und ersten
Forderungen, seine Persönlichkeit dem Zwecke zu unterstellen, und
„Einheirat“, meist in verkleideterer Form als dieser, die noch den
Vorzug der Offenheit aufweist, ist überall gewünscht und befohlen, wo
Geld zu Geld will, Einfluß zu Einfluß, Ware zu Ware. Und gewiß erachtete
der alte Heinrich des Neffen Robert Handlungsweise in dieser Sache weit
klüger, als etwa die seines leiblichen Sohnes Otto, der an einer Ehe als
Einlagekapital wenig Gefallen fand, die in seiner Gesellschaftsschichte
gebräuchliche Synthese zwischen Merkur und Hymen verwarf und schon Jahre
mit einer braven vermögenslosen Frau lebte, von der er die schönste
Mitgift in drei zärtlichst geliebten Kindern sein Eigen nennen durfte.
Jedenfalls wußte des Vaters leidenschaftlicher Einspruch es zu verhüten,
daß dieser Neigungsbund je zur Heirat sich emporwage; Ottos Beziehung
galt ihm „nicht als standesgemäß“, – was andererseits jegliche
Geldallianz mit wem immer gewesen wäre, – und selbst auf den Sohn färbte
noch sein Wille ab. Auch nach des Vaters Tod respektierte er dieses aus
dem dynastischen Hochmut des Welthauses entsprungene Verbot; Anna
Heimerle – so hieß seine Freundin – blieb ihm „Lebensgefährtin“ im Sinne
des Gesetzes bis vor die Schranken des Gerichtes, an denen sie unter
Tränen die Wärme, Güte und Sorgfalt, mit denen der Beschuldigte sie und
die ihren stets umgeben hätte, nicht genug zu rühmen wußte. Die Frage,
ob Otto eine geschäftlich angetraute Gattin ebenso zur Seite gestanden
wäre und umgekehrt, stellt sich unwillkürlich ein; hier muß jedoch der
Wahrheit zu Ehren bekannt werden, daß die Ehe seines späteren Opfers
sich gleichfalls ungemein glücklich gestaltete und daß die letzte Klage
des sterbenden Robert Weib und Kindern galt. Im übrigen mochten die
Verwandten Recht behalten, wenn sie aus solchen Symptomen schlossen, daß
Otto nichts weniger sei als eine Führernatur in ihrem Sinne. Auf dem
Wege dahin war er eben im Menschlichen stecken geblieben und dieses
Menschliche besaß er, weil er gelitten hatte, trotz alles Geldes, von
Jugend auf. Und dieses Leid, – früh widerfahrenes Unrecht, – wurde auch
zur Wurzel der Verstrickung, aus der seine Tat gedieh. Das schuldlos
Erduldete schuf den drosselnden Knoten in dem armen Herzen, das zu
seinem Unheil für mehr als nur für das Hauptbuch schlug und alle
nachträglich ihm widerfahrene Unbill schnürte ihn nur fester und
verfitzte ihn, – bis aus dem Gewürge bloß eine einzige Lösung blieb:
Gewalt!
Sproß eines müden, vom Geschäft verzehrten Mannes und einer kühlen
liebeleeren Frau, war der kleine Otto, der einzige männliche Sproß, der
„Kronprinz“, denn nur zwei Mädchen folgten ihm, Ida und Melanie. Nicht
sehr kronprinzenhaft wuchs er auf. Das verschüchterte Kind erfährt
häufige und unbarmherzige Züchtigungen von seiten der Mutter, für die es
sich keinen Grund weiß; dem Vater kann es sich nicht anvertrauen; ihn
sieht es kaum, denn den hat das Kontor zwischen den Zähnen; schließlich
wird es bezahlten Kräften überantwortet, Hofmeistern, Gouvernanten,
Dienstboten. So wächst der Erbe des Reichen auf, welt- und
gottverlassen, um den einzigen und köstlichsten Schatz menschlichen
Werdens vom Anbeginne bestohlen: Um ungetrübte Jugend. Sein Schulkamerad
Doktor Stefan Schmied erzählt vor Gericht, der Knabe wäre der Klasse
durch drei für sein Alter recht ungewöhnliche Eigenschaften aufgefallen:
Ernst, Verschlossenheit und Mißtrauen. Und diese dunkle Dreieinigkeit,
die über jedem der „Erniedrigten und Beleidigten“ des Lebens wacht,
hielt ihm auch weiterhin treueste Gefolgschaft. Aus seinem schon im
Keime verletzten Rechtsgefühl gewinnt er zwar ergriffenes Verstehen für
den leidenden Nächsten über die Horizonte seiner Herkunft und seiner
Kaste weit hinaus, zugleich aber erfüllt ihn rechthaberische
Reizbarkeit, die aus derselben Leiderfahrung stammt. Hypochondrie und
Menschenscheu bemächtigen sich des Beklagenswerten, dem man den Genuß
seiner Kindheit unterschlagen hatte; mit der tagenden Erkenntnis des
Jünglings schaut er den Himmel über seiner Welt sich stets gefährlicher
verfinstern. Die harte Mutter, der er übrigens durch Güte vergalt, was
sie an ihm gefehlt hatte, der schwache Vater, müde, unterlegen im
Ehekampf, aus dem er in das Geschäft floh, wo ihn wieder die
Verwandtschaft geduckt umlauerte, – von nirgendwo kam dem
Heranwachsenden warm die Stimme eines Menschen entgegen. Verbittert
wirft auch er sich in Arbeit, durch fünfzehn Jahre steckt er im Betrieb,
bereist die Niederlagen, wirkt an heiklen Operationen mit, so 1905 an
dem berühmten bosnisch-herzegowinischen Vertrag, – aber er merkt dabei,
daß er sich trotz allem zwischen den klugen kühlen Rechnern seiner
Vetterschaft nicht gut ausnimmt, ein letzter Eifer mangelt ihm, eine
äußerste Sachlichkeit, die den Posten Mensch aus ihren Kalkülen
streicht. Als untüchtig sieht er sich zur Seite geschoben;
Minderkeitskomplexe und Überkompensationen wechseln in seinem
Seelenleben ab. In dem Pessimismus, der ihn befällt, wird ihm ein
einziges spätes Glück zuteil. Im besten Mannesalter lernt er Anna
Heimerle kennen, die nun seinen Weg teilt, und an den Kindern, die sie
ihm schenkt, sieht er sein Dasein doch nicht völlig nutzlos vertan. Es
aber ganz mit frischem Licht zu füllen und ihm so Vergessenheit des
Gewesenen zu erringen, das vermochte selbst die so uneigennützige Liebe
dieser Frau nicht. Zu tief hatten sich Schrullenhaftigkeiten
verschiedenster Art schon in ihm eingefressen, und nun richtete sich
überdies die Front der Familienhierarchie gegen ihn und gegen seinen
Vater und verstärkt so seine Absonderlichkeiten zum Wahne, dauernd
verfolgt und bedroht zu sein. Ein körperliches Gebrest behindert zudem
seine Bewegungsfreiheit. Er lebt und handelt unter einem Schleier von
ständiger Angst. Paranoide Gesichte bemächtigen sich seiner; immer geht
er bewaffnet. Auf einem Sägewerk, das er inspiziert, trifft ihn ein
Bekannter, bekundet als Zeuge: Otto Eißler wandelt dort in Schwimmhose,
links einen Sonnenschirm, rechts einen Revolver in der Hand. Nachts ruft
einen Anderen Gepolter in den Schlafraum des Chefs; kaum kann er durch
die Barrikaden von Möbeln eindringen: er sieht Stühle im gleichen
Abstande aufgestellt und über sie nackt hinspringend – Otto Eißler,
gleich einer phantastischen E. T. A. Hoffmann-Figur. Gift wolle man ihm
in die Speisen mischen, argwöhnt er. Oder: Man plane, ihm die Luft des
Zimmers durch böse Dünste zu verderben, und er zerstäubt dort die
erdenklichsten Desinfektionsmittel, daß einmal sein Cousin Ernst Lanner,
der ihn besucht, schleunigst das Fenster aufreißt, um nicht in Ohnmacht
zu sinken. Zu solchen Zwangsvorstellungen gesellt sich ausgesprochene
Bakterienfurcht. Darum mißt er den Luftraum jedes Gemaches ab, darin er
schlafen soll, ob er nicht etwa einen besonderen Brutherd verheerender
Mikroben böte, darum trägt er lächerlich weite Kleider und läuft im
Hause nur adamitisch umher, die Haut so stets möglichst frei zu halten,
darum ist er auch Fanatiker des keimvernichtenden Sonnenbades, das er,
unbekümmert um seine Umgebung, bei jeder möglichen Gelegenheit genießt;
darum läßt er sich sogar die Zeitung vorwärmen, ehe er sie liest. Solche
Maßnahmen sucht er denen, die sie bestaunen, mit harmlosen Vorwänden
anderer Art zu erklären, aber gerade sein Eifer, der jedwede
pathologische Deutung heftigst ablehnt, kennzeichnet das dissimulierende
Krankheitsbild des Mannes, der von Kind auf unter dem Druck
vermeintlicher und wirklicher Verfolgungen endlich in jene Tat ausbrach,
der Resultante all der geschilderten Komponenten, die ihn, den Fanatiker
seines Rechtes, vor das Gericht bringen sollte. Wer vermöchte zu
beschwören, wo hier Verantwortlichkeit endet und das zwangsläufige
Manische anhebt, die fixe Idee, die persekutiven Charakter annimmt? Wer,
– außer den Psychiatern, von denen hier noch zu reden ist? Alles trieb
hier zu einer dissozialen Aktion, doch weil der vom Schicksal
vorgezeichnete Täter in hohem Maße das war, was man „moralische Natur“
benennt, trachtete er sich unbewußt einen Unterbau plausibler
Beweggründe zu schaffen und den Verfolger festzustellen, von dem alles
Widrige seines zermarterten Lebens seinen sinnfälligen Ausgang nahm. Und
da hier beides zutraf, der Versuch einer geschäftlichen Entmündigung
sowie sein deutlicher Urheber, ein unsentimentaler strategischer Gegner,
der es sich zum Ziel gesetzt hatte, ihn ohne wesentliche eigene Opfer
aus dem Sattel zu werfen, – so wälzt der gehetzte geängstete Mann alle
seine Qual gegen jenen als ihren Begründer, findet in Robert Eißler die
Quelle des Bösen, das nach seiner und der Seinen Existenz trachtet.
Trotzdem – oder eben darum – bleibt er in einer Art Haßliebe an den
weitdisponierenden Chef gekettet, dessen traumlose straffe Kraft der
Sachlichkeit ihm widerwillig Bewunderung abnötigt, strebt dauernd zu
Vergleichen zu gelangen, die an Roberts strikter Haltung und zuwartender
Ruhe immer wieder scheitern. Der ist schon einmal unbeugsam darauf aus,
Heinrich und Otto, den ihm verderblich dünkenden Anwärter auf die
Firmenführung, auf diesem Boden gründlichst auszujäten. Und Otto dachte
auch schon einmal, 1910, ernstlich daran, dem Hause seiner Väter
endgültig „Valet“ zu sagen, unterließ es später, weil er dabei seiner
Meinung nach von den Verwandten schwer übervorteilt worden wäre; er
schied damals nur von dem Büro, zum Teile aus Hypochondrie.
Mittlerweilen hatten die Verhältnisse noch mehr zu seinen Ungunsten
ausgeschlagen, nicht der durch Ehen bereits zum Teil versorgten
Schwestern wegen; aber die Lebensgefährtin ist hinzugekommen und seine
drei Kinder. Und so streitet und queruliert er herum, stets gefaßt auf
einen Satansstreich des Anderen, der in unheimlicher Stille verharrend,
sich durch nichts aus seiner wachsamen Stellung locken läßt. Bis Otto in
seiner Übervorsicht die gröbsten Fehler begeht, in die Robert gnadenlos
einhakt. Der Alte ist ja inzwischen schon verdrängt und war überdies so
höflich, durch seinen Tod alle weiteren Schwierigkeiten zu quittieren,
nun mag der Sohn ihm folgen samt seinen Forderungen, denen die ins
Rutschen geratene Valutenlawine das Rückgrat brechen soll. Und wirklich
hastet er, betäubt von den Schrecken der niederprasselnden
Kroneninflation, rasch, unüberlegt, das Seine zu retten, um jeden Preis.
Den aber – bestimmt ihm: Vetter Robert! Mit Papier und anderen labilen
Werten wird die Goldforderung des lästigen Verwandten abgespeist. Zu
spät tobt der über seine Blindheit, fleht um Zurücknahme seiner in
seelischer Panik gemachten Konzessionen. Umsonst! Kein Jota seines
verbrieften Rechtes, kein Gramm seines Pfundes läßt Vetter Shylock ab.
Dem Besiegten schwillt er zum Oger an, der ihn frißt, seine Geschwister,
seine Gefährtin, seine Kinder, diese abgöttisch angebeteten Kinder!
Immer mächtiger wächst er sich aus, eherne Stirne, steinernes Herz, –
sonst alles Geld! 1920 und 1921 wird der Vertrag mit Otto in letzte
vernichtende Form gegossen. Endergebnis ist das bereits bekannte, das
unerschütterlich bleibt: Fünfzehntausend Schweizer Franken sind für den
armen Vetter da, der ihrer siebenundeinhalb Millionen als sein Teil
beansprucht hat, und der Enteignete sieht sich zugleich entwaffnet;
übereilig hat er gutgeheißen, was ihn nun verstrickt, und wo er sich
stützen will, hascht er nur Luft statt einer rettenden Hand. Die
finanzielle Transfusion, die dabei stattfand, schilderte er später in
seiner auch schriftlich abgefaßten „Information“ haarscharf vor Gericht;
sie würde in ihren Zifferndetails hier ermüden. Genug, daß sogar der
Staatsanwalt daraus anerkannte, an dem Beklagten sei übel gehandelt
worden. Otto versucht durch seinen Rechtsfreund Dr. Kantor im Wege des
Zivilprozesses gegen die Firma Remedur. Der Advokat durchschaut, wie er,
die Schärfe jener Abmachungen, die seinem Klienten die Sehnen
zerschneiden, doch auch er gewahrt recht spärliche Möglichkeiten für
einen erfolgverheißenden Gegenzug. Das moralische Gesetz mochte Robert
tausendmal schuldig sprechen, – vor dem bürgerlichen bleibt er
unantastbar. Da wirft sich der gehetzte empörte Otto selbst zum Richter
auf in seiner Sache. Der Vetter ist ihm schon mehr als sein privater
Feind, er ist Feind geworden schlechthin alles Lebenden, das unter
diesen aus den Fugen gegangenen Zeit hungert, klagt, stirbt.
Seinesgleichen war schuld an dem Kriege, wie es nun schuld an solchem
Frieden ist! Mit überpersönlichem Legat fühlt Otto Eißler sich
ausgestattet, als er zur Abrechnung schreitet gegen seinen Feind. Er
sieht vor sich nicht den Blutsverwandten mehr und nicht mehr das
leidende Antlitz des Menschen hinter Trieb und Gier, die ihn zwangen, so
zu werden, wie er ist, er sieht nur die eiserne Maske der Macht! Ein
Feind der Menschheit steht vor ihm. Ähnlich dem Roßtäuscher Kohlhaas
erweitert auch er seinen Fall ins Allgemeine und ahnt nicht, daß die
Wurzel des Unrechtes tief lag wie die der geschlachteten Bäume, in den
Orgien des über verwüsteten Wäldern und wohlfeilen Lohnheloten
errichteten _Besitzes_.