Aber wie kommt nun die am unteren Ende sitzende Biene heraus? Ihr Ei
wurde zuerst gelegt, und sie hat acht oder zehn andere über sich. Und
da besteht nun die sonderbare Tatsache, daß die Bienen aufeinander
warten Sie werden ungefähr zur gleichen Zeit alle vollkommene
Bienen, und wenn nun eine, die unten sitzt, eher in ihrer Entwicklung
fertig ist als die anderen, so frißt sie sich durch den Deckel ihrer
Zelle und versucht sich an ihrer Nachbarin vorbeizudrängen. Aber wenn
die über ihr Sitzende so groß ist, daß sie nicht an ihr vorbei kann,
ohne sie zu beschädigen, so wartet sie geduldig, bis alle fertig sind.
Eine andere kleine Biene, die ihr oft finden könnt, ist die Schlafbiene
(vergl. bunte Tafel VI. 2). Sie führt diesen Namen, weil sie oft im
Grunde von Blüten schläft, wo ihr sie finden könnt. Sie ist dünn
und schwarz mit einem viereckigen Kopfe und starken Kinnbacken und
hat einen feinen gelben Flaum auf dem Hinterleibe. Auch sie baut in
Pfosten, aber sehr oft legt sie auch ihr Nest im Innern eines dicken
Strohhalmes an. In alten Zeiten, als man die Dorfhäuser noch mit Stroh
deckte, pflegten Hunderte von diesen Bienen in den größeren Strohhalmen
zu bauen, und man konnte sie um das Dach herumsummen hören.
Dann gibt es noch eine andere Biene, die überall zu finden ist. Es
ist die Tapezierbiene (vergl. bunte Tafel VI. 3), auch Blattschneider
genannt. Ihr habt wohl schon einmal Rosenblätter gefunden, aus deren
Kante halbmondförmige Stücke herausgeschnitten waren. Wenn ihr aufpaßt,
könnt ihr eine solche Biene bei der Arbeit sehen.
Die Tapezierbiene hat ungefähr dieselbe Größe wie eine Honigbiene,
aber einen kräftigeren Körperbau. Ihr schwarzer Körper ist mit weichen
braunen Haaren bedeckt. Sie hängt sich an das Blatt und beißt im
Weiterkriechen ein halbmondförmiges Stück aus demselben heraus. Kurz
ehe sie damit fertig ist, öffnet sie die Flügel und hält sich schwebend
in der Luft. Wenn dann der letzte Riß getan ist, fliegt sie mit dem
Blattstückchen fort, indem sie es zwischen den Füßen und den Kinnbacken
trägt.
[Illustration: Nest der Tapezierbiene in einem Baumstamm. 1. Blattstück
für die Seiten, 2. für den Boden der fingerhutähnlichen Brutzelle.]
Sie fliegt zu einem Loche in der Erde, das zuerst senkrecht
hinunterführt und sich dann wendet und unter der Oberfläche hinläuft.
Hier läßt sie den Blattabschnitt zurück und holt dann mehrere von
derselben Art. Damit baut sie eine kleine fingerhutförmige Zelle, in
die sie ein Ei legt. Sie versorgt die Zelle mit Nahrung und schließt
sie mit 3 oder 4 runden Blattstückchen. Dann beginnt sie eine andere
Zelle zu bauen, die sie etwas in die erste hineinschiebt. In dieser
Weise baut sie ungefähr sieben Zellen und legt in jede ein Ei und
versieht sie mit Bienenbrot, so daß die Larven zu fressen haben, bis
sie sich in Bienen verwandeln. Obwohl man die Bienen leicht beim
Schneiden der Blätter beobachten kann, kann man doch nicht so leicht
ihre Löcher finden, denn sie verdecken die Ausmündung mit Erde, so
daß man den Eingang nicht sehen kann. Man tut am besten, einer Biene,
die man beim Blattschneiden beobachtet hat, zu folgen; aber da sie so
schnell ist, muß man auch sehr behend sein. Manchmal macht sie auch ihr
Loch in einem Weidenbaum, wenn das Holz weich ist.
Es gibt noch eine ähnliche einzeln lebende Biene, die ihr Nest im
Stengel der Brombeere baut. Sie höhlt das Mark aus und bedeckt damit
die Zellen. Wenn man einen Brombeerzweig findet, von dem das Ende
abgebissen ist, so kann man den Versuch machen, ihn aufzuschneiden,
um zu sehen, ob ein Gang mit Bienen- oder Wespenzellen im Inneren
vorhanden ist.
[Illustration: Nest einer Mauerbiene in einem Brombeerzweige. Eine
Zelle ist aufgeschnitten und läßt eine Puppe erkennen.]
Eine andere sehr sonderbare Biene, die Wollbiene (vergl. bunte Tafel
VI. 4), polstert den von ihr gebauten Gang mit flaumigen Haaren und
wollartigen Substanzen aus, die sie von verschiedenen Pflanzen holt.
Ihr erinnert euch wohl, daß der Stengel der Kuckucksblume und des
Himmelschlüssels mit dickem Flaum bedeckt sind. Die Wollbiene streift
diesen Flaum von den Pflanzen ab, rollt ihn zu einem Ball zusammen
und fliegt damit zu ihrem im Erdboden befindlichen Neste, wo sie ihn
benutzt, um ihre Zellen daraus zu bauen.
Einsame Bienen sammeln keinen Winterhonig wie die Honigbienen. Sie
sterben alle im Herbste, einige Weibchen ausgenommen, die in Löcher
kriechen und bis zum Frühling schlafen, wo sie ihre Nester bauen und
Eier legen.
Es gibt so viele einzeln lebende Bienen, daß ich euch nicht von allen
erzählen kann. Ihr müßt selbst darauf achten, und ihr werdet bald
lernen, die kleinen Löcher in den Bäumen und im Boden zu beachten. In
einigen derselben werdet ihr sicher seltsame Geschöpfe finden.
Beobachte verschiedene Arten der einzeln lebenden Biene und versuche,
ihre Löcher im Frühling zu finden.
Lektion 9.
Honigbienen.
Honigbienen finden sich in unseren Gärten so häufig, daß ich fürchte,
die meisten Leute denken, sie kennen sie ganz genau und beachten sie
deshalb wenig. Dies ist schade, weil die Bienenzucht sehr interessant
ist, und Landleute leicht Geld damit verdienen könnten und zugleich
diese fleißigen kleinen Insekten lieben lernen würden.
Wenn alle Bienen im Stock jedesmal beim Herausnehmen der Honigwaben
getötet werden müßten, so würden wir uns kaum über unsere Bienen freuen
können. Aber jetzt kann jedermann Bienenstöcke mit beweglichen Waben
haben, die man leicht herausnehmen kann, ohne die kleinen Freunde, die
sie für uns füllen, zu vernichten.
Die Honigbiene ist ein wunderbares Insekt. Sie hat drei Paar Beine und
zwei Paar Flügel, gerade wie eine Wespe. Aber das hintere Beinpaar ist
länger als die anderen, und die Biene hat eine vertiefte Stelle auf
der Außenseite der Hinterschienen, das sogenannte Körbchen. Da hinein
packt sie Blütenstaub und trägt ihn dann nach Hause, um Bienenbrot für
ihre Larven daraus zu bereiten. Man kann oft eine Biene in den Stock
kriechen sehen, deren Hinterbeine schwer mit klebrigem Blütenstaube
beladen sind. Es scheint ein Rätsel, wie sie denselben in das Körbchen
bekommt, aber wenn man das Bein genauer ansieht, wird man finden, daß
es mit Haaren bedeckt ist, die eine kleine Bürste bilden. Wenn sie aus
einer Blüte kommt, ist ihr behaarter Körper mit Blütenstaub bedeckt;
diesen bürstet sie mit einem Beine ab, macht einen kleinen Klumpen
daraus und packt ihn in das Körbchen des anderen Beines.
[Illustration: Hinterbeine der Biene. 1. Außenseite, 2. Innenseite mit
Bürste.]
Der Mund der Biene ist zu einem sehr nützlichen Werkzeuge ausgebildet,
um Honig zu erlangen. Wenn sie nicht saugt, so ist der Rüssel unter die
starken Kiefer zurückgezogen. Aber sobald sie nach Honig sucht, wird
dieser Rüssel, dessen wichtigster Teil eine Verlängerung der Unterlippe
mit einer behaarten Zunge im Inneren bildet, in die Blüte gestoßen und
saugt den Blumennektar empor, den sie hinunterschluckt. Er gelangt in
einen erweiterten Teil der Speiseröhre, den Honigmagen, der vor dem
eigentlichen Magen der Biene liegt.
Dann fliegt sie nach dem Bienenstock zurück. Hier nehmen andere Bienen
beim Hineinkriechen den Blütenstaub aus den Körbchen; sie selbst
kriecht weiter zu den Zellen und füllt sie mit dem mitgebrachten Honig.
Ein Teil desselben wird gebraucht, um die Bienenlarven zu füttern, und
das übrige, um die Honigwaben für den Winter zu füllen.
Junge Bienen, die noch nicht ausfliegen, erzeugen das Wachs zum Aufbau
der Zellen. An der Bauchseite von vier Hinterleibsringen tritt das
Wachs in Form kleiner Schüppchen hervor. Über diesen Stellen liegen im
Innern des Hinterleibes die Wachsdrüsen, die mit dem Alter der Tiere
immer niedriger werden und dann, wenn die Bienen erst ausfliegen und
Honig einsammeln, kein Wachs mehr ausscheiden. Die alten und die jungen
Bienen teilen sich also in die Arbeit: jene tragen Honig ein, und diese
bereiten Wachs. Mit den Füßen werden die Wachsschüppchen abgenommen und
in warmem Zustande, wo das Wachs recht leicht zu formen ist, zum Bau
der Zellen verwandt.
[Illustration: Unterseite der Biene mit den 4 Paar Wachstaschen.]
In der Zeit, wo die Bienen Honig und Blütenstaub sammeln, sind sie
dem Gärtner sehr nützlich. Ihr erinnert euch, daß die Kürbisse nicht
wachsen können, wenn die Bienen nicht Blütenstaub von einer Blüte zur
anderen tragen. Unsere Pflanzen haben zahlreichere Samen und unsere
Obstbäume tragen mehr Früchte, wenn die Bienen hin- und herfliegen und
Blütenstaub von einer Blume zur anderen tragen.
Aber wenn die Biene den Honig, wie es der Zufall bringt, von einer
Art Blume zu einer anderen, d. h. fremden Art trüge, so würde dies
von geringem Nutzen sein, denn der fremde Blütenstaub würde die
Samenanlagen nicht zum Wachsen bringen. Beobachtet man aber eine Biene,
so wird man finden, daß sie selten mehr als eine Blumenart an demselben
Tage besucht. Sie pflegt von einem Veilchenbeet zu einem anderen oder
von einem Apfelbaum zu einem anderen zu fliegen. Aber sie wird während
eines Ausfluges nicht von einem Apfelbaum zu einem Birnbaum oder von
einem Veilchen zu einer Primel fliegen. Wir wissen nicht, warum sie es
so macht, aber sie nützt uns auf diese Weise sehr, und jeder Gärtner
sollte die Bienen in seinem Garten schützen.
[Illustration: Bienenstock mit einem Aufsatz aus Holzrähmchen auf dem
oberen Teile und einem Glasfenster in der Seite.]
Wollt ihr nun Bienen züchten, so müßt ihr einige einfache Regeln
beobachten. Ihr müßt immer sehr sanft und ruhig mit ihnen umgehen. Sie
werden euch bald kennen lernen und merken, daß ihr euch nicht vor ihnen
fürchtet.
Ein Bienenstock aus Stroh sollte ungefähr 45 ~cm~ breit und 25 ~cm~
hoch sein; oben ist er flach und muß eine Öffnung (s. S. 53) haben,
in der ein Pflock steckt. Man setzt diesen Bienenstock an eine warme
geschützte Stelle des Gartens auf eine hölzerne Bank ungefähr einen
halben Meter über dem Boden. Im Mai kauft man dann einen Bienenschwarm,
der gerade aus dem Stock eines Nachbars gekommen ist. Man kann den
eigenen Bienenstock im Innern mit Zucker bestreichen und hält ihn unter
den Zweig, an welchem der Schwarm hängt. Man schüttelt nun sanft am
Zweige, bis die Bienen in den Korb fallen, den man dann umdreht und am
Abend vorsichtig an die Stelle trägt, wo er bleiben soll. Am nächsten
Morgen werden die Bienen fleißig bei der Arbeit sein. Die großen
schwerfälligen Drohnen kriechen faul umher, aber die kleineren Arbeiter
werden ausfliegen und Honig sammeln oder sich im Stock aufhängen, bis
sie Wachs in ihren Drüsen haben (siehe S. 50) und anfangen können, die
Honigwabe zu bauen.
Wenn der Schwarm, den ihr eingebracht habt, der erste war, der den
Stock verließ, so wird die alte Königin, die sich in seiner Mitte
befand, bald beginnen, Eier in die Zellen zu legen: sie legt täglich
ungefähr 200. Aber ein zweiter Schwarm wird von einer jungen Königin
geführt, und diese wird mit den Drohnen ausfliegen, ehe sie im Stocke
Eier legt.
[Illustration: Tafel VII
Fliegen.
1. Blaue Schmeißfliege, ~a~) Eier, ~b~) Larven, ~c~) Puppen. 2.
Rinderbiesfliege (Dasselfliege). 3. Magenbremse des Pferdes. 4. Bremse.
5. Kohlschnake.]
Nun müssen die Arbeiterinnen sehr geschäftig sein. In zwei oder drei
Tagen kommen die ersten Eier aus und eine Anzahl der Arbeiterinnen
füttern die Larven mit Honig und Blütenstaub, den die anderen Bienen
einbringen. In ungefähr fünf oder sechs Tagen schließen sie die
Öffnungen der Zellen und die Bienenlarve spinnt ihren seidenen Kokon,
in dem sie sich in zehn weiteren Tagen zu einer Biene entwickelt. Dann
kriecht sie aus und arbeitet mit den übrigen.
Die leere Zelle wird bald mit Honig gefüllt sein; aber er ist braun,
nicht weiß und rein wie der Jungfernhonig, mit dem die Zellen gefüllt
werden, in denen noch keine Brut herangezogen wurde. Nach ungefähr
sechs Wochen legt die Königin einige Eier in größere Zellen, aus denen
männliche Bienen oder Drohnen auskriechen. Dann legt sie ungefähr alle
drei Tage ein Ei in eine fingerhutförmige Zelle am Rande der Wabe. Die
Larve darin wird mit besonders guter Nahrung gefüttert, und wird eine
Königin.
[Illustration: Bienen.