Im August bauen die Wespen größere Zellen, aus denen männliche Wespen
oder Drohnen und Königinnen auskriechen. Die Drohnen haben längere
Fühler als die Arbeiter. Die Königinnen sind größer als die Drohnen
und die Arbeiter. Sie fliegen bald aus dem Neste, um sich mit den
Drohnen zu paaren; wenn dann der Winter kommt, töten die Wespen die
übrig bleibenden Larven, werden selbst schläferig und schwerfällig und
alle sterben bis auf die Königinnen, die bis zum nächsten Frühjahr
schlafen. Weiß man nun, wo sich ein altes Nest befindet, so kann man es
vorsichtig ausgraben und sich den langen Gang ansehen, durch den die
Wespen aus- und eingingen, um die Stelle verborgen zu halten, wo sich
das Nest befand.
Einige Wespen bauen unter Hausdächern, besonders die großen Hornissen,
falls sie nicht einen alten Baumstamm wählen. Im Walde findet man
zuweilen das Nest der Waldwespe unter den Zweigen eines Baumes hängend,
obwohl man es kaum bemerken würde, wenn man nicht einer solchen
Wespe bis zu ihrem Heim folgt. Diese Nester sind gebaut wie die der
anderen Arten und haben nur eine mehrfache Hülle und eine dicke aus
papierähnlicher Masse bestehende Säule in der Mitte.
Außer den gewöhnlichen Wespen gibt es eine große Menge kleinere, von
denen ihr vielleicht einige finden könnt. Sie sind sehr interessant,
weil sie Insekten in ein Loch tragen und sie mit ihren Eiern begraben,
so daß die jungen Larven beim Auskriechen Futter vorfinden.
Es gibt eine hübsche kleine Wespe, die Mauer- oder Lehmwespe (vergl.
bunte Tafel V. 1), die man im Juni oder Juli beobachten kann, wie sie
den Mörtel in einer Gartenmauer benagt oder Löcher in sandigen Abhängen
gräbt. Sie ist kleiner und dunkler gefärbt als die gewöhnliche Wespe
und hat einige glänzend gelbe Streifen auf ihrem Hinterleibe. Sie
höhlt einen Gang im Mörtel aus und häuft die ausgegrabenen Stückchen
um die Ausgangsöffnung auf. Nachdem sie dann hineingekrochen ist, um
nachzusehen, ob alles in Ordnung ist, kommt sie wieder heraus und
fliegt fort. Bald darauf kehrt sie mit einer kleinen grünen Raupe
zurück. Sie trägt diese hinein und geht dann auf die Suche nach
einer zweiten und dritten, bis sie ungefähr fünfzehn bis zwanzig
herbeigebracht hat.
Wenn man nun den Mörtel an der Mauer abkratzt, um den Gang zu öffnen,
so wird man an dessen Ende ein Ei finden, das an einem Faden hängt.
Die Wespe hat das Ei hierher gelegt, ehe sie die erste Raupe holte.
Zwischen diesem Ei und der Ausgangsöffnung liegen die 15 kleinen Raupen
zusammengekrümmt nebeneinander. Das Sonderbarste dabei ist, daß sie
nicht tot sind. Die Wespe hat sie nur mit ihrem Stachel gelähmt, so daß
sie nicht entwischen können. Wenn man das Nest nicht zerstört, wird sie
die Ausgangsöffnung mit den um dieselbe aufgehäuften Mörtelstückchen
schließen und es verlassen. Nachdem die Larve dann die Raupen gefressen
und sich in eine Wespe verwandelt hat, wird diese sich mit ihren
Kiefern den Weg ins Freie bahnen.
Vielleicht findet ihr auch einige von den Sandwespen (vergl. bunte
Tafel V. 2), die so viele Löcher in die sandigen Abhänge auf Heiden
oder überall da graben, wo es sonnig und warm ist. Eine derselben
bringt Spinnen in das von ihr gegrabene Loch, damit ihre Larven sich
davon nähren können. Sie hat einen schwarzen, sehr behaarten Kopf
und ein gleiches Bruststück; dann folgen drei rote oder rosarote
Hinterleibsglieder, während der Rest dunkelbraun ist. Sie ist sehr
stark und kann eine große Spinne in ihre Höhle schleppen.
Ich habe keine Zeit mehr, um euch noch mehr von diesen sonderbaren
Wespen zu erzählen, von denen einige ihre Nester mit Käfern, andere mit
Grashüpfern füllen. Aber nun ihr etwas von ihnen wißt, könnt ihr denen,
die ihr seht, folgen und ihre Gewohnheiten selbst beobachten, was die
beste Art und Weise ist, sie kennen zu lernen.
Suche ein altes Wespennest und zeichne es. Merke dir die Gestalt der
gemeinen Wespe und vergleiche sie mit anderen, die du findest. Achte
besonders auf den Unterschied in dem Röhrchen, das die Brust mit dem
Hinterleib verbindet.
Lektion 8.
Einzeln lebende Bienen.
Wir alle kennen den Bienenkorb sehr gut, aber vielleicht habt ihr noch
nicht bemerkt, daß noch andere Arten von Bienen im Garten umherfliegen.
Einige von ihnen sind ungefähr von derselben Größe wie die Honigbiene;
einige sind viel kleiner, und sie sind verschieden gezeichnet.
Die meisten dieser anderen Arten sind einzeln lebende Bienen. Es gibt
unter ihnen keine geschlechtslosen Arbeiter, sondern nur Männchen und
Weibchen, die paarweise leben. Andere leben in großen Mengen in den
Löchern sandiger Abhänge, aber sie arbeiten nicht zusammen.
Wenn Efeu an den Wänden eures Hauses wächst, so habt ihr vielleicht
schon Bienen bemerkt, die in die Blüten hinein- und herausschlüpfen.
Unter diesen wird wahrscheinlich eine sein, ungefähr 2 ~cm~ lang, mit
einem schwarzen Körper, der mit gelbbraunem Flaum bedeckt ist. Sie hat
zwei kleine Hörner am Kopfe und heißt die „zweihörnige Mauerbiene“
(vergl. bunte Tafel VI. 1).
Hat man Gelegenheit, eine solche Biene zu beobachten und ihr zu
folgen, so kann man sie in einen vermoderten Pfosten oder Baumstumpf
fliegen sehen. Wenn man dann in der Nähe des Flugloches einschneidet,
so wird man ein sonderbares Nest finden. Denn diese Biene bohrt einen
langen Gang und baut eine Zelle aus Wachs an dessen unterem Ende.
Hier legt sie ein Ei hinein und häuft rings herum Bienenbrot auf, das
aus Blütenstaub und Blumenhonig besteht. Sie hat kein Körbchen an
den Hinterbeinen wie die Honigbiene, daher trägt sie den klebrigen
Blütenstaub an den dicken Haaren unter ihrem Körper herbei und kratzt
ihn von diesen mit einem Kamme ab, der an ihrem Beine sitzt.
Nachdem die Biene das Ei gelegt und Nahrung in die Zelle gebracht hat,
siegelt sie dieselbe mit Wachs zu und beginnt eine neue zu bauen. So
fährt sie fort, bis sie den Gang ausgefüllt hat.
[Illustration: Tafel VI
Einzellebende Bienen.