sie zu melden erlaubt, die Schattenseiten des Rückblickes, die in den
jährlichen amtlichen Berichten häufigen Ausdruck fanden, zu übersehen
verpflichtet, mag es billig sein, beizufügen, dass durch die letzten
Veränderungen endlich auch -- nach dreissig Jahren allerdings etwas
spät -- vielleicht der empfindlichste Übelstand, das Fehlen eines
besondern Lokales für die Vorlesungen, die Tag für Tag an einen grossen
Vorrath von Lehrmaterial gebunden sind, beseitigt werden konnte.
L. Rütimeyer.
11. Physiologische Anstalt.
Seit der Rekonstruktion der medicinischen Fakultät in den zwanziger
Jahren dieses Jahrhunderts trat die Physiologie als besonderes Lehrfach
auf, anfangs (unter den Herren Fr. _Meissner_ und Fr. _Miescher_,
Vater) mit der vergleichenden Anatomie und der allgemeinen Pathologie
einem Professor zugewiesen, später, nach Prof. _Jung's_ Übertritt zur
praktischen Medicin, mit der deskriptiven Anatomie vereinigt (unter
den HH. A. _Ecker_, C. _Bruch_, G. _Meissner_, W. _His_). Seit Anfang
der fünfziger Jahre entstand allmählig durch Anschaffungen aus dem
für anatomische und physiologische Lehrmittel bewilligten Kredit der
Grundstock einer Sammlung von Instrumenten für physiologische Versuche
und Demonstrationen, als deren älteste, werthvolle Stücke hervorzuheben
sind ein Ludwig'sches Kynographion von Keinath aus dem Jahre 1854,
mehrere Apparate nach Vierordt zur Physiologie des Kreislaufs von
ebendemselben 1855 und 56, sowie ein Dubois'scher Multiplikator von
Sauerwald von 1859. Besondere Lokalien für physiologische Zwecke waren,
mit Ausnahme eines Hörsaals, keine reserviert.
Bei Anlass der Wegberufung von Herrn Prof. W. _His_ wurde durch
Grossrathsbeschluss vom 24. Februar 1873 eine besondere ordentliche
Professur für Physiologie geschaffen und derselben für die Bedürfnisse
des physiologischen Unterrichts ein jährlicher Kredit von Fr. 1500 aus
Staatsmitteln zugewiesen; ausserdem wurde die Stelle eines zweiten
Abwarts (mit Fr. 1500 Gehalt) kreiert, welchem die Bedienung der
Professoren der Physiologie und der pathologischen Anatomie übertragen
wurde. Der hiemit neu begründeten physiologischen Anstalt wurden
als Räumlichkeiten zugewiesen: ein Hörsaal und ein Arbeitszimmer im
südöstlichen Flügel des Universitätsgebäudes, vom Rheinsprung aus
Parterre, mit besonderem Eingange, beide Räume seit 1866 von Herrn
Prof. _His_ benützt; ferner Thierställe, sowie ein Aquarium in dem
Hofraum neben dem Leichenkeller. Später wurde vom Baudepartement noch
die Einrichtung einer kleinen Werkstätte im Holzschuppen neben dem
Hofthor bewilligt. Die Verbindung zwischen den oberen und unteren
Lokalien war theilweise durch eine Leiter hergestellt.
Unter den so geschaffenen Verhältnissen konnte während des Zeitraums
von 1872-85 mit Hilfe des bewilligten Kredites (zu welchem 1875 auch
die Akademische Gesellschaft einen Extrazuschuss gewährte) der Bestand
der physiologischen Sammlung ein erfreuliches Wachsthum aufweisen, so
dass die behufs Feuerversicherung im April 1884 aufgenommene Schätzung
einen Werth von Fr. 16,000 ergab. Die eigentliche Anstaltsthätigkeit
war dagegen, sowohl was den Unterricht als was die Forschung betrifft,
in hohem Grade durch Raummangel gehemmt, obwohl auch der Korridor
mit Utensilien angefüllt und jeder verfügbare Raum aufs Aeusserste
ausgenützt wurde.
Um den oben geschilderten Uebelständen, sowie auch dem Raummangel der
anatomischen Anstalt abzuhelfen, wurde, nachdem in den Jahren 1881 und
1882 seitens der hohen Behörden mehrere Gutachten von der medicinischen
Fakultät über diese Angelegenheit eingeholt worden waren, die
Errichtung eines Neubaues für Anatomie und Physiologie auf dem Areal
des Werkhofes in Aussicht genommen, wozu die Akademische Gesellschaft
in einer Uebereinkunft mit dem Staat vom 20. September 1882 sich
bereit erklärte, die Hälfte der veranschlagten Baukosten bis auf die
Summe von Fr. 160,000 beizutragen. Nachdem letztgenannte Uebereinkunft
von dem Plenum der Akademischen Gesellschaft ratifiziert war und
den 29. Januar 1883 auf Grund dieses Vertrages das ganze Projekt,
sowie die von Herrn Reber ausgearbeiteten Pläne die Genehmigung des
Grossen Rathes erhalten hatten, wurde im Frühjahr 1883 der Bau unter
Leitung von Herrn P. _Reber_ begonnen, noch im Spätherbst desselben
Jahres unter Dach gebracht, und nachdem über dem innern Ausbau und
den Einrichtungsarbeiten noch das Jahr 1884 verstrichen war, mit dem
Beginn des Sommersemesters 1885 für den Unterricht eröffnet. Zu Ehren
des grossen Neubegründers der menschlichen Anatomie, der 1542/43 auch
in Basel wirkte, _Andreas Vesalius_, erhielt der Neubau den Namen
»Vesalianum«.
Von den Räumen des Vesalianums sind hinwiederum der physiologischen
Anstalt zugetheilt: das ganze erste (obere) Stockwerk mit Ausnahme
eines Hörsaales nebst Wartezimmer für Privatdocenten verschiedener
medicinischer Fächer; ferner die Räume der Dachetage mit Ausnahme einer
Kammer, eines kleinen Zimmers nach Süden für mikrophotographische
Arbeiten, sowie eines Theiles des Dachbodens im Westanbau, welche
Lokalien der anatomischen Anstalt zugewiesen sind; in die Räume des
hellen und luftigen Souterrains theilen sich, soweit sie nicht durch
die Heizungsanlagen in Beschlag genommen sind, die anatomische und die
physiologische Anstalt, welche letztere daselbst ihre Behälter für
Thiere, ihre Vorräthe von Chemikalien und andere Utensilien unterbringt.
Die Hauptetage enthält die nöthigen Räume und Einrichtungen, um neben
den theoretischen und experimentellen Vorlesungen in den verschiedenen
Richtungen der physiologischen Wissenschaft selbstständig zu arbeiten
und Schüler praktisch zu unterrichten: einen Hörsaal für circa fünfzig
Zuhörer, dazu ein Vorbereitungszimmer, worin auch die physiologische
Sammlung aufgestellt ist; ein grösseres und ein kleineres
Laboratorium für physiologisch-chemische Arbeiten, mit zusammen
zwanzig Arbeitsplätzen; ein kleines Zimmer für Elementaranalysen, ein
Waagezimmer, ein Zimmer für physikalisch-chemische Untersuchungen,
Privatlaboratorium und Bureau des Professors, ein Zimmer für
mikroskopische Arbeiten, einen grösseren Raum für Experimente,
einen Raum für Gasanalysen, zwei Arbeitsräume, welche für
physikalisch-physiologische Untersuchungen bestimmt sind, eine
Werkstätte für den Abwart.
Um den vermehrten Bedürfnissen der so bedeutend erweiterten
physiologischen Anstalt Rechnung zu tragen, wurde durch
Grossrathsbeschluss vom 16. März 1885 für die erste instrumentale
Ausrüstung ein Kredit von Fr. 5,000 bewilligt und der regelmässige
jährliche Staatsbeitrag von Fr. 1,500 auf Fr. 2,000 erhöht; ausserdem
wurde für einen Assistenten ein jährlicher Beitrag von Fr. 1,500
ausgesetzt. Der Abwart bezieht den bisherigen Gehalt von Fr. 1,500 bei
freier Wohnung im Dachgeschoss.
Friedrich Miescher-Rüsch.
12. Pathologisch-anatomische Anstalt.
Die pathologische Anatomie ist an hiesiger Universität seit 1850 durch
eine eigene Professur vertreten. Doch war schon früher dieses Fach
von Lehrern der medicinischen Fakultät berücksichtigt worden. Wir
besitzen noch heute einige von _Felix Plater_ herrührende Präparate;
der wichtigste Theil des Grundstockes der pathologisch-anatomischen
Sammlung entspringt der vielseitigen Thätigkeit von _C.G. Jung_.
Unter anderm bewahren wir das Präparat einer von _Jung_ ausgeführten
Ovariotomie auf, als Erinnerung an die erste in der Schweiz ausgeführte
Operation dieser Art.
Seit Uebernahme der Professur durch Herrn _Miescher_ (Vater)
hat regelmässiger Unterricht in der pathologischen Anatomie und
fortwährende Vermehrung der Sammlung stattgefunden. Für Beides ist auch
durch den Verstorbenen _C.E.E. Hoffmann_ Vieles geschehen.
Sowohl das Wachsthum der Sammlung, als die seit Ende der sechziger
Jahre steigende Zahl der Medicin-Studierenden liessen den Mangel an
Raum im Universitätsgebäude immer fühlbarer hervortraten. Nachdem
schon seit 1872 auf Abhilfe gesonnen worden war, gelang es 1879 durch
das Zusammenwirken der Akademischen Gesellschaft, des Pflegamtes des
Spitals und des Staates einen Ausweg zu finden. Durch Vertrag vom 10.
März 1879 wurde die Erstellung eines den Zwecken der pathologischen
Anatomie dienenden Gebäudes beschlossen. Die Akademische Gesellschaft
leistete an die Kosten Fr. 85,000, das Spital Fr. 30,000. Letzteres
gab zugleich das nothwendige Areal; der Staat übernahm Fr. 18,000 für
Ausrüstung der Anstalt. Das Gebäude wurde 1880 beendigt und im Herbst
desselben Jahres bezogen.
Die Lage des Gebäudes im Garten der Spitals entspricht dem Zweck
der Anstalt. In dem einstöckigen Mittelbau finden sich oben Hörsaal
und Sammlungsräume, unten die Arbeitszimmer für Studierende und
den Professor. Der eine Parterreflügel enthält einen Saal zum
Mikroskopieren, der andre zwei Sektionsräume. Das Souterrain besitzt
Abteilungen für Leichen, Präparate, Brennmaterial u.s.w.
Im Jahr 1881 hat der Staat den bisherigen Jahreskredit der Anstalt um
Fr. 1,200 erhöht.
So ist der pathologischen Anatomie eine gedeihliche Entwicklung
gesichert worden. Der Unterricht zerfällt in Vorlesungen und in
praktische Uebungen der Studierenden; für beides liefert die Sammlung
Objekte zur Demonstration. Ausser den Sektionen des Spitals werden
die des Kinderspitals und bei eintretendem Bedürfniss auch solche für
Privatärzte vorgenommen. Die Sammlungen werden stets vermehrt; sie
erhalten alljährlich Beiträge von der chirurgischen und gynäkologischen
Klinik, sowie von hiesigen und auswärtigen Aerzten. Studierende
und Aerzte finden in der Anstalt Gelegenheit, sich einlässlich mit
pathologisch-anatomischen Untersuchungen zu befassen.
Einige Zahlen mögen ein annäherndes Bild von dem Stande der
pathologisch-anatomischen Anstalt geben. Von 1873-79 betrug die Zahl
der Sektionen im jährlichen Durchschnitt 222, von 1880-84 309. Die
Sammlung zählt jetzt 3517 Präparate, wovon 2662 in Spiritus, 855
trocken aufbewahrt werden. Der jährliche Zuwachs seit 1873 beziffert
sich durchschnittlich auf 150-180 Nummern. Grössere anatomische
Arbeiten sind von jungen Aerzten unter Leitung des Vorstehers
ausgeführt und durch den Druck veröffentlicht worden 1873-79 eine,
1880-84 zehn.
Moritz Roth.
13. Medicinische Klinik im Bürgerspitale.
Eine reguläre medicinische Klinik nach dem Muster anderer
Universitätskliniken existiert in Basel erst seit dem Jahre 1865,
wenn auch schon früher von Herrn Professor Dr. _Jung_ sel., gewesenem
Oberarzte der medicinischen Abtheilung des Bürgerspitals, wohl während
der Morgenvisite im Krankenhause gelegentlich klinischer Unterricht
ertheilt worden ist. Die Einführung einer ständigen medicinischen
Klinik, als integrirenden Bestandtheils des medicinischen Unterrichtes
an hiesiger Universität, wurde im März 1865 durch Vereinbarung zwischen
der Staatsbehörde und Spitalbehörde beschlossen, der Beschluss
vom Grossen Rathe nachträglich genehmigt und zu gleicher Zeit das
neuzugründende Institut zur Beschaffung seiner Lehrbedürfnisse,
insbesondere zur Ertheilung von Freibetten an geeignete Patienten, mit
einem jährlichen Kredite versehen. Nachdem so eine medicinische Klinik
im eigentlichen Wortsinne erst ermöglicht worden war und mit erfolgtem
Ableben des Herrn Professor _Jung_ das Lehrfach der klinischen Medicin
durch Berufung des Herrn Professor Dr. _Carl Liebermeister_ an hiesige
Universität einen neuen geeigneten Vertreter erhalten hatte, begann die
medicinische Klinik unter dessen Leitung zu Anfang des Wintersemesters
1865/66 und ist sie seitdem permanent Universitätsattribut geblieben.
Sie wird wöchentlich fünfmal (an den Wochentagen, mit Ausnahme des
Donnerstags) Vormittags im Bürgerspitale abgehalten, anfänglich
vor der chirurgischen Klinik von 9-10½ Uhr, später und zwar seit
Sommersemester 1878 (inclus.) durch Austausch der Stunden erst nach
dieser letzteren, nämlich von 10½-12 Uhr. Als Vorsteher der Klinik,
und zugleich als ordentliche Professoren der speziellen Pathologie
und Therapie an der Universität, fungierten bisher der schon genannte
Professor Dr. _Liebermeister_ und, nach erfolgter Berufung desselben
an die Universität Tübingen, seit Herbst 1871 der Unterzeichnete.
Dem Chefarzte der Klinik standen ferner bisher jeweilen zwei jüngere
absolvierte Aerzte als Assistenzärzte zur Seite, von denen der eine die
männlichen, der andere die weiblichen Patienten unter sich hat. Die
Amtsdauer derselben soll ordnungsgemäss je zwei Jahre betragen, hat
aber in Wirklichkeit wiederholt mehr (bis zu vier Jahren), wiederholt
auch weniger lange (nur ein Jahr) gewährt. Ausserdem besitzt sowohl
die männliche wie die weibliche Abtheilung auch noch je einen aus
der Zahl der Studierenden der Medicin und Klinicisten gewählten
Hilfsassistenten, der auf die Dauer eines Semesters sich zum Dienst
auf der betreffenden klinischen Abtheilung verpflichtet und dem die
kleineren Obliegenheiten auf derselben unterstellt sind. Ausser der vom
Chefarzt selbst gehaltenen medicinischen Klinik werden im Anschluss und
zur Vorbereitung auf dieselbe den jüngeren und angehenden Klinicisten
auch noch verschiedene diagnostische und propädeutische Kurse ertheilt.
So findet namentlich in jedem Semester wenigstens ein (nach Bedürfniss
gab es deren mitunter auch wohl zwei) theoretisch-praktischer Kursus
in der physikalischen Diagnostik (Auskultation und Perkussion)
wöchentlich in zwei Stunden Seitens des Einen der beiden Assistenzärzte
statt, während dem Anderen die Abhaltung eines laryngoskopischen
Kurses obliegt; ferner hält der Chefarzt selbst seit 1881 auch noch
zum wenigsten in jedem Wintersemester einen zweistündigen Kurs
über klinische Propädeutik, in welchem namentlich die methodische
Krankenuntersuchung allseitig und zusammenfassend betrieben und
damit der junge Mediciner direkt auf das Praktizieren in der Klinik
vorbereitet wird.
Die Frequenz der klinischen Zuhörer hat sich seit 1865 um ein
Ansehnliches gehoben; während sie im ersten Semester des Bestehens
der Klinik (Wintersemester 1865/66) nur 8 betrug, war sie beim Wegzug
des Herrn Professor _Liebermeister_ im Sommersemester 1871 bereits
auf 19 gestiegen. Im Sommersemester 1872 erreichte sie dann die Zahl
von 24 ordentlich inskribierten Zuhörern; im Wintersemester 1878/79
die von 36, und im Wintersemester 1880/81 ihr bisheriges Maximum
mit 43 Inscribierten. In den letzten zwei Jahren bewegte sich die
Frequenz anhaltend zwischen 30-40, sie betrug im Wintersemester
1883/84 35, im Sommersemester 1884 37, im Wintersemester 1884/85 35
und im Sommersemester 1885 endlich 33 Hörer. Ausser von Studierenden
der Medicin und nicht immatrikulierten Zuhörern ist aber die Klinik
seit ihrem Bestehen auch schon wiederholt von praktischen Aerzten,
einheimischen wie fremden, theils vorübergehend, theils auch dauernder
besucht worden.
Die klinischen Patienten rekrutieren sich theils aus der städtischen
Bevölkerung, die im Bürgerspitale ärztliche Hilfe sucht und Aufnahme
findet; theils aus Fremden, denen vom Direktor der Klinik behufs
Vorstellung und Besprechung derselben in der Klinik klinische
Freibetten ertheilt werden. Von den gewöhnlichen Spitalpatienten aus
der Stadt und nächsten Umgebung werden nur solche Fälle in der Klinik
vorgestellt, an welche sich ein besonderes wissenschaftliches -- sei
es pathologisches, sei es therapeutisches -- Interesse knüpft, und
welche vom Direktor der Klinik deswegen als zur klinischen Besprechung
tauglich befunden werden. Die Vorstellung der Kranken erfolgt ferner
immer nur nach deren ausdrücklich eingeholter Einwilligung hierzu,
und es haben Schwierigkeiten in dieser Beziehung seit Bestehen der
Klinik nur sehr vereinzelt stattgefunden. Von kardinaler Wichtigkeit
aber für die gedeihliche Entwicklung des klinischen Unterrichtes (auf
dem Gebiete der innern Medicin, wie der Chirurgie und Geburtshilfe)
ist jedenfalls das den Kliniken seit deren Begründung zugestandene
Recht der Freibetten gewesen. Was speziell die medicinische Klinik
anlangt, so steht es nach demselben dem internen Kliniker zu,
gleichzeitig je bis zu zehn Patienten, völlig unabhängig von deren
Heimatsverhältnissen und deren Zahlungsfähigkeit, lediglich zum Zwecke
des Unterrichtes Aufnahme im Spitale zu gewähren, wenn deren Kranksein
wissenschaftlich-fachliches Interesse darbietet. Die so aufgenommenen
Kranken stellten nach und nach ein Hauptkontingent zur Klinik; sie
zahlen, wenn sie bedürftig sind, nichts, oder andernfalls eine sehr
ermässigte, tägliche Verpflegungstaxe, die gegenwärtig Fr. 1.50 pro Tag
beträgt. Die Nachfrage nach diesen klinischen Freibetten ist anfänglich
eine geringere, im weitem eine immer wachsende gewesen, und oft ist
es in den letzten Jahren vorgekommen, dass Gesuche um Aufnahme in
diese Freibetten abgewiesen werden mussten, weil es an dem überhaupt
verfüglichen Raume fehlte, oder weil der betreffende Fall sich nicht
zur Besprechung in der Klinik vorzugsweise eignete. So haben im Jahre
1884 im Ganzen nur 52, im Jahre 1882 nur 56 Gesuche berücksichtigt
werden können, während im dazwischenliegenden Jahre 1883 die Zahl der
in Freibetten aufgenommenen Patienten 95 und im Jahr 1881 80 betragen
hat.
Aus vorstehendem Ueberblick über die Verhältnisse der medicinischen
Klinik während der ersten zwanzig Jahre ihres Bestehens erhellt, dass
die Entwicklung des Institutes in allen Hauptbeziehungen eine sehr
glückliche genannt werden darf. Es fehlt ihm namentlich weder an einer
ausreichenden Frequenz der Zuhörer, noch an dem nöthigen Lehrstoffe in
Bezug auf klinisch-brauchbare Fälle. Zu wünschen wäre dagegen sehr,
dass ihr für die grössere Zahl der Besucher auch ein grösserer und
zweckmässig eingerichteter Hörsaal nach dem Muster anderer Kliniken im
Spitale eingerichtet würde, und dass namentlich dem Kliniker und dessen
Mitarbeitern daselbst etwelche passend gelegene und hinlänglich grosse
Arbeitsräume zugewiesen würden, da es an solchen schon seit mehreren
Jahren nahezu völlig gebricht, und die früher disponibeln Räume zu
Krankenzimmern eingerichtet werden mussten. Es steht zu erwarten, dass
diesen Uebelständen bei der bevorstehenden Verlegung des Irrenhauses
Rechnung getragen werde, da andernfalls ein Hauptzweck der Klinik,
wissenschaftliche Forschung zu fördern und überhaupt in strenger
Methode zu ermöglichen, nur in der unvollkommensten Weise erfüllt
werden könnte.
Hermann Immermann.
14. Chirurgische Klinik.
Die chirurgische Klinik in Basel datiert vom Jahre 1865. Wohl hatten
schon früher die Oberärzte des hiesigen Bürgerspitals die Befugniss,
bei ihren Krankenbesuchen und bei Vornahme von Operationen Studierende
der Medicin zuzuziehen; einen geordneten regelmässigen klinischen
Unterricht gab es aber nicht und konnte es aus Mangel an den nöthigen
Einrichtungen nicht geben. An die Einführung eines solchen konnte
erst gedacht werden, als den 15. März 1865 durch einen Beschluss des
Kleinen Rathes die letzten Hindernisse fielen, welche der Vollziehung
der zwischen der Universitäts-Behörde und dem löblichen Spitalpflegamt
getroffenen Vereinbarung entgegenstanden. Schon für das Sommersemester
1865 wurde ein erster Anfang gemacht; doch fanden die angekündigten
klinischen Vorträge wenig Berücksichtigung, weil der gleichzeitig neu
organisierten medicinischen Klinik die entsprechende Leitung noch
fehlte. Erst als durch Berufung von Herrn Professor _Liebermeister_
für das folgende Wintersemester diesem Mangel abgeholfen war, konnte
den 7. November 1865 vor 9 inskribierten Praktikanten und einer
Anzahl hiesiger Aerzte die chirurgische Klinik in Basel als definitiv
constituiert erklärt und eröffnet werden.
Von diesem Tage an bis heute wurde dieselbe, mit nur zwei
nennenswerthen Unterbrechungen während der Kriegsjahre 1866 und 1870,
jeweilen in anderthalb Stunden Vormittags an fünf Wochentagen vom
Unterzeichneten gehalten.
Die schon erwähnte Uebereinkunft zwischen dem Regierungsrath und
dem Stadtrath, welche im Jahre 1875 erneuert und erweitert wurde,
beseitigte den Hauptübelstand früherer Zeit durch die Einführung
der sogenannten Freibetten. Diese Einrichtung giebt dem klinischen
Vorstand die Befugniss, »bis auf 10 Betten mit Kranken zu besetzen,
welche nach seinem eigenen freien Ermessen, ohne Rücksicht auf Heimath,
Zahlungsfähigkeit und sonstige Berechtigungsgründe aufzunehmen sind.«
Da die gewöhnlichen Spitalkranken, ihrer Zahl und Beschaffenheit
nach, in keiner Weise genügen konnten, um die nöthige Abwechslung
in der Wahl der zum Unterricht zu verwendenden Krankheitsfälle
zu ermöglichen, waren und sind diese Freibetten geradezu eine
Lebensbedingung für die hiesige chirurgische Klinik, abgesehen davon,
dass dieselben für viele arme, unglückliche Kranke der Stadt und der
Umgebung eine grosse Wohlthat sind. Sobald daher durch den Ausbau
des neuen Krankenhausflügels der Raum es erlaubte, wurde von der
neuen Einrichtung ein im Laufe der Jahre immer steigender Gebrauch
gemacht. Während in den ersten Jahren die Zahl der in die chirurgischen
Freibetten aufgenommenen Kranken zwischen 40 und 60 schwankte, stieg
sie später auf 100 bis 150. Im Ganzen sind während der letzten
neunzehn Jahre 1854 Freibettpatienten, meist schwere und seltene
Krankheitsfälle, zum Unterricht verwendet worden.
Der jeweilige Assistenzarzt der Abtheilung war auch stets in der Klinik
thätig und unterstützte den Vorstand bei den Demonstrationen und
Operationen; ebenso hielt derselbe regelmässig einen praktischen Kurs
in der Verband- und Instrumentenlehre.
Die Frequenz des Besuchs von Seiten der Studierenden war von Anfang an
eine stetig zunehmende. Während der ersten fünf Jahre war das Mittel
per Semester 12 Zuhörer und Praktikanten; in den darauffolgenden fünf
Jahren stieg dasselbe auf 22,3. In den letzten zehn Jahren betrug es
30. Im Ganzen inskribierten sich während der verflossenen zwanzig Jahre
946 Studierende.
Da heutzutage von jedem jungen Arzt verlangt wird, dass er ein durch
vorherige sorgfältige Uebung gesichertes Wissen und Können fertig in
die Praxis mitbringt, und da er selbst nur unter dieser Bedingung
den schweren Verpflichtungen, die er gleich bei Anfang seiner
Berufsthätigkeit übernimmt, Herr zu werden vermag, ist es eine der
Aufgaben des Unterrichts, die Erwerbung praktischer Kenntnisse und
Fertigkeiten so viel wie möglich zu erleichtern. Ein ganz wesentliches
Mittel hiezu sind die Assistentenstellen. Sie stehen jedem Mediciner
aus den älteren Semestern offen, vorausgesetzt, dass er sich sonst
durch seinen Charakter dazu qualifiziert und für ein Jahr sich
verpflichtet. Seit 1865 sind über 40 Studierende als Assistenten der
chirurgischen Klinik thätig gewesen.
Den finanziellen Bedürfnissen der Klinik durch Anschaffung von
Lehrmitteln jeder Art wurde im Lauf der Zeit in verschiedener
Weise genügt. Anfangs bezog hierzu der Vorstand jährlich eine
bestimmte Summe aus dem »Klinischen Kredit.« Nach 1875 übernahm die
Spitalverwaltung diese Ausgaben für sämtliche klinische Institute
gegen eine bestimmte jährliche Gesamtvergütung. Ausserdem erhielt die
chirurgische Klinik einen Zuschuss von Fr. 200 aus dem medizinischen
Vermächtnissfond. Endlich wurde durch Regierungsrathsbeschluss vom
23. December 1882 eine Summe bis auf Fr. 2000 jährlich dem jetzigen
Vorstand der Klinik zu Unterrichtszwecken bewilligt. Dadurch wurde
letzterer in den Stand gesetzt, sein Privatlaboratorium auch einzelnen
Studierenden zu eröffnen und einen Assistenten zur Unterstützung ihrer
wissenschaftlichen Arbeiten anzustellen.
August Socin.
15. Geburtshilflich-gynækologische Klinik.