dem an etlichen Stellen Rauch sich zum Himmel erhob. Darum berief
Odysseus am nächsten Morgen seine Gefährten um sich, und einen Teil
derselben forderte er auf, mit ihm nach dem gegenüberliegenden Lande
zu fahren, um zu erforschen, wer da wohne. Die übrigen aber sollten
unterdessen auf der Ziegeninsel bleiben.
Die Ausgewählten gingen mit Odysseus zum Schiffe und ergriffen die
Ruder. Als sie das Gestade erreichten, erblickten sie eine hochgewölbte
Felsenhöhle, die von zahllosen Lorbeerbäumen umschattet war. Ein hohes
Gehege, von Felsstücken und Baumstämmen erbaut, umgab dieselbe. In ihr
wohnte ein Mann, der am Tage seine Herden auf entlegene Weiden trieb
und mit niemand Umgang pflegte. Gräßlich war er gestaltet und glich
nicht anderen Menschen; riesenhaft ragte er empor wie ein vereinzelter
waldreicher Gipfel eines Gebirges, und fürchterlich war sein Ansehen
namentlich dadurch, daß er nur ein Auge hatte, das, groß und gräßlich
blickend, mitten auf der Stirn stand.
Odysseus nahm von den im Schiffe mit ihm angekommenen Gefährten nur
zwölf der tapfersten mit sich; den übrigen befahl er, bei dem Schiffe
zu bleiben. Mit jenen ging er nach der Höhle. Weil sie aber nicht
wußten, ob sie daselbst etwas zu essen fänden, nahmen sie Speise mit,
auch einen ziegenledernen Schlauch voll Weines, den Odysseus zu Ismaros
von einem Priester erhalten hatte und der so süß und feurig war, daß
man beim Trinken einen Becher desselben mit zwanzig Bechern Wasser
vermischen mußte.
In der Höhle fanden sie den Riesen nicht daheim; sie gingen aber
hinein. Da waren viele junge Lämmer und Zicklein, die noch nicht mit
auf die Weide getrieben wurden, und viele Körbe voll Käse standen da.
Odysseus’ Gefährten wollten etliche Körbe mit Käsen, auch etliche
Lämmer und Zicklein mit sich nehmen und wieder zum Schiffe zurückeilen.
Odysseus aber beredete sie, zu warten, bis der Riese heimkehrte. Da
zündeten sie ein Feuer an, opferten den Göttern von den Käsen und aßen
dann selbst.
[Illustration]
Endlich kam der Riese. Schwer bepackt mit einem Bündel Holz, das er
krachend auf den Boden der Höhle warf. Nachdem alsdann die Schafe und
Ziegen alle in die Höhle getrieben waren, schloß er dieselbe mit einem
gewaltigen Steine, den nur seine Riesenkräfte bewegen konnten. Hätte
man diesen Stein zerschlagen wollen, so wären wohl zwanzig Wagen nötig
gewesen, um die Stücke fortzuschaffen. Als der Riese darauf seine Herde
gemolken, an der gewonnenen Milch sich gelabt und die übriggebliebene
in Gefäßen aufbewahrt hatte, zündete er Feuer an. Da bemerkte er die
Griechen, welche sich in den äußersten Winkel der Höhle versteckt
hatten, und zornig redete er sie an: „Wer seid ihr, Fremdlinge? Und
woher kommt ihr? Hat euch ein Geschäft über die Wogen des Meeres
getrieben oder schweift ihr als Räuber auf dem Meere umher, die ihr
Leben verachten und den Völkern feindlich gesinnt sind?“
Die rauhe Stimme des Riesen hatte die Griechen noch mehr erschreckt,
Odysseus aber ermannte sich und antwortete: „Griechen sind wir, und von
Trojas fernen Gestaden kommen wir, von den Wogen des Meeres und von
schrecklichen Stürmen hierher verschlagen, fern von unserem Vaterlande.
Nun bitten wir dich, daß du uns freundlich geringe Bewirtung reichst,
damit Zeus dich segne, der hilflosen Fremdlingen ein Freund und
Beschützer ist.“
Der Cyklop antwortete: „Ein Tor bist du, o Fremdling, daß du mich an
Zeus erinnerst. Wir Cyklopen kümmern uns weder um ihm, noch um die
übrigen Götter; denn wir sind besser als sie. Sehr irrst du, wenn
du meinst, ich werde aus Scheu vor den Göttern deiner oder deiner
Gefährten schonen. Aber sage mir, wo das Schiff ist, auf dem ihr
gekommen.“
Des Riesen schlimme Absichten durchschauend, erwiderte der kluge
Odysseus: „Unser Schiff ist an den Klippen zerschellt, und ich bin
allein mit meinen Gefährten dem Unglück entronnen.“
Ohne weiter etwas darauf zu antworten, ergriff der Cyklop zwei der
Griechen und zerschmetterte ihnen an den Felsen die Köpfe, daß das
Gehirn weit umherspritzte. Dann zerstückte er sie, und Glied um Glied
fraß er hinein, wie ein Löwe des Felsengebirges, daß auch kein Restchen
Fleisch oder Knochen übrigblieb. Weinend erhoben da die Griechen die
Hände zum Zeus, und starres Entsetzen ergriff sie. Der Riese aber
streckte sich nach seinem fürchterlichen Mahle auf den Boden der Höhle
und fiel in tiefen Schlaf. Da kam Odysseus der Gedanke, dem schlafenden
Ungeheuer das Schwert tief in die Brust zu bohren; zur rechten Zeit
besann er sich jedoch, daß er dann mit all seinen Gefährten dem
sicheren Tode verfallen wäre, denn ihre Hände wären nie imstande
gewesen, den Felsen zu beseitigen, den der Riese vor den Eingang der
Höhle gehoben hatte.
Beim Grauen des nächsten Morgens zündete der Cyklop wieder Feuer an,
molk dann die Herde, und als er damit zu Ende war, packte er abermals
zwei Griechen und verzehrte sie wie die am vergangenen Abende. Alsdann
trieb er die Herde aus der Höhle, welche er wieder verschloß, indem
er den Felsen vor dieselbe setzte. So leicht hob er den Felsen in
die Höhe, als ob es nur der Deckel seines Köchers wäre. Da saßen nun
die Griechen den ganzen Tag trauernd und auf Rettung sinnend. Endlich
reifte in Odysseus’ Seele ein Plan.
In der Höhle lag des Cyklopen Keule, ein gewaltiger Ölbaum. Wohl war
sie so lang und dick, daß man sie für einen Mastbaum hätte halten
können. Von ihm hieb Odysseus das obere Ende ab, das er dann mit seinen
Gefährten zuspitzte und in der Glut des Feuers härtete. Dann verbarg
er den Pfahl in dem Miste, der in der Höhle aufgeschichtet lag, vier
seiner Gefährten aber erwählte er, daß sie den Pfahl hielten, wenn er
ihn dem schlafenden Ungeheuer in sein Auge bohren würde.
Am Abend verschlang der heimgekehrte Riese, nachdem er seine Arbeiten
wie am Tage zuvor verrichtet, wieder zwei der Gefährten. Darauf trat
Odysseus zu ihm, und in einem hölzernen Becher ihm von dem starken
Weine darreichend, den er mit sich gebracht hatte, sprach er: „Nimm,
Cyklop, und trinke! Auf Menschenfleisch ist der Wein gut!“ Der Riese
trank, und so wohl schmeckte ihm dieser Wein, daß er bat, den Becher
noch einmal zu füllen. Wohl hätten, meinte er, die Cyklopen auch Wein,
aber nicht solchen, wie ihn der Fremdling ihm reichte. Gern füllte
Odysseus den Becher wieder, damit der Riese um so fester schliefe. Nach
dem zweiten Becher frug der Riese nach Odysseus’ Namen, auch bat er,
den Becher noch einmal zu füllen. Das tat Odysseus, und indem er ihm
den Becher reichte, sprach er: „Niemand ist mein Name; so heißen mich
alle Genossen.“ Da antwortete der Riese, nachdem er auch den dritten
Becher getrunken: „Zum Danke für deine vortreffliche Gabe, lieber
Niemand, will ich dich zuletzt verzehren.“ Darauf legte er sich nieder,
und ein fürchterliches Schnarchen bewies bald, daß er in tiefen Schlaf
gefallen war.
Das war die rechte Zeit für die Ausführung des Planes, den Odysseus
entworfen hatte. Am Feuer machte er den vorbereiteten Pfahl glühend,
und dann stieß er ihn mit Hilfe der vier Gefährten in das Auge des
Cyklopen, und während die Gefährten den Pfahl aufrecht hielten, drehte
er ihn aus Leibeskräften in dem Auge herum. Da umquoll heißes Blut
die eindringende Spitze, und Wimpern und Brauen versengten. Zischend
spritzte das Blut hochauf wie das Wasser, wenn der Schmied die glühende
Axt hineinhält.
Der Riese heulte fürchterlich, und während die Griechen sich in den
entferntesten Winkel der Höhle verbargen, riß er sich den Pfahl aus dem
Auge und schleuderte ihn weit von sich. Das fürchterliche Brüllen des
Cyklopen vernahmen die in der Nähe wohnenden Cyklopen, und sie eilten
hierbei, ihm zu helfen. Sie standen vor der Höhle, und auf ihre Frage,
wer ihm etwas zuleide tue, wer ihn etwa hinterlistig würge, antwortete
er heulend: „Niemand würgt mich, Niemand hat mich hinterlistig
angefallen.“ Da sprachen die anderen Cyklopen: „Wenn niemand dir etwas
zuleide tut, so können wir dir auch nicht helfen; für innere Schmerzen
haben wir keine Mittel.“ Und sie gingen wieder heim. Odysseus freute
sich seiner gelungenen List und lachte im Herzen.
Am Morgen hob der Riese den Felsen vom Eingange der Höhle. Damit aber
mit der Herde nicht auch einer der Griechen entwische, stellte er
sich in den Eingang und tappte mit den Händen umher. Auch das hatte
Odysseus längst vorbedacht. Mit schwanken Ruten hatte er immer je drei
Widder zusammen und unter dem Bauch des mittelsten allemal einen seiner
Gefährten festgebunden. So entkamen alle Gefährten des Odysseus; denn
nicht dachte der Cyklop daran, daß ein Grieche am Bauche des Tieres
hängen könnte, während er den Rücken desselben betastete.
Am schlimmsten war Odysseus selbst daran, den niemand unter einem Tiere
festbinden konnte. Er suchte sich den größten und stattlichsten Widder
der Herde heraus, und mit den Händen sich krampfhaft in der Wolle
desselben festhaltend, hing er sich unter den Bauch desselben. Als der
Widder aus der Höhle hinaus wollte, hielt ihn Polyphem, so hieß der
Cyklop, an, und ihn lobkosend, sprach er: „Wie kommst du heute so spät,
da du doch sonst immer der erste bist, wenn es zur Weide geht? Geht
dir etwa das Schicksal deines Herrn nahe, den der tückische Fremdling
geblendet hat? Ach, könntest du doch reden, um mir zu sagen, wo er sich
versteckt hält, damit ich ihn am Felsen zerschmettern könnte.“ Dann
ließ er den Widder gehen.
Als Odysseus glücklich ins Freie gelangt war, machte er zuerst seine
Gefährten los, dann trieben sie gemeinsam etliche der schönsten Tiere
zum Strande, wo sie von den Genossen, die bei dem Schiffe geblieben
waren, mit Freuden empfangen wurden. Trauernd vernahmen diese, wie
Polyphem sechs ihrer Gefährten gemordet und verschlungen habe, dann
stießen sie das Schiff vom Gestade und ruderten weiter. Als sie in
einiger Entfernung von dem Gestade waren, rief Odysseus dem Cyklopen
die höhnenden Worte zu: „Ha, Cyklop, keines schlechten Mannes Genossen
fraßest du in deiner Höhle; aber Zeus hat deine Freveltat gerächt.“
Da ergriff Polyphem einen ungeheuren Felsblock und schleuderte ihn
grimmig nach der Gegend, von wo die Stimme erscholl. Hochauf schäumte
das Meer, als der Fels dicht neben dem Schiffe in dasselbe niederfiel,
und von den dadurch erregten Wellen ward das Schiff wieder an das
Gestade zurückgetrieben. Mit Anstrengung aller Kräfte ruderten die
Griechen wieder ins Meer hinaus, und als sie weiter entfernt waren, als
am erstenmal, rief Odysseus wieder: „Höre, Polyphem, was ich dir sagen
will. Wenn dich jemand fragt, wer dich geblendet, so sage: Odysseus war
es, Laertes’ Sohn, der in Ithaka wohnt.“ Da erinnerte sich Polyphem,
wie einst ein alter Seher ihm geweissagt hatte, er würde durch
Odysseus’ Hände geblendet werden, und laut rief er: „Wehe, nun ist in
Erfüllung gegangen, was mir geweissagt wurde! Ich glaubte aber, ein
großer, gewaltiger Mann voll Stärke und Kraft müßte erst kommen. Nun
hat ein elender Wicht, ein Schwächling, mein Auge geblendet, nachdem
er mich vorher mit Wein berauscht hatte.“ Und wiederum schleuderte
Polyphem mächtige Felsblöcke dem Schiffe nach, das aber schon zu weit
entfernt war, als daß es die Steine noch hätten erreichen können. Da
betete Polyphem zu dem Meerbeherrscher Poseidon, der sein Vater war,
daß er Odysseus entweder nie heimkehren lasse oder doch nur nach vielen
Gefahren, unglücklich, entblößt von allem Gut und von allen Genossen.
Glücklich gelangte Odysseus mit den ihm gebliebenen Gefährten wieder
auf der Ziegeninsel an, wo er den Lieblingsbock des Cyklopen dem Zeus
opferte.
Albert Richter
[Illustration]
Nächtliche Fahrt
Ein Schiff befuhr das Meer. Aufrauschend quoll
Die Flut am Kiel. Er suchte Pylos Strand.
Das Steuer führt ein Jüngling kummervoll,
Dem früh des Vaters Rat und Hilfe schwand.
Der glückbedürft’ge hieß Telemachos
Und schaute nach des Segels nächt’gem Flug,
Dicht neben ihm der hohe Fahrtgenoß,
Athene war’s, die Mentors Züge trug.
Unendlich brach hervor der Sterne Heer,
Die lichten Waller wußten ihre Bahn ...
Da sprach die Tochter Zeus’ auf dunklem Meer:
„Zusammen rufen wir die Götter an!“
Die Hände, wie der Staubgeborne fleht,
Erhob sie ausgebreitet in die Nacht --
Und sie erhörte selber das Gebet,
Von ihr für den Verlaßnen dargebracht.
Conr. Ferd. Meyer
Die sterbende Meduse
Ein kurzes Schwert gezückt in nerv’ger Rechten,
Belauert Perseus bang in seinem Schild
Der schlummernden Meduse Spiegelbild,
Das süße Haupt mit müden Schlangenflechten.
Zur Hälfte zeigt der Spiegel längs der Erde
Des jungen Wuchses atmende Gebärde --
„Raub ich das arge Haupt mit raschem Hiebe,
Verderblich der Verderberin genaht?
Wenn nur die blonde Wimper schlummern bliebe!
Der Blick versteint! Gefährlich ist die Tat.
Die Mörderin! Sie schließt vielleicht aus List
Die wachen Augen! Sie, die grausam ist!
Durch weiße Lider schimmert blaues Licht
Und -- zischte dort der Kopf der Natter nicht?“
Medusen träumt, daß einen Kranz sie winde,
Der Menschen schöner Liebling, der sie war,
Bevor die Stirn der Göttin Angebinde
Verschattet ihr mit wirrem Schlangenhaar.
Mit den Gespielen glaubt sie noch zu wandern
Und spendet ihnen lockenschüttelnd Grüße,
In blühendem Reigen regt sie mit den andern
Die freudehellen, die beschwingten Füße,
Ihr Antlitz hat vergessen, daß es töte,
Es glaubt, es glaubt an die barmherz’ge Lüge
Des Traums. Es lauscht dem Hauch der Hirtenflöte,
Der weichmelodisch zieht durch seine Züge.
Es lächelt still, von schwerem Bann befreit,
In unverlorner erster Lieblichkeit.
Der Mörder tritt an ihre Seite dicht,
Und dunkler träumt Medusens Angesicht.
Ihr ist, sie habe Haß empfunden schon,
Vor sich geschaudert, dumpf und bang gelitten,
Die Menschen habe scheu sie erst geflohn,
Dann ihnen nachgestellt mit Meuchlerschritten --
Sie sinnt, was Unheilbares sie gequält,
Daß sie dem eignen Leben feind geworden,
Und andres Leben sich ergötzt zu morden --
Sie sinnt umsonst. Ihr hält’s der Traum verhehlt,
Die grause Larve, die sie lang geschreckt,
Ist wie mit einem Purpurtuch bedeckt.
Das Graun ist aufgelöst in Seligkeit,
Begonnen hat der Seele Feierzeit.
Der Dämmer herrscht. Das harte Licht verblich.
Als eine der Erlösten fühlt sie sich.
Sie fürchtet keines Schreckens Wiederkehr,
Sie weiß, die Qualen kommen nimmermehr,
Nein, nimmermehr, und nun ist alles gut!
Sie liegt, den Hals gebogen, auf dem Rasen,
Sie hört die Hirtenflöte wieder blasen
Und lauscht. Sie zuckt. Sie windet sich. Sie ruht.
Conr. Ferd. Meyer
Griechische Spiele
Harrend strömten die Völker auf Elis Plane zusammen,
Selbst den erbittertsten Haß hemmte die heilige Zeit.
Stärke und Anmut rang; nicht der Stunde flüchtiger Beifall
Dehnte den Atem der Brust, stärkte die Sehne zu Erz,
Spornte die schäumenden Rosse zum wildesten Fluge -- sie wußten,
Daß das Siegergespann einen Unsterblichen trug.
Alle die griechischen Städte durchbrauste der Name des Siegers,
Und unermeßlicher Wert wurde dem einfachen Kranz.
Nicht verschmähte der Sänger zu weihen die irdische Krafttat,
Und der gewaffnete Huf weckte die Funken des Lieds.
Also wurden, geschirmt von waltenden Göttern und Sängern,
Fröhlich Spiele zum Ernst; aber das Leben war Spiel.
Gustav Pfizer
[Illustration]
Die Mutter des Siegers
Im weiten Rund des Stadion zu Olympia
Sitzt, Kopf an Kopf gedrängt, in Schaubegier
Das Volk von Hellas. Voll zum Rand hinan
Am frühen Morgen schwoll die Volkeswoge,
Um zu erstarren, bis die Sonne sinkt.
Kein Weiberantlitz auf den Stufen rings,
Nur der Demeter greise Priesterin
Zunächst dem Hochsitz der Hellanodiken,
Denn uralt heiliges Gesetz gebeut:
Wenn je aus frevlem Vorwitz sich ein Weib
Einschlich in den Bezirk der Spiele, hoch
Herabgestürzt von jenen Felsenzacken,
Die in Olympias Ebne niederschaun,
Soll sie zerschellten Haupts die Neugier büßen.
Der Tag verkühlt sich. Schon zum Meer hinab
Sein feurig Viergespann lenkt Helios,
Mit Zögern scheint’s, um aus der blauen Höhe
Der Spiele stolzem Reigen zuzuschaun,
Da wird es still im ungeheuren Ring.
Die Volkesbrandung hält den Atem an,
Und einen schlanken Jüngling an der Hand
Des Herolds sieht man nahn dem Ehrensitz
Der Kampfesrichter. Auf den breiten Schultern
Trägt er das kleine Haupt, den Blick gesenkt,
Daß durch die schwarzen Wimpern nur verstohlen
Ein scheuer Blitz der stolzen Freude zuckt.
Die Stirn, von weichen Locken tief verhangen,
Die Brust gewölbt gleich der des Götterboten,
Eratmend süß im linden Abendhauch,
Tritt er mit stockenden Schritten, ob er auch
Die Kraft der jungen Schenkel eben erst
Bewährt im Wettlauf, vor die Alten hin,
Die Ruhmausteilenden, und neigt das Haupt,
Gleichwie belastet von der Wucht des Glücks.
Im Fünfkampf blieb er Sieger, erst im Sprung,
Im Diskuswurf, im Lauf, im Ringen dann,
Zuletzt im Faustkampf. Nun wie traumentrückt,
Wie zweifelnd an des wachen Tages Licht,
Steht er den tausend Gaffenden zur Schau,
Und flüsternd durch die Reihen läuft sein Name:
„Koröbos, Sohn des Pelias.“
Und jetzt
Herab vom Hochsitz naht der älteste
Der Kampfesrichter, milden Angesichts.
Vom schlanken Tisch aus Gold und Elfenbein,
Auf dem die Kränze ruhn und Siegespalmen,
Den dichtbelaubtesten, wie Silber schimmernd,
Nimmt er und drückt des heil’gen Ölbaums Zweig
Dem Sieger aufs gesenkte Lockenhaupt,
Indes der Herold laut den Namen ausruft:
„Koröbos, Sohn des Pelias, aus Elis,
Sieger im Fünfkampf.“
Brausend in der Runde,
Wie Meeresbrandung schallt der Jubelruf,
Und schon erhebt der Palme zarten Zweig,
Der Ehren herrlichste, des Greisen Hand,
Da plötzlich von den höchsten Stufen dringt
Ein wirrer Lärm herab, ein eifernd Toben
Empörter Stimmen. Innehält der Greis
Und blickt empor. Und durch die Sitzreihn nieder
Zur ebnen Bahn wälzt sich ein wilder Hauf,
Nachschleppend eine dürftige Gestalt,
Klein, welken Angesichts, zerzausten Haars, --
Ein Weib! -- Verwünschungen, geballte Fäuste,
Und jetzt -- horch! -- aus des Jünglings Mund ein Schrei:
„Mutter! O Mutter!“ -- und er stürzt zu ihr,
Umfängt die wie in Ohnmacht Hingesunkne
Und hält sie stammelnd fest ans Herz gedrückt.
Doch aus der wütenden Rotte tritt der Führer
Und ruft: „Wir bringen euch dies Weib, ihr Richter,
Daß sie den Bruch der heil’gen Ordnung büße.
Zwei Tage schon, als wie ein greises Männlein,
In sich gebückt, sah sie den Spielen zu,
Und nicht ein Laut erging aus ihrem Munde,
So daß den Nachbarn taubstumm sie erschien.
Doch jetzt, da diesen Jüngling du bekränzt
Als Sieger im Pentathlon, plötzlich hören
Wir ein Gestöhn des wunderlichen Wesens;
Ein heftig Schluchzen hebt und senkt die Brust,
Und seinem Aug entbricht ein Tränensturz.
Das sehn wir Nächsten mitleidvoll, und ich,
Im Wahn, das Wichtlein sei von jäher Krankheit
Befallen, will den Kopf ihm heben. Da
Streif ich den Bart ihm ab, und offenbar
Wird ihr Geschlecht und des Geschlechtes Schwäche,
Die Neugier, die sie zu Verbotnem trieb.
Nun bringen wir zu euch die Frevlerin,
Daß ihr sie richten mögt.“
Alsbald erhob sich
Die Frau, und aus des Jünglings Arm sich lösend,
In Demut vor die Richter trat sie hin:
„Ja, richtet mich! Mein Leben ist verwirkt:
Ich flehe nicht um Schonung. Was auch könnten
Mir Götter gönnen noch nach diesem Tag,
Der mich erhöht vor allen Weibern sah!
Durft ich nicht meines Lieblings Sieg und Ruhm
Mit Augen schaun? Das blieb zuvor mir streng
Versagt. Denn dreimal kam mein lieber Mann
Heim von Olympia mit dem gleichen Schmuck;
Doch nicht des Volkes Zuruf, nicht die Ehren
Der Kränzung seiner Stirn erlebt ich mit.
Zweimal bekränzt dann ward mein ältster Sohn,
Bis sie zuletzt ihn blutig und entseelt,
Da ihn im Wagenkampf die Rosse schleiften,
Ins Haus mir brachten. Meinen zweiten, ach!
Der fortzog in den Perserkampf, ihn sah
Mein Aug nie wieder. Nur die Kunde kam,
Ihn habe, rühmlich kämpfend, sein Geschick
Ereilt im Blutgefild. Nur einer blieb mir,
Nur mein Koröbos. Als er von mir ging,
Gelockt vom Ruhm des Vaters und der Brüder,
Da litt es mich im öden Hause nicht.
Ein Männerkleid verschafft ich mir und fälschte
Mein Antlitz, denn ich dachte, wenn auch ihm
Vielleicht die Moira steckt ein frühes Ziel, --
Jung soll ja sterben, wen die Götter lieben --
Bist du doch nah und kannst in deinem Schoß
Weich betten sein veratmend Haupt. Denn das
Bleibt ewig einer Mutter Recht und Pflicht,
Und kein Gesetz, das Menschen je erdacht,
Löscht diese Schrift in ihrem Busen aus.
Und so, getrost, beging ich, was verpönt,
Und nicht bereu ich’s. Von dem Felsen dort
Hinabgestoßen, mit dem letzten Hauch
Den Göttern dank ich, die mich so begnadet,
Und nicht in Lethes Fluten könnt ich je
Vergessen trinken dieses Freudentags,
Der mir der letzte war.“
Sie schwieg, den Blick
Auf ihren Liebling haftend, tränenlos,
Verklärt. Und eine Stille ward ringsum,
Und in der Brust der strengen Richter schwankte
Die tiefbewegte Seele. Da erhob sich
Die greise Priesterin und sprach: „Wie könnt ihr
Noch zweifeln? Hört ihr nicht der Götter Stimme,
Die laut zu euerm Herzen spricht? Dies Weib,
Das ein Geschlecht von Siegern Hellas gab
Und, ihrer Mutterpflicht gedenk, dem Tod
Getrotzt, steht über dem Gesetz, und mir
Gesellt sie zu ihr priesterlicher Adel.
Mögt ihr sie denn verdammen, rauhe Männer --
Die Göttin, der ich diene, spricht sie los,
Und Zuflucht findet sie an meinem Busen.“
So sprechend nahte sie der Staunenden,
Und sanft zu ihr sich neigend, rührte sie
Die Stirn ihr an mit schwesterlichem Kuß.
Der Jüngling aber, jauchzend, ungestüm,
Schlang um der Mutter Leib den starken Arm
Und hob sie auf, und wiegend auf der Schulter
Trug im Triumph er strahlend sie dahin,
Die weite Bahn umschreitend, allem Volk
Sein Mütterlein zu zeigen. Und ringsum
Begrüßten winkend ausgestreckte Hände
Und tausendstimm’ger Jubelruf das Paar:
„Heil, Heil dem Sieger! Heil der edlen Frau,
Der Glücklichen, die ihn gebar.“
Sie aber,
Das Haupt des Sohns umklammernd, bleich und still,
Erhob die Blicke nicht, in sich gebückt,
Und weinte, leise „mein Koröbos!“ flüsternd,
Auf seinem Kranz. Schwerer ward und schwerer
Die leichte Last, und tief und tiefer sank
Das Haupt der Mutter auf des Sohnes Locken,
Und als den Rundgang er vollbracht, da glitt
Ein stumm verblichen Weib ihm aus den Armen.
„Das Glück hat sie entseelt!“ so flüsterten
Die Greise, da der Jüngling, tiefauf stöhnend,
Hinkniete zu der Toten. Doch die Priestrin
Nahm einen Palmenzweig vom Tisch und legt
Ihn auf die Brust der selig Ruhenden.
Und eine Stille ward im weiten Rund,
Als hörten sie die weichen Flügel rauschen
Des Götterboten, der zur Schattenwelt
Die Seele forttrug dieser Siegerin.
Paul Heyse
Die Kraniche des Ibykus
Zum Kampf der Wagen und Gesänge,
Der auf Korinthus’ Landesenge
Der Griechen Stämme froh vereint,
Zog Ibykus, der Götterfreund.
Ihm schenkte des Gesanges Gabe,
Der Lieder süßen Mund Apoll;
So wandert er, an leichtem Stabe,
Aus Rhegium, des Gottes voll.
Schon winkt auf hohem Bergesrücken
Akrokorinth des Wandrers Blicken,
Und in Poseidons Fichtenhain
Tritt er mit frommem Schauder ein,
Nichts regt sich um ihn her, nur Schwärme
Von Kranichen begleiten ihn,
Die fernhin nach des Südens Wärme
In graulichtem Geschwader ziehn.
[Illustration]
„Seid mir gegrüßt, befreundte Scharen!
Die mir zur See Begleiter waren,
Zum guten Zeichen nehm ich euch,
Mein Los, es ist dem euren gleich.
Von fernher kommen wir gezogen
Und flehen um ein wirtlich Dach --
Sei uns der Gastliche gewogen,
Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!“
Und munter fördert er die Schritte
Und sieht sich in des Waldes Mitte;
Da sperren auf gedrangem Steg
Zwei Mörder plötzlich seinen Weg.
Zum Kampfe muß er sich bereiten,
Doch bald ermattet sinkt die Hand,
Sie hat der Leier zarte Saiten,
Doch nie des Bogens Kraft gespannt.
Er ruft die Menschen an, die Götter,
Sein Flehen dringt zu keinem Retter;
Wie weit er auch die Stimme schickt,
Nichts Lebendes wird hier erblickt;
„So muß ich hier verlassen sterben,
Auf fremdem Boden, unbeweint,
Durch böser Buben Hand verderben,
Wo auch kein Rächer mir erscheint!“