Da rauscht der Kraniche Gefieder;
Er hört, schon kann er nicht mehr sehn,
Die nahen Stimmen furchtbar krähn.
„Von euch, ihr Kraniche, dort oben,
Wenn keine andere Stimme spricht,
Sei meines Mordes Klag erhoben!“
Er ruft es, und sein Auge bricht.
Der nackte Leichnam wird gefunden,
Und bald, obgleich entstellt von Wunden,
Erkennt der Gastfreund in Korinth
Die Züge, die ihm teuer sind.
„Und muß ich so dich wiederfinden,
Und hoffte mit der Fichte Kranz
Des Sängers Schläfe zu umwinden,
Bestrahlt von seines Ruhmes Glanz!“
Und jammernd hören’s alle Gäste,
Versammelt bei Poseidons Feste,
Ganz Griechenland ergreift der Schmerz,
Verloren hat ihn jedes Herz.
Und stürmend drängt sich zum Prytanen
Das Volk, es fordert seine Wut,
Zu rächen des Erschlagnen Manen,
Zu sühnen mit des Mörders Blut.
Doch, wo die Spur, die aus der Menge
Der Völker flutendem Gedränge,
Gelocket von der Spiele Pracht,
Den schwarzen Täter kenntlich macht?
Sind’s Räuber, die ihn feig erschlagen?
Tat’s neidisch ein verborgner Feind?
Nur Helios vermag’s zu sagen,
Der alles Irdische bescheint.
Er geht vielleicht mit frechem Schritte
Jetzt eben durch der Griechen Mitte,
Und während ihn die Rache sucht,
Genießt er seines Frevels Frucht,
Auf ihres eigenen Tempels Schwelle
Trotzt er vielleicht den Göttern, mengt
Sich dreist in jene Menschenwelle,
Die dort sich zum Theater drängt.
Denn Bank an Bank gedränget sitzen,
Es brechen fast der Bühne Stützen,
Herbeigeströmt von fern und nah,
Der Griechen Völker wartend da.
Dumpfbrausend, wie des Meeres Wogen,
Von Menschen wimmelnd, wächst der Bau
In weiter stets geschweiftem Bogen
Hinauf bis in des Himmels Blau.
Wer zählt die Völker, nennt die Namen,
Die gastlich hier zusammenkamen?
Von Theseus’ Stadt, von Aulis’ Strand,
Von Phokis, vom Spartanerland,
Von Asiens entlegner Küste,
Von allen Inseln kamen sie
Und horchen von dem Schaugerüste
Des Chores grauser Melodie,
Der, streng und ernst, nach alter Sitte,
Mit langsam abgemessnem Schritte
Hervortritt aus dem Hintergrund,
Umwandelnd des Theaters Rund.
So schreiten keine irdschen Weiber,
Die zeugete kein sterblich Haus!
Es steigt das Riesenmaß der Leiber
Hoch über menschliches hinaus.
Ein schwarzer Mantel schlägt die Lenden,
Sie schwingen in entfleischten Händen
Der Fackel düsterrote Glut,
In ihren Wangen fließt kein Blut;
Und wo die Haare lieblich flattern,
Um Menschenstirnen freundlich wehn,
Da sieht man Schlangen hier und Nattern
Die giftgeschwollnen Bäuche blähn.
Und schauerlich, gedreht im Kreise,
Beginnen sie des Hymnus Weise,
Der durch das Herz zerreißend dringt,
Die Bande um den Frevler schlingt.
Besinnungraubend, herzbetörend
Schallt der Erinnyen Gesang,
Er schallt, des Hörers Mark verzehrend,
Und duldet nicht der Leier Klang:
„Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle
Bewahrt die kindlich reine Seele!
Ihm dürfen wir nicht rächend nahn,
Er wandelt frei des Lebens Bahn.
Doch wehe, wehe, wer verstohlen
Des Mordes schwere Tat vollbracht!
Wir heften uns an seine Sohlen,
Das furchtbare Geschlecht der Nacht.
Und glaubt er fliehend zu entspringen,
Geflügelt sind wir da, die Schlingen
Ihm werfend um den flücht’gen Fuß,
Daß er zu Boden fallen muß.
So jagen wir ihn, ohn Ermatten,
Versöhnen kann uns keine Reu,
Ihn fort und fort bis zu den Schatten
Und geben ihn auch dort nicht frei.“
So singend, tanzen sie den Reigen,
Und Stille, wie des Todes Schweigen,
Liegt überm ganzen Hause schwer,
Als ob die Gottheit nahe wär,
Und feierlich, nach alter Sitte,
Umwandelnd des Theaters Rund,
Mit langsam abgemessnem Schritte,
Verschwinden sie im Hintergrund.
Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet
Noch zweifelnd jede Brust und bebet
Und huldiget der furchtbarn Macht,
Die richtend im Verborgnen wacht,
Die unerforschlich, unergründet
Des Schicksals dunkeln Knäuel flicht,
Dem tiefen Herzen sich verkündet
Doch fliehet vor dem Sonnenlicht.
Da hört man auf den höchsten Stufen
Auf einmal eine Stimme rufen:
„Sieh da, sieh da, Timotheus,
Die Kraniche des Ibykus!“ --
Und finster plötzlich wird der Himmel,
Und über dem Theater hin
Sieht man in schwärzlichtem Gewimmel
Ein Kranichheer vorüberziehn.
„Des Ibykus“ -- Der teure Name
Rührt jede Brust mit neuem Grame
Und wie im Meere Well auf Well,
So läuft’s von Mund zu Munde schnell:
„Des Ibykus? Den wir beweinen,
Den eine Mörderhand erschlug!
Was ist’s mit dem? Was kann er meinen? --
Was ist’s mit diesem Kranichzug?“ --
Und lauter immer wird die Frage,
Und ahnend fliegt’s mit Blitzesschlage
Durch alle Herzen: „Gebet acht,
Das ist der Eumeniden Macht!
Der fromme Dichter wird gerochen,
Der Mörder bietet selbst sich dar --
Ergreift ihn, der das Wort gesprochen,
Und ihn, an den’s gerichtet war!“
Doch dem war kaum das Wort entfahren,
Möcht er’s im Busen gern bewahren:
Umsonst! Der schreckenbleiche Mund
Macht schnell die Schuldbewußten kund,
Man reißt und schleppt sie vor den Richter,
Die Szene wird zum Tribunal,
Und es gestehn die Bösewichter,
Getroffen von der Rache Strahl.
Friedrich von Schiller
Der Sieger
Olympia! Mir sprengt das Herz die Brust!
Bin ich derselbe, der ich gestern war?
Der Vollkraft ungeheure Daseinslust
Durchströmt, entzückt, erhebt mich wunderbar.
Vor meinem Volke steh ich, mein Gesang
-- Mir selbst ein Wunder -- strömt sich hell und voll
In Harmonien aus von Erzes Klang,
Mit meinen Lippen spricht der Gott, Apoll!
Mein Lied verklingt. Kein Laut. Dann, ein Orkan,
Rast wilder Beifall die Arena hin,
Und tausend Kränze regnen in die Bahn,
Und meine Harfe ist die Siegerin.
Ich, aus dem letzten Dorfe, bin der Held,
Von meinem Haupte strahlt des Ruhmes Glanz
Und füllt mit neuer Pracht die dunkle Welt,
Und meine Stirne krönt der Lorbeerkranz.
Nun, Jünglinge, begleitet mich nach Haus.
Nicht nehm ich eher diesen Kranz vom Haupt
Und ziehe eher nicht die Toga aus,
Bis meinen Ruhm mein ernster Vater glaubt.
Durch Hellas ziehn wir hin, und jauchzend weckt
Mein Preis das Land und eilt, uns meldend, vor.
Dort liegt das Dorf am Hügel hingestreckt;
Und dies ist meines Vaterhauses Tor.
Aufsteht der Vater von der Ofenbank.
Er sieht mich an, die Toga, meinen Kranz;
Vor seinem Auge schrumpft mein Überschwang,
Wird grau des Volkes bunter Farbenglanz.
Ich streife langsam von dem Haupt die Zier
Und von den Gliedern ab das Festgewand.
Er spricht: „Du weiltest lange weg von hier.
Die Sichel nimm. Das Gras ist fast verbrannt!“
Hugo Salus
Tod des Perikles
Auf seinem Sterbebett lag Perikles,
Und das Bewußtsein schien ihm schon entflohn.
Die Freunde, die ihm übrig waren noch,
Umstanden ihn und sprachen unter sich,
Die Größe rühmend seiner Tugenden
Und seiner einst fast unbeschränkten Macht.
Bewegt auch zählten sie die Taten auf,
Die er vollbracht, wie jedes Siegesmal,
Das er Athen zu ew’gem Ruhm erschuf.
Doch er im Scheiden noch verstand sie wohl,
Und plötzlich auch ergriff er selbst das Wort:
„Ich wundre mich, daß ihr an mir gelobt,
Was nur das wandelbare Glück verleiht
Und was mit manchem andern ich geteilt,
Dagegen ihr verschwiegen unbedacht,
Was mich bedünkt allein des Neides wert:
Daß meinetwegen nie ein Bürger je,
Zum Tod verfolgt, in Trauer sich gehüllt.“
Martin Greif
[Illustration]
Der Bote von Marathon
Jüngling, schwing dich auf den wilden
Renner, auf dein bäumend Roß,
Nach den himmlischen Gefilden
Fliege, wie ein Pfeilgeschoß,
Laut zu künden, froh zu melden
Göttergleichen Sieg der Helden:
„Marathon, der Perser Schmach,
Wo Athen sich Lorbeer brach!“
Schnell im Staubgewölk verloren,
Stürmt er hin im Mittagsschein,
Drückt dem flücht’gen Roß die Sporen
Kräftig in die Weichen ein.
Vorgeneigt, mit losem Zügel,
Jagt er auf des Windes Flügel.
Herrlich schwellt die junge Brust
Siegesfreude, Botenlust.
Und er träumt sich schon empfangen
Von Athens besorgter Schar.
Hoch erglühn der Mutter Wangen,
Da sie kränzt sein feuchtes Haar:
„O mein Sohn, du kehrst mir wieder!“
Greise singen Siegeslieder,
Donnernd jauchzt von Land zu See
Tausendstimmig Evoe -- -- --
Seine dunkeln Augen flammen,
Freudig preist er sein Geschick ...
Plötzlich bricht das Roß zusammen,
Röchelnd, mit erloschnem Blick.
Ungesäumt, auf eignen Füßen,
Eilt er, seine Stadt zu grüßen,
Die sich fern am Himmelsrand
Blendend hebt im Sonnenbrand.
[Illustration]
Mut! Nur Mut! -- er will ermatten.
Seine Sehnen schwellen an.
Nirgends Kühlung, nirgends Schatten
Auf der staubverwehten Bahn.
„Schütze, Göttin, deinen Boten,
Ruf ihn nicht ins Reich der Toten,
Eh Athen die Kunde weiß:
Unser ist der Siegespreis!“
[Illustration]
Von der stolzgetürmten Mauer
Hat ihn schon das Volk gesehn.
Hohe, heil’ge Wonneschauer
Fühlt er durch die Seele wehn.
Auf das Herz gepreßt die Linke,
Mit dem Lorbeer freud’ge Winke:
„Sieg!“ Ein heller Jubelschrei.
„Sieg!“ -- Er stürzt. -- Es ist vorbei.
Alice von Gaudy
Der junge Themistokles
In Athens gepriesnen Hallen saßen Jünglinge beim Mahl --
Blut der Syrakuser Traube rötete den Goldpokal.
Wie den Becher überwallend schäumend stieg die Purpurflut --
So aus jeder Wange sprühte Lebensfülle, Jugendmut.
Ob man hier von Rosen-Jungfraun -- dort vom Vaterlande sprach
Oder siegend hier die Wahrheit aus des Sehers Lippen brach:
So gewannst du über alle, Himmelstochter, doch den Sieg,
Freude, die mit goldnem Flügel vom Olympos niederstieg.
Einen hast du nicht bezwungen, Siegerin, der lächelt nicht --
Ernst wie Pallas’ Götterauge blickt sein stolzes Angesicht.
Weit entrückt hat seine Seele sich der Gäste munterm Schwarm --
Quält nach Ruhm ihn heißes Schmachten, peinigt ihn der Liebe Harm?
Und des Gastmahls junger König nimmt ein Lautenspiel zur Hand --
Prüft den Ton mit leichtem Finger, bis er sich den rechten fand --
Hebet an ein Lied zu singen, singt mit süßer Stimme Ton,
Wie der Thraker herzbesiegend, schmeichelnd wie Anakreon.
Reicht dem Nächsten dann die Laute, und auch der hat sie gestimmt
Und gesungen, daß ein jeglich Herz in Lust und Wonne schwimmt.
Und von Hand zu Hand ging weiter so die Laute durch die Reihn,
Jeder sang von Lieb und Rosen, Frühling, Vaterland und Wein.
Als sie nun zu dem gekommen, der so finster sitzt und schweigt,
Hat er schweigend sie empfangen, schweigend weiter sie gereicht.
Und es höhnten ihn die andern, sprachen: „Nicht dem frohen Kreis
Nahe sich, wer zu der Laute nicht ein Lied zu singen weiß!“
Und errötend sprach der Jüngling: „Lieder singen lernt’ ich nie --
Aber nennt zu Hellas’ Ehre eine Tat -- ich leiste sie!“
Weiter wanderte die Laute, und als unter Phöbos’ Joch
Längst die Himmelsrosse flogen, klangen hell die Lieder noch.
Und wer waren jene Sänger? -- Ihre Namen hört ich nicht;
Gleich den Rosen ihres Festes welkten sie im Morgenlicht.
Willst du wissen, wie der Jüngling, der nicht singen konnte, hieß?
Durch Äonen trägt ihm brausend der Gesang von Salamis!
Karl von Alsen
Salamis
Schmücket die Schiffe mit Persertrophän,
Lasset die purpurnen Segel sich blähn!
Efeu umflattert die Masten und fliegt,
Evoe, der mächtige Feind ist besiegt!
Wir zerbrachen, o Meer, wir zerbrachen das Band,
Das der persische Fürst um den Nacken dir wand,
Du entrollst nun befreit, dich erbittert nicht mehr
Das verhaßte Gestampf von den Rossen, die schwer
Dein wogender Bug,
Dein brückengefesselter Zorn ertrug.
Das Verhängnis kam über Xerxes und stieg
Aus den Wellen empor zum hellenischen Sieg.
Dem Tyrannen, dem Herrn, der in Willkür thront,
Nicht erlag ihm das Volk, das am Meerstrand wohnt;
Denn es stählte der Alte, der Herrscher der Flut,
Mit unendlichem Mut
Sein geliebtes Geschlecht für die Seeschlacht.
Rings jetzt, wo entzückter die Woge vernimmt
Ein ionisches Lied, da erbraust sie und stimmt
In den Päan mit ein, es erblühn, es erblühn
Nach den herrlichen Mühn
Dithyrambische Tage der Freiheit.
Hermann Lingg
Themistokles in Olympia
Themistokles, der Held von Salamis,
Als er vom Perserjoch sein Volk befreit,
Und an Olympias geweihtem Sitz
Zum ersten Male nach vertobtem Krieg
Den heil’gen Spielen wieder zugeschaut,
Die stolzer Griechenland noch nie beging:
Erkannt von allen Gästen saß er da,
Und kein hellenisch Auge wandte sich
Den ganzen Tag hindurch von ihm hinweg
Den heißen Kämpfern in der Ringbahn zu,
So rühmlich um den Kranz auch jeder stritt.
Nur ihn als Sieger staunten rings sie an,
Denn Aller Beifall stieg zu ihm empor.
Er aber nahm ihn wohlgefällig auf
Und sprach vernehmbar laut das fromme Wort:
„Die Götter schenkten heut als Ernte mir
Die Frucht der schweren Arbeit, die ich tat.“
Martin Greif
Ein Dichter in der Schlacht von Salamis
Die Drachen, die so arg gedräuet,
Die Perserschiffe sind zerstreuet,
Versenkt, vernichtet -- Hellas frei
Vom Joche fremder Tyrannei,
Die ruhmgekrönten Kämpfer bringen
Den Göttern dar ein festlich Spiel
Und heil’ge Opfer; Lieder klingen
Und Wagen donnern an das Ziel.
Wer ragt hervor dort aus der Menge,
Die Züge schön, doch ernst und strenge?
Der grüne Lorbeer schmückt ihn sehr,
Die frische Wunde schmückt ihn mehr;
Ein Dichter ist es, doch die Waffen
Ergriff er auf des Landes Ruf;
Ein Held kann Heldenbilder schaffen
Wie +Äschylus+, der Bücher schuf
[Illustration]
Sein Auge folgt mit Wohlgefallen
Dem schönsten von den Knaben allen,
Die zierlich, mit gelenken Knien,
Im Chore den Altar umziehn.
Ahnt wohl der Mann mit innrer Wonne
-- Von Neid sind solche Seelen frei --
Daß, der da schwebt, die neue Sonne,
Daß +Sophokles+ der Knabe sei!
Zur selben Stunde, wie wir lesen,
War eines Sohns ein Weib genesen;
Der Vater hebt ihn auf und spricht:
„Dich grüßt der Freiheit Morgenlicht.
Mut, teures Weib! Wir alle haben
Nun hinter uns die Zeit des Wehs.
Die Götter segnen meinen Knaben!“
-- Das Kindlein war +Euripides+.
Ja, wenn die Götter einmal segnen,
Dann strömt es, wie wenn Wolken regnen
Im Wetter, überschwenglich auch;
Nichts halb zu tun ist Götterbrauch.
Sieg, Freiheit, Ruhm -- für künft’ge Tage
Voll Glanz ein dreifach Unterpfand.
Das war -- wer hält ihm denn die Wage? --
Der schönste Tag von Griechenland.
Wilhelm Fischer
Grab des Themistokles
Wo am zackigen Fels das Gewog sich brandend emporbäumt,
Senkten die Freunde bei Nacht heimlich Themistokles’ Leib
In heimatlichen Grund. Festgaben und Totengeschenke
Brachten sie dar, und es floß reichlich die Spende des Weins.
Aber den Zorn des verblendeten Volks kleinmütig befürchtend,
Stahlen sie leise sich heim, ehe die Dämmrung erschien.
Denksteinlos nun schlummert der Held. Doch drüben im Spätrot
Ragt ihm, ein ewiges Mal, Salamis’ Felsengestad.
Emanuel Geibel
Historischer Adelsklub
Zu seinem Bruder Pluto sandte Zeus:
„Entbiete mir zu meinem Namensfest
Auf den Olymp die großen Toten sämtlich;
Unsterbliches Verdienst ist auch ein Adel.“
Klein war der Saal, erlesen die Gesellschaft.
Als Schibboleth anstatt der Wappenschilder
Diente das Antlitz. Nämlich alle wiesen,
Ob noch so uneins an Profil und Ausdruck,
Doch ein gemeinsam Muttermal im Antlitz,
Das Muttermal des Mutes und der Wahrheit.
Da tat sich auf die Tür, und feierlich
Mit hohepriesterlichem Schritt, die Toga
In wichtigen Falten um die Brust geworfen,
Die Stirn bekränzt, das Lockenhaar gescheitelt,
Erschien ein Gast, den hohen Göttern ähnlich.
Befremden lähmte die Versammlung. Hera,
Die Brauen zuckend, biß sich auf die Lippen.
Zeus aber, freundlich vor den Fremdling tretend:
„Fürwahr, es tut mir leid, ein Mißverständnis --“
Dann wettert er zu Pluto: „Ohne Spaß,
Mein lieber Bruder, ernstlich, solche Possen
Verbitt ich mir.“ „Wieso? Das war der große --“
Mit heftiger Stimme unterbrach ihn Zeus:
„Ein feierlicher Kerl ist niemals groß.
Behalte das und merk dir’s für die Zukunft.“
Carl Spitteler
Die gefesselten Musen
Es herrscht ein König irgendwo
In Dazien oder Thrazien,
Den suchten einst die Musen heim,
Die Musen mit den Grazien.
Statt milden Nektars Rebenblut
Geruhten sie zu nippen,
Die Seele des Barbaren hing
An ihren sel’gen Lippen.
Erst sang ein jedes Himmelskind
Im Tone, der ihm eigen,
Dann schritt der ganze Chor im Takt
Und trat den blühnden Reigen.
Der König klatschte: „Morgen will
Ich wieder euch bestaunen!“
Die Musen schüttelten das Haupt:
„Das hangt an unsern Launen.“
„An euern Launen? ...“ Der Despot
Begann zu schmähn und lästern.
„Ihr Knechte,“ schrie er, „Fesseln her!“
Und fesselte die Schwestern.
Der König wacht, um Mitternacht
Vernahm er leises Schreiten,
Geflüster: „Seid ihr alle da?“
Und Schüttern zarter Saiten.
Er fuhr empor. „Den hellen Chor
Ergreift, getreue Wächter!“
Die Schergen griffen in die Luft
Und silbern klang Gelächter.
Am Morgen war der Kerker leer,
Der Reigen über die Grenze --
Drin hingen statt der Ketten schwer
Zerrissne Blumenkränze.
Conr. Ferd. Meyer
Der trunkene Gott
Weiße Marmorstufen steigen
Durch der Gärten laub’ge Nacht,
Schlanke Palmenfächer neigen
In des Himmels blaue Pracht.
Über Tempeln, Hainen, Grüften
Zecht in abendweichen Lüften
Alexanders Lieblingsschar;
Knieend bietet ihm ein Knabe,
Daß der Erde Herr sich labe,
Wein in edler Schale dar.
[Illustration]
Herrlich ist’s, den Wein zu schlürfen,
Lagernd in der Götter Rat,
Zwischen schwelgenden Entwürfen
Und der wundergleichen Tat!
Goldne Becher überquellen,
Ruhmesgeister mit den hellen
Helmen tauchen aus der Flut --
Goldne Schalen überschäumen,
Geister, die gebunden träumen,
Steigen auf in Zornesglut.
Kleitos neben Philipps Sohne
Furcht die Stirne kummervoll,
Der benarbte Macedone
Schlürft im Weine Gram und Groll:
Er gedenkt der Heergenossen,
Die die erste Phalanx schlossen
In den Bergen kühl und fern.
Seinen dunkeln Mut zu kränken,
Lüstet es den schönen Schenken,
Lagernd an dem Knie des Herrn.
Die erhabne Stirn und Braue
Träumt den Zug ins Inderland,
Lauschend liest den Traum das schlaue
Kind, den Blick emporgewandt:
„Bacchus bist du, der belaubte,
Mit dem schwärmerischen Haupte,
Der ins Land der Sonne zieht!
Ohne Heer kannst du bezwingen,
Nur den Thyrsus darfst du schwingen,
Winke nur, und Indien kniet!“
Finster grollt der alte Streiter:
„Durch der Wüste heißen Sand?
Immer ferner, immer weiter?
Nach des Indus Fabelstrand?
Kann ein Wink dir Sieg erwerben,
Warum bluten, warum sterben
Wir für dich? Zu deinem Spott?
Lebende kannst du belohnen,
Deine toten Macedonen,
Wecke sie, bist du ein Gott!“ --
„Welchen dampfenden Altares
Freust du auf der Erde dich?
Bist du die Gewalt des Ares,
Helmumflattert, fürchterlich?
Herr, bevor den niedern Talen
Du dich nahtest ohne Strahlen,
Welches war dein himmlisch Amt?
Bist du Zeus? Bist du ein andrer?
Bist du Helios, der Wandrer
Dessen Stirne sonnig flammt?“
Grimmig neigt der graue Fechter
Sich zum Ohr des Gottes hin,
Mit unseligem Gelächter
Rührt er an der Schulter ihn:
„Gast des Himmels, warum sinken
Haupt und Schulter dir zur Linken?[*]
Lastet dir der Erde Raub?
Mit den Göttern willst du zechen?
Spotten hör ich dein Gebrechen:
Alexander, du bist Staub!“
Eine zürnende Gebärde!
Blitz und Sturz! Ein Gott in Wut!
Ein Erdolchter an der Erde
Windet sich in seinem Blut ...
In den Abendlüften Schauer,
Ein verhülltes Haupt in Trauer,
Ausgerast und ausgerollt!
Marmorgleich versteinte Zecher
Und ein herrenloser Becher,
Der hinab die Stufen rollt.
Conr. Ferd. Meyer
[*] Alexander war schief, seine rechte Schulter etwas höher als die
schwächere linke.
Ist’s ein Narr bloß? Ist’s ein Weiser?
Ist’s ein Narr bloß? Ist’s ein Weiser?
Dreißig Jahre eingeschlossen,
Sitzt er schon in dunkler Klause.
Selbst erforschen will’s der Kaiser,
Und vom höchsten Glanz umflossen
Naht er sich dem öden Hause.
Auf der Erde hingekauert
Liegt der Blöde und betrachtet
Sich den Gast mit stolzen Mienen.
Alles fühlt sich fremd durchschauert,
Daß ein Bettler den verachtet,
Dem der Erde Völker dienen.
„Sollte mich der Greis nicht kennen?“ --
Ruft der Kaiser -- „Doch ich staune,
Drüben steht ja meine Büste!
Nein, ich brauch mich nicht zu nennen,
Denn ihm wehrt nur tück’sche Laune,
Mich zu ehren, wie er müßte.
[Illustration]
Was ihn treibt, wer könnt es sagen?
Wär es Stolz, so müßt ich’s rächen,
Doch es will mir Wahnsinn scheinen.
Um die Zukunft wollt ich fragen,
Aber statt mit dem zu sprechen,
Such ich Weisheit bei den Steinen.“
Doch, sowie das Wort gefallen,
Hat der Blöde sich erhoben
Und nach seinem Stab gegriffen.
Seine langen Locken wallen,
Wie zum Rock um ihn verwoben,
Und sein Stab ist scharf geschliffen.
Vor des Kaisers Büste tretend,
Schlägt er ihr vom Haupt die Krone,
Und in Stücke fällt sie nieder,
Bohrt ihr dann, wie Disteln jätend,
Noch die Augen aus zum Hohne,
Jauchzt und tanzt und legt sich wieder.
Alles sieht ihm zu mit Grauen,
Dennoch zwingt man sich zum Lachen,
Und des Kaisers Bruder flüstert:
„Ich genieße dein Vertrauen,
Laß mein Schwert nur fürder wachen,
Und dein Stern wird nie verdüstert.“
Aber eh der Tag noch endet,
Steigt, der schmeichelnd so gesprochen,
Selber auf den Thron der Griechen,
Und der Kaiser liegt geblendet,
Wo die Totenwürmer pochen
Und die gift’gen Molche kriechen.
Friedrich Hebbel
Der Ring des Polykrates
Er stand auf seines Daches Zinnen,
Er schaute mit vergnügten Sinnen
Auf das beherrschte Samos hin.
„Dies alles ist mir untertänig,“
Begann er zu Ägyptens König,
„Gestehe, daß ich glücklich bin.“ --
„Du hast der Götter Gunst erfahren!
Die vormals deinesgleichen waren,
Sie zwingt jetzt deines Zepters Macht.
Doch einer lebt noch, sie zu rächen;
Dich kann mein Mund nicht glücklich sprechen,
Solang des Feindes Auge wacht.“ --
Und eh der König noch geendet,
Da stellt sich, von Milet gesendet,
Ein Bote dem Tyrannen dar:
„Laß, Herr, des Opfers Düfte steigen,
Und mit des Lorbeers muntern Zweigen
Bekränze dir dein festlich Haar!
Getroffen sank dein Feind vom Speere,
Mich sendet mit der frohen Märe
Dein treuer Feldherr Polydor --“
Und nimmt aus einem schwarzen Becken,
Noch blutig, zu der beiden Schrecken,
Ein wohlbekanntes Haupt hervor.
Der König tritt zurück mit Grauen.
„Doch warn ich dich, dem Glück zu trauen,“
Versetzt er mit besorgtem Blick.
„Bedenk, auf ungetreuen Wellen --
Wie leicht kann sie der Sturm zerschellen --
Schwimmt deiner Flotte zweifelnd Glück.“
Und eh er noch das Wort gesprochen,
Hat ihn der Jubel unterbrochen,
Der von der Reede jauchzend schallt.
Mit fremden Schätzen reich beladen,
Kehrt zu den heimischen Gestaden
Der Schiffe mastenreicher Wald.
Der königliche Gast erstaunet:
„Dein Glück ist heute gut gelaunet,
Doch fürchte seinen Unbestand.
Der Kreter waffenkund’ge Scharen
Bedräuen dich mit Kriegsgefahren;
Schon nahe sind sie diesem Strand.“
Und eh ihm noch das Wort entfallen,
Da sieht man’s von den Schiffen wallen,
Und tausend Stimmen rufen: „Sieg!
Von Feindesnot sind wir befreiet,
Die Kreter hat der Sturm zerstreuet,
Vorbei, geendet ist der Krieg!“
Das hört der Gastfreund mit Entsetzen.
„Fürwahr, ich muß dich glücklich schätzen!
Doch,“ spricht er, „zittr ich für dein Heil.
Mir grauet vor der Götter Neide:
Des Lebens ungemischte Freude
Ward keinem Irdischen zuteil.
Auch mir ist alles wohl geraten.
Bei allen meinen Herrschertaten
Begleitet mich des Himmels Huld;
Doch hatt’ ich einen teuren Erben,
Den nahm mir Gott, ich sah ihn sterben,
Dem Glück bezahlt ich meine Schuld.
Drum, willst du dich vor Leid bewahren,
So flehe zu den Unsichtbaren,
Daß sie zum Glück den Schmerz verleihn.
Noch keinen sah ich fröhlich enden,
Auf den mit immer vollen Händen
Die Götter ihre Gaben streun.
Und wenn’s die Götter nicht gewähren,
So acht auf eines Freundes Lehren
Und rufe selbst das Unglück her;
Und was von allen deinen Schätzen
Dein Herz am höchsten mag ergötzen,
Das nimm und wirf’s in dieses Meer!“
Und jener spricht, von Furcht beweget:
„Von allem, was die Insel heget,
Ist dieser Ring mein höchstes Gut.
Ihn will ich den Erinnyen weihen,
Ob sie mein Glück mir dann verzeihen.“
Und wirft das Kleinod in die Flut.
Und bei des nächsten Morgens Lichte,
Da tritt mit fröhlichem Gesichte
Ein Fischer vor den Fürsten hin:
„Herr, diesen Fisch hab ich gefangen,
Wie keiner noch ins Netz gegangen,
Dir zum Geschenke bring ich ihn.“
Und als der Koch den Fisch zerteilet,
Kommt er bestürzt herbeigeeilet
Und ruft mit hocherstauntem Blick:
„Sieh, Herr, den Ring, den du getragen:
Ihn fand ich in des Fisches Magen,
O, ohne Grenzen ist dein Glück!“
Hier wendet sich der Gast mit Grausen:
„So kann ich hier nicht ferner hausen,
Mein Freund kannst du nicht weiter sein;
Die Götter wollen dein Verderben;
Fort eil ich, nicht mit dir zu sterben.“
Und sprach’s und schiffte schnell sich ein.
Friedrich von Schiller
Der befreite Prometheus