Der deutsche Spielmann
+Eine Auswahl+ aus dem +Schatze deutscher Dichtung+
für Jugend und Volk
Herausgegeben von Dr. Ernst Weber
[Illustration]
Hellas
Griechisches Leben und altklassischer
Geist in deutscher Wiedergeburt
Zweite, veränderte Auflage
[Illustration]
+München 1925+
Georg D. W. Callwey + Verlag des deutschen Spielmanns
Druck von Kastner & Callwey in München
Inhalt
Seite
Geleitspruch des deutschen Spielmanns 3
Hyperions Schicksalslied (Hölderlin) 4
Iphigeniens Parzenlied (Goethe) 5
Prometheus (Goethe) 6
Aus der Iliade:
Hektor und Andromache (Grimm) 8
Hektors Abschied (Schiller) 14
Hektors Tod (Voß) 16
Aus der „Penthesilea“:
Achills Tod (Kleist) 25
Aus der Odyssee:
Odysseus und Polyphem (Richter) 34
Nächtliche Fahrt (Meyer) 42
Die sterbende Meduse (Meyer) 45
Griechische Spiele (Pfizer) 46
Die Mutter des Siegers (Heyse) 48
Die Kraniche des Ibykus (Schiller) 52
Der Sieger (Salus) 59
Tod des Perikles (Greif) 60
Der Bote von Marathon (Gaudy) 62
Der junge Themistokles (Alsen) 66
Salamis (Lingg) 67
Themistokles in Olympia (Greif) 68
Ein Dichter in der Schlacht von Salamis (Fischer) 68
Grab des Themistokles (Geibel) 70
Historischer Adelsklub (Spitteler) 71
Die gefesselten Musen (Meyer) 71
Der trunkene Gott (Meyer) 72
Ist’s ein Narr bloß? Ist’s ein Weiser? (Hebbel) 75
Der Ring des Polykrates (Schiller) 77
Der befreite Prometheus (Dehmel) 80
Alexander Ypsilanti auf Munkacs (Müller) 86
Aus dem „Abschied von Griechenland“ (Vierordt) 87
[Illustration]
Hellas! -- Aus abgrundtiefem Meer
Hebt sich ein sonnbeglänzter Strand.
Blauseiden spannt sich’s drüber her --
So schaut ich dich, mein Griechenland.
Und hohe Tempel sah ich stehn
Auf schlanken Säulen, weit und licht,
Und Götter, stolz und marmorschön,
Mit reinem Menschenangesicht.
Du Volk der Schönheit, sei gegrüßt,
Gegrüßt mir auf Olympias Flur!
Aus deines Lebens Quelle fließt
Auch Deutschlands edelste Kultur.
Was deine Heldenschar erstritt,
Was deiner Künstler schönster Traum,
Die deutsche Jugend lebt es mit
Noch heut, vergessend Zeit und Raum.
Und deutsche Dichter schufen neu
Die alte Griechenherrlichkeit
Und gaben ihre Melodei
Dem längstverrauschten Völkerstreit,
Und zeigten, wie im heitern Spiel
Des Griechen dunkler Ernst gebot,
Wie ihn ein stolzes Hochgefühl
Ließ lachend schreiten in den Tod.
Nicht was aus fremdem Idiom
Die scharfgeschliffne Brille liest,
Nur was als frischer Lebensstrom
Durch deutsche Dichteradern fließt,
Was wieder Blut von unserm Blut
Und Geist von unserm Geiste ward:
Das weckt aufs neu den Tatenmut
Und lockt die stammverwandte Art.
Wer finden will hellenisch Land
Und griechisch Leben möcht verstehn,
Dem reicht der Spielmann heut die Hand
Und lehrt mit Dichteraugen sehn,
Mit Dichteraugen groß und weit,
Durchdringend der Geschichte Dunst --
Denn lebenswarme Wirklichkeit
Wird Hellas nur im Reich der Kunst.
Der deutsche Spielmann
Hyperions Schicksalslied
Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.
Schicksallos, wie der schlafende
Säugling, atmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seligen Augen
Blicken in stiller
Ewiger Klarheit.
Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahrlang ins Ungewisse hinab.
Christ. Friedr. Hölderlin
Iphigeniens Parzenlied
„Es fürchte die Götter
Das Menschengeschlecht!
Sie halten die Herrschaft
In ewigen Händen
Und können sie brauchen,
Wie’s ihnen gefällt.
Der fürchte sie doppelt,
Den je sie erheben!
Auf Klippen und Wolken
Sind Stühle bereitet
Und goldene Tische.
Erhebet ein Zwist sich,
So stürzen die Gäste,
Geschmäht und geschändet,
In nächtliche Tiefen,
Und harren vergebens,
Im Finstern gebunden,
Gerechten Gerichtes.
Sie aber, sie bleiben
In ewigen Festen
An goldenen Tischen.
Sie schreiten vom Berge
Zu Bergen hinüber;
Aus Schlünden der Tiefe
Dampft ihnen der Atem
Erstickter Titanen,
Gleich Opfergerüchen,
Ein leichtes Gewölke.
Es wenden die Herrscher
Ihr segnendes Auge
Von ganzen Geschlechtern,
Und meiden, im Enkel
Die ehemals geliebten
Still redenden Züge
Des Ahnherrn zu sehn.“
So sangen die Parzen;
Es horcht der Verbannte
In nächtlichen Höhlen,
Der Alte, die Lieder.
Denkt Kinder und Enkel,
Und schüttelt das Haupt.
Wolfgang von Goethe
Prometheus
Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst
Und übe, dem Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn!
Mußt mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.
Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonne, als euch, Götter!
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät,
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.
Da ich ein Kind war,
Nicht wußte, wo aus noch ein,
Kehrt ich mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr, zu hören meine Klage,
Ein Herz, wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.
Wer half mir
Wider der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz,
Und glühtest jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden da droben?
Ich dich ehren, wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängstigten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herrn und deine?
Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehen,
Weil nicht alle
Blütenträume reiften?
Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, zu weinen,
Zu genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich.
Wolfgang von Goethe
Aus der Iliade
Hektor und Andromache
Aber Hektor fand in den Gemächern
Nirgends Andromache. Denn sie stand mit dem Kinde
Noch auf dem Turm und jammerte dort und weinte,
Und als er nirgends im Hause seine Frau
Antraf, trat er unter die Türe des Hauses:
„Mädchen, sagt mir die Wahrheit rasch: wohin
Ist sie gegangen, Andromache? Ging sie etwa
Zu ihren Schwägern oder den Schwägerinnen?
Oder betet sie mit den andern Fraun,
Um die furchtbare Göttin, die uns zürnt,
Dort mit Bitten und Flehen zu versöhnen?“
Doch des Hauses Schaffnerin sagte darauf:
„Da du die Wahrheit befiehlst, so höre denn:
Nicht zu den Schwägern oder Schwägerinnen,
Noch zum Tempel Athenes ist sie gegangen,
Nein, auf dem Turme steht sie, denn sie erfuhr,
Daß die Achäer siegreich seien, da lief sie,
Und das Mädchen folgte ihr, das das Kind trägt.“
[Illustration]
Aber Hektor eilte denselben Weg
Wieder zurück, den er kam, die Straße hinunter,
Bis zum Tor, wo der Weg hinaus ins Feld führt.
Dort kam laufend Andromache ihm entgegen,
Seine teure Gemahlin, Eëtions Tochter,
Der in Thebe, am Fuße des waldigen Plakos,
Über Kilikiens Männer herrschte: dessen
Tochter gewann einst Hektor, und die traf er
Jetzt am skäischen Tore samt der Dienerin,
Mit dem Kind an der Brust, dem lieben Kinde.
Dem unmündigen Sohn, den sein Vater selbst
Gern Skamandrios nannte: aber die andern
Riefen ihn Astyanax, weil Hektor allein doch
Troja hielt und beschützte.
Und er lächelte schweigend über dem Kinde,
Und Andromache stand an seiner Seite,
Weinend griff sie nach seiner Hand und sagte:
„Dich wird dein Mut noch verderben! Und dich jammert
Nicht deines Kinds, des Würmchens, nicht deiner Frau,
Die bald nun deine arme Witwe sein wird?
Denn dich töten bald nun die Achäer,
Alle gegen dich Einen! Doch mir wäre
Ohne dich wohler zu sterben! Mir bleibt ja
Nichts mehr, das mich tröstete, wenn du hinsinkst.
Vater und Mutter hab ich nicht mehr. Den Vater
Tötet’ Achilleus, als er das hochgetürmte
Thebe zerstörte. Doch er beraubte ihn nicht:
Ehrfurchtsvoll verbrannt er ihn mit der Rüstung,
Und einen Hügel schüttet’ er über ihm auf,
Und die Nymphen, die das Gebirg bewohnen,
Pflanzten Ulmen umher. Sieben Brüder hatt’ ich:
Alle opfert’ Achill an jenem Tage
Unter Stieren und Schafen. Aber die Mutter
Führt’ er hinweg ins Lager und gab sie frei,
Als ihm Lösung geboten ward; aber Diana
Hat sie mit ihren Pfeilen dann getötet.
Du bist Vater und Mutter mir! Du mein Bruder!
Du mein Gemahl! Erbarme dich und bleib bei mir!
Laß dein Kind nicht verwaisen! Nicht dein Weib
Alles verlieren! Stelle am Feigenbaum
Dort das Volk auf, wo der Weg zur Stadt
Leicht ist und die Mauer dem Angriff freisteht.
Dreimal stürmten die Griechen da schon herauf,
Sei’s, daß ihnen ein Seher den Weg verriet,
Oder daß sie der eigne Mut zum Sturm trieb.“
„Liebe Frau, das weiß ich so gut wie du.
Aber die Scham vor den Männern und Weibern Trojas
Treibt mich hinab: ich darf nicht feige erscheinen.
Auch der eigne Mut zwingt mich, zu kämpfen.
Nur das hab ich gelernt: an der Spitze des Heeres
Ruhm für den Vater und für mich zu erwerben.
Denn das weiß ich, und tief im Herzen empfind ich’s:
Einst wird ein Tag sein, wo das heilige Troja
Sinkt und Priamos und Priamos’ Volk!
Und nicht bewegt mich der Trojaner Elend
Und der Sturz des Königs und meiner Mutter
Und der Brüder und all der Tapfern, die
Unter den Feinden dann im Staube liegen,
So wie dein Elend mich kümmert, das dann einbricht,
Wenn von den griechischen erzbepanzerten Männern
Einer dich packt, an der Freiheit letztem Tage,
Die du in Argos dann am fremden Webstuhl
Sitzest, oder gezwungen und widerstrebend
Wasser holst an der Quelle Messeis oder
Hyperia! Und einer, der dich da
Tränenvoll sieht bei der Arbeit, sagt vielleicht:
»Das ist Hektors Weib, der so tapfer war,
Als um die Stadt der Troer so hart gekämpft ward.«
Das wird er sagen vielleicht und dich mit neuem
Jammer erfüllen und Sehnsucht. Doch ich liege
Längst im Dunkel der Erde und höre
Nicht, wie du schreist, und sehe nicht, wie sie dich fortziehn.“
Und so sprechend griff nach seinem Kinde
Hektor; aber das warf sich schreiend herum
Und an die Brust des Mädchens: denn seines Vaters
Nickender Helmbusch und Panzer schreckten es.
Und sein lieber Vater und seine Mutter
Lachten, und Hektor nahm den glänzenden Helm ab,
Setzte ihn neben sich nieder, küßte sein Kind,
Tänzelte es mit beiden Händen und rief,
Auf zu Zeus und den andern Göttern betend:
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„Zeus und ihr Götter alle! Laßt dies Kind
Gleich mir unter den Troern einst voranstehn!
Tapfer sein und über Ilion herrschen,
Daß die Sage einmal im Volke gehe:
Größer noch als sein Vater, wenn er vom Kampfe
Heimkehrt, ist er, wenn er die blutbespritzten
Köstlichen Waffen seiner Feinde heimbringt,
Und seine Mutter aufjauchzt!“ Also sprechend,
Legt er das Kind in seiner Mutter Arme,
Und sie nahm es an ihre atmende Brust,
Lächelnd unter Tränen. Und ihn, das sehend,
Jammert es, und er sprach: „Geliebte, laß
Nicht zu sehr die Dinge dein Herz belasten.
Nur was geschehen soll, geschieht: mich tötet keiner,
Dem nicht das ewige Schicksal den Befehl gab,
Doch dem Geschick zu entfliehn, ist keinem beschieden.
Weder der Gute noch der Böse entflieht ihm,
Denn es waltet von Anfang an. Deshalb
Geh du nach Hause und sieh nach deiner Wirtschaft,
Spindel und Webstuhl besorg und halte die Mägde an,
Fleißig zu sein. Den troischen Männern aber
Liege der Kampf am Herzen und mir zumeist,
Ilions Söhnen und allen.“ Und er setzte
Wieder den Helm auf. Doch seine liebe Frau
Machte sich auf nach Hause. Oftmals stand sie
Still und sah sich um nach ihm und weinte.
Und zu Hause, als die Mägde sie sahen,
Weinten und jammerten sie, und Hektor war
Doch noch am Leben! Aber es glaubte keine,
Daß er jemals wieder nach Hause käme.
Hermann Grimm
Hektors Abschied
Andromache:
Will sich Hektor ewig von mir wenden,
Wo Achill mit den unnahbarn Händen
Dem Patroklus schrecklich Opfer bringt?
Wer wird künftig deinen Kleinen lehren
Speere werfen und die Götter ehren,
Wenn der finstre Orkus dich verschlingt?
Hektor:
Teures Weib, gebiete deinen Tränen!
Nach der Feldschlacht ist mein feurig Sehnen,
Diese Arme schützen Pergamus,
Kämpfend für den heilgen Herd der Götter
Fall ich und, des Vaterlands Retter,
Steig ich nieder zu dem styg’schen Fluß.
Andromache:
Nimmer lausch ich deiner Waffen Schalle,
Müßig liegt dein Eisen in der Halle,
Priams großer Heldenstamm verdirbt.
Du wirst hingehn, wo kein Tag mehr scheinet,
Der Cocytus durch die Wüsten weinet,
Deine Liebe in dem Lethe stirbt.
Hektor:
All mein Sehnen will ich, all mein Denken
In des Lethe stillen Strom versenken,
Aber meine Liebe nicht.
Horch! Der Wilde tobt schon an den Mauern,
Gürte mir das Schwert um, laß das Trauern!
Hektors Liebe stirbt im Lethe nicht.
Friedr. v. Schiller
[Illustration]
Hektors Tod
Also weineten beide, den trautesten Sohn anflehend,
Laut mit Geschrei; doch nicht war Hektors Geist zu bewegen;
Nein, er erharrt Achilleus, des Ungeheuren, Herannahn.
So wie ein Drach im Gebirge den Mann erharrt an der Felskluft,
Statt des giftigen Krauts, und erfüllt von heftigem Zorne;
Gräßlich schaut er umher, in Ringel gedreht um die Felskluft;
So unbändigen Mutes verweilt auch Hektor und wich nicht,
Lehnend den hellen Schild an des Turms vorragende Mauer;
Unmutvoll nun sprach er zu seiner erhabenen Seele:
„Wehe mir! Wollt ich anjetzt in Tor und Mauer hineingehn,
Würde Polydamas gleich mit kränkendem Hohn mich belasten,
Welcher mir riet, in die Veste das Heer der Troer zu führen;
Vor der verderblichen Nacht, da erstand der edle Achilleus.
Aber ich hörete nicht; wie heilsam hätt ich gehöret!
Jetzo, nachdem ich verderbte das Volk durch meine Betörung,
Scheu ich Trojas Männer und saumnachschleppende Weiber,
Daß nicht einst mir sage der Schlechtern einer umher wo:
»Hektor verderbte das Volk, auf eigene Stärke vertrauend!«
Also spricht man hinfort; doch mir weit heilsamer wär es:
Mutig entweder mit Sieg von Achilleus Morde zu kehren,
Oder auch selbst ihm zu fallen im rühmlichen Kampf vor der Mauer.
Aber legt ich zur Erde den Schild von geründeter Wölbung,
Samt dem gewichtigen Helm, und, den Speer an die Mauer gelehnet,
Eilt ich entgegenzugehn dem tadellosen Achilleus,
Und verhieß ihm Helena selbst und ihre Besitzung,
Alle, so viel Alexandros daher in geräumigen Schiffen
Einst gen Troja geführt, was unseres Streites Beginn war,
Daß er zu Atreus Söhnen es führt; auch dem Volke von Argos
Anderes auszuteilen, wieviel auch heget die Stadt hier;
Und ich nähme darauf von Trojas Fürsten den Eidschwur,
Nichts imgeheim zu entziehn, nein, zwiefach alles zu teilen,
Was auch die liebliche Stadt an Gut in den Wohnungen einschließt: --
Aber warum doch bewegte das Herz mir solche Gedanken?
Laß mich ja nicht flehend ihm nahn! Nein, sonder Erbarmung
Würd er, ohn einige Scheu, mich niederhaun, den Entblößten,
Grad hinweg wie ein Weib, sobald ich der Wehr mich enthüllet.
Jetzo fürwahr nicht gilt es, vom Eichbaum oder vom Felsen
Lange mit ihm zu schwatzen, wie Jungfrau traulich und Jüngling,
Jungfrau traulich und Jüngling zu holdem Geschwätz sich gesellen.
Besser zu feindlichem Kampf an rennen wir! Daß wir in Eile
Sehn, wem etwa von uns der Olympier gönne den Siegesruhm!“
Also erwog er, und blieb. Doch nah ihm wandelt Achilleus,
Ares gleich an Gestalt, dem helmerschütternden Streiter,
Welchem Pelions Esch auf der rechten Schulter entsetzlich
Bebete; aber das Erz umleuchtet’ ihn, ähnlich dem Schimmer
Lodernder Feuersbrunst, und der hell aufgehenden Sonne.
Hektor, sobald er ihn sah, erzitterte: nicht auch vermocht’ er
Dort zu bestehn, und er wandte vom Tore sich, ängstlich entfliehend.
Hinter ihm flog der Peleide, den hurtigen Füßen vertrauend.
So wie ein Falk des Gebirgs, der behendeste aller Gevögel,
Leicht mit gewaltigem Schwung nachstürmt der schüchternen Taube;
Seitwärts schlüpft sie oft: doch nah mit hellem Getön ihr
Schießet er häufig daher, voll heißer Begier zu erhaschen:
So drang jener im Flug gradan; doch es flüchtete Hektor
Längs der troischen Mauer, die hurtigen Kniee bewegend.
Beid an der Warte vorbei und dem wehenden Feigenhügel,
Immer hinweg von der Mauer entflogen sie über den Fahrweg.
Und sie erreichten die zwei schönsprudelnden Quellen, woher sich
Beide Bäch ergießen des wirbelvollen Skamandros.
Eine rinnt beständig mit warmer Flut, und umher ihr
Wallt aufsteigender Dampf, wie der Rauch des brennenden Feuers;
Aber die andere fließt im Sommer auch kalt wie der Hagel.
Oder des Winters Schnee, und gefrorene Schollen des Eises.
Dort sind nahe den Quellen geräumige Gruben der Wäsche,
Schön, aus Steinen gehauen, wo die stattlichen Feiergewande
Trojas Weiber vordem und liebliche Töchter sich wuschen,
Als noch blühte der Fried, eh die Macht der Achaier daherkam.
Hier nun rannten vorbei der Fliehende und der Verfolger.
Vornan floh ein Starker, jedoch ein Stärkerer folgte,
Stürmenden Laufs: denn nicht um ein Weihvieh oder ein Stierfell
Strebten sie, welches man stellt zum Kampfpreis laufender Männer;
Sondern es galt das Leben des gaulbezähmenden Hektor.
So wie zum Siege gewöhnt, um das Ziel starkhufige Rosse
Hurtiger drehen den Lauf; denn es lohnt ein köstlicher Dreifuß,
Oder ein blühendes Weib, am Fest des gestorbenen Herrschers:
Also kreiseten sie dreimal um Priamos Veste
Rasch mit geflügeltem Fuß; und die Ewigen schaueten alle.
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Jetzo begann das Gespräch der Menschen und Ewigen Vater:
„Wehe doch! Einen Geliebten, verfolgt um die Mauer von Troja,
Seh ich dort mit den Augen; und ach, sein jammert mich herzlich,
Hektors, welcher so oft mir Schenkel der Stier auf dem Altar
Zündete, bald auf den Höhen des vielgewundenen Ida,
Bald in der oberen Burg! Nun drängt ihn der edle Achilleus,
Rings um Priamos’ Stadt mit hurtigen Füßen verfolgend.
Aber wohlan, ihr Götter, erwägt im Herzen den Ratschluß,
Ob er der Todesgefahr noch entfliehn soll, oder anitzo
Fallen, wie tapfer er ist, dem Peleionen Achilleus.“
Drauf antwortete Zeus’ blauäugige Tochter Athene:
„Vater mit blendendem Strahl, Schwarzwolkiger, welcherlei Rede!
Einen sterbenden Mann, der bestimmt längst war dem Verhängnis,
Denkst du anitz von des Tods graunvoller Gewalt zu erlösen?
Tu’s; doch nimmer gefällt es dem Rat der anderen Götter!“
Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
„Fasse dich, Tritogeneia, mein Töchterchen! Nicht mit des Herzens
Meinung sprach ich das Wort: ich will dir freundlich gesinnt sein.
Tue, wie dir’s im Herzen genehm ist; nicht so gezaudert.“
Also Zeus und erregte die schon verlangende Göttin;
Stürmenden Schwungs entflog sie den Felsenhöhn des Olympos.
Hektorn drängt’ in die Flucht rastlos der Verfolger Achilleus,
Wie wenn der Sohn des Hirsches der Hund im Gebirge verfolget,
Aufgejagt aus dem Lager, durch windende Tal und Gebüsche;
Ob auch jener sich berg und niederduck in dem Reisig,
Stets noch läuft er umher, der spürende, bis er gefunden:
So barg Hektor umsonst sich dem mutigen Renner Achilleus.
Wenn er auch oft ansetzte, zum hohen dardanischen Tore
Hinzuwenden den Lauf, an der Türm hochragende Schutzwehr,
Ob sie oben vielleicht mit Geschoß ihn verteidigen möchten;
Ebenso oft flog jener zuvor, und wendet ihn abwärts
Nach dem Gefild; er selbst an der Seite der Stadt hinfliegend.
Wie man im Traum machtlos den Fliehenden strebt zu verfolgen;
Nicht hat dieser die Macht zu entfliehn, noch der zu verfolgen.
So konnt er nicht haschen im Lauf, noch enteilete jener.
Doch wie wär itzt Hektor entflohn vor den Keren des Todes,
Wenn nicht einmal noch und zuletzt ihm Föbos Apollon
Nahete, welcher ihm Kraft aufregt und hurtige Schenkel?
Aber dem Volke verbot mit dem Haupt zuwinkend Achilleus,
Nicht ihm daherzuschnellen auf Hektor herbe Geschosse;
Daß kein Treffender raubte den Ruhm, und ein Zweiter er käme.
Als sie nunmehr zum vierten die sprudelnden Quellen erreichet,
Siehe, hervor nun streckte die goldene Wage der Vater,
Legte hinein zwei Lose des langhinbettenden Todes,
Dieses dem Peleionen, und das dem reisigen Hektor.
Faßte die Mitt und wog: Da lastete Hektors Schicksal
Schwer zum Aides hin; es verließ ihn Föbos Apollon.
Doch zu Achilleus kam die Herrscherin Pallas Athene;
Nahe trat sie hinan und sprach die geflügelten Worte:
„Jetzt doch hoff ich gewiß Zeus’ Liebling, edler Achilleus,
Bringen wir großen Ruhm dem Danaervolk zu den Schiffen,
Hektors Kraft austilgend, des unersättlichen Kriegers.
Nun nicht länger vermag er aus unserer Hand zu entrinnen,
Nein, wie sehr auch sich härme der treffende Föbos Apollon,
Hingewälzt vor die Knie des ägiserschütternden Vaters.
Aber wohlan, nun steh und erhole dich; während ich selber
Jenem genaht zurede, dir kühn entgegenzukämpfen.“
Also Pallas Athen’; er gehorcht’ ihr freudigen Herzens,
Stand und ruhte gelehnt auf die erzgerüstete Esche.
Jene verließ ihn dort und erreichte den göttlichen Hektor,
Ganz dem Deiphobos gleich an Wuchs und gewaltiger Stimme;
Nahe trat sie hinan und sprach die geflügelten Worte:
„Ach mein älterer Bruder, wie drängt dich der schnelle Achilleus,
Rings um Priamos Stadt mit hurtigen Füßen verfolgend!
Aber wohlan, hier stehn wir in fest ausharrender Abwehr!“
Ihm antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
„Stets, Deiphobos, warst du zuvor mein trautester Bruder,
Aller, die Priamos zeugt, und Hekabe, unsere Mutter;
Doch nun denk ich noch mehr im Innersten, dich zu ehren,
Daß du um meinetwillen, sobald dein Auge mich wahrnahm,
Dich aus der Mauer gewagt, da andere drinnen beharren.“
Ihm antwortete Zeus’ blauäugige Tochter Athene:
„Bruder, mich bat der Vater mit Flehn und die würdige Mutter,
Die umeinander die Kniee mir rührten, jeder Genoß auch,
Dort zu bleiben: so sehr erbeben sie all in Bestürzung.
Doch mein Herz im Busen durchdrang tiefschmerzender Kummer.
Nun denn grad in Begierd ankämpfen wir! Länger hinfort nicht
Unserer Lanzen geschont! Damit wir sehn, ob Achilleus
Uns in den Staub ausstreckt und blutige Waffen hinabträgt
Zu den gebogenen Schiffen; ob deiner Lanz er dahinsinkt!“
Dieses gesagt, ging jene voran, die täuschende Göttin.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
Jetzo rief er zuerst, der helmumflatterte Hektor:
„Nicht fortan, o Peleid, entflieh ich dir, so wie bis jetzo!
Dreimal umlief ich die Veste des Priamos, nimmer es wagend,
Deiner Gewalt zu beharren; allein nun treibt mich das Herz an,
Fest dir entgegenzustehn, ich töte dich, oder ich falle!
Auf, laß uns zu den Göttern emporschaun, welche die stärksten
Zeugen des Eidschwurs sind, und jegliches Bundes Bewahrer.
Denn ich werde dich nimmer mit Schmach mißhandeln, verleiht mir
Zeus, als Sieger zu stehn und dir die Seele zu rauben:
Sondern nachdem ich entwand dein schönes Geschmeid, o Achilleus,
Geb ich die Leiche zurück an die Danaer. Tue mir Gleiches!“
Finster schaut’ und begann der mutige Renner Achilleus:
„Hektor, du Unsühnbarer, mir nicht von Verträgen geplaudert!
Wie kein Hund die Löwen und Menschenkinder befreundet,
Auch nicht Wölf und Lämmer in Eintracht je sich gesellen,
Sondern bitterer Haß sie ewig trennt voneinander:
So ist nimmer für uns Vereinigung, oder ein Bündnis,
Mich zu befreunden und dich, bis wenigstens einer im Hinsturz
Ares mit Blute getränkt, den unaufhaltsamen Krieger!
Jeglicher Art von Tugend erinnre dich! Jetzo gebührt dir,
Lanzenschwinger zu sein und unerschrockener Krieger!
Nicht mehr kannst du entrinnen; sogleich schafft Pallas Athene,
Daß mein Speer dich bezwingt! Nun büßest du alles auf einmal,
Aller der Meinigen Weh, die du Rasender schlugst mit der Lanze!“
[Illustration]
Sprach’s, und im Schwung entsandt er die weithinschattende Lanze.
Diese jedoch vorschauend vermied der strahlende Hektor;
Denn er sank in die Knie; und es flog der eherne Wurfspieß
über ihn weg in die Erd; ihn begriff und reichte die Göttin
Schnell dem Peleiden zurück, unbemerkt von dem streitbaren Hektor.
Hektor aber begann zu dem tadellosen Achilleus:
„Weit gefehlt! Nein, schwerlich, o göttergleicher Achilleus,
Offenbarete Zeus mein Geschick dir, wie du geredet;
Sondern du warst ein gewandter und hinterlistiger Schwätzer,
Daß ich, vor dir hinbebend, des Muts und der Stärke vergäße.
Nicht mir Fliehenden soll dein Speer den Rücken durchbohren;
Sondern vorn, dem gerad Anstürmenden, stoß in die Brust ihn,
Wenn dir ein Gott es verlieh! Nun aber vermeid auch die Schärfe
Meines Speers! O möchte dein Leib doch ganz ihn empfangen!
Weit ja erträglicher würde der Kampf für die Männer von Troja,
Wenn du sänkst in den Staub; du bist ihr größestes Unheil!“
Sprach’s, und im Schwung entsandt er die weithinschattende Lanze,
Traf, und verfehlete nicht, gerad auf den Schild des Peleiden;
Doch weit prallte vom Schilde der Speer. Da zürnete Hektor,
Daß sein schnelles Geschoß umsonst aus der Hand ihm entflohn war;
Stand und schaute bestürzt; denn es war kein anderer Wurfspieß.
Laut zu Deiphobos drauf, dem weißgeschilderten, ruft er.
Fordernd den ragenden Speer; allein nicht nahe war jener.
Hektor erkannt es anjetzt in seinem Geist, und begann so:
„Wehe mir doch! Nun rufen zum Tode mich wahrlich die Götter!
Denn ich dachte, der Held Deiphobos wolle mir beistehn;
Aber er ist in der Stadt, und es täuschte mich Pallas Athene.
Nun ist nahe der Tod, der schreckliche, nicht mir entfernt noch;
Auch kein Rat, zu entfliehn! Denn ehmals gönnete solches
Zeus, und des Donnerers Sohn, der Treffende, welcher zuvor mich
Stets willfährig geschirmt; nun aber erhascht mich das Schicksal!
Daß nicht arbeitslos in den Staub ich sinke, noch ruhmlos,
Nein, wann ich Großes vollendet, wovon auch Künftige hören!“
Also redete jener und zog das geschliffene Schwert aus,
Welches ihm längs der Hüfte herabhing, groß und gewaltig;
An nun stürmt er gefaßt, wie ein hochherfliegender Adler,
Welcher herab auf die Ebne gesenkt aus nächtlichen Wolken
Raubt den Hasen im Busch, wo er hinduckt, oder ein Lämmlein:
Also stürmete Hektor, das hauende Schwert in der Rechten.
Gegen ihn drang der Peleid, und Wut durchtobte das Herz ihm
Ungestüm: er streckte der Brust den geründeten Schild vor,
Schön und prangend an Kunst; und der Helm, viergipfelig strahlend,
Nickte vom Haupt, und die Mähne des schön gesponnenen Goldes
Flatterte, welche der Gott auf dem Kegel ihm häufig geordnet.
Hell wieder Stern verstrahlet in dämmernder Stunde des Melkens,
Hesperos, der am schönsten erscheint vor den Sternen des Himmels:
Also strahlt es vom Speer, dem geschliffenen, welchen Achilleus
Schwenkt in der rechten Hand, wutvoll dem erhabenen Hektor,
Spähend den schönen Leib, wo die Wund am leichtesten hafte.
Rings zwar sonst umhüllt ihm den Leib die eherne Rüstung,
Blank und schön, die er raubte, die Kraft des Patroklos ermordend;
Nur wo das Schlüsselbein den Hals und die Achsel begrenzet,
Schien die Kehl ihm entblößt die gefährliche Stelle des Lebens:
Dort mit dem Speer anstürmend durchstach ihn der edle Achilleus,
Daß ihm gerad aus dem zarten Genick die Spitze hervordrang.
Doch nicht völlig durchschnitt der eherne Speer ihm die Gurgel,
Daß er noch zu reden vermocht im Wechselgespräche;
Und er sank in den Staub; jetzt rief frohlockend Achilleus;
„Hektor, du glaubtest gewiß, nach geraubter Wehr des Patroklos,
Sicher zu sein, und mich mißachtetest du, den Entfernten.
Törichter! Fern war jenem ein weit machtvollerer Rächer
Bei den gebogenen Schiffen, ich selbst war zurück ihm geblieben,
Der dir die Kniee gelöst! Dich ziehn nun Hund und Gevögel
Schmählich umher; ihn aber bestatteten mit Ruhm die Achaier.“
Wieder begann schwach atmend der helmumflatterte Hektor:
„Dich bei dem Leben beschwör ich, bei deinen Knien und den Eltern,
Laß mich nicht an den Schiffen der Danaer-Hunde zerreißen;
Sondern nimm des Erzes genug und des köstlichen Goldes
Dir zum Geschenk, das der Vater dir beut und die würdige Mutter,
Aber den Leib entsende gen Ilios, daß in der Heimat
Trojas Männer und Fraun des Feuers Ehre mir geben.“
Finster schaut’ und begann der mutige Renner Achilleus:
„Nicht, du Hund, bei den Knien beschwöre mich, noch bei den Eltern!
Daß doch Zorn und Wut mich erbitterte, roh zu verschlingen
Dein zerschnittenes Fleisch, für das Unheil, das du mir brachtest!
Niemand sei, der die Hunde von deinem Haupt dir verscheuche!
Wenn sie auch zehnmal so viel und zwanzigfältige Sühnung,
Hergebracht darwögen, und mehreres noch mir verhießen!
Ja, wenn selber mit Golde dich aufzuwägen geböte
Priamos, Dardanos Sohn, auch so nicht bettet die Mutter
Dich auf Leichengewand und wehklagt, den sie geboren;
Sondern Hund und Gevögel zerreißen dich, ohne Verschonung!“
Wieder begann, schon sterbend, der helmumflatterte Hektor:
„Ach, ich kenne dich wohl, und ahnete, nicht zu erweichen
Wärest du mir; du trägst ja ein eisernes Herz in dem Busen.
Denke nunmehr, daß nicht dir Götterzorn ich erwecke,
Jenes Tags, wann Paris dich dort und Föbos Apollon
Töten, wie tapfer du bist, am hohen skäischen Tore!“
Als er solches geredet, umschloß der endende Tod ihn;
Aber die Seel aus den Gliedern entflog in die Tiefe des Aïs,
Klagend ihr Jammergeschick, getrennt von Jugend und Mannkraft.
Johann Heinrich Voß
Aus der „Penthesilea“
Achills Tod
+Odysseus+:
Wir zogen aus, auf des Atriden Rat,
Mit der gesamten Schar der Myrmidonen,
Achill und ich: Penthesilea, hieß es,
Sei in den scythschen Wäldern aufgestanden,
Und führ ein Heer, bedeckt mit Schlangenhäuten,
Von Amazonen, heißer Kampflust voll,
Durch der Gebirge Windungen heran,
Den Priamus in Troja zu entsetzen.
Am Ufer des Skamandros, hören wir,
Deiphobus auch, der Priamide, sei
Aus Ilium mit einer Schar gezogen,
Die Königin, die ihm mit Hilfe naht,
Nach Freundesart zu grüßen. Wir verließen
Die Straße jetzt, uns zwischen dieser Gegner
Heillosem Bündnis wehrend aufzupflanzen;
Die ganze Nacht durchwindet sich der Zug.
Doch, bei des Morgens erster Dämmerröte,
Welch ein Erstaunen faßt uns, Antiloch,
Da wir in einem weiten Tal vor uns
Mit des Deiphobus Iliern im Kampf
Die Amazonen sehn! Penthesilea,
Wie Sturmwind ein zerrissenes Gewölk,
Weht der Trojaner Reihen vor sich her,
Als gält es übern Hellespont hinaus,
Hinweg vom Rund der Erde sie zu blasen.
Wir sammeln uns,
Der Troer Flucht, die wetternd auf uns ein
Gleich einem Anfall keilt, zu widerstehn,
Und dicht zur Mauer drängen wir die Spieße.
Auf diesen Anblick stutzt der Priamide;
Und wir im kurzen Rat beschließen, gleich
Die Amazonenfürstin zu begrüßen:
Sie hat auch ihren Siegeslauf gehemmt.
War je ein Rat einfältiger und besser?
Hätt’ ihn Athene, wenn ich sie befragt,
Ins Ohr verständiger mir flüstern können?
Sie muß, beim Hades! diese Jungfrau, doch,
Die wie vom Himmel plötzlich, kampfgerüstet,
In unsern Streit fällt, sich darein zu mischen,
Sie muß zu einer der Partein sich schlagen;
Und uns die Freundin müssen wir sie glauben,
Da sie sich Teukrischen die Feindin zeigt.
Nun gut.
Wir finden sie, die Heldin Scythiens,
Achill und ich -- in kriegerischer Feier
An ihrer Jungfraun Spitze aufgepflanzt,
Geschürzt, der Helmbusch wallt ihr von der Scheitel,
Und seine Gold- und Purpurtroddeln regend,
Zerstampft ihr Zelter unter ihr den Grund.
Gedankenvoll, auf einen Augenblick,
Sieht sie in unsre Schar, von Ausdruck leer,
Als ob in Stein gehaun wir vor ihr stünden;
Hier diese flache Hand, versichr’ ich dich,
Ist ausdrucksvoller als ihr Angesicht:
Bis jetzt ihr Aug auf den Peliden trifft:
Und Glut ihr plötzlich, bis zum Hals hinab,
Das Antlitz färbt, als schlüge rings um sie
Die Welt in helle Flammenlohe auf.
Sie schwingt, mit einer zuckenden Bewegung,
-- Und einen finstern Blick wirft sie auf ihn --
Vom Rücken sich des Pferds herab und fragt,
Die Zügel einer Dienrin überliefernd,
Was uns in solchem Prachtzug zu ihr führe.
Ich jetzt: wie wir Argiver hoch erfreut,
Auf eine Feindin des Dardanervolks zu stoßen;
Was für ein Haß den Priamiden längst
Entbrannt sei in der Griechen Brust, wie nützlich,
So ihr, wie uns, ein Bündnis würde sein;
Und was der Augenblick noch sonst mir beut:
Doch, mit Erstaunen, in dem Fluß der Rede,
Bemerk ich, daß sie mich nicht hört. Sie wendet
Mit einem Ausdruck der Verwunderung,
Gleich einem sechzehnjährigen Mädchen plötzlich,
Das von olympischen Spielen wiederkehrt,
Zu einer Freundin ihr zur Seite sich,
Und ruft: „Solch einem Mann, o Prothoe, ist
Otrere, meine Mutter, nie begegnet!“
Die Freundin, auf dies Wort betreten, schweigt,
Achill und ich, wir sehn uns lächelnd an,
Sie ruht, sie selbst, mit trunknem Blick schon wieder
Auf des Aeginers schimmernder Gestalt:
Bis jen’ ihr schüchtern naht und sie erinnert,
Daß sie mir noch die Antwort schuldig sei.
Drauf mit der Wangen Rot, war’s Wut, war’s Scham,
Die Rüstung wieder bis zum Gurt sich färbend,
Verwirrt und stolz und wild zugleich: sie sei
Penthesilea, kehrt sie sich zu mir,
Der Amazonen Königin, und werde
Aus Köchern mir die Antwort übersenden!
Hierauf unwissend jetzt,
Was wir von diesem Auftritt denken sollen,
In grimmiger Beschämung gehn wir heim,
Und sehn die Teukrischen, die unsre Schmach
Von fern her, die hohnlächelnden, erraten,
Wie im Triumph sich sammeln. Sie beschließen
Im Wahn, sie seien die Begünstigten,
Und nur ein Irrtum, der sich lösen müsse,
Sei an dem Zorn der Amazone schuld,
Schnell ihr durch einen Herold Herz und Hand,
Die sie verschmäht, von neuem anzutragen.
Doch eh der Bote, den sie senden wollen,
Den Staub noch von der Rüstung abgeschüttelt,
Stürzt die Kenaurin, mit verhängtem Zügel,
Auf sie und uns schon, Griech und Troer ein.
Mit eines Waldstroms wütendem Erguß
Die einen, wie die andern, niederbrausend.
Jetzt hebt
Ein Kampf an, wie er, seit die Furien walten,
Noch nie gekämpft ward auf der Erde Rücken.
So viel ich weiß, gibt es in der Natur
Kraft bloß und ihren Widerstand, nichts Drittes.
Was Glut des Feuers löscht, löst Wasser siedend
Zu Dampf nicht auf und umgekehrt. Doch hier
Zeigt ein ergrimmter Feind von beiden sich,
Bei dessen Eintritt nicht das Feuer weiß,
Ob’s mit dem Wasser rieseln soll, das Wasser,
Ob’s mit dem Feuer himmelan soll lecken.
Der Troer wirft, gedrängt von Amazonen,
Sich hinter eines Griechen Schild, der Grieche
Befreit ihn von der Jungfrau, die ihn drängte,
Und Griech und Troer müssen jetzt sich fast,
Dem Raub der Helena zu Trotz, vereinen,
Um dem gemeinen Feinde zu begegnen.
+Diomedes+:
Seit jenem Tage
Grollt über dieser Ebne unverrückt
Die Schlacht, mit immer reger Wut, wie ein
Gewitter, zwischen waldgekrönter Felsen Gipfeln
Geklemmt. Als ich mit den Ätoliern gestern
Erschien, der Unsern Reihen zu verstärken,
Schlug sie mit Donnerkrachen eben ein,
Als wollte sie den ganzen Griechenstamm
Bis auf den Grund, die Wütende, zerspalten.
Der Krone ganze Blüte liegt, Ariston,
Astyanax, vom Sturm herabgerüttelt,
Menandros auf dem Schlachtfeld da, den Lorbeer
Mit ihren jungen, schönen Leibern groß
Für diese kühne Tochter Ares’ düngend.
Mehr der Gefangnen siegreich nahm sie schon,
Als sie uns Augen, sie zu missen, Arme,
Sie wieder zu befrein, uns übrig ließ.
-- Oft, aus der sonderbaren Wut zu schließen,
Mit welcher sie, im Kampfgewühl, den Sohn
Der Thetis sucht, scheint’s uns, als ob ein Haß
Persönlich wider ihn die Brust ihr füllte.
So folgt, so hungerheiß, die Wölfin nicht
Durch Wälder, die der Schnee bedeckt, der Beute,
Die sich ihr Auge grimmig auserkor,
Als sie, durch unsre Schlachtreihn, dem Achill.
Doch jüngst, in einem Augenblick, da schon
Sein Leben war in ihre Macht gegeben,
Gab sie es lächelnd, ein Geschenk, ihm wieder:
Er stieg zum Orkus, wenn sie ihn nicht hielt.
Denn als sie um die Abenddämmrung gestern
Im Kampf, Penthesilea und Achill,
Einander trafen, stürmt Deiphobus her,
Und auf der Jungfrau Seite hingestellt,
Der Teukrische, trifft er dem Peleiden
Mit einem tück’schen Schlag die Rüstung prasselnd,
Daß rings der Ormen Wipfel widerhallten,
Die Königin, entfärbt, läßt zwei Minuten
Die Arme sinken: und die Locken dann
Entrüstet um entflammte Wangen schüttelnd,
Hebt sie vom Pferdesrücken hoch sie auf,
Und senkt, wie aus dem Firmament geholt,
Das Schwert ihm wetterstrahlend in den Hals,
Daß er zu Füßen hin, der Unberufne,
Dem Sohn, dem göttlichen, der Thetis rollt.
Er jetzt, zum Dank, will ihr, der Peleide,
Ein Gleiches tun; doch sie bis auf den Hals
Gebückt, den mähnumflossenen, des Schecken,
Der, in den Goldzaum beißend, sich herumwirft,
Weicht seinem Mordhieb aus, und schießt die Zügel,
Und sieht sich um, und lächelt, und ist fort.
+Hauptmann+:
Ein neuer Anfall, heiß wie Wetterstrahl,
Schmolz, dieser wuterfüllten Mavorstöchter,
Rings der Ätolier wackre Reihen hin,
Auch uns, wie Wassersturz, hernieder sie,
Die unbesiegten Myrmidonier, gießend.
Vergebens drängen wir dem Fluchtgewog
Entgegen uns: in wilder Überschwemmung
Reißt’s uns vom Kampfplatz strudelnd mit sich fort:
Und eher nicht vermögen wir den Fuß,
Als fern von den Peliden festzusetzen.
Erst jetzo wickelt er, umstarrt von Spießen,
Sich aus der Nacht des Kampfes los, er rollt
Von eines Hügels Spitze scheu herab,
Auf uns kehrt glücklich sich sein Lauf, wir senden
Aufjauchzend ihm den Rettungsgruß schon zu;
Doch es erstirbt der Laut im Busen uns,
Da plötzlich jetzt sein Viergespann zurück
Vor einem Abgrund stutzt, und hoch aus Wolken
In grause Tiefe bäumend niederschaut.
Vergebens jetzt, in der er Meister ist,
Des Isthmus ganze vielgeübte Kunst:
Das Roßgeschwader wendet, das erschrockne,
Die Häupter rückwärts in die Geißelhiebe,
Und im verworrenen Geschirre fallend,
Zum Chaos, Pferd und Wagen, eingestürzt,
Liegt unser Göttersohn, mit seinem Fuhrwerk,
Wie in der Schlinge eingefangen da.
Es stürzt
Automedon, des Fahrzeugs rüst’ger Lenker,
In die Verwirrung hurtig sich der Rosse:
Er hilft dem Viergekoppel wieder auf.
Doch eh er noch aus allen Knoten rings
Die Schenkel, die verwickelten, gelöst,
Sprengt schon die Königin, mit einem Schwarm
Siegreicher Amazonen, ins Geklüft,
Jedweden Weg zur Rettung ihm versperrend.
Sie hemmt, Staub rings umqualmt sie,
Des Zelters flücht’gen Lauf, und hoch zum Gipfel
Das Angesicht, das funkelnde, gekehrt,
Mißt sie, auf einen Augenblick, die Wand:
Der Helmbusch selbst, als ob er sich entsetzte,
Reißt bei der Scheitel sie von hinten nieder.
Drauf plötzlich jetzt legt sie die Zügel weg,
Man sieht, gleich einer Schwindelnden, sie hastig
Die Stirn, von einer Lockenflut umwallt,
In ihre beiden kleinen Hände drücken.
Bestürzt, bei diesem sonderbaren Anblick,
Umwimmeln alle Jungfraun sie, mit heiß
Eindringlicher Gebärde sie beschwörend;
Die eine, die zunächst verwandt ihr scheint,
Schlingt ihren Arm um sie, indes die andre,
Entschloßner noch, des Pferdes Zügel greift:
Man will den Fortschritt mit Gewalt ihr wehren,
Doch sie -- Ihr hört’s.
Umsonst sind die Versuche, sie zu halten,
Sie drängt mit sanfter Macht von beiden Seiten
Die Fraun hinweg, und im unruh’gen Trabe
An dem Geklüfte auf und nieder streifend,
Sucht sie, ob nicht ein schmaler Pfad sich biete
Für einen Wunsch, der keine Flügel hat;
Drauf jetzt, gleich einer Rasenden, sieht man
Empor sie an des Felsens Wände klimmen,
Jetzt hier, in glühender Begier, jetzt dort,
Unsinn’ger Hoffnung voll, auf diesem Wege
Die Beute, die im Garn liegt, zu erhaschen.
Jetzt hat sie jeden sanftern Riß versucht,
Den sich im Fels der Regen ausgewaschen;
Der Absturz ist, sie sieht es, unersteiglich;
Doch, wie beraubt des Urteils, kehrt sie um,
Und fängt, als wär’s von vorn, zu klettern an.
Und schwingt, die Unverdrossene, sich wirklich
Auf Pfaden, die des Wandrers Fußtritt scheut,
Schwingt sich des Gipfels höchstem Rande näher
Um einer Orme Höh; und da sie jetzt auf einem
Granitblock steht, von nicht mehr Flächenraum
Als eine Gemse sich zu halten braucht;
Von ragendem Geklüfte rings geschreckt,
Den Schritt nicht vorwärts mehr, nicht rückwärts wagt;
Der Weiber Angstgeschrei durchkreischt die Luft:
Stürzt sie urplötzlich, Roß und Reiterin,
Von los sich lösendem Gestein umprasselt,
Als ob sie in den Orkus führe, schmetternd
Bis an des Felsens tiefsten Fuß zurück,
Und bricht den Hals sich nicht und lernt auch nichts:
Sie rafft sich bloß zu neuem Klimmen auf.
Das Fahrzeug steht, die Rosse auch, geordnet --
-- Hephästos hätt in so viel Zeit fast neu
Den ganzen erznen Wagen schmieden können --
Er schwingt dem Sitz sich zu und greift die Zügel:
Ein Stein fällt uns Argivern von der Brust.
Doch oben jetzt, da er die Pferde wendet,
Erspähn die Amazonen einen Pfad,
Dem Gipfel sanfthin zugeführt, und rufen,
Das Tal rings mit Geschrei des Jubels füllend,
Die Königin dahin, die sinnberaubte,
Die immer noch des Felsens Sturz versucht.
Sie, auf dies Wort, das Roß zurücke werfend,
Rasch einen Blick den Pfad schickt sie hinan;
Und dem gestreckten Parder gleich, folgt sie
Dem Blick auch auf dem Fuß: er, der Pelide,
Entwich zwar mit den Rossen, rückwärts strebend;
Doch in den Gründen bald verschwand er mir,
Und was aus ihm geworden, weiß ich nicht.
[Illustration]
Die Amazonen werden zurückgedrängt, und ihre Königin, durch einen
Speerwurf Achills ohnmächtig geworden, fällt in die Hände der Griechen.
Nach dem Erwachen hält sie Achilleus, der waffenlos vor ihr steht,
für ihren Gefangenen. Sie gesteht ihm ihre Liebe und will ihn mit ins
Amazonenreich führen. Achilleus aber weigert sich, mit der Königin zu
ziehen; er will Penthesilea mit sich nehmen und auf den Thron seiner
Väter setzen. Penthesilea erkennt, daß sie die Gefangene des Peliden
ist. Aber schon rücken die Amazonen wieder siegreich vor, und die
Königin wird befreit. Der Grieche fordert sie nun zum Zweikampf auf,
um die Geliebte wieder zu gewinnen. Sie jedoch erblickt in dieser
Forderung den schmählichsten Hohn und zieht als rasende Rächerin mit
Hunden und Elefanten dem Peliden entgegen.
+Meroe+:
Ihr wißt,
Sie zog dem Jüngling, den sie liebt, entgegen,
Sie, die fortan kein Name nennt --
In der Verwirrung ihrer jungen Sinne,
Den Wunsch, den glühenden, ihn zu besitzen,
Mit allen Schrecknissen der Waffen rüstend.
Von Hunden rings umheult und Elefanten,
Kam sie daher, den Bogen in der Hand:
Der Krieg, der unter Bürgern rast, wenn er,
Die blutumtriefte Graungestalt, einher
Mit weiten Schritten des Entsetzens geht,
Die Fackel über blühnde Städte schwingend,
Er sieht so wild und scheußlich nicht, als sie.
Achilleus, der, wie man im Heer versichert,
Sie bloß ins Feld gerufen, um freiwillig
Im Kampf, der junge Tor, ihr zu erliegen:
Denn auch er -- o wie mächtig sind die Götter! --
Er liebte sie, gerührt von ihrer Jugend,
Und wollt ihr zu Dianas Tempel folgen;
Er naht sich ihr voll süßer Ahnungen,
Und läßt die Freunde hinter sich zurück.
Doch jetzt, da sie mit solchen Gräulnissen
Auf ihn herangrollt, ihn, der nur zum Schein
Mit einem Spieß sich arglos ausgerüstet:
Stutzt er und dreht den schlanken Hals, und horcht,
Und eilt entsetzt, und stutzt, und eilet wieder:
Gleich einem jungen Reh, das im Geklüft
Fern das Gebrüll des grimmen Leun vernimmt.
Er ruft: „Odysseus!“ mit beklemmter Stimme,
Und sieht sich schüchtern um, und ruft: „Tydide!“
Und will zurück noch zu den Freunden fliehn:
Und steht, von einer Schar schon abgeschnitten,
Und hebt die Händ empor, und duckt und birgt
In eine Fichte sich, der Unglücksel’ge,
Die schwer mit dunklen Zweigen niederhängt. --
Inzwischen schritt die Königin heran,
Die Doggen hinter ihr, Gebirg und Wald
Hochher, gleich einem Jäger, überschauend;
Und da er eben, die Gezweige öffnend,
Zu ihren Füßen niedersinken will:
„Ha! sein Geweih verrät den Hirsch,“ ruft sie
Und spannt mit Kraft der Rasenden sogleich
Den Bogen an, daß sich die Enden küssen,
Und hebt den Bogen auf, und zielt und schießt,
Und jagt den Pfeil ihm durch den Hals; er stürzt!
Ein Siegsgeschrei schallt roh im Volk empor.
Jetzt gleichwohl lebt der ärmste noch der Menschen,
Den Pfeil, den weit vorragenden, im Nacken,
Hebt er sich röchelnd auf, und überschlägt sich,
Und hebt sich wiederum und will entfliehn;
Doch „Hetz!“ schon ruft sie: „Tigris! hetz, Leäne!
Hetz, Sphynx! Melampus! Dirke! Hetz, Hyrkaon!“
Und stürzt -- stürzt mit der ganzen Meut, o Diana!
Sich über ihn, und reißt -- reißt ihn beim Helmbusch,
Gleich einer Hündin, Hunden beigesellt;
Der greift die Brust ihm, dieser greift den Nacken,
Daß von dem Fall der Boden bebt, ihn wieder!
Er, in dem Purpur seines Bluts sich wälzend,
Rührt ihre sanfte Wange an, und ruft:
„Penthesilea! meine Braut! was tust du?
Ist dies das Rosenfest, das du versprachst?“
Doch sie -- die Löwin hätte ihn gehört,
Die hungrige, die wild nach Raub umher,
Auf öden Schneegefilden heulend treibt --
Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reißend,
Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust,
Sie und die Hunde, die wetteifernden,
Oxus und Sphynx den Zahn in seine rechte,
In seine linke sie; als ich erschien,
Troff Blut von Mund und Händen ihr herab.
Jetzt steht sie lautlos da, die Grauenvolle,
Bei seiner Leich, umschnüffelt von der Meute,
Und blicket starr, als wär’s ein leeres Blatt,
Den Bogen siegreich auf der Schulter tragend,
In das Unendliche hinaus, und schweigt.
Wir fragen mit gesträubten Haaren sie:
Was sie getan? Sie schweigt. Ob sie uns kenne?
Sie schweigt. Ob sie uns folgen will? Sie schweigt,
Entsetzen faßt mich, und ich floh zu euch.
Heinrich von Kleist
Aus der Odyssee
Odysseus und Polyphem
Unter allen Helden, die vor Troja gekämpft hatten, war keinem so
widriges Geschick beschieden, bevor er in seine Heimat zurückkehrte,
wie dem klugen Helden Odysseus.
[Illustration]
Als er mit zwölf wohlbemannten Schiffen von der Küste von Troja
absegelte, trieb ihn der Wind zuerst nach Ismaros, der Stadt der
Cikonen. Dieselbe eroberte und zerstörte er, und reiche Beute ward
unter die Genossen verteilt. Statt aber nach Odysseus’ Rate alsbald
weiterzusegeln, schwelgten die Genossen in dem trefflichen Weine, den
sie in der Stadt gefunden. Unterdessen hatten die Bewohner der Stadt
die in der Nähe wohnenden Cikonen herbeigerufen, die tapfer und stark
waren, und es kam zu einem hartnäckigen Kampfe, der vom Morgen bis zum
Abend währte. Jedes der griechischen Schiffe verlor in diesem Kampfe
sechs seiner Helden, und eilig segelten die noch lebenden von dannen,
trauernd, daß sie ihre Gefährten unbegraben mußten liegen lassen.
Nun aber erhob sich ein Sturm, dichte Wolken umhüllten Erde und Meer,
und zehn Tage lang wurden die Schiffe auf dem Meere umhergetrieben. Am
zehnten Tage gelangten sie zu dem Lande der Lotophagen, die sich von
der Lotospflanze nährten. Als die Griechen ans Land gestiegen waren
und sich nach der stürmischen Seereise mit Speise und Trank wieder
gekräftigt hatten, sandte Odysseus einige seiner Freunde in Begleitung
eines Herolds aus, die Beschaffenheit des Landes zu erkunden. Die
Lotophagen waren den Fremdlingen freundlich gesinnt und gaben ihnen
von der Lotosfrucht zu kosten. Wer aber diese gekostet, der mochte
nie wieder etwas anderes zu essen, und so mußte denn Odysseus die
ausgesandten Freunde mit Gewalt zu den Schiffen zurückbringen und sie
mit Seilen festbinden. Die übrigen Gefährten aber trieb er, eilend
weiterzusegeln, damit sie nicht auch, von den Lotos verführt, der
Heimat vergäßen.
Von da gelangten die Griechen nach dem Lande der wilden Cyklopen. Das
waren Riesen, die weder Gesetz noch Ordnung kannten und bei denen das
Volk sich nicht zu gemeinsamer Beratung versammelte. Sie ackerten und
säeten auch nicht, sondern genossen nur, was das fruchtbare Land ihnen
ohne Arbeit bot. In Felsenhöhlen wohnten sie, und jeder richtete nach
Willkür über Mann und Kinder.
Vor dem Lande lag eine kleine wälderreiche Insel, die von keinem
Menschen bewohnt war, auf der aber zahlreiche Herden wilder Ziegen
umherstreiften. In dunkler Nacht landeten die Griechen an dieser
Insel; sie stiegen aus den Schiffen und warteten des Morgens. Als
derselbe heraufstieg, wunderten sie sich des fruchtbaren und doch
menschenleeren Eilands; die zahllosen Ziegen aber verlockten sie zur
Jagd. Die Bogen und die Spieße wurden aus den Schiffen herbeigeholt,
und bald war reichliches Wildbret erbeutet. Ein leckeres Mahl ward an
einem schnell entzündeten Feuer bereitet, und auch an Wein gebrach es
nicht. Reiche Vorräte hatte man von demselben in dem Lande der Cikonen
erbeutet, und noch bargen die Schiffe manchen gefüllten Henkelkrug.