die Lehmwand schnitt. Huck folgte. Vier Gänge führten aus der kleinen
Höhle, in welcher der Felsblock stand. Drei davon untersuchten die
Jungen ohne jeden Erfolg. Sie fanden einen kleinen Schlupfwinkel, in
dem ein Bündel wollener Decken lag, dazu ein alter Hosenträger, ein
Stück Schinkenschwarte und die rein abgenagten Knochen von zwei oder
drei Hühnern. Die Goldkiste aber war nirgends zu erblicken. Die Jungen
durchsuchten alles und durchsuchten 's noch einmal, umsonst! -- Tom
sagte:
»Es hieß _unter_ dem Kreuz. Hier stehen wir am nächsten darunter. 's
kann doch nicht unter dem Felsen selber sein, der sitzt fest auf dem
Grunde auf, was nun?«
Wieder suchten sie überall herum und setzten sich dann entmutigt
nieder. Huck wußte nichts weiter vorzuschlagen. Nach einer Weile sagte
Tom:
»Sieh' mal her, Huck, da sind Fußspuren und Talgtropfen im Lehm auf
dieser Seite des Felsens und zwar nur hier. Das hat was zu bedeuten, am
Ende liegt das Geld doch _unter_ dem Felsen. Ich grab' mal hier im Lehm
nach.«
»'s ist kein dummer Gedanke, Tom,« erwiderte Huck lebhaft.
Toms Messer war im Augenblick zur Hand und er hatte kaum vier Zoll tief
gegraben, als er auf Holz stieß.
»Na, Huck! Hörst du das?«
Huck begann jetzt ebenfalls zu wühlen und zu kratzen. Bald waren ein
paar Bretter bloßgelegt und weggenommen. Diese hatten eine natürliche
Spalte verborgen, die unter den Felsen führte. Tom kroch hinein und
hielt seine Kerze so weit hinunter, als er konnte, vermochte aber
das Ende des Spaltes nicht zu sehen. Er schlug daher vor, weiter zu
forschen, bückte sich und kroch vorwärts; der schmale Spalt führte
allmählich nach unten. Tom folgte dem sich windenden Lauf erst nach
rechts und dann nach links, Huck auf seinen Fersen. Als Tom wieder um
eine scharfe Wendung bog, rief er plötzlich:
»Herr, du meine Güte, Huck sieh hier!«
Es war die Goldkiste, die da stand, gewiß und wahrhaftig, in einer
schmucken, kleinen Höhle, zusamt einem leeren Pulverbeutel, ein paar
Gewehren in Lederhülsen und einem alten Gürtel, alles durchnäßt von
niedersickernden Wassertropfen.
»Gefunden, endlich gefunden!« jubelte Huck, indem er mit den Händen in
den funkelnden Münzen wühlte. »Jetzt sind wir aber reich, Tom!«
»Ich hab' sicher drauf gezählt, Huck, und doch ist's fast zu schön, um
wahr zu sein. Aber haben thun wir den Schatz, soviel ist sicher. Laß
uns weiter keine Zeit verlieren jetzt, sondern die Geschichte flink in
Sicherheit bringen. Zeig' mal her, ob ich die Kiste heben kann.«
Diese wog vielleicht fünfzig Pfund. Tom konnte sie nur mit Mühe heben,
an ein Fortschaffen war nicht zu denken.
»Dacht' mir's wohl,« sagte er, »damals im Gespensterhaus trugen die
Kerle ziemlich schwer dran, -- hab's gleich bemerkt. Gut, daß ich die
kleinen Säcke mitgenommen habe.«
Das Geld war bald in die Säckchen verteilt und die Jungen trugen es
hinauf nach dem Felsblock mit dem Kreuze.
»Jetzt wollen wir die Gewehre und das andre Zeug noch holen,« schlug
Huck vor.
[Illustration]
»Bewahre, die lassen wir schön dort. Das können wir alles wundervoll
brauchen, wenn wir erst Räuber sind. In der Höhle feiern wir dann unsre
Orgien, 's ist dort grad' wie gemacht für Orgien!«
»Was ist denn das -- Orgien?«
»Was weiß ich? Aber Räuber halten immer Orgien und das müssen wir
natürlich auch thun. Vorwärts, Huck, wir müssen schnell machen, sind
schon zu lange hier gewesen. 's wird wohl schon spät sein, hungrig bin
ich auch; aber wir wollen doch erst essen und rauchen, wenn wir im
Boot sind.«
Kurz danach traten sie aus den Sumachbüschen hervor, schauten
vorsichtig nach allen Seiten aus, sahen, daß die Luft rein war und
saßen bald kauend und rauchend im Boote. Als eben die Sonne im
Begriff stand unterzugehen, stießen sie ab. Tom ruderte in der stetig
zunehmenden Dämmerung längs des Ufers hin, und lustig plaudernd
landeten sie kurz nach Einbruch der Nacht.
»Jetzt, Huck,« rief Tom, »verstecken wir das Geld im Holzschuppen der
Witwe Douglas, und morgen früh komm' ich dann und wir zählen und teilen
den Kram und suchen dann im Wald nach einem Platz, wo wir ihn sicher
vergraben können. Du bleibst jetzt hier ruhig liegen und bewachst die
Herrlichkeit, ich hol' indessen geschwind Meister Taylors Handkarren.
Bin gleich wieder da!«
Er verschwand und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Karren zurück, in
welchen er die beiden Geldsäcke legte, ein paar alte Lumpen drauf warf
und sich dann mit seiner Last auf den Weg machte. Am Haus des alten
Wallisers blieben die Jungen stehen, um einmal auszuruhen. Als sie eben
weiter wollten, trat der Alte heraus und rief:
»Holla, wer ist da?«
»Huck und Tom Sawyer.«
»Schön, und nun schnell vorwärts, Jungens, alles wartet auf euch. Na,
los, flink, lauft zu, ich will den Karren schon ziehen, her damit.
Meiner Treu, der ist nicht so leicht, als er sein könnte. Backsteine
drauf oder altes Eisen?«
»Altes Metall,« sagte Tom lakonisch.
»Dacht' mir's doch, dacht' mir's doch. Die hiesigen Jungens machen
sich viel Arbeit und vertrödeln viel Zeit, um so altes Eisenzeug
aufzutreiben, für das sie doch nur ein paar Pfennige bekommen in
der Gießerei, viel mehr Zeit und Mühe, als sie brauchen würden, um
ebensoviel mit ehrlicher Arbeit zu verdienen. Na, liegt mal so in der
menschlichen Natur, läßt sich nicht ändern. Na nur flink, vorwärts,
vorwärts!«
Die Jungen wollten wissen, weshalb solche Eile nötig sei.
»Fragt jetzt nicht lang, -- nur zu, werdet's schon sehen, wenn wir zur
Witwe kommen.«
Huck fühlte böse Ahnungen in sich aufsteigen. Er war gewohnt, daß man
ihn fälschlicherweise dummer Streiche bezichtigte.
»Herr Jones, ganz gewiß, wir haben nichts gethan,« beteuerte er zaghaft.
Der Alte lachte herzlich.
»Wer weiß, Huck, mein Junge, wer weiß? Bist du denn nicht gut Freund
mit der Witwe?«
»O ja, jedenfalls ist sie freundlich mit mir gewesen!«
»Na -- also! Weshalb hast du dann Angst?«
Huck war sich über die Frage noch nicht ganz klar geworden, als er sich
schon mit Tom in den Salon der Frau Douglas hineingeschoben fühlte.
Jones ließ den Karren an der Thüre stehen und folgte ihnen.
Das Haus war strahlend hell erleuchtet, und jeder, der im Städtchen
irgend etwas zu bedeuten hatte, war zugegen. Thatchers waren da und
Harpers, Rogers, Tante Polly, Sid, Mary, der Pfarrer, der Redakteur und
noch viele andere, und alle in festlichem Gewande. Frau Douglas empfing
die Jungen so herzlich, wie man zwei _so_ aussehende Menschenkinder
empfangen konnte. Sie waren mit Lehm und Talgtropfen förmlich
überzogen. Tante Polly wurde feuerrot vor Verlegenheit, legte die Stirn
in drohende Falten und schüttelte vorwurfsvoll und mißbilligend ihr
graues Haupt gegen Tom. Niemand aber konnte verlegener, beschämter
sein, als die Jungen selber. Herr Jones sagte:
»Tom war noch nicht zu Hause; ich hatte schon alle Hoffnung aufgegeben,
ihn herbei zu bringen, aber just vor meiner Hausthüre stolpere ich dann
über die beiden, und da hab' ich sie eben mitgebracht, wie sie gingen
und standen.«
»Und das war sehr recht,« bekräftigte die Witwe. »Kommt mit mir,
Jungens!«
Sie nahm sie mit sich in ein Schlafzimmer und sagte:
»Jetzt wascht euch und zieht euch an. Hier sind zwei neue Anzüge,
Hemden, Socken, alles vollständig. Die gehören dir, Huck, -- nein,
keinen Dank weiter, -- Herr Jones hat den einen gekauft und ich den
andern. Leihst Tom den einen heut' abend, werden ja wohl beiden passen.
Flink also hinein. Wir warten so lange. Kommt schnell herunter, wenn
ihr euch genug gestriegelt habt.«
Und sie ging.
[Illustration]
Einunddreißigstes Kapitel.
Kaum war sie weg, so stürzte Huck zum Fenster, riß es auf und flüsterte
drängend:
»Tom, wir können zum Fenster hinaus, wenn wir einen Strick finden, es
geht nicht hoch hinunter.«
»Dummes Zeug! Weshalb sollten wir zum Fenster hinaus?«
»Ich -- ich kann so 'nen Haufen Menschen nicht vertragen, bin nicht
dran gewöhnt. Ich geh' nicht wieder hinunter, Tom.«
»Dummheit! Ist auch 'was Rechtes. Mir ist's ganz einerlei. Wart', ich
geb' acht auf dich und helf' dir!«
Sid erschien.
»Tom«, sagte er, »die Tante hat den ganzen Nachmittag auf dich
gewartet. Mary hat deine Sonntagskleider zurecht gelegt und jeder hat
sich deinethalben abgeängstigt. Sag' mal, ist das nicht Lehm und Talg
auf deinen Kleidern?«
»Na, junger Mann, ich rat' dir, kümmre dich nur um deine Sachen.
Weshalb ist denn der ganze Lärm?«
»Ei, 's ist 'ne Gesellschaft, wie sie die Witwe oft hat, und diesmal zu
Ehren vom alten Jones und seinen Söhnen, weil sie ihr neulich nachts so
aus der Patsche geholfen haben. Na und hör' mal, ich weiß noch 'was,
wenn du's wissen willst.«
»Na und was?«
»Ei, der alte Jones will die Gesellschaft noch mit etwas überraschen,
hab's gehört, wie er's heut' mittag der Tante erzählte, als 'n
Geheimnis natürlich, ist aber kein großes Geheimnis mehr. Jeder weiß
es, -- die Witwe auch, obgleich die sich stellt, als wisse sie nichts.
Herrgott, hat sich der alte Jones abgesorgt, ob auch der Huck gewiß da
sei, heut' abend, -- ohne den wär' ja sein großes Geheimnis keine Bohne
wert gewesen, weißt du!«
»Geheimnis -- wieso, Sid?«
»Ei einfach, daß Huck damals hinter den Kerlen hergeschlichen ist bis
zum Zaun hier, weiter gar nichts. Der Alte wollt' 'nen großen Hopphei
draus machen heut' abend, 's wird aber wohl 'en bißchen schwach
ausfallen.«
Und Sid lachte hämisch und selbstzufrieden in sich hinein.
»Sid, hast du's verraten?«
»Was liegt dran, wer's verraten hat? -- einer hat's gethan, soviel ist
sicher.«
»Sid, ich weiß nur einen solchen Kerl im Städtchen, der elend genug
ist, so was zu thun, und der bist du! Wenn du Huck gewesen wärst, du
hättst dich heim in's warme Nest geschlichen und die Räuber Räuber
sein lassen. Du kannst immer nur was Gemeines thun, und kannst's nicht
hören, wenn andre gelobt werden, weil sie was Schönes und was Gutes
gethan haben. So, da hast du was -- ›keinen Dank‹, wie Frau Douglas
unten sagt.«
Dabei schlug Tom Sid eins hinter die Ohren und beförderte ihn mit
einigen Fußtritten zur Thüre hinaus. »Lauf' doch hin und sag's der
Tante, wenn du's Herz dazu hast, will dir's dann morgen gedenken.«
Einige Minuten später waren die Gäste um den Eßtisch der Witwe
versammelt. Zur gegebenen Zeit hielt dann Herr Jones seine Rede, in
welcher er der gütigen Wirtin dankte für die Ehre, die sie ihm und
seinen Söhnen erwiesen, daß aber ein andrer, der auch anwesend sei,
weit mehr Dank --
Und so weiter und so fort. Nun brachte er das große Geheimnis über
Hucks Anteil an der Sache ans Licht und that's in der dramatischesten
Weise, die ihm zu Gebote stand. Die Ueberraschung aber, die das
Mitgeteilte hervorrief, war etwas künstlicher Natur und lange nicht
so lebhaft und herzlich, wie sie unter glücklicheren Umständen hätte
sein können. Die Witwe selber freilich verstand es sehr gut, das
größte Erstaunen zur Schau zu tragen, und überhäufte Huck mit einem
solchen Uebermaß von Dank und Lobsprüchen, daß dieser das _nahezu_
unerträgliche Mißbehagen, welches ihm die neuen Kleider bereiteten,
über dem _völlig_ unerträglichen Mißbehagen, die Zielscheibe von
jedermanns Blicken und jedermanns Beifallsbezeugungen zu sein, ganz
vergaß.
Witwe Douglas erbot sich, Huck ein Heim in ihrem Hause zu bieten, ihn
erziehen zu lassen und ihn später, soviel in ihren Kräften stehe, zu
unterstützen. Jetzt blühte Toms Weizen, und er löste seine Zunge:
»Huck braucht das gar nicht, Huck ist reich genug!«
Nur der Zwang, den die gute Lebensart der Gesellschaft auferlegte,
war im stande, einen Ausbruch des Gelächters über diesen vermeintlich
guten Witz zurückzuhalten; das herrschende Schweigen war aber etwas
unbehaglich. Tom brach es alsbald.
»Huck ist reich, sag' ich, er hat Geld. Ihr glaubt's vielleicht nicht,
aber er hat Haufen von Geld. Braucht gar nicht zu lachen, werd's euch
gleich beweisen. Wartet nur 'ne Minute!«
Er rannte zur Thür hinaus. Die Anwesenden blickten zuerst einander voll
ungläubigen Staunens an und dann fragend auf Huck, der wortlos dasaß.
»Sid, was hat wohl der Tom?« fragte Tante Polly ängstlich -- »er -- na
da werd' mal einer klug aus dem Bengel. Ich --«
Da trat Tom wieder ein, gebeugt unter der Last seiner Geldsäcke, und
Tante Polly mußte den Satz unbeendet lassen. Tom leerte den Haufen
blinkenden Goldes auf den Tisch und rief triumphierend:
»Da -- was hab' ich euch gesagt? Die Hälfte davon gehört Huck und die
andere Hälfte mir!«
[Illustration]
Der Anblick des Geldes benahm allen den Atem. Alles starrte auf die
glänzenden Goldstücke und niemand fand Worte im ersten Augenblick.
Dann erhob sich ein allgemeiner Ruf nach Aufklärung. Tom sagte, die
könne er geben, und er that's. Die Geschichte war lang, aber unsagbar
interessant, nur ab und zu kärglich eingestreute Bemerkungen der
atemlos lauschenden Zuhörer unterbrachen den fesselnden Reiz derselben.
Als Tom zu Ende war, meinte der alte Jones:
»Hab' _ich_ da vorhin der Gesellschaft 'ne kleine Ueberraschung
bereiten wollen, -- 's ist aber rein nichts gegen das da. Tom, der
Teufelskerl, hat mich schön übertrumpft, das muß ich sagen! Geb's aber
gern zu, weiß Gott, geb's gern zu!«
Das Geld wurde nun gezählt. Die Summe belief sich auf etwas über
zwölftausend Dollars. Es war mehr, als irgend einer der Anwesenden
jemals beisammen gesehen, obgleich sich einige darunter befanden, die
weit mehr als das an Grundbesitz ihr eigen nannten.
[Illustration]
Zweiunddreißigstes Kapitel.
Wie man sich denken kann, machte dieser Fund der beiden Knaben in dem
armen, kleinen Städtchen St. Petersburg das ungeheuerste Aufsehen.
Solch' eine Riesensumme in barer Münze erschien den guten Leuten
beinahe unglaublich. Man redete von nichts anderem, schielte gierig
nach dem Schatze, pries die Finder glücklich, und die Vernunft manchen
Bürgers drohte bei der ungesunden Erregung ins Wanken zu geraten. Jedes
Haus, in dem es nur irgend spuken sollte, im Städtchen wie in der
Umgegend, wurde sozusagen anatomisch zerlegt: Stein für Stein, Balken
für Balken, die Grundmauern unterwühlt und nach verborgenen Schätzen
durchforscht, und zwar nicht von Knaben, sondern von Männern, ernsten,
verständigen, im gewöhnlichen Leben blutwenig romantisch angelegten
Männern. Wo sich Tom und Huck nur blicken ließen, wurden sie gefeiert,
bewundert und begafft. Die Jungen konnten sich nicht erinnern, daß
ihre Worte je zuvor solches Gewicht besaßen, jetzt wurde der kleinste
Ausspruch ihrerseits wie ein Ausfluß höchster Weisheit bewahrt und
ehrfurchtsvoll wiederholt. Alles, was sie thaten, was sie redeten,
erschien bemerkens- und bewundernswert, sie hatten augenscheinlich
die Fähigkeit verloren, irgend etwas Alltägliches, Unbedeutendes zu
sagen oder zu thun. Außerdem wurde ihre Vergangenheit durchforscht und
man fand darin die unleugbaren Spuren hervorragendster Begabung. Die
Zeitung des Städtchens brachte biographische Notizen über die beiden.
Die Witwe Douglas legte das Geld zu sechs Prozent an und der Herr
Kreisrichter that auf Tante Pollys Bitte dasselbe mit Toms Anteil.
Jeder der Jungen hatte nun ein geradezu ungeheures Einkommen -- einen
Dollar für jeden Tag des Jahres! Das war ja gerade soviel, wie der
Pastor bekam, das heißt, wie er bekommen sollte, denn meistens kam
nicht so viel zusammen. Ein und ein viertel Dollar die Woche war
genügend für Kost, Wohnung und Schulgeld eines Jungen in jener alten,
einfachen, anspruchslosen Zeit, und man konnte ihn dafür noch kleiden
und waschen obendrein.
Der Herr Kreisrichter hatte eine sehr hohe Meinung von Tom gefaßt. Er
sagte, ein gewöhnlicher Junge würde nie imstande gewesen sein, seine
Tochter aus der Höhle zu befreien. Als Becky ihrem Vater einmal im
strengsten Vertrauen mitteilte, wie Tom ihre Prügel in der Schule
damals auf sich genommen, war dieser sichtlich gerührt. Und als sie die
Lüge zu entschuldigen suchte, vermittelst welcher es dem edlen Freunde
gelungen war, die Züchtigung auf seine Schultern zu wälzen, meinte
der Vater enthusiastisch, das sei eine edle, eine großmütige, eine
hochherzige Lüge gewesen, eine Lüge, die wert sei, in der Geschichte
dicht neben Washingtons vielgerühmter Wahrheitsliebe zu glänzen. Becky
kam es vor, als habe sie ihren Vater noch nie so hoch aufgerichtet und
so stolz gesehen, wie bei diesen Worten. Sie lief davon und berichtete
Tom haarklein was vorgefallen.
Herr Thatcher hoffte, Tom einmal als berühmten Rechtsgelehrten oder
auch als großen Kriegsmann zu sehen. Er wolle Sorge tragen, sagte er,
daß Tom Einlaß fände in die große National-Militär-Akademie und danach
in der besten Juristen-Schule des Landes ausgebildet werde, so daß er
vollständig befähigt sei für die eine oder die andere Laufbahn, oder
auch für beide.
Huck Finn sah sich durch diesen Reichtum und die Thatsache, daß er
unter dem Schutze der hochangesehenen Witwe Douglas stand, plötzlich
in die gute Gesellschaft eingeführt, nein -- hineingeschleppt oder
vielmehr geschleudert -- seine Leiden steigerten sich dadurch fast
ins Unerträgliche. Die Dienstboten der Witwe hielten ihn sauber und
rein, wuschen, kämmten, bürsteten ihn alltäglich und betteten ihn
allnächtlich mitleidslos zwischen reine Tücher, die nicht einen
einzigen, kleinen Flecken oder Makel hatten, den er hätte an sein Herz
drücken und als alten, teuren Bekannten begrüßen können. Er mußte mit
Messer und Gabel essen, mußte Serviette, Tasse und Teller benutzen,
mußte seine Aufgabe lernen, zur Kirche gehen, dabei so gewählt und
anständig reden, daß ihm die Sprache ordentlich saft- und kraftlos in
seinem Munde vorkam; kurz, wohin er sich wandte, engten ihn überall die
Schranken und Fesseln der Zivilisation von allen Seiten ein und banden
ihm Hände und Füße.
Drei Wochen hindurch trug er sein Elend wie ein tapfrer Held, dann
war er plötzlich verschwunden. Achtundvierzig Stunden lang ließ
die Witwe in Herzensangst überall nach ihm suchen. Jedermann nahm
innigsten Anteil; man suchte hier und dort, in Höhen und Tiefen,
man durchforschte den Strom nach seiner Leiche. Frühe am dritten
Morgen schlich sich Tom Sawyer in aller Stille zu einem Haufen alter,
leerer Fässer, die hinter dem jetzt unbenutzten, halb verfallenen
Schlachthause lagen. In einem derselben entdeckte er richtig den
Flüchtling. Huck hatte die Nacht dort zugebracht, hatte eben sein
Frühstück, aus allerlei zusammengekripsten Kleinigkeiten bestehend,
verzehrt und lag nun da und rauchte in glücklicher Behaglichkeit seine
Pfeife. Er war ungewaschen, ungekämmt und in dieselben alten, malerisch
an ihm hängenden Lumpen gehüllt, wie in jenen Tagen, da er noch frei
und glücklich war. Sobald Tom ihn aufgestöbert hatte, warf er ihm
vor, in welche Angst er alle Leute versetzt habe, und forderte ihn
auf, nach Hause zurückzukommen. Hucks Antlitz verlor urplötzlich den
Ausdruck wohligen Behagens und legte sich in melancholische Falten.
Aengstlich bat er:
»Sprich mir davon nicht, Tom, hab's ja probiert, aber 's thut kein
gut, Tom, 's thut kein gut. 's taugt nichts für mich, ich bin an so
was nicht gewöhnt. Die Witwe selber ist gut und freundlich, aber dies
Leben halt' der Kuckuck aus. Soll ich da jeden Morgen zur selben Zeit
'raus aus dem Nest, dann waschen und scheuern sie mich, daß die Fetzen
fliegen, und kämmen mich zu Schanden. Im Holzschuppen darf ich nicht
schlafen, muß die verflixten Kleider tragen, in denen ich immer nach
Luft schnappen muß, Tom, 's ist als ginge gar keine Luft durch, und
dabei sind sie so verteufelt fein und vornehm, daß ich da drin nicht
sitzen, nicht liegen, viel weniger mich wälzen kann. Weiß nicht, wie
lang' ich auf keiner Kellerthür mehr hinuntergerutscht bin, aber 's
kommt mir wie viele Jahre vor. Ich muß in die Kirche gehen und dort
steif und gerade sitzen, -- und erst die langweiligen Predigten! Nicht
einmal eine Fliege darf man drin fangen, und den ganzen Sonntag muß
man die Schuhe anhaben. -- Herrgott! Wenn die Witwe ißt, dann bimmelt
eine Glocke, geht sie schlafen, bimmelt's wieder, und ebenso, wenn sie
aufsteht -- 's geht alles so gräßlich nach der Schnur, das halt' der
Kuckuck aus!«
[Illustration]
»Huck, so macht's aber doch jeder anständige Mensch!«
»Ist mir ganz egal, Tom, ich bin kein anständiger Mensch und ich
halt's nicht aus. 's ist gräßlich, wenn man so festgenagelt ist. 's
Futter wächst einem auch nur so in den Mund, -- macht einem gar keine
Freude so. Soll fragen, wenn ich fischen gehen will, fragen, wenn
ich baden möcht' -- hol's der Henker, wenn man um jeden Dreck fragen
soll. Und sprechen hab' ich müssen wie 'n feiner Herr, bin beinah dran
erstickt. Ei, wenn ich nicht jeden Tag 'nauf auf den Boden wär' und
hätt' meinem Herzen dort Luft gemacht, so wie _ich's_ versteh', mit 'n
paar herzhaften Redensarten, nur um mal wieder den Geschmack davon in
den Mund zu kriegen, ich wär' gestorben, Tom, rein gestorben. Rauchen
wollten sie mich auch nicht lassen, nicht mal ordentlich brüllen,
nicht gähnen, nicht räkeln, nicht am Kopf kratzen, wenn jemand dabei
war. Und« -- fuhr er mit einem verdoppelten Ausbruch des Widerwillens
und der Gereiztheit fort -- »den ganzen Tag hat sie gebetet. So 'ne
Frau ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen! Ich _mußt'_ mich
drücken, Tom, es war nicht zum Aushalten. Dann wär' auch bald die
Schule angegangen und ich hätte hin gemußt, was mir das Leben vollends
entleidet hätte. Weißt was, Tom, 's Reichsein ist nicht halb so viel
wert, als man meint. Man hat eine Plage und Schinderei davon, daß
man lieber tot sein möchte. In diesen Kleidern hier und in dieser
Sonne aber ist's mir wohl und ich will mich begraben lassen, wenn ich
da je wieder 'rauskrieche. Tom, ich wär' nie in diese unselige Lage
hineingeraten, wenn das verflixte Geld nicht gewesen wär'! Weißt was?
Geh hin und nimm du auch meinen Teil und schenk' mir hie und da mal
zehn Cents, aber nicht oft, denn mir liegt blutwenig an dem Geld, so
schwer es auch zu kriegen war, und dann -- geh' hin und bitt' mich von
der Witwe los, Tom, thu's doch, hörst du!«
»O, Huck, das kann ich ja nicht, dein Geld nehmen, das wär' gar nicht
recht, und paß auf, wenn du's erst mal länger probierst bei der Witwe,
wird's dir schon behagen.«
»Behagen? Ja, so ungefähr wie einem ein heißer Ofen behagt, wenn man
drauf sitzen soll. Nee, Tom, ich will nicht reich sein und ich will
nicht in den verfluchten stickigen Häusern leben. Ich brauch' den Wald
und den Fluß und 'n leeres Faß und dabei will ich bleiben. Hol' der
Henker alles! Grad' wie wir Flinten und 'ne Höhle hatten und alles
schön fertig war, um Räuber zu werden, da -- da muß die verflixte,
dumme Schatzgeschichte kommen und alles verderben!«
Tom ersah seine Gelegenheit:
»Paß mal auf, Huck, das Reichsein hält uns noch lange nicht ab, Räuber
zu werden.«
»Herrgott! Ist das wirklich dein voller Ernst, Tom?«
»So gewiß als ich hier sitze. Aber Huck, du kannst nicht in die Bande
aufgenommen werden, wenn du kein anständiger Mensch bist, siehst du.«
Hucks aufwallende Freude bekam einen Dämpfer.
»Kann nicht aufgenommen werden, Tom? War ich denn nicht Seeräuber?«
»Ja, aber das ist ganz was andres. Ein Räuber ist für gewöhnlich viel
vornehmer als so'n Pirat. In manchen Ländern sind sie vom höchsten Adel
-- Herzöge oder so.«
»Tom, du bist doch immer gut mit mir gewesen! Wirst mich doch nicht
ausschließen, Tom? Wirst mir doch so was nicht anthun, oder?«
»Huck, ich thät's ja nicht und ich thu's auch nicht gern, aber was
würden die Leute sagen? Ei, die werden die Nase rümpfen und ›Pf!‹ --
würden sie sagen, -- Tom Sawyers Bande! Schöne Kerle da drin! Und damit
wärst du gemeint, Huck. Das wär' dir doch nicht recht und mir auch
nicht.«
Für eine Weile war Huck still, sichtlich kämpfte er innerlich einen
schweren Kampf. Schließlich sagte er:
»Na, für 'nen Monat oder so könnt' ich ja am Ende zur Witwe zurückgehen
und sehen, wie ich mich durchschlage und ob ich's aushalten kann. Ja,
das könnt' ich, -- wenn ich bei der Bande eintreten darf, Tom.«
»Gut also, Huck, das ist 'n Wort! Und nun vorwärts, alter Kerl, will
mal mit der Witwe reden, daß sie dich 'n bißchen mehr in Ruhe läßt.«
»Willst du, Tom, willst du? Das ist schön von dir. Wenn die 'n bißchen
weniger streng sein will, dann will ich dafür nur noch heimlich rauchen
und fluchen und mich wohl oder übel durchdrücken oder platzen. Aber bis
wann willst du denn die Bande aufthun und Räuber werden?«
»Ei gleich! Wollen nur erst die Jungens zusammen trommeln, dann kann
die Einschwörung gleich heut' nacht vor sich gehen.«
»Die -- was?«
»Die Einschwörung.«
»Was ist denn das?«