kamen indes nur langsam voran, denn die Höhle war reich an Spalten
im Boden, und diese mußten sie nun in der Dunkelheit doppelt meiden.
Alsbald standen sie vor einer solchen und konnten nicht weiter. Die
Spalte mochte nur drei Fuß, konnte aber auch hundert tief sein, wer
konnte das wissen? -- jedenfalls war an kein Hinüberkommen zu denken.
Tom legte sich nieder und versuchte so weit als möglich hinunter zu
reichen, -- kein Grund zu fühlen. Sie mußten also bleiben und warten,
bis die Retter erschienen. Sie lauschten -- die fernen Rufe klangen
augenscheinlich ferner und ferner. Einen Moment oder zwei noch, und sie
erstarben gänzlich. O, diese herzbrechende Verzweiflung! Tom schrie,
tobte, brüllte, bis er vollständig heiser war, ohne jeden Erfolg.
Hoffnungsvoll redete er Becky zu, aber eine Ewigkeit ängstlichen
Harrens schwand dahin, kein Ton war zu vernehmen.
Die Kinder tasteten sich nach der Quelle zurück; lange, schwere Stunden
schleppten sich dahin; die Verirrten schliefen ein und erwachten halb
verhungert und voll Herzeleid. Tom meinte, nun müsse es wohl Dienstag
sein.
Jetzt kam ihm ein Gedanke. Ganz in der Nähe befanden sich ein paar
Seitengänge. Es war immerhin noch besser, diese zu untersuchen, als
das lastende Gewicht der Zeit müßig zu tragen. Er nahm eine Leine aus
der Tasche, an der er einstmals seinen Drachen hatte steigen lassen,
befestigte dieselbe an einem Felsvorsprung und schritt dann, indem
er die Leine abwickelte, vorwärts. Becky folgte ihm. Nach ungefähr
zwanzig Schritten fiel der Gang plötzlich steil ab. Tom ließ sich auf
die Kniee nieder, fühlte nach unten und dann so weit um die Ecke, als
er bequem mit den Händen reichen konnte. Eben war er im Begriff, mit
größter Anstrengung noch einmal weiter nach rechts zu tasten, als im
selben Augenblick, keine zwanzig Meter entfernt, hinter einem Felsen
hervor eine menschliche Hand erschien, die ein Licht hielt. Tom stieß
einen laut hallenden Jubelschrei aus und alsbald folgte der Hand auch
der Körper, zu dem sie gehörte, -- der Körper des Indianer-Joe. Tom
war wie gelähmt, er konnte kein Glied rühren. Wie erlöst von einem
Banne atmete er auf, als er sah, daß der ›Spanier‹ augenblicklich sich
umwandte und schleunigst Fersengeld gab. Er konnte es kaum begreifen,
daß Joe seine Stimme nicht erkannte und ihm für seine Aussage vor
Gericht nicht den Garaus machte. Das Echo mußte sicherlich die Stimme
unkenntlich gemacht haben, anders konnte er sich's nicht erklären. Die
Furcht lähmte jede Muskel in Toms Körper. Er nahm sich bestimmt vor,
zur Quelle zurückzukehren, wenn er noch Kraft genug dazu besitze, und
dort zu bleiben; nichts in der Welt könne ihn bewegen, sich noch einmal
der Gefahr auszusetzen, dem Indianer-Joe in die Hände zu laufen. So
kroch er denn zurück und hütete sich wohl, Becky etwas von dem merken
zu lassen, was er gesehen hatte. Den Schrei vorhin -- sagte er ihr --
habe er nur noch einmal auf's Geratewohl ausgestoßen.
Hunger und Elend aber trugen auf die Länge der Zeit den Sieg davon.
Eine erneute, schreckliche Zeit des Harrens und Bangens, ein
nochmaliger langer Schlaf änderten Toms Entschluß. Die Kinder erwachten
von rasendem Hunger gepeinigt. Tom meinte, es müsse nun schon Mittwoch
oder Donnerstag, vielleicht gar Freitag oder Samstag sein und die
Suche nach ihnen sei wohl schon längst aufgegeben. Er schlug vor,
einen andern Gang zu durchforschen. Er war nun entschlossen, es mit
dem Indianer-Joe und allen sonstigen Schrecken aufzunehmen. Becky aber
fühlte sich sehr schwach. Sie war in eine traurige Teilnahmlosigkeit
versunken, aus der nichts sie aufrütteln konnte. Sie für ihr Teil wolle
bleiben wo sie sei, hauchte sie matt, wolle hier sterben, es daure nun
doch nicht mehr lange. Tom solle nur gehen und mit der Drachenleine
weiter suchen: nur bat sie ihn flehentlich, doch ja von Zeit zu
Zeit zurückzukommen und mit ihr zu reden. Sie ließ ihn feierlich
versprechen, daß, wenn die letzte bange Stunde käme, er bei ihr bleiben
und ihre Hand halten wolle, bis alles vorüber sei. Tom küßte sie mit
einem erstickenden Gefühl in der Kehle und that, als sei er fest davon
überzeugt, entweder die Suchenden oder einen Ausweg aus der Höhle zu
finden. Dann nahm er seine Drachenleine zur Hand und kroch auf Händen
und Knieen einen der Gänge hinunter, von Hunger gequält, von den
trübsten Ahnungen des nahenden Schicksals gepeinigt.
[Illustration]
Neunundzwanzigstes Kapitel.
Der Dienstag-Nachmittag kam und schwand, die Dämmerung setzte ein. Das
Städtchen St. Petersburg trauerte noch tief. Die verlorenen Kinder
waren immer noch nicht aufgefunden. In der Kirche war öffentlich für
sie gebetet worden, und wieviele Gebete mochten im stillen Kämmerlein
zum Himmel aufgestiegen sein! aber noch immer kam keine bessere
Kunde aus der Höhle. Die Mehrzahl der Suchenden hatte die weitere
Nachforschung aufgegeben und war zu ihren täglichen Beschäftigungen
zurückgekehrt; sie meinten, die Kinder würden doch niemals wieder
gefunden werden. Frau Thatcher war ernstlich erkrankt und lag meist in
Fieberphantasieen. Die Leute sagten, es sei herzbrechend anzuhören, wie
sie nach ihrem Kinde riefe, den Kopf hebe, um wohl eine Minute lang
zu lauschen, und ihn dann ermattet und seufzend wieder niedersinken
zu lassen. Tante Polly war in tiefste Schwermut verfallen, ihr graues
Haar war beinahe schneeweiß geworden. Am Dienstag abend ging alles im
Städtchen traurig und hoffnungslos zur Ruhe.
Etwa gegen Mitternacht brachen die Glocken in ein wildes Geläute aus
und im nächsten Augenblick waren die Straßen voll von Gruppen halb
angekleideter Gestalten, welche wie wahnsinnig: ›heraus, heraus, sie
kommen, sie kommen!‹ in die Nacht hinein schrieen. Blechpfannen und
Hörner halfen das Getöse noch vermehren. Die Bevölkerung drängte sich
in Massen dem Flusse zu, den wiedergefundenen Kindern entgegen, welche
in einem offenen Wagen daher kamen, der von jubelnden, jauchzenden
Männern gezogen wurde. Im Nu war der Wagen dicht umringt und mit Jubel
und Hurrahruf bewegte sich der Triumphzug die Hauptstraße hinauf.
Alle Häuser waren festlich beleuchtet, niemand fiel es ein, nochmals
zu Bette zu gehen, es war der größte Moment, den das Städtchen je
erlebt hatte. Während der ersten halben Stunde bewegte sich die
Einwohnerschaft in langem Zug durch Richter Thatchers Haus. Die
geretteten Kinder wurden mit Fragen und Küssen überschüttet, der armen
Mutter Hand vor Mitgefühl fast ausgerenkt und dabei das ganze Haus mit
Thränen förmlich überschwemmt.
Tante Pollys Seligkeit war vollkommen, und bei Frau Thatcher fehlte
nicht viel dazu. Ihr Glück konnte jedoch erst vollständig sein, wenn
der Bote, den man alsbald mit der großen Neuigkeit nach der Höhle
gesandt, dem armen, trostlos weiter suchenden Vater die Freudenkunde
überbracht haben würde.
Tom lag auf dem Sofa. Einer atemlos lauschenden Zuhörerschaft, die
um ihn herum stand, erzählte er die Geschichte seiner wunderbaren
Abenteuer, wobei er nicht verfehlte, aus freier Erfindung manch
wirkungsvollen Zug zur weiteren Ausschmückung anzubringen. Zum Schlusse
gab er eine besonders anschauliche Beschreibung davon, wie er Becky
verlassen, um eine erneute Entdeckungsreise anzutreten, wie er mit der
Drachenleine in der Hand durch zwei Gänge gekrochen, wie er eben im
Begriff gewesen, dem dritten, den er der ganzen Länge der Schnur nach
durchmessen, hoffnungslos und verzweifelnd den Rücken zu kehren, als
er plötzlich in weitester Entfernung einen hellen Fleck gewahrte, der
wie Tageslicht aussah. Da habe er die Leine fahren lassen, sei auf den
Knieen dem verheißenden Fleck zugekrochen, habe Kopf und Schultern
durch ein enges Loch gezwängt, habe frische, freie Gottesluft geatmet
und den Mississippi seine breiten Wogen an sich vorüber wälzen sehen.
Wäre es zufällig Nacht gewesen, so daß kein heller Fleck zu sehen war,
dann würde er den Gang nicht weiter untersucht haben! Er erzählte, wie
er dann zu Becky zurückkroch, um ihr die Freudenkunde zu bringen, wie
sie ihn bat, sie mit solchem Unsinn zu verschonen, sie sei müde, wisse,
daß sie sterben müsse und wolle sterben. Er beschrieb, welche Mühe
es ihn gekostet, sie zu überzeugen und wie sie dann beinahe wirklich
gestorben sei vor Glück, als sie sich nun mühsam dahingeschleppt, wo
sie das Fleckchen wirkliches und wahrhaftiges Tageslicht sehen konnte.
Wie er zuerst durch das Loch gekrochen und ihr sodann herausgeholfen,
worauf sie beide sich niedergesetzt und vor Freude und Glück geweint
hätten. Dann, sagte er, seien ein paar Männer in einem Boot den Fluß
daher gekommen, er habe sie angerufen und von seiner und Beckys Lage
und von ihrem halb verhungerten Zustande erzählt. Wie ihm die Leute
zuerst nicht hatten glauben wollen, weil es ihnen wie ein tolles
Märchen geklungen, »denn«, sagten sie, »ihr seid ja fünf Meilen
unterhalb der Bucht, in der die Höhle ist,« sich aber dann doch eines
anderen besonnen und sie an Bord genommen hätten. Dann seien sie nach
einem Hause gerudert, hätten ihnen ein Abendessen gegeben, sie ein paar
Stunden lang ausruhen lassen und sie dann endlich nach Hause gebracht.
Vor Tagesgrauen wurden denn auch der Kreisrichter und die Handvoll
Leute, die ihm noch immer treulich suchen halfen, vermittels des
Leitfadens, den sie hinter sich herlaufen ließen, aufgesucht und ihnen
die freudige Botschaft überbracht. Alles war eitel Glück und Freude!
Drei Tage und drei Nächte der Trübsal und des Hungers lassen sich
jedoch nicht mit einem Male abschütteln, das sollten auch Tom und
Becky erfahren. Mittwoch und Donnerstag mußten sie das Bett hüten
und schienen nur immer elender und müder zu werden. Tom freilich
fing schon am Donnerstag an, ein wenig herum zu kriechen, zeigte sich
Freitag auf der Straße und war Sonnabend fast wieder er selber. Becky
aber konnte vor Sonntag das Zimmer nicht verlassen und dann sah sie
aus, als ob sie eine lange, zehrende Krankheit durchgemacht hätte.
Tom hörte von Hucks Kranksein und ging am Freitag ihn zu besuchen,
wurde aber nicht zu ihm gelassen, ebensowenig an den beiden folgenden
Tagen. Nachher durfte er ihn täglich sehen, mußte aber versprechen,
über sein Abenteuer in der Höhle zu schweigen und auch sonst nichts
Aufregendes zu berühren. Frau Douglas, die treue Pflegerin, war immer
zugegen und paßte auf. Zu Hause hörte Tom von dem nächtlichen Abenteuer
hinter dem Douglasschen Besitztum, auch, daß man den Körper des einen
Halunken im Fluß, nahe an dem Landungsplatze der Dampffähre gefunden
habe; er war sicherlich bei dem Fluchtversuch ertrunken.
Etwa vierzehn Tage nach Toms Befreiung aus der Höhle machte dieser
wieder einmal einen Besuch bei Huck, welcher mittlerweile genügend
zu Kräften gekommen war, um ein aufregendes Gespräch ertragen zu
können. An Stoff dazu fehlte es Tom nicht. Sein Weg führte ihn an des
Kreisrichters Haus vorüber und er trat ein, um nach Becky zu sehen.
Deren Vater und ein paar Freunde fingen ein Gespräch mit ihm an und man
fragte ihn scherzweise, ob es ihn gelüste, noch einmal in die Höhle zu
gehen. Tom meinte, warum nicht -- das würde ihm nichts ausmachen.
Da sagte der Kreisrichter:
»Tollköpfe wie du einer bist, giebt's noch mehr, Tom, daran zweifle ich
keinen Augenblick. Aber wir haben der Sache ein Ende gemacht. In der
Höhle soll von nun an keiner mehr verloren gehen.«
»Wieso?«
»Weil ich die große Eichenthüre mit Eisen habe beschlagen und dreifach
verschließen lassen, und weil ich die Schlüssel dazu selber verwahre.«
Tom wurde weiß wie ein Leintuch.
»Herrgott, was giebt's, Junge? Schnell, bring' mal einer ein Glas
Wasser!«
Das Wasser wurde gebracht und Tom damit bespritzt. »So, mein Junge, ist
dir nun besser? Sag' doch nur mal um Himmels willen, was mit dir los
ist, Tom?«
»Ach, Herr Kreisrichter, in -- _der Höhle war ja der -- der
Indianer-Joe_!«
[Illustration]
Dreißigstes Kapitel.
Innerhalb weniger Minuten hatte sich die Neuigkeit im Städtchen
verbreitet und bald war ein Dutzend Boote voll Menschen unterwegs nach
der Höhle, denen kurz nachher die vollgedrängte Dampffähre folgte. Tom
Sawyer befand sich mit dem Kreisrichter in einem Boote. Als man die
schwere Thüre der Höhle öffnete, bot sich in der düstern Dämmerung
des Ortes ein trauriger Anblick dar. Da lag der Indianer-Joe zur Erde
hingestreckt, tot, mit dem Antlitz dicht am Spalt der Thüre, als ob
seine Augen bis zum letzten Moment sehnsüchtig auf das Licht und die
Lust der schönen Gotteswelt da draußen geheftet gewesen wären. Tom war
tief ergriffen, wußte er doch aus eigener Erfahrung, was der Schurke
hatte leiden müssen. Aber obgleich sein Mitleid rege war, empfand
er doch zugleich ein überquellendes Gefühl der Begeisterung und
Erleichterung, welches ihm nun erst offenbarte, bis zu welchem Grade
Furcht und Angst auf ihm lasteten und ihn bedrückten, seit jenem Tage,
an welchem er vor Gericht seine Stimme gegen den blutgierigen Mörder
erhoben hatte.
[Illustration]
Das Dolchmesser des Indianer-Joe lag dicht bei ihm; die Klinge war
entzwei gebrochen. Der große Grundbalken der Thüre war mit unsäglicher
Mühe von dem Messer bearbeitet und schließlich durchschnitten worden;
aber es war vergebliche Arbeit, denn der Felsen bildete von außen
eine natürliche Schwelle, an der das schwache Messer zerschellen
mußte. Selbst ohne dies steinerne Hindernis würde die Arbeit umsonst
gewesen sein, denn er hätte seinen Körper doch nimmermehr unter der
Thüre durchzwängen können, und das wußte der Indianer-Joe wohl.
Trotzdem hatte er weiter geschnitzt und gebohrt, nur um etwas zu
thun, nur um die gräßlich langsam hinschleichende Zeit hinzubringen,
um seine gemarterten Lebensgeister zu irgend einer Thätigkeit zu
zwingen. Gewöhnlich konnte man eine Anzahl Lichtstümpfchen, welche von
den jeweiligen Besuchern zurückgelassen worden waren, in den Rissen
und Spalten dieser Vorhalle stecken sehen. Heute war nichts davon
zu erblicken. Der Eingesperrte hatte sie wohl alle zusammengesucht
und gegessen. Einiger Fledermäuse mußte er sich zu demselben Zwecke
bemächtigt haben, wie aus den herumliegenden Flügeln ersichtlich
war. Der Unglückliche war buchstäblich Hungers gestorben. Nicht
weit von ihm war im Lauf der Jahrhunderte ein Tropfsteingebilde vom
Boden aufgewachsen, genährt von dem fallenden Tropfen eines oben
niederhängenden Stalaktiten. Der Indianer-Joe hatte den Tropfstein
abgebrochen und auf den Stumpf einen Stein gelegt, in den er eine
kleine Vertiefung gehöhlt, um den kostbaren Tropfen aufzufangen, der
einmal in zwanzig Minuten mit der Regelmäßigkeit eines Uhrpendels
herabfiel -- im ganzen ein Theelöffel voll in vierundzwanzig Stunden.
Jener Tropfen fiel schon, da die Pyramiden neu waren, er fiel, als
Troja sank, als Rom gegründet wurde, als man Christum kreuzigte,
als Wilhelm der Eroberer das britische Reich schuf, als Columbus
segelte, als der Unabhängigkeitskrieg ausbrach. Jener Tropfen fällt
noch jetzt und er wird weiter fallen, wenn alle diese Dinge durch das
Tageslicht der Geschichte in die Dämmerung der Sage, in die tiefe
Nacht der Vergessenheit gesunken sein werden. Ob alles hienieden
seinen Zweck, seine Bestimmung hat? Mußte jener Tropfen so geduldig
fallen, fünftausend Jahre hindurch, um zur betreffenden Stunde für
das Bedürfnis jener vergänglichen, menschlichen Eintagsfliege bereit
zu sein? Wird er in zehntausend Jahren irgend eine andere Mission zu
erfüllen haben? Wer das wissen könnte! Doch, was liegt daran? -- Viele,
viele Jahre sind verflossen, seit jener Unglückliche den Stein höhlte,
um den kostbaren Tropfen aufzufangen, doch bis zum heutigen Tage
betrachtet jeder Besucher der Höhle am längsten diesen Stein und den
niederfallenden Tropfen. Der ›Becher des Indianer-Joe‹ nimmt unter den
Wundern der Höhle die erste Stelle ein; selbst ›Aladdins Palast‹ kann
nicht damit konkurrieren.
Dicht beim Ausgang der Höhle wurde der Indianer-Joe beerdigt. Zu dem
Begräbnis strömten die Leute aus allen Himmelsgegenden, auf sieben
Meilen in die Runde, zu Boot und zu Wagen herbei. Sie hatten ihre
Kinder und allerlei Lebensmittel mitgenommen, und gingen schließlich so
befriedigt von dannen, als ob Joe gehängt worden wäre.
Am darauffolgenden Morgen nahm Tom seinen Freund Huck an einen
heimlichen Ort, um etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen. Huck hatte
inzwischen Toms Abenteuer erfahren, dieser meinte aber, es sei noch
etwas dabei, was er sicher nicht gehört hätte und darüber eben wolle
er reden. Hucks Gesicht nahm eine betrübte Miene an; er sagte: »Weiß
schon, was du willst, Tom! Bist in Nummer Zwei gewesen und hast nur
Schnaps gefunden, gelt? Es hat mir's niemand gesagt, aber wie ich von
der Schnapsgeschichte hörte, wußte ich gleich, daß du es gewesen bist.
Geld hast du keins gefunden, das weiß ich, hättst's mich sonst wissen
lassen. Na, Tom, ich hatte immer so eine Ahnung, daß wir am Ende mit
leeren Händen ausgehen.«
»Aber, Huck, ich hab' kein Wort über den Gastwirt gesagt! In seiner
Schenke war ja noch alles in Ordnung, als ich am Samstag zum Picknick
ging. Weißt du's nicht mehr? Du hast ja die Nacht dort wachen sollen!«
»Weiß Gott, ja. Mir kommt's wie 'ne Ewigkeit vor. 's war in derselben
Nacht, als ich dem Indianer-Joe da hinauf hinter den Gartenzaun der
Frau Douglas nachgeschlichen bin.«
»Du bist ihm nachgeschlichen?«
»Ja, aber du hältst reinen Mund drüber, hörst du? Der Kerl könnte gute
Freunde hinterlassen haben, und die möcht' ich nicht auf mich hetzen.
Wenn ich nicht gewesen wär', wär' der Schuft jetzt in Texas oder Gott
weiß wo.«
Huck teilte nun Tom im Vertrauen sein ganzes Abenteuer mit, von dem
dieser nur ein Bruchstück durch den alten Walliser gehört hatte.
»Na,« schloß dann Huck, zur Hauptfrage zurückkommend, »und wer den
Schnaps in Nummer Zwei ausgehoben hat, der hat auch das Geld, soviel
ist sicher! Wir können uns den Mund wischen!«
»Huck, das Geld war gar nie in Nummer Zwei.«
»_Was?_« Huck starrte Tom in's Gesicht, »Tom, bist du am End' gar dem
Schatz nochmals auf der Spur?«
»Huck, -- er ist in der Höhle!«
Hucks Augen glänzten.
»Sag's noch einmal, Tom.«
»Das Geld ist in der Höhle!«
»Tom, -- Herrgott im Himmel noch einmal, -- ist's Scherz oder Ernst?«
»Ernst, Huck, so ernst, wie nur was sein kann im Leben. Willst du
mitkommen und 's heraus holen?«
»Na und ob! Das heißt -- wenn's wo liegt, wo wir's holen können und den
Weg wieder heraus finden.«
»Dafür steh' ich dir!«
»Woher glaubst du aber, daß das Geld --«
»Wart' nur bis du dort bist. Finden wir es nicht, dann schenk' ich dir
meine Trommel und alles, was ich sonst noch hab', so gewiß wie --«
»Ist 'n Wort. Wann also?«
»Gleich jetzt, wenn du willst. Bist du stark genug?«
»Ist's weit drin in der Höhle? Bin jetzt erst drei Tage wieder ein
wenig auf meinen Spazierhölzern; ich glaub', weiter als 'ne Meile thun
sie's noch nicht, Tom.«
»Auf dem gewöhnlichen Weg sind's freilich ungefähr fünf Meilen, aber
man kann gewaltig abschneiden, auf einem Weg, den ich allein weiß. Ich
bringe dich im Boot an die Stelle und du sollst keinen Finger dabei
rühren.«
»Na, dann gleich los, Tom.«
»Schon recht, wir brauchen aber erst Brot und Fleisch und unsre
Pfeifen, ein paar kleine Säcke und einen Knäuel Schnur, dann 'n paar
von den neumodischen Dingern, die sie Zündhölzer nennen. Ich sag' dir,
ich wäre gottfroh gewesen, wenn ich neulich einige gehabt hätte, als
ich so in der Klemme saß.«
Kurz nach Mittag ›liehen‹ sich die Jungen ein kleines Boot von einem
Manne, der gerade nicht daheim war, und machten sich alsbald auf den
Weg. Als sie ein paar Meilen unterhalb der ›Höhlen-Bucht‹ waren, sagte
Tom:
»Siehst du, Huck, die ganze steile Uferstrecke von der ›Höhlenbucht‹ an
bis hierher, ist überall gleich -- kein Haus, kein Wald, nur Gestrüppe;
aber sieh, dort oben der helle Fleck, wo ein Erdrutsch gewesen sein
muß, das ist mein Merkzeichen. Jetzt landen wir.«
Und sie landeten.
»Wo wir jetzt stehen, Huck, könntest du mit 'ner Angelrute das Loch
berühren, durch das wir herausgekrochen sind. Such' mal, ob du's finden
kannst.«
Huck suchte überall herum, fand aber nichts. Stolz schritt Tom auf ein
dichtes Gesträuch von Sumachbüschen zu und sagte:
»Hier ist's! Sieh' dir's an, Huck, 's ist das nettste Loch im ganzen
Lande. Daß du aber den Mund hältst drüber. Lang schon hab' ich mal 'n
Räuber sein wollen, hab' aber dazu so was gebraucht wie das Loch hier,
nur wollt' sich's eben nicht finden lassen. Jetzt hab' ich's und wir
sind fein still davon, sagen's nur dem Joe Harper und dem Ben Rogers,
denn wir müssen doch 'ne ganze Bande haben, sonst hat das Ding keinen
Schick. Tom Sawyers Bande, 's lautet famos, gelt Huck?«
»Das thut's, Tom, das thut's weiß Gott! Und wer wird beraubt?«
»Na, jeder. Wir lauern eben den Leuten auf, so macht man's.«
»Und töten sie?«
»Nee -- immer nicht! Sperren sie in die Höhle, bis sie sich
ranzionieren.«
»Ranzion -- was? Was heißt denn das?«
»Na, Geld geben! Ihre Freunde müssen alles zusammenkratzen, was sie
können, und wenn die Summe, die man verlangt, nach Jahresfrist nicht
beisammen ist, dann bringt man die Gefangenen um. So wird's gewöhnlich
gemacht. Nur die Weiber läßt man leben. Die sperrt man ein, aber
man tötet sie nicht. Die sind immer schön und reich und entsetzlich
furchtsam. Man nimmt ihnen die Uhren und ihre andern Sachen, zieht
aber immer den Hut vor ihnen und ist höflich. Niemand ist so höflich,
wie die Räuber, das kannst du in jedem Buch lesen. Na die Weiber, die
lieben einen dann, und wenn sie erst mal zwei, drei Wochen in der Höhle
gewesen sind, hören sie auf zu weinen und man kann sie schließlich
nicht wieder los werden. Wenn man sie hinaustreiben wollte, würden sie
flugs Kehrt machen und zurückkommen. So steht's in allen Büchern.«
»Na, das laß ich mir gefallen. 's ist noch besser als Seeräuber sein.«
»In einer Art ist's freilich besser, 's ist nicht so weit von Hause und
näher beim Zirkus und all den Sachen.«
Jetzt war alles bereit und die Jungen schlüpften in das Loch, Tom
voran. Sie krochen mühsam bis zum andern Ende des kleinen Stollens,
befestigten dann ihre Leine und drangen weiter vor. Wenige Schritte
brachten sie zu der Quelle, und Tom fühlte sich von einem kalten
Schauder überrieselt. Er zeigte Huck das übriggebliebene Dochtrestchen,
das mit einem Klümpchen Lehm an der Felswand befestigt war, und
beschrieb, wie er und Becky verzweifelnd dem letzten Aufflackern und
Erlöschen der Flamme zugesehen.
Die Jungen sprachen jetzt nur noch im Flüsterton, denn die Stille und
Trostlosigkeit des Orts bedrückte ihre Stimmung. Sie schritten weiter
und kamen an jenen andern Gang, der an dem vermeintlichen ›Abgrund‹
endete. Beim Kerzenschein stellte sich indessen heraus, daß hier kein
unergründlicher Abgrund, sondern nur eine steile Lehmwand von zwanzig
bis dreißig Fuß Tiefe war. Tom flüsterte:
»Jetzt will ich dir was zeigen, Huck.«
Er hob die Kerze hoch und sagte:
»Sieh' mal so weit um jene Ecke als du kannst. Siehst du was? Dort, an
dem großen Felsblock drüben, -- mit Kerzenrauch geschwärzt?«
»Tom, 's ist ein _Kreuz_!«
»Nun, und wo ist die Nummer Zwei? _Unter dem Kreuz_, he? Grad' dort
hab' ich den Indianer-Joe gesehen, wie er seine Kerze in die Höhe hob,
Huck!«
Huck starrte eine Weile auf das geheimnisvolle Zeichen und hauchte dann
mit zitternder Stimme:
»Tom, laß uns machen, daß wir fort kommen!«
»Was, und den Schatz im Stich lassen?«
»Ja, lieber. Dem Indianer-Joe sein Geist treibt sich gewiß hier herum.«
»Bewahre, Huck, hier nicht! Der spukt an der Stelle, wo der Kerl
gestorben ist, am Ausgang drüben -- fünf Meilen von hier!«
»Nee, Tom, das glaub' ich nicht. Der spukt bei seinem Geld herum. Ich
weiß, wie's Geister machen, und du weißt's auch!«
Tom begann zu überlegen, daß Huck am Ende recht haben könne. Böse
Ahnungen stiegen in ihm auf. Plötzlich kam ihm ein erlösender Gedanke.
»Denk' doch nach, Huck, wir sind alle beide Narren! Wie kann denn ein
Geist da herumspuken, wo ein Kreuz ist!«
Das war ins Schwarze getroffen.
»Tom, daran hab' ich gar nicht gedacht. Aber so ist's. Das Kreuz ist
'n Glück für uns. Wir wollen mal da hinab klettern und nach der Kiste
schauen.«