Dies erregte natürlich die allgemeine Neugierde in so hohem Grade, daß

man darüber beinahe die Hauptsache vergaß. Der Walliser aber ließ sich

durch die brennende Neugierde seiner Zuhörer, die sich durch deren

Vermittlung nach und nach dem ganzen Städtchen mitteilte, nicht irre

machen, sondern behielt sein Geheimnis wohlverwahrt bei sich. Als die

Leute alles übrige in Erfahrung gebracht hatten, sagte die Witwe:

»Gestern abend las ich noch im Bett und schlief ein, so fest, daß ich

von dem ganzen Spektakel gar nichts hörte. Warum haben Sie mich denn

nicht aufgeweckt?«

»Na, das hielten wir für unnötig. Die Kerls kamen schwerlich wieder,

das war so gut wie gewiß. Weshalb also Lärm schlagen und Sie

unnötigerweise zu Tod erschrecken? Außerdem hab' ich meine drei Nigger

für den Rest der Nacht als Wächter um Ihr Haus gestellt, Madam, die

sind eben zurückgekommen.«

Immermehr Leute kamen, und die Geschichte mußte nochmals erzählt und

wieder erzählt werden, und immer so weiter, einige Stunden lang.

Wie gewöhnlich an ereignisvollen Tagen war die Kirche -- es war gerade

Sonntag -- frühzeitig und stark besucht. Das aufregende Ereignis wurde

gehörig besprochen. Man erzählte sich, daß bis jetzt noch nicht die

geringste Spur der Schurken aufgefunden worden sei.

Nach dem Gottesdienst ging Frau Kreisrichter Thatcher auf Frau Harper

zu, als diese mit der Menge den Hauptgang der Kirche hinabschritt, und

fragte:

»Meine Becky will heute wohl den ganzen Tag durch schlafen? Habe mir's

doch gedacht, daß sie todmüde sein würde!«

»Ihre Becky?«

»Nun ja,« bestätigte die Frau Kreisrichter mit erschrockenem Blick.

»Die ist doch diese Nacht bei Ihnen geblieben?«

»Bewahre -- nein.«

[Illustration]

Frau Thatcher wurde blaß und sank in den nächststehenden Stuhl, gerade

als eben Tante Polly, mit einer Freundin sich lebhaft unterhaltend,

daher schritt.

»Guten Morgen Frau Kreisrichter, Morgen Sally Harper, hab' da wieder

mal 'nen Schlingel, der nicht heimgekommen ist. Denk' mir, er wird über

Nacht bei Ihnen geblieben sein, bei der einen oder der andern. Fürchtet

sich drum wohl in die Kirche zu kommen, hat ohnedies noch was bei mir

im Salz liegen -- ha, ha!«

Frau Thatcher, blässer als je, konnte nur leise verneinend den Kopf

bewegen.

»Bei uns ist er nicht,« sagte Frau Harper zögernd, sie fing auch an

ängstlich zu werden. Eine plötzliche Furcht malte sich in Tante Pollys

Antlitz.

»Joe Harper, hast du meinen Tom heute morgen schon gesehen?«

»Nein.«

»Wann hast du ihn zuletzt gesehen?«

Joe versuchte sich zu besinnen, konnte aber nicht ganz klar darüber

werden.

Man war allmählich auf die bestürzte Gruppe aufmerksam geworden. Die

Leute blieben stehen, ein Flüstern ging durch die Menge, Unruhe und

Sorge zeigte sich in jedem Gesichte. Kinder und junge Leute wurden

ängstlich ausgefragt. Alle stimmten darin überein, daß niemand acht

gegeben hätte, ob Tom und Becky bei der Heimfahrt dabei gewesen. Es sei

dunkel geworden und man habe nicht nachgesehen, ob irgend jemand fehle.

Ein junger Mann platzte endlich mit der Vermutung heraus, sie seien am

Ende noch in der Höhle.

Die Frau Kreisrichter wurde daraufhin ohnmächtig, Tante Polly weinte

und rang die Hände.

Die Schreckenskunde flog von Lippe zu Lippe, von Gruppe zu Gruppe, von

Straße zu Straße, und innerhalb fünf Minuten tönte wildes Glockenläuten

vom Turme und die ganze Stadt war in Bewegung. Die nächtlichen

Ereignisse verloren jegliches Interesse, Räuber und Mörder waren

vergessen, Pferde wurden gesattelt, Boote bemannt, die Fähre flott

gemacht, und ehe die Schreckensmäre eine halbe Stunde alt war, befanden

sich zweihundert Mann zu Wasser und zu Lande auf dem Wege nach der

Höhle.

Den ganzen langen Nachmittag hindurch schien das Städtchen wie

ausgestorben. Viele Frauen besuchten Frau Thatcher und Tante Polly, um

sie zu trösten oder mit ihnen zu weinen, was besser war als alle Worte.

Die ganze lange Nacht hindurch wartete man im Städtchen auf

Nachrichten, und als endlich der Morgen tagte, war nur zu hören:

Schickt mehr Kerzen und schickt Lebensmittel!

Frau Thatcher war fast von Sinnen, Tante Polly desgleichen. Der

Kreisrichter sandte von Zeit zu Zeit ein Wort der Hoffnung und

Ermutigung aus der Höhle, Trost aber brachte das nicht.

Der alte Walliser kam gegen Morgen heim, mit Kerzentalg bespritzt,

mit Lehm beschmiert, zu Tode erschöpft. Er fand Huck noch immer auf

dem Lager, das er ihm angewiesen; dessen Geist erging sich in wilden

Fieberphantasieen. Da die Aerzte mit in der Höhle waren, so wußte er

keinen besseren Rat, als die Witwe Douglas zu holen, die denn auch

sofort kam und sich des Patienten liebreich annahm.

Im Laufe des Vormittags begannen sich allmählich truppweise die

erschöpften Männer im Städtchen wieder einzufinden, während die

Stärkeren draußen blieben, um weiter zu suchen. Alles was man erfahren

konnte war, daß die entlegensten Strecken der Höhle, die bis jetzt

noch kein menschlicher Fuß betreten, abgesucht worden waren, daß jeder

Winkel, jeder Spalt durchforscht werde, daß man überall, wohin der

Fuß sich auch wende, im Gewirr der Gänge, Lichter hin und her huschen

sehe, und daß fortwährend Rufe und Pistolenschüsse in dumpfem Widerhall

gegen die düsteren Felsenwände anschlügen. An einer Stelle, weit von

dem gewöhnlich begangenen Teil der Höhle entfernt, hatte man die Namen

›Becky‹ und ›Tom‹ mit Kerzenrauch auf der Felswand eingeschwärzt

gefunden und dicht dabei ein mit Talg beschmutztes Stückchen Band.

Frau Thatcher erkannte das letztere als ihrem Kinde gehörig und weinte

heiße Thränen darauf. Sie sagte, es sei dies das letzte Zeichen, das

sie jemals von ihrem Kinde erhalten werde, daß kein Andenken ihr so

kostbar und teuer sein könne, als dies kleine Stückchen Band, denn dies

sei das letzte, was sich von dem geliebten, lebendigen Körper gelöst,

ehe der grausame Tod gekommen. Man erzählte, wie einzelne hie und da in

der Höhle ein fernes Lichtfünkchen entdeckten, um mit Jubel und Hallo

und voller Hoffnungsfreudigkeit drauf los zu stürzen, aber stets folgte

bittere Enttäuschung: es waren nicht die vermißten Kinder, sondern nur

das Licht irgend eines andren Mitsuchenden.

Drei schreckliche Tage und Nächte schleppten ihre endlosen Stunden

über das Städtchen hin, und dieses versank in hoffnungslose, starre

Betäubung. Niemand hatte Lust zu irgend etwas. Die eben erfolgte

zufällige Entdeckung, daß der Besitzer der Mäßigkeitsvereins-Herberge

Spirituosen hielt, machte kaum Eindruck, so furchtbar diese Thatsache

auch sein mochte. In einem lichten Moment suchte Huck die Rede auf

Gasthöfe im allgemeinen und diese Mäßigkeitsvereins-Herberge im

besonderen zu lenken, und fragte zuletzt zaghaft, das Schlimmste

befürchtend, ob irgend etwas dort entdeckt worden sei, während er krank

gewesen.

»Ja,« bestätigte die Witwe.

Mit wild starrenden Augen fuhr Huck im Bett in die Höhe:

»Was -- was denn?«

»Branntwein! -- man hat die Herberge geschlossen. Leg' dich doch, Kind,

-- wie hast du mich erschreckt!«

»Sagen Sie mir nur noch eines, -- nur noch eins, bitte, hat's Tom

Sawyer gefunden?«

Die Witwe brach in Thränen aus.

»Still, still, Kind, still. Ich habe dir's doch schon gesagt, du darfst

nicht reden. Du bist sehr, sehr krank.« --

Also nur Branntwein war gefunden worden; hätte man das Gold entdeckt,

wäre ein andres Hallo entstanden. Der Schatz war also verloren, --

verloren für immer. Warum aber weinte die Frau? Sonderbar, was hatte

sie zu weinen?

Dunkel bahnten sich solche Gedanken ihren Weg durch Hucks mattes Gehirn

und machten ihn so müde, daß er drüber in Schlaf sank. Die treue

Pflegerin beobachtete ihn und flüsterte leise:

»Da -- nun schläft er wieder, armer, kleiner Kerl. Ob Tom Sawyer den

Branntwein gefunden hat! Großer Gott, wenn doch nur einer den Tom

Sawyer selber finden wollte! Viele giebt's nicht mehr, die noch Kraft

genug oder auch Hoffnung genug haben, um weiter zu suchen.«

[Illustration]

Achtundzwanzigstes Kapitel.

Kehren wir jetzt zu Toms und Beckys Anteil am Picknick zurück.

Sie wanderten mit der übrigen Gesellschaft durch die düsteren

Gänge, um die bekannten Wunder der Höhle zu besuchen, -- Wunder

mit vielversprechenden, prunkenden Namen, wie der ›große Saal‹,

›die Kathedrale‹, ›Aladdins Palast‹, und so weiter. Dann kam das

Versteckspiel an die Reihe und Tom und Becky beteiligten sich mit

Eifer daran, bis das Vergnügen anfing, etwas ermüdend zu wirken. Dann

schlenderten sie durch die verzweigten Gänge, hielten die Kerzen hoch

und lasen das Gewirr von Namen, Daten, Adressen und Reimen, welche

mit Kerzenrauch gemalt, die Felswände gleich Fresken bedeckten.

Immer weiter schreitend und plaudernd merkten sie kaum, daß sie sich

nun in einem Teil der Höhle befanden, wo die Wände noch unbefleckt

waren. Sie schwärzten ihre eigenen Namen an einer geeigneten Stelle

ein und schritten dann weiter. Nun kamen sie an einen Ort, wo ein

kleines Wässerchen, das von einer Wand niederträufelte und einen

Bodensatz von Kalk mit sich führte, im Laufe endloser Zeiträume einen

ganzen Wasserfall aus Spitzen und Schnörkelwerk in schimmerndem,

unvergänglichem Gestein gebildet hatte. Tom zwängte seinen schmächtigen

Körper dahinter, um den spitzenartigen Ueberhang zu Beckys Vergnügen

zu beleuchten und entdeckte, daß derselbe eine steile, von der

Natur geschaffene Treppe verbarg, die zwischen engen Wänden abwärts

führte. Jetzt kam der Ehrgeiz des Entdeckers über ihn. Becky folgte

seinem Ruf, sie machten sich mit Rauch ein Zeichen an die Wand, um

sich später wieder zurecht zu finden und traten dann wohlgemut die

Entdeckungsreise an. Sie schlugen bald diesen, bald jenen Weg ein und

gelangten nach und nach in die geheimsten Tiefen der Höhle; sie machten

sich dann ein zweites Zeichen und zweigten ab, um nach neuen Wundern

zu suchen, von denen sie der staunenden Oberwelt mit Stolz berichten

könnten. Sie kamen zu einem hallenartigen Raume, von dessen Decke

Massen von riesigen, schimmernden Tropfsteingebilden niederhingen.

Staunend durchwanderten sie die Halle nach allen Seiten und verließen

dieselbe dann, immer kühner werdend, durch einen der zahlreichen, hier

einmündenden Seitengänge. Dieser brachte sie nach kurzer Frist zu

einer entzückenden, kleinen Quelle, deren Becken mit einer wunderbar

glitzernden Kruste phantastisch geformter Kristalle überzogen war.

Dieser Zauberborn befand sich inmitten eines neuen Gewölbes, dessen

Decke durch eine Menge schlank aufstrebender Pfeiler gestützt wurde,

welche durch das allmähliche Zusammenwachsen großer Tropfsteingebilde

im Laufe vieler Jahrhunderte entstanden waren. Unter der Wölbung

hatten sich riesige Klumpen von Fledermäusen zusammengeballt, Tausende

auf einem Knäuel. Das Licht störte die nächtlichen Wesen auf, so daß

sie zu Hunderten hernieder flatterten und mit tollem Gequieke gegen

die Lichter schossen. Mit dem Wesen dieser Tiere vertraut, erkannte

Tom sofort das Gebahren und die Gefahr, die für sie beide darin lag.

Er ergriff Beckys Hand und stürzte mit ihr in den ersten besten

Seitengang, der sich ihnen zeigte; keinen Augenblick zu frühe, denn

eben huschte eine Fledermaus mit ihrem Flügel so dicht an Beckys Kerze

vorüber, daß die kleine Flamme erlosch. Tom gelang es, die seine mit

Erfolg zu hüten, obgleich die aufgescheuchten Tiere die Kinder noch

weit durch die verschiedensten Gänge verfolgten, welche diese in

blinder Hast durcheilten, nur darauf bedacht, der Gefahr möglichst

rasch zu entgehen. Kurz darauf fand Tom einen unterirdischen See,

dessen nächtliche Fluten sich weit in die schwarzen Schatten hinein

verloren. Ihn gelüstete, das Ufer ringsum zu erforschen, doch zuvor

beschlossen die Kinder, sich ein Weilchen zu setzen, auszuruhen und

frische Kräfte zu sammeln. Jetzt, zum erstenmal, legte sich die

schauerlich tiefe Stille der Umgebung wie eine feuchtkalte Hand auf die

mutig und fröhlich pochenden Herzen der Kinder. Becky meinte:

»Ich hab' gar nicht acht gegeben, aber mir kommt's wie eine Ewigkeit

vor, seit wir die andern nicht mehr gehört haben.«

»Denk' doch 'mal 'n bißchen nach, Becky, wir sind ja tief unter ihnen

und weiß Gott wie viel weiter nördlich oder südlich oder östlich oder

was es ist. 's ist ja einfach unmöglich, 'was zu hören.«

Becky wurde ängstlich.

»Möcht' wissen, wie lang wir schon hier unten sind, Tom. Laß uns lieber

umkehren.«

»Ja, 's wird wohl besser sein, denk' ich, s' wird besser sein.«

»Weißt du den Weg, Tom? Mir ist's das reine Wirrsal.«

»Finden könnt' ich ihn am End', aber denk' doch mal, die Fledermäuse!

Wenn die uns beide Lichter ausmachen, kann's 'ne böse Geschichte für

uns werden. Müssen eben probieren, 'nen andern Weg zu finden, der nicht

dort durchführt.«

»Gut, aber hoffentlich verirren wir uns nicht. Das wäre zu gräßlich!«

Und das Kind schauderte bei dem Gedanken an die bloße Möglichkeit.

Sie wandten sich nun durch einen langen Gang zurück und durchschritten

denselben schweigend eine lange, lange Zeit, starrten dabei in jeden

Seitengang, um irgend ein bekanntes Zeichen zu entdecken, aber alles,

alles war neu und fremd. Jedesmal, wenn Tom prüfte und untersuchte,

beobachtete Becky ängstlich sein Gesicht, um eine Spur der Entmutigung

zu finden, und er sagte regelmäßig ganz heiter:

»Oho, ganz recht. Hier ist's noch nicht, wird wohl gleich kommen!«

Aber mit jedem Fehlschlagen fühlte er weniger und weniger Hoffnung im

Herzen und begann allmählich auf's Geratewohl die abzweigenden Gänge

zu durchwandern, sich in der Verzweiflung damit tröstend, er werde

am Ende durch Zufall den richtigen Weg finden. Wohl sagte er immer

noch: ›Schon recht!‹ aber allmählich hatte sich die Angst wie ein

Bleigewicht auf seine Seele gelegt, die Worte hatten den Klang der

Ueberzeugung verloren und lauteten, als ob sie bedeuten sollten: ›Alles

ist verloren‹. Becky drängte sich in lautlosem Entsetzen dicht an seine

Seite und preßte mit Gewalt die Thränen zurück. Endlich sagte sie:

»O, Tom, was liegt an den Fledermäusen, laß uns doch den alten Weg

gehen. Hier scheint's, als ob wir weiter und weiter abkämen.«

Tom blieb stehen.

»Horch!« sagte er.

Tiefes Schweigen, ein Schweigen so tief, daß die Kinder in der

Stille ihre eigenen Atemzüge hören konnten. Tom rief laut hinaus in

das Dunkel. Der Ruf tönte widerhallend die einsamen Gänge entlang

und erstarb in der Ferne in einem schwachen Laute, der fast wie

Hohngelächter klang.

»O, thu's nicht wieder, Tom, thu's nicht wieder. Es ist gräßlich,«

flehte Becky.

»Gräßlich ist's, aber 's ist doch besser, wenn ich's thue, Becky, sie

_könnten_ uns doch am Ende hören,« und er schrie noch einmal.

Dieses ›könnten‹ war beinahe noch gräßlicher, als jenes geisterhafte

Lachen, es lag eine solch' verzweifelte Hoffnungslosigkeit drin!

Wieder lauschten die Kinder mit aller Anstrengung, aber kein Ton

ließ sich hören. Tom wandte sich sofort zurück und beeilte seine

Schritte. Es dauerte nur eine kleine Weile, bis eine gewisse Unruhe und

Unschlüssigkeit in seinem Benehmen Becky die furchtbare Thatsache ahnen

ließ, daß er den Rückweg nicht zu finden vermochte!

»Tom, o Tom, du hast dir ja gar keine Zeichen mehr gemacht!«

»Ja, Becky, ich war ein Narr, ein elender, blinder, dummer Narr! Ich

hab' gar nicht dran gedacht, daß wir wieder zurück müssen! Nein, ich

kann den Weg nicht finden, 's läuft ja hier alles kreuz und quer.«

»Tom, Tom, wir sind verloren! Wir können nie, nie wieder aus dieser

gräßlichen Höhle heraus. O, warum sind wir von den andern fortgegangen!«

Sie sank zu Boden und brach in so krampfhaftes Weinen aus, daß Tom

angst und bange wurde, sie möchte sterben oder den Verstand verlieren.

Er beugte sich zu ihr und schlang seine Arme um sie, sie barg ihr

Gesichtchen an seiner Brust, schmiegte sich fest an ihn und strömte

ihr Entsetzen und ihre Reue in Wehklagen aus, das in dem fernen Echo

wie spöttisches Gelächter verklang. Vergebens flehte Tom sie an, Mut

zu fassen. Nun begann er sich selber Vorwürfe zu machen und sich

anzuklagen, daß er sie in so gräßliche Lage gebracht. Das hatte bessere

Wirkung. Sie wollte mit bestem Willen versuchen, wieder zu hoffen, und

erklärte sich bereit, ihm zu folgen, wohin er sie führe, nur dürfe er

nicht wieder so reden, denn er sei nicht mehr zu tadeln als sie selber.

So schritten sie also wieder dahin, ziellos, planlos, auf gutes Glück.

Das einzige, was sie thun konnten, war vorwärts zu gehen, sich in

Bewegung zu erhalten. Ein kleines Weilchen schien die Hoffnung wieder

aufleben zu wollen; nicht daß ein besonderer Grund dazu vorhanden

gewesen wäre; allein es ist eben einmal die Natur der Hoffnung, sich

leicht wieder zu beleben, wo ihr die Schwungkraft noch nicht durch

Alter und stetes Mißlingen geraubt worden ist.

Bald darauf nahm Tom Beckys Licht und blies es aus. Dieser Akt der

Sparsamkeit war vielsagend. Da bedurfte es keiner Worte. Becky verstand

seine Bedeutung, und die Hoffnung erstarb ihr wieder. Sie wußte, daß

Tom eine ganze Kerze und noch drei oder vier Stümpfchen dazu in seiner

Tasche trug, -- und doch sparte er!

Allmählich machte die Müdigkeit ihre Rechte geltend, allein die Kinder

wollten nicht darauf achten; sie konnten unmöglich an Niedersitzen

und Rast denken, wo die Zeit so kostbar war. Sich vorwärts bewegen

in irgend einer Richtung bedeutete doch einen Fortschritt und konnte

möglicherweise ein Gelingen zur Folge haben; sich niedersetzen hieß den

Tod herbeirufen und sein Kommen beschleunigen.

Zuletzt versagten Beckys zarte Glieder jeden weiteren Dienst, sie mußte

sich setzen. Tom ließ sich neben ihr nieder und sie sprachen von zu

Hause, von ihren Angehörigen, von ihren behaglichen Betten und vor

allem vom lieben, goldnen Tageslicht! Becky weinte leise vor sich hin

und Tom zerbrach sich den Kopf, wie er sie trösten könne; aber jedes

Trostwort war schon längst verbraucht und klang beinahe wie Hohn und

Spott. Bleierne Müdigkeit lastete auf Becky und drückte ihr zuletzt die

Augen zu. Wie froh war Tom. Er saß und starrte in ihr gramverzogenes

Gesichtchen, das nach und nach unter dem Einfluß heiterer Träume hell

und heller wurde, bis sich allmählich ein verklärendes Lächeln darüber

ergoß. Die friedvollen Züge warfen einen Strahl von Frieden und Ruhe in

seine eigene Seele und seine Gedanken wanderten zurück zu vergangenen

Tagen, träumerischer Erinnerung voll. Während er noch tief in

Nachsinnen versunken war, erwachte Becky mit einem kurzen, fröhlichen

Lachen, das ihr jedoch alsbald auf den Lippen erstarb und einem Stöhnen

Platz machte.

»O, wie konnte ich nur schlafen! Wär' ich doch nie, nie mehr

aufgewacht! Aber Tom, was hast du? -- Ich will's ja nie wieder sagen,

nur sieh' mich nicht so an!«

»Ich bin froh, daß du geschlafen hast, Becky, nun bist du wieder munter

und wir finden sicher den Weg hinaus.«

»Wir wollen's versuchen! Ach, ich hab' im Traum so 'n schönes,

herrliches Land gesehen, -- ich glaub', wir kommen dorthin!«

»Noch nicht, Becky, vielleicht noch nicht. Mutig vorwärts, laß uns

weiter suchen!«

Sie erhoben sich und wanderten weiter, Hand in Hand, hoffnungslos. Sie

versuchten zu schätzen, wie lange sie schon in der Höhle herumirrten,

es kam ihnen vor, als seien es Tage und Wochen, aber es konnte

unmöglich sein, denn noch waren ihre Kerzen nicht ausgegangen.

Lange Zeit hernach, wie lange wußten sie nicht, sagte Tom, sie müßten

nun leise gehen und lauschen, ob sie nicht das Rieseln von Wasser

hörten, -- sie müßten eine Quelle finden. Bald darauf fanden sie

wirklich eine, und Tom hielt es an der Zeit, wieder auszuruhen. Beide

waren furchtbar müde, aber Becky meinte trotzdem, sie könne noch ein

wenig weiter gehen. Zu ihrer Ueberraschung war Tom anderer Meinung; sie

konnte nicht verstehen warum. So setzten sie sich denn nieder und Tom

befestigte die Kerze mit etwas Lehm an der gegenüber liegenden Wand.

Gedanken kamen und gingen, gesprochen wurde lange Zeit nichts. Endlich

brach Becky das Schweigen:

»Tom, ich bin so hungrig.«

Tom zog etwas aus seiner Tasche.

»Kennst du das?«

Becky lächelte beinahe. Es war ein Stückchen Kuchen, das er ihr aus

Scherz während des Picknicks abgejagt hatte, worüber sie damals sehr

ungehalten schien. Nun war es zum letzten Hoffnungsanker in der Not

geworden.

»Wollt' es wär' hundertmal so groß,« brummte Tom, »könnten's jetzt

brauchen!«

»O, Tom, wo hätt' ich gedacht, daß dies unser letztes --«

Sie vollendete den Satz jedoch nicht. Tom brach das Stück entzwei und

Becky aß ihr Teil mit gutem Appetit, während er an dem seinen nur so

herum knapperte. Frisches, klares Wasser hatten sie im Ueberfluß, um

ihr Mahl zu vollenden. Nach einiger Zeit schlug Becky vor, weiter zu

gehen. Tom schwieg einen Moment, dann sagte er:

»Becky, kannst du's ertragen, wenn ich dir etwas sage?«

Becky erbleichte, bat ihn aber, tapfer zu reden.

»Nun denn, Becky, wir müssen hier bleiben, wo wir Wasser zum Trinken

haben. Dies kleine Stümpfchen ist unser letzter Rest von Kerze.«

Becky brach in Weinen und Jammern aus. Tom that was er konnte, um sie

zu trösten, aber mit wenig Erfolg. Zuletzt sagte sie:

»Tom!«

»Ja, Becky?«

»Man wird uns doch zu Hause vermissen und sie werden nach uns suchen!«

»Natürlich, natürlich thun sie das!«

»Vielleicht sucht man uns jetzt schon, Tom!«

»Na, vielleicht, -- hoffentlich.«

»Wann können sie uns wohl vermißt haben, Tom?«

»Vermutlich als sie im Boot waren.«

»Da war's vielleicht schon dunkel, -- 's wird wohl keiner bemerkt

haben, daß wir fehlen.«

»Na, aber dann wird dich doch deine Mutter jedenfalls vermissen, wenn

die anderen heimkommen.«

[Illustration]

Ein erschrockener Blick in Beckys Augen belehrte Tom über seinen

Irrtum. Becky hatte ja am Abend gar nicht nach Hause kommen sollen.

Die Kinder wurden still und nachdenklich. Einen Moment später sah Tom

aus einem erneuten Schmerzensausbruch Beckys, daß sie derselbe Gedanke

bewege wie ihn, -- nämlich, daß noch der halbe Sonntagmorgen vergehen

könne, bevor Beckys Mutter erfuhr, daß diese nicht bei Harpers über

Nacht gewesen. Die Kinder hefteten ihre Augen wortlos auf das kleine

Stückchen Kerze und beobachteten angsterfüllt, wie es langsam und

unerbittlich dahinschmolz, sahen den halben Zoll Docht zuletzt noch

allein dastehen, sahen das schwache Flämmchen steigen und fallen,

fallen und steigen, jetzt die dünne Rauchsäule erklettern, einen Moment

auf deren Spitze verweilen und dann -- herrschten die Schrecken

schwärzester Finsternis.

Wie lange danach Becky zu dem dämmernden Bewußtsein kam, daß sie

weinend in Toms Armen lag, hätte keines von beiden zu sagen vermocht.

Sie wußten nur soviel, daß sie nach einer endlosen Zeit aus einer

schlummerartigen Betäubung, zu dem erneuten, niederdrückenden Gefühl

ihres Elends erwachten. Tom meinte, es könne Sonntag, vielleicht schon

Montag sein. Er versuchte, Becky zum Reden zu bewegen, aber der Jammer

lastete zu gewaltig auf ihr, alle Hoffnung war dahin. Tom behauptete,

nun müsse man sie daheim längst vermißt haben und das Nachsuchen

sei jedenfalls schon in vollem Gange. Er wolle schreien, sagte er,

vielleicht höre man ihn doch und folge der Spur. Er versuchte es

denn auch, aber in der tiefen Finsternis klangen die fernen Echos so

schauerlich, daß er es bald entsetzt sein ließ.

Die Stunden schwanden dahin und der Hunger kam, um die armen kleinen

Verlorenen auf's neue zu quälen. Ein Teil von Toms Hälfte des Kuchens

war noch übrig, sie teilten den Rest und aßen. Danach schienen sie

hungriger als zuvor. Dies arme bißchen Nahrung erweckte nur den Wunsch

nach mehr.

Plötzlich rief Tom:

»Scht! Hörst du nicht was?«

Beide hielten den Atem an und lauschten. Ein Laut drang an ihr Ohr,

der wie ein schwacher Ruf aus weitester Ferne klang. Augenblicklich

antwortete Tom, und Becky an der Hand führend tastete er sich den Gang

entlang, der Richtung des Tones nach. Dann lauschte er wieder atemlos.

Wieder erklang der Ruf und diesmal zweifellos ein wenig näher.

»Sie sind's!« jubelte Tom, »sie kommen! Vorwärts, Becky -- nun ist

alles gut!«

Tom Sawyers Abenteuer und Streiche · 第 16 / 19 段