Alle waren sofort bereit, ganze Bündel von Kerzen wurden ausgekramt

und es folgte ein allgemeines Erklettern des Hügels. Hoch oben lag

die Mündung der Höhle, eine schwarze, gähnende Oeffnung, geformt wie

der lateinische Buchstabe ~A~. Die massive, eichene Thür stand weit

offen. Im Innern sah man zunächst eine schmale, kleine Kammer, kalt

wie ein Eiskeller, von der Natur mit festen Kalkmauern umgeben, die

viel Feuchtigkeit ausschwitzten. Etwas romantisch Geheimnisvolles lag

darin, von diesem finstren, kalten Orte aus hineinzuschauen in das

sonnbeglänzte, grüne Land. Der Zauber aber, der die Geister zuerst

gefangen hielt, verlor bald seinen Reiz und das Herumtollen begann

von neuem. Sobald irgend jemand versuchte, eine Kerze anzuzünden,

stürzte sich alles darauf los und es entspann sich ein Kampf gegen den

tapferen Verteidiger. Das Licht wurde ihm schließlich entrissen, zu

Boden geworfen und ausgelöscht, worauf eine neue Hetzjagd mit demselben

Ausgang folgte. Da aber jedes Ding sein Ende hat, so ordnete sich

allmählich der Zug und bewegte sich vorsichtig den steilen Abstieg

des Hauptgangs der Höhle hinunter. Mit düsterem, unruhigem Schein

bestrahlte die flackernde Reihe der Lichter die mächtigen Felswände

zu beiden Seiten, fast bis hinauf zu dem Punkte, wo sie in einer Höhe

von etwa sechzig Fuß zusammenstießen. Dieser Hauptgang war nicht

mehr als acht oder zehn Fuß breit. Alle paar Schritte zweigten andre

hochgewölbte und noch engere Felsspalten nach beiden Seiten ab, denn

die Mc. Douglas-Höhle war eigentlich nur ein ungeheures Labyrinth

gewundener Gänge, die ineinander und wieder auseinander liefen und

nirgends ein Ziel oder Ende hatten. Es hieß, daß man Tage und Nächte

lang durch dies krause, verschlungene Gewirr von Spalten und Klüften

wandern könne, ohne jemals ein Ende der Höhle zu finden; daß man

hinunter und hinunter, tiefer und immer tiefer bis in's Innerste der

Erde steigen könne und doch immer dasselbe finden würde -- Labyrinth

unter Labyrinth in endloser Folge. Keiner kannte die Höhle ganz, das

war ein Ding der Unmöglichkeit. Die meisten der jungen Leute kannten

einen Teil derselben, und für gewöhnlich wagte sich niemand über diesen

allgemein begangenen Teil hinaus. Tom Sawyer kannte von der Höhle nicht

mehr als die andern.

[Illustration]

Der ganze Zug bewegte sich noch immer geschlossen den Haupteingang

entlang, allmählich aber begannen sich Gruppen und Paare zu lösen und

in den Seitengängen zu verschwinden. Hier flogen sie lautlos dahin

durch die unheimlichen Gänge, uneingestandenen Grausens voll, und

überraschten und erschreckten andere an Punkten, wo die einzelnen Gänge

sich kreuzten oder auch zusammenliefen. Halbe Stunden lang konnte man

sich so meiden oder finden, ohne sich jemals aus dem bekannten Teil der

Höhle zu entfernen.

Allmählich fand sich ein Teil der Gesellschaft nach dem andern wieder

an der Mündung der Höhle ein, atemlos, fröhlich, glückselig, vom

Kopf bis zu den Füßen mit Talg betröpfelt, mit Lehm beschmiert, aber

entzückt, berauscht von dem genossenen Vergnügen des Tages. Man war

erstaunt, daß es da draußen mittlerweile schon beinahe Nacht geworden

war. Die Glocke der Fähre mahnte seit beinahe einer halben Stunde

schrill zur Heimkehr. Dieser Schluß der Abenteuer des Tages war aber

ganz nach dem Sinn der jugendlichen Gesellschaft, die gewohnt war,

jeden Freudenkelch bis zur Neige zu schlürfen. Als die Fähre mit ihrer

tollen Fracht in den Strom hinaus stieß, bedauerte nur einer an Bord

die verschwendete Zeit der letzten Stunde, und das war der Kapitän.

Huck war bereits auf seinem allnächtlichen Lauscherposten, als die

Lichter der Fähre am Ufer vorüber glitten. Er hörte kein Geräusch

an Bord, denn die jungen Leute waren zahm und still geworden, so

zahm und still, wie man zu werden pflegt, wenn man sich in Lust und

Uebermut totmüde getobt hat. Huck sann nach, was für ein Boot dies

sein könne, und warum es nicht am gewöhnlichen Halteplatze anlege;

dann wanderten seine Gedanken weiter, um sich voll und ganz auf sein

Vorhaben zu richten. Die Nacht war wolkig und dunkel. Zehn Uhr kam, das

Geräusch der Wagen erstarb, einzelne Lichter begannen zu erlöschen,

der Fußgänger wurden weniger und weniger, das Städtchen bereitete

sich zum nächtlichen Schlummer vor und überließ den kleinen Lauscher

sich selber, dem rings herrschenden Schweigen und den Geistern der

Finsternis. Elf Uhr nahte, auch die Lichter der Herberge erloschen,

Dunkel überall. Huck harrte und lauschte, eine lange, bange Zeit, wie

ihm schien. Nichts erfolgte. Sein Vertrauen begann zu wanken. Hatte

dies geduldige Ausharren wohl irgend einen Wert? Würde es irgend einen

Nutzen haben? Ob er's nicht viel besser ganz sein ließe und sich gar

nicht weiter um die Sache kümmerte?

Da schlug ein Geräusch an sein Ohr. Im Moment war er ganz atemlose

Aufmerksamkeit. Eine Thüre schloß sich leise und sacht. Er sprang an

die Ecke der kleinen Gasse, und fast gleichzeitig huschten zwei dunkle

Gestalten an ihm vorüber, deren eine irgend etwas Gewichtiges unter dem

Arme zu tragen schien. Das mußte die Geldkiste sein! Der Schatz wurde

also fortgeschleppt! Sollte er nach Tom rufen? Das wäre hirnverbrannt

gewesen, denn einstweilen konnten die Kerle mit der Beute Gott weiß

wohin verschwinden -- auf Nimmerwiedersehen. Behüte, er wollte sich an

ihre Sohlen heften und im sicheren Schutz der Dunkelheit ihrer Spur

folgen. Während er so mit sich selber in's reine kam, war er behende

hinter den Männern her geglitten, katzenartig, barfuß, denselben gerade

genügend Vorsprung lassend, um sie noch im Auge behalten zu können.

Eine Strecke weit gingen sie der Flußstraße entlang und bogen dann

zur Linken in ein Seitengäßchen ein. Diese verfolgten sie bis dahin,

wo ein Fußpfad nach dem Cardiff-Berge abzweigte, welchen sie nun

einschlugen, dann ging's an des Wallisers Haus vorbei, höher und immer

höher den Berg hinan. Schön, dachte Huck, die gehen zum Steinbruch und

verscharren dort ihren Schatz. Nein weiter, immer weiter ging's, vorbei

am Steinbruch, ohne Aufenthalt. Nun war die Höhe des Berges erreicht.

Jetzt drangen sie auf schmalem Pfad in das dichte Sumachgehölz ein und

waren auf einmal in der Dunkelheit verschwunden. Huck folgte rasch

nach und verkürzte seinen Abstand, denn hier war eine Entdeckung

ganz unmöglich. So trabte er eine Weile dahin, um dann doch wieder

langsamere Schritte zu machen, aus Furcht, zu rasch vorwärts zu kommen.

Noch ein paar Schritte, dann hielt er an, lauschte, -- kein Ton,

keiner, außer dem Klopfen seines eignen Herzens! Der Schrei einer Eule

klang aus dem Thal empor, -- unheilvoller Laut! Aber kein Fußtritt,

kein noch so leises Knistern der Zweige! Großer Gott, war denn alles

verloren? Eben wollte er sich in beschleunigtem Tempo vorwärts stürzen,

als sich jemand, keine vier Fuß von ihm entfernt, räusperte. Sein Herz

schien ihm in die Kehle zu fahren, doch entschlossen schluckte er's

wieder hinab. Da stand er, zitternd wie Espenlaub, als ob ihn ein

Dutzend kalter Fieber auf einmal gepackt hätte und schüttelte, bis ihm

Hören und Sehen verging und er dachte, zu Boden sinken zu müssen vor

Angst und Schwäche. Er wußte nun, wo er war. In der Entfernung von

wenigen Schritten mußte sich der Zaun befinden, der das Eigentum der

Witwe Douglas umzog. ›Um so besser,‹ überlegte er, ›wenn sie's hier

verscharren, wird's 'ne kleine Mühe sein, es wieder aufzufinden.‹

Jetzt hörte er eine leise Stimme, eine sehr leise Stimme, die er

trotzdem erkannte, es war die des Indianer-Joe.

»Hol' sie der Henker, hat sicher wieder Leute bei sich -- seh' noch

Lichter, so spät's auch ist!«

»Ich seh' gar nichts.«

Es war jenes Fremden Stimme, -- des Fremden aus dem Geisterhause.

Eiseskälte durchzuckte Hucks Herz. Das also war jener geplante

›Racheakt‹. Sein erster Gedanke war Flucht. Dann dachte er daran,

wie gütig die Witwe Douglas, die freundliche, schöne Dame, mehr als

einmal gegen ihn, den armen Strolch, gewesen, und daß diese Schurken

vielleicht im Sinn hätten, sie zu morden. Ach, wenn er nur den Mut

hätte, sie zu warnen; aber das getraute er sich doch nicht, -- konnten

die Kerle doch kommen und ihn abfangen. All dies und mehr noch schoß

ihm durch's Hirn in dem einen Moment, welcher zwischen der Bemerkung

des Fremden und der darauf folgenden Antwort des Indianer-Joe verfloß.

»Na, der Busch steht dir im Weg, da schau mal hier hinaus, -- so --

gelt, jetzt siehst du's?«

»Jawohl, werden wohl Leute dort sein -- geben's besser auf, denk' ich.«

»Aufgeben, eben, wo ich dem verdammten Land für immer den Rücken kehren

will, aufgeben, um vielleicht nie wieder Gelegenheit zur Rache zu

haben? Ich sag' dir's noch mal, wie ich's schon gesagt hab', keinen

Pfifferling frag' ich nach ihrem Geld -- das kannst du haben. Aber ihr

Mann war hart gegen mich, nicht einmal, nein, oft und oft, und vor

allem war er der Hund von einem Richter, der mich wegen Landstreicherei

immer wieder in's Loch steckte. Und das ist noch lang' nicht alles!

Millionenmal nicht alles! _Durchpeitschen_ hat er mich lassen,

durchpeitschen vor dem Gefängnis, wie einen Hund oder einen Nigger! Die

ganze Stadt konnt's sehen! Durchpeitschen -- begreifst du das! Er kam

meiner Rache zuvor und starb, -- sie aber soll's büßen!«

»Du wirst sie doch nicht umbringen wollen? Das wirst du doch nicht

thun, so'n hübsches, stattliches Frauenzimmer, und 'n gutes Herz hat

sie auch für die Armen!«

»Umbringen? Wer denkt daran? Ihn würd' ich abschlachten, wenn er da

wär' -- sie nicht! Ein Frauenzimmer bringt man nicht um, wenn man sich

rächen will -- Unsinn! Der geht's an die geliebte Fratze, man schlitzt

ihr die Nasenflügel und stutzt ihr die Ohren!«

»Herrgott, das ist --«

»Behalt' deine Meinung für dich, bis du gefragt wirst, rat' dir's im

Guten, 's wird wohl das beste für dich sein. Ich bind' sie auf ihr Bett

fest; wenn sie sich hinterher verblutet, ist's meine Schuld nicht. Ich

wein' ihr nicht nach! Du, Kamerad, wirst mir dabei helfen -- mir zulieb

-- deshalb hab' ich dich mitgenommen, denn allein brächt' ich's am Ende

nicht fertig. Probierst du auszukneifen, so hau' ich dich nieder, das

merk' dir! Und wenn ich dir den Rest geben muß, so kriegt sie auch

eins, daß sie das Aufstehen vergißt, und dann soll mir einer dahinter

kommen, wer das Geschäft besorgt hat.«

»Na, wenn's denn sein muß, so muß es eben sein, dann los und dran! Je

schneller, desto besser -- mir läuft's jetzt schon kalt über den Leib!«

»Jetzt dran? -- wo die Leute auf sind? Du, paß mal auf, sonst trau' ich

dir nicht mehr. Nichts da! -- gewartet wird, bis die Lichter aus sind,

's hat ohnehin keine Eile!«

Huck wußte, daß nun ein Schweigen folgen müsse, -- ein Schweigen,

schauerlicher und gefährlicher als die mörderischsten Reden. So hielt

er denn seinen Atem an und trat behutsam und verstohlen einen Schritt

zurück, den Fuß vorsichtig und fest niedersetzend, nachdem er zuvor auf

einem Bein balancierte, sodaß er beinahe das Gleichgewicht verloren

hätte. Noch einen Schritt rückwärts mit derselben Umständlichkeit,

denselben Gefahren, einen und noch einen! Jetzt krachte ein Aestchen

unter seinem Fuße. Der Atem blieb ihm beinahe aus, er lauschte. Kein

Laut -- tiefstes Schweigen! Grenzenlos war seine Dankbarkeit. Jetzt

drehte er sich lautlos und mit der äußersten Vorsicht um und verfolgte

seinen früheren Pfad zwischen den hohen Sumachbüschen zurück. Schnell

und behutsam glitt er dahin. Als er dann am Steinbruch aus dem Gehölz

hervortrat, fühlte er sich geborgen. Nun lieh er seinen Sohlen

Schwingen und flog den Berg hinunter, weiter, immer weiter bergab, bis

er das Haus des alten Wallisers erreichte. Er trommelte an die Thüre

und alsbald erschienen der Alte und seine beiden handfesten Söhne am

Fenster.

»Was zum Teufel ist denn los? Wer drischt dort an der Thüre? He, was

wollt ihr?«

»Schnell, macht auf -- ich sag' euch dann ja alles!«

»Wer ist der Ich?«

»Ei ich, der Huckleberry Finn. Schnell -- um Gottes willen macht auf!«

»Sieh' mal einer, der Huckleberry Finn! Ist 'n Name, dem sich

eigentlich nicht viele Thüren öffnen. Laßt ihn aber nur immer 'rein,

Jungens, wollen mal hören, was er zu sagen hat.«

»Sagt's um Gottes willen keinem Menschen, daß ich's euch gesagt hab',«

waren Hucks erste Worte, als er ins Haus trat, »bitte, bitte, verratet

mich nicht, sie würden mich ja umbringen, so gewiß ich hier steh', --

aber die Witwe da oben ist schon oft und oft gut gegen mich gewesen,

und ich will's sagen, wenn ihr versprecht, nicht zu verraten, daß ich's

gewesen bin!«

»Bei Gott, da muß was passiert sein, oder der Junge stellte sich nicht

so an,« rief der alte Mann, »heraus damit, mein Sohn, und niemand soll

je ein Sterbenswörtchen davon zu hören kriegen.«

* * * * *

Drei Minuten später stiegen der Alte und seine Söhne wohlbewaffnet

den Berg hinan und drangen auf den Zehenspitzen vorsichtig in das

Gehölz ein, die Flinten in der Hand. Huck begleitete sie nicht weiter.

Er barg sich hinter einem großen Felsblock und lauschte. Zuerst ein

drückendes, angstvolles Schweigen, das dann urplötzlich durch mehrere

Schüsse und einen gellenden Aufschrei unterbrochen wurde. Näheres zu

erfahren drängte es Huck nicht. Auf sprang er und fort und flog den

Berg hinunter, so schnell ihn seine Füße zu tragen vermochten.

[Illustration]

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

[Illustration]

Als am Morgen des folgenden Tages, eines Sonntags, die ersten leisen

Spuren der Dämmerung erschienen, tastete sich Huck durch das Halbdunkel

den Berg hinauf und klopfte mit schüchterner Hand leise an die Thür des

alten Wallisers. Die Hausbewohner schliefen noch, aber ihr Schlaf war

infolge der aufregenden nächtlichen Abenteuer ein äußerst leiser und so

ertönte alsbald eine Stimme vom Fenster:

»Wer ist da?«

Hucks ängstliche Stimme antwortete leise:

»Laßt mich, bitte, ein -- ich bin's nur, Huck Finn!«

»Ist 'n Name, dem sich diese Thür bei Nacht und bei Tag öffnet. Mein

Junge, sei willkommen!«

Das waren seltsam klingende Worte in den Ohren des kleinen Vagabunden,

die angenehmsten, die er je gehört. Er konnte sich nicht erinnern, daß

das Schlußwort des alten Mannes je zuvor in Bezug auf ihn angewandt

worden wäre.

Schnell wurde nun die Thüre geöffnet und er trat ein. Man bot Huck

einen Stuhl und der Alte mit seinen Riesensöhnen kleideten sich in Eile

an.

»Und jetzt, mein Junge, hoff' ich, daß du einen ordentlichen Hunger

mitgebracht hast, denn das Frühstück soll noch vor der Sonne auf dem

Tisch stehen, und zwar ein gehöriges, das laß meine Sorge sein. Haben

immer gedacht, ich und meine Jungens, du zeigtest dich gestern abend

nochmal, hättest die Nacht bei uns bleiben müssen.«

»Ich kriegte solche Angst,« sagte Huck, »daß ich den Berg hinunter

stürzte. Ich fing an zu rennen, als die Schüsse krachten und rannte

drei Meilen so weiter. Jetzt bin ich nur gekommen, weil ich gern was

drüber gehört hätte, und vor Tag komm' ich, weil ich nicht gern den

Teufeln in den Weg laufen möchte, -- selbst wenn sie tot wären.«

»Armer Kerl, man sieht dir's weiß Gott an, was das für 'ne Nacht für

dich war, aber wart' nur, du sollst 'n Bett haben, wenn du gefrühstückt

hast. Nee, tot sind die Halunken leider nicht, mein Junge, und leid

genug thut's uns. Deiner Beschreibung nach wußten wir den Ort ziemlich

genau, an dem sie zu finden waren, wir schleichen also auf den

Zehenspitzen 'ran, bis vielleicht auf fünfzehn Fuß Entfernung, und

dunkel wie 'n Loch war's in den Büschen drin, da, auf einmal merk' ich,

daß mich das Niesen ankommt. Ob das nicht Pech war! Will's natürlich

zurückhalten, aber nee, keine Möglichkeit, 's wollt' kommen und 's kam

auch mit Macht. So pust' ich denn los mit aller Gewalt. Ich war der

Vorderste von uns, mit meiner Pistole in der Hand, und als nun das

Niesen losging, entstand ein Rascheln vor uns im Gebüsch. Ich schrei:

›Feuer, Jungens‹, und wir drei feuern denn auch nach der Richtung hin.

Ja, prost die Mahlzeit! Die Kerle waren flinker als der Wind, wir aber

hinterher wie die wilde Jagd, in die Wälder hinein. Gekriegt aber haben

wir sie nicht. Ehe sie auskniffen, hat jeder von ihnen noch mal seine

blaue Bohne abgeknallt, aber die sausten an uns vorbei und thaten

keinen Schaden. Als sich das Geräusch ihrer Schritte verlor, gaben wir

die Jagd auf und gingen hinunter in's Städtchen, um die Konstabler

zu wecken. Die machten sich denn auch gleich auf und wollten am Ufer

rekognoszieren, und sobald es Tag ist, sollen die Wälder abgesucht

werden. Meine Jungens werden auch dabei sein. Wollt', einer könnt' uns

die Kerle beschreiben, 's wär dann viel leichter für uns. Du wirst wohl

nicht viel von den Schuften gesehen haben, dort oben in der Dunkelheit,

was?«

»Nee, aber unten in der Stadt hab' ich sie schon gesehen und bin ihnen

von dort nachgegangen.«

»Kapital! Na, dann los, mein Junge, wie sehen sie aus? Beschreib' sie

mal so'n bißchen genau!«

»Ei, einer davon ist der taubstumme Spanier, der seit 'n paar Tagen

hier herum streicht, und der andre ist 'n gemein aussehender,

zerlumpter --«

»Schon genug, Junge, kenn' die Kerle! Hab' sie neulich mal da oben

im Wald hinter der Witwe Douglas ihrem Haus gesehen, schoben ab, als

ich in Sicht kam. Nun aber schnell fort mit euch, Jungens, sagt's

fein dem Sheriff, was ihr da vom Huck gehört habt, könnt' morgen früh

frühstücken!«

Beide Söhne machten sich ohne Widerrede alsbald marschfertig. Als sie

eben das Zimmer verlassen wollten, sprang Huck auf und rief flehend:

»O, bitte, bitte, sagt's aber niemand, daß ich die Kerle angegeben,

bitte, bitte!«

»Gut, wenn du's nicht willst, Huck, aber eigentlich solltest du die

Ehre haben von dem, was du gethan hast.«

»O nein, nein. Bitte, verratet mich nicht!«

Als die jungen Leute weg waren, sagte der Alte:

»Sie verraten's nicht und ich thu's auch nicht. Aber sag' mal, warum

willst du denn nicht, daß man's weiß?«

Huck ließ sich auf keine weitere Erklärung ein, sondern sagte nur, er

wisse schon mehr als zuviel von dem einen der Kerle und wolle um keinen

Preis, daß der dahinter komme, sonst sei er, Huck, keinen Moment seines

Lebens sicher.

Noch einmal gelobte der alte Mann Verschwiegenheit und fragte dann:

»Wie kamst du drauf, den Kerlen nachzuschleichen, Junge? Sahen sie dir

verdächtig aus?«

Einen Moment war Huck still und überlegte sich die Antwort, dann sagte

er:

»Ja, seht ihr, ich bin so 'ne Art Landstreicher, wenigstens sagen die

Leute so, und da muß es wohl wahr sein. Na, da simulier' ich denn

manchmal drüber nach in der Nacht und das läßt mich nicht schlafen, und

ich denk' und denk', wie ich wohl anders werden könnt'. So war's wieder

mal gestern nacht. Schlafen konnt' ich nicht und so bummel' ich denn in

den Straßen herum, und als ich da in der Nähe von der Herberge an den

alten Schuppen komm', lehn' ich mich mit dem Rücken dran, um nochmal

besser nachzudenken. Na, da streichen dann plötzlich die zwei Kerls

an mir vorbei, tragen etwas unterm Arm. Halt, denk' ich, die haben

gestohlen. Einer rauchte und der andre wollte Feuer haben, so blieben

sie nicht weit von mir stehen, und die Cigarren warfen einen Strahl auf

die Gesichter und ich sah, daß der eine der taubstumme Spanier ist und

der andre ein ruppiger, zerlumpter --«

»Was, die Lumpen hast du auch gesehen beim Schein der Cigarren?«

Das machte Huck für einen Moment unsicher, dann aber sagte er:

»Nun ich weiß nicht -- aber es kommt mir vor, als ob ich sie gesehen

hätte.« --

»Dann liefen sie also weiter und du --«

»Ich hinterher, ja, so macht' ich's. Wollt' mal sehen, was los sei,

sie schlichen so verdächtig an den Häusern hin. Oben bei der Witwe

Garten standen sie dann still, ich auch, und da hört' ich denn, wie der

eine für die Frau bat und der andre, der Spanier, schwor, er wollte

ihr schon die Fratze verderben, grad' wie ich's euch und euren Söhnen

gestern abend --«

»Was, der Taubstumme hat das gesagt?«

Da! Nun saß Huck von neuem in der Patsche! Er hatte sein Bestes thun

wollen, um den alten Mann abzulenken von der Spur, wer eigentlich der

Taubstumme sei, und trotz aller Mühe und Vorsicht schien seine Zunge

entschlossen, ihn wieder und wieder in Verlegenheit zu bringen. Umsonst

versuchte er, sich aus der Klemme zu ziehen. Des Alten Auge ruhte so

durchdringend auf ihm, daß er Versehen über Versehen machte. Da nahm

der Alte das Wort:

»Mein Junge,« sagte er, »vor mir brauchst du dich nicht zu fürchten,

mit meinem Willen soll dir keiner was zu leide thun; ich will dir schon

helfen, kannst dich darauf verlassen! Der Spanier ist nicht taubstumm,

soviel hast du nun schon verraten, ohne es zu wollen, das kannst du

nicht mehr zurücknehmen. Du weißt aber noch mehr über den Kerl, was du

nicht sagen willst. Komm mal her, Junge, vertrau mir, sag's, hab' keine

Angst, du kannst mir trauen, ich verrat' dich keinem.«

Huck starrte einen Moment in die ehrlichen Augen des alten Mannes, dann

beugte er sich über den Tisch und flüsterte ihm ins Ohr:

»'s ist ja gar kein Spanier, -- 's ist der Indianer-Joe!«

Der Walliser sprang fast von seinem Stuhl auf vor Erstaunen, dann sagte

er:

»Jetzt ist mir alles klar. Als du gestern abend von Nasenschlitzen und

Ohrenabschneiden sprachst, dacht' ich, 's sei 'ne Erfindung von dir,

ein Weißer rächt sich nicht auf solche Art. Ein Indianer aber! Das

ändert die ganze Sache!«

Während des Frühstücks wurde die Unterhaltung fortgesetzt und im

Verlauf derselben erzählte der alte Mann, er und seine Söhne hätten,

ehe sie zu Bett gingen, eine Laterne angezündet und die Stelle dort

oben am Zaun gründlich nach Blutspuren untersucht. Die hätten sie zwar

nicht gefunden, aber dafür ein dickes Bündel --

»_Ein Bündel?_«

Wenn diese Worte Blitze gewesen wären, sie hätten nicht mit größerer

Plötzlichkeit Hucks erblaßten Lippen entfahren können. Seine Augen

starrten weit geöffnet, sein Atem kam stoßweise, während er mit Zittern

der weiteren Rede des alten Mannes harrte. Dieser stockte, starrte

hinwiederum Huck an, drei, fünf, zehn Sekunden lang und sagte dann:

»Ja, ein Bündel Einbrecherwerkzeuge! Na, nu sag' aber mal, was mit dir

los ist, Junge!«

Huck war in seinen Stuhl zurückgesunken, erleichtert und dankbar

aufatmend. Der Walliser sah ihn lange aufmerksam an, dann bestätigte er

nochmals:

»Ja, Diebswerkzeuge. Dir scheint ein Stein dabei vom Herzen zu fallen.

Was hat dich aber denn so in Aufregung gebracht? Was hätten wir denn

sonst finden sollen?«

Wieder saß Huck in der Klemme! Das forschende Auge ruhte auf ihm, -- er

hätte irgend etwas um eine annehmbare Ausrede gegeben. Nichts wollte

ihm einfallen; der forschende Blick drang tiefer und tiefer, -- eine

sinnlose Antwort stieg in ihm auf und da keine Zeit zum Ueberlegen war,

so stieß er denn schwach hervor:

»Sonntagsschulbücher, -- vielleicht.«

Der arme Huck war zu befangen, um auch nur lächeln zu können, der alte

Mann aber lachte, lachte aus vollem Halse, laut und herzlich, so daß

alles an ihm vom Kopf bis zu den Füßen wackelte, und als er wieder

zu Atem kam, meinte er, solch' ein Lachen sei wie bares Geld in der

Tasche, denn es erspare einem lange Doktorsrechnungen. Dann fügte er

bei:

»Armer, kleiner Kerl, siehst ganz blaß und angegriffen aus, 's scheint

dir gar nicht wohl zu sein. Kein Wunder, daß du ein wenig faselig

geworden und aus dem Gleichgewicht geraten bist. Wird schon wieder

besser werden. Ruhe und Schlaf sollen dich schon auskurieren, denk'

ich.«

Huck ärgerte sich schwer bei dem Gedanken, solch verräterische

Erregung gezeigt zu haben, denn es waren ihm schon damals, als er die

Schurken bei dem Zaun der Witwe belauschte, Zweifel gekommen, ob das

mitgebrachte Paket der Schatz sei. Doch war dies immerhin nur Vermutung

gewesen, die jetzt erst zur Gewißheit wurde. Die Kiste war also noch

an ihrem alten Platz, und nun war's eine Kleinigkeit für Tom, wenn die

beiden Halunken unter tags eingefangen wurden, am Abend nach jener

bewußten Nummer zwei zu gehen und sich des Schatzes zu versichern.

Alles schien herrlich im Zuge!

Gerade als das Frühstück beendet war, klopfte es an die Thüre. Huck

versteckte sich geschwind, denn es lag ihm gar nichts daran, mit dem

letzten Ereignis in Zusammenhang gebracht zu werden. Der Walliser

öffnete und ließ mehrere Herren und Damen herein, unter denen sich auch

die Witwe Douglas befand. Dabei bemerkte er, daß noch andre Einwohner

des Ortes truppweise den Hügel erstiegen, um sich den Schauplatz der

nächtlichen Ereignisse zu besehen. Die Kunde von dem Vorgefallenen

hatte sich also schon verbreitet.

Nun mußte der Alte den Besuchern die Geschichte der Nacht bis in's

kleinste berichten. Die Dankbarkeit der Witwe Douglas für ihre Rettung

machte sich in warmen Worten Luft.

»Verlieren Sie kein Wort weiter, Madam,« wehrte der Alte ab, »'s giebt

einen, dem Sie zu viel größerem Danke verpflichtet sind, als mir und

meinen Jungens, der will aber seinen Namen nicht genannt haben. Ohne

den, sag' ich Ihnen, wären wir niemals dazu gekommen, die Halunken zu

verjagen.«

Tom Sawyers Abenteuer und Streiche · 第 15 / 19 段