Was thun wir mit dem bißchen Baren, das wir noch haben?«
»Weiß ich's? Hier lassen, wie wir's immer gemacht haben, das wird wohl
am besten sein. Können's doch nicht herumschleppen, bis wir nach dem
Süden gehen. Sechshundertundfünfzig Dollars ist 'ne ordentliche Last!«
»Na gut, -- schon recht! Liegt ja auch nichts dran, wenn wir noch mal
hierher müssen.«
»Nee, aber dann möcht' ich doch raten in der Nacht zu kommen, wie
früher, 's ist doch besser für alle Fälle!«
»Ganz gut, aber hör' mal zu. Es kann 'ne gute Weile dauern, eh' sich
die rechte Gelegenheit findet zu dem Stückchen, das wir vorhaben. 's
könnt' uns was zustoßen. 's ist an gar keinem so sehr guten Orte hier.
Wir wollen's ordentlich vergraben, -- tief vergraben.«
»Das ist 'ne gute Idee,« meinte der Kamerad, ging quer durch den Raum
auf's Kamin zu, kniete nieder, hob einen von den hinteren Steinen
desselben in die Höhe und nahm einen Beutel heraus, worin es bei der
Berührung vielversprechend klang. Dem entnahm er zwanzig oder dreißig
Dollars für sich selber, ebensoviel für den Indianer-Joe, und reichte
dann den Beutel dem Letzteren, der in einer Ecke auf den Knieen lag und
mit seinem langen und breiten Messer den Grund aufwühlte.
Die Jungen vergaßen ihre ganze Angst und all ihr Elend in einem
Augenblick. Mit glänzenden, gierigen Blicken folgten sie jeder
Bewegung. Solches Glück! Der Strahlenglanz desselben überstieg jede
Einbildungskraft! Sechshundert Dollars waren ja Geld genug, um ein
halbes Dutzend Jungen reich zu machen. Das nannte man Schatzgraben
unter den glücklichsten Umständen, da gab's keine hindernde
Ungewißheit, wo man eigentlich nachzugraben habe. Sie stießen einander
beständig an, mit beredten, leicht verständlichen Rippenstößen, die
einfach bedeuten sollten: »Herrgott, bist du nun nicht froh, daß wir
hier sind?«
Joes Messer stieß auf etwas Hartes.
»Holla,« sagte er.
»Was giebt's?« fragte der andre.
»Eine verfaulte Diele, -- nee 's ist 'ne Kiste, glaub' ich. Schnell,
pack' an und wir wollen bald dahinter kommen, was die hier soll. Laß
gut sein, ich hab' 'n Loch hinein gebrochen.«
Er griff in die Kiste und zog die Hand sofort wieder heraus.
[Illustration]
»Mensch, 's ist Geld!«
Die beiden Männer untersuchten nun die Handvoll Münzen. Es war Gold.
Die Jungen oben waren ebenso entzückt, wie die zwei Strolche unten.
Joes Kamerad sagte:
»Damit wollen wir kurzen Prozeß machen. Dort liegt 'ne alte, rostige
Hacke in der Ecke, drüben auf der andern Seite des Kamins. Ich hab's
eben gesehen.«
Er sprang hin und brachte die Hacke und Schaufel der Jungen herbei.
Der Indianer-Joe nahm die Hacke, besah sie kritisch, schüttelte den
Kopf, murmelte etwas in sich hinein und machte sich dann an die Arbeit.
Die Kiste war bald bloßgelegt. Sie war nicht sehr groß, mit eisernen
Bändern beschlagen und schien sehr stark gewesen zu sein, ehe der
Zahn der Zeit sie benagt hatte. Die Männer starrten in glückseligem
Schweigen nieder auf den gleißenden Schatz.
Endlich flüsterte Joe:
»Kamerad, das sind Tausende von Dollars.«
»Man hat immer gemunkelt, daß Murrells Bande sich mal 'nen Sommer hier
herumgetrieben hätte,« bemerkte der Fremde.
»Weiß wohl,« bestätigte Joe, »und dies hier sieht, meiner Treu, ganz
danach aus.«
»Jetzt können wir auch das andre Stückchen aufgeben, was!«
Der Halbindianer runzelte finster die Stirn. Dann sagte er:
»Du verstehst mich nicht, wenigstens die Sache nicht, um die sich's
handelt. 's ist mir diesmal nicht um's Stehlen, -- 's ist Rache, die
ich haben will.« Dabei flammten seine Augen in grellem Feuer auf. »Dazu
brauch' ich dich und deine Hilfe. Wenn wir das hinter uns haben -- dann
auf nach Texas! Und jetzt mach' dich heim zu deiner Hanne und deinen
Bälgern und wart' bis ich dich rufe.«
»Soll mir recht sein! Was aber fangen wir mit dem da an -- vergraben's
wieder?«
»Ja. (Ueberwältigendes Entzücken oben.) Nein! Beim Henker, nein!
(Tiefste Niedergeschlagenheit eine Treppe hoch.) Beinah' hätt' ich's
vergessen. An der Hacke war ja frische Erde! (Den Jungen wurde wind
und weh vor Schreck und Angst.) Was hat 'ne Hacke und Schaufel hier zu
thun? Gar mit frischer Erde dran? Wer hat sie hergebracht -- und wo
sind die Kerls hin? Hast du was gehört -- jemand gesehen? Was! Wieder
vergraben, damit die Kerls nachher kommen und sehen, daß der Grund
frisch aufgewühlt ist? Nee, so dumm sind wir nicht. Wir schleppen's in
meine Höhle!«
»Na, natürlich. Hätt' früher daran denken können. Meinst du Nummer
Eins?«
»Nein, Nummer Zwei, unter dem Kreuz. Der andre Platz ist nichts wert,
-- zu gewöhnlich.«
»Mir auch recht! Bald wird's dunkel genug sein, um abziehen zu können.«
Der Indianer-Joe erhob sich und ging von Fenster zu Fenster, immer
vorsichtig hindurchspähend. Bald darauf sagte er:
»Wer kann wohl das Werkzeug hergeschleppt haben? Am End' sind sie oben!«
Den Jungen versagte der Atem. Der Indianer-Joe legte die Hand an das
dolchartige Messer, das in seinem Gürtel steckte, hielt einen Moment
überlegend inne, und wandte sich dann der Treppe zu. Die Jungen dachten
an den Wandschrank, aber ihre Kraft hatte sie vollständig verlassen.
Schon krachten die Tritte auf der Treppe, -- die fast unerträgliche Not
ihrer Lage weckte die erlahmte Entschlossenheit der Jungen, -- eben
wollten sie dem rettenden Schranke zufliehen, als sich ein Splittern
und Krachen der morschen Balken vernehmen ließ und der Indianer-Joe
inmitten der Treppentrümmer schleunigst wieder unten landete. Fluchend
raffte er sich auf, und sein Kamerad sagte:
»Zu was all den Umstand. Wenn's wirklich jemand ist und sich einige da
droben versteckt halten, gut, laß ihnen ihr Vergnügen, was liegt dran?
Wenn sie 'runter springen wollen und mit uns anbinden, so mögen sie nur
kommen. In fünfzehn Minuten ist's dunkel, laß sie uns folgen, wenn sie
wollen, mir sollt's recht sein. Meiner Meinung nach haben die Kerls,
welche die Sachen hier ablegten, wer's nun immer gewesen sein mag, uns
erblickt, uns für Geister, Teufel oder sonst was gehalten und sind
davon gerannt. Die rennen noch, ich möcht' fast wetten.«
Joe brummte noch eine Weile vor sich hin, dann stimmte er seinem
Gefährten bei, daß sie das noch übrig bleibende Tageslicht benutzen
müßten, um zur Flucht alles in Bereitschaft zu setzen. Kurz danach
schlüpften sie im tiefsten Dämmerlicht aus dem Hause und schlugen mit
ihrer kostbaren Last die Richtung nach dem Flusse ein.
Tom und Huck erhoben sich, noch ganz zitternd, aber wie erlöst, und
starrten den Männern durch die Spalten nach, die sich in den Wänden
des Hauses befanden. Ihnen folgen? Das fiel ihnen nicht ein. Sie
waren zufrieden, ohne gebrochenen Hals den sicheren Boden wieder zu
erreichen, und wandten sich ohne Zögern dem über den Hügel nach der
Stadt führenden Pfade zu. Sie redeten nicht viel zusammen, waren zu
beschäftigt damit, sich selber gründlich Vorwürfe zu machen über die
bodenlose Dummheit, Hacke und Spaten mit dorthin zu nehmen und liegen
zu lassen. Ohne das hätte der Indianer-Joe niemals Verdacht gefaßt.
Er hätte gewiß das Silber bei dem Golde verscharrt, bis er seine
›Rachepläne‹ ausgeführt gehabt, und dann wäre ihm die überraschende
Entdeckung geworden, daß beides verschwunden: Silber wie Gold!
Schweres, bittres Verhängnis, daß sie die Werkzeuge mit dahin schleppen
mußten! Sie beschlossen, diesem Spanier gut aufzupassen, wenn er sich,
um eine Gelegenheit für seinen Racheakt auszukundschaften, wieder in
der Stadt sehen ließe, und ihm dann nach ›Nummer Zwei‹ zu folgen, wo es
auch sein möge. Plötzlich überkam Tom ein entsetzensvoller Gedanke:
»Rache? Wenn er uns damit meint, Huck!«
»Red' nicht so!« bat dieser, der bei der bloßen Idee vor Schreck
beinahe umfiel.
Dann besprachen sie den Gedanken hin und her, und als sie daheim
anlangten, waren sie übereingekommen, daß er vielleicht sonst irgend
jemand im Auge haben, oder wenigstens doch nur Tom meinen könne, da ja
Tom allein gegen ihn gezeugt hatte.
Ein schwacher, sehr schwacher Trost war es für Tom, allein in Gefahr
zu sein. Einen Kameraden auch hierin zu besitzen, würde die Sache
wesentlich erleichtert haben, so dachte er bei sich in seiner Unschuld;
Huck aber schien andrer Meinung zu sein.
[Illustration]
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Am nächsten Morgen beim Erwachen erschienen Tom die Erlebnisse des
verflossenen Tages wie ein böser, schwerer Traum. Er grübelte und sann,
und je mehr er nachdachte und überlegte, desto mehr kam es ihm vor, daß
er geträumt habe. So viel Geld auf einmal beisammen zu sehen konnte ja
gar nicht Wirklichkeit sein. In seinem bisherigen Leben hatte er nie
mehr als fünfzig Dollars auf einem Brett vor sich gesehen. Tausende von
Dollars aber auf einem Haufen, das überstieg seine ausschweifendsten
Vorstellungen, selbst von verborgenen Schätzen.
Noch ganz benommen von seinen Hirngespinsten kleidete er sich an,
schlang wie geistesabwesend sein Frühstück hinunter und machte sich
alsbald auf, Huck zu suchen und sich von ihm die Bestätigung zu holen,
daß alles nur Traum und Schaum gewesen. Er fand diesen am Ufer des
Flusses in einem Nachen, mit den Beinen über den Bootrand baumelnd und
mürrisch vor sich hin starrend.
»Morr'n, Huck.«
»Morr'n, Tom. Verdammtes Pech, das, mit der Hacke und Schaufel!«
Also war's doch kein Traum, sondern greifbare, wirkliche Wirklichkeit!
Tom erzählte Huck von seinen Gedanken diesen Morgen.
»Schöner Traum!« brummte der als Antwort, »hätt' was Niedliches werden
können, wenn die Stiege nicht zusammengekracht wär'. Mir hat's auch
die ganze Nacht geträumt, aber nur von dem Teufel von Spanier und von
seiner ›Nummer Zwei‹.«
In Bezug auf diese rätselhafte Nummer ergingen sich die Jungen in
allerhand Vermutungen. Schließlich kamen sie überein, es solle wohl die
Nummer des Zimmers in irgend einer Herberge bedeuten, und Tom machte
sich auf den Weg, es auszukundschaften.
Nach einer halben Stunde kam er zu Huck zurück und erzählte diesem,
daß von den beiden Wirtshäusern der Stadt wohl nur eins in Frage
kommen könne, denn in Nummer Zwei des einen wohne schon seit lange ein
allgemein bekannter und geachteter junger Mann. Nummer Zwei des andren
Wirtshauses dagegen sei selbst dem Sohn des Hauses ein Geheimnis. Der
sage, es werde immer geschlossen gehalten und nur bei Nacht höre er
zuweilen Geräusch und sehe Licht darin. Er habe immer gedacht, es müsse
dort spuken.
»Das hab' ich entdeckt, Huck,« schloß Tom ganz erregt seinen Bericht.
»Das ist so gewiß die Nummer Zwei, die wir suchen, so gewiß, wie ich
hier vor dir steh'!«
»Wird wohl so sein, Tom. Was sollen wir aber thun?«
»Laß mich 'n bissel nachdenken.«
Und Tom dachte eine lange Weile nach, dann sagte er:
»Paß mal auf. Siehst du, die Hinterthür von der Nummer Zwei führt in
den kleinen, engen Gang zwischen dem Wirtshaus und der alten Mausefalle
von Ziegelbrennerei. Du kaperst nun alle Thürschlüssel, die du irgend
erwischen kannst, und ich nehm' meiner Tante ihre, und in der ersten
dunklen Nacht schleichen wir hin und probieren ob einer paßt. Daß du
dich fein nach dem Spanier umsiehst! Der sagt ja, er wolle kommen
und herumschnüffeln wegen seiner Rache. Und wenn du ihn entdeckst,
dann folgst du ihm und siehst, ob er nach meiner Nummer Zwei geht,
wenn nicht, ist's natürlich Essig! Also, heut' abend! Bring' nur brav
Schlüssel mit!«
Am Abend waren Huck und Tom bereit zu ihrem Abenteuer. Sie trieben sich
in der Nachbarschaft der Herberge herum, konnten aber nirgends etwas
Verdächtiges erspähen. Um ungesehen das Experiment mit den Schlüsseln
vornehmen zu können, war die Nacht viel zu hell, und so zog sich denn
Tom bald nach zehn Uhr zurück, heimwärts, dem warmen Neste zu, während
Huck, der etwas länger aushielt, gegen zwölf in einem leeren Zuckerfaß
für die Nacht unterkroch.
Dienstag nacht verfolgte die Jungen derselbe Unstern, ebenso Mittwoch.
Donnerstag endlich standen dicke Wolken am Himmel und versprachen eine
schöne, dunkle Nacht. Beizeiten stellte sich Tom ein, bewaffnet mit der
alten Blechlaterne seiner Tante und einem großen Handtuch, um dieselbe
zu verhüllen. Er barg die Laterne in Hucks Zuckerfaß, und die Wacht
begann. Eine Stunde vor Mitternacht wurde die Herberge geschlossen
und ihre Lichter, die einzigen in der Nachbarschaft, ausgelöscht.
Kein Spanier war gesehen worden. Niemand hatte den schmalen Gang auf
der Rückseite des Hauses betreten oder verlassen. Alles schien dem
Unternehmen günstig. Die schwärzeste Finsternis herrschte, und die
Totenstille ringsum wurde nur hie und da durch fernes Donnerrollen
unterbrochen.
Tom lief nach seiner Laterne, zündete sie an, hüllte sie fest in das
Handtuch und die beiden Abenteurer tasteten sich durch die Finsternis
nach dem Wirtshaus hin. Huck stand Schildwache und Tom schlich sich in
den dunklen Gang hinein. Nun kam eine Pause unerträglich heimlichen,
angstvollen Wartens, die auf Hucks Gemüt lastete, gleich einem
erdrückenden Berge. Er begann sich heiß nach einem wieder auftauchenden
Strahl der Laterne zu sehnen, der ihm zeigte, daß Tom noch am Leben
sei.
Stunden schienen verflossen, seit Tom verschwunden war. Gewiß hatte
er irgendwo das Bewußtsein verloren, war am Ende gar tot, vielleicht
war ihm das Herz gebrochen vor Schreck und Aufregung. In seiner Angst
rückte Huck dem Gäßchen näher und näher, den Kopf voll schrecklicher
Befürchtungen und jeden Augenblick auf eine Katastrophe gefaßt, die
ihm den Atem vollends benehmen würde. Viel Atem zum Wegnehmen blieb
nicht übrig; er war kaum noch imstande, denselben fingerhutvollweise
einzuziehen, und sein Herz mußte bei dem Tempo, in dem es schlug,
baldigst ganz den Dienst versagen. Plötzlich blitzte ein Lichtstrahl
auf, und Tom schoß keuchend an ihm vorüber.
»Fort,« schrie er, »fort, wenn dir dein Leben lieb ist.«
Ein Wiederholen der Warnung war unnötig, einmal genügte. Huck
rannte mit Riesenschritten davon, als ob es hinter ihm brenne, Tom
hinterdrein. So stürzten die Jungen unaufhaltsam davon, bis sie den
Schuppen eines alten, unbenutzten Schlachthauses erreichten, am unteren
Ende des Ortes. Gerade als sie unter dies Obdach geschlüpft waren,
brach das Gewitter los und der Regen strömte nieder. Nachdem Tom zu
Atem gekommen war, stöhnte er:
»Ach, Huck, 's war gräßlich. Ich probierte erst zwei von den
Schlüsseln, so leise ich konnte, die machten aber 'n solchen Lärm, daß
mir übel und weh wurde vor Angst. Ich konnte sie auch gar nicht im
Schloß umdrehen. Dann, ohne selber zu wissen, was ich thu', faß' ich
nach der Klinke, drücke und -- auf springt die Thür. Sie war gar nicht
verschlossen gewesen! Ich hinein, werf' das Tuch von der Laterne und --
Heiliger Gott!«
»Was -- was war's, Tom?«
»Huck! Ich trat fast auf 'ne Hand, und wie ich näher hin seh', ist's
dem Indianer-Joe seine.«
»Puh!« stöhnte Huck wortlos.
»Weiß Gott! Da lag er am Boden und schlief ganz fest, mit dem alten
Pflaster über dem einen Aug' und weit ausgestreckten Armen.«
»Um alles in der Welt, sprich, -- was hast du denn da gemacht? Ist er
aufgewacht?«
»Nee, der rührt sich nicht. Er muß betrunken gewesen sein. Ich greif'
nur flink nach meinem Tuch und stürz' davon.«
[Illustration]
»Ich hätt' nicht mehr an das Tuch gedacht, das wett' ich.«
»Na, aber ich! Tante Polly hätt' mir 'nen feinen Tanz aufgespielt, wenn
ich's verloren hätt'!«
»Hör' du, Tom, hast du die Kiste gesehen?«
»Huck, nach der hab' ich mich gar nicht umgeschaut. Hab' keine Kiste
und hab' auch kein Kreuz gesehen. Nichts hab' ich gesehen, als 'ne
Flasche und 'nen Zinnbecher am Boden neben dem Indianer-Joe! Ja, zwei
Fäßchen und viele Flaschen hab' ich noch außerdem im Zimmer gesehen.
Weißt du jetzt, was in dem Zimmer spukt?«
»Wieso?«
»Dickkopf! Schnaps spukt drin, Schnaps! Und der Wirt dort gehört zum
Mäßigkeitsverein! Ob wohl alle die Mäßigkeitsvereinler so 'n Spukzimmer
haben? he, Huck?«
»Wird wohl so sein! Wer hätt' aber so was gedacht? Sag' mal, du,
Tom, wär' denn das nicht jetzt grad' die richt'ge Zeit, um die Kiste
auszuführen? Wenn der Indianer-Joe doch betrunken ist.«
»Ei, so versuch's doch!«
Huck schauderte.
»Nee, lieber nicht!«
»Ich auch lieber nicht, Huck. Nur _eine_ Flasche leer neben dem Kerl,
das ist nicht genug. Ja, wenn's drei gewesen wären, dann ließe sich
weiter drüber reden!«
Eine lange Pause des Nachdenkens folgte. Dann sagte Tom:
»Paß mal auf, Huck. Ich mein', wir sollten das Ding gar nicht mehr
probieren, bis wir sicher wissen, daß der Joe nicht drin ist. 's ist zu
gruselig! Wir passen jede Nacht auf, und einmal muß er doch 'raus aus
seinem Loch, dann wollen wir die Kiste schon kriegen, schneller als der
Blitz.«
»Mir recht. Ich will jede Nacht wachen, die ganze Nacht durch, wenn du
nur den Rest besorgen willst.«
»Gut, wollen's so machen. Du brauchst dann nur zu kommen und vor unsrem
Haus zu miauen, und wenn ich schlaf', wirfst du mir 'ne Hand voll Kies
ans Fenster, das wird mich schon wach kriegen!«
»Topp, 's gilt!«
»Jetzt ist's da draußen auch besser geworden, Huck, der Sturm hat
aufgehört und ich muß heim. 's muß schon bald Morgen sein. Du gehst
noch mal hin und wachst, willst du?«
»Ich hab's gesagt, Tom, daß ich's thu', und ich thu's auch! Und wenns
'n Jahr lang dauert, ich spuk' jede Nacht in dem Gäßchen dort herum.
Bei Tag schlaf' ich und bei Nacht wach' ich.«
»Schön. Aber wo wirst du schlafen?«
»Auf Ben Rogers Heuboden. Der hat nichts dagegen und Onkel Jakob, --
weißt du, der alte Nigger, der im Hause ist -- auch nicht. Dem hab' ich
schon oft 's Wasser geschleppt, und er giebt mir manchmal was zu essen,
wenn er selber was hat. 's ist 'n guter Nigger, Tom. Der hat mich gern,
weil ich nie thu', als ob ich was Besseres wär'. Manchmal hab' ich
mich, weiß Gott, schon hingesetzt und mit ihm gegessen. Das brauchst du
aber niemand zu sagen, Tom. Wenn einer so gräßlich hungrig ist, thut er
manches, was er sonst für gewöhnlich nicht thät'!«[6]
[6] Unsere Geschichte spielt in der Zeit vor Aufhebung der
Sklaverei.
»Na, also Huck, wenn ich dich bei Tag nicht brauch', laß ich dich
schlafen und stör' dich nicht weiter. Und wenn in der Nacht was los
ist, springst du zu mir 'rüber und miaust.«
[Illustration]
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Das erste, was Tom am Freitagmorgen hörte, war eine sehr angenehme
Neuigkeit, -- Becky Thatcher war mit den Ihren am Abend vorher
zurückgekehrt. Vor diesem Ereignis mußte der Indianer-Joe zusamt seinem
Schatze in den Hintergrund treten, und Becky, die einzige Becky, nahm
das ganze Interesse des Knaben ein. Er sah sie wieder, und die beiden
verbrachten einen köstlichen Tag in Gesellschaft der Schulkameraden bei
›Blindekuh‹ und ›Verstecken‹. Um das Glück des Tages voll zu machen
hatte Becky von ihrer Mutter die Erlaubnis erwirkt, am folgenden Tage
das längst geplante und immer wieder verschobene Picknick halten
zu dürfen, was ungeheuren Enthusiasmus und Jubel erregte. Becky
insbesondere war außer sich vor Entzücken, und Tom nicht minder. Vor
Sonnenuntergang noch wurden die Einladungen herumgeschickt, und die
sämtliche jugendliche Bevölkerung des Städtchens war in einem Fieber
der Erwartung und der emsigen Vorbereitung. Toms Erregung hielt ihn bis
zu später Stunde wach, wobei er immer auf Hucks Miau-Signal wartete.
Wie herrlich wäre es gewesen, die Gesellschaft folgenden Tages mit dem
aufgefundenen Schatze zu verblüffen! Diese Hoffnung aber trog, -- kein
Signal störte die Ruhe der Nacht.
Endlich tagte der Morgen, und um zehn oder elf Uhr sammelte sich
eine lärmende, wonnetrunkene Gesellschaft vor dem Hause der Familie
Thatcher. Alles war zum Aufbruch bereit. Aeltere Leute pflegten die
Picknicks niemals durch ihre Gegenwart zu stören, die Kinder hielt man
unter den Fittigen einiger junger Damen von achtzehn und einiger junger
Herren von ungefähr vierundzwanzig Jahren für genügend beschützt. Man
hatte für diese Gelegenheit die alte Dampffähre gemietet, und alsbald
setzte sich die heitre, bunte Menge, beladen mit vielversprechenden
Vorratskörben, die Hauptstraße hinunter in Bewegung. Sid war unwohl
und mußte dem Vergnügen entsagen; Mary war ihm zum Trost und zur
Gesellschaft zurückgeblieben. Das letzte, was Frau Thatcher zu Becky
sagte, war:
»Ihr werdet wohl spät zurückkommen, Kind, am Ende thust du besser, für
diese Nacht bei einer deiner Freundinnen zu bleiben, die nahe beim
Landungsplatz der Fähre wohnen.«
»Dann bleib' ich bei Suschen Harper, Mama.«
»Meinetwegen; und hörst du, daß du dich hübsch ordentlich beträgst und
niemand zur Last fällst.«
Als sie dann zusammen die Straße hinunter trabten, sagte Tom zu Becky:
»Du -- paß' mal auf, was wir thun wollen. Anstatt daß wir mit Joe
Harper heimgehen, steigen wir den Berg hinauf und bleiben die Nacht bei
der Witwe Douglas. Die hat gewiß Gefrorenes, -- sie hat immer welches,
ganze Haufen davon, und wird sich schrecklich freuen, wenn wir zu ihr
kommen.«
»O, das wird aber köstlich!«
Danach überlegte sich's Becky aber doch einen Moment und meinte:
»Was wird aber meine Mama dazu sagen?«
»Ei, wie soll denn die's erfahren?«
Wieder sann Becky ein Weilchen nach und sagte dann zögernd:
»Recht ist's ja nicht -- aber --«
»Aber, -- Unsinn! Deine Mutter erfährt's nicht, und was ist denn
weiter Schlimmes dabei! Alles, was sie will, ist, daß du für die Nacht
gut aufgehoben bist, und ich wette, sie hätt' dich ebensogut dorthin
geschickt, wenn sie nur dran gedacht hätte. Das weiß ich ganz gewiß!« --
Frau Douglas, die das größte und schönste Haus des Städtchens besaß
und deren glänzende Gastfreundschaft die Wonne aller bildete, die sie
je genießen durften, bewies sich als allzu verlockender Köder. Dieser
und Toms Beredsamkeit trugen denn auch den Sieg davon und es wurde
beschlossen, gegen niemanden etwas über das Programm für die Nacht
verlauten zu lassen.
Auf einmal fiel es Tom ein, daß Huck am Ende gerade in derselben
Nacht kommen könne, um ihm das verabredete Zeichen zu geben. Dieser
Gedanke trübte seine freudigen Erwartungen um ein Beträchtliches, aber
er konnte sich doch nicht entschließen, den Plan mit Frau Douglas
aufzugeben. Warum sollte er auch? Er dachte bei sich, in der Nacht
zuvor sei ja auch alles ruhig geblieben, warum sollte das Signal gerade
diese Nacht ertönen? Das sichere Vergnügen, das er sich vom Abend
versprach, überwog bei weitem die unsichere Aussicht auf den Schatz,
und recht wie ein Junge beschloß er, der stärkeren Neigung nachzugeben
und sich für den Rest des Tages jeden Gedanken an die Geldkiste aus dem
Kopf zu schlagen.
Drei Meilen unterhalb der Stadt landete die Fähre in einer rings mit
Wald umstandenen Bucht. Die fröhliche Gesellschaft schwärmte aus dem
Boote, und bald tönten die Wälder und felsigen Höhen von Geschrei und
Gelächter wieder. Alle die verschiedenen Methoden, sich heiß und müde
zu machen, wurden der Reihe nach durchgegangen, bis allmählich einer
nach dem andern von den Herumschwärmenden sich im Lager einstellte,
ausgerüstet mit dem nötigen Appetit, und nun die Vertilgung der
mitgebrachten leckeren Sachen beginnen konnte. Nach der Mahlzeit
folgte ein erquickendes Ruhe- und Plauderstündchen im Schatten der
breitästigen Eichen, bis dann jemand rief:
»Wer kommt mit zur Höhle?«