Schrot und Korn, wo er ein rasendes Verlangen empfindet, nach
verborgenen Schätzen zu graben. Dies Verlangen nun überfiel eines Tages
unsern Tom mit Allgewalt. Er wollte sich gleich mit Joe Harper in
Verbindung setzen; dieser war jedoch nicht zu finden. Dann schaute er
sich nach Ben Rogers um, und der war fischen gegangen. Zufällig stieß
er auf Huck Finn, den ›Rot-Händigen‹, und in Ermangelung der andern war
ihm dieser auch recht. Tom zog ihn beiseite an einen geheimen Ort und
teilte ihm im Vertrauen den Plan mit. Huck war einverstanden. Huck war
immer bereit, die Hand zu irgend einem Unternehmen zu bieten, welches
Vergnügen versprach und kein Kapital erforderte, denn er hatte einen
Ueberfluß von der Zeit, die _kein_ Geld ist.
»Wo sollen wir graben?« fragte Huck.
»Na, so 'n bißchen überall.«
»Was? giebt's denn überall 'nen Schatz?«
»Wie du nur so fragen magst! Die sind immer nur an ganz besonderen
Plätzen. Mal auf 'ner Insel, dann in 'ner alten, verfaulten Kiste, die
unter einem alten, vermoderten Baumstamm verscharrt ist, grad' da, wo
der Schatten um Mitternacht hinfällt; gewöhnlich aber steckt der Schatz
unter'm Boden eines Hauses, in dem's spukt.«
»Wer steckt 'n denn da hin?«
»Wer? Ei, Räuber natürlich, wer denn sonst? Etwa 'n Vikar, der die
Sonntagsschule hält, was?«
»Was weiß ich? Das weiß ich aber gewiß, ich würd' den Schatz nicht
irgendwo vergraben, wenn er mein wär', sondern nehmen und ausgeben und
lustig damit leben.«
»Ich auch. Räuber aber machen's anders, die vergraben ihn immer und
lassen ihn liegen.«
»Und gucken gar nie mal danach?«
»Nee. Sie wollen wohl, aber dann haben sie die Zeichen vergessen, oder
sterben gewöhnlich. Na, auf jeden Fall liegt der Schatz da 'ne Ewigkeit
und wird rostig. Und dann nach einiger Zeit entdeckt mal einer ein
altes, gelbes Papier, auf dem steht, wie man die Zeichen finden kann,
ein Papier, an dem man 'ne Woche lang und länger 'rum buchstabieren und
entziffern muß, denn 's steht nichts weiter drauf, als geheimnisvolle
Krakelfüße und Hieroglyphen.«
»Hiero -- was?«
»Hieroglyphen -- Bilder und Gekritzel und solches Zeug, von dem man
meint, es habe keinen Sinn.«
»Hast _du_ denn so 'n Papier, Tom?«
»Nee.«
»Na, und wo willst du denn da die Zeichen finden?«
»Zeichen? Ich brauch' keine Zeichen. Ich weiß ja genau, daß der Schatz
immer unter 'nem Spukhaus, oder auf 'ner Insel, oder unter 'nem alten,
abgestorbenen Baum liegt, der noch einen Ast in die Höhe streckt. Na,
wir haben ja die Jackson-Insel schon mal 'n bißchen abgesucht, dort
können wir's noch mal probieren. Dann haben wir ja das alte, verfallene
Spuknest, droben am Stillhausbach, und Haufen von alten, abgestorbenen
Bäumen überall, -- Haufen, sag' ich dir!«
»Na, und unter allen liegt einer vergraben?«
»Unsinn! Du fragst wie du's verstehst. Natürlich nicht.«
»Wie willst du dann aber wissen, welches der rechte ist?«
»Ei, wir probieren's eben überall.«
»Herrgott, Tom, da geht ja der ganze Sommer drauf.«
»Das wohl! Gelt, wenn du dann aber 'nen alten Topf mit hundert
blitzeblanken Dollars drin kriegst, oder 'ne Kiste voll Diamanten, dann
wärst du nicht böse?«
Hucks Augen glühten.
»Das -- das wär' 'n Fressen für mich; das Geld genügte mir, die
Diamanten ließ ich dir!«
»Schon recht. Ich werf' sie nicht weg, sag' ich dir, Dummkopf! Ei,
einer davon ist oft mehr wert, als zwanzig Dollars, 's giebt keinen,
der nicht zum wenigsten sechzig, siebzig Cents oder 'nen Dollar gilt.«
»Nee! Wahrhaftig?«
»Na, das kann dir 'n Wickelkind sagen! Hast du denn nie mal einen
gesehen, Huck?«
»Nee. Nicht daß ich wüßte!«
»O, Könige haben ganze Haufen davon.«
»Na, ich kenn' aber keine Könige, Tom.«
»Glaub's wohl! Nee, wenn du mal nach Europa gingst, könnt'st du sie in
Scharen 'rumhopsen sehen.«
»Hopsen die denn?«
»Hopsen? -- Bist wohl verrückt? Nein, hopsen thun sie nicht.«
»Na, was sagst du's denn?«
»Däsbartel! Ich wollt' ja nur sagen, dann könnt'st du sie _sehen_, --
nicht hopsen, natürlich, -- weshalb sollten sie denn hopsen? Ich meinte
nur, so im allgemeinen würdest du 'ne Menge davon sehen, überall 'rum.
Zum Beispiel den alten, buckeligen Richard.«
»Richard -- wie heißt er weiter?«
»Ei, Richard bloß, hat keinen anderen Namen. Könige haben nur einen
Rufnamen.«
»Wahrhaftig?«
»Weiß Gott, sie haben nur einen.«
»Na, wenn's ihnen recht ist, Tom, mir kann's eins sein. Ich möcht' aber
kein König sein und nur so einen lumpigen Namen haben, grad' wie 'n
elender Nigger. Aber sag' mal, wo wollen wir denn zuerst graben?«
»Weiß selber nicht. Wie wär's, wenn wir uns mal zuerst an den alten
Baum machten, da drüben auf dem Hügel über'm Stillhausbach?«
»Mir recht!«
So verschafften sie sich denn eine alte, ausgediente Hacke und Schaufel
und machten sich auf ihren Marsch von drei Meilen. Heiß und außer
Atem kamen sie an und warfen sich zum Ausruhen in den Schatten einer
benachbarten Ulme, holten ihre Pfeifen hervor und dampften wacker drauf
los.
»So mag ich's,« sagte Tom.
»Ich auch.«
»Sag' mal, Huck, wenn wir hier 'nen Schatz finden, was willst du dann
mit deinem Teil anfangen?«
»Ich? Ei, ich eß' jeden Tag Kuchen und Pasteten, und trink' Wein und
Sodawasser dazu. Und dann geh' ich in jeden Zirkus, der kommt und --
na, ich will mir schon ein vergnügtes Leben machen!«
»Und sparen willst du dir gar nichts?«
»Sparen? Zu was?«
»Ei, um später was zum Leben zu haben.«
»Würd' mir nichts helfen, Tom. Mein Alter kommt gewiß mal wieder zum
Vorschein, und wenn ich's nicht vorher thät', hätt' der bald genug mit
allem aufgeräumt, darauf wett' ich. Was willst du denn mit deinem Teil
anfangen, Tom?«
»Ich? ich kauf' mir erst mal eine neue Trommel und ein richtiges
Schwert und eine rote Krawatte und 'ne junge Bulldogge und dann -- dann
verheirat' ich mich.«
»Verheirat'st dich?«
»Jawohl.«
»Tom, du -- bist wohl übergeschnappt?«
»Wart' nur -- dann sollst du's erleben.«
»Na, Tom, das ist einfach das Dümmste, was du thun kannst. Nimm nur
mal meinen Alten und meine Mutter an. Nichts als Keilerei! Die haben
immerzu aufeinander losgedroschen, das weiß ich noch ganz gut.«
»Das will gar nichts sagen. Das Mädchen, das ich heirat', prügelt sich
nicht herum.«
»Tom, glaub's nicht, die sind alle gleich. Das Zuhauen versteht 'ne
jede. Ueberleg' dir's noch ein Weilchen, sag' ich dir -- überleg'
dir's. Wie heißt denn das Mädel?«
»'s ist kein Mädel -- es ist ein Mädchen.«
»Na, das kommt auf eins heraus. Mädel oder Mädchen, 's ist ganz
dasselbe, gehupft wie gesprungen. Na also, wie heißt sie, Tom?«
»Will dir's vielleicht später mal sagen. Jetzt nicht.«
»Mir auch recht. Nur werd' ich, wenn du dich verheirat'st, noch viel
alleiner sein als je.«
»Nein, das sollst du nicht. Du kommst und wohnst bei mir. Na, jetzt laß
uns aber vorwärts machen und an die Arbeit gehen.«
Eine halbe Stunde lang gruben und schwitzten sie. Kein Erfolg. Noch
eine halbe Stunde der Mühe und des Schweißes. Derselbe Erfolg. Jetzt
sagte Huck:
»Liegt so 'n Schatz immer so tief drunten?«
»Manchmal, -- nicht immer. Gewöhnlich nicht. Wir haben eben vermutlich
nicht den richt'gen Platz getroffen.«
[Illustration]
Sie wählten eine andere Stelle und fingen von neuem an. Etwas weniger
rasch als im Anfang ging die Arbeit von statten, doch machten
sie Fortschritte. Stillschweigend mühten sie sich eine Weile ab.
Schließlich stützte sich Huck auf seine Schaufel, wischte sich mit
seinem Aermel die Schweißtropfen von der Stirn und fragte:
»Wo gehen wir nachher hin, wenn wir hier fertig sind?«
»Ei, an den alten Baum, denk' ich, der dort auf dem Cardiff-Hügel
hinter dem Haus der Witwe Douglas steht.«
»Einverstanden! Wird uns aber die Witwe den Schatz nicht wegnehmen? Der
Baum steht doch auf ihrem Boden.«
»_Die_ uns wegnehmen? Sollt's mal probieren! Wer so 'nen Schatz findet,
dem gehört er auch. 's kommt gar nicht drauf an, wo er gefunden wird.«
Das lautete beruhigend. Die Arbeit schritt voran. Endlich sagte Huck:
»Hol's der Geier! 's muß wieder der falsche Platz sein. Was meinst du?«
»Sonderbar ist's, Huck, ich versteh's nicht recht. Manchmal steckt
Hexerei dahinter. Vielleicht ist's jetzt auch hier so.«
»Dummes Zeug! Hexen haben am Tag keine Macht.«
»Wahr ist's, daran hab' ich nicht gedacht. Ach, jetzt weiß ich, was
schuld ist! Was wir für einfältige Narren sind! Man muß ja doch erst
wissen, wo der Schatten des Baumes um Mitternacht hinfällt, und da
liegt der Schatz.«
»Na, dann hol's der Teufel! Dann ist ja die ganze Graberei umsonst
gewesen. Hol's der Henker, alles mit'nander, müssen also in der Nacht
den scheußlich weiten Weg noch einmal machen! Kannst du los kommen?«
»Freilich kann ich. Heut' nacht muß es jedenfalls sein, denn wenn einer
kommt, und sieht die Wühlerei und die Löcher, dann weiß er gleich,
was los ist, macht sich selber dahinter und schnappt uns am Ende die
Bescherung vor der Nase weg.«
»Gut also. Ich werd' diese Nacht kommen und miauen.«
»Schön. Komm her, wir verstecken unsre Hacke und Schaufel im
Gebüsch.« --
Zur festgesetzten Zeit waren denn auch die Jungen in der Nacht an
Ort und Stelle. Wartend saßen sie im Schatten. Es war ein einsamer
Ort und eine von Alters her feierliche Stunde. Geister flüsterten im
raschelnden Laube, Gespenster lauerten in dunkeln Ecken und Winkeln,
das dumpfe, tiefe Gebell eines Hundes erscholl aus der Ferne, dem
eine Eule mit hohler Grabesstimme antwortete. Diese ahnungsvolle
Feierlichkeit der Stunde lastete auf den beiden Jungen, sie sprachen
wenig. Nach einer Weile, als sie dachten, nun müsse Mitternacht da
sein, machten sie einen Strich, wo der Mondschein den Schatten des
Baumes hinwarf, und begannen zu graben. Ihre Hoffnungen stiegen.
Das Interesse wuchs, und der Fleiß hielt ehrlich Schritt. Das Loch
wurde tiefer und tiefer, aber jedesmal, wenn sie die Hacke auf etwas
Festes aufklingen hörten und ihnen das Herz voll freudiger Erwartung
laut klopfte, war's nichts als erneute Enttäuschung. Ein Stein war's
gewesen, oder ein alter Holzknüppel! Endlich sagte Tom:
»Es nutzt nichts, Huck, 's ist wieder der falsche Platz.«
»'s kann nicht sein, Tom, wir haben ja den Schatten auf's Haar
abgezirkelt.«
»Weiß ich. Aber da ist noch was anderes.«
»Was denn?«
»Ja sieh'. Wir haben doch die Zeit nur so ungefähr erraten. Am Ende
war's zu spät oder zu früh.«
Huck ließ die Schaufel sinken.
»Das ist's, weiß Gott!« sagte er. »Da liegt der Hund begraben! Ich
meine, wir lassen die Sache bleiben. Wie sollen wir je die richtige
Zeit herausfinden, und außerdem -- 's ist so gruselig hier um die Zeit
in der Nacht mit all den Geistern und Gespenstern, die nur so in der
Luft herum flattern. Ich mein' immerzu, 's stünd' einer hinter mir,
aber ich fürcht' mich herumzuschauen, weil ja auch einer vor mir sein
könnt', der nur auf die Gelegenheit wartet, bis ich den Kopf dreh'.
Seit ich hier bin, läuft's mir fortwährend eiskalt über den Rücken!«
»Mir geht's beinah' ebenso, Huck. Weißt du, meistens liegt auch bei so
'nem Schatz irgend ein toter Mensch vergraben, der Wache halten soll.«
»Herr, du mein Gott!«
»Ja, so ist's, das hab' ich oft gehört.«
»Tom, ich befaß' mich nicht gern mit den Toten. Die machen einem immer
nur Ungelegenheiten.«
»Ich hab' auch keine Lust, sie aufzuwecken. Denk' mal, wenn der hier
plötzlich seinen Schädel 'raus streckte und was sagen wollte.«
»Tom, Tom, hör' auf. 's ist schauerlich!«
»Das ist's, Huck. Mir ist auch kein bißchen wohl dabei, sag' ich dir.«
»Komm, Tom, wir stecken's auf und graben mal wo anders.«
»Gut, 's ist am End' besser.«
Tom dachte ein Weilchen nach und sagte dann:
»Im Gespensterhaus. Das ist der richt'ge Ort!«
»Hol's der Geier. Ich mag keine Häuser, in denen's spukt, Tom. Weiß
Gott, Gespenster sind fast noch schlimmer als tote Menschen. Die mögen
meinethalben mal plötzlich, ohne daß man dran denkt, den Mund aufthun
und einen erschrecken, aber die kriechen doch nicht herum in ihren
Leichentüchern wie die Gespenster, und sehen einem plötzlich über die
Schulter, wenn man gar nicht an sie denkt, und klappern mit den Zähnen
und Beinern. Das könnt' ich nicht aushalten, Tom, -- kein Mensch könnt'
so was.«
»Ja, aber, Huck, Gespenster spuken doch nur in der Nacht. Am Tag werden
sie uns dort am Graben nicht hindern.«
»Das ist wohl wahr. Aber du weißt selber, daß keiner hier gern dem
Gespensterhaus nah' geht, bei Tag nicht und nicht bei Nacht!«
»Na, das ist doch auch nur, weil mal einer da ermordet worden ist.
Aber gesehen hat man nie was Unheimliches in der Nacht um das Haus
herum, höchstens mal 'n blaues Licht am Fenster vorbeihuschen, -- keine
richtigen Gespenster.«
»Na, wo du aber so 'n blaues Flämmchen siehst, Tom, kannst du Gift
drauf nehmen, daß 'n Geist dicht dahinter ist. Das ist doch so klar wie
was! Denn wer anders als Geister braucht so'n Licht?«
»Das kann sein. Aber auf keinen Fall kommen sie bei Tag heraus. Also
brauchen wir uns gar nicht zu fürchten.«
»Gut, mir soll's recht sein. Wir wollen das Gespensterhaus vornehmen.
Aber -- aber ich glaub' riskiert ist's doch!«
Unter diesem Geplauder waren sie am Fuß des Hügels angelangt. Dort,
inmitten des mondbeglänzten Thales, stand das ›Gespensterhaus‹,
gänzlich vereinsamt, mit längst verfallener Umzäunung. Ueppig rankendes
Unkraut überzog Treppenstufen und Thürschwelle, der Schornstein war
in Trümmer zerfallen; leer starrten die Fensterhöhlen, ein Teil des
Daches war eingesunken. Eine Weile blickten die Jungen unverwandt
auf den gespenstischen Ort, immer halb in Erwartung, die blauen
Flämmchen hinter den Fenstern vorbeihuschen zu sehen. Sie sprachen im
Flüstertone, wie es zu Zeit und Umständen paßte. Dann rissen sie sich
los von der unheimlichen Stätte, die sie in weitem Bogen umkreisten,
und schlugen sich heimwärts durch die Wälder, welche die Rückseite des
Cardiff-Hügels mit ihrem Grün schmückten.
[Illustration]
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Um die Mittagsstunde des nächsten Tages fanden sich die Jungen wiederum
am Schauplatz ihrer nächtlichen Thaten ein, um ihr Werkzeug zu holen.
Tom war sehr ungeduldig und konnte gar nicht schnell genug nach dem
›Gespensterhaus‹ kommen. Huck, etwas gemäßigter in seinem Eifer, sagte
plötzlich:
»Sag' mal, Tom, weißt du, was heut' für 'n Tag ist?«
Tom ließ im Geiste die Wochentage an sich vorüber ziehen und hob dann
den Kopf erschreckten Blickes:
»Ei, der Tausend, daran hab' ich gar nicht gedacht, Huck.«
»Na, ich zuerst auch nicht. Mit einem Male aber fiel's mir siedend heiß
ein, daß heut' Freitag sei.«
»Potz Blitz! man kann doch nie vorsichtig genug sein, Huck. Wir hätten
schön in die Patsche geraten können, wenn wir mit so was am Freitag
angefangen hätten.«
»Hätten geraten können? Ich sag' _wären_ geraten! 's giebt Glückstage,
aber der Freitag ist keiner!«
»Das weiß jeder Narr. Du denkst doch nicht, daß du der erste bist, der
das herausgefunden, Huck?«
»Hab' ich das vielleicht gesagt? Und der Freitag allein ist noch nicht
alles, -- hab' 'nen scheußlich schlechten Traum gehabt, heut' nacht --
hab' von Ratten geträumt.«
»Ist's möglich? Na, 'n sichres Zeichen von Pech. Bissen sie sich
herum?«
»Nein.«
»Na, dann ist's gut, Huck. Wenn sie sich nicht herumbeißen, soll's nur
bedeuten, daß irgendwo Unheil lauert, weißt du. Da brauchen wir einfach
nur die Augen gut aufzumachen und dem Pech aus dem Weg zu gehen. Auf
jeden Fall aber wollen wir's heut' sein lassen und lieber spielen.
Kennst du Robin Hood, Huck?«
»Nee, wer ist's?«
»O, der war einer der größten Männer, die je in England lebten, und der
Beste dazu. Er war ein Räuber.«
»Patent! Wollt' ich wär's. Wen hat er denn beraubt?«
»Ei, nur Sheriffs und Bischöfe und reiche Leute und Könige und
dergleichen. Die Armen aber ließ er ganz in Ruhe, die hatte er lieb.
Mit denen hat er immer alles ganz brüderlich geteilt.«
»Das muß ja 'n Staatskerl gewesen sein.«
»Das war er, weiß Gott, Huck. Das war einfach der beste Mensch, der je
gelebt hat. So giebt's jetzt gar keine Menschen mehr, sag' ich dir. Der
konnte jeden Mann in England zwingen mit _einer_ Hand, man durfte ihm
die andere festbinden. Und dann nahm er seinen Eiben-Bogen und traf
jedes Zehn-Centstück auf anderthalb Meilen Entfernung.«
»Was ist denn ein Eiben-Bogen?«
»Was weiß ich? Eben irgend ein Bogen natürlich. Und wenn er dann das
Geldstück nur am Rande traf, statt in der Mitte, da setzte er sich hin
und weinte -- und fluchte. Komm', laß uns Robin Hood spielen, 's ist
fein, sag' ich dir. Ich zeig's dir, wie.«
»Mir recht.«
So spielten sie denn Robin Hood den ganzen Nachmittag, hie und da einen
sehnsüchtigen Blick nach dem alten ›Gespensterhaus‹ da unten werfend
und sich über die Aussichten und Möglichkeiten des folgenden Tages
unterhaltend. Als die Sonne bedenklich gen Westen sich neigte, schlugen
sie den Heimweg ein, quer durch die langen Schatten, welche die Bäume
nun warfen, und waren bald in den Wäldern des Cardiff-Hügels dem Auge
entschwunden. --
Am Sonnabend, kurz nach der Mittagsstunde, stellten sich die Jungen
wieder an jenem bewußten alten Baume ein. Erst rauchten und schwatzten
sie ein Weilchen im Schatten desselben, dann wühlten sie noch ein wenig
in ihrem letzten Loch herum, nicht sehr hoffnungsvoll allerdings,
sondern nur, weil Tom meinte, es sei schon so oft vorgekommen, daß
man beim Schatzgraben dem gesuchten Schatz auf sechs Zoll Entfernung
nahe gekommen und das Ding darnach mutlos aufgegeben habe, nur damit
ein anderer dann mit einem einzigen Spatenstich die ganze Herrlichkeit
entdecke. Die Sache schlug indes wieder fehl, und so schulterten die
Jungen ihr Werkzeug und gingen davon, in dem erhebenden Bewußtsein,
mit dem Glück nicht gespielt zu haben, sondern im Gegenteil jedes
Erfordernis getreulich erfüllt zu haben, das zu dem Geschäft des
Schatzgrabens gehört.
Als sie das Gespensterhaus erreichten, lag etwas so Schauerliches
und Unheimliches in der Totenstille, die dort unter der sengenden
Sonnenglut herrschte, etwas so Bedrückendes in der Einsamkeit und
Verlassenheit des Ortes, daß die Jungen einen Moment lang sich nicht
getrauten hinein zu gehen. Dann schlichen sie nach der Thür und
hielten zitternd Umschau. Sie sahen eine mit Unkraut überwucherte
Stube vor sich, den Boden ohne Dielen, die Wände ohne Bewurf, mit
einem eingesunkenen Kamin, mit leeren Fensterhöhlen und einer halb
verfallenen Treppe. Allenthalben hingen Fetzen von verstäubten,
verlassenen Spinngeweben herum. Vorsichtig, zögernd traten die Jungen
ein, beschleunigten Pulses, im Flüsterton redend, gespitzten Ohres,
bereit, den geringsten Laut aufzufangen, die Muskeln gespannt, um
jeden Moment zum Rückzug bereit zu sein.
[Illustration]
Bei näherer Bekanntschaft mit dem Ort verringerte sich allmählich
ihre Furcht, und unsere beiden Helden unterwarfen die Lokalität einer
genauen und eingehenden Prüfung, nicht ohne dabei im stillen ihre
eigene Kühnheit zu bewundern und zugleich darob zu erstaunen. Unten
fertig, wollten sie sich nun auch oben umsehen. Das hieß so viel, als
sich den Rückzug abschneiden, aber sie waren nun einmal im Zuge, sich
gegenseitig im Herausfordern der Gefahr zu überbieten, und so warfen
sie denn ihr Werkzeug in einen Winkel und stiegen hinauf. Oben fanden
sie dieselben Zeichen des Verfalls. In einem Winkel entdeckten sie
einen Wandschrank, der irgend ein Geheimnis zu bergen versprach, --
dies Versprechen war aber Täuschung und Betrug: der Schrank war leer.
Der Mut schien ihnen nun voll und ganz wiedergekehrt, und eben waren
sie im Begriff, hinunter und an die Arbeit zu gehen, als --
»Sscht!« sagte Tom.
»Was giebt's?« flüsterte Huck, vor Schreck erbleichend.
»Sscht! Da! Hörst du?«
»Ja! O, du meine Güte! Laß uns rennen!«
»Still, halt dich ruhig und muckse dich nicht. Sie kommen grad' auf die
Thür los.«
Die Jungen streckten sich auf dem Boden aus, spähten mit den Augen
durch die Astlöcher in den Dielen und warteten zitternd vor verhaltener
Furcht und Erregung.
»Sie bleiben stehen -- nein -- sie kommen -- da -- da sind sie. Kein
Wort mehr, Huck. Herrgott, wären wir doch mit heiler Haut aus der
Patsche!«
Zwei Männer traten ein. Jeder der Jungen sagte zu sich selber:
»Der eine ist der alte, taubstumme Spanier, den man in der letzten Zeit
ein- oder zweimal in der Stadt gesehen hat, -- den andern kenn' ich
nicht.«
›Der andere‹ war ein zerlumpter, ungekämmter Kerl, dessen Gesicht nicht
eben einnehmend war. Der Spanier war in seine ›Serape‹ gehüllt, er
hatte einen buschigen, weißen Schnauzbart; langes, weißes, wehendes
Haar stahl sich unter seinem breiträndigen Hute vor, dazu trug er grüne
Augengläser. Als sie herein kamen, redete eben ›der andere‹ mit leiser
Stimme auf ihn ein. Sie ließen sich auf dem Boden nieder, das Gesicht
der Thüre zugewandt und mit dem Rücken gegen die Mauer gelehnt. Der
Sprechende fuhr in seinen Bemerkungen fort. Je länger er sprach, desto
mehr verlor sich sein vorsichtiges Wesen und desto lauter wurden seine
Worte.
»Nein,« sagte er, »ich hab's mir überlegt, aber ich mag nicht. 's ist
mir viel zu gefährlich.«
»Gefährlich,« brummte der ›taubstumme‹ Spanier, zum größten Erstaunen
der lauschenden Jungen, »Hasenfuß!«
Diese Stimme ließ die Jungen voll Entsetzen erbeben und nach Atem
ringen. Es war die Stimme des Indianer-Joe.
Ein Schweigen folgte, dann sagte dieser:
»Was giebt's wohl Gefährlicheres, als das letzte Stückchen, das ich
dort drüben geliefert, -- damit wies er mit dem Finger nach der
Richtung der Stadt, -- und ist da vielleicht was 'raus gekommen dabei?«
»Das ist was anderes! Soweit flußaufwärts und kein anderes Haus in der
Nähe! Wie soll überhaupt etwas 'raus kommen, wenn wir keinen Erfolg
gehabt haben.«
»Na, und was ist gefährlicher, als bei Tag hierher kommen? Ei jedem,
der uns sähe, müßten wir doch verdächtig scheinen.«
»Das weiß ich. Aber nach dem dummen Stückchen von neulich war kein
Platz so gelegen. Ich muß weg aus der Bude hier! Hab's gestern schon
gewollt, nur nutzte es nichts, da die verteufelten Jungens da oben beim
alten Baum vor unserer Nase ihr Spiel trieben.«
Die ›verteufelten Jungens‹ erbebten bei dieser Bemerkung und
beglückwünschten sich innerlich, daß sie sich des Freitags erinnert und
beschlossen hatten, einen Tag zu warten. Wie wünschten sie jetzt, statt
eines Tages ein Jahr gewartet zu haben! Die zwei Männer kramten nun
Nahrungsmittel aus und machten sich eine Mahlzeit zurecht. Nach einer
langen, gedankenvollen Pause sagte der Indianer-Joe:
»Will dir mal was sagen, Kamerad. Du machst dich wieder flußaufwärts,
wo du hingehörst, und bleibst dort, bis du von mir Nachricht hast.
Ich schleich' mich noch mal in die Stadt, geh's wie's will, und halt'
Umschau. An das ›gefährliche Stückchen‹ gehen wir dann erst, wenn ich
die Zeit dazu für gekommen halte. Dann auf und davon nach Texas!«
Dieser Plan ließ sich hören und fand keinen Widerspruch. Die Männer
begannen zu gähnen und Joe sagte:
»Ich bin todmüde! An dir ist die Reihe zu wachen!«
Er kauerte sich zusammen und begann alsbald zu schnarchen. Sein
Kamerad stieß ihn ein paarmal an, worauf er stille ward. Alsbald
begann der Wächter zu nicken, sein Kopf sank tiefer und tiefer, nun
schnarchten beide Männer.
Die Jungen holten tief und dankerfüllt Atem. Tom wisperte:
»Jetzt gilt's, komm!«
Huck erwiderte:
»Ich kann nicht. Ich fiel' geradeswegs tot hin, wenn sie aufwachen.«
Tom trieb, Huck zögerte. Schließlich erhob sich Tom vorsichtig und
leise und schickte sich an, allein sein Heil zu probieren. Beim ersten
Schritt aber, den er vorwärts that, krachte die alte, morsche Diele so
laut und drohend, daß er plötzlich halbtot vor Schreck wieder umsank.
Einen zweiten Versuch wagte er nicht. So lagen denn die Jungen und
zählten die träge sich dahinschleppenden Sekunden, bis sie meinten,
alle Zeit müsse aufgehört haben, ja die Ewigkeit schon grau geworden
sein, und sie waren heißen Dankes voll, als sie bemerkten, daß die
Sonne sich zu neigen begann.
Einer der Schlafenden hörte jetzt auf zu schnarchen. Der Indianer-Joe
richtete sich empor, starrte um sich, lächelte grimmig über seinen
Kameraden, dessen Kopf auf die Kniee gesunken war, stieß ihn mit dem
Fuße an und sagte:
»Na, du bist ein Wächter, das muß ich sagen! Uebrigens einerlei, 's ist
ja nichts passiert.«
»Meiner Treu, -- ich hab' doch nicht -- hab' ich wirklich geschlafen?«