dem Podium, machte eine wirkungsvolle Kunstpause, nahm eine tragische
Haltung an und begann gemessenen, ausdrucksvollen Tones vorzulesen:
Eine Vision.
»Dunkel und stürmisch war die Nacht. Am Himmelszelte oben
flimmerte nicht ein einziger Stern, nur das dumpfe Dröhnen
des Donners vibrierte beständig im geängstigt lauschenden
Ohre, während grelle Blitze in entfesselter Wildheit die
wolkigen Himmelskammern durchrasten und der Macht zu spotten
schienen, die der große Franklin sich über sie angemaßt.
Selbst die stürmischen Winde kamen einmütig hervor aus ihrer
geheimnisvollen Höhle und schnaubten und tosten einher, als
wollten sie durch ihre Gegenwart die tolle Scene noch toller
machen. Zu eben solcher Stunde, gleich dunkel, gleich trostlos
und entsetzungsvoll, schrie einst mein ganzes Sein nach dem
Balsam menschlichen Mitgefühls. Umsonst! Da plötzlich:
›Erschien sie, die mein Trost, mein Führer und mein Rat,
Mein Glück im Gram, mein All' an meine Seite trat.‹
Sie schwebte daher, wie eines jener glänzenden,
anmutbeschwingten Wesen, mit denen Jugend und Romantik sich
die sonnigen Fluren ihres Eden bevölkern, eine Königin der
Schönheit, nur mit ihrer eignen, unvergleichlichen Lieblichkeit
angethan und geschmückt. So leise war ihr Schritt, keinen Laut
rief er hervor und nur der magische Wonneschauer, der mein
ganzes Sein bei ihrer sanften Berührung durchrieselte, verriet
mir ihre Gegenwart, sonst wäre sie entschwebt gleich andern
sich dem Auge nicht selbstbewußt aufdrängenden Schönheiten,
unbemerkt und ungesucht. Gleich eisigen Thränen auf dem
Gewande des Dezembers lag eine eigentümliche Traurigkeit
auf den geliebten Zügen, als sie, ernst auf die draußen
kämpfenden Elemente hinweisend, mich die beiden durch dieselben
dargestellten Wesen betrachten hieß.« --
Dieser nächtliche Gespensterspuk füllte zehn Seiten des Manuskripts
und endete in einer Predigt von solch niederschmetternder,
hoffnungraubender Wirkung auf alle Nichtgläubigen, daß der Aufsatz
den ersten Preis gewann und einstimmig für die beste Leistung des
Abends erklärt wurde. Der Bürgermeister des Städtchens überreichte der
glückstrahlenden Verfasserin in feierlicher Ansprache den Preis, indem
er sagte, es sei bei weitem ›das Beredteste, Pathetischste‹, was er je
gehört, ja daß der große Daniel Webster selber hätte stolz drauf sein
dürfen.
Beiläufig mag noch bemerkt werden, daß die Zahl der Aufsätze, in denen
das Wort ›wunderbar‹ mit Vorliebe angewendet und der menschlichen
Erfahrung als ›einer Seite im Buche des Lebens‹ erwähnt wurde, den
üblichen Durchschnitt erreichte.
[Illustration]
Nun erhob sich der Lehrer, der durch den Erfolg des Abends so
sanftmütig und weich geworden war, daß sein Wesen beinahe an
Liebenswürdigkeit streifte, schob seinen Stuhl zurück, wandte dem
Publikum den Rücken und begann auf der schwarzen Tafel eine Karte
von Amerika zu entwerfen, um die Geographie-Uebungen daran vornehmen
zu können. Seine unstäte Hand aber wollte ihm nicht parieren bei der
Sache, ein unterdrücktes Gekicher lief durch das Haus. Er wußte,
was es bedeutete und nahm alle Kraft zusammen, um sich mit Ehren
herauszuziehen. Er fuhr mit dem Schwamm über die mißlungenen Linien
und machte sich geduldig auf's neue dran, nur um sie mehr und mehr
zu verrenken, und das Gekicher wurde immer deutlicher. Mit Macht und
ganzer Aufmerksamkeit warf er sich nun auf sein Werk, entschlossen,
sich durch die augenscheinliche Heiterkeit nicht aus der Fassung
bringen zu lassen. Er fühlte, daß aller Augen auf ihn gerichtet waren;
er glaubte nun endlich im richtigen Fahrwasser zu sein und doch dauerte
das Gekicher fort, ja es nahm sogar noch zu. Und Grund genug dazu
war vorhanden. Im oberen Stock befand sich eine Dachkammer, in deren
Fußboden eine Klappe angebracht war, unter der just eben der Lehrer
stand. Durch diese Klappe nun erschien eine Katze, die an einem um
die Hinterbeine geschlungenen Seile hing und der man um Kopf und Maul
einen dicken Lappen gewickelt hatte, um sie am Schreien zu hindern. Als
sie so langsam niedersank, krümmte sie sich nach oben und versuchte
sich mit den Pfoten am Seil festzuklammern, umsonst! Sie griff mit den
Pfoten nur in die unfaßbare, haltlose Luft. Das Gekicher schwoll und
schwoll. Die Katze war jetzt nur noch sechs Zoll von dem Haupte des
ahnungslosen Lehrers entfernt. Sie sank tiefer und tiefer; noch eine
Spanne und nun schlug sie die verzweifelten Krallen in die Perücke des
schulmeisterlichen Hauptes, klammerte sich fest an dem willkommenen
Halte und wurde im selben Moment zurückgezogen zur Klappe, die
Siegestrophäe fest in den räuberischen Klauen! Des Schulmeisters kahler
Schädel aber erstrahlte in ungeahnter, zauberischer Pracht, -- der Sohn
des Anstreichers hatte denselben _vergoldet_!
Dies bereitete der Festlichkeit ein jähes Ende. Die Jungen waren
gerächt, -- die Ferien da!
_Anmerkung._ Die oben angeführten sog. ›Aufsätze‹ sind ohne
Veränderung einem Buche entnommen, das den Titel führt: »Prosa
und Poesie von einer Dame des Westens.« Als genaue Studien nach
dem bekannten ›Schulmädchen-Muster‹ sind sie infolgedessen weit
glücklichere Beispiele, als bloße Nachbildungen hätten sein
können.
[Illustration]
Einundzwanzigstes Kapitel.
Tom fand, daß die ersehnten Ferien schon acht Tage nach dem Beginn sich
in endloser, öder Weise vor ihm zu dehnen begannen. Er wußte kaum,
was er mit sich anfangen sollte in dieser langen, langen Zeit. Becky
Thatcher war mit ihren Eltern auf ihr Landgut gereist, um die Wochen
der Freiheit dort zu verbringen, und hatte den letzten Lichtstrahl
in dieser endlosen Nacht der Langeweile mit sich genommen. Ein paar
Kindergesellschaften dienten nur dazu, die klaffende Lücke von Beckys
Abwesenheit um so fühlbarer zu machen. Eine mitleidige Masernepidemie
erbarmte sich der gelangweilten Jugend, bot aber in ihrem milden
Charakter nicht einmal die Aussicht, daß man zur Abwechslung hie und da
um das gefährdete Leben irgend eines Kameraden zittern konnte. Auch sie
verlief langweilig und eintönig wie alles andre.
Endlich kam Leben in die schläfrige Atmosphäre. Der Mordprozeß kam
vor Gericht und wurde sofort zum Thema jeglichen Stadtgespräches. Er
benahm Tom alle Ruhe. Jede neue Erwähnung der Mordthat sandte ihm
einen Schauder zum Herzen. Sein böses Gewissen und seine Angst ließen
ihn in jeder darauf bezüglichen Bemerkung einen ›Fühler‹ wittern, den
man ausgestreckt, um ihn zu sondieren. Freilich erschien es ihm bei
näherer Ueberlegung gar nicht möglich, daß man in ihm einen Mitwisser
der That vermuten könne, gleichwohl war ihm nicht wohl bei der Sache;
fortwährend überlief es ihn, bald heiß, bald kalt. An einsamem Ort
nahm er Huck beiseite, um sich mit diesem zu besprechen. Welche
Erleichterung mußte es gewähren, das Siegel auf den Lippen nur für eine
kleine Weile zu lösen, die Hälfte der Bürde auf die Schultern eines
Mitfühlenden, eines Leidensgefährten zu wälzen. Außerdem lag Tom daran,
sich Gewißheit über Hucks unverbrüchliches Schweigen zu verschaffen.
»Huck, hast du jemals irgend einem Menschen davon erzählt?«
»Von was?«
»Du weißt schon selber.«
»Ach so! Na, natürlich nicht.«
»Kein Wort?«
»Nicht ein einziges Wörtchen, nee, weiß Gott! Was fragst du?«
»Na ich -- ich hatte Angst.«
»Weißt's ja doch selber, Tom Sawyer, wir zwei wären kalt nach drei
Tagen, wenn das heraus käme!«
Tom fühlte sich etwas beruhigter. Nach einer Pause:
»Huck, gelt, 's kann dich keiner zwingen, was zu sagen, oder?«
»Mich zwingen! Na, wenn ich Lust hätte, daß mich der Indianer-Hund
ersäufte, ja, dann wär's möglich, daß ich's sage -- sonst nicht!«
»Na, dann ist's gut! Ich denk', wir sind sicher, so lang wir reinen
Mund halten. Laß uns aber noch mal schwören. Ich mein', 's ist
sicherer!«
»Meinethalben.«
Und wieder schwuren die Jungen einen grausig feierlichen Eid.
»Worüber schwatzen sie gerade hauptsächlich in der Stadt, Huck? Ich
hab' alles durcheinander gehört!«
»Schwatzen? Ei, Muff Potter, Muff Potter und nichts als Muff Potter,
immer und ewig. Mir treibt's den kalten Schweiß aus, wenn ich nur den
Namen höre. Am liebsten steckt' ich mir Baumwolle in die Löffel!«
»Gerad' so geht's bei mir, grad' so! Ich glaub' der ist verloren.
Dauert er dich nicht auch manchmal?«
»Ei immer, beinahe immerzu. Viel wert ist er ja nicht, aber er hat doch
keinem 'was zuleid' gethan. Stibitzt wohl mal 'nen Fisch, um Geld für
Schnaps zu kriegen und sich zu besaufen, und bummelt den ganzen Tag
herum, aber -- Herrgott, -- das thut ja jeder -- wenigstens beinah'
jeder. Aber er ist doch ein guter Kerl. Einmal hat er mir 'nen halben
Fisch gegeben und sich selber an der andren Hälfte hungrig gegessen,
und oft und oft hat er mir geholfen, wenn ich irgendwo in der Patsche
saß.«
»Und mir hat er Drachen geflickt, Huck, und Angelhaken an der Leine
festgemacht. Weiß Gott, ich wollt', wir könnten ihn freimachen! Ich
gäb' was drum!«
»Du lieber Himmel, das würde doch nicht viel helfen, Tom, den hätten
sie gleich wieder fest!«
»Das ist ja wahr, aber ich kann's gar nicht mit anhören, wenn sie so
über ihn losziehen, als wär' er der leibhaftige Gottseibeiuns, und er's
doch gar nicht gethan hat.«
»So geht's mir grad', Tom. Herrgott, da schwatzen sie daher, als sei er
der blutdürstigste Hund im Land und nur aus Versehen nicht schon längst
irgendwo aufgeknüpft.«
»Ja, weiß Gott, ich hab' sogar gehört, wie einer sagte, wenn sie den
freiließen, dann sollte er sofort gelyncht werden. O, du meine Güte!«
»Und das thäten sie auch, so wahr ich hier steh'!«
Lange noch schwatzten die Jungen so zusammen, aber Trost brachte
es ihnen nicht. Mittlerweile brach die Dämmerung herein und sie
befanden sich plötzlich vor dem kleinen, einsamen Gefängnis, in der
uneingestandenen Hoffnung, ein gütiges Geschick könne irgend eine
Wendung zum Besseren herbeiführen, wodurch sie von ihrer Qual befreit
würden. Es geschah aber nichts. Die Engel und alle guten Geister
schienen ihre Hände von dem unglücklichen Gefangenen abgezogen zu haben.
[Illustration]
Wie oftmals zuvor schon traten die Jungen zu dem kleinen Gitter heran
und reichten Potter Tabak und Feuerzeug hindurch. Der lag am Boden und
Wächter waren keine da.
Seine rührende Dankbarkeit hatte ihnen zuvor schon tief in's Herz
geschnitten und that's diesmal mehr als je. Als feige, elende Verräter
der schlimmsten Art aber fühlten sie sich, wie Potter sagte:
»Ihr seid ungeheuer gut gewesen gegen mich, Jungens, -- besser als
irgend wer in der Stadt. Und ich gedenk's euch, weiß Gott, ich thu's.
Oft sag' ich zu mir selber: ›hast doch all deiner Lebtag den Jungen
nur Guts gethan, hast den Schlingeln die Drachen geflickt und die
besten Fischplätze gewiesen, aber nee, Dankbarkeit giebt's nicht, alle
haben den alten Muff vergessen, der jetzt so tief in der Tinte sitzt,
alle -- nur der Tom nicht und der Huck nicht, die haben ihn nicht
vergessen,‹ sag' ich, ›und der alte Muff, der vergißt sie auch nicht.‹
Seht, Jungens, ich hab' ja was Furchtbares gethan, so betrunken und
verrückt wie ich war, nur so kann ich's mir erklären, jetzt soll ich
baumeln dafür und geschieht mir schon recht. Es geschieht mir recht,
sag' ich, und 's wird wohl auch das Beste für mich sein, glaub' ich.
Na, wollen's gut sein lassen, nicht weiter davon schwatzen. Möcht'
nicht, daß euch schwer um's Herz wird, weil ihr so gut gegen mich
gewesen seid. Was ich nur sagen wollt', Jungens, betrinkt euch nie,
wenn ihr groß seid, dann müßt ihr auch niemals hier sitzen, in dem
schrecklichen Loch. Wie, stellt euch doch mal 'n bißchen so her, 's ist
ein Gottestrost, freundliche Gesichter zu sehen, wenn man so in der
Patsche sitzt, und ich seh' weiter keine, als eure. Gute, freundliche
Gesichter -- gute, liebe Gesichter! Stellt euch doch mal so, steig'
mal einer auf den andern, daß ich euch auch berühren kann, -- so! So
ist's recht! Nun gebt mir die Hände, so, eure kleinen Pfoten können ja
durch's Gitter durch, meine Tatzen sind zu breit dazu. Kleine Hände,
-- kleine, schwache Hände, haben dem alten Muff Potter 'ne Masse Gutes
gethan und würden's noch mehr thun, wenn sie könnten, gelt Jungens? So,
und nun trollt euch, sonst wird der alte Muff weich wie ein Waschlappen
und das taugt nichts.«
Tom schlich sich elend und zerschlagen nach Hause und seine nächtlichen
Träume waren aller Schrecken voll. Am folgenden Tag und den Tag
darnach trieb er sich um den Gerichtssaal herum. Es zog ihn fast
unwiderstehlich hinein, und er mußte sich mit aller Macht bezwingen,
draußen zu bleiben. Huck ging es gerade so. Sie mieden einander nun
geflissentlich. Sie liefen von Zeit zu Zeit hinweg, um sich alsbald
von derselben unheimlichen Anziehungskraft zurückgetrieben zu sehen.
Tom spitzte die Ohren, sobald eine Gruppe Neugieriger den Saal
verließ, hörte aber nur Schlimmes und Schlimmeres, die Kette der
Beweise schloß sich von Minute zu Minute eherner und unerbittlicher
um den armen Potter. Am Schluß der zweiten Tagessitzung hieß es, daß
des Indianer-Joe Aussage fest und unerschütterlich gleich einer Mauer
stünde, und darüber, wie das Verdikt der Geschworenen ausfiele, könne
kaum noch ein Zweifel bestehen.
An diesem Abend trieb sich Tom noch sehr spät draußen herum, kam
durch's Fenster heim und befand sich in einem Zustand furchtbarster
Aufregung. Stundenlang wälzte er sich auf seinem Lager, ehe er
einschlafen konnte.
[Illustration]
Des andern Morgens strömte die ganze Stadt dem Gerichtssaal zu, denn
heute war ja der große Tag, an dem die Entscheidung fallen sollte.
Beide Geschlechter waren zahlreich vertreten unter der dicht gedrängten
Zuhörerschaft. Nach langer Pause des Wartens traten die Geschworenen
in den Saal und nahmen ihre Plätze ein. Kurz danach brachte man Potter
herein, bleich, hohlwangig, in Ketten. Verschüchtert und hoffnungslos
saß er da, während all die neugierigen Augen ihn erbarmungslos
anstarrten. Ebenso fiel der Indianer-Joe auf, der stumpfsinnig
dreinstierte, wie gewöhnlich. Eine neue Pause folgte, dann erschien
der Richter, und der Sheriff verkündete den Beginn der Verhandlung.
Das übliche Köpfe-Zusammenstecken und Geflüster der Advokaten und
das Rascheln und Zurechtkramen der Papiere folgte. Alles dies, in
Verbindung mit den daraus entstehenden Verzögerungen, bildete eine
ebenso eindrucksvolle als unheimliche Einleitung zu dem folgenden
Drama.
Nunmehr wurde ein Zeuge aufgerufen, welcher aussagte, daß er Muff
Potter in frühester Morgenstunde des Tages, der die Entdeckung der
Mordthat brachte, gesehen habe, wie sich derselbe am Bach wusch und
sich sofort heimlich davon schlich, als er sich beobachtet sah. Nach
einigen weiteren Fragen überwies der Staatsanwalt den Zeugen der
beklagten Partei: »Der Herr Verteidiger hat das Wort.«
Für einen Moment erhob der Angeklagte die Augen, senkte sie aber sofort
nieder, als sein Verteidiger sagte:
»Ich verzichte darauf.«
Der nächste Zeuge beschwor, daß man das Messer in der Nähe der Leiche
gefunden. Wieder wies der Staatsanwalt den Zeugen dem Verteidiger zu,
und abermals verzichtete dieser auf jede Frage.
Ein dritter Zeuge gab an, das Messer in dem Besitz Potters gesehen zu
haben. Der Staatsanwalt überweist denselben zum dritten Mal an den
Verteidiger:
»Der Herr Verteidiger hat das Wort.«
Und zum dritten Mal erwiderte dieser ruhig und kalt:
»Ich verzichte!«
Eine leise Unruhe begann sich im Publikum bemerkbar zu machen. Wollte
dieser Verteidiger denn das Leben seines Klienten ohne jeglichen
Versuch zur Rettung preisgeben?
Mehrere Zeugen sagten aus, wie sich Potter unverkennbar schuldbewußt
benommen, da man ihn zum Schauplatz der That gebracht. Auch sie konnten
den Zeugenstand ohne weiteres Kreuzverhör verlassen.
Jede Einzelheit der äußerst gravierenden Vorfälle, die an jenem
denkwürdigen Morgen auf dem Friedhofe stattgefunden und deren sich
jeder Anwesende erinnerte, wurde von glaubwürdigen Zeugen erhärtet,
nicht einen dieser Zeugen aber unterwarf Potters Verteidiger auch
nur dem kleinsten Verhör. Die Verblüffung und Unzufriedenheit des
Publikums hierüber gab sich in lautem Murren kund, was von Seiten des
Vorsitzenden einen Tadel und einen Verweis zur Folge hatte. Jetzt nahm
der Staatsanwalt das Wort:
»Durch den Eid ehrenwerter Männer erhärtet, deren einfaches Wort über
jeden Verdacht erhaben ist, sehen wir uns gezwungen, das Verbrechen,
um das es sich hier handelt, dem unglücklichen Beklagten zur Last zu
legen. Wir halten den Fall hiemit für erwiesen.«
Ein Stöhnen entrang sich des armen Potters gequälter Brust, er schlug
die Hände vor's Gesicht und wiegte den Oberkörper hin und her, im
Uebermaß des Schmerzes. Tiefes, lautloses, peinliches Schweigen
herrschte im Hause. Manch hartes Mannesherz war bewegt, und der Frauen
Mitleid bezeugte sich in Strömen von Thränen. Endlich ergriff der
Verteidiger das Wort:
»Meine Herren Richter und Geschworenen. -- Bei Beginn dieser
Verhandlungen gaben wir unsre Absicht kund, zu Gunsten unseres Klienten
geltend zu machen, daß er die furchtbare That in dem Zustand eines
durch Uebermaß geistiger Getränke herbeigeführten sinnlosen Deliriums
beging, ein Zustand, der an sich schon jede Verantwortung ausschließen
sollte. Wir haben diese Absicht aufgegeben, wir werden uns hierauf
nicht weiter berufen.«
Sich zum Gerichtsdiener wendend rief er dann:
»Man führe Thomas Sawyer vor!«
Verwundertes Staunen zeigte sich auf jedem Antlitz, dasjenige Potters
nicht ausgenommen. Jedes Auge haftete in steigendem Interesse an Tom,
als dieser sich nun erhob und dem Zeugenstand zuschritt. Verwirrt genug
sah der Knabe aus und war dabei augenscheinlich in höchster Angst. Das
Verhör begann:
»Thomas Sawyer, wo befanden Sie sich am siebzehnten Juni um die
Mitternachtsstunde?«
Tom streifte flüchtig mit seinem Blick die eiserne Stirn des
Indianer-Joe, und die Zunge versagte ihm den Dienst. Atemlos lauschte
die Menge, die Worte wollten nicht kommen. Nach ein paar Augenblicken
jedoch raffte sich der Junge zusammen, es gelang ihm, Gewalt über seine
Stimme zu bekommen, soweit wenigstens, daß er einem Teil des Hauses
verständlich wurde:
»Auf dem Friedhofe.«
»Ein wenig lauter, bitte. Nur keine Angst! Sie waren also --«
»Auf dem Friedhofe.«
Ein verächtliches Lächeln zuckte über das Gesicht des Indianer-Joe.
»Befanden Sie sich irgendwo in der Nähe vom Grabe des alten William?«
»Ja, Herr Anwalt.«
»Könnten Sie nicht ein klein wenig lauter reden? Wie nahe ungefähr
waren Sie wohl?«
»So nahe, wie ich hier bei Ihnen stehe.«
»Hielten Sie sich versteckt oder nicht?«
»Ich war versteckt.«
»Wo?«
»Hinter den Ulmen, die dort dicht beim Grabe stehen.«
Der Indianer-Joe fuhr fast unmerklich zusammen.
»War noch sonst jemand mit Ihnen?«
»Ja, ich war dorthin gegangen mit --«
»Halt, einen Augenblick. Wir wollen den Namen noch nicht hören, darauf
kommen wir später zurück. Hatten Sie etwas mitgebracht?«
Tom zögerte und sah verwirrt vor sich nieder.
»Heraus damit, mein Junge, nur nicht ängstlich. Die Wahrheit zu reden
ist immer ehrenhaft. Also, was hattest du bei dir?«
Unbewußt war der Frager von dem förmlichen Ton eines öffentlichen
Inquirenten in den aufmunternden, väterlichen verfallen, der unsrem
Helden gegenüber weit mehr am Platze war. Dadurch ermutigt stammelte
dieser zögernd:
»Nur -- nur -- nur 'ne tote Katze!«
Ein leises Gekicher ließ sich vernehmen, dem sofort Einhalt geboten
wurde.
»Wir werden uns späterhin erlauben, das betreffende Gerippe den Herrn
Geschworenen als Beweis vorzulegen. Und jetzt, mein Sohn, erzähl' du
mir alles, was du gesehen hast, erzähl's ganz schön auf deine Art,
verbirg uns nichts, vergiß nichts und vor allem fürcht' dich nicht.«
Tom begann -- stotternd, zögernd im Anfang, da er sich aber mit seinem
Thema erwärmte, flossen ihm die Worte leichter und leichter. Nach ein
paar Momenten erstarb jedes andere Geräusch im ganzen, weiten Saale,
nur der Laut der klaren, hellen Knabenstimme war hörbar. Jedes Auge
war auf den Jungen gerichtet, offnen Mundes, mit verhaltenem Atem
folgte man seinen Worten, Richter, Geschworene, Publikum schienen der
Welt entrückt, so gefesselt waren sie von der drastischen Schilderung
der grausigen That. Die atemlose Erregung der Versammlung hatte ihren
Höhepunkt erreicht, als der Junge sagte: »Und wie der Doktor mit
dem Brett auf den Muff Potter einhieb und der umfiel, da sprang der
Indianer-Joe mit dem Messer auf und --«
Krach! Rasch wie der Blitz war der Indianer-Joe mit einem Sprung
emporgeschnellt, dem Fenster zugestürzt, die ihm im Weg Stehenden
zur Seite schleudernd, und ehe man zur Besinnung kam, hatte er sich
hindurchgeschwungen und -- war verschwunden!
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Wiederum war Tom zum strahlenden Helden der Stadt geworden, -- ein
Liebling der Alten, der Neid der Jugend. Sein Name wurde sogar durch
den Druck unsterblich gemacht, das Blättchen der Stadt erging sich in
vielen Lobpreisungen seiner Heldenthat. Einige seiner Mitbürger dachten
allen Ernstes dran, daß er Aussicht haben könne, einstmals Präsident zu
werden -- d. h., wenn er nicht zuvor gehenkt würde.
Wie gewöhnlich schloß die unbeständige, gedankenlose Welt Muff Potter
jetzt an ihr Herz, schmeichelte ihm und hätschelte ihn so ausgiebig,
wie sie ihn zuvor beschimpft hatte. Da ihr dies Verfahren im Grund aber
zur Ehre gereicht, wollen wir's nicht weiter tadeln.
Toms Tage waren Tage des Glanzes und des Entzückens, seine Nächte
dagegen Zeiten des Grauens. Der Indianer-Joe spukte in all seinen
Träumen, Tod und Vernichtung standen ihm im Gesichte geschrieben. Keine
Versuchung, noch so groß, gab es nun, die den Jungen hätte bewegen
können, nach Einbruch der Nacht sich hinaus zu wagen. Der arme Huck
befand sich ganz im selben Zustand des Schreckens und Entsetzens, denn
Tom hatte am Abend vor der letzten Gerichtsverhandlung dem Verteidiger
von Muff Potter die ganze Sache haarklein gebeichtet und Huck
zitterte davor, daß sein Anteil an der Geschichte doch noch ruchbar
werden könnte, trotzdem ihm des Indianer-Joe Flucht die Qual eines
öffentlichen Erscheinens vor Gericht erspart hatte. Der arme Bursche
hatte freilich den Herrn Verteidiger beschworen, reinen Mund zu halten,
und dieser hatte es ihm auch versprochen; aber welche Sicherheit bot
ihm das? Seit die Gewissensqual Tom dazu getrieben, dem Verteidiger
bei Nacht und Nebel jenes grause Geheimnis zu enthüllen, das ihm mit
schauerlichen, unheimlichen Eiden für ewig auf die Lippen gesiegelt
schien, war Hucks Vertrauen in das menschliche Geschlecht erschüttert,
ja vernichtet. Alltäglich erfüllten Muff Potters rührende Dankesbeweise
Tom mit Freude und Stolz, daß er geredet, und allnächtlich wünschte
er inständig, das Geheimnis bewahrt zu haben. Einmal fürchtete Tom,
man möchte den Indianer-Joe niemals erwischen, dann wieder entsetzte
ihn der Gedanke, daß man ihn doch später finden könne. Er fühlte mit
Bestimmtheit, daß er keinen ruhigen Atemzug mehr thun könne, ehe dieser
Mensch nicht tot sei und er seine Leiche gesehen habe.
Belohnungen waren ausgesetzt, die ganze Gegend durchsucht worden, aber
kein Indianer-Joe wurde gefunden. Man hatte eines jener allwissenden,
scheue Ehrfurcht einflößenden Wunderwesen, einen Detektiv aus St.
Louis, verschrieben. Der schnüffelte umher, schüttelte sein weises
Haupt, sah geheimnisvoll aus, und hatte denselben erstaunlichen Erfolg,
den die meisten Angehörigen seines Berufes erringen, das heißt, er
entdeckte, wie er sagte, ›den Schlüssel zum Rätsel‹. Da man aber
besagten Schlüssel nicht des Mordes verklagen und henken konnte, fühlte
sich Tom, nachdem der weise Mann gegangen, ebenso unsicher als zuvor.
Die Tage schleppten sich langsam dahin, zum Glück aber nahm ein jeder
neue Tag ein klein wenig von der Seelenangst mit sich hinweg, die auf
dem armen Knaben lastete.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
[Illustration]