»Tantchen, ich wollt', ich hätt's nicht gethan -- ich hab' aber

wirklich nicht so dran gedacht.«

»Ach, Kind, du denkst ja nie. Denkst nie an die andern, immer nur an

dich und dein Vergnügen. Daran hast du wohl gedacht, den ganzen Weg von

der Jackson-Insel hierher zu machen, nur um über uns und unsern Jammer

zu lachen. Und daran hast du auch gedacht, deine alte Tante mit dem

verlogenen Traum zum Narren zu machen, _daran_ aber denkst du nicht,

wie du uns Spott und Schande und Kummer ersparen kannst.«

»Tantchen, jetzt weiß ich, wie erbärmlich es von mir war, aber so hab'

ich's nicht gemeint, weiß Gott, wahrhaftig nicht! Und dann bin ich auch

nicht herüber geschwommen, um mich über euch lustig zu machen.«

»Warum sonst?«

»Nur um dir zu sagen, daß du dich nicht um uns sorgen solltest, da wir

nicht ertrunken seien.«

»Tom, Tom, ich wäre die dankbarste alte Seele in der weiten Welt, wenn

ich wirklich glauben könnte, du hättest _den_ guten Gedanken gehabt.

Aber so war's gewiß nicht, Tom, so war's nicht, und das weißt du auch

selber, Tom.«

»Weiß Gott, Tante, so war's, weiß Gott! Ei, ich will gleich tot

umfallen, wenn's anders war.«

»O, Tom, lüg' nicht, -- thu's nicht, Kind. Es macht ja nur alles

tausendmal schlimmer.«

»Es ist nicht gelogen, Tante, es ist die reine Wahrheit. Ich wollte nur

nicht, daß du dich so grämen solltest, einzig und allein deshalb kam

ich.«

»Ich gäb' die ganze Welt drum, wenn ich das glauben könnte, -- es

würde fast alle deine Dummheiten aufwiegen, Tom. Ei, ich wollte gar

nichts davon sagen, daß du so schlecht gewesen und davongelaufen bist,

wenn ich _das_ nur glauben könnte. Aber, Kind, Kind, es kann ja nicht

sein, 's geht gegen alle Vernunft; warum hättest du's mir dann damals

doch nicht gesagt und wärst so davongeschlichen?«

»Warum? Ja, siehst du, Tantchen, als ihr vom Trauergottesdienst und all

dem spracht, da schoß mir der Gedanke durch den Kopf, zu kommen und

uns unterdessen in der Kirche zu verstecken und ich war so voll davon,

daß ich mir's nicht verderben wollte. 's war doch auch kapital, gelt?

So drückte ich mich denn heimlich davon und steckte meine Rinde wieder

ein.«

»Welche Rinde?«

»Ei, die Rinde, auf die ich geschrieben hab', daß wir als Piraten

davongelaufen seien. Ich wollt' jetzt, du wärst wach geworden, wie ich

dich geküßt hab', wahrhaftig ich wollt's!«

Der strenge Ausdruck im Gesicht der Tante ließ etwas nach, plötzliche

Zärtlichkeit strahlte warm aus den treuen Augen.

»_Hast_ du mich geküßt, Tom?«

»Natürlich.«

»Hast du's wirklich gethan, Tom?«

»Gewiß, Tante, gewiß und wahrhaftig!«

»Warum hast du mich geküßt, Tom?«

»Weil ich dich lieb hab' und weil du da gelegen hast und geseufzt und

gestöhnt, und das hat mir leid gethan.«

Die Worte klangen wahr. Die alte Dame konnte ein Zittern in ihrer

Stimme nicht ganz unterdrücken als sie sagte:

»Küß mich noch einmal, Tom -- und mach', daß du weg kommst, 's ist Zeit

zur Schule, du hast mich genug geärgert.«

Im Moment, da er weg war, stürzte sie zum Schrank und riß die traurigen

Ueberreste der Jacke hervor, in der er Seeräuber gewesen. Dann stand

sie still, drückte die Lumpen an ihre Brust und flüsterte:

»Nein, ich wag's nicht. Armer Kerl, ich glaub' er hat gelogen, aber

-- es war so gut und lieb gelogen, ordentlich tröstlich für mein

altes Herz. Ich hoffe, der Herr, -- nein, ich _weiß_, der Herr wird

ihm verzeihen, denn weiß Gott, diesmal hat mein Tom aus Gutherzigkeit

geflunkert. Ich will auch gar nicht wissen, daß es geflunkert war,

lieber seh' ich gar nicht nach.«

So legte sie die Jacke weg und stand noch eine Minute sinnend davor.

Zweimal streckte sie die Hand nach dem Kleidungsstück aus und zweimal

zog sie dieselbe wieder zurück. Noch einmal wagte sie sich vor und

sprach sich selber Mut zu mit dem Gedanken: Die Lüge war ja gut

gemeint, von Herzen gut gemeint, es soll mich weiter nicht kümmern.

Damit hatte sie die Hand in die Jackentasche versenkt. Einen Moment

später las sie unter strömenden Thränen, was Tom auf jenes bewußte

Rindenstück gekritzelt hatte und stammelte schluchzend:

»Jetzt könnt' ich dem Jungen verzeihen, und wenn er eine Million Sünden

auf dem Gewissen hätte.«

[Illustration]

Neunzehntes Kapitel.

In der Art und Weise, wie ihn Tante Polly küßte, lag etwas, das Tom

wunderbar wohlthat. Seine Niedergeschlagenheit war wie weggeblasen und

er fühlte sich urplötzlich wieder leichtherzig und froh. Er stürmte der

Schule zu und hatte das Glück unterwegs auf Becky zu stoßen. Da er sich

immer von seiner augenblicklichen Stimmung leiten ließ, so rannte er

ohne einen Moment der Ueberlegung auf sie zu und rief treuherzig:

»Becky, ich war heute morgen ganz abscheulich gegen dich, ich will nie,

nie wieder so sein, so lang ich lebe, nur sei wieder gut, willst du?«

Das Mädchen blieb stehen und sah ihm verächtlich in's Gesicht:

»Ich würde Ihnen sehr dankbar sein, Herr Thomas Sawyer, wenn Sie mich

in Zukunft mit Ihrer Gesellschaft verschonen wollten, ich werde nie

wieder mit Ihnen reden.«

Sprach's, warf den Kopf zurück und schritt stolz von dannen.

›Herr‹ Thomas Sawyer war starr vor Staunen, daß er nicht einmal

Geistesgegenwart genug hatte zu einem ›Wie Sie wünschen, Jungfer

Patzig‹, und erst dran dachte, als es zu spät war. So sagte er denn

kein Wort, war aber nichtsdestoweniger in heller Wut. Er schlich nach

dem Schulhof und wünschte nur, sie wäre ein Junge und er könnte sie

durchbläuen für diese unerhörte Beleidigung. Als er gerade in ihre

Nähe kam, schleuderte er ihr eine beißende Bemerkung ins Gesicht. Sie

entgegnete im selben Ton und der Bruch war vollständig. Becky konnte in

ihrem Racheeifer kaum den Beginn des Unterrichts erwarten, so brannte

sie darauf, Tom seine Prügel für das verschmierte Buch erhalten zu

sehen. Wenn sie je noch den Schatten eines Zweifels in sich verspürt

hatte, ob sie Alfred Tempel nicht doch angeben wolle, so war derselbe

durch Toms letzte Liebenswürdigkeit auf Nimmerwiederkehr verscheucht.

Das arme Ding -- sie ahnte nicht, welch' drohendes Unheil über ihrem

eignen Haupte schwebte. Der Lehrer, Herr Dobson, ein Mann in mittleren

Jahren, hegte einen übertriebenen, unerfüllbaren Ehrgeiz in der Brust.

Der Traum seines Lebens war gewesen, ein Arzt zu werden, seine Armut

aber hatte es gefügt, daß nur ein Volksschullehrer aus ihm wurde. Jeden

Tag griff er, wenn die verschiedenen Klassen beschäftigt waren, zu

einem geheimnisvollen Buche, in das er sich eifrig vertiefte. Dasselbe

hielt er strenge unter Schloß und Riegel. Jedes seiner Schulkinder

brannte vor Neugierde, einmal einen Blick hineinwerfen zu können, nie

aber wollte sich die Gelegenheit hiezu bieten. Jedes der Kinder, Knaben

und Mädchen, hatte seine eigene Ansicht über das Buch, aber niemals war

es gelungen, Näheres zu erfahren. Als eben Becky an der offenen Thür

des Zimmers vorüberhuschte, bemerkte sie, daß der Schlüssel des Pultes

steckte. Das war ein köstlicher Moment, der ausgenutzt werden mußte.

Sie blickte sich rasch um und sah sich ganz unbeobachtet; im nächsten

Augenblick hielt sie das Buch in Händen. Das Titelblatt: ›Anatomie von

Professor Soundso‹, diente nicht dazu, sie über den Inhalt aufzuklären,

so begann sie denn hastig die Blätter umzuwenden. Gleich zu Anfang kam

sie auf ein wundervoll koloriertes Bild, -- eine menschliche Figur. --

Im selben Moment fiel ein Schatten auf das Buch, Tom Sawyer trat zur

Thüre herein und erhaschte noch einen Blick auf das Bild. Hastig wollte

Becky das Buch schließen, hatte aber in ihrer Aufregung das Unglück,

das Bild von oben bis beinahe zur Mitte durchzureißen. Das Buch flog

ins Pult, sie drehte den Schlüssel um und brach in bittres Schluchzen

aus vor Scham und Aerger.

»Tom Sawyer,« rief sie, »du bist doch so gemein wie du nur sein kannst.

Einen so zu überfallen und auszuspionieren, was man thut!«

»Wie konnt' ich denn wissen, was du dir zu schaffen machst?«

»Du solltest dich vor dir selber schämen, Tom Sawyer; jetzt wirst du

hingehen und mich verklatschen beim Lehrer und -- Herr du mein Gott,

was fang' ich an? Ich bin noch niemals geschlagen worden in der Schule

und heut' -- heut' haut mich der Lehrer sicherlich durch.«

Dann, als Tom nichts antwortete, stampfte sie mit dem kleinen Fuße auf

und rief:

»Na, dann sei so gemein und verrat' mich, wenn dir's Spaß macht. Aber

wart', dir blüht auch nichts Gutes, denk' nur an mich -- niederträchtig

-- niederträchtig!« Und mit einem erneuten Strom von Thränen stürzte

sie davon.

Tom stand ordentlich betäubt ob solch vulkanischen Ausbruchs. Dann

sagte er zu sich selber:

»Was so'n Mädel für eine Närrin ist! Noch niemals Prügel gekriegt!

Herrgott, was liegt mir an einer Tracht mehr oder weniger? So sind aber

die Mädels, so dünnfellig und hasenfüßig. Es fällt mir gar nicht ein,

sie zu verklatschen, aber 's kommt doch heraus. Der alte Dobson wird

natürlich fragen, wer's war, und wenn keiner antwortet, fragt er einen

nach dem andern, dann merkt er's schon am Gesicht. So'n Mädel verrät

sich immer selber, da ist keine Schneid drin. Die Sache ist kritisch

für das arme Ding, die Becky, kriegen thut sie's, da ist kein Zweifel.

Na, mir kann's recht sein, die säh' mich auch von Herzen gern in

derselben Klemme. Mag sie zusehen, wie sie's ausbadet!«

Tom gesellte sich dem Haufen der lärmenden Kameraden draußen wieder zu;

bald drauf erschien der Lehrer und der Unterricht begann. Die Studien

zogen Tom nicht sehr an. Jedesmal, wenn er zu den Mädchen hinüber sah,

beunruhigte ihn Beckys Gesichtchen. Genau genommen hatte er gar keine

Ursache, sie zu bemitleiden, und doch, mochte er thun was er wollte,

er konnte sich des Mitleids nicht erwehren. Jetzt entdeckte der Lehrer

das besudelte Lesebuch, wodurch Toms ganze Aufmerksamkeit für seine

eigenen Angelegenheiten in Anspruch genommen wurde. Das rüttelte auch

Becky aus ihrer Gramversunkenheit auf und sie folgte den Vorgängen mit

großer Aufmerksamkeit. Sie glaubte nicht, daß Tom imstande sein werde,

sich herauszulügen, und sie hatte recht. Sein Leugnen schien die Dinge

für ihn nur zu verschlimmern. Als dann die Verhandlung den Höhepunkt

erreichte, trieb es sie förmlich, aufzuspringen und Alfred Tempel

anzugeben, doch zwang sie sich zur Ruhe, denn sie sagte sich: »Tom

klatscht doch, daß ich das Bild zerrissen hab'. Ich sag' kein Wort, und

wenn's ihm an's Leben geht.«

Tom steckte seine Prügel ein und schritt auf seinen Platz zurück,

durchaus nicht niedergeschlagen. Er dachte selber, es sei möglich, daß

er die Tinte über's Buch geschüttet, ohne es zu wissen, dergleichen

konnte ja passieren. Geleugnet hatte er's überhaupt nur der Form halber

und weil's so Sitte war; dann hatte er aus Prinzip dabei beharrt.

Eine ganze Stunde verstrich; nickend saß der Lehrer auf seinem Throne,

das Summen der vor sich hin murmelnden, lernenden Kinder wirkte

einschläfernd. Allmählich rappelte sich Herr Dobson in die Höhe,

gähnte, schloß sein Pult auf, griff nach seinem Buch und fingerte dran

herum, unentschieden, ob er es nehmen solle oder nicht. Schläfrig sahen

die Schüler nach ihm hin, zwei derselben verfolgten sein Thun mit

gespannten Blicken. Noch immer schien Herr Dobson nicht entschieden;

endlich nahm er das Buch zur Hand und lehnte sich in seinen Stuhl

zurück, um zu lesen.

Tom warf einen raschen Blick auf Becky. Diese starrte um sich wie ein

gehetztes Reh, das den todbringenden Lauf auf sich gerichtet sieht, so

hilflos, so verzweifelt. Im Moment war aller Groll dahin. Etwas mußte

geschehen, aber sofort, mit Blitzesschnelle, sonst war's zu spät.

Doch die dringende Nähe der Gefahr schien seine Erfindungsgabe völlig

zu lähmen. Wenn er nun hinstürzte, dem Lehrer das Buch entriß, damit

die Flucht ergriff? Eine einzige Sekunde überlegte er und -- hin war

die Gelegenheit, der Lehrer öffnete das Buch. Wäre nur der verlorene

Moment noch einmal zu erhaschen, Tom fühlte sich jetzt zu allem fähig.

Zu spät! Becky war nicht mehr zu helfen. Im nächsten Moment traf des

Lehrers Auge die aufschauenden Schüler, die Augen senkten sich vor

seinem Blick, es lag ein Etwas drin, das selbst den Unschuldigsten

unter ihnen mit Scheu und Furcht erfüllte. Eine Pause entstand, während

welcher man wohl bis zehn zählen konnte. Der Lehrer schien Kraft

sammeln zu müssen. Dann kam's:

»Wer hat dieses Buch zerrissen?«

Kein Laut. Man hätte eine Stecknadel zu Boden fallen hören können. Die

beängstigende Stille dauerte an. Auf einem Gesicht nach dem andern

suchte der Lehrer die Zeichen der Schuld.

»Benjamin Rogers, hast du das Buch zerrissen?«

Verneinung. Eine weitere Pause.

»Joe Harper, du?«

Erneute Verneinung. Toms Unbehagen stieg und stieg unter der langsamen

Qual dieses Verfahrens. Der Lehrer ließ den Blick über die Reihen der

Knaben schweifen, überlegte eine Weile und wandte sich dann den Mädchen

zu:

»Anny Lorenz?«

Ein Schütteln des Kopfes.

»Grace Miller?«

Dasselbe Zeichen.

»Susanne Harper?«

Erneute Verneinung. Das nächste Mädchen war Becky. Tom zitterte

vom Kopf bis zu den Füßen vor Aufregung; er empfand die ganze

Hoffnungslosigkeit der Lage.

»Rebekka Thatcher« -- (Tom sah, daß ihr Gesicht vor Entsetzen blaß war

wie der Tod) -- »hast du -- nein, sieh' mich an -- (sie hob die Hände

in stummem Flehen) hast du dies Buch zerrissen?«

Ein Gedanke schoß wie ein Blitz durch Toms Gehirn. Er sprang auf und

rief laut in die herrschende Stille hinein:

»_Ich hab's gethan._«

Sprachlos ob solcher unerhörten, unglaublichen Tollheit starrten ihn

aller Augen an. Tom stand einen Moment regungslos da, um seine etwas

aus der Fassung geratenen Lebensgeister zu sammeln, und als er dann

nach dem Katheder schritt, seine Strafe in Empfang zu nehmen, strahlten

ihm aus Beckys Augen Ueberraschung, Dankbarkeit, Anbetung in solch'

reichem Maße entgegen, daß sie ihn für hundert vollwichtiger Trachten

Prügel hätten entschädigen können. Begeistert durch den Edelmut seiner

eignen That entschlüpfte ihm auch nicht der leiseste Schrei bei der nun

folgenden Züchtigung, der unbarmherzigsten, die Herr Dobson in seinem

Leben austeilte. Ja, als der Lehrer die Strafe noch durch zwei Stunden

Nachsitzen verschärfte, nahm Tom auch dies mit dem äußersten Gleichmut

hin, wußte er doch, wer außerhalb der Schulmauern auf ihn warten und

jede Minute bis zu seiner Befreiung aus der Gefangenschaft zählen würde.

Am Abend desselben Tages ging Tom zu Bett, von finsteren Racheplänen

gegen Alfred Tempel erfüllt. Becky hatte ihm voller Reue und Scham

alles eingestanden, ja selbst ihre eigne Verräterei nicht verschwiegen.

Der Durst nach Rache aber wich bald milderen Gefühlen, lieblicheren

Bildern, und Tom fiel in Schlaf, während ihm Beckys letzte Worte noch

träumerisch süß im Ohre nachklangen:

»Tom, wie _konntest_ du so edel sein?«

[Illustration]

Zwanzigstes Kapitel.

[Illustration]

Die großen Ferien rückten immer näher. Der Lehrer, ernst von Natur,

wurde strenger und anspruchsvoller von Tag zu Tag, sollte doch seine

Schule Ehre einlegen am verhängnisvollen, großen Tag der Prüfung. Seine

Rute und sein Lineal kamen gar nicht mehr zur Ruhe, zum wenigsten bei

den kleineren Schülern. Nur die großen Knaben und die jungen Damen

von der Sonntagsschule entgingen einer Züchtigung. Und Herrn Dobsons

Prügel waren was wert unter Brüdern, denn obgleich er unter seiner

Perücke einen vollständig kahlen und glänzenden Schädel barg, so

stand er doch noch im kräftigsten Mannesalter und die Stärke seiner

Muskeln ließ nichts zu wünschen übrig. Als der große Tag näher und

näher rückte, kam alle die Tyrannei, die in ihm schlummerte, an's

Tageslicht. Mit grausamer Lust ahndete er die geringsten Versäumnisse

und Fehler. Die Folge davon war, daß die Kinder ihre Tage in Schreck

und Qual, ihre Nächte mit Schmieden finstrer Rachepläne verbrachten.

Sie ließen sich keine Gelegenheit entgehen, dem Lehrer einen Streich

zu spielen, der aber blieb immer Meister. Die Strafe, die jedem

solchen kleinen Racheakt auf dem Fuße folgte, war so großartig, so

niederschmetternd, daß die Jungen den Kampfplatz jedesmal vollständig

›geschlagen‹ verließen. Zuletzt entstand eine Verschwörung und ein Plan

wurde ausgeheckt, der den glänzendsten Sieg versprach. Die Verschwörer

zogen den Sohn des Anstreichers in's Vertrauen, welcher Lehrling bei

seinem Vater war, setzten ihm den Plan auseinander und baten um seine

Hilfe. Der hatte nun wieder seine eignen Gründe, sich dem Racheplan

anzuschließen, denn der Lehrer wohnte im Hause des Anstreichers und

hatte dem Jungen genügend Ursache zum gründlichsten Hasse gegeben. Die

Frau des Lehrers wollte in den nächsten Tagen zu einem Besuche auf's

Land gehen und so stand der Ausführung des Planes nichts im Wege. Der

Lehrer pflegte sich zur würdigen Vorbereitung bei großen Gelegenheiten

aus der Flasche nachhaltig Mut zuzusprechen, und der Anstreicherjunge

versprach, am Prüfungsabend, wenn der Lehrer das nötige Stadium des

›Mutes‹ erreicht habe und in seinem Stuhle ein Stärkungsschläfchen

halte, ›die Sache schon besorgen zu wollen.‹ Knapp zur rechten Zeit

wolle er ihn dann schleunigst wecken und in aller Eile zur Schule

spedieren.

Als die Zeit erfüllet war, trat dann das große Ereignis ein. Um acht

Uhr abends erstrahlte das Schulhaus im Glanz der Kerzen und im Schmuck

der Gewinde aus Laub und Blumen. Majestätisch thronte der Lehrer auf

seinem Katheder, die schwarze Tafel hinter sich. Auf Bänken zu beiden

Seiten saßen die Eltern der Kinder und die Würdenträger der Stadt, vor

dem Katheder dehnten sich die Reihen der Schüler, hier die Knaben,

die dermaßen gewaschen und herausgeputzt waren, daß man ihnen das

Unbehagen ansah, dort die Mädchen, in schneeweißem Musselin, sichtbar

durchdrungen von dem erhebenden Bewußtsein, in bloßen Armen, blau

und roten Bändern und mit Blumen im Haar zu glänzen. Den Hintergrund

bildete ›das Volk‹.

Die Prüfung begann. Ein winzig kleiner Junge erhob sich und rezitierte

mit einem Schafsgesicht:

»Kaum glaubt ihr, daß solch' kleiner Wicht,

Wie ich, es wagt und zu euch spricht,« etc.

wobei er seinen Vortrag mit den peinlich genauen, stoßweisen Bewegungen

einer Maschine begleitete, noch dazu einer Maschine, die etwas aus der

Ordnung geraten zu sein schien. Doch stolperte er sicher, wenn auch

zu Tode geängstigt, bis zum Schluß hindurch, klappte den Oberkörper

verbeugend nach unten, bekam einen wahren Beifallssturm von dem

dankbaren Publikum und zog sich aufatmend zurück.

Ein kleines, verschüchtertes Mädchen lispelte ihr:

»Ein kleines Lämmchen, weiß wie Schnee,

Ging einstens auf die Weide,«

machte einen mitleiderregenden Knix, erhielt ihren Anteil an Applaus

und setzte sich glühend rot und glückselig wieder hin.

Tom Sawyer trat nun vor, voll stolzer aber trügerischer Zuversicht,

und begann mit donnerndem Pathos und verzückten Gebärden die berühmte

Ode an die ›Freiheit‹ zu deklamieren. Aber wehe! In der Mitte etwa

angelangt, -- verließ ihn just das Gedächtnis, das ›Lampenfieber‹

ergriff ihn, seine Kniee zitterten, er drohte zusammenzusinken oder zu

ersticken. Wohl hatte er des Hauses Mitleid für sich, aber auch des

Hauses Schweigen. Finster blickte der Lehrer, drohend zog er die Stirne

in Falten; dies machte das Unheil vollständig. Tom stammelte, stotterte

noch eine Weile, gab's dann auf und zog sich zurück, jeder Zoll ein

geschlagener Held! Ein schwacher Beifallsversuch, der sich erheben

wollte, wurde im Keime erstickt.

Jetzt folgten:

»Auf brennendem Deck der Knabe stand.«

Dann:

»Hernieder kam einst Assurs Macht«

und andre dergleichen deklamatorische Kleinodien. Nun kamen Leseübungen

und ein regelrechtes Kreuzfeuer in der Kunst des Buchstabierens. Die

magere Lateinklasse bestand ihre Sache mit Ehren. Dann nahte der

Hauptakt des ganzen Abends, -- der Vortrag von selbstgefertigten

Aufsätzen und Gedichten der ›jungen Damen‹. Der Reihe nach trat jede an

den Rand der Estrade, räusperte sich, erhob ihr von einem zierlichen

Band umschlungenes Manuskript, und begann zu lesen mit dem nötigen

Aufwand von Ausdruck und Gefühl. Die Themata waren dieselben, wie

sie ihre Mütter, Großmütter und zweifellos alle weiblichen Vorfahren

der Familie bis zurück zu den Kreuzzügen schon bearbeitet hatten:

›Freundschaft‹ -- ›Erinnerungen früherer Tage‹ -- ›Die Religion in der

Geschichte‹ -- ›Das Land der Träume‹ -- ›Die Vorteile der Kultur‹ --

›Vergleiche und Verschiedenheiten der politischen Regierungsformen‹ --

›Melancholie‹ -- ›Kindliche Liebe‹ -- ›Herzenswünsche‹ -- u. s. w., u.

s. w.

Die meisten dieser Ergüsse zeichneten sich durch eine starke Vorliebe

für das Gefühlvolle aus. Die großartigste Verschwendung erhabener

Ausdrücke und Redewendungen war ebenfalls ein gemeinsamer Zug, ebenso

das gewaltsame Herbeiziehen allgemein bekannter und beliebter Phrasen

und Zitate. Den Schluß bildete hier wie dort unweigerlich eine

möglichst stark aufgetragene moralische Nutzanwendung. Einerlei, was

der behandelte Gegenstand gewesen, mit kühnem Sprung lief das Ende ohne

Unterschied in eine äußerst erbauliche Betrachtung aus, die sich nicht

ohne Rührung anhören ließ und einen schmeichelhaften Rückschluß auf die

Tugenden der schönen Mahnerin gestattete.

Der erste Aufsatz, der vorgetragen wurde, betitelte sich: »_Dies also

ist das Leben?_« Vielleicht hat der Leser Geduld genug, einen Auszug

hieraus nachzulesen:

»Trunkenen Auges, mit wonnebebendem Herzen schaut der

jugendliche Geist den zu erwartenden Freuden des Lebens

entgegen. Geschäftig malt ihm die Einbildungskraft

rosenfarbene Bilder der Wonne vor. Im Geiste sieht sich

die jugendliche Schöne als ›Dame von Welt‹, inmitten des

wogenden, festlichen Getriebes, scherzend, lachend, umkost,

umworben, gefeiert, ›schauend und geschaut‹! Ihre anmutige

Gestalt gleitet in wehenden, weißen Gewändern auf den

Wellen des wirbelnden Tanzes dahin, ihr Auge strahlt am

hellsten, ihr Schritt ist der elastischste in der ganzen

heiteren Gesellschaft. Unter solch' gaukelnden, lockenden

Phantasiegebilden schwindet schnell die Zeit und die ersehnte

Stunde erscheint, die Stunde, welche Einlaß bringen soll

in jene elysische Welt, die solche Wonneträume zu wecken

vermag. Wie zauberisch erscheint dem geblendeten Auge Alles

und Jedes! Jede neue Scene ist reizender, lockender als die

vorhergegangene. Doch kurze Zeit nur währt der Rausch! Bald

zeigt es sich, daß unter der glänzenden Außenseite Hohlheit

sich birgt. Die Schmeichelei, die einst die Seele fesselte,

verletzt nun das Ohr mit schrillem Klang, der Ballsaal verliert

seine Reize. Mit zerrütteter Gesundheit, verbitterten Herzens

wendet sich das ›Kind der Welt‹ ab, die Ueberzeugung tief

im Busen bergend, daß irdische Freuden das Verlangen der

unsterblichen Seele nicht zu befriedigen imstande sind!«

Und so weiter.

Ein beifälliges Gemurmel unterbrach von Zeit zu Zeit den Vortrag.

Ein: ›wie schön‹! ›gut gesagt‹! oder ›wie wahr‹! ließ sich deutlich

unterscheiden, und nachdem das Ding mit einer besonders erhebenden

Schlußbetrachtung geendet, wurde der Beifall ordentlich enthusiastisch.

Dann erhob sich ein schlankes, melancholisch aussehendes Mädchen,

dessen Gesicht jene interessante Blässe zeigte, die von Pillen und

schlechter Verdauung herrührt, und las ein ›Gedicht‹ vor. Folgende

Verse desselben mögen genügen:

Lebewohl einer Missouri-Maid an Alabama.

»Leb' wohl, Alabama, dich liebe ich,

Und doch muß lassen, muß meiden ich dich.

Es naget die Trauer am Herzen mein,

In heißer Sehnsucht gedenk' ich dein.

Wie hab' ich die blum'gen Wälder durchstreift,

Längs den Ufern deiner Gewässer geschweift,

Dem Murmeln der Wellen träumend gelauscht,

In Aurorens Strahl mich wonnig berauscht.

Nicht scheu verberg' ich mein übervoll Herz,

Erröt' nicht, zu zeigen den brennenden Schmerz.

Er gilt ja nicht Fremden im fernen Land,

Den Freunden, den Lieben nur, die ich gekannt.

Sie waren mein Trost mir, mein ganzes Glück;

Alabamas Thäler ersehn' ich zurück.

Ach, nun ich's verloren, erkenn' ich's zu spät:

Dort wurzelt mein Leben, mein Herz, -- zu spät!«

Tom Sawyers Abenteuer und Streiche · 第 11 / 19 段