die Glocke mit hohlem, dumpfem Klang anzuschlagen, anstatt wie sonst
feierlich zu läuten. Es war ein ungewöhnlich stiller Sabbat und der
klagende Ton stimmte zu der nachdenklichen, feierlichen Ruhe, die über
der ganzen Natur lag. Die Einwohner des Städtchens gingen zur Kirche
und verweilten einen Augenblick in der Vorhalle, um sich flüsternd
über das traurige Ereignis zu unterhalten. In der Kirche selbst aber
war's totenstill, nur das Rauschen der Frauengewänder unterbrach das
Schweigen. Keiner konnte sich erinnern, die kleine Kirche jemals so
voll gesehen zu haben. Eine tiefe, erwartungsvolle Pause entstand
und dann trat Tante Polly ein, gefolgt von Sid und Mary und der
Familie Harper, alle in tiefstem Schwarz. Die ganze Gemeinde zusamt
dem Geistlichen erhob sich achtungsvoll von ihren Plätzen, bis die
Trauernden durch ihre Reihen geschritten waren und in der vordersten
Bank Platz genommen hatten. Wiederum folgte tiefe Stille, nur hie und
da durch ersticktes Schluchzen unterbrochen, dann erhob der Geistliche
seine Stimme und betete. Ein ergreifendes Lied wurde gesungen, dann
folgte die Predigt.
In seiner Predigt entwarf der Geistliche ein solch glänzendes Bild von
den Tugenden, der Liebenswürdigkeit und den vielversprechenden Talenten
der Verlorenen, daß jeder der Zuhörer in der ehrlichen Meinung, dies
getreue Abbild wieder zu erkennen, einen Stich im Herzen fühlte, bei
dem Gedanken, wie beharrlich blind er selber gegen alle diese Vorzüge
gewesen und wie er ebenso beharrlich nur Fehler und Mängel in den armen
Jungen zu entdecken vermocht. Nun folgte manch rührender, hochherziger
Zug aus dem Leben der Dahingeschiedenen, der das Vorhergesagte
bekräftigen und beweisen sollte, und jedermann gingen nun erst die
Augen und das Verständnis auf dafür, wie groß und erhaben eigentlich
jene kleinen Vorkommnisse gewesen waren, die ihnen zur Zeit als die
ärgsten Schelmenstreiche und Teufeleien einer tüchtigen Tracht Prügel
wert erschienen. Die Versammlung wurde immer bewegter, je weiter der
Geistliche in seiner pathetischen Rede vorrückte, bis schließlich die
ganze Gesellschaft jegliche Fassung und Haltung verlor und sich in
vollem Chor dem Schluchzen und Seufzen der trauernden Hinterbliebenen
anschloß. Ja, den Geistlichen selbst übermannten seine Gefühle, er
verstummte und weinte auf offener Kanzel.
Ein Rascheln ertönte von der Emporkirche, auf das niemand achtete.
Einen Moment später knarrte eine Thüre, der Geistliche erhob seine
strömenden Augen über das verhüllende Taschentuch und -- stand und
starrte wie versteinert! Erst folgte ein Paar Augen der Richtung der
seinen, dann ein zweites, und plötzlich erhob sich, wie von einem
gemeinsamen Antrieb beseelt, die ganze Gemeinde und starrte auf
die drei ›toten‹ Jungen, welche gemächlich den Mittelgang herauf
marschierten, Tom voran, Joe hinter ihm, zuletzt Huck, eine wandelnde
Ruine in Lumpen. Die drei waren in jener unbenutzten Emporgalerie
verborgen gewesen und hatten ihre eigene Grabrede mit angehört!
Tante Polly, Mary und die Harpers stürzten sich auf die
wiedergeschenkten Ihrigen und erstickten dieselben fast mit Küssen und
Umarmungen. Der arme Huck aber stand daneben, blöde und verschüchtert,
wußte nicht, was er thun oder wo er sich bergen sollte vor so viel
starrenden Augen, von denen nicht eines ihm einen Willkommgruß bot. Er
wandte sich halb und versuchte fortzuschleichen, Tom aber faßte ihn und
rief:
»Tante Polly, das ist nicht recht und nicht schön. Es muß sich auch
jemand freuen, daß Huck wieder da ist.«
»Das müssen wir, Tom, mein Junge, und wollen's auch, armes, elternloses
Kind!« Wenn aber etwas das Gefühl des Mißbehagens bei Huck noch
vermehren konnte, so waren es die Zärtlichkeiten, mit denen Tante Polly
ihn überhäufte.
[Illustration]
Plötzlich rief der Geistliche mit aller Kraft seiner Lunge in den Lärm
hinein:
»Lobet den Herren, den mächtigen König der Ehren! -- Nun singt! -- Aber
herzhaft!«
Und sie sangen. Triumphierend, mit gewaltigem Klang erscholl das alte,
hehre Lob- und Danklied, die Töne stiegen und schwollen und schienen
die Grundfesten des Gebäudes zu erschüttern. Tom Sawyer, der Pirat,
blickte um sich, sah aller Augen auf sich gerichtet und fühlte, daß
dies der stolzeste Moment seines Lebens sei.
Als die Gemeinde die Kirche verließ, meinten alle, von Herzen gerne
würden sie sich noch einmal zum besten haben lassen, nur um ›Lobet den
Herren‹ wieder so erhebend singen zu hören.
* * * * *
Das also war Toms großes Geheimnis gewesen: der Plan, mit seinen
Spießgesellen heimzukehren und ihrem eigenen Trauergottesdienst
beizuwohnen. -- Auf einem alten Baumstamm waren sie abends nach dem
Missouri-Ufer geschwommen, fünf oder sechs Meilen unterhalb des
Städtchens gelandet, hatten in dem Walde, der die Stadt begrenzte,
beinahe bis Tagesanbruch geschlafen, dann sich durch einige
Seitengäßchen zur Kirche geschlichen, wo sie in der Empore ihren Schlaf
vollendeten, inmitten eines Chaos von wackligen alten Kirchen-Bänken.
* * * * *
Beim Frühstück am Montagmorgen waren Tante Polly und Mary besonders
zärtlich gegen Tom und voll Aufmerksamkeit gegen seine Wünsche. Man
sprach ungewöhnlich viel. Im Laufe der Unterhaltung äußerte Tante Polly:
»Na, Tom, ich will nicht sagen, daß es für euch Jungens nicht ein
Kapitalspaß gewesen sein muß, uns hier alle in Sorge und Kummer zu
wissen, während ihr's euch da draußen wohl sein ließet. Daß du aber
so hartherzig sein konntest, Tom, und mich so zappeln und mich grämen
lassen, das, Tom, das hätt' ich doch nicht von dir gedacht! Wenn du
hast herüber kommen können, um deine eigne Leichenrede zu hören, so
hättest du mir vorher wohl auch 'nen kleinen Wink geben dürfen, daß du
nicht tot seiest, sondern nur davongelaufen.«
»Ja, Tom, das ist wahr, das hättest du thun müssen,« stimmte Mary
bei, »und du würdest es wohl auch gethan haben, wenn du dran gedacht
hättest, -- gelt?«
»Ja, Tom?« fragte nun Tante Polly, deren Antlitz sich bei Marys Worten
bedeutend aufgeklärt, »sag' mal, hättest du's wirklich gethan, wenn du
dran gedacht hättest?«
»Ich -- ja, ich weiß nicht, ich -- ei, das hätt' ja alles verdorben.«
»Tom, ich dachte immer, so lieb würdest du mich doch wenigstens haben,«
sagte Tante Polly ganz vorwurfsvollen, betrübten Tones, wobei es dem
Jungen gar nicht wohl war. »'s wär schon was gewesen, wenn du nur dran
_gedacht_ hättest, auch ohne es zu thun.«
»Na, Tantchen,« beruhigte Mary, »das ist nun mal so Toms flüchtige Art
-- der ist immer so in der Hast und im Eifer, daß er nie an irgend
etwas denkt.«
»Um so schlimmer. Sid hätt' dran gedacht und Sid wär' auch gekommen und
hätt's gethan. Tom, du wirst nochmal dran zurückdenken, wenn's zu spät
ist, und wünschen, daß du besser gegen deine alte Tante gewesen wärst,
wo doch so wenig dazu gehört, mich --«
»Komm, Tantchen, du weißt, daß ich dich lieb hab', du mußt's ja wissen,
gelt?« schmeichelte Tom.
»Würd's besser wissen, wenn du's besser zeigtest.«
»Ich wollt', ich hätt' dran gedacht,« meinte Tom sinnend und mit
reuigem Ton, »jedenfalls aber hab' ich von dir geträumt. Das ist doch
schon etwas, nicht? Ei, in der Nacht vom Mittwoch träumte mir, ihr
säßet alle dort beim Bett, Sid saß auf dem Holzkasten und Mary dicht
daneben.«
»Ja und so war's auch, -- wie gewöhnlich. Ich bin froh, daß du dir in
deinem Traum wenigstens die Mühe gabst, an uns zu denken.«
»Ja und Joe Harpers Mutter war auch da, träumte ich.«
»Das war sie wirklich, Herr du mein, -- na und was weiter, Tom, was
weiter?«
»Viel noch, aber jetzt ist alles so verworren.«
»Na, besinn dich doch, probier's mal, kannst du nicht?«
»Wart' mal, ich mein' der Wind -- der Wind hätt' was ausgeblasen --«
»Ausgeblasen, nee Tom, besinn dich besser, der Wind --«
»Richtig, wart', jetzt hab' ich's. Der Wind hat das Licht flackern
machen und --«
»Herr, erbarm' dich! -- Weiter Tom, weiter!«
»Na und ich glaub' du sagtest: ›Was, seht doch mal die Thür' die --‹«
»Weiter Tom!«
»Wart' 'nen Moment, nur 'nen Moment! O ja, jetzt hab' ich's -- du
sagtest, sie sollten nach der Thüre sehen, die sei offen --«
»So wahr ich hier sitze, so sagt' ich, gelt Mary? Weiter!«
»Dann -- dann -- ja gewiß weiß ich's nicht mehr, aber ich meine, du
hätt'st Sid geheißen, sie zuzumachen und -- und --«
»So was lebt nicht mehr! Herr du mein Gott. Komm' mir nur keiner mehr
damit, daß Träume Schäume seien. Das soll die Harpern hören, eh' ich
'ne Stunde älter bin! Möcht' wissen, wie sie sich da 'raus reden wird
mit ihrem Unsinn von Aberglauben, über den sie so wohlweise schwatzt.
Weiter, Tom!«
»Na, jetzt ist mir alles klar wie Sonnenschein! Dann hast du gesagt,
ich wär' nicht schlecht, nur toll und voll Teufeleien und Unsinn, wüßt'
nicht mehr was ich thät' als wie ein -- ein -- ein Füllen, mein' ich,
war's, oder so etwas.«
»Richtig, richtig. Großer, allmächtiger Gott! Weiter, Tom!«
»Dann hast du geweint --«
»Weiß Gott, weiß Gott und nicht zum erstenmal. Dann --«
»Dann fing Joes Mutter auch an zu weinen und sagte, mit ihrem Joe sei's
grad' so und sie wollt' nur, sie hätt' ihn nicht durchgewichst um den
alten Rahm, den sie doch selber weggeschüttet --«
»Tom, Tom! Der Geist war über dir! Das ist ja die reine Eingebung, gar
nichts anderes! Gott sei mir gnädig! -- Weiter, Tom!«
»Dann kam Sid, der sagte --«
»Ich glaub', daß ich gar nichts gesagt hab',« warf Sid rasch ein.
»Doch, Sid, doch,« berichtigte Mary.
»Schweigt still und laßt Tom reden! Was hat Sid gesagt, Tom?«
»Der sagte -- na, ja, er hoffe, mir gehe es besser wo ich sei, wenn ich
aber manchmal besser --«
»Na, was sagt ihr nun?« triumphierte Tante Polly. »Seine eignen Worte!«
»Und du, Tantchen, du bist ihm eklich über den Mund gefahren, du --«
»Das bin ich, weiß Gott, das bin ich! Ein Engel muß uns belauscht
haben: Ein heiliger Himmelsengel muß irgendwo verborgen gewesen sein!«
»Und dann erzählte Frau Harper, wie Joe ihr einen Schwärmer
unter der Nase losgebrannt, und du erzähltest von Peter und dem
›Schmerzenstöter‹.«
»So wahr ich lebe!«
»Und dann redetet ihr alle durcheinander, wie man den Fluß abgesucht
nach uns und daß am Sonntag der Trauergottesdienst sein solle, und dann
habt ihr euch umarmt, die Frau Harper und du, und geweint und dann ging
sie weg.«
»Grad' so war's, grad' so! So wahr ich hier auf meinem Stuhl sitze!
Tom, du hättest es nicht besser erzählen können, wenn du dabei gewesen
wärest. Und dann was? Weiter, Tom!«
»Und dann hast du für mich gebetet, ich hab' dich gesehen und jedes
Wort gehört. Dann hast du dich ins Bett gelegt und ich war so betrübt,
daß ich ein Stück Rinde nahm und drauf schrieb: ›Wir sind nicht tot,
wir sind nur davon gegangen, um Seeräuber zu werden.‹ Das hab' ich auf
den Tisch zum Licht hingelegt, und du hast so gut ausgesehen und so
betrübt, wie du da gelegen hast und geschlafen, daß ich mich über dich
beugen mußte und dich küssen.«
»Hast du das gethan, Tom, wirklich und wahrhaftig? -- _Darum_ will ich
dir alles, alles verzeihen!« Und sie riß den Jungen in einer ihn fast
erstickenden Umarmung an sich und Tom hatte dabei das Bewußtsein eines
elenden, erbärmlichen Schurken.
»Freundlich und lieb war's ja,« murmelte Sid, den andern hörbar, vor
sich hin, »aber -- doch nur im Traum!«
»Halt den Mund, Sid, man thut im Traum immer doch nur das, was man auch
wachend thun würde. Hier hast du einen schönen Goldreinetten-Apfel,
Tom, den hab' ich dir aufgehoben, falls du je wieder gefunden werden
solltest, -- jetzt macht euch fort in die Schule! Wie dankbar bin ich
unserm Gott und Vater, daß ich dich wieder hab'. Er ist barmherzig und
gnädig mit denen, die an ihn glauben und seine Gebote halten, obgleich
ich, weiß Gott, ein unwürdiges Gefäß seiner Güte bin. Wenn er aber nur
denen, die's verdienen, seinen Segen geben wollte und ihnen helfen in
der Not und der Trübsal, so würde man hier unten keinen frohen Ton mehr
hören, und wenige würden zu seiner Ruhe eingehen, wenn die lange Nacht
einst kommt. So, und nun hebt euch fort, Sid, Mary, Tom -- ihr habt
mich lang genug aufgehalten.«
Die Kinder trollten zur Schule und die alte Dame machte sich fertig, um
Frau Harper aufzusuchen und ihren Unglauben mit Toms wunderbarem Traum
zu besiegen. Sid war zu klug, um den Gedanken laut werden zu lassen,
der ihn beseelte, als er das Haus verließ. Dieser Gedanke war:
»Ziemlich durchsichtig -- ein so ellenlanger Traum und ohne den
winzigsten, kleinsten Irrtum! Wenn das nicht --«
[Illustration]
Welch ein Held war Tom geworden! Er hüpfte und galoppierte jetzt nicht
mehr, wenn er auf der Straße ging, sondern mit würdevoller Haltung,
wie sie einem gewesenen Piraten geziemte, stolzierte er einher in dem
Bewußtsein, daß das Auge der Oeffentlichkeit auf ihm ruhe. Das war in
der That der Fall. Wohl versuchte er sich zu stellen, als sähe er die
Blicke nicht, als höre er die Bemerkungen nicht, während er so dahin
schritt, und doch waren sie Nektar und Ambrosia für ihn. Kleinere
Jungen folgten truppweise seinen Spuren, stolz darauf, mit ihm gesehen,
von ihm geduldet zu werden, der an ihrer Spitze einher marschierte wie
der Tambourmajor an der Spitze seiner Kompagnie. Jungen seines Alters
thaten als wüßten sie gar nichts davon, daß er überhaupt weg gewesen,
verzehrten sich aber trotzdem beinahe vor Neid. Sie würden alles drum
gegeben haben, seine gebräunte, sonnverbrannte Haut, seine glänzende,
weltkundige Berühmtheit zu besitzen, Tom aber hätte keinen dieser
beiden Faktoren hergegeben, nicht für alles -- nicht für einen Zirkus!
In der Schule machte man so viel Aufhebens von ihm und Joe,
solches Staunen, solche Bewunderung strahlte den Beiden aus aller
Augen entgegen, daß die zwei Helden gar bald eine unerträgliche
Aufgeblasenheit zeigten. Sie begannen den eifrig lauschenden Hörern
ihre Abenteuer zu schildern, -- ohne aber je über den Anfang
hinauszukommen, denn eine solche Erzählung konnte kein Ende haben, wenn
eine Einbildungskraft wie die ihre stets unerschöpfliches Material
lieferte. Als sie dann schließlich ihre Pfeifen hervorzogen und mit
größter Unbefangenheit zu schmauchen begannen, da war der Gipfel des
Ruhms erklommen.
Tom beschloß, sich unabhängig zu machen von Becky Thatcher. Ruhm war
ihm genügend, nach Liebe fragte er nichts mehr. Er wollte sein Leben
dem Ruhme weihen. Jetzt, da er ein berühmter Held geworden, werde sie
wohl versuchen, Frieden zu schließen, dachte er. Aber sie sollte sehen,
daß er mindestens so gleichgültig sein könne wie andre Leute. Dort kam
sie eben. Tom that, als bemerke er sie nicht. Er wandte sich ab und
einer Gruppe von Jungen und Mädchen zu, mit denen er eifrig zu plaudern
begann. Bald sah er, daß sie mit glühenden Wangen und glänzenden Augen
umhertrippelte, ihre Gefährtinnen neckte, sie herumjagte und vor Lachen
aufkreischte, wenn es ihr gelang, eine zu erhaschen. Auch bemerkte
er, daß dies meistens in seiner unmittelbaren Nachbarschaft der Fall
war und daß ihn dann jedesmal ihr Blick streifte. Das schmeichelte
seiner sündlichen Eitelkeit und anstatt sich dadurch versöhnen zu
lassen, stellte er sich nur noch mehr, als ob er von ihrer Existenz
überhaupt nichts wisse. Alsbald gab sie das Herumtollen auf, drückte
sich unentschlossen von einer Gruppe zur andern, seufzte ein-, zweimal
und sah verstohlen und bedeutungsvoll nach Tom hin. Jetzt bemerkte
sie, daß dieser sich angelegentlich mit Anny Lorenz zu thun machte. Ein
jäher Schmerz durchzuckte sie, ihr ahnte nichts Gutes. Sie versuchte
sich fortzustehlen, ihre Füße aber wurden zu Verrätern und trugen sie
statt dessen gerade zu der Gruppe hin. Einem Mädchen, das dicht neben
Tom stand, rief sie mit übertriebener Lebhaftigkeit zu:
»Ei, Mary Austin, du böses Mädchen, warum warst du gestern nicht in der
Sonntagsschule?«
»Ich war ja dort -- hast du mich nicht gesehen?«
»Nein! Warst du wirklich dort? Wo hast du denn gesessen?«
»In der Klasse von Fräulein Peters, wo ich immer sitze. Ich hab' dich
gesehen.«
»Wirklich? Nein, wie komisch, daß ich dich nicht gesehen habe, ich
wollte dir von dem Picknick erzählen.«
»O, das ist lustig! Wer will eins geben?«
»Meine Mama will mir erlauben eins zu halten.«
»Das ist ja prächtig, -- hoffentlich darf ich auch kommen?«
»Natürlich. Es ist ja _mein_ Picknick. Es darf jeder kommen, den ich
haben will, und dich will ich.«
»Nein wie reizend! Wann soll's denn sein?«
»Bald. Vielleicht noch vor den Ferien.«
»Wird das lustig werden! Wirst du alle einladen?«
»Gewiß, alle die meine Freunde sind -- oder sein wollen,« ein
verstohlener Blick traf Tom; der aber schwatzte mit Anny Lorenz vom
Sturm auf der Insel und wie der Blitz die große Sykomore gefällt und in
Splitter gerissen hatte, ›keine drei Schritte von ihm entfernt‹.
»Darf ich auch kommen?« fragte Grace Miller.
»Ja.«
»Und ich?« fragte Sally Rogers.
»Gewiß!«
»Ich auch?« fiel Susanne Harper ein, »und mein Joe auch?«
»Natürlich.«
Und mit Jubel und Händeklatschen hatte jedes in der Gruppe um Erlaubnis
gefragt, bis auf Tom und Anny. Immer weiter plaudernd wandte er sich
kühl ab und nahm Anny mit sich. Beckys Lippen zitterten, Thränen
traten in ihre Augen. Mühsam barg sie diese Zeichen des Herzeleids
unter erzwungener Lebhaftigkeit, fuhr fort zu plappern und zu lachen,
aber das Picknick hatte jetzt jeden Reiz für sie verloren und alles
übrige dazu. Sobald sie konnte, schlich sie davon, versteckte sich
und weinte sich einmal ordentlich aus. Dann saß sie mürrisch und
tiefgekränkt da, bis die Schulglocke läutete. Das rüttelte sie auf und
mit rachedurstigem Blick sprang sie empor, schüttelte die langen Zöpfe
zurecht und war jetzt mit sich darüber im reinen, was sie zu thun habe.
[Illustration]
In der Pause setzte Tom sein Scharmuzieren mit Anny fort, voll
jubelnder Selbstzufriedenheit. Er versuchte sich dabei stets in Beckys
Nähe zu halten, um sie mit dem Anblick zu foltern. Erst fand er sie
nicht; endlich erspähte er sie und siehe da -- sein Thermometer sank,
sank bis ins Bodenlose hinein. Da saß sie ganz behaglich auf einem
Bänkchen hinter dem Schulhause, saß und schaute mit Alfred Tempel
zusammen in ein Bilderbuch. Und so versunken waren die beiden und
so dicht hatten sie die Köpfe über dem Buch zusammengesteckt, daß
sie nichts zu bemerken schienen von dem, was um sie her vorging in
der weiten Welt. Eifersucht rieselte glühend heiß durch Toms Adern.
Er haßte sich selber, daß er die Gelegenheit verpaßt, die Becky ihm
geboten, um wieder gut Freund zu werden. Er nannte sich einen Narren,
einen Dummkopf und was dergleichen liebenswürdige Titel mehr sind.
Beinahe hätte er geweint vor Aerger. Anny schnatterte inzwischen lustig
weiter, denn ihr Herz frohlockte und jubilierte, während Toms Zunge ihm
beinahe den Dienst versagte. Kaum hörte er, was Anny plauderte, und
jedesmal, wenn sie, seine Antwort erwartend, innehielt, brachte er nur
ein zerstreutes ›ja‹ oder ›nein‹ heraus und zwar meist am verkehrten
Platze. Immer wieder lenkte er seine Schritte nach der Hinterseite
des Schulhauses, als würden seine Augen von dem verhaßten Schauspiel
angezogen. Gegen seinen Willen zog es ihn hin, und es machte ihn
beinahe toll, daß Becky Thatcher anscheinend nicht im entferntesten
dran dachte, daß er auch noch unter den Lebenden weile. Sie aber sah
ihn recht wohl, wußte, daß sie Siegerin blieb im Kampfe, freute sich,
daß er litt und zwar schlimmer, als sie zuvor hatte leiden müssen.
Annys ahnungsloses, fröhliches Geplauder wurde unerträglich. Tom
deutete an, daß er etwas zu thun habe und fort müsse, daß die Zeit
verrinne -- umsonst, das Mädel schwatzte weiter. Tom dachte: ›Hol' sie
der Kuckuck; soll ich sie denn heut' gar nicht wieder los werden?‹
Zuletzt, als es ihn nicht länger hielt, gab ihm die arglose Seele das
Versprechen, nach der Schule auf ihn zu warten. Er eilte ganz wütend
davon.
»Jeder andere Junge,« dachte Tom zähneknirschend, »jeder andere Junge
in der ganzen Stadt, nur nicht _der_. So 'n geschniegelter Aff', der
sich für Gott weiß was hält, und meint, er sei viel besser als unser
einer. Na, gut! Hab' ich dich am ersten Tag durchgedroschen, als du
kaum in die Stadt hereingerochen hattest, du Tugendspiegel, werd'
ich's auch jetzt noch fertig bringen. Wart', wenn ich dich mal allein
erwisch', dann setzt's was!«
Im Eifer hieb er um sich, als ob er den Feind jetzt schon unter den
Fäusten hätte, -- fuchtelte in der Luft umher und schlug mit Händen und
Füßen aus.
»Na, bist du nun zufrieden, Kerl, he? Schrei ›genug, genug‹ sag' ich
dir! Da lauf' und das nächste Mal hüt' dich!«
Damit endete die eingebildete Züchtigung sehr zur Zufriedenheit Toms.
In der Mittagspause flüchtete sich Tom nach Hause. Er konnte Annys
Glückseligkeit nicht mehr mit ansehen und die Qualen der Eifersucht
nicht länger ertragen. Becky hatte sich von neuem an das Bilderbesehen
mit Alfred gemacht, als aber Minute auf Minute verrann und kein Tom
sich zeigte, um sich ärgern zu lassen, da verringerte sich ihr Triumph
und es lag ihr nichts mehr an der Sache. Erst wurde sie ernst und
zerstreut, dann tief niedergeschlagen. Zwei- oder dreimal spitzte
sie die Ohren, als sich ein Schritt näherte, jedesmal aber war's
vergebliches Hoffen. Zuletzt wurde ihr ganz erbärmlich zu Mute und sie
wünschte innigst, es nicht so weit getrieben zu haben. Der arme Alfred,
welcher sah, daß sie sich ihm unmerklich entzog, munterte sie fort und
fort auf: »Sieh' mal, hier ist 'was Schönes, sieh' doch nur her,« bis
ihr zuletzt die Geduld ausging und sie mit dem unwilligen Rufe: »Was
liegt mir dran, laß mich in Ruhe,« in Thränen ausbrach und davonrannte.
Alfred hielt sich ritterlich an ihrer Seite und versuchte sie zu
trösten. Sie aber schleuderte ihm entgegen:
»Laß mich in Frieden; ich kann dich nicht ausstehen!«
So blieb denn der Junge zurück und sann hin und her, was er ihr wohl
gethan haben könne, denn vorher hatte sie ihm doch versprochen,
während der ganzen Mittagspause Bilder mit ihm anzusehen. Sie aber
rannte weiter, immerzu weinend. Alfred schlich sich nachdenklich in
das einsame Schulzimmer zurück; er war sehr gedemütigt und ärgerlich,
denn jetzt ging ihm ein Licht auf, daß das Mädel ihn nur benutzt habe,
um ihren Aerger an Tom Sawyer auszulassen. Diese Ueberzeugung trug
nicht dazu bei, ihm Tom lieber zu machen. Er sehnte sich nach einer
Gelegenheit, diesem etwas einzubrocken, natürlich ohne sich selber
bloßzustellen. Da fiel ihm Toms Lesebuch ins Auge und ein Gedanke schoß
ihm plötzlich durch den Kopf. Er schlug das Buch an der Stelle auf, die
sie am Nachmittag brauchen würden, und goß Tinte drüber. Becky, die im
selben Moment hinter ihm zum Fenster hereinlugte, sah alles mit an,
verriet sich aber nicht. Sie wandte sich heimwärts in der Absicht, Tom
aufzusuchen und ihm alles zu erzählen, dann würden sie schnell wieder
gut Freund sein. Ehe sie aber halbwegs zu Hause war, hatte sie sich
anders besonnen. Der Gedanke daran, wie Tom sie behandelt, als sie von
ihrem Picknick gesprochen, überfiel sie plötzlich wieder mit glühender
Beschämung. Sie beschloß, ihm seine Prügel für das verschmierte Buch zu
gönnen und ihn obendrein von Herzen zu hassen und zu verabscheuen für
immer und ewig.
[Illustration]
Achtzehntes Kapitel.
Tom kam sehr verdrießlich zu Hause an, und die ersten Worte, mit denen
ihn seine Tante begrüßte, zeigten ihm, daß hier nicht viel Trost für
seinen Kummer zu holen sein werde.
»Tom, ich möchte dir wahrhaftig das Fell über die Ohren ziehen.«
»Ei, Tante, was hab' ich denn gethan?«
»Meiner Treu! Fragt der Bursch' auch noch! Geh' ich da hin zu der
Harpern, der alten Einfaltspinselin, will ihr von deinem Traum erzählen
und ihr beweisen, daß Träume gar kein Unsinn sind, und seh' mir einer,
lacht sie mir grad' ins Gesicht und sagt, sie hab's aus dem Joe
herausgekriegt, daß du hier gewesen seist und alles selber gehört und
gesehen habest an dem Abend. Ich denk' mich rührt der Schlag! Tom, was
soll denn aus 'nem Jungen werden, der so was thun kann? Ich könnt' mir
meine letzten paar grauen Haare ausreißen, wenn ich dran denk', daß du
mich hast hingehen lassen zu der Harpern, um mich lächerlich zu machen,
ohne auch nur ein Wort zu verlieren.«
Das zeigte Tom die Sache allerdings in einem anderen Lichte. Seine
Pfiffigkeit vom Morgen war ihm wie ein guter Scherz erschienen, wie
ein Geniestreich sogar. Jetzt kam ihm sein Verhalten erbärmlich und
gemein vor. Er hing den Kopf, kein Wort der Entschuldigung wollte ihm
einfallen. Endlich stammelte er: