Suche nach Schildkröten-Eiern. Mit Stöcken durchwühlten sie den Sand
und wo sie eine hohle Stelle fanden, gruben sie mit den Händen nach und
entdeckten oft fünfzig bis sechzig Eier in einem Loch, runde, weiße,
nußgroße Dinger. Am Abend bereiteten sie sich aus den gebackenen Eiern
ein köstliches Mahl, ebenso ein leckeres Frühstück am nächsten Morgen,
einem Freitag. Danach gingen sie zur Sandbank, schwammen und tollten
im Wasser herum und wälzten sich zur Abwechslung im heißen Sande, in
dem sie sich förmlich eingruben. Plötzlich kam ihnen der Gedanke, daß
der kleiderlose Zustand, in welchem sie sich befanden, die größte
Aehnlichkeit habe mit den Trikots der Zirkushelden. Augenblicklich
wurde ein Kreis in den Sand gezogen, der einen Zirkus vorstellen mußte,
einen Zirkus mit drei Clowns in demselben, denn keiner der Jungen
konnte sich entschließen, diesen stolzesten, begehrtesten aller Posten
einem andern zu überlassen.
Als dies Vergnügen bis zur Neige ausgekostet war, sprangen Huck und Joe
nochmals ins Wasser. Tom getraute sich nicht hinein, da er entdeckte,
daß er beim Ausziehen der Hosen seine Klapperschlangen-Klappern
verloren habe. Nur durch ein Wunder konnte er bis jetzt der Gefahr
eines Krampfes beim Schwimmen entgangen sein ohne den geheimnisvoll
wirkenden Schutz dieses Zaubermittels. Eifrig suchte er danach und als
er sie schließlich fand, die Zauber-Klappern, waren die andern des
Schwimmens müde und ruhebedürftig. Sie schlenderten nun am Ufer hin,
wurden schweigsam, verfielen in Brüten, blieben einer hinter dem andern
zurück und jeder ertappte sich darauf, daß er sehnsüchtig in die Weite
starrte, dorthin, wo das heimatliche Nest schläfrig im Sonnenbrande
dalag. Tom wurde sich mit einem Male bewußt, daß er mit der großen Zehe
›Becky‹ in den Sand schrieb. Aergerlich über seine unmännliche Schwäche
wischte er's aus, zog aber im nächsten Moment nichtsdestoweniger
dieselben magischen Linien auf's neue, fast gegen seinen Willen; er
konnte nicht anders. Wieder löschte er dieselben und entzog sich
dann der Versuchung, indem er den beiden Kameraden nachjagte und sie
zusammentrieb.
Joes Lebensgeister aber waren mittlerweile so gesunken, daß ein
Aufraffen derselben fast unmöglich schien. Er hatte solches Heimweh,
daß er es vor Elend kaum mehr aushalten konnte. Verräterische Thränen
waren dicht am Ueberfließen. Auch Huck war melancholisch geworden.
Tom war gleichfalls sehr niedergeschlagen, bemühte sich aber redlich,
es nicht zu zeigen. Seine Brust barg ein Geheimnis, das ihm aber zur
Mitteilung noch nicht reif schien. Sollte sich jedoch diese rebellische
Niedergeschlagenheit nicht bannen lassen, so mußte er am Ende doch
damit herausrücken. Mit erkünstelter Heiterkeit rief er plötzlich:
»Ich wett', Jungens, auf der Insel hier waren schon vor uns Piraten.
Laßt uns noch mal genau alles durchforschen. Vielleicht haben sie
irgendwo 'nen Schatz versteckt. Das wär' doch ein Hauptspaß, wenn wir
plötzlich auf eine verfaulte Kiste voll Gold und Silber stießen, was?«
Diese Aussicht vermochte indessen nur eine schwache Begeisterung zu
erregen, die alsbald erstarb, ohne ein Echo erweckt zu haben. Tom
versuchte es mit zwei oder drei anderen lockenden Vorschlägen, -- es
war verlorne Liebesmüh. Joe saß und bohrte mit einem Stock im Sand
herum und sah sehr brummig aus. Schließlich rief er ungestüm:
»Jungens, wir wollen's sein lassen. Ich will heim, hier ist's so
einsam.«
»Ach, Joe, wart' doch,« beruhigte Tom, »bald denkst du ganz anders
drüber. Denk' doch nur allein ans Fischen!«
»Was liegt mir am Fischen. Ich will heim!«
»Aber, Joe, wo findest du wieder einen Platz zum Schwimmen wie hier?«
»Schwimmen ist mir ganz egal. Ich mach' mir gar nichts mehr draus, seit
keiner da ist um's zu verbieten. Ich will heim.«
»Ach Papperlapapp! Wickelkind! Will seine Mama sehen, was?«
»Ja, das will ich auch! Ich will meine Mutter sehen, und wenn du eine
hättest, wolltest du's auch. Ich bin kein größeres Wickelkind als du!«
Und Joe schluchzte ein bißchen vor sich hin.
»Schön, schön! Laß das Kindchen zu seiner Mama gehen, gelt Huck? Armes,
kleines Wickelkind will die Mama sehen. Soll's haben, armes, kleines
Ding. Dir gefällt's hier, Huck, gelt? Wir zwei bleiben, nicht?«
Huck ließ ein sehr zweifelhaftes, gedehntes ›Ja--a--a‹ hören.
»So lang ich leb', red' ich mit dir nie wieder,« damit erhob sich Joe
und begann sich anzukleiden.
»Als ob mir daran was läge!« versetzte Tom geringschätzig, »wir
brauchen dich nicht. Geh heim und laß dich auslachen. Du bist ein
schöner Pirat, du! Huck und ich, wir sind keine Schreikinder, wir
bleiben hier, gelt Huck? Der mag laufen wohin er will, wollen schon
fertig werden ohne ihn!«
Tom war es aber doch nicht recht geheuer bei der Sache und
unruhig sah er zu, wie Joe wortlos und halsstarrig fortfuhr sich
anzukleiden. Es ängstigte ihn auch zu sehen, daß Huck aufmerksam den
Vorbereitungen Joes folgte, während er ein gefahrdrohendes Schweigen
beobachtete. Alsbald, ohne ein Wort des Abschiedes, begann Joe nach
dem Illinois-Ufer zuzuwaten. Tom sank das Herz bis in die äußerste
Zehenspitze. Er warf einen forschenden Blick auf Huck. Dieser vermochte
den Blick nicht auszuhalten und schlug die Augen nieder. Dann sagte er:
»Ich will auch fort, Tom! 's war vorher schon einsam und jetzt wird's
noch schlimmer. Komm, wir gehen mit!«
»Ich geh' nicht. Ihr könnt alle weg, wenn ihr wollt. Ich will bleiben.«
»Ich, ich denk', ich geh'!«
»Immerzu, wer hält dich denn?«
Huck begann seine Kleider aufzuraffen. Dabei sagte er:
»Tom, ich wollt', du gingst mit. Denk' mal drüber nach. Drüben am Ufer
wollen wir 'ne Zeit lang auf dich warten.«
»Na, da könnt ihr warten bis ihr schwarz werdet, das kann ich dir
sagen!«
Kummervoll wandte sich Huck ab und Tom stand und sah ihm nach, während
ihm das glühendste Verlangen, den beiden zu folgen, fast das Herz
abdrückte. Sein Stolz wollte das aber nicht zulassen. Von Augenblick
zu Augenblick hoffte Tom, die Jungen würden stehen bleiben, die
aber wateten entschlossen vorwärts, ohne sich umzusehen. Plötzlich
überfiel ihn das Bewußtsein, wie still und einsam es um ihn geworden,
mit niederschmetternder Gewalt. Einen letzten Strauß bestand er mit
seinem Stolze, dann stürzte er hinter den Kameraden her, denselben
nachbrüllend:
»Wartet, so wartet doch, ich muß euch etwas sagen!«
Die standen still und wandten sich. Als er sie erreichte, teilte er
ihnen sein Geheimnis mit. Sie hörten mürrisch zu; als ihnen aber klar
wurde, worauf er loszielte, stießen sie ein gellendes Kriegsgeheul aus
und erklärten den Plan für einen Kapitalspaß. Wenn er das gleich gesagt
hätte, wären sie niemals weggelaufen, versicherten sie. Tom redete sich
heraus, so gut er konnte. In Wahrheit aber hatte er gefürchtet, selbst
die Enthüllung dieses geheimnisvollen Plans vermöchte nicht, sie für
die Länge der Zeit auf der Insel festzuhalten, und darum hatte er sich
dies als letztes Lockmittel für den äußersten Notfall aufsparen wollen.
Lustig wanderten nun die Jungen zurück und warfen sich mit erneuter
Energie auf's Spiel, die ganze Zeit über Toms großartigen Plan
besprechend und dessen Genialität bewundernd. Nach einem leckeren
Mittagsmahl, aus Fisch und Eiern bestehend, erklärte Tom, daß er
nun rauchen lernen wolle. Joe gefiel der Gedanke, er wollte es auch
probieren. Huck machte also zwei Pfeifen zurecht und stopfte dieselben.
Die beiden neuesten Jünger in der Kunst des Rauchens hatten bis jetzt
ihr Talent nur an Schokolade-Zigarren erprobt, und das war keineswegs
ein Beweis von gereifter Männlichkeit.
Nun streckten sie sich ins Moos und begannen, freilich etwas zögernd,
drauf los zu dampfen, mit offenbar nicht allzu großer Zuversicht in
ihre Fähigkeiten, ganz gegen ihre sonstige Art und Weise. Der Rauch
hatte aber auch einen gar zu unangenehmen Geschmack, sie mußten sich
immerzu räuspern, doch Tom meinte:
»Ach, das ist ja ganz leicht; wenn ich das früher gewußt hätte, ei, ich
hätt's längst gelernt.«
»Ich auch,« bekräftigte Joe, »das ist ja rein gar nichts.«
»Na, wie oft hab' ich einem zugesehen, der geraucht hat, und mir
gewünscht, wenn du's doch nur auch könntest, hab' aber nie gedacht, daß
das möglich wär',« sagte Tom. »Aber so bin ich. Nicht Huck? Trau' mir
nichts zu! Hundertmal ist mir's schon so gegangen, gelt, Huck?«
»Weiß Gott, hab's auch schon gedacht,« bestätigte dieser.
»Grad' wie bei mir,« rief Joe, »tausendmal ist mir das schon passiert.
Erinnerst du dich, Huck, damals beim Schlachthaus, die andern waren
alle dabei, der Bob und der Johnny und der Jeff auch, da --«
»Ja, so ist's,« fiel Huck ein, ohne weiteres abzuwarten, »'s war just
an dem Tag, an dem ich meine schöne weiße Steinkugel verloren hatt' --
oder auch am Tag vorher.«
»Siehst du wohl,« rief Joe, »der Huck erinnert sich. -- Ich glaub', die
Pfeife hier könnt' ich den ganzen Tag lang rauchen, es ist mir kein
bißchen übel.«
»O, mir auch nicht,« fiel Tom ein, »ich könnt' auch den ganzen Tag
weiter rauchen. Der Jeff Thatcher aber, da wollt' ich alles wetten, der
könnt's nicht.«
»Jeff Thatcher! Herrgott, der wär' nach zwei Zügen geliefert. Der
sollt's nur mal probieren, der würd' was Schönes zu sehen kriegen!«
»Das glaub' ich auch -- und der Johnny Miller, -- na, den möcht' ich
mal dabei sehen.«
»Na und ich!« lachte Joe, »ei der, der könnt' das nicht besser, als
alles andre was er kann -- und er kann nichts! Der braucht's nur zu
riechen, dann wär' er schon hin!«
»Weiß Gott, so ist's. Ich wollt' nur eins, Joe, ich wollt', die Jungens
könnten uns so sehen!«
»Und ich erst!«
»Sagt mal, Jungens, wir reden gar nichts drüber und wenn wir dann mal
alle zusammen sind, geh' ich auf dich zu, Joe, und frag': ›Hast du 'ne
Pfeife da, Joe? Ich möcht' gern mal rauchen.‹ Und du sagst dann, so
ganz nachlässig, als ob's gar nichts wär: ›Ja, die alte hab' ich und
auch meine neue, aber mein Tabak ist nicht sehr gut.‹ -- ›Ach, macht
nichts‹, sag' ich dann, ›wenn er nur stark genug ist‹. Dann du heraus
mit den Pfeifen und angesteckt, -- Herrgott, die werden Augen machen!«
»Das wird wundervoll, Tom, wär's nur schon so weit.«
»Ja und dann sagen wir, das haben wir alles gelernt, wie wir als
Piraten ausgezogen sind und dann platzen sie erst recht vor Neid.«
»Na und ob! 's wird prächtig, Tom!«
[Illustration]
So plauderten sie und bramarbasierten, aber allmählich wurden sie
stiller und warfen nur noch gelegentlich eine Bemerkung hin. Die
Pausen wurden häufiger, im selben Maße, wie ein sonderbares Ausspucken
zunahm. Jede Pore innerhalb ihres Mundes schien zum rieselnden Brunnen
geworden. Sie waren kaum imstande, die Höhlungen unter der Zunge
schnell genug zu leeren, um eine Ueberschwemmung zu verhüten. Kleine
Ergüsse den Hals hinunter kamen trotz aller Eile vor, denen jedesmal
ein leichter Würganfall folgte. Beide Helden sahen nun recht blaß und
elend aus. Joes kraftlosen Fingern entsank die Pfeife, Toms Pfeife
folgte. Die Wasserwerke und Pumpen arbeiteten mit Macht. Endlich sagte
Joe mit schwacher Stimme:
»Hab' da irgendwo mein Messer verloren. Will lieber mal gehen und
suchen.«
Mit zitternden Lippen keuchte Tom:
»Ich helf' dir. Geh' du dorthin, ich mach' mich nach der Quelle. Nein,
Huck, bleib', du brauchst nicht zu kommen, wir werden's schon finden!«
Huck setzte sich also nieder und wartete ungefähr eine Stunde. Dann
fand er's langweilig und ging die Kameraden suchen.
Er fand sie auch, weit voneinander entfernt, mitten im Walde, beide
sehr blaß, beide schlafend. Etwas aber in ihrer Umgebung bewies ihm,
daß, falls sie Unannehmlichkeiten gehabt, sie sich derselben endgültig
entledigt hatten.
Beim Abendessen waren sie nicht allzu redselig, hatten eine etwas
niedergeschlagene Miene und als Huck zum Nachtisch seine Pfeife
hervorzog und sich bereit zeigte, auch die ihren zu stopfen, da dankten
sie, sagten, sie fühlten sich nicht ganz wohl, beim Mittagessen müsse
ihnen etwas nicht gut bekommen sein.
[Illustration]
Sechzehntes Kapitel.
Um Mitternacht ungefähr erwachte Joe und weckte die andern. Es lag
eine drückende Schwüle in der Luft, die nichts Gutes zu bedeuten
schien. Die Jungen schmiegten sich eng aneinander und suchten die
freundliche Nähe des Feuers, obgleich die brütende, lastende Hitze der
bewegungslosen Atmosphäre nahezu erstickend war. Stille saßen sie da,
atemlos wartend. Außerhalb des Lichtkreises, den das Feuer warf, schien
alles wie in schwarzer Nacht begraben. Alsbald erglomm ein zitternder
Schein, der für einen Moment das Laub der Bäume sichtbar hervortreten
ließ, um ebenso plötzlich zu erlöschen. Dann tauchte ein zweiter, schon
stärkerer Strahl auf. Ein dritter folgte. Wie leises Stöhnen zog's nun
durch das Geäste der Waldbäume, ein schwacher Lufthauch streifte die
Wangen der Knaben und diese erschauerten in dem Gedanken, der Geist
der Nacht habe sie mit seinem Fittiche berührt. Wieder folgte eine
Pause. Jetzt verwandelte ein unheimlicher Blitz die Nacht zum Tage
und ließ jeden kleinen Grashalm zu ihren Füßen deutlich hervortreten.
Zugleich enthüllte der Strahl aber auch drei weiße, bange, erschrockene
Gesichter. Ein dumpfer Donner stürzte rollend und krachend vom Himmel
nieder, um sich in leisem Grollen in der Ferne zu verlieren. Ein kühler
Luftstoß folgte, raschelte in den Blättern und jagte die Aschenflocken
des Feuers auf. Ein andrer zuckender, flammender Strahl fuhr nieder,
unmittelbar gefolgt von einem schmetternden Krach, der die Kronen der
Bäume zu Häupten der Knaben zerreißen zu wollen schien. In sprachlosem
Schreck umklammerten sich die Kinder in der trostlosen Finsternis, die
der Lichtflut folgte. Schwere, große Regentropfen fielen klatschend auf
die Blätter.
[Illustration]
»Schnell, Jungens, nach dem Zelt,« schrie Tom.
Sie sprangen in der Richtung desselben davon, stolperten über Wurzeln,
verfingen sich in den Rebenranken und waren in der Finsternis nicht
imstande, zusammen zu bleiben. Ein wütender Sturm raste in den Wipfeln
und verschlang jeden andern Laut. Die Blitze jagten einander, Schlag
auf Schlag folgte ohrenbetäubender Donner. Stromweise stürzte der
Regen nieder, vom Sturm flutartig am Boden hingefegt. Die Jungen
schrieen einander zu, aber der heulende Sturm und der dröhnende
Donner übertönten die schwachen Kinderstimmen vollständig. Doch
gelang es den Knaben allmählich, sich einer nach dem andern zum Zelte
durchzuschlagen, wo sie durchnäßt und zu Tode geängstigt Obdach zu
finden hofften. Daß ihr Leid ein geteiltes war, machte es leichter zu
tragen. Reden konnten sie nicht, das alte Segel klatschte wie rasend
im Sturm und erstickte jeden Laut. Stärker und stärker brauste der
Orkan, das Segel riß sich los und flog dahin auf Sturmesfittichen. Die
Jungen ergriffen sich bei den Händen und flohen, oftmals stolpernd und
sich wund fallend, dem Ufer zu, wo eine große, alte Eiche ihnen Schutz
bieten konnte. Der Kampf der Elemente hatte jetzt seinen Höhepunkt
erreicht. Am Himmel bildeten die unaufhörlich zuckenden Blitze ein
einziges großes Lichtmeer, so daß alles ringsum, grell beleuchtet,
in klaren, scharfen Umrissen hervortrat, die sturmgebeugten Bäume,
der aufgewühlte Strom mit den weißen Schaumköpfen, der treibende
Sprühregen. Die verschwommenen Zackenlinien der hohen Klippen am
jenseitigen Ufer lugten ab und zu aus dem Wolken-Vorhang, aus dem
zerstiebenden und sich wieder verdichtenden Regenschleier. Von Zeit zu
Zeit unterlag einer der alten Riesen des Waldes in dem gewaltigen Kampf
und stürzte krachend in das Unterholz zu seinen Füßen. Die furchtbaren
Donnerschläge folgten jetzt ununterbrochen mit ohrzerreißendem
Geknatter. Das Gewitter steigerte sich zu solcher Wucht, daß es schien,
als wolle es die Insel in Stücke reißen, sie verzehren in Feuersglut,
sie versenken in den Wellen des Stromes bis zu den Kronen der Bäume,
sie vom Erdboden weg fegen und jede lebende Kreatur auf derselben
vernichten in einem Augenblick. Entsetzlich, trostlos war die Nacht für
die jungen Herzen, die sich obdachlos der Wut der Elemente preisgegeben
sahen.
Endlich aber ließ der Kampf nach, die Schlacht war geschlagen, die
feindlichen Mächte zogen sich zurück, schwächer und schwächer wurde das
Drohen, das Grollen, Friede zog ein in die erregte Natur. Die Jungen
schlichen zum Lager zurück, noch ordentlich scheu und zitternd, und
fanden dort, daß sie alle Ursache hatten dem Himmel dankbar zu sein.
Die große Sykomore, die ihr Lager beschattete, lag vom Blitze gefällt,
-- sie wären verloren gewesen, hätten sie zur Zeit der Katastrophe
darunter geweilt.
Alles im Lager war durchnäßt, der Feuerherd mit einbegriffen.
Leichtsinnig wie ihr ganzes Geschlecht hatten die Jungen keinerlei
Vorsichtsmaßregeln gegen den Regen getroffen. Der Verlust des Feuers
war ein höchst beklagenswerter Umstand, denn unsere armen Seehelden
waren kalt und naß durch und durch. Wortreich beklagten sie ihre
mißliche Lage. Bald aber entdeckten sie, daß das Feuer sich an dem
alten Baumstamm, gegen den sie es geschichtet, aufwärts gefressen
hatte, daß ein Streifen desselben, ungefähr eine Hand breit, der
allgemeinen Ueberschwemmung entgangen war und, wenn auch schwach,
weiter glimmte. Mit Geduld und Ausdauer gelang es ihnen denn auch,
vermittelst kleiner Rindenstückchen und dürrer Zweige allmählich
ein lustig prasselndes Feuerlein zu entflammen, das Licht und Wärme
ausstrahlte und ihre Geister zu neuem Leben erweckte. Sie trockneten
sich und ihren gekochten Schinken, stärkten sich mit demselben
und saßen dann um's Feuer bis zum lichten Morgen, unter lebhafter
Erörterung ihrer nächtlichen Abenteuer, da es ringsum kein trockenes
Plätzchen gab, das ein Ausstrecken zum Schlafen erlaubt hätte.
Als die Sonne sich dann zeigte, wurden die Jungen von unwiderstehlicher
Müdigkeit befallen. Sie gingen nach der Sandbank, gruben sich dort tief
in den Sand und schliefen, bis die höher steigende Sonne sie allmählich
gelinde zu rösten begann. Müde und verschlafen rafften sie sich auf, um
nach dem Frühstück zu sehen und saßen dann verdrossen, wortkarg und mit
steifen Gliedern bei der Mahlzeit. Vorboten wiederkehrenden Heimwehs
begannen sich zu melden. Tom sah diese verhängnisvollen Zeichen und gab
sich alle Mühe, die Piraten aufzumuntern. Diese aber kümmerten sich
weder um Steinkugeln, noch um Zirkus oder Schwimmen, nichts vermochte
ihnen Interesse abzugewinnen. Da erinnerte er sie an den verlockenden,
geheimnisvollen Plan und es gelang ihm, einen Strahl der Freude auf
den vergrämten Gesichtern hervorzurufen. Den günstigen Moment benutzte
er schleunigst, um sie für ein neues Spiel zu begeistern, das er
ausgedacht. Sie wollten das Piratentum einmal beiseite werfen und zur
Abwechslung Indianer sein. Die neue Idee leuchtete ihnen ein und nach
kurzer Zeit hatten sie sich ihrer zivilisierten Kleidung entledigt und
in Indianer-Kostüm geworfen, das heißt, sich den ganzen Körper, vom
Scheitel bis zur Sohle, zebraartig mit dunkeln Schmutzstreifen bemalt.
Jeder der Jungen stellte natürlich einen Häuptling vor und so stürmten
sie in das Dickicht des Waldes zum Angriff auf irgend eine eingebildete
englische Niederlassung.
Dann trennten sie sich in drei verschiedene feindliche Stämme, gingen
aus ihrem Hinterhalt unter gellendem Kriegsgeheul aufeinander los und
töteten und skalpierten sich gegenseitig dem Tausend nach. Es war ein
blutiger Tag, mithin befriedigend für die Gemüter der Helden.
Als sie sich darnach mit tüchtigem Appetit und frohem Mut im Lager
sammelten, entstand eine neue und unvorhergesehene Schwierigkeit.
Feindliche Indianer konnten unmöglich das Brot der Gastfreundschaft
zusammen brechen, ohne zuvor Frieden zu schließen, und dies war
hinwiederum unmöglich ohne die unerläßliche Friedenspfeife. Wer hatte
je gehört, daß es ohne diese gegangen wäre? Zwei der Wilden wünschten
jetzt, sie wären Seeräuber geblieben. Es gab aber keinen andern Ausweg
aus der Klemme; so riefen sie denn mit möglichst heiterer Miene nach
der Pfeife und jeder that einen vollen Zug, als die Reihe an ihn kam.
Und siehe da, sie verdankten ihren Indianerspielen die Offenbarung
eines neuen Talentes: sie fanden, daß sie nun rauchen konnten,
wenigstens für kurze Zeit, ohne gezwungen zu sein, -- nach einem
verlorenen Messer oder dergl. zu suchen. Dies machte sie unsagbar stolz
und glücklich, und um die neuerworbene Kunst aus Mangel an Uebung
nicht zu verlernen, machten sie sich nach dem Abendessen sofort wieder
vorsichtig dahinter und beschlossen damit frohlockend den Abend. Sie
strahlten vor Glück und Stolz im Bewußtsein der großen Errungenschaft.
Diese ihre neueste Heldenthat dünkte ihnen glorreicher, als wenn sie so
und so viele Indianerstämme unterworfen und skalpiert hätten. Lassen
wir sie also nur ruhig rauchen und schwatzen und prahlen, da wir im
Augenblick keine weitere Verwendung für sie haben.
[Illustration]
Siebzehntes Kapitel.
In der kleinen Stadt herrschte inzwischen an jenem ruhigen
Sonnabend-Nachmittag durchaus keine Fröhlichkeit. Die Familie Harper
und Tante Polly samt den Ihren steckten sich in Trauerkleider unter
vielen Thränen. Eine ungewöhnliche Stille lag über dem Städtchen, in
welchem man sich im allgemeinen schon nicht über allzuviel Lärm und
Getriebe beklagen konnte. Mit zerstreuter Miene gingen die Leute ihren
Geschäften nach, redeten wenig dabei und seufzten oftmals. Selbst den
Kindern schien dieser Sonnabend der Schulfreiheit nicht die gewohnte
Freude zu gewähren. Es lag kein Zug in ihren Spielen und bald gaben sie
dieselben ganz auf.
Am Nachmittag schlich Becky Thatcher um das verlassene Schulhaus herum,
ihr war ganz melancholisch zu Mute. Doch auch dort fand sie keinen
Trost. Leise sprach sie vor sich hin:
»Könnt' ich doch nur seinen Messingknopf wieder finden! Jetzt hab' ich
gar kein Erinnerungszeichen mehr an ihn,« und sie unterdrückte ein
leises Schluchzen.
Dann blieb sie stehen und meinte sinnend:
»Grad' hier war's. O, wenn's noch einmal wäre, das würde ich nie mehr
sagen -- nie mehr, nicht für alle Welt. Jetzt aber ist er fort und ich
werde ihn nie, nie, niemals wieder sehen!«
Dieser Gedanke raubte ihr die letzte Fassung und unter strömenden
Thränen schlich sie davon. Nun erschien eine ganze Gruppe von Jungen
und Mädchen, Spielkameraden von Tom und Joe, auf dem Schulhof; sie
sprachen in leisem, bedrücktem Ton von den beiden Verlorenen, was Tom
gethan und gesagt das letzte Mal, als sie ihn gesehen, und wie Joe
gelächelt und was er gesagt; jede geringste Kleinigkeit erschien nun
von ahnungsschwerer Vorbedeutung. Dabei bezeichnete jeder Sprecher
den genauen Platz, an dem die Vermißten damals gestanden und dann
folgte jedesmal: »und ich stand da, grad' wie eben und der da, wo du
stehst, grad' so nah' und er lächelte -- so -- und mir lief's ganz kalt
über den Rücken -- ordentlich schauerlich -- warum, wußt' ich damals
freilich nicht, aber jetzt ist mir's klar.«
Nun entspann sich ein Streit darüber, wer die beiden zuletzt gesehen
im Leben, und viele rissen sich um diese traurige Auszeichnung, für
die sie Beweise vorbrachten, welche die Zeugen mehr oder weniger
glaubwürdig fanden. Schließlich, nach langer Debatte, war's endgültig
entschieden, wer die letzten Worte mit den Verschwundenen gewechselt
hatte, und die glücklichen Sieger erhielten dadurch eine Würde und
Wichtigkeit, welche die Bewunderung und den Neid der andern erregte.
Ein armer, kleiner Bursche, der sonst keine Auszeichnung irgend welcher
Art aufweisen konnte, sagte mit sichtlichem Stolze bei der bloßen
Erinnerung:
»Mich, mich hat der Tom Sawyer einmal tüchtig durchgeprügelt.«
Dieser Versuch aber, zu Ruhm zu gelangen, erwies sich als gänzlich
erfolglos. Die meisten Jungen konnten sich dessen rühmen, und dadurch
sank die Auszeichnung doch allzu sehr im Werte. Die Gruppe trollte von
dannen, halblauten Tones immer neue Erinnerungen an die verlorenen
Helden austauschend.