Als Tom am Morgen erwachte, konnte er sich kaum besinnen, wo er

eigentlich sei. Er setzte sich auf, rieb sich die Augen und blickte um

sich, dann überkam ihn die Erinnerung. Der Tag begann eben zu grauen,

kühl und wonnig. Es lag ein köstliches Gefühl der Ruhe und des Friedens

in der tiefen, alles umfangenden Stille, dem Schweigen des Waldes. Kein

Blatt rührte sich, kein Ton unterbrach das sinnende Nachdenken der

großen Natur. Tautropfen perlten auf Blättern und Gräsern. Eine Schicht

weißer Asche bedeckte das Feuer, von dem sich ein dünnes, bläuliches

Rauchwölkchen in die stille Luft emporkräuselte. Joe und Huck schliefen

noch. Jetzt erklang, weit drüben im Walde, der Ruf eines Vogels,

ein andrer antwortete, dann hörte man das Hämmern eines Spechtes.

Allmählich lüftete sich das kühle, fahle Grau der Morgendämmerung,

ebenso allmählich vermehrten sich die Töne, das neu erwachte Leben

begann sich allenthalben kund zu thun. Das große Wunder, wie die Natur

den Schlaf abschüttelt und ihr Tagewerk aufnimmt, entfaltete sich vor

den Augen des staunenden Knaben. Eine kleine, grüne Raupe kam über ein

taufrisches Blatt daher gekrochen, von Zeit zu Zeit dreiviertel ihres

Körperchens in die Luft hebend und herum schnüffelnd, dann wieder

vorwärts strebend. »Aha, die kommt zum Anmessen,« dachte Tom und als

das Tierchen aus freien Stücken sich ihm näherte, saß er stockstill,

hoffend und bangend, je nachdem das Geschöpf die Richtung auf ihn zu

nehmen oder sich anderswo hinzuwenden schien. Als es aber zuletzt, nach

einem bangen Moment des Zweifels, während dessen es den gekrümmten

Körper in der Luft hin und her bewegte, sich ganz entschieden auf Toms

Bein gleiten ließ und die Reise längs desselben begann, da füllte

Freude Toms Herz, denn das bedeutete, daß er einen neuen Anzug bekommen

würde, -- ohne Zweifel eine glänzende Piratenuniform. Jetzt erschien

ein Zug von Ameisen, man wußte nicht woher, sie gingen auf Arbeit aus.

Eine derselben schleppte sich mutig mit einer toten Spinne, fünfmal

so groß als sie selber, und lootste dieselbe direkt einen Baumstamm

hinauf. Ein schwarzgeflecktes Johanniskäferchen erklomm die steile Höhe

eines Grashalms, Tom beugte sich dicht zu demselben nieder und sang:

»Johanniskäferchen flieg',

Der Vater ist im Krieg;

Flieg, flieg, dein Häuschen brennt,

's sitzen sieben Kinderchen drin!«

Und Johanniskäferchen entfaltete die kleinen Schwingen und flog davon,

um zu Hause nachzusehen, was den Jungen keineswegs verwunderte, wußte

er doch aus Erfahrung, wie leichtgläubig das dumme Ding sei, namentlich

in Betreff der Feuersbrünste, und er hatte der kleinen Einfalt schon

oftmals denselben Streich gespielt. Die Vögel lärmten nun förmlich im

Gezweige der Bäume. Ein Rotkehlchen saß in einem Aste über Toms Kopf

und schmetterte seine Triller aus voller Brust hinaus in den lichten

Morgen. Ein blauschwarzer Häher schoß nieder, gleich dem Strahl einer

blauen Flamme, setzte sich auf einen Busch, ganz dicht im Bereich

des Knaben, legte den Kopf auf die Seite und beäugelte die Fremden

mit lebhafter Neugierde. Ein graues Eichhörnchen und ein stämmiger

Bursch aus der Fuchs-Familie kamen angerannt, setzten sich auf die

Hinterbeine und betrachteten furchtlos die Eindringlinge. Die harmlosen

Geschöpfe hatten wohl noch niemals ein menschliches Wesen gesehen und

wußten offenbar nicht, ob man sich fürchten müsse oder freuen. Die

ganze Natur war jetzt völlig wach und in Bewegung. Gleich blitzenden

Lanzen drangen die goldenen Strahlen des Sonnenlichtes durch das dichte

Laubwerk nah und fern, auch kleine buntfarbige Schmetterlinge kamen

herbeigeflogen.

Tom ermunterte nun die beiden andern Piraten und eine Minute später

trabten sie mit einem Freudengeheul dem Ufer zu, warfen die Kleider ab

und jagten und überpurzelten sich in dem seichten, lauen Wasser bei der

Sandbank. Keine Spur von Sehnsucht empfanden sie nach dem Städtchen da

drüben, das jenseits der endlosen, majestätischen Wasserfläche noch im

Schlafe lag. Eine verirrte Welle, oder auch eine leichte Schwellung des

Stroms, hatte ihr Floß entführt, dies aber diente den Jungen nur zur

Befriedigung, denn durch sein Verschwinden waren gleichsam die Brücken

zwischen ihnen und der Zivilisation abgebrochen.

Wunderbar erfrischt kehrten sie in ihr Lager zurück, sorglos,

glückstrahlend und mit einem Wolfshunger. Bald flackerte das Feuer auf

in hellen Flammen; Huck entdeckte eine Quelle frischen, kalten Wassers

dicht beim Lager. Die Jungen machten sich Becher aus großen Eichen-

und Ahornblättern und fanden, daß Wasser, durch solch eigenartigen,

wilden Waldeszauber versüßt, der beste Ersatz für Kaffee sei. Während

Joe sich eben anschickte, Speckschnitten zum Frühstück abzuschneiden,

riefen ihm Huck und Tom zu, er möge eine Minute warten, griffen zur

Angel, liefen zum Flusse, warfen die Leine aus und ehe noch Joe Zeit

hatte, ungeduldig zu werden, waren sie schon zurück mit einem Vorrat

an Fischen, der für eine ganze Familie ausgereicht haben würde. Sie

brieten nun Fische zusamt dem Speck und noch nie hatte ihnen ein Fisch

so köstlich geschmeckt. Sie wußten ja nicht, daß ein Süßwasserfisch um

so besser ist, je schneller er in die Pfanne kommt, auch dachten sie

nicht daran, welche treffliche Würze Schlaf und Bewegung im Freien, das

Bad und ein gehöriger Hunger abgaben.

Nach dem Frühstück lagen sie im Schatten herum, während Huck sein

Pfeifchen schmauchte, und dann rüsteten sie sich, eine Entdeckungsreise

auf der Insel vorzunehmen. Lustig trabten sie dahin, über modernde

Baumstämme, durch wirres Unterholz, zu Füßen der erhabenen Fürsten der

Wälder, die von den Kronen bis zur Wurzel, als Zeichen ihrer Würde,

mit dem Wundergerank der Reben gleich einem duftenden Krönungsmantel

behangen waren. Hie und da trafen sie auf saftiggrüne, lauschige

Plätzchen, die mit weichem Grase und Blumen wie ausgepolstert waren.

Massenhaft fanden sie Dinge, die sie entzückten, nichts, das ihnen

seltsam vorkam. Sie entdeckten, daß die Insel vielleicht drei Meilen

lang und eine Viertelstunde breit sei und daß das Ufer, dem sie

zunächst lag, nur durch einen schmalen Kanal von etwa hundert Meter

Breite von derselben geschieden war. Jede Stunde einmal erfrischten

sie sich durch eine kleine Schwimmexkursion und so war der Nachmittag

schon weit vorgerückt, als sie zum Lager zurückkehrten. Sie waren zu

hungrig, um noch erst lange zu fischen, erquickten sich dagegen aufs

beste am kalten Schinken und warfen sich dann in den Schatten auf das

Moos, um zu plaudern. Das Gespräch erlahmte bald und hörte dann ganz

auf. Die Stille, die Feierlichkeit, die über dem Walde lag, begann,

zusamt dem Gefühl der Einsamkeit, die Gemüter der Knaben zu bedrücken.

Sie verfielen in Nachdenken. Eine Art unbestimmter Sehnsucht beschlich

sie, die alsbald leise Gestalt annahm, -- es war aufkeimendes Heimweh.

Selbst Finn, der ›Blut-Händige‹, träumte von seinen heimatlichen

Treppenstufen und leeren Schweineställen. Alle drei aber schämten sie

sich ihrer Schwäche und keiner hatte das Herz, seinen Gedanken Worte zu

geben.

Schon seit ein paar Minuten waren die Jungen sich undeutlich bewußt,

daß ein eigentümlicher Ton aus der Ferne zu ihnen herüberklang, gerade

wie man das Ticken einer Uhr hört, ohne sich davon Rechenschaft zu

geben. Jetzt aber gewann der geheimnisvolle Ton an Kraft und drängte

sich förmlich der Wahrnehmung auf. Die Jungen fuhren zusammen, sahen

sich an und richteten sich in lauschender Stellung empor. Ein langes

Schweigen folgte, tief und ununterbrochen, dann ertönte ein dumpfes,

dröhnendes ›Bum‹ aus der Entfernung über das Wasser herüber.

»Was ist das?« rief Joe mit unterdrückter Stimme.

»Möcht's selber wissen,« flüsterte Tom.

»Donner ist's keiner,« meinte Huck in ängstlichem Ton, »denn Donner --«

»Still,« gebot Tom, »schwätz' nicht; horch lieber!«

Wieder warteten sie eine Zeit lang, die eine Ewigkeit schien, dann

unterbrach dasselbe dumpfe ›Bum‹ die feierliche Stille.

»Laßt uns doch sehen, ob wir was entdecken können.«

Damit sprangen sie auf die Füße und rannten dem der Stadt gegenüber

liegenden Ufer zu. Vorsichtig teilten sie die Büsche und lugten hinter

denselben hervor auf das Wasser hinaus. Die kleine Dampffähre trieb,

vielleicht eine Meile unterhalb der Stadt, mit der Strömung daher.

Das breite Deck wimmelte von Menschen. Eine Menge Boote ruderten um

dieselbe herum oder ließen sich von den Wellen der Fähre treiben, die

Jungen aber konnten nicht sehen, was die Männer in den Booten thaten.

Alsbald brach eine dicke Wolke weißen Rauchs aus der einen Seite der

Fähre hervor und als sie sich zu erheben und zerstreuen begann, erklang

derselbe dumpfe Ton in den Ohren der lauschenden Knaben.

»Jetzt weiß ich's,« rief Tom, »da ist einer ertrunken.«

[Illustration]

»Das ist's, weiß Gott,« stimmte Huck bei, »so haben sie's vorigen

Sommer grad' auch gemacht, als der Bill Turner ertrunken war. Da haben

sie 'ne Kanone losgefeuert und da kommt dann der Tote herauf auf's

Wasser. Ja, und sie nehmen auch große Brote und stecken Quecksilber

hinein und lassen die schwimmen, und die schwimmen dann grad' drauf

los, wo ein Ertrunkener liegt und halten da an, damit man ihn findet.«

»Ja, davon hab' ich auch gehört,« bestätigte Joe, »woher das Brot das

wohl thut?«

»Na, das Brot selber thut's weniger, als das, was sie vorher drüber

sprechen, den Zauber, mein' ich,« sagte Tom.

»Aber sie sprechen gar nichts drüber,« versicherte Huck, »ich war ja

ganz nah' dabei und hab' alles gesehen.«

»Das wär' sonderbar,« meinte Tom, »vielleicht sagen sie's nur

leise. Natürlich ist's so, das könnt' ein Kind wissen,« fügte er

geringschätzend bei.

Die andern beiden gaben denn auch zu, daß Tom recht haben könne.

Von einem unvernünftigen Brot, das, unbelehrt durch irgend einen

Zauberspruch, mit solch ernster, wichtiger Sendung betraut werde, könne

man doch unmöglich viel Verstand erwarten.

»Weiß Gott, ich wollt', ich wär' drüben dabei,« rief Joe.

»Ich auch,« bekräftigte Huck, »ich gäb' alles drum, wenn ich wüßt', wer

da gesucht wird.«

Wieder lauschten die Jungen und beobachteten. Plötzlich tauchte ein

erleuchtender Gedanke blitzartig in Toms Hirn auf und er rief:

»Jungens, ich weiß, wer dort ertrunken ist -- wir sind's!«

Und sie fühlten sich als Helden im nächsten Augenblick. Das war

ein glorreicher Triumph! Sie wurden vermißt, betrauert, Herzen

brachen ihretwegen, Thränen flossen. Anklagende Erinnerungen an

Unfreundlichkeiten gegen diese armen, nun verlorenen Knaben tauchten

auf, Bedauern und Reue beschlich die betreffenden Herzen, und was noch

das Beste von allem war, die Verschwundenen bildeten das Gespräch der

ganzen Stadt. Alle andern Jungen mußten sie glühend beneiden um diese

glänzende, öffentliche Berühmtheit. Das war herrlich! Dafür lohnte es

sich wahrhaftig, Pirat zu sein!

Die Dämmerung begann, die Dampffähre kehrte zu ihrer gewöhnlichen

Beschäftigung zurück, die Boote verschwanden und die Piraten begaben

sich nach ihrem Lager. Sie strahlten förmlich vor Wonne und Eitelkeit

über ihre neue Größe und die glorreiche Unruhe, die sie verursachten.

Sie fingen Fische, bereiteten ihr Abendessen, verzehrten es und

vertrieben sich dann die Zeit damit, sich vorzustellen, was man zu

Hause wohl über sie sagte und dachte. Sich die Bilder der allgemeinen

Kümmernis, die ihretwegen herrschte, auszumalen und von ihrem

Standpunkt zu betrachten, gewährte ihnen die höchste Befriedigung.

Als aber die Schatten der Nacht sie zu umhüllen begannen, verstummte

allmählich das Gespräch. Sie saßen und starrten ins Feuer, während

ihre Gedanken offenbar ganz wo anders herumstreiften. Die Erregung

war verflogen und Tom und Joe konnten sich der leise mahnenden

Ueberzeugung nicht erwehren, daß gewisse Leute zu Hause weit weniger

Vergnügen haben würden an dem lustigen Abenteuer, als sie selber. Böse

Ahnungen tauchten auf, sie fühlten sich unruhig und unglücklich, ein

Seufzer nach dem andern entschlüpfte ihnen, ohne daß sie selber es

merkten. Dann streckte Joe schüchtern einen tastenden ›Fühler‹ vor, wie

wohl die andern dächten über eine Rückkehr zur Zivilisation, -- nicht

jetzt natürlich, aber --

Tom schmetterte ihn mit Verachtung nieder! Huck, der bis jetzt noch

keine Anwandlung von Schwäche empfand, stimmte Tom bei und der

Schwankende suchte sich alsbald heraus zu reden, um sich mit einem

möglichst geringen Makel mattherzigen Heimwehs aus der Sache zu ziehen.

Die Meuterei war für den Augenblick mit Erfolg unterdrückt.

Als die Nacht vollends hereinbrach, begann Huck einzunicken und

schnarchte sofort, dann kam die Reihe an Joe. Regungslos lag Tom,

auf seine Ellenbogen gestützt, und beobachtete die zwei aufmerksam.

Dann erhob er sich vorsichtig auf die Kniee und kroch im Gras umher,

beim schwach flackernden Schein des Feuers nach etwas suchend. Er las

ein Stück weißer, cylinderförmiger Sykomorenrinde nach dem andern

auf, untersuchte sie und wählte schließlich zwei derselben, die ihm

die besten schienen. Dann kniete er am Feuer nieder, kritzelte voll

Anstrengung etwas mit seinem Rotstift auf jedes der Stücke, rollte

eines zusammen, steckte es in seine Tasche und schob das andre in Joes

Hut, den er etwas entfernt von dem Eigentümer hinlegte. Demselben

Hut vertraute er dann noch einige Schuljungen-Kostbarkeiten von fast

unschätzbarem Werte an, als da sind ein Klumpen Kreide, ein Gummiball,

drei Fischhaken und eine kleine Glaskugel, die überall für ›echtes

Kristall‹ ging. Dann schlich er sich auf den Zehenspitzen unter den

Bäumen hin, bis er außer Hörweite war, worauf er sich geradeswegs nach

der Sandbank in Trab setzte.

Vierzehntes Kapitel.

Ein paar Minuten später befand sich Tom im seichten Wasser der Sandbank

und watete dem Illinois-Ufer zu. Noch reichte ihm das Wasser kaum bis

zur Brust, als er schon die Hälfte des Wegs zurückgelegt hatte. Jetzt

aber erlaubte die Strömung kein weiteres Vordringen und kühn begab

er sich dran, die übrigen hundert Meter schwimmend zurückzulegen. Er

ließ sich von der Strömung treiben, die ihn rascher beförderte, als er

selber dachte. Doch gelang es ihm endlich, das Ufer zu erreichen und an

einer niederen Stelle desselben zu landen. Er fühlte in seiner Tasche

nach dem Rindenstück, fand es sicher an seinem Platz und schritt nun

mit triefenden Kleidern waldeinwärts am Ufer entlang. Kurz vor zehn

Uhr kam er an einen freien Platz, gerade dem heimatlichen Städtchen

gegenüber, und sah die Fähre im Schatten der Bäume am hohen Ufer

angekettet. Alles war still unter den funkelnden Sternen. Er kroch am

Ufer hinab, mit vorsichtigen Blicken ausspähend, glitt ins Wasser und

schwamm mit drei oder vier Stößen nach dem Boot, das an der Seite der

Fähre befestigt war. Dort streckte er sich unter die Ruderbank und

wartete atemlos. Alsbald ertönte eine heisere Glocke und eine Stimme

gab den Befehl zum Abstoßen. Eine bis zwei Minuten später wurde das

Boot von der Fähre scharf angezogen und die Fahrt hatte begonnen.

Tom beglückwünschte sich selber zu seinem Erfolg, er wußte, es war

die letzte Fahrt diesen Abend. Nach Verlauf von endlosen zwölf oder

fünfzehn Minuten standen die Räder still, Tom schlüpfte über Bord

und schwamm ans Ufer in der Dunkelheit, etwa fünfzig Meter unterhalb

des Städtchens landend, aus Furcht, noch späten Herumschwärmern zu

begegnen. Er flog durch einsame Gäßchen und befand sich nach kurzem am

hintern Zaun von seiner Tante Hof. Der Zaun war schnell überstiegen, er

näherte sich dem Hause und blickte durch das Fenster des Wohnzimmers,

in dem noch Licht brannte. Dort saßen Tante Polly, Sid, Mary und Joe

Harpers Mutter dicht zusammen und redeten. Sie saßen vor dem Bett und

das Bett befand sich zwischen ihnen und der Thüre, welche direkt auf

den Hof führte. Tom trat auf den Zehen heran und begann leise auf die

Klinke zu drücken. Die Thüre gab nach und öffnete sich ein klein wenig

mit sanftem Knarren. Vorsichtig erweiterte Tom den Spalt, bis er ihn

für groß genug hielt, um sich auf den Knieen durchzuschieben. Dann

steckte er den Kopf durch und begann mutig vorwärts zu kriechen.

»Warum das Licht nur so flackert?« sagte Tante Polly. -- Tom beeilte

sich mit dem Hereinkriechen. »Herrgott, die Thür ist ja offen, so viel

ich seh'! Freilich ist sie's. Nehmen die Schrecknisse gar kein Ende!

Geh', Sid, mach' die Thür zu!«

Gerade zur rechten Zeit verschwand Tom unter dem Bett. Da lag er

mäuschenstill, um nur erst zu Atem zu kommen, dann kroch er weiter vor,

bis dahin, wo er fast seiner Tante Füße berühren konnte.

»Ja, wie ich gesagt hab',« fuhr diese fort, »schlecht war er nicht, was

man so schlecht heißt, -- nur immer voller Tollheiten, voller Unsinn

und immer oben hinaus, wißt ihr. Ihm konnte man's aber so wenig übel

nehmen wie einem Füllen; er dachte sich weiter nichts dabei, war weiß

Gott der gutherzigste Junge der lebte und --« sie begann zu weinen.

[Illustration]

»Grad' so war mein Joe, -- immer voller Teufeleien und zu jedem tollen

Streich aufgelegt, aber so selbstlos und gut dabei, wie nur möglich.

Und, der Himmel verzeih' mir's, ich, ich, seine eigene Mutter, geh' hin

und hau' ihn durch, weil ich mein', er hat den alten Rahm genommen,

denk' nicht dran, daß ich den doch selber fortgeschüttet hab', weil er

sauer geworden war. Und jetzt soll ich ihn nie wieder sehen in dieser

Welt, den armen, mißhandelten Jungen, nie, niemals wieder!« Und Frau

Harper schluchzte, als wolle ihr das Herz brechen.

»Ich hoffe, Tom ist besser dran, wo er ist,« begann Sid, »wenn er aber

hier in manchem besser --«

»_Sid!_« -- Tom fühlte ordentlich den strengen Mahnblick, das drohende

Funkeln in den Augen der alten Dame, obgleich er's nicht sehen konnte.

»Kein Wort weiter gegen meinen armen Tom, der nun von uns gegangen ist.

Der allmächtige Gott wird sich seiner schon annehmen, da brauchst du

dich nichts drum zu kümmern. O, Frau Nachbarin, ich weiß nicht, wie

ich's überleben soll, weiß nicht, wie ich's überleben soll! Er war mein

ganzer Trost, obgleich er mir mein altes Herz fast aus dem Leib heraus

quälte!«

»Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn

sei gelobt! Aber hart ist's, so arg hart! Erst vorigen Sonntag ließ mir

mein Joe einen Schwärmer grad' unter der Nase platzen, worauf ich ihm

eins versetzte, daß er umfiel. Da dacht' ich nicht, daß er so bald --

ach, Herr du meines Lebens, wenn ich wieder in derselben Lage wäre, ich

würde ihn an mein Herz drücken und küssen.«

»Ja, ja, ja, Nachbarin, ich weiß, wie Ihnen zu Mut sein muß, weiß es

ganz genau. Gestern nachmittag erst hat mein Tom dem unvernünftigen

Vieh, dem Peter, ›Schmerzenstöter‹ eingegossen, den er selber hat

nehmen sollen. Na, ich denk' die Katze reißt's Haus ein, so tobt die

herum. Und ich, Gott verzeih mir, geb' dem Jungen einen Klapps auf den

Kopf mit meinem Fingerhut; armer Junge, armer, armer, toter Junge! Er

hat's überstanden jetzt. Und die letzten Worte, die ich von ihm gehört

hab', waren, daß er mir vorwarf --«

Diese Erinnerung aber war zu viel für die alte Dame, sie brach

vollständig darunter zusammen. Tom schluchzte jetzt selber, mehr aus

Mitleid mit sich, als aus irgend einem andern Grund. Er hörte, daß Mary

weinte und von Zeit zu Zeit ein freundliches Wort über ihn dazwischen

warf. Seine eigene Meinung von sich stieg um ein Beträchtliches. Der

Kummer seiner Tante rührte ihn aber doch sehr und kaum konnte er

der Versuchung widerstehen, hervorzubrechen aus seinem Hinterhalt

und ihren Jammer in Freude zu verwandeln. Der theatralische Effekt,

den solche Scene notwendig hervorrufen mußte, reizte ihn gewaltig,

doch er erwehrte sich dessen tapfer und blieb still. Er fuhr fort

zu lauschen und merkte aus allerlei Bruchstücken der Reden, die er

zusammensetzte, daß man zuerst geglaubt hatte, er und die Kameraden

seien beim Schwimmen verunglückt. Dann wurde das kleine Floß vermißt.

Verschiedene Jungen gaben nun an, daß die Vermißten gesagt hätten, die

ganze Stadt solle bald was Neues erfahren. Die ›weisen Häupter‹ der

Gemeinde reimten sich nun verschiedenes zusammen und waren schließlich

darin einig, daß die Jungen auf dem Floß davon gegangen und baldigst in

der nächsten Stadt flußabwärts auftauchen dürften. Gegen Mittag aber

war das leere Floß aufgefunden worden, das etwa vier Meilen unterhalb

des Städtchens ans Ufer getrieben war, und da schwand jede Hoffnung.

Sie mußten ertrunken sein, sonst hätte sie der Hunger vor Nacht nach

Hause gejagt, wenn nicht noch früher. Man glaubte, die Suche nach

den Leichen sei hauptsächlich deshalb erfolglos geblieben, weil die

Ertrunkenen wohl mitten im tiefsten Wasser umgekommen sein mußten, denn

die Jungen waren flotte Schwimmer und hätten sich sonst sicherlich ans

Ufer gerettet. Das war am Mittwochabend. Wenn es nun nicht gelang, bis

Sonntag die Leichen aufzufinden, so mußte man jeder Hoffnung entsagen,

und es sollte an dem Tage ein Trauergottesdienst in der Kirche

abgehalten werden. Tom schauderte.

Frau Harper schluchzte ein ›Gutenacht‹ und erhob sich zum Gehen. Von

einem gemeinsamen Antrieb ergriffen, flogen die beiden verwaisten

Frauen einander in die Arme, weinten sich ein paar Minuten aus und

nahmen darauf Abschied. Tante Polly sagte Sid und Mary mit besonderer

Zärtlichkeit ›Gutenacht‹, Sid schluchzte ein bißchen, Mary aber weinte

aus Herzensgrund.

Jetzt kniete Tante Polly nieder und betete für Tom, so rührend, so

eindringlich, mit solch maßloser Liebe in jedem Wort, jedem Ton ihrer

alten, zitternden Stimme, daß der Missethäter unter dem Bett wieder

förmlich zerfloß in Thränen, lange ehe sie geendet hatte.

Er mußte sich sehr ruhig verhalten, eine ganze Zeit, nachdem sie zu

Bett gegangen war, denn wieder und wieder warf sie sich ruhelos von

einer Seite zur andern und stöhnte und jammerte vor sich hin. Endlich

aber wurde sie still, nur noch zuweilen schluchzte sie leise im

Schlafe auf. Jetzt stahl sich Tom unter dem Bett vor, richtete sich

ganz allmählich in die Höhe, beschattete das Licht mit seiner Hand

und betrachtete sie. Sein Herz floß über vor Mitleid. Er nahm die

Sykomorenrinde aus der Tasche und legte sie neben dem Lichte nieder. Da

schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf und er zögerte überlegend. Sein

Gesicht verklärte sich förmlich im Widerschein der erleuchteten Idee,

die ihm gekommen. Hastig nahm er die Rinde wieder an sich, beugte sich

über das alte Antlitz, hauchte einen Kuß auf ihre Lippen und stahl

sich, leise wie er gekommen, durch die Thüre, die er hinter sich schloß.

Er schlich den gleichen Weg zurück nach der Fähre, fand dort niemanden

und betrat kühn das Deck. Wußte er doch, daß sich um diese Zeit

nur ein Wächter dort befand und der zog sich für gewöhnlich in die

Kajüte zurück und schlief wie ein Sack. Er löste den Nachen von der

Seite, schlüpfte hinein und glitt bald darnach, vorsichtig rudernd,

stromaufwärts dahin. Als er eine Meile oberhalb der Stadt war, schlug

er die Richtung quer über den Fluß ein und legte sich tüchtig ins

Zeug. Er traf genau auf die Landungsstelle an der andern Seite. Diese

Leistung war für ihn nicht neu. Nun überlegte Tom, ob er nicht den

Nachen mitnehmen sollte, der doch sozusagen ganz legitime Beute für

einen Seeräuber wäre. Doch wußte er, daß man genaue Nachforschungen

nach dem Verbleib anstellen würde und die hätten am Ende zu unliebsamen

Entdeckungen führen können. So sprang er denn ans Ufer und begab sich

sofort in den Wald. Dort setzte er sich hin, ruhte lange, lange aus und

quälte sich dabei namenlos ab, um sich wach zu erhalten. Dann machte er

sich müde, matt und schläfrig auf den Heimweg. Die Nacht war schon weit

vorgerückt. Es wurde heller Tag, ehe er sich wieder am Ufer gegenüber

der Sandbank befand. Er ruhte sich nochmals aus, bis die Sonne ganz

aufgegangen war und den Strom mit ihrem Glanze übergoldete, dann warf

er sich ins Wasser und bald darauf stand er triefend am Eingang des

Lagers und hörte Joe sagen:

»Nein, Tom ist treu wie Gold, Huck, der kommt wieder, der kneift nicht

aus! Er weiß, daß das eine Ehrlosigkeit für einen Piraten wäre, und Tom

ist viel zu stolz, um so was zu thun. Er führt irgend etwas im Schilde,

das ist sicher, möcht' nur wissen was!«

»Na, aber die Sachen dort im Hut sind doch unser, nicht?«

»Beinahe, Huck, noch nicht ganz. Hier die Schrift auf der Rinde sagt:

›Die Sachen gehören euch, sollte ich nicht bis zum Frühstück zurück

sein --‹«

»Was hiemit der Fall ist,« rief Tom und betrat mit großartigem,

dramatischem Effekt die Scene.

Ein üppiges Frühstück, aus Speck und Fisch zusammengesetzt, war bald

zur Stelle. Die Jungen machten sich drüber her, Tom erzählte dabei

seine Abenteuer mit entsprechender Ausschmückung. Sein Ruhm warf einen

strahlenden Abglanz auf die andern. Die Erzählung verwandelte sie

alsbald in eine eitle, prahlerische, lärmende Heldenschar. Dann suchte

sich Tom ein stilles, verborgenes Winkelchen zum Schlafen, während die

andern Piraten sich fertig machten, um zu fischen und auf Entdeckungen

auszugehen.

Fünfzehntes Kapitel.

Tom Sawyers Abenteuer und Streiche · 第 8 / 19 段