›Schmerzenstöter‹ hinunter. Peter sprang ein paar Meter hoch in die
Luft, stieß dann ein gellendes Kriegsgeheul aus, setzte wie toll im
Zimmer herum, stieß gegen Möbelkanten, schmiß Blumentöpfe u. dergl. um
und richtete eine allgemeine Verwüstung an. Zunächst erhob er sich auf
die Hinterfüße, begann in wahnwitziger Verzücktheit zu tanzen, wobei
er den Kopf über die Schultern zurückwarf und der Welt in schallenden
Tönen seine Glückseligkeit kund und zu wissen that. Dann fing der tolle
Kreislauf von vorne an, Chaos und Verwüstung folgte seinen Spuren.
Tante Polly trat eben noch zur Zeit durch die Thüre, um zu sehen,
wie Peter ein paar doppelte Purzelbäume schlug und, ein gewaltiges
Schluß-Hurrah ausstoßend, durch das offne Fenster segelte, wobei er
den Rest der Blumentöpfe mit sich riß. Starr vor Staunen, stand die
alte Dame und sah ihm über ihre Brillengläser weg nach, Tom aber lag am
Boden und wollte sich ausschütten vor Lachen.
[Illustration]
»Tom, was zum Kuckuck fehlt der Katze?«
»Weiß ich doch nicht, Tante,« stieß der Junge, nach Luft schnappend,
hervor.
»So was hab' ich ja im Leben noch nicht gesehen. Was ist denn der Katze
in den Leib gefahren?«
»Weiß ich wahrhaftig nicht, Tante. Die Katzen machen's immer so, wenn's
ihnen wohl in der Haut ist.«
»So? Machen sie's immer so?« Es war etwas in ihrem Ton, das Tom mit
bangem Ahnen erfüllte.
»Ja, Tante, das heißt, ich -- ich glaub' wenigstens, daß sie's so
machen.«
»Du glaubst?«
»Ja--a -- Tante.«
Die alte Dame bückte sich nieder, Tom beobachtete sie mit von Furcht
geschärftem Interesse. Zu spät erriet er, wo sie hinaus wollte. Der
Stiel des verräterischen Löffels war eben noch sichtbar unter den
Fransen der Tischdecke. Tante Polly griff darnach und hielt ihn empor.
Tom schien verlegen und senkte die Augen. Tante Polly hob ihn ohne
Umstände an dem gewöhnlichen Henkel, -- seinem Ohr, -- zu sich herauf
und gab ihm mit der freien Hand einen gesunden Klapps.
»Jetzt, Junge, gesteh', warum hast du der armen, unvernünftigen Kreatur
so mitgespielt?«
»Ich -- ich hab's nur aus Mitleid gethan, -- Peter hat ja keine Tante.«
»Hat keine Tante! -- du Dummkopf. Was hat denn das damit zu schaffen?«
»Alles. Denn wenn Peter 'ne Tante hätte, so hätt' ihn die gewiß
ausgebrannt, hätt' ihm die Eingeweide geröstet bei lebendigem Leib,
ohne sich mehr dabei zu denken, als wenn er ein Mensch gewesen wäre.«
Tante Polly fühlte plötzliche Gewissensbisse. Das zeigte die Sache in
einem neuen Lichte. Was Grausamkeit gegen eine Katze war, konnte doch
vielleicht auch Grausamkeit gegen einen Jungen sein. Sie begann weich
zu werden, es that ihr leid. Die Augen wurden ihr feucht, sie legte die
Hand auf Toms Kopf und sagte sanft:
»Tom, ich hab's nur gut gemeint und -- es hat dir auch gut gethan, Tom.«
Dieser sah ihr treuherzig ins Gesicht und nur ganz leise blitzte der
Schelm ihm aus den Augen, als er im höchsten Ernste erwiderte:
»Ich weiß, daß du's nur gut gemeint hast, Tantchen, ich hab's aber
_auch_ mit dem Peter nur gut gemeint und dem hat's auch gut gethan, im
Leben ist er noch nicht so hübsch herumgefahren --«
»Ach, heb' dich fort, Tom, eh' du mich wieder bös' machst. Und
probier's doch mal, ob du nicht einmal ein braver Junge sein kannst;
und -- Medizin brauchst du keine mehr zu nehmen.«
* * * * *
Tom kam vor der Zeit zur Schule. Man wollte beobachtet haben, daß dies
Außergewöhnliche in der letzten Zeit ganz regelmäßig stattgefunden.
Auch heute wieder, wie gewöhnlich seit kurzem, trieb er sich am Thore
des Schulhofes herum, anstatt wie sonst mit seinen Kameraden zu
spielen. Er sei krank, sagte er und sah auch so aus. Er versuchte den
Anschein zu erwecken, als schaue er überall anders hin, als gerade da,
wohin er wirklich schaute, -- den Schulweg hinunter. Jetzt tauchte Jeff
Thatcher am Horizonte auf, und Toms Antlitz erhellte sich. Einen Moment
starrte er hin, um sich dann voll Trauer abzuwenden. Als Jeff herankam,
redete ihn Tom an, suchte listig das Gespräch auf Becky zu lenken, Jeff
aber, der einfältige Kerl, wollte niemals den Köder sehen und anbeißen.
Tom schaute und schaute, -- voller Hoffnung, wenn wieder ein wehender
Mädchenrock auftauchte und voll Grimm, wenn dann die Eigentümerin
desselben die Erwartete nicht war. Zuletzt kamen keine Röcke mehr und
hoffnungslos sank er in sein dumpfes Brüten zurück. Er betrat allein,
vor den andern, das leere Schulhaus und setzte sich nieder, um weiter
zu dulden. Da trat noch ein verspäteter Rock durchs Thor, hoch auf
schlug Toms Herz in Wonne und Entzücken. Im nächsten Moment war er
draußen und geberdete sich wie ein Indianer, johlte, lachte, jagte
die Jungen vor sich her, setzte über den Zaun mit Gefahr für Leib und
Leben, schlug ein Rad, stellte sich auf den Kopf, kurz, er verrichtete
unzählige Heldenthaten und hielt dabei immer sein wachsames Auge auf
Becky geheftet, um zu sehen, ob sie Notiz davon nähme. Sie aber schien
sich seiner Gegenwart völlig unbewußt, sah gar nicht nach ihm hin.
Konnte es möglich sein, daß sie gar nicht wisse, er sei in der Nähe?
Nun begann er seine Heldenthaten in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft
auszuführen. Er umkreiste sie mit wildem Geheul, riß einem Jungen die
Mütze vom Kopf und schleuderte diese auf das Dach des Schulhauses,
brach dann gewaltsam durch einen Haufen Jungen hindurch, die nach
allen Richtungen umpurzelten, fiel dabei selber zappelnd dicht vor die
Nase Beckys hin, diese beinahe mit sich zu Boden reißend. Sie aber
wandte sich, hob das Näschen in die Luft und er hörte sie sagen:
»Ph -- ph! 's giebt Jungens, die sich für furchtbar interessant halten,
-- immer müssen sie sich zeigen!«
Toms Wangen brannten. Er rappelte sich auf und schlich davon,
gedemütigt, vernichtet.
[Illustration]
Zwölftes Kapitel.
Tom war nun fest entschlossen. Er war finsterer, verzweifelter Gedanken
voll. Er kam sich als verlassener, freundloser Knabe vor, den niemand
liebte. Wenn sie erst merkten, zu was ihre Lieblosigkeit ihn getrieben,
würde es ihnen vielleicht leid sein. Er hatte versucht, das Rechte zu
thun, gut zu sein, sie ließen's ja nicht zu. Da sie ihn denn durchaus
los sein wollten, so sollten sie ihren Willen haben; natürlich würden
sie ihn allein für die Folgen verantwortlich machen, -- aber so
ist's immer! Hat ein Freudloser und Verstoßener das Recht zu klagen?
Jetzt, da sie ihn zum Aeußersten getrieben, wollte er das Leben eines
Verbrechers führen. Ihm blieb keine Wahl. Unter solchen Betrachtungen
war er weit über die Wiesen geschritten und die Schulglocke, welche
die Säumigen mahnte, klang ihm nur noch schwach ins Ohr. Er schluchzte
jetzt bei'm Gedanken, daß er nie, nie wieder diesen altvertrauten
Ton vernehmen solle, -- es war hart, so furchtbar hart, aber -- sie
zwangen ihn ja dazu. Da sie ihn vertrieben hatten, hinausgestoßen in
die kalte, unbarmherzige Welt, so mußte er sich drein ergeben, -- aber
er verzieh ihnen, verzieh ihnen allen. Das Schluchzen wurde stärker,
erschütternder.
In diesem Moment stieß er auf seines Herzens innigsten Freund -- Joe
Harper, der finster blickend daher trottete, augenscheinlich einen
schrecklichen, schwerwiegenden Entschluß in seiner Seele herumwälzend.
Hier waren offenbar ›zwei Seelen und ein Gedanke!‹ Tom, der sich die
Augen mit seinem Aermel wischte, fing an, etwas Unzusammenhängendes
hervor zu stottern, von einem Entschluß, sich den Mißhandlungen und dem
Mangel an Verständnis daheim durch seine Flucht in die weite Welt zu
entziehen, nie, niemals wiederzukehren, und schloß damit, daß er Joe
bat, ihm ein treues Gedenken zu bewahren.
Da zeigte sich aber, daß Joe just eben um ganz dasselbe hatte bitten
wollen und gerade zu dem Zweck gekommen war, Tom aufzuspüren. Seine
Mutter hatte ihn geprügelt, weil er Rahm getrunken haben sollte, von
dem er doch rein gar nichts wußte. Es sei klar, sie wolle nichts
mehr von ihm wissen und ihn los sein. Solchen Empfindungen gegenüber
-- was bleibe ihm da anders übrig, als sich darein zu ergeben? Möge
es ihr wohl ergehen und sie niemals bereuen, ihren armen Jungen
hinausgetrieben zu haben in die kalte, gefühllose Welt, um da zu leiden
und schließlich zu sterben.
Wie nun die zwei trauernden Jünglinge so dahin wandelten, schlossen
sie einen Pakt, fest zusammenzustehen wie Brüder, nicht voneinander zu
lassen, bis der Tod sie einst scheide und sie erlöse von ihrem Jammer.
Dann begannen sie Pläne zu schmieden. Joe war dafür, ein Eremit zu
werden, von harten Brotkrusten und Wasser in einer finstern Höhle zu
leben und eines Tages aus Not, Kälte und Kummer zu sterben. Nachdem er
aber Toms Plan gehört, gab er zu, daß das Leben eines Verbrechers doch
einige hervorragende Vorteile böte und willigte ein, als Seeräuber sein
Heil zu probieren.
Drei Meilen unterhalb St. Petersburg, an einer Stelle, wo der
Mississippi etwas mehr als eine Meile breit war, lag eine lange,
schmale, bewaldete Insel mit einer seichten Sandbank an der Spitze.
Diese Insel war nicht bewohnt, lag weit drüben gegen das andere Ufer
zu, das mit einem ausgedehnten, menschenleeren, fast undurchdringlichen
Walde bestanden war. Das schien ein Ort wie gemacht für das
Unternehmen, und so wurde denn die Jackson-Insel gewählt. Welches die
Opfer sein sollten für ihr Seeräubertum, das kam den Jungen nicht in
den Sinn. Vor allem trieben sie nun Huckleberry Finn irgendwo auf,
der sich ihnen sofort anschloß. Jegliche Laufbahn war ihm recht, er
war nicht wählerisch. Nachdem sie alles verabredet hatten, trennten
sie sich, um sich an einer einsamen Stelle des Flußufers, zwei Meilen
oberhalb des Städtchens, wieder zu treffen, um Mitternacht, zu ihrer
Lieblingsstunde. Dort wußten sie von einem kleinen Holzfloß, das
sie sich anzueignen gedachten. Jeder von den dreien wollte eine
Angelrute und Haken mitbringen, dazu solche Eßvorräte, deren er sich
auf möglichst versteckte und geheimnisvolle Weise bemächtigen konnte,
wie es Ausgestoßenen und Geächteten ihrer Art zukam. Bevor noch der
Nachmittag verflossen, war es ihnen gelungen, heimlicher Wonne voll,
im ganzen Städtchen das Gerücht zu verbreiten, es werde sich in Bälde
etwas sehr Merkwürdiges ereignen. Alle, die diesen Wink erhielten,
bekamen zugleich die Mahnung, zu schweigen und abzuwarten.
Um Mitternacht erschien Tom mit einem gekochten Schinken und noch
sonstigen Kleinigkeiten in dem dichten Untergehölz des steilen
Uferabhangs, das zum Sammelplatz bestimmt worden. Es war sternklar und
totenstill. Der mächtige Strom lag, ozeangleich, in friedlicher Ruhe
da. Tom lauschte einen Moment, kein Laut unterbrach die feierliche
Stille. Er ließ ein leises, langgezogenes Pfeifen ertönen, das von
unten erwidert wurde; zweimal noch pfiff Tom, beidemale wurde das
Signal in derselben Weise beantwortet. Nun fragte eine leise Stimme:
»Wer naht sich dort?«
»Tom Sawyer, der Schwarze, Rächer der spanischen Meere. Nennt Eure
Namen!«
»Huck Finn, die ›blutige Hand‹ und Joe Harper, der ›Schrecken der
See‹.« Tom hatte diese Titel aus seiner Lieblings-Litteratur geschöpft.
»Gebt das Feldgeschrei!«
In dumpfem, grauenvoll durchdringendem Flüsterton erklang von zwei
Stimmen zugleich dasselbe schreckliche Wort in die brütende Nacht
hinein:
»_Blut!_«
Nun kollerte Tom seinen Schinken über den Abhang und ließ sich selber
nachgleiten, wobei er Haut und Kleider empfindlich verletzte. Wohl
gab's einen leichten, bequemen Pfad, den Abhang hinunter und am
Ufer entlang, dem aber fehlten jene unerläßlichen Eigenschaften von
Schwierigkeit und Gefahr, die ein Seeräuber vor allen andern schätzt.
Der ›Schrecken der See‹ hatte eine riesige Speckseite geliefert und
sich halb krumm und lahm geschleppt, um sie herbeizubringen. Finn, der
›Blut-Händige‹, hatte einen Kochkessel gestohlen, dazu eine Portion
halbgetrocknete Tabaksblätter und einige Maiskolben, um Pfeifen draus
zu machen. Keiner der Piraten freilich rauchte oder kaute Tabak, als
nur er selber. Der ›Schwarze Rächer der spanischen Meere‹ meinte, man
könnte nimmermehr das Unternehmen ins Werk setzen, ohne Feuer an Bord
zu haben. Der Gedanke war weise, auch schritt man sofort zur That.
In der Entfernung glimmte ein Feuer auf einem großen Floße, dahin
schlichen sie nun und verschafften sich einen Holzbrand. Aus dieser
Expedition machten sie sich mit Wonne und umständlicher Wichtigkeit ein
gefährliches Abenteuer zurecht. Unterwegs hielten sie fast jede Minute
an, sagten ›Pst‹ und legten den Finger auf die Lippen. Ihre Hände
umfaßten eingebildete Schwertergriffe, leise Befehle wurden geflüstert,
daß, wenn der ›Feind‹ sich rege, er ›kalt gemacht‹ werden müsse, denn
›tote Menschen plaudern nichts mehr aus!‹ Die Jungen wußten freilich
mit Bestimmtheit, daß die Flößer unten in der Stadt waren, entweder
um Vorräte einzukaufen, oder um zu zechen, das war aber für sie kein
Grund, sich weniger piratenmäßig bei der Sache zu benehmen.
Glücklich zurückgekehrt von dem gefahrvollen Feuer-Raubzug, stießen
sie alsbald vom Lande. Tom hatte den Oberbefehl, Huck saß am hinteren
Ruder, Joe vorn. Tom stand mitten auf dem Floße. Finster blickend, mit
über der Brust gekreuzten Armen, erteilte er seine Befehle in leisem,
strengem Flüsterton.
»Luven! Vor den Wind!«
»Geluvt ist, Kap'tän.«
»Stet, Jungens, ste--e--et!«
»Stet ist's, Kap'tän.«
»Einen Strich rechts abgehen!«
»Ein Strich ist's!«
Während die Jungen das Floß unverweilt gegen die Mitte des Stromes
zutreiben ließen, verstand es sich von selbst, daß alle diese Befehle
nur der Form halber erteilt wurden und weiter gar nichts zu bedeuten
hatten.
»Welche Segel führt das Boot?«
»Hauptsegel, Topsegel und fliegenden Klüver, Kap'tän.«
»Oberbramsegel auf! Ihr dort flink, 'n halb' Dutzend an die
Fockmarsleesegel! Lustig, Jungens, rührt euch!«
»Eh, eh, Kap'tän!«
»Marssegel vom Hauptmast! Schoten und Brassen! Vorwärts, Jungens.«
»Eh, Kap'tän!«
»Ruder nach Lee -- hart an Backbord. Backbord -- Backbord! Nun Leute,
frisch drauf los. Stet -- ste--e--et!«
»Stet ist's, Kap'tän!«
Das Floß begann die Mitte des Stromes zu kreuzen und auf das andere
Ufer zuzuhalten. Die Jungen gaben der Spitze desselben die rechte
Richtung und zogen dann die Ruder ein. Kaum ein Wort wurde gewechselt
während der nächsten halben Stunde. Jetzt trieb das Floß am fernen
Städtchen vorüber. Zwei oder drei schimmernde Lichter zeigten, wo
dasselbe lag, in süßem, friedlichem Schlummer, jenseits dieser
endlosen, ungeheuren, sternbeschienenen Wasserflut, ohne Ahnung von
dem tief eingreifenden Ereignis, das soeben im Begriff war sich
abzuspielen. Der ›Schwarze Rächer‹ stand da mit gekreuzten Armen,
einen letzten Blick werfend auf den Schauplatz seiner früheren Freuden
und späteren Leiden, und wünschte sehnlichst, ›Sie‹ könnte ihn jetzt
sehen, da draußen auf der wilden See, der Gefahr und dem Tode ins
Antlitz schauend, unverzagten Herzens, mit einem grimmigen Lächeln auf
den Lippen seinem Untergang entgegengehend. Seiner Einbildungskraft
war es ein Geringes, die Jackson-Insel aus der Gesichtsweite des
Städtchens weg zu versetzen, und so sandte er demselben denn seinen
›letzten Blick‹, zufriedenen, wenngleich gebrochenen Herzens. Die
andern Piraten sandten desgleichen ihre letzten Blicke und blickten so
anhaltend und so lange, daß die Strömung sie beinahe aus dem Bereich
der Insel fortgetrieben hätte. Diese Gefahr aber wurde noch beizeiten
entdeckt und derselben mit Erfolg Einhalt gethan. Etwa um zwei Uhr
morgens trieb das Floß an der Sandbank auf, ungefähr hundert Meter
oberhalb der Spitze der Insel, und die Jungen wateten nun durch das
Wasser hin und zurück, bis sie ihre Ladung glücklich gelandet und in
Sicherheit gebracht hatten. Zu dem kleinen Floß gehörte auch ein altes
Segel, welches sie an einem heimlichen Plätzchen im Gebüsch als Zelt
ausspannten, um die Vorräte darunter zu bergen. Sie selbst aber wollten
unter freiem Himmel schlafen, in Wind und Wetter, wie es solchen
Ausgestoßenen der Menschheit zukam.
[Illustration]
Sie schichteten Holz zu einem Feuer auf neben einem dicken, alten,
abgestorbenen Baumstamm, der etwa zwanzig bis dreißig Schritte weit in
der düstern Tiefe des Waldes stand, brieten sich Speck zum Abendessen
und ließen sich's köstlich munden. Herrlich, unbeschreiblich schön
war das wilde, freie Leben im jungfräulichen Walde einer unbekannten,
unbewohnten Insel, weitab vom Getriebe der Menschen, und sie schwuren
sich, nimmermehr zurückzukehren in die Fesseln der Zivilisation. Das
aufglimmende Feuer beleuchtete ihre Gesichter und warf seinen roten
Schein auf die säulenartigen Baumstämme dieses grünen Waldtempels, auf
das schimmernde Laub und die alles umrankenden, wilden Reben. Als die
letzte knusperige Speckschnitte verschwunden, die letzte Brotkrume
aufgezehrt war, streckten sich die Jungen auf dem Moose aus, erfüllt
von köstlichstem Behagen. Wohl hätten sie ein kühleres Plätzchen finden
können, aber sie mochten sich das romantische Gefühl nicht versagen, am
leise flackernden Lager-Feuer zu rösten.
»Ist das nun nicht lustig?« fragte Joe.
»Famos,« bestätigte Tom.
»Was würden die Jungen sagen, wenn sie uns so sehen könnten!«
»Sagen? Ei, die ließen sich tot schlagen, wenn sie nur hier sein
könnten, -- he, Huckchen?«
»Das will ich meinen!« brummte Huckleberry, »mir wenigstens gefällt's
und ich wünsch' mir nichts anderes. Für gewöhnlich krieg' ich nicht
satt -- hier kann mich auch keiner herumstoßen und seine Stiefel an mir
abputzen, danke!«
»Das ist just ein Leben für mich,« jubelte Tom, »morgens braucht man
nicht aufzustehen, braucht nicht in die Schule, sich nicht zu waschen
und all den andern dummen Firlefanz. Siehst du nun, Joe, ein Pirat hat
gar nichts zu thun, so lang er am Lande ist, ein Eremit aber, der muß
beten, beten, beten bis er schwarz wird, und hat nie ein Vergnügen,
immer so allein für sich.«
»Das ist auch wahr,« meinte Joe, »ich hab' eben nicht weiter drüber
nachgedacht. Jetzt will ich selber viel lieber Seeräuber sein, seit
ich's probiert hab'.«
»Außerdem,« belehrte Tom, »giebt man heutzutage nicht mehr so viel
auf Eremiten, wie früher in alten Zeiten, während ein Pirat überall
geachtet ist. Ein Eremit muß auch immer auf dem allerhärtesten Platz
schlafen, den er finden kann, muß Asche auf sein Haupt streuen und --«
»Asche? Zu was denn die Asche auf den Kopf?« fragte Huck.
»Das weiß ich selber nicht. Aber das müssen sie -- alle Eremiten
thun's. Du hättst's auch zu thun, wenn du einer wärst.«
»Die sollten mir kommen,« versetzte Huck.
»Na, was thät'st du denn?«
»Das weiß ich noch nicht. Aber Asche auf den Kopf sicher nicht.«
»Aber Huck, das müßtest du einfach. Wie wolltest du da drum herum
kommen?«
»Ei, ich würd's eben nicht leiden. Ich risse aus!«
»Ausreißen! Na, du wärst ein nettes altes Gestell von einem Eremiten,
weiß Gott, ein wahrer Schandfleck für die andern!«
Der ›Blut-Händige‹ gab keine Antwort, da er Besseres zu thun hatte. Er
war soeben damit fertig geworden, einen Maiskolben auszuhöhlen; nun
befestigte er einen Binsenhalm dran, stopfte den Kolben mit Tabak,
legte eine glühende Kohle darauf und hüllte sich in eine Wolke lieblich
duftenden Dampfes. Man sah ihm ordentlich an, wie er sich im höchsten
Stadium wollüstigen Behagens befand. Die andern Piraten neideten
ihm den Besitz solch imponierend lasterhafter Kunst und beschlossen
heimlich, dieselbe in kürzester Frist sich anzueignen. Nach einer Weile
fragte Huck:
»Was haben denn Seeräuber eigentlich zu thun?«
Worauf Tom erwiderte:
»O, die haben Zeitvertreib genug. Die kapern Schiffe und verbrennen
sie, nehmen alles Geld weg und vergraben's an ganz schrecklich
gruseligen Plätzen auf ihrer Insel, wo's Geister und solche Wesen
giebt, die den Schatz bewachen. Dann töten sie jedermann auf den
Schiffen -- lassen alle über die Planken springen --«
»Und die Frauen schleppen sie ans Land,« vervollständigte Joe, »die
töten sie nicht.«
»Nein,« stimmte Tom bei, »Frauen töten sie nicht, dazu sind sie zu
edel. Die Frauen sind auch immer sehr schön.«
»Und was für Kleider sie tragen! 's ist 'ne wahre Pracht; alles voll
Gold und Silber und Diamanten,« fiel Joe ganz begeistert ein.
»Wer?« fragte Huck.
»Nun die Piraten doch!«
Huck sah nachdenklich an seiner Gewandung hinunter.
»Na, meine Kleider sind dann schwerlich für einen Piraten geschaffen,«
bemerkte er mit einer gewissen erhabenen Trauer in der Stimme, »ich
habe aber keine anderen nicht!«
Seine beiden Kameraden trösteten ihn, die schönen Kleider würden
schnell genug kommen, wenn man nur erst auf Abenteuer auszöge. Sie
gaben ihm zu verstehen, daß seine ärmlichen Lumpen für den Anfang
genügen sollten, obgleich gut gestellte Seeräuber für gewöhnlich in
passender Garderobe auszögen.
Allmählich erstarb das Geplauder, Müdigkeit begann die Lider der
kleinen Strolche schwer zu machen. Die Pfeife entglitt den Fingern
des ›Blut-Händigen‹ und er schlief den tiefen Schlaf des Gerechten
und -- Müden. Der ›Schrecken der See,‹ ebenso auch der ›Schwarze
Rächer der Spanischen Meere‹ hatten größere Schwierigkeit im Erlangen
des Schlafes. Sie sagten ihre Gebete nur innerlich her, da keine
Autorität zugegen war, die sie zum Knieen und lauten Aufsagen
angehalten hätte. Zuerst hatten sie vorgehabt, gar nicht zu beten,
vor solchem Wagnis aber schreckten sie schließlich doch zurück, aus
Furcht, es könne ein ganz besonderer Donnerkeil vom Himmel auf ihre
schuldigen Häupter niedersausen. Als sie endlich, endlich, ganz nahe
am Rande des tiefen Abgrunds, Schlaf genannt, lagen und schon darein
zu versinken dachten, da nahte wiederum ein Etwas, ein Störenfried,
der sich nicht abweisen lassen wollte. Es war das Gewissen! Es überkam
sie eine unbestimmte Ahnung des Unrechts, das sie begangen mit ihrem
Davonlaufen, dann tauchte das gestohlene Fleisch auf und die Tortur
begann. Sie versuchten dem Gewissen vorzuhalten, wie sie oft und oft
Anlehen an die Speisekammer der Ihren gemacht in Aepfeln und andern
Süßigkeiten, das Gewissen aber gab sich mit solch durchsichtigen
Ausflüchten nicht zufrieden. Es bewies ihnen klar und unbestreitbar,
wie sich die Thatsache nicht umgehen lasse, daß das Einstecken von
Aepfeln, Süßigkeiten etc. nur ›krippsen‹ heiße, während das Wegnehmen
von Speckseiten, Schinken und ähnlichen wertvolleren Gegenständen,
einfacher, gewöhnlicher Diebstahl genannt werden müsse, -- wogegen
es ein dräuendes Gebot in der Bibel gab. Demzufolge beschlossen sie
innerlich, daß, solange sie das Piratengeschäft betrieben, ihre
Raubzüge nicht wieder mit dem Verbrechen des Diebstahls besudelt werden
dürften. Das Gewissen gab sich denn auch damit zufrieden, schloß einen
Waffenstillstand und unsre merkwürdig inkonsequenten ›Seeräuber‹
versanken in einen friedlichen, ungestörten Schlummer.
[Illustration]
Dreizehntes Kapitel.