»Guck' du, Tom!«
»Ich kann nicht -- kann's nicht, Huck!«
»Bitte, Tom, bitte! Da -- da ist's wieder!«
»Ach, Gottchen, wie dank' ich dir,« flüsterte Tom. »Ich kenn' die
Stimme, 's ist Harbisons Tyras seine.«
»Das ist 'n Glück, Tom, ich sag' dir, ich war halb tot vor Schreck;
dacht' schon, 's sei ein fremder Hund.«
Wieder heulte der Hund. Den Jungen sank das Herz abermals bis in die
unterste Zehenspitze.
»Ach, du mein alles,« stöhnte Huck, »das ist nicht Harbisons Tyras.
Guck' doch mal, Tom.«
Tom gab nach, obgleich er mit den Zähnen klapperte vor Furcht, und
legte sein Auge an die Ritze. Sein Flüstern war kaum verständlich, als
er zurück fuhr mit einem:
»Huck, 's ist _ein fremder Hund_!«
»Schnell, schnell, Tom, wen meint er von uns?«
»Er muß uns beide meinen, -- wir stehen dicht zusammen.«
»Tom, dann sind wir hin, ich sag' dir's. Wo ich hinkommen werde, für
mein Teil, weiß ich nur zu gut. Ich bin so oft gottlos gewesen.«
»Ach Huck, das kommt davon, wenn man die Schule schwänzt und immer
thut, was verboten ist. Ich hätt' grad' so gut und brav sein können
wie Sid, -- aber natürlich, das paßt mir nicht. Wenn ich noch mal mit
heiler Haut davon komme, so schwör' ich, daß ich mein Lebenlang in die
Sonntagsschule gehen will, -- ich Elender!«
Und Tom begann ein wenig zu schluchzen und sich die Augen zu reiben.
»Du, schlecht?« Auch Huckleberry schluchzte nun. »Ach was, Tom Sawyer,
du bist Gold, reines Gold, sag' ich dir, gegen mich. Ach, Gottchen,
Gottchen, Gottchen, -- ja, wenn ich nur halb die Gelegenheit gehabt
hätt', gut zu sein, wie du, Tom, ich --«
Tom brach plötzlich im Schluchzen ab und flüsterte freudig:
»Sieh' doch, Huck, sieh'! Er kehrt uns ja den _Rücken zu_!«
Nun schielte auch Huck durch die Ritze, Wonne im Herzen.
»Weiß Gott, so ist's! Hat er denn vorher das auch schon gethan?«
»Ei, freilich; ich Esel hab' aber gar nicht drauf acht gegeben. Na, das
ist herrlich! Jetzt aber, wen kann er meinen?«
Das Geheul verstummte. Tom spitzte die Ohren.
»Scht, -- was ist das?« flüsterte er.
»'s klingt wie -- na, wie Schweinegrunzen. Doch nein, -- da schnarcht
einer, Tom!«
»Wahrhaftig, so ist's! Woher kommt's wohl, Huck?«
»Ich glaub' von dort, vom anderen Ende. 's klingt wenigstens so.
Mein Alter hat dort manchmal geschlafen, aber, Herrgott, wenn _der_
schnarcht, fallen die Mauern ein. Ich glaub' auch nicht, daß der je
wieder hierher kommt.«
Noch einmal regte sich der Unternehmungsgeist in der Seele der Knaben.
»Huckchen, getraust du dir mitzukommen, wenn ich voran gehe?«
»Viel Lust hab' ich nicht, Tom. Wenn's nun der Indianer-Joe wäre?«
Tom fuhr zusammen und zögerte. Bald aber erhob sich die Versuchung
wieder mit aller Macht und die Jungen kamen überein, die Sache zu
untersuchen, aber Fersengeld zu geben, sowie das Schnarchen aufhöre. So
stahlen sie sich denn auf den Zehenspitzen, einer hinter dem andern,
dem Orte zu, von wo der Laut kam. Fünf Schritte etwa vom Schnarcher
entfernt, trat Tom auf einen Stock, der mit scharfem Knack zerbrach.
Der Mann stöhnte und wandte sich ein wenig, so daß sein Gesicht sich
dem Mondschein zukehrte. Es war Muff Potter. Den Jungen hatte das
Herz still gestanden, als der Mann sich regte, nun aber schwand ihre
Angst. Auf den Zehen schlichen sie hinaus durch die geborstene Mauer
und blieben in geringer Entfernung stehen, um ein Abschiedswort zu
tauschen. Wieder erhob sich jenes langgezogene, klägliche Geheul in die
Nachtluft hinein. Sie wandten sich und sahen den fremden Hund, nur ein
paar Schritte entfernt von dem Ort, an dem Potter lag, diesem den Kopf
zuwendend, mit der Schnauze gen Himmel deuten.
»Herr Jemine, den meint er!« riefen die beiden in einem Atem.
»Sag' mal, Tom, 's hat mir einer erzählt, daß um dem Johnny Miller sein
Haus 'n fremder Hund herumgeheult hätt' vor 'n paar Wochen und daß 'ne
Eule sich auf dem Dach gezeigt hat, und doch ist noch keiner tot dort.«
»Weiß ich. Das beweist aber gar nichts! Ist nicht am selben Sonnabend
die Grace Miller auf den Herd gefallen und hat sich schrecklich
verbrannt?«
»Wohl, aber tot ist sie doch nicht -- im Gegenteil viel besser.«
»Na, paß du nur auf, die muß sterben, so gewiß, wie der Muff Potter
dort sterben muß. So sagen die Nigger und die wissen Bescheid in den
Geschichten, Huck!«
Die Jungen trennten sich, in tiefes Nachdenken versunken.
Als Tom durch sein Schlafzimmerfenster zurückkroch, war die Nacht
beinahe vorüber. Er entkleidete sich mit der äußersten Vorsicht und
fiel in Schlaf, indem er sich selbst von Herzen Glück dazu wünschte,
daß niemand von seinem nächtlichen Ausflug etwas gemerkt habe. Armer,
blinder Tom! Er selbst hatte nichts gemerkt; er wußte nicht, daß der
sanft schnarchende Sid wachte, wach gewesen war seit einer Stunde.
Als Tom am andern Morgen die Augen aufschlug, war Sid angekleidet und
fort. Das Tageslicht draußen hatte ordentlich einen späten Schein, es
lag was Spätes in der ganzen Atmosphäre. Tom erschrak. Warum hat man
ihn nicht gerufen, -- ihn nicht geplagt wie gewöhnlich, bis er auf war?
Dieser Gedanke erfüllte ihn mit schlimmen Ahnungen. Innerhalb fünf
Minuten war er in den Kleidern und die Treppe hinunter, noch ganz
schwindelig und müde. Ihm war nicht wohl zu Mute. Die Familie saß noch
um den Tisch, das Frühstück war beendet. Keine Stimme des Vorwurfs
erhob sich, aber die abgewandten Augen aller, die Stille und so eine
Art Feierlichkeit, die das ganze Zimmer zu erfüllen schien, ließen des
armen Sünders Herz in ahnender Sorge erbeben. Er setzte sich nieder,
versuchte munter und unbefangen zu erscheinen, das aber war verlorne
Liebesmüh'. Kein Lächeln, keine Antwort kam; auch er verfiel in
Schweigen und sein Herz sank in die tiefsten Tiefen der Verzweiflung
und Bekümmernis.
Nach dem Frühstück nahm ihn die Tante beiseite und Tom lebte sichtlich
auf in der Erwartung, daß nun die wohlverdiente Züchtigung vom Stapel
laufen würde. Dem aber war nicht so. Tante Polly fing an zu weinen,
fragte, wie er es über sich gewänne, sie so zu betrüben, ihr altes Herz
beinahe zu brechen, und schloß damit, daß sie ihm sagte, er möge nur
hingehen, sich zu Grunde richten und ihre grauen Haare mit Schande in
die Grube bringen, sie könne ihn nicht mehr aufhalten, wolle es auch
gar nicht mehr probieren, es sei doch alles nutzlos und vergebens.
Das war schlimmer als die schlimmsten Prügel und Toms Herz war nun
noch matter und elender als sein Körper. Er weinte, bat um Verzeihung,
gelobte Besserung wieder und wieder und wurde schließlich entlassen mit
dem beschämenden Gefühl, doch nur halb und halb Vergebung und Vertrauen
in seine Gelöbnisse gefunden zu haben.
Er schlich aus dem Zimmer, zu elend selbst, um Rachegelüste gegen Sid,
den Verräter, zu spüren, und so war des letzteren hastige Flucht durch
die Hinterthüre unnötig. Trübselig und traurig machte er sich nach der
Schule auf und nahm mit Joe Harper zusammen seine Tracht Prügel für das
Schulschwänzen entgegen, mit der Miene eines Menschen, dessen Seele
schlimmeres Leid kennt und tot ist für die kleinen Kümmernisse dieser
Welt. Dann verfügte er sich nach seinem Platz, stützte die Ellenbogen
auf den Tisch, das Kinn auf die Hände, bohrte den Blick in die Wand
und saß da, ein Bild starrer Verzweiflung, die ihre Grenzen erreicht
hat und nicht weiter zu gehen vermag. Sein Ellenbogen ruhte auf irgend
etwas Hartem. Nach einer geraumen Zeit änderte er langsam und traurig
seine Stellung und nahm dies Etwas mit einem Seufzer zur Hand. Es
war in Papier eingeschlagen. Er entfaltete es. Ein langgezogener,
ungeheurer Seufzer folgte ... Es war jener Messingknopf, den er Becky
gestern geboten. Dieser letzte bittere Tropfen brachte den Becher
seiner Trübsal zum Ueberfließen.
[Illustration]
Zehntes Kapitel.
Kurz vor der Mittagsstunde durchzuckte das ganze Städtchen plötzlich
wie ein elektrischer Schlag die grausige Kunde. Es bedurfte nicht des
Telegraphen, von dem man sich damals überhaupt noch nichts träumen
ließ; die Nachricht flog von Mund zu Mund, von Gruppe zu Gruppe, von
Haus zu Haus, mit kaum geringerer Schnelle, als der elektrische Funke.
Natürlich gab der Lehrer für den Nachmittag frei, man würde ihm das
Gegenteil sehr verdacht haben. Ein blutiges Messer war dicht bei dem
Gemordeten gefunden worden und jemand hatte es als dem Muff Potter
gehörig erkannt, so lautete die Erzählung. Auch sollte ein Bürger,
der sich verspätet hatte, auf Potter gestoßen sein, wie er sich im
Bache wusch, gegen ein oder zwei Uhr morgens, und als er sich bemerkt
sah, eiligst davon schlich, -- lauter verdächtige Momente, namentlich
das Waschen, was für gewöhnlich sehr gegen Potters Art war. Die ganze
Stadt, so sagte man, sei schon abgesucht worden nach dem ›Mörder‹ (das
Publikum ist schnell bei der Hand mit Beweis und Urteilsspruch), er sei
aber nirgends zu finden. Reiter waren nach jeder Richtung abgesandt
und der Sheriff war überzeugt, daß man ihn noch vor Einbruch der Nacht
einfangen werde.
Die ganze Stadt wallfahrtete nach dem Friedhof. Toms Herzensnot
schwand; er schloß sich dem Zuge an, nicht, daß er nicht tausendmal
lieber wo anders gewesen wäre -- aber eine unheimliche, unerklärliche
Zauberkraft lockte und zog ihn dorthin. Am Schreckensorte angekommen,
schob und zwängte er seine kleine Person durch die dichte Menge
und stand bald vor dem gräßlichen Schauspiel. Es schien ihm ein
Menschenalter her, seit sein Blick zuletzt darauf geruht. Jemand
zwickte ihn am Arm. Er wandte sich und seine Augen trafen die
Huckleberrys. Wie auf Kommando sahen dann beide nach entgegengesetzter
Richtung, voll Angst, jemand könne den Blick bemerkt haben, den sie
sich zugeworfen. Jedermann aber schwatzte in unterdrücktem Flüsterton
und hatte genug zu thun mit dem furchtbar-schauerlichen Ereignis,
dessen Schauplatz man umstand.
[Illustration]
»Armer Bursche!« »Armer, junger Mensch!« »Dies sollten alle
Leichenräuber sich zur Lehre dienen lassen!« »Muff Potter muß baumeln
dafür, wenn sie ihn erwischen!« So etwa lauteten die Bemerkungen, die
fielen. Der Geistliche aber sagte: »Das war ein Gottesgericht, -- hier
sehen wir die Hand des Herrn.«
Tom zitterte vom Kopf bis zu den Füßen, denn sein Blick war auf das
stumpfsinnige Gesicht des Indianer-Joe gefallen. Im selben Moment
begann die Menge zu schwanken und zu drängen und einzelne Stimmen
riefen: »Da ist er, da ist er, dort kommt er selber!«
»Wer? Wer?« fragten zwanzig andere dagegen.
»Muff Potter!«
»Da, jetzt halten sie ihn an! Er dreht sich um -- haltet, haltet fest,
laßt ihn nicht durchbrennen!«
Leute, die in den Aesten der Bäume saßen, über Toms Kopf, meinten, Muff
versuche gar nicht zu entrinnen, -- er sähe nur ganz dumm und verblüfft
aus.
»Verdammte Frechheit das!« sagte einer, »wollte sich wohl noch mal in
Ruhe sein Werk beschauen; dachte nicht, Gesellschaft zu finden!«
Die Menge teilte sich nun und der Sheriff schritt mit großartiger
Wichtigkeit in Blick und Miene hindurch, Muff Potter am Arme haltend.
Des armen Burschen Gesicht sah ordentlich eingefallen aus und aus
den Augen starrte das Entsetzen, das ihn gebannt hielt. Als er vor
dem Gemordeten stand, schüttelte es ihn, wie ein Krampf, er barg das
Gesicht in den Händen und brach in Thränen aus.
»Ich hab's wahrhaftig nicht gethan, Freunde,« schluchzte er, »auf mein
Ehrenwort, ich hab's nicht gethan.«
»Wer hat dich denn beschuldigt?« schrie eine Stimme.
Der Schuß traf. Potter erhob die Augen und ließ sie in die Runde gehen,
qualvollste Hoffnungslosigkeit im Blick. Da sah er den Indianer-Joe und
rief:
»Ach, Joe, und du hast doch versprochen, daß du nie --«
»Ist dies hier Euer Messer?« Damit schob ihm der Sheriff das
Mordwerkzeug unter die Nase.
Potter wäre gefallen, wenn man ihn nicht aufgefangen und sachte zu
Boden hätte gleiten lassen. Dann stöhnte er:
»Hab's mir doch gedacht, wenn ich nicht käme und das -- Messer --« Ein
Schauder überlief ihn, dann winkte er mit der kraftlosen Hand dem
Indianer-Joe und flüsterte tonlos:
»Sag's ihnen, Joe, sag's ihnen, alles -- 's ist ja doch umsonst.«
Huckleberry und Tom hörten nun stumm und starr, wie der hartherzige
Mörder in heiterster Ruhe Zeugnis ablegte. Mit jedem Moment erwarteten
sie, daß der klare Himmel sich öffnen und der gerechte Gott seine
Zornesblitze auf das Haupt des ruchlosen Lügners schleudern müsse;
jeder weitere Moment der Verzögerung des Gerichtes erregte ihr größtes
Staunen. Und als er geendet hatte und noch lebend und unversehrt vor
ihnen stand, schwand der leise in ihrer Seele flackernde Trieb wieder,
den geschworenen Eid zu brechen und des armen Gefangenen Leben zu
retten. Solch ein Missethäter, wie Joe, mußte sich ja, das war ihnen
jetzt gänzlich klar, dem Teufel verschrieben haben. Sich mit dieser
Macht aber in einen Kampf um deren berechtigtes Eigentum einzulassen,
konnte allzu verhängnisvoll werden.
»Warum machtest du dich nicht davon? Weshalb kamst du hierher zurück?«
fragte einer den mutmaßlichen Mörder.
»Ich konnt' nicht anders, konnt' nicht anders,« stöhnte dieser. »Ich
hab' ja durchgehen wollen, aber 's hat mich immer wieder hierher
getrieben.« Und wieder schluchzte er herzbrechend.
Nochmals wiederholte der Indianer-Joe seine Aussage ebenso ruhig
und bekräftigte dieselbe endlich ein paar Minuten später bei der
Totenschau. Da immer noch keine Blitze herniederfuhren, sahen die
Jungen ihren Glauben bestätigt, daß Joe sich dem leibhaftigen
Gottseibeiuns verkauft habe. Er wurde ihnen nun zum Gegenstand des
schauerlichsten, unheimlichsten Interesses, wie sie es bis dahin
noch niemals empfunden, und ihre Blicke hingen wie gebannt an seinem
Antlitz. Sie beschlossen innerlich, ihm nachzuspüren, des Nachts
namentlich, wenn sich ihnen Gelegenheit dazu böte, in der stillen
Hoffnung, einen verstohlenen Blick auf seinen schauerlichen Herrn und
Meister thun zu können.
Der Indianer-Joe half die Leiche des Gemordeten auf einen Wagen heben,
der dieselbe wegbringen sollte, und es ging ein Flüstern durch die
Menge, daß die Wunde dabei leicht zu bluten begonnen. Huck und Tom
hofften schon, dieser glückliche Umstand möchte den Verdacht auf die
richtige Fährte lenken und fühlten sich daher sehr enttäuscht, als
einer der Zuschauer bemerkte:
»Kein Wunder! Drei Schritt davon war ja der Potter, da hat's freilich
bluten müssen!« --
Toms schreckliches Geheimnis und sein nagendes Gewissen störten ihm den
Schlaf für länger als eine Woche nach diesem Vorfall. Eines Morgens
beim Frühstück sagte Sid:
»Tom, du wirfst dich immer so herum und schwatzest so laut im Traum,
daß ich die halbe Nacht nicht schlafen kann.«
Tom erbleichte und senkte die Augen.
»Das ist ein schlimmes Zeichen,« meinte Tante Polly ernst. »Was hast du
auf dem Herzen, Tom?«
»Nichts, Tante, ich weiß von nichts.« Aber des Jungen Hand zitterte so,
daß er den Kaffee verschüttete.
»Und so dummes Zeug redst du,« fuhr Sid fort. »Heute nacht hast du
gesagt: ›Blut ist's, Blut und gar nichts andres!‹ Und das hast du immer
und immer wieder gesagt. Und dann hast du auch gesagt: ›Quäl' mich doch
nicht so -- ich will's ja gestehen.‹ Was gestehen? Was willst du denn
gestehen?«
Vor Toms Augen schwamm alles. Es läßt sich kaum ausdenken, was nun
hätte geschehen können, wäre nicht plötzlich der forschende Blick aus
Tante Pollys Auge geschwunden und sie Tom, ohne es zu wissen, zu Hilfe
gekommen, indem sie ausrief:
»Na, natürlich! 's ist der grausige Mord, der ihm zu schaffen macht.
Mir geht's grad' auch so. Ich träume jede Nacht davon. Ich hab' schon
geträumt, ich wär's selber gewesen!«
Mary sagte, ihr ginge es gerade auch so und Sid schien damit zufrieden
gestellt. Tom entzog sich den Blicken der Seinen, sobald er irgend
konnte, beklagte sich danach über Zahnweh eine Woche lang und band
sich ein dickes Tuch um Mund und Kinnlade jede Nacht. Er wußte
nicht, daß Sid ihn allnächtlich belauerte, zuweilen selbst die Binde
lockerte, sich auf die Ellenbogen stützte, über ihn beugte und lange,
lange lauschte, worauf er vorsichtig das Tuch an die alte Stelle
zurück schob. Toms Furcht und Angst verlor sich allmählich, der
ewige Zahnschmerz wurde langweilig und daher fallen gelassen. Wenn
es Sid wirklich gelungen war, aus Toms unzusammenhängendem Gemurmel
sich einen Vers zu machen, so behielt er alles für sich. -- Es war
Tom, als ob seine Schulkameraden es niemals satt bekommen könnten,
gerichtliche Totenschau zu halten über tote Katzen und dergleichen. Sid
fiel es dabei auf, daß Tom niemals die Rolle des Leichenbeschauers zu
übernehmen trachtete, obgleich er sonst gewohnt war, Anführer bei jeder
neuen Unternehmung zu sein. Er bemerkte auch, daß Tom auffallenderweise
niemals als Zeuge auftrat, ja sogar eine entschiedene Abneigung gegen
diese Art von Zeitvertreib an den Tag legte und sie mied, wo er nur
irgend konnte. Sid wunderte sich, wie gesagt, darüber, erwähnte aber
nichts. Endlich kamen denn auch die Totenschauen aus der Mode und
hörten auf, Toms Gewissen zu beunruhigen.
Jeden Tag, oder einen Tag um den andern, während dieser Zeit der
Trübsal, nahm Tom die Gelegenheit wahr, sich an das kleine, vergitterte
Kerkerfenster zu schleichen und dem ›Mörder‹ allerlei kleine
Trostgegenstände, deren er habhaft werden konnte, zuzuschmuggeln.
Das Gefängnis war ein winzig kleiner Backsteinbau, der am Ende des
Städtchens mitten in einem Sumpf stand. Wächter gab's keine, Gefangene
waren selten. Diese Opfergaben trugen sehr dazu bei, Toms Gewissen zu
erleichtern.
Die Einwohner des Städtchens hatten große Lust, auch dem Indianer-Joe
zu Leibe zu gehen wegen des Leichenraubes. So furchtbar war aber
sein Ruf, daß sich keiner fand, der sich dazu verstehen wollte, die
Leitung der Sache zu übernehmen, und so ließ man es denn bleiben.
Vorsichtigerweise hatte er in seinen beiden Aussagen gleich bei
der Rauferei begonnen, ohne erst den beabsichtigten Leichenraub
einzugestehen, der dieser voran gegangen war, und so hielt man es für
das Klügste, die Sache, einstweilen wenigstens, nicht vor Gericht zu
bringen.
[Illustration]
Elftes Kapitel.
Eine der Ursachen, weshalb Toms innerer Mensch begann, sich von seinen
geheimen Sorgen und Leiden abzuwenden, lag darin, daß ein neues und
wichtiges Interesse alle seine Gedanken in Beschlag nahm. Becky
Thatcher war aus der Schule fortgeblieben. Tom rang mit seinem Stolze
ein paar Tage lang, versuchte, sich die Gedanken an _sie_ aus dem
Kopf zu schlagen; aber umsonst. Zu seinem eigenen Erstaunen betraf
er sich selbst auf nächtlichen Streifereien um ihres Vaters Haus
herum, wobei ihm ganz elend zu Mute war. _Sie_ war krank. Wenn sie nun
sterben müßte? Verzweiflung, Wahnsinn lag in dem Gedanken. Ihn lockte
nichts mehr hienieden, kein Krieg, kein Seeräubertum. Die Sonne des
Lebens war entschwunden, nur die qualvollste Finsternis geblieben. Er
stellte seinen Reifen zur Seite zusamt dem Stock, an keinem Spielzeug
konnte er mehr Freude haben. Tante Polly begann sich zu grämen, zu
beunruhigen ob dieser Zeichen und setzte ihm mit allerhand Arzneien zu.
Sie war eine von denen, die auf Patent-Medizinen jeder Art schwören,
die jegliche neue Methode, unfehlbare Gesundheit zu verleihen, oder
die schadhaft gewordene auszuflicken, mit Enthusiasmus und nimmer
wankendem Vertrauen begrüßen. Alles neu Auftauchende dieser Art
mußte sofort probiert werden, es ließ ihr keine Ruhe, bis sie irgend
jemanden entdeckt hatte, an dem das Experiment gemacht werden konnte,
denn ihr selbst fehlte zu ihrem größten Leidwesen niemals etwas, das
solchen Eingriff erfordert hätte. Sie war auf alle Zeitschriften
für Gesundheitspflege abonniert und ihre harmlose Seele ergab sich
gläubig dem krassesten Unsinn, der schwarz auf weiß, mit dem nötigen
feierlichen Ernst vorgetragen, darin stand. All der theoretische
Schnickschnack, den sie enthielten darüber, wie man zu Bett gehen
müsse, wie aufstehen, was essen, was trinken, wie oft lüften, wie viel
und welcher Art sich Bewegung schaffen, welcher Gemütsverfassung sich
befleißigen, in was für Kleidung den äußeren Menschen stecken, all
dieser Schwindel war ihr Evangelium und niemals fiel es ihr auf, daß
die neuesten Nummern in der Regel das Gegenteil von dem empfahlen, was
die früheren angepriesen hatten. Sie war so arglos und leichtgläubig
wie ein Kind und ging ohne Zögern auf jeden Leim. So mit ihren
Quacksalberschriften und Mittelchen bewaffnet, saß sie, -- um ein
bekanntes Bild zu gebrauchen -- mit dem Sensenmann im Sattel auf dem
fahlen Rosse, während dicht hinter ihr die Hölle einhertrabte. In ihrer
schlichten Einfalt kam es ihr jedoch niemals in den Sinn, sie könne der
leidenden Menschheit etwas anderes sein als ein heilender Engel des
Trostes, der Balsam des Herrn in Person.
Kaltwasserkuren waren neu dazumal, und Toms leidender Zustand war
Wasser auf ihre Mühle. Morgens mit Tagesgrauen holte sie ihn aus seinem
Bett, schleppte ihn nach dem Holzschuppen und ertränkte ihn hier fast
in einer Sintflut kalten Wassers, das sie über ihn ergoß. Dann raspelte
sie ihn mit einem rauhen Tuche wie mit einer Feile ab, wobei er wieder
zu sich selbst kam, rollte ihn in ein nasses Betttuch und stopfte ihn
unter einen Berg von wollenen Decken, bis er sich die Seele fast aus
dem Leibe geschwitzt hatte, so daß »deren gelbe Flecken zu den Poren
heraus kamen,« wie Tom sagte.
Aber all dieser gründlichen Behandlung zum Trotz wurde der Junge
täglich schwermütiger, blasser, niedergeschlagener. Tante Polly fügte
nun heiße Bäder bei, Sitzbäder, Douchen und Sturzbäder. Der Junge
aber verharrte in seiner trübseligen Stimmung. Sie verstärkte nun die
Wasserkur durch strenge Diät und Zugpflaster und füllte ihn, als ob er
ein Krug gewesen wäre, alltäglich mit Wundertränken jeglicher Art bis
zum Rande.
Tom ließ alles mit sich beginnen, er war gleichgültig geworden
gegen jede Quälerei. Diese Phase seines Leidens erfüllte die Seele
der alten Dame mit Bestürzung. Die beängstigende Gleichgültigkeit
mußte gebrochen werden um jeden Preis. In dieser Krise hörte sie zum
erstenmal von einem Universal-Wundermittel, ›Schmerzenstöter‹ genannt.
Sie bestellte sofort einige Dutzend Flaschen, kostete und war von
Dankbarkeit durchglüht, es schien einfach Feuer in flüssiger Form.
Die Wasserbehandlung wurde nun eingestellt, zusamt allem andern und
›Schmerzenstöter‹ war hinfort die Losung. Tom bekam den ersten Löffel
voll, und seine Tante erwartete in tiefster Seelenangst das Resultat.
Ihrer Sorgen war sie augenblicklich ledig, Frieden zog in ihre Seele
ein, der Bann der ›Gleichgültigkeit‹ war gebrochen. Hätte sie ein Feuer
unter ihm angezündet, der Junge hätte kein tolleres, kein urkräftigeres
Interesse zeigen können.
Tom sah, daß die Zeit gekommen sei, sich aufzuraffen. Diese Art
von Leben mochte ja ganz romantisch sein, war auf die Dauer aber
nicht auszuhalten. Bei allem Ueberfluß an Abwechslung wurde es am
Ende doch monoton. Er sann daher auf Aenderung seiner Lage und
verfiel schließlich darauf, eine leidenschaftliche Neigung für den
›Schmerzenstöter‹ vorzugeben. Er verlangte so oft nach dem Wundertrank,
daß er damit förmlich zur Plage wurde und seine Tante ihn schließlich
anfuhr, er möge sich selber bedienen und sie in Ruhe lassen. Wäre
es nun Sid gewesen, so hätte kein Schatten ihr Entzücken ob solch
ungeahnten Erfolges getrübt, da es aber Tom war, beobachtete sie
verstohlen die Flasche. Die Flüssigkeit verminderte sich in der That,
ihr aber kam es niemals in den Sinn, daß der Junge die Gesundheit einer
Spalte des Fußbodens im Eßzimmer damit kuriere.
Eines Tages war Tom eben wieder damit beschäftigt, der Spalte die
gewohnte Dosis zu verabfolgen, als seiner Tante gelbe Katze daher
kam, einen Buckel machte, schnurrte, und, gierigen Blicks den Löffel
beäugelnd, um ein Pröbchen bettelte. Tom warnte:
»Bitt' nicht drum, Peter, wenn du's nicht brauchst.«
Peter deutete an, daß er's brauche.
»Ueberleg's nochmal, Peter.«
Peter hatte überlegt und war seiner Sache gewiß.
»Also, Peter, du willst's und du sollst's auch haben, denn _so_ bin ich
nicht. Wenn's dir aber nachher nicht schmeckt, so mach' niemand 'nen
Vorwurf, außer dir selber.«