»So, so ist's recht, das nenn' ich einen guten Jungen. Prächtiger

Bursche! Wirklich prächtiger Kerl! Zweitausend Verse ist viel, --

sehr viel! Aber, mein Kleiner, du wirst es gewiß nie bereuen, daß du

dir so viel Mühe drum gegeben. Wissen ist mehr wert, als alles in der

Welt, lernen und etwas wissen macht die großen und die guten Männer im

Leben. Auch du wirst wohl einmal ein guter, vielleicht ein großer Mann,

Thomas, und dann wirst du auf die Tage deiner Kindheit zurück sehen

und sagen: das alles verdanke ich den unbezahlbaren Wohlthaten, die ich

durch die Sonntagsschule genossen, verdanke es meinen guten Lehrern,

die mich zum Lernen anhielten, dem Herrn Vikar, der mich anfeuerte,

mich leitete, mir die schöne Bibel schenkte, eine wundervolle, fein

gebundene Bibel, die ich behalten durfte und ganz für mich allein

besitzen, -- alles, alles verdanke ich meiner guten, ausgezeichneten

Erziehung. So wirst du sprechen, Thomas, und du ließest dir dann für

kein Geld der Welt diese zweitausend Verse abkaufen, -- für kein Geld

der Welt, niemals! Und jetzt wirst du gewiß dieser Dame und mir etwas

mitteilen, was du weißt, was du gelernt hast, nicht wahr? Denn sieh,

wir sind stolz auf kleine Jungen, die etwas wissen. Ohne Zweifel

kannst du uns doch die Namen der Jünger des Herrn sagen? Du kennst sie

gewiß alle zwölf. Sag' uns einmal, wer waren die zwei ersten, die ihm

nachfolgten?«

Tom hatte während dessen immerzu an einem Knopf seiner Jacke herum

gedreht und möglichst dumm und einfältig dazu ausgesehen. Jetzt wurde

er glühend rot und bohrte die Augen beinahe in den Boden. Dem Vikar

sank das Herz in die Stiefel. Er wußte, daß der Junge unmöglich die

allereinfachste Frage beantworten konnte, warum auch mußte der Herr

Kreisrichter ihn fragen! Trotzdem fühlte er sich gedrungen, gleichsam

ermunternd zu sagen:

»Antworte dem Herrn, Thomas, -- fürchte dich doch nicht!«

Tom that nichts als rot und röter werden.

»Mir wirst du's doch sagen,« begann nun auch die Dame, »also die Namen

der beiden ersten Jünger waren --«

»_David_ und _Goliath_!«

Laßt uns den Schleier christlicher Barmherzigkeit über den Rest der

Scene breiten. Auch was Tante Polly später zu der Bibel sagte und wie

sie sich drüber freute, erwähnen wir besser nicht.

Fünftes Kapitel.

Der Montagmorgen fand Tom sehr niedergeschlagen. Das war eigentlich an

jedem Montagmorgen der Fall, denn damit begann ja eine neue Woche der

Plage und des Leidens in der Schule. Gewöhnlich begrüßte er diesen Tag

mit dem Wunsche, daß es lieber gar keine Feiertage geben möchte, denn

das machte die nun wieder aufzunehmenden Ketten der Sklaverei nur um so

drückender und fühlbarer.

Tom lag da und dachte nach. Plötzlich kam ihm die leuchtende Idee:

wenn er nun krank wäre, dann brauchte er doch nicht zur Schule. Das

war die einzige Möglichkeit. Er untersuchte und prüfte sein ganzes

Körpersystem. Nirgends fand sich auch nur das geringste Schadhafte. Von

neuem prüfte er. Diesmal meinte er leise Anzeichen von kolikartigen

Schmerzen zu verspüren, die er mit rasch aufkeimender Hoffnung liebend

zu beobachten begann. Trotzdem verringerten sich dieselben aber bei

näherer Betrachtung mehr und mehr und waren bald gänzlich verschwunden.

Wieder überlegte Tom. Plötzlich entdeckte er etwas. Einer seiner

oberen Zähne wackelte bedenklich. Er frohlockte. Schon begann er sich

zu einem tiefen Stöhnen vorzubereiten, das er als Einleitung voraus

schicken wollte, als ihm noch zur richtigen Zeit der Gedanke kam, daß,

wenn er diesen Beweis von Krankheit ins Feld führe, die Tante ihm

einfach den Zahn ausreißen würde, und das that weh. Damit wollte er

also nur im Notfall herausrücken und jetzt erst noch ein bischen weiter

herum denken. Eine Weile war alles Sinnen umsonst, dann erinnerte er

sich, wie der Doktor einmal von einem Manne erzählt hatte, dem irgend

etwas, Tom wußte nicht mehr genau was, etwas wie kalter Brand oder

dergleichen, bei einem schlimmen Finger hinzugetreten sei, daß derselbe

zwei bis drei Wochen damit zu thun gehabt und schließlich beinahe

den Finger verloren habe. Zum Glück war Tom imstande, eine schlimme

Zehe aufzuweisen, die er sich vor ein paar Tagen einmal irgendwo

verletzt hatte. Die zog er nun eiligst unter der Decke vor, um sie

aufs eingehendste zu prüfen. Damit ließ sich was machen! Leider kannte

er die nötigen Symptome nicht, über die er sich beklagen mußte, aber

probieren wollte er's doch auf jeden Fall und so begann er denn laut

und tief aufzustöhnen.

Sid aber schlief ruhig und sorglos weiter.

Tom stöhnte lauter und meinte auf einmal wirklich Schmerz in der Zehe

zu spüren.

Sid gab kein Zeichen.

Tom keuchte schon förmlich vor Anstrengung. Einen Moment sammelte

er neue Kraft, hielt den Atem an und stieß dann eine ordentlich

fortlaufende Tonleiter von wunderbar echtem Stöhnen aus.

Sid schnarchte weiter.

Nun wurde Tom ärgerlich. Er begann den hartnäckigen Schläfer zu rütteln

und ›Sid, Sid‹ zu rufen. Das wirkte besser und nun begann das Stöhnen

von neuem. Sid gähnte, streckte sich, stützte sich dann mit einem

letzten Schnarcher auf seinen Ellbogen und starrte nach Tom hin. Tom

stöhnte weiter. Endlich ruft Sid:

»Tom, so hör' doch, Tom!«

Keine Antwort.

»Du, Tom, Tom, was ist los?« und er rüttelte ihn und starrte ihm voll

Angst ins Gesicht.

Tom stöhnte:

»Ach, Sid, laß los, du thust mir weh!«

»Herr Gott, was giebts, Tom? Ich muß die Tante rufen.«

»Nein, laß sein. Es wird schon vorüber gehen. Ruf' niemand.«

»Doch, natürlich, das muß ich. Stöhn' doch nicht so, Tom, das ist ja

schrecklich. Wie lang thut dir's denn schon weh?«

»Ach, Stunden lang. Autsch, autsch! Sei doch still, Sid, und laß mich

in Ruhe.«

»Warum hast du mich denn nicht früher geweckt? Herr Gott, Tom, hör'

auf, es macht einen ja elend, dich so stöhnen zu hören. Wo thut dir's

denn weh?«

»Ich verzeih' dir alles, Sid, was du mir je gethan hast. (Stöhnen.)

Alles, alles, Sid! Wenn ich tot bin --«

»O, Tom, du wirst doch nicht sterben? Sag' nein, Tom, komm, sag' nein.

Vielleicht --«

»Ich vergebe allen Menschen, Sid. (Tiefes Stöhnen.) Sag's allen.

Und, Sid, gieb du die schöne gelbe Thürklinke, die ich habe, und die

einäugige Katze dem Mädchen, das neulich erst gekommen ist und sag'

ihr --«

Aber Sid hatte schon seine Kleider aufgerafft und war verschwunden. Tom

litt nun in Wahrheit, so lebhaft arbeitete seine Einbildungskraft und

sein Stöhnen fing an erschreckend natürlich zu klingen.

Sid flog die Treppe hinunter und rief atemlos:

»Tante Polly, Tante Polly, komm schnell, Tom stirbt!«

»Stirbt?«

»Ja, ja, eil' dich doch, frag' nicht lang.«

»Dummheiten! Ich glaub's nicht.«

Trotzdem aber stürzte sie die Treppe hinauf, so schnell sie ihre alten

Beine tragen wollten, und Mary hinter ihr her. Blaß war auch sie

geworden und ihre Lippen zitterten. Am Bett angelangt, keuchte sie nur

so:

»Tom, Tom, was giebt's, was ist los?«

»Ach, Tante, ich --«

»Was giebt's -- was ist's, Kind, was fehlt dir?«

»Ach, Tante, ich -- ich hab' furchtbare Schmerzen da an meiner Zehe, --

ich hab' -- ja ich hab', glaub' ich -- den kalten Brand!«

Erleichtert aufseufzend sank jetzt die arme Tante auf einen Stuhl,

lachte ein wenig, weinte ein wenig, that dann beides zusammen, was sie

wieder so weit herstellte, daß sie Worte fand:

»Tom, Bengel, wie hast du mich erschreckt! Jetzt hör' aber auf mit

dem Unsinn und mach', daß du aus dem Bett kommst. Es ist Zeit zum

Aufstehen! Vorwärts -- oder ich geb' dir was, um deinen kalten Brand zu

wärmen!«

Das Stöhnen hörte auf und der Schmerz verschwand aus der Zehe.

Kleinlaut und niedergedrückt ob des verunglückten Experiments meinte

der Junge:

»Tante, wahrhaftig, ich glaubte, es müsse der kalte Brand sein, es that

so furchtbar weh, daß ich gar nicht mehr an meinen Zahn dachte.«

»An deinen Zahn? Was ist denn mit dem Zahn los?«

»Ach, der wackelt und thut gar schrecklich weh.«

»Na, na, nur nicht wieder stöhnen, ist ganz unnötig! Mund auf! Ja, der

wackelt richtig, daran stirbst du aber noch lange nicht! Mary, gieb

mir einen Seidenfaden und hol' ein Stück glühende Kohle aus der Küche!«

Eiligst rief Tom, der plötzlich ganz munter wurde:

»Bitte, bitte, Tantchen, zieh' ihn mir nicht aus, er thut schon

gar nicht mehr weh. Ei, ich will des Todes sein, wenn ich noch das

geringste spüre! Bitte, bitte, nicht, Tantchen, ich will ja doch

wahrhaftig nicht zu Hause und von der Schule wegbleiben.«

»So, du willst nicht zu Hause bleiben, mein Junge, willst durchaus

nicht, was? Also deshalb all der Lärm! Wärst wohl gern aus der Schule

weggeblieben und dafür fischen gegangen, gelt? Na, ich kenn' dich, Tom,

durch und durch, mir machst du keine Flausen vor, du Bengel! Tom, Tom,

und ich hab' dich doch so lieb und du, -- du denkst nur dran, wie du

deiner alten Tante das Herz brechen kannst. Geh, schäm' dich in deine

schwarze Seele hinein!«

Mittlerweile waren die zahnärztlichen Instrumente zur Stelle geschafft

worden. Ein Ende des Seidenfadens befestigte die Tante mit einer

Schlinge an Toms Zahn, während sie das andere um den Bettpfosten

schlang, so daß der Faden straff angespannt war. Dann ergriff sie

mit einer Zange die glühende Kohle und fuhr damit geschwind auf Toms

Gesicht los. Ein Ruck -- und der Zahn hing baumelnd am Bettpfosten.

Wie aber jede überstandene Prüfung ihren Lohn in sich trägt, so auch

diese. Als sich Tom später mit der neuerworbenen Zahnlücke auf der

Straße zeigte, war er ein Gegenstand des Neides für alle Kameraden,

denn keiner von ihnen war imstande, auf solch' neue, noch nie

dagewesene Weise auszuspucken, wie es nun Tom, durch die Lücke in der

Zahnreihe, that. Er zog ein ganzes Gefolge von Bewunderern hinter sich

her, die sich für die Schaustellung interessierten, und ein anderer

Junge, der bis dahin wegen eines verletzten Fingers der Mittelpunkt

der Verehrung und Bewunderung gewesen, sah sich plötzlich all seines

Ruhmes beraubt, er mußte ohne Erbarmen dem neu aufstrahlenden Gestirne

weichen und zurücktreten in den Schatten des Nichts. Sein Herz war ihm

drob schwer, und eine Verachtung heuchelnd, die ihm fern lag, meinte

er: das sei auch was Rechtes, so auszuspucken, wie Tom Sawyer. Da

schallte ihm ein höhnendes: saure Trauben, saure Trauben! entgegen und

beschämt schlich er zur Seite, ein entthronter Held.

Auf dem Weg zur Schule traf Tom den jugendlichen Paria des Ortes,

Huckleberry Finn, den Sohn des bekanntesten Stadt-Trunkenboldes.

Huckleberry war der Gegenstand des Abscheus und Hasses aller

Mütter der Stadt, die ihn fürchteten wie die Pest, weil er faul

und zuchtlos, roh und böse war, wie sie dachten, und weil -- ihre

eigenen Jungen ihn anstaunten und vergötterten, sich förmlich um

seine verbotene Gesellschaft rissen und alles drum gegeben haben

würden, wenn sie hätten sein dürfen, wie er. Tom, wie alle die andern,

›ordentlichen, anständigen Jungen‹, beneidete Huckleberry um seine

verlockende Existenz, und es war ihm streng untersagt worden, je mit

dem ›schlechten Kerl‹ zu spielen. Gerade darum that er es denn auch

gewissenhaft, wenn sich nur irgend Gelegenheit dazu fand -- und that

es mit Wonne. Huckleberry steckte immer in alten, abgelegten Kleidern

von Erwachsenen, deren Fetzen und Lumpen nur so um ihn herum hingen.

Sein Hut war nur die Ruine einer vormaligen Kopfbedeckung, deren Rand

zerfetzt auf die Schultern niederbaumelte. Sein Rock, wenn er überhaupt

einen trug, hing ihm bis auf die Füße und zeigte die hinteren Knöpfe

etwa in der Gegend der Kniekehlen. Nur _ein_ Träger hielt seine Hosen

an Ort und Stelle, Hosen, deren geräumige Sitzpartie zu leer war und

sich nur zuweilen im Winde blähte, während die ausgefransten Enden im

Schmutz nachschleiften, wenn sie nicht zufällig aufgekrempelt waren.

Huckleberry kam und ging, wie es ihm beliebte. Bei schönem Wetter

schlief er auf Treppenstufen oder sonst wo, bei schlechtem in leeren

Fässern, alten Kisten, oder wo er eben unterkriechen konnte, wählerisch

war er keineswegs. Er brauchte nicht zur Schule, nicht zur Kirche,

brauchte niemanden als Herrn anzuerkennen, brauchte keiner lebenden

Seele zu gehorchen. Er konnte schwimmen und fischen gehen, wann und

wo er wollte, konnte bleiben, so lang es ihm behagte. Niemand verbot

ihm, sich mit andern zu prügeln, und abends konnte er aufbleiben bis

Mitternacht und länger, ihn zankte keiner. Er war der erste, der

barfuß lief im Frühling und der letzte, der im Herbste wieder in das

lästige Leder kroch. Zu waschen brauchte er sich nie, zu kämmen auch

nicht, noch frische Wäsche anzuziehen, und fluchen konnte er wie ein

Alter, wundervoll. Mit einem Wort alles, alles, was das Leben schön

und angenehm macht, besaß dieser beneidete Huckleberry im reichsten

Maße. So dachte und fühlte jeder einzelne der armen, geplagten,

›anständigen‹ Jungen in St. Petersburg. Tom rief natürlich diesen für

ihn romantischsten aller Helden sofort an:

[Illustration]

»Holla, Huckleberry!«

»Holla, du selber!«

»Was hast du da?«

»Tote Katze.«

»Zeig' her, Huck. Herrgott, wie steif! Woher hast du's?«

»Gekauft von 'nem Jungen.«

»Was hast du dafür gegeben?«

»'ne Schweinsblase und 'nen blauen Zettel.«

»Woher war denn der blaue Zettel?«

»Von Ben Rogers, dem hab' ich vor vierzehn Tagen 'ne prachtvolle Gerte

dafür gegeben.«

»Zu was kann man denn tote Katzen brauchen, Huck?«

»Zu was? Ei, um Warzen zu vertreiben.«

»Nein! Wahrhaftig? Ich weiß noch was Besseres.«

»Du? Wird was recht's sein! Was denn?«

»Wasser aus faulem Holz!«

»Wasser aus faulem Holz! Ist den Kuckuck nix wert.«

»Nichts wert? Hast du's probiert?«

»Ich nicht, aber Bob Tanner.«

»Wer hat dir's gesagt?«

»Wer? Ei er hat's dem Willy Thatcher gesagt und der dem Johnny Baker

und der dem Jim Hollis und der dem Ben und der Ben 'nem alten Nigger

und der mir. Da, nun weißt du's!«

»Na und was weiter? 's ist ja doch nur gelogen! Die lügen alle

miteinander, bis auf den Nigger, den kenn' ich nicht. Aber ich kenn'

auch keinen Nigger, der nicht lügt, oder du? Jetzt aber erzähl', wie's

der Bob Tanner gemacht hat mit den Warzen, Huck!«

»Na, der hat seine Hand in 'nen alten Baumstumpf gesteckt, in dem

Regenwasser war.«

»Am Tag?«

»Natürlich.«

»Mit dem Gesicht nach dem Baum zu?«

»Gewiß, ich glaub' wenigstens.«

»Hat er was dazu gesagt?«

»Was weiß ich? -- wahrscheinlich nicht!«

»Aha! Da haben wir's! Und dann will der Kerl Warzen mit faulem Wasser

kurieren und stellt sich so an! Da kann's natürlich nichts nützen. Ich

will dir sagen, wie man's macht. Erst geht man ganz mutterseelenallein

mitten in den Wald, wo man einen alten Baumstumpf mit Wasser weiß und

dann, wenn's Mitternacht ist, stellt man sich mit dem Rücken nach dem

Stumpf zu, tunkt die Hand ins Wasser und sagt:

Schreit die Eule, quakt der Frosch, scheint der Mond darauf,

Faules Wasser, Zauberwasser zehr' die Warzen auf!

»Danach tritt man rasch mit geschlossenen Augen elf Schritt vor, dreht

sich dreimal um sich selbst und geht heim, ohne mit jemand ein Wort zu

reden. Denn wenn man das thut, ist der Zauber gebrochen!«

»Na, das läßt sich hören, so aber hat's der Bob nicht gemacht, das weiß

ich gewiß!«

»Ja, da hast du wahrlich recht, denn der ist jetzt noch der warzigste

Jung' in der Schule und wenn er sich mit dem faulen Wasser nicht dumm

angestellt hätte, so brauchte er keine einzige mehr zu haben. Ich bin

so schon über tausend Warzen los geworden, Huck. Ich greif' so viele

Frösche an, daß ich immer ein paar Dutzend Warzen an den Händen habe.

Manchmal nehm' ich auch eine Bohne.«

»Ja, Bohnen sind gut. Das hab' ich schon selbst probiert.«

»Wirklich? Wie machst du's?«

»Ei, ich nehm' die Bohne und schneid' sie in zwei Stücke, ritz' dann

die Warze blutig und tröpfle das Blut auf das eine Stück der Bohne und

vergrab' das um Mitternacht beim Vollmond am Kreuzweg. Das andre Stück

wird verbrannt. Jetzt zieht und zieht das blutige Stück und will das

andre nachziehn, und das Blut zieht mit und zieht, bis die Warze fort

ist. So mach' ich's.«

»Und das ist auch ganz richtig, Huck, nur hilft's noch mehr, wenn du

beim Vergraben sagst: ›Fort die Bohne, Warze fort, komm' nicht mehr zum

alten Ort.‹ Das ist ausgezeichnet, sag' ich dir. So macht's Joe Harper

und der war schon beinahe in Cronville und fast überall. Aber das mit

der toten Katze, das weiß ich nicht.«

»Na, das ist einfach. Du nimmst die tote Katze und gehst auf den

Kirchhof, so um Mitternacht herum, auf das Grab von irgend einem

schlechten Kerl. Schlag zwölf kommt dann der Teufel, vielleicht auch

zwei oder drei, man sieht sie nur nicht und hören thut man nur so was

wie Wind. Und wenn sie dann den Kerl mit sich fort nehmen, schmeißt man

ihnen die Katze nach und ruft:

Will der Deubel sich versehn,

Muß die Katze noch drein gehn,

Warze fliegt auch hinterdrein,

Werd' alle drei los dann sein!

»Das vertreibt dir jede Warze noch vor der Geburt.«

»Klingt nicht übel. Hast du's mal probiert, Huck?«

»Nee, aber die alte Mutter Josephine hat's mir gesagt.«

»Na, die muß es wissen, das soll ja 'ne Hexe sein.«

»Soll sein! Ist's, Tom, ist's, das weiß ich genau. Die hat meinen Alten

behext, das sagt der immer. Wie der einmal an ihr vorbeigegangen ist,

hat er grad' gesehen, wie sie ihn behext hat und da hat er einen Stein

genommen und den nach ihr geschmissen; wenn die sich nicht gebückt

hätt', wär' sie längst keine Hex' mehr. Na und in derselbigen Nacht

ist mein Alter von einer Mauer gefallen, auf der er gelegen hat und

geschlafen, weil er betrunken war und hat den Arm gebrochen.«

»Puh, das ist ja gräßlich! Woran hat er denn gemerkt, daß sie ihn

behext?«

»Woran? Ei, das weiß mein Alter ganz genau. Er sagt, wenn sie einen

immerzu anstarren und was dazu brummen, dann behexen sie einen,

besonders, wenn sie brummen und was vor sich hin murmeln. Dann sagen

sie das Vaterunser rückwärts.«

»Sag' mal, Huck, wann willst du denn das mit der Katze probieren?«

»Heut' nacht. Ich denk', da werden sie den alten Williams holen kommen.«

»Der ist aber schon am Sonnabend begraben worden, Huck, warum haben sie

ihn da nicht schon in der Nacht geholt?«

»Na, du redst auch, wie du's verstehst! Sonnabend mitternacht ist doch

schon Sonntag und da hat kein Teufel mehr was zu suchen hier oben. Der

wird sich schwer hüten, sich am Sonntag blicken zu lassen.«

»Daran hab' ich freilich nicht gedacht. Wahrhaftig, so ist's. Darf ich

mitgehen?«

»Meinethalben, wenn du dich nicht fürchtest.«

»Fürchten? Na, auch noch! Wirst du miauen vor unsrem Haus, wenn's Zeit

ist?«

»Ja, wenn du mich nicht warten läßt. Das letzte Mal hab' ich so lang

miauen müssen, bis euer alter Nachbar mit Steinen nach mir warf und

auf den Kater fluchte, der ihm keine leibliche Ruhe lasse. Zum Dank

hab' ich ihm 'nen Backstein durchs Fenster geschmissen, der wird an den

Kater denken! Aber verrat' du mich nicht.«

»Wo werd' ich! Damals hab' ich nicht kommen können, weil mir die Tante

immer auf den Hacken saß. Heut' aber komm' ich und wenn's Feuer und

Pech regnet. -- Was ist denn das, Huck?«

»Ach, nur 'ne Baumwanze.«

»Woher denn?«

»Aus dem Wald.«

»Was willst du dafür?«

»Ich -- ich weiß nicht, ich geb's gar nicht her.«

»Gut. 's ist auch nur 'ne ganz lumpig kleine Wanze.«

»Na, das kann jeder sagen, der keine hat. Mir ist sie groß genug, mir

ist sie lang gut.«

»Pah, ist auch was Rares! Ich könnt' tausend haben, wenn ich nur

wollte.«

»Na, warum willst du nicht? Gelt, du weißt warum, Alterchen! Die

Baumwanze hier ist was Seltenes, denn 's ist noch früh für Baumwanzen.

Wenigstens ist's die erste, die ich dies Jahr sehe!«

»Hör' du, Huck, ich geb' dir meinen schönen Zahn dafür.«

»Zeig' her.«

Tom zog ein Stückchen Papier hervor, das er sorgfältig aufrollte. Huck

sah prüfend hinein. Die Versuchung war groß. Zuletzt fragte er:

»Ist der auch echt?«

Ohne jede weitere Beteuerung öffnete Tom den Mund, um die Lücke zu

zeigen.

»Na, gut,« meinte Huck, »also abgemacht, schlag' ein!«

Tom barg die Wanze vorsichtig in einer kleinen Schachtel, die ähnlichem

Gewürm schon öfter zum Gefängnis gedient und immer für vorkommende

Fälle in Toms Tasche bereit war. Huck sackte den Zahn ein und beide

Jungen trennten sich, jeder in dem erhebenden Bewußtsein, einen sehr

guten Tausch gemacht zu haben.

Als Tom das kleine, einzeln gelegene Schulhaus erreichte, öffnete

er hastig die Thüre und eilte auf seinen Platz, als käme er eben

mit größtmöglicher Geschwindigkeit direkt von zu Hause angestürzt.

Geschäftig hing er seinen Hut an den Nagel, warf die Bücher auf den

Tisch, sich selbst auf die Bank und machte Miene, sich Hals über Kopf

in die Arbeit zu stürzen. Der Lehrer, der hoch oben hinter dem Katheder

auf einem hochlehnigen Rohrsessel thronte, und der bei der Stille,

die das eifrige Summen der lernenden Kinder nur noch einschläfernder

machte, ein klein wenig eingenickt war, erwachte von der Unterbrechung:

»Thomas Sawyer!«

Als Tom diesen seinen Namen in unverkürzter Schönheit an sein Ohr

schlagen hörte, wußte er, daß es nichts Gutes bedeute.

»Herr Lehrer!«

»Komm einmal hierher zu mir. Warum bist du wie gewöhnlich wieder zu

spät dran?«

Eben wollte Tom irgend eine kleine Notlüge zu Hilfe nehmen, als er zwei

lange, blonde Schwänze gewahrte, die an einem Rücken niederbaumelten,

den er sofort mit dem elektrischen Instinkt der Liebe erkannte. Und

neben jenem Rücken war der _einzig leere Platz_, bei den Mädchen

drüben. Schnell gefaßt sagte er daher:

»_Ich mußte noch etwas mit Huckleberry Finn verabreden!_«

Dem Lehrer stand der Atem still; hilflos, ungewiß, starrte er den

kecken Sünder an. Das Summen der Lernenden verstummte, die Kinder

trauten ihren Ohren nicht ob dieser offenen Sprache, dachten, Tom müsse

verrückt geworden sein. Endlich, nach atemloser Pause, fand der Lehrer

Worte:

»Was -- was hast du gesagt?«

»Mußte noch etwas mit Huckleberry Finn verabreden,« wiederholte Tom

sorglos.

Ein Mißverständnis war hier nicht möglich.

»Thomas Sawyer, auf dieses ganz außerordentlich erstaunliche Bekenntnis

kann nur die Rute antworten. Jacke herunter!«

Und nun tanzte des Lehrers Rute auf Toms Rücken, bis Hand und Arm fast

lahm waren und die Rute sich in Wohlgefallen auflöste. Dann folgte der

Befehl:

»Jetzt gehst du und setzest dich zur Strafe zu den Mädchen! Und laß dir

das als Warnung dienen! Marsch!«

Das Kichern, welches nun das Zimmer durchlief, schien den Jungen

sehr verlegen zu machen, in Wahrheit war es aber nur das Bewußtsein,

erreicht zu haben, wonach er gestrebt, nämlich sich seiner Gottheit

nahen zu dürfen. Standhaft wie ein Märtyrer, hatte er die Prügel

ertragen, die gleichsam die dunkle Pforte bildeten, durch die er nun

zu seinem Paradiese eingehen sollte. Vorsichtig ließ er sich ganz am

äußersten Ende der Bank nieder. Mit einem verächtlichen Zurückwerfen

des Kopfes rückte das Mädchen so weit als möglich von ihm weg. Das

Flüstern, Köpfezusammenstecken, Kichern und das bedeutungsvolle

Anstarren des armen Sünders dauerte noch eine Weile fort, Tom aber

schien keine Notiz davon zu nehmen. Still saß er da, hatte die

Arme über den Tisch gelegt und sah mit großer Aufmerksamkeit in

sein geöffnetes Buch. Allmählich hörte er auf, der Gegenstand der

allgemeinen Beachtung und Heiterkeit zu sein, und wieder füllte das

gewöhnliche Summen der Schule die sommerlich stille Luft. Jetzt begann

Tom verstohlene Blicke nach seiner Göttin zu werfen. Sie bemerkte

es, rümpfte das Näschen und wandte eine volle Minute lang den Kopf

ab. Als sie verstohlen wieder nach ihrem Banknachbar hinblinzelte,

lag ein Pfirsich vor ihr. Sie stieß ihn weg, Tom legte ihn sorgsam

wieder vor sie; wieder stieß sie ihn fort, aber schon mit weniger

Heftigkeit. Geduldig schob Tom ihn zurück, da ließ sie ihn liegen.

Jetzt kritzelte Tom auf seine Tafel: »Bitte, behalt' ihn -- ich habe

noch mehr.« Sie las die Worte, gab aber kein Zeichen von sich, weder

zustimmend, noch verneinend. Jetzt begann der Junge etwas auf seine

Tafel zu zeichnen, das er mit der linken Hand vor ihren Blicken barg.

Eine Weile lang schien sie sich gar nicht darum zu kümmern, bald aber

begann sich menschliche Neugier in ihr zu regen, die sich in allerlei,

kaum bemerkbaren Zeichen kund gab. Tom zeichnete weiter, anscheinend

ganz in sein Werk versunken. Das Mädchen suchte auf unverfängliche

Art sich einen Blick auf die Zeichnung zu verschaffen, der Junge aber

verriet mit keiner Miene, daß er dies bemerkte. Endlich gab sie nach

und flüsterte zögernd:

»Du, laß mich doch mal sehen!«

Tom Sawyers Abenteuer und Streiche · 第 3 / 19 段