Danach aber empfand sie doch Gewissensbisse, und ihr gutes, weiches

Herz sehnte sich, dem armen, unschuldig Gezüchtigten ein liebevolles

Wort zu sagen. Aus Rücksichten der Disziplin aber enthielt sie sich

jeder Zusprache, die ihr doch nur als ein Eingeständnis des Unrechts

ausgelegt worden wäre. So schwieg sie denn und ging bekümmerten Herzens

ihrer Arbeit nach. Tom schmollte in einem Winkel und steigerte seine

Leiden ins Unendliche. Er wußte, daß die Tante innerlich vor ihm auf

den Knieen lag, und dies Bewußtsein that ihm wohl bis in die kleine

Zehe. Er wollte sich um niemanden, niemanden mehr kümmern. Er fühlte,

wie ihn von Zeit zu Zeit ein sehnsüchtiger, thränenverschleierter Blick

traf, er aber that, als merke er nichts und brütete nur stumm vor sich

hin. Er sah sich krank, sterbend auf seinem Bette hingestreckt. Die

Tante beugte sich über ihn und flehte händeringend um ein einziges,

kleines, armes Wort der Vergebung. Er aber wandte das Gesicht ab,

stumm, thränenlos und starb, -- starb, und das Wort der Vergebung

blieb ungesagt. Was würde sie dann thun? -- Oder er sah sich, wie man

ihn vom Fluß zurück brachte, tot, mit triefenden Haaren, blassem,

stillem Antlitz, endlich Ruhe und Frieden im armen, gequälten Herzen

-- für immer. Wie würde sie sich über ihn werfen, wie würden ihre

Thränen stromweise fließen und sie Gott anrufen, ihren armen Jungen

wieder lebendig zu machen, den sie auch nie, nie wieder mißhandeln

wolle. Er aber läge da, kalt und still, ein armer Märtyrer, dessen

Leiden zu Ende. -- So arbeitete er sich dermaßen in Jammer und

Elend hinein, daß er beinahe in Schluchzen ausgebrochen wäre und am

Zurückdrängen desselben fast erstickte. Thränen standen in seinen

Augen, und alles erschien ihm in einem wässerigen Nebel. Wenn er mit

den Augen zwinkerte, kamen die Tropfen langsam die Nase herab und

träufelten von der Spitze hernieder. Dabei fühlte er sich so wohl in

seinem Schmerz, daß er denselben ängstlich vor der profanen Lust, dem

lärmenden Getriebe der Welt da draußen behütete. Als sein Bäschen Mary,

die acht Tage auf dem Lande zu Besuch gewesen war, glückselig nach der

›langen Abwesenheit‹ zur einen Thür herein tanzte, wie lauter Licht

und Sonnenschein, entschlüpfte Tom in Nebel und Wolken gehüllt durch

die andere. Weit in die Einsamkeit wanderte er hinweg. Ein Floß lockte

ihn; er setzte sich darauf und starrte in die Wellen des Stromes. Wenn

er nur auf einmal tot und ertrunken sein könnte, ohne etwas davon zu

wissen, ohne erst all das viele Wasser zu schlucken! Dann dachte er

an seine Blume, entnahm sie seinem Busen, verwelkt, zerknittert, und

ihr Anblick erhöhte noch sein wonniges Schmerzgefühl. Ob _sie_ ihn wohl

bemitleiden würde, wenn sie es wüßte? Oder würde auch sie sich abwenden

wie die übrige schnöde Welt? Wieder verlor er sich in einem Labyrinth

von Träumen und erhob sich zuletzt seufzend, um in die Dunkelheit

hinein zu wandern. Um zehn, halb elf schlich er die stille Straße

hinunter, in der die vergötterte Unbekannte wohnte. An ihrer Thüre

hielt er an. Kein Laut traf sein lauschendes Ohr, nur aus einem Fenster

des zweiten Stockes kam der trübe Schein eines einsamen Talglichts.

War dort der geheiligte Raum, der sie umschloß? Er kletterte über den

Zaun und stahl sich lautlos bis unter jenes Fenster. Voll Rührung

schaute er hinan, dann streckte er sich der Länge lang auf den Boden

aus, die Hände, welche die verwelkte Blume umschlossen, auf der Brust

faltend. So wollte er sterben, -- draußen in der kalten Welt, kein

Dach über seinem heimatlosen Haupte, keine Freundeshand, die ihm den

Todesschweiß von der Stirne wischte, kein liebendes Antlitz, das sich

mitleidsvoll über ihn beugte, wenn der letzte, große Kampf nahte. So

sollte _sie_ ihn sehen, wenn sie das Fenster öffnete, um dem jungen

Morgen zuzulächeln und ach -- würde sie wohl dem Toten eine Thräne

weihen, einen Seufzer hauchen über den leblosen stillen Rest, der alles

war, was von dem frohen, jugendfrischen, vor der Zeit in der Wurzel

geknickten, jungen Leben geblieben?

[Illustration]

Das Fenster öffnete sich. Die schrille Stimme einer Magd entweihte

die geheiligte Stille, und eine Sündflut von Wasser durchtränkte die

Gebeine des dahingestreckten Märtyrers.

Prustend und keuchend sprang unser Held auf und schüttelte sich

heftig. Ein Wurfgeschoß durchschwirrte die Luft, untermischt mit einem

halblauten Fluche, worauf ein klirrendes Splittern von Glas folgte.

Eine kleine, undeutliche Gestalt kletterte eiligst über den Zaun und

schoß in die Dunkelheit hinein.

Nicht lange danach, als Tom beim Schein eines Lichtstümpchens seine

durchnäßten Kleider besichtigte, erwachte Sid. Wenn der nun vorher die

Absicht gehabt hatte, allerlei unliebsame Anspielungen zu machen, so

besann er sich jetzt wohlweislich eines besseren und hielt Frieden, --

es blitzte Gefahr in Toms Auge. Dieser aber kroch ins Bett ohne weitere

unangenehme Förmlichkeiten wie Waschen oder Beten, wovon sich Sid im

Geiste getreulich Notiz machte, und die Stille der Nacht umfing das

Brüderpaar.

[Illustration]

Viertes Kapitel.

Die Sonne ging auf über der sonntäglich ruhigen Welt und strahlte

nieder auf das friedliche Städtchen, wie ein Segen von oben. Als das

Frühstück vorüber war, hielt Tante Polly Familienandacht. Sie begann

mit einem Gebete, das sich ganz und gar aus festen Schichten biblischer

Kraftstellen aufbaute, die nur durch einen dünnen, spärlichen Mörtel

eigener Gedanken zusammen gehalten wurden. Auf den Zinnen dieses

stolzen Baues angelangt, krönte sie das Ganze mit einem dräuenden

Kapitel des Mosaischen Gesetzes, als stünde sie auf dem Berge Sinai

selber.

Danach gürtete Tom seine Lenden sozusagen und ging ans Werk, sich die

Bibelsprüche ›einzupauken‹. Sid, der Musterknabe, hatte seine Lektion

schon vor mehreren Tagen gelernt. Tom warf sich mit ganzer Energie auf

die Erlernung von fünf Versen und wählte dieselben aus der Bergpredigt,

da er keine kürzeren finden konnte.

Nach Verlauf einer halben Stunde hatte er denn auch glücklich einen

schwachen, allgemeinen Begriff von seiner Lektion, aber nichts weiter,

denn seine Gedanken reisten dabei mit Blitzesschnelle durch die ganze

weite, unbegrenzte Welt, die im engen Hirne schlummert, und seine

Finger waren rastlos thätig in allerhand angenehmen, ablenkenden

Zerstreuungen. Endlich erbarmte sich Bäschen Mary seiner und nahm

das Buch, um ihn zu überhören, während er sich durch den die Sprüche

verhüllenden Nebel mühsam seinen Weg zu bahnen suchte.

»Selig sind die -- ä -- ä --«

»Da geistig --«

»Richtig -- die da geistig ä -- ä --«

»Arm --«

»Arm sind. Selig sind, die da geistig arm sind, denn sie sollen --

sollen --«

»Denn ihrer --«

»Ja so! Selig sind, die da geistig arm sind, denn ihrer ist das

Himmelreich. Selig sind, die da Leid tragen, denn sie -- sie --«

»S --«

»Denn sie -- ä --«

»S -- o --«

»Denn sie s -- s --, weiß der Kuckuck, wie das heißt!«

»Sollen!«

»Ach so -- sollen! Denn sie sollen -- denn sie sollen -- ä -- ä --

sollen Leid tragen. Selig sind, die da sollen -- die da sollen -- ä --

Leid tragen, denn sie sollen -- ä -- sollen was? Warum hilfst du mir

denn nicht, Mary, schäm' dich, so schlecht zu sein und am Sonntag noch

dazu!«

[Illustration]

»O, Tom, armer, dummer, dickköpfiger Kerl, ich will dich ja nicht

necken, Gott behüte. Ich mein's nur gut mit dir. Geh' und lern's

noch einmal und verlier' den Mut nicht, du wirst's schon in den Kopf

kriegen, und dann, Tom, dann schenk' ich dir auch was Schönes! Geh' und

sei ein guter Junge!«

»Schon recht. Aber was ist's, Mary, sag' mir erst, was es ist.«

»Das brauchst du nicht vorher zu wissen, Tom, du weißt, wenn ich sag',

es ist schön, so ist's wirklich was Schönes.«

»Ja, das weiß ich. Also vorwärts, gieb das Buch wieder her, Mary,

wollen's schon kriegen.«

Und er ›kriegte‹ es wirklich und zwar mit Glanz unter dem Doppeldruck

von Neugierde und voraussichtlichem Gewinn.

Mary gab ihm nach bestandener Probe ein funkelnagelneues Taschenmesser,

das mindestens eine Mark wert war unter Brüdern. Eine feine

Damaszenerklinge hatte es ja wohl nicht, auch keinen schön verzierten

eingelegten Griff von Elfenbein, aber um den Tisch anzuschnitzen

war's gerade recht, was Tom sofort probierte, und als er sich darauf

seelenvergnügt eben an den Schrank machen wollte, wurde er abgerufen,

um sich zur Sonntagsschule in den Staat zu werfen.

Mary reichte ihm eine Blechschüssel mit Wasser und ein Stück Seife,

womit er sich in den Hof begab. Hier stellte er die Schüssel auf eine

Bank, tauchte die Seife ins Wasser, legte solche dann zur Seite, goß

das Wasser aus, stülpte die Aermel auf und kam wieder zur Küche herein,

um sich eiligst sein trockenes Gesicht am Handtuch hinter der Thür

abzuwischen. Mary aber riß ihm das Tuch weg und sagte:

»Schämst du dich nicht, Tom? Das heiß' ich betrügen! Wasser wird dir

nichts schaden!«

Tom war ein wenig aus der Fassung gebracht. Die Schüssel wurde wieder

gefüllt und diesmal stand er eine kleine Weile davor, um sich Mut

zu machen, schöpfte dann tief Atem und begann das große Werk der

wöchentlichen Reinigung. Wie er nun zum zweitenmal die Küche betrat,

sich mit krampfhaft geschlossenen Augen und ausgestreckten Händen

nach dem Tuche hin tastend, bewiesen Seifenschaum und Wasser, die von

seinem Antlitz niederströmten, seine Ehrlichkeit glänzend. Als er dann

aber hinter dem Tuche hervor tauchte, war die schwere Prozedur noch

nicht zur Zufriedenheit ausgefallen. Das reine Gebiet erstreckte sich

nur bis zum Rande der Kinnlade, wo es ein Ende hatte, gleich einer

Maske. Außerhalb dieser Linie zeigte sich die ganze Partie um Hals

und Ohren in unberührt schwärzlichem Zustand. Nun legte Mary Hand an,

und als sie fertig war, bot Tom das Bild eines reinlichen, ehrlichen

Christenmenschen, ohne Unterschied der Farbe. Sein feuchtes Haar war

schön gebürstet, und die sonst so widerspenstigen Locken kräuselten

sich in ordentlich rührender Ergebung. Diese Locken waren Toms Qual, er

hielt sie für weibisch, schämte sich ihrer und that sein Möglichstes,

sie mit Hilfe von Fett und Wasser fest am Kopf anzukleben. Daß ihm

dies nur teilweise und unbefriedigend gelang, erfüllte sein Herz mit

Bitternis. Jetzt holte Mary seinen Sonntagsanzug, den er während zweier

Jahre nur an diesem geheiligten Tage getragen. Man sprach davon einfach

nur als von ›den andern Kleidern‹, und daraus läßt sich leicht auf den

Umfang von Toms Garderobe schließen. Als er sich dann hinein gestreckt

in diese ›anderen Kleider‹, legte Mary die letzte, verbessernde

Hand an, knöpfte die Jacke zu, zog ihm den riesigen, weißen Kragen

an, bürstete ihn aus und krönte das Ganze mit einem braunen, gelb

gefleckten Strohhut. Tom sah nun ungemein ehrbar und unbehaglich aus

und fühlte sich auch nicht minder unbehaglich, als er aussah. Für ihn

lag ein fast unerträglicher Zwang in ganzen und sauberen Kleidern, ein

Zwang, der ihn fortwährend reizte. Er hoffte, Mary würde wenigstens

seine Schuhe vergessen, aber diese Hoffnung erwies sich als trügerisch;

ehe er sich's versah, standen die Marterwerkzeuge, ordentlich mit Talg

eingeschmiert, wie es so Sitte war, lieblich lockend vor ihm. Jetzt

verlor er völlig die Geduld und schalt und brummte, er solle immer

alles thun, was er absolut nicht möge. Mary aber bat und schmeichelte:

»Bitte, Tom, sei so gut, bitte!«

So fuhr er denn brummend hinein in die schwarzen Plagegeister, blieb

aber bei sehr gereizter, übler Laune. Mary war auch bald fertig und die

drei Kinder machten sich zusammen auf nach der Sonntagsschule, einem

Ort, den Tom ebensosehr haßte, wie ihn Sid und Mary liebten.

Die Sonntagsschule dauerte von neun bis halb elf, danach kam noch der

Gottesdienst. Bei diesem blieben immer zwei unsrer kleinen Freunde

freiwillig zugegen, der dritte auch, aber ihn lockte etwas anderes, als

die Predigt. Die Kirche selbst war klein und schmucklos, sie mochte

in ihren geraden, hochlehnigen Bänken vielleicht dreihundert Menschen

fassen. An der Thüre zögerte Tom und ließ die andern vorgehen, während

er einen sonntäglich herausgeputzten Kameraden anredete:

»Sag' mal, Bill, hast du 'nen gelben Zettel?«

»Ja!«

»Was willst du dafür haben?«

»Was giebst du mir?«

»Ein Stück Süßholz und einen Angelhaken.«

»Zeig' mal her.«

Tom zeigte her, Bill prüfte und fand das Gebotene des Zettels wert,

so tauschten sie das Eigentum. Danach handelte Tom noch drei rote und

zwei blaue Zettel gegen einige ähnliche, kostbare Artikel ein. Zehn,

fünfzehn Minuten lang fuhr er in dieser Beschäftigung fort, jagte

allen möglichen Jungen Zettel in allen möglichen Farben ab und hatte

nach Verlauf dieser Zeit eine recht stattliche Anzahl zusammen, die er

schmunzelnd in die Tasche schob. Nun endlich betrat er inmitten eines

Schwarms sonntäglich gesäuberter, aber etwas geräuschvoller Jungen und

Mädchen die Kirche, setzte sich auf seinen Platz und begann sofort mit

dem ersten besten Streit. Der Lehrer, ein ernster, gutmütig aussehender

Herr, trat dazwischen, wandte dann aber für einen Moment den Rücken,

was Tom sofort dazu benutzte, einem Jungen auf der vorderen Bank in

die Haare zu fahren und einen anderen mit einer Nadel in den Arm zu

stechen. Der Getroffene fuhr drauf mit einem zornigen ›autsch‹ herum,

was ihm, da Tom mit Unschuldsmiene in sein Buch starrte, einen strengen

Verweis des Lehrers zuzog. Toms ganze Klasse schien nach seinem Muster

zugeschnitten -- unruhig, unaufmerksam, voller Tollheiten. Als sie

an's Aufsagen kamen, wußte nicht einer seine Verse vollständig, doch

stolperten sie durch mit Hängen und Würgen, so gut es eben ging. Die

Belohnung für zwei fehlerlos aufgesagte Verse bestand in einem kleinen,

blauen Zettel, auf den ein Bibelvers gedruckt war. Zehn blaue Zettel

konnten für einen roten eingetauscht werden, zehn rote wiederum für

einen gelben. Für zehn gelbe erhielt man dann vom Herrn Vikar eine

kleine, sehr einfach gebundene Bibel, die unter Brüdern vielleicht

vierzig Cents wert war. Wer unter meinen Lesern besäße wohl den Fleiß

und die Ausdauer, zweitausend Bibelverse auswendig zu lernen, und wenn

man ihm eine Prachtbibel von Doré böte? Und doch hatte sich Mary zwei

solcher Bibeln erobert, es war die geduldige, mühsame Arbeit zweier

Jahre. Nur die älteren, vernünftigen und ernsten Schüler brachten es

fertig, ihre Zettel zu sammeln und dieses langwierige und langweilige

Werk so lange durchzuführen, bis sie eine Bibel erhalten konnten. Eben

durch dies mühsame Erringen aber wurde die Auslieferung des hohen

Preises jedesmal zu einer feierlichen, denkwürdigen Begebenheit. Der

also Gefeierte erschien so groß und erhaben an einem solchen Ehrentage,

daß sich beim Anblick seiner Größe in der Brust jeglichen Zuschauers

ein heiliger Eifer und Ehrgeiz entzündete, der oftmals sogar viele

Wochen anhielt. Auch Toms glühendster Wunsch war es, einmal auf diese

Weise ausgezeichnet zu werden; nicht der Bibel halber, bewahre, ihm

ging's um die Ehre und den Ruhm, den Glanz, der die ganze Zeremonie

umstrahlte.

Nun trat der Herr Vikar, der die Sonntagsschule leitete, vor, ein

kleines Testament zugeklappt in der Hand haltend, zwischen dessen

Blättern sich der eine Zeigefinger barg, und bat um Aufmerksamkeit.

Wenn ein Sonntagsschul-Vikar seine herkömmliche kleine Ansprache

hält, so ist ihm ein Testament in der Hand so notwendig, wie das

unvermeidliche Notenblatt dem Sänger, der das Podium betritt, um das

Konzertpublikum mit einem Solo zu beglücken, -- das Warum bleibt

freilich ein Rätsel, denn weder Testament, noch Notenblatt wird von

dem betreffenden Dulder je eines Blickes gewürdigt werden. Dieser Herr

Vikar nun war eine etwas schmächtige, überschlanke Figur von etwa

fünfundzwanzig Jahren, mit sandgelbem Bocksbart und sandgelben Haaren.

Seine Miene war ernst, und feierlich war auch der Ton seiner Stimme,

als er nach dem Muster der gewöhnlichen Sonntagsschulredner begann:

»Jetzt, Kinder, paßt auf; setzt euch alle so gerade und ruhig, wie

ihr könnt und hört mir einmal ein paar Minuten lang recht aufmerksam

zu. So, jetzt ist's recht! So müssen 's gute, kleine Knaben und

Mädchen machen! Da sehe ich noch ein kleines Mädchen, das zum Fenster

hinausguckt. Kleine, du denkst wohl, ich säße dort auf dem Baum und

wolle den kleinen Vögelein da draußen etwas von unserm lieben Heiland

erzählen, was? (Unterdrücktes Kichern.) Zuerst also möchte ich euch

sagen, wie wohl es mir thut, so viele saubre, frohe, kleine Gesichter

an einem Ort, wie diesem, versammelt zu sehen, an dem sie lernen

sollen, gut und brav zu sein und das Rechte zu thun. --«

Und so weiter und so fort. Den Rest der Rede zu verzeichnen ist nicht

nötig, sie hielt sich ganz an bekannte Muster, die jeder von uns schon

tausendfältig gehört hat.

Das letzte Drittel der rednerischen Leistung wurde etwas gestört durch

Wiederaufnahme der Püffe und Stöße und anderen Zeitvertreibs unter

den schwarzen Schafen der kleinen Gemeinde. Ein Raunen und Flüstern

begann, das sich mehr und mehr ausbreitete, ja selbst die Grundfesten

solch unerschütterlicher Felsen wie Sid und Mary zu umspülen versuchte.

Mit dem schlußandeutenden Sinken des Tons in des Redners Stimme ließ

auch das Summen nach und der Schluß selbst wurde mit dem Ausbruch

allgemeinsten, dankbaren Schweigens begrüßt.

Ein großer Teil der Unruhe war durch einen ebenso erstaunlichen als

seltenen Zwischenfall verursacht worden -- es waren Fremde gekommen!

Der Bürgermeister erschien, begleitet von zwei Herren, einem alten,

schwächlich aussehenden und einem jüngeren, stattlichen mit schon

stark ergrauten Haaren. Voran ging eine Dame, offenbar die Frau des

letzteren, die ein Mädchen an der Hand führte. Tom war bis dahin

rastlos und unruhig gewesen, er hatte Gewissensbisse und konnte Anny

Lorenz nicht ansehen, deren Auge mit liebendem Blick das seine suchte.

Als er nun aber die Kleine erscheinen sah, fühlte er sich wie trunken

vor Wonne. Im nächsten Augenblick begann er mit Macht ›sich zu zeigen‹,

-- puffte seine Nachbarn, riß sie an den Haaren, schnitt Gesichter,

kurz bediente sich aller jener Künste, die imstande sind, ein kleines

Schulmädchenherz zu bezaubern und ihm Beifall abzugewinnen. Seiner

Wonne wurde nur ein Dämpfer aufgesetzt durch den Gedanken an die

Demütigung, welche er in jenes Engels Garten hatte erdulden müssen,

aber die Erinnerung hieran war doch nur in den Sand verzeichnet,

den schon jetzt die hochgehenden Wogen des Glücks, die seine Seele

überfluteten, wegzuschwemmen begannen. Den Fremden wurde der beste

Ehrenplatz angewiesen, und als des Vikars Rede zu Ende war, stellte

sich heraus, wer sie seien. Der stattliche, ergraute Herr in mittleren

Jahren entpuppte sich als eine große Persönlichkeit. Er war nichts

mehr und nichts weniger, als der oberste Richter des Kreises, das

erhabenste Produkt der Schöpfung, das die Kinder je geschaut, und sie

sannen drüber nach, aus welchem Stoff der wohl gemacht sein möge; halb

sehnten sie sich danach, seine Donnerstimme zu vernehmen, und halb

fürchteten sie sich davor. Er war aus Konstantinopel, zwölf Meilen

flußabwärts, also ein weitgereister Mann, der die Welt kannte. Was der

wohl alles schon gesehen hatte? Am Ende gar Washington und das ›Weiße

Haus‹, das sich die Kinder wie eine blendende, leuchtende, flimmernde

Masse von Eis und Schnee vorstellten, so weiß und so glänzend. Die

durch solche Gedanken erweckte ehrfurchtsvolle Scheu prägte sich in dem

atemlosen Schweigen, in den großen, runden, erstaunt drein starrenden

Augen aus. Das also war der große, gewaltige Kreisrichter Thatcher, der

Bruder ihres eignen Bürgermeisters, der Onkel von Willy Thatcher, der

da eben vortrat aus ihren Reihen und dem großen Mann die Hand bot, als

sei das nichts. Hätte Willy gewußt, was das Flüstern bedeutete, das

sich erhob, es hätte ihm wie Sphärenmusik in den Ohren geklungen!

»Sieh doch, Jim, Tom sieh doch! Er geht ja wahrhaftig hin und giebt ihm

die Hand! Und der schüttelt sie. Weiß Gott, ich gäb' drei Steinkugeln

drum, wenn ich der Willy wäre!«

Der Vikar begann sich nun ›zu zeigen‹, rannte hier hin, dort hin,

erteilte Befehle, Lob, Tadel, wie's gerade kam, und wo er nur

irgend was anbringen konnte. Der Bücherausteiler ›zeigte‹ sich in

übermäßigem Wichtigthun und Amtseifer, indem er mit den Armen voll

Bücher hin und her rannte. Die jungen Damen, welche die verschiedenen

Klassen unterrichteten, wollten gleichfalls nicht zurückbleiben, süß

lächelnd neigten sie sich über kleine Schülerinnen, die sie kurz

zuvor gescholten, hoben lieblich drohende Fingerlein gegen schlimme,

kleine Jungen und streichelten andre zärtlich und milde. Die jungen

Herren, welche als Lehrer wirkten, ›zeigten‹ sich in kleinen, ernsten

Strafreden, die sie ihren betreffenden Klassen hielten, und andern

ähnlichen Beweisen ihrer Autorität. Dabei hatten fast alle jugendlichen

Lehrer beiderlei Geschlechts ganz erstaunlich viel mit Bücherwechseln

zu thun in der Nähe der Kanzel, irrten sich erstaunlich oft in dem, was

sie holten, mußten wieder und wieder gehen, zwei-, dreimal und schienen

sich gewaltig darüber zu ärgern. Auch die kleinen Mädchen ›zeigten

sich‹ auf die verschiedenste Weise und die kleinen Jungen ›zeigten

sich‹ in ihrer Art, indem sie sich heimlich schubsten und die Luft

mit emporgeschleuderten Papierpfropfen erfüllten. Und über dem allem

thronte majestätisch der große Mann, ließ die Sonne seines Lächelns

erstrahlen und wärmte sich an seiner eigenen Größe, denn er selbst,

-- er ›zeigte‹ sich erst recht. Eines nur fehlte, um des Herrn Vikars

Glück vollständig zu machen in dieser erhabenen Stunde, und das war die

Möglichkeit der Erteilung eines Bibelpreises. Einige Schüler konnten

ein paar gelbe Zettel aufweisen, keiner aber hatte die genügende Zahl,

wie er sich bei einem Umfragen unter den ersten ›Gestirnen‹ leider

überzeugen mußte.

Da, im letzten Moment, als er schon jede Hoffnung fahren ließ, trat

Tom Sawyer vor mit neun gelben, neun roten und zehn blauen Zetteln, --

trat vor und verlangte eine Bibel! Das war ein Blitzschlag aus heiterem

Himmel! Der Herr Vikar hatte auf ein solches Ansinnen aus dieser

Himmelsrichtung jede Hoffnung aufgegeben gehabt, für die nächsten

zwanzig Jahre mindestens. Aber die unglaubliche Thatsache ließ sich

nicht wegleugnen, -- hier stand Tom und da waren die Zettel und sie

stimmten auf's Haar. Tom wurde also nach dem Ehrenplatze geleitet zu

dem Kreisrichter und den andern Auserlesenen, und die erstaunliche

Thatsache allen kund und zu wissen gethan. Das wirkte nun förmlich

versteinernd, war die außerordentlichste Begebenheit des Jahrzehnts,

und so nachhaltig und tief war der Eindruck derselben, daß er den

neuen Helden noch beinahe über den alten erhob und die Schule nun zwei

Wunder statt des einen zu bestaunen hatte. Die Jungen verzehrten sich

in Neid, zumeist aber diejenigen, die sich nun zu spät klar machten,

daß sie selbst zu diesem verhaßten Ruhme beigetragen, indem sie ihre

Zettel an Tom verhandelten für die Reichtümer, die er durch zeitweilige

Ablassung seiner Tünchungsprivilegien aufgerafft. Sie verachteten und

verdammten sich selbst als überlistete Opfer eines schwarzen Betrügers,

einer kriechenden, verräterischen Schlange.

Inzwischen wurde der Preis an Tom ausgeliefert mit so viel Pomp,

als der Vikar nur irgend bei der Gelegenheit anbringen konnte.

Der volle, richtige Schwung aber schien doch dabei zu fehlen; ihm

sagte der Instinkt, daß hier ein Geheimnis verborgen liege, welches

das Licht nicht vertrage, ja es scheuen müsse. Es war einfach ein

Ding der Unmöglichkeit, daß _dieser_ Junge zweitausend Körner der

Schriftweisheit in die Scheunen seines Geistes eingeheimst haben

sollte, dieser Junge, dessen Fähigkeiten nicht hinreichend schienen,

sich auch nur ein Dutzend solch köstlicher Früchte zu eigen zu machen.

Anny Lorenz war stolz und glücklich und bemühte sich, es Tom in ihren

Augen lesen zu lassen, der aber wollte nicht hersehen. Sie verwunderte

und grämte sich darüber; dann faßte sie Verdacht und paßte auf; ein

verstohlener Blick, den sie auffing, sagte ihr Welten und brach ihr

armes Herz. Sie war eifersüchtig, zornig, Thränen kamen, sie haßte alle

Welt, Tom aber zu allermeist, in ihrem Herzen.

Tom wurde dem Kreisrichter vorgestellt, aber die Zunge schien ihm wie

gelähmt, sein Atem stockte, sein Herz klopfte zum Zerspringen, teils

wegen der furchterregenden Größe des gewaltigen Mannes, hauptsächlich

aber, weil er _ihr_ Vater war. Er wäre gerne vor ihm niedergesunken,

wenn's nur dunkel gewesen wäre. Der große Mann legte die Hand auf Toms

Haupt, nannte ihn einen tüchtigen, kleinen Burschen und fragte ihn wie

er heiße. Der Junge stammelte, stotterte und stieß endlich hervor:

»Tom.«

»Nun, doch nicht nur Tom, sondern --«

»Thomas.«

»So ist's recht, ich dachte mir wohl, es gehöre noch etwas dazu. Du

hast aber doch wohl noch einen andern Namen, denke ich, und den wirst

du mir doch auch sagen, nicht?«

»Nenne dem Herrn deinen vollen Namen, Thomas,« mahnte der Vikar, »und

sage auch ›mein Herr‹, oder ›Herr Kreisrichter‹, du mußt doch wissen,

was sich schickt!«

[Illustration]

»Thomas Sawyer, -- Herr Kreisrichter!«

Tom Sawyers Abenteuer und Streiche · 第 2 / 19 段