windschiefen Giebeln, aus dessen Schornstein ein korkzieherartiges
Rauchwölkchen aufschwebte. Jetzt war des Mädchens ganzes Interesse
wach, und alles darüber vergessend, folgte sie mit Eifer der Vollendung
des Meisterwerks. Als es fertig war, bestaunte sie es einen Moment und
flüsterte dann:
»Wundervoll -- jetzt noch 'nen Mann!«
Der Künstler stellte einen Mann in den Vordergrund, lang wie ein
Mastbaum; mit einem Schritt hätte er über das Haus wegsteigen können.
Die Zuschauerin aber war nicht kritisch, ihr gefiel das Ungetüm und sie
wisperte:
»Der Mann ist prächtig -- nun mach' mich, wie ich daherkomme!«
Tom malte eine Art Achter mit einem kreisrunden Vollmond oben und vier
dünnen Streifen als Arme und Beine. Die sich weit spreizenden Finger
bedachte er mit einem ungeheuren Fächer. Das Original des Gemäldes
fühlte sich geschmeichelt und meinte:
»Nein, wie nett -- wenn ich doch zeichnen könnte!«
»Das ist leicht,« flüsterte Tom, »ich will dich's lehren!«
»O willst du? Wann?«
»Am Mittag. Gehst du zum Essen heim?«
»Wenn du bleibst, bleib' ich auch.«
»Gut, das ist also abgemacht. Wie heißt du?«
»Becky Thatcher. Und du? Ach, ich weiß, Thomas Sawyer.«
»So heiß ich nur, wenn ich Schelte oder Prügel krieg', sonst heiß' ich
Tom. Du rufst mich Tom, gelt?«
»Ja.«
Jetzt kritzelt Tom was auf die Tafel, mit der linken Hand das
Geschriebene zuhaltend. Diesmal wollte sie's gleich sehen. Tom sagte:
»O, 's ist nichts.«
»Doch, doch.«
»Nein, 's ist nichts, es liegt dir gar nichts dran, ob du's siehst.«
[Illustration]
»Doch, nein wirklich, bitte, laß mich sehen.«
»Du wirst's weitersagen.«
»Nein, nein und dreimal nein, gewiß und wahrhaftig nicht.«
»Wirst du's aber auch keinem Menschen sagen, so lang du lebst?«
»Nie im Leben, niemand! Nun zeig' aber auch.«
»Ach, dir liegt doch nichts dran!«
»Jetzt, wenn du so bist, Tom, da muß ich's sehen --« und sie legte ihre
kleine Hand auf die seine, worauf sich ein kleiner Kampf entspann. Tom
schien im Ernst widerstreben zu wollen, zog aber seine Hand allmählich
doch so weit zurück, daß die Worte sichtbar wurden: »_Ich liebe dich._«
»O, du Abscheulicher!« Und sie gab ihm einen tüchtigen Klapps auf die
Hand, wurde aber rot und schien gar nicht ungehalten.
Im selben Moment fühlte der Junge einen schicksalsschweren Griff an
seinem Ohr, dazu einen unwiderstehlich nach oben ziehenden Drang,
und ehe er wußte wie, befand er sich an seinem eigenen Platz unter
dem Feuer gewaltiger Lachsalven der ganzen Schule. Unerbittlich, wie
das Schicksal, starrte der Lehrer noch während einiger schrecklicher
Momente auf ihn nieder, begab sich aber dann schließlich feierlich
zurück nach seinem Thron, ohne ein Wort zu sagen. Und obgleich Toms Ohr
brannte, triumphierte sein Herz.
Als der Sturm in der Schule sich wieder gelegt hatte, machte Tom den
ernsten Versuch, zu lernen, aber der Sturm in seinem Innern war zu
gewaltig. Jetzt sollte er lesen, die Reihe war an ihm, er brachte
aber vor Stammeln und Stottern keinen Satz zusammen; dann kam die
Geographiestunde. Bei Tom wurden Seen zu Bergen, Berge zu Flüssen und
Flüsse zu Inseln, bis das Chaos wieder über die Welt hereingebrochen
zu sein schien. Beim Diktatschreiben, in dem er sonst einer der
Besten war, stolperte er über die kinderleichtesten Wörter, hatte in
einem Diktat von zehn Linien fünfzig Fehler und mußte die bleierne
Verdienstmedaille, die er bis dahin für diese seine erste und einzige
Kunst mit so viel Stolz getragen, ohne alle Gnade einer würdigeren
Brust überliefern.
[Illustration]
Sechstes Kapitel.
Je eifriger Tom sich bemühte, seine Gedanken fest auf das Buch zu
heften, um so rastloser schweiften sie rings in der Weite herum. So
gab er es denn zuletzt mit einem Seufzer und Gähnen auf. Ihm schien
die erlösende Mittagsstunde heute niemals schlagen zu wollen. Die
Luft draußen war vollständig regungslos, nicht der kleinste Hauch
belebte die Stille. Es war der schläfrigste aller schläfrigen Tage.
Das eintönige Gemurmel der fünfundzwanzig eifrig studierenden Schüler
umspann die Seele mit demselben einschläfernden Zauber, der in dem
Gesumm der Bienen liegt. Hoch oben am blauen Sommerhimmel schwebten
zwei Vögel auf trägen Schwingen, sonst war draußen kein lebendes Wesen
zu erblicken, außer einigen Kühen, welche schliefen.
Toms Herz sehnte sich nach Freiheit, oder doch wenigstens darnach,
irgend etwas von Interesse zu haben, das ihm die schreckliche
Langeweile vertreiben helfe. Mechanisch wanderte seine Hand zur Tasche
und, siehe da, sein Antlitz erhellte ein Strahl dankbarer Rührung.
Verstohlen kam die kleine Schachtel zum Vorschein, die Baumwanze
wurde befreit und auf den langen schmalen Schultisch gesetzt. Die
unvernünftige Kreatur erglühte in diesem Augenblick wohl gleichfalls in
tiefster Dankbarkeit, doch diese Wonne kam verfrüht, denn kaum hatte
sie sich jubelnden Herzens marschfertig gemacht, als das grausame
Schicksal, in Gestalt einer Stecknadel in Toms Hand, ihrem Laufe eine
andere Richtung gab.
Toms Busenfreund saß neben ihm, leidend, wie dieser soeben noch
gelitten, und zeigte sich augenblicklich von tiefstem, dankbarstem
Interesse erfüllt für die neue Unterhaltung. Dieser Busenfreund war Joe
Harper. Die ganze Woche hindurch waren die beiden Jungen geschworene
Freunde, der Sonnabend nur sah sie regelmäßig als Gegner auf dem
Schlachtfelde. Joe zog sofort eine Stecknadel aus seinem Jackenfutter
und begann sich mit Lust und Liebe am Einexerzieren der gefangenen
Wanze zu beteiligen. Von Minute zu Minute nahm die Sache an Interesse
zu. Bald meinte Tom, daß sie sich gegenseitig nur hinderten und somit
keiner den vollen Genuß an der Wanze haben könne. So nahm er denn Joes
Tafel vor sich hin auf den Tisch und zog von oben bis unten eine Linie
genau durch die Mitte derselben.
»Jetzt,« sagte er, »paß auf! So lang die Wanze auf deiner Seite ist,
darfst du sie treiben mit der Nadel und ich laß' sie in Ruhe. Brennt
sie dir aber durch und kommt zu mir herüber, dann siehst du zu, so
lang, bis sie mir wieder durchgeht. Hast du verstanden?«
»Schon gut, nur vorwärts,« trieb der ungeduldige Joe, -- »kitzle sie
mal ein bißchen!«
Die Wanze entwischte Tom schleunigst und passierte die Linie, nun war
die Reihe des ›Kitzelns‹ an Joe, gleich danach hatte sie wiederum den
Aequator gekreuzt. Dieser Wechsel wiederholte sich des öfteren. Während
nun der eine Junge die unglückselige Baumwanze mit der Nadel anspornte,
in nimmer erlahmendem Eifer, schaute der andere in atemloser Spannung
zu, die beiden Köpfe waren tief über die Tafel gebeugt, die beiden
Seelen schienen der ganzen übrigen Welt wie abgestorben. Endlich wollte
sich das launenhafte Glück für Joe entscheiden, an seine Fersen heften.
Die Wanze versuchte auf allen möglichen Wegen zu entwischen und wurde
bei der Jagd so lebhaft und erregt, wie die Jungen selber. Aber wieder
und wieder, gerade als sie den Sieg schon, so zu sagen, in Händen
hielt und Toms Finger juckten und zappelten vor Begier, in die Aktion
eingreifen zu können, gerade im entscheidenden Moment lenkte Joes Nadel
geschickt den Flüchtling nach seiner Seite zurück und wahrte sich den
Besitz dieses köstlichen Guts. Endlich konnte es Tom nicht länger mehr
aushalten, die Versuchung war zu groß. So streckte er denn die Hand aus
und begann mit seiner Nadel nachzuhelfen. Da aber wurde Joe zornig und
rief drohend:
»Tom, laß das bleiben!«
»Ich will dir ja nur ein klein bißchen helfen, Joe.«
»Ach was, helfen! Brauch' dich nicht, laß bleiben, sag' ich.«
»Kuckuck, noch einmal. Ich werd' doch auch ein bißchen helfen dürfen!«
»Laß bleiben, sag' ich dir!«
»Ich will aber nicht.«
»Du mußt -- die Wanze ist auf meiner Seite.«
»Hör' mal zu, Joe Harper. Wem gehört die Wanze denn eigentlich, dir
oder mir?«
»Das ist mir ganz einerlei. Eben ist sie auf meiner Seite der Linie und
du sollst sie nicht anrühren, oder --«
»Na, wettst du, daß ich's thu'? Die Wanze ist mein und ich kann mit ihr
machen, was ich will -- hol' mich der und jener! Her damit, sag' ich!«
Ein saftiger Hieb sauste hernieder auf Toms Schultern, ein
Zwillingsbruder desselben traf Joes Rücken; zwei Minuten lang waren die
Jungen in eine Staubwolke gehüllt, die aus ihren Jacken aufwirbelte,
zum ungeheuren Gaudium der ganzen Schule. Die beiden Sünder waren
zu versunken gewesen in ihre Beschäftigung, um das verhängnisvolle
Schweigen zu bemerken, das eingetreten war, als der Lehrer auf den
Fußspitzen nach ihnen hinschlich und dann hinter ihnen stehen blieb.
Er hatte eine hübsche Weile der seltenen Beschäftigung zugeschaut, ehe
er sich erlaubte, seinen Teil zur Mehrung des Vergnügens beizutragen.
Als die Schule dann um Mittag aus war, flog Tom auf Becky Thatcher zu
und wisperte ihr ins Ohr:
»Setz' deinen Hut auf und thu' als ob du heim wolltest. Wenn du an der
Ecke bist, laß die andern laufen und komm durch's Heckengäßchen zurück.
Ich mach's grad' auch so.«
So ging also jedes der beiden mit einem andern Haufen Kinder ab, am
Ende des Heckenpfads trafen sie einander und als sie dann zusammen
die Schule erreichten, hatten sie dieselbe ganz für sich allein. Sie
setzten sich neben einander, nahmen eine Tafel vor und Tom führte
Beckys mit dem Griffel bewaffnete Hand sorgsam mit der seinen und schuf
ein neues erstaunliches Wunder von Haus. Als das Interesse an der Kunst
etwas zu erlahmen begann, machten sich die zwei ans Plaudern. Tom
schwamm in einem Meer von Wonne. Jetzt fragte er:
»Magst du Ratten?«
»Puh nein, ich kann sie nicht ausstehen.«
»Ich auch nicht -- lebendige wenigstens. Aber tote, mein' ich, die man
an eine Schnur bindet und um seinen Kopf schwingt.«
»Nee, ich mach' mir überhaupt nicht viel aus Ratten, so oder so. Was
ich gern mag, ist Süßholz!«
»Das glaub' ich. Wollt', ich hätt' ein Stück!«
»Wirklich? Ich hab' eins. Da, du kannst ein bißchen dran kauen, mußt
mir's aber dann wiedergeben, gelt?«
Das war nun eine wundervolle Beschäftigung. So kauten sie denn
abwechselnd und baumelten dazu mit den Beinen gegen die Bank im
Uebermaß wonnigsten Behagens.
»Warst du schon einmal im Zirkus?« fragte Tom.
»Ja, und ich darf wieder hin, hat Papa versprochen, wenn ich sehr brav
bin.«
»Ich war schon drei- oder viermal -- nee noch viel, viel öfter dort.
Die Kirche ist gar nichts dagegen! Im Zirkus ist immer was los. Wenn
ich mal groß bin, werd' ich Hanswurst!«
»Wahrhaftig? Das wird reizend! Die sind immer so wunderhübsch gefleckt,
Hosen und Jacke und alles.«
»Das ist wahr. Und sie verdienen Haufen von Geld -- beinahe 'nen Dollar
im Tag, meint Ben Rogers. Sag' mal, Becky, warst du schon mal verlobt?«
»Was ist denn das?«
»Na, verlobt -- wenn man sich heiraten will.«
»Nein, nie.«
»Möchtest du's gern?«
»Vielleicht, ich weiß nicht. Wie ist's denn ungefähr?«
»Wie's ist? Ja, wie gar nichts eigentlich. Du brauchst nur 'nem Jungen
zu sagen, du wolltst keinen andern haben als ihn, nie, nie und nimmer,
dann giebst du ihm 'nen Kuß und die Geschichte ist fertig. Das kann
doch ein kleines Kind -- nicht?«
»'nen Kuß? Warum denn den?«
»Ja, das muß man, weil, -- kurz, sie thun's eben alle, das gehört dazu.«
»Alle thun's?«
»Ja, alle die in einander verliebt sind. Weißt du noch, was ich dir auf
die Tafel geschrieben habe?«
»J--ja.«
»Was denn?«
»_Ich_ sag's nicht.«
»Soll _ich's_ sagen?«
»J--ja -- aber ein andermal.«
»Nein, jetzt.«
»Nein, nicht jetzt -- morgen.«
»Ach nein, jetzt, bitte, bitte, Becky. Ich will's auch nur ganz, ganz
leise sagen. Soll ich?«
Da Becky zögerte, nahm Tom ihr Schweigen für Zustimmung, schlang den
Arm um sie, legte den Mund dicht an ihr Ohr und flüsterte ihr leise,
leise die uralte Zauberformel zu. Dann fuhr er ermunternd fort:
»Jetzt bist du dran. Nun mußt du's sagen -- ganz dasselbe.«
Eine Weile widerstand sie, und bat dann:
»Du mußt dein Gesicht dorthin drehen, daß du mich nicht sehen kannst,
dann sag' ich's. Du darfst's aber keinem, keinem Menschen wieder sagen,
gelt Tom, das versprichst du, gelt?«
»Nie im Leben, Becky, gewiß und wahrhaftig. Na -- denn los!«
Er wandte den Kopf ab, sie beugte sich schüchtern zu ihm, bis ihr Atem
seine Wange streifte und seine Locken bewegte, und flüsterte: »Ich --
liebe -- dich.«
Dann sprang sie auf, rannte um Bänke und Tische, Tom immer hinterdrein,
nahm zuletzt Zuflucht in einer Ecke des Zimmers und drückte ihr
Gesichtchen fest in die weiße kleine Schürze. Tom schlang die Arme um
ihren Hals und bat:
»Jetzt, Becky, ist's ja beinahe vorbei -- nur noch der Kuß. Du brauchst
dich doch davor nicht zu fürchten, das ist ja gar nichts. Bitte, Becky.«
Und er versuchte Schürze und Hände vom kleinen Gesicht zu lösen.
Allmählich gab sie nach und ließ die Hände sinken. Das Gesichtchen,
ganz rot und erhitzt von der Anstrengung, kam zum Vorschein und
unterwarf sich der Prozedur. Tom küßte die roten Lippen und sagte:
»So, jetzt ist's geschehen, Becky. Und von jetzt an, weißt du, darfst
du nur mich lieben und heiraten und gar, gar keinen andern, nie,
niemals, in alle Ewigkeit nicht. Willst du?«
»Nein, ich will nie 'nen andern lieben, Tom, und nie 'nen andern
heiraten als dich, aber du darfst's auch nicht thun, Tom, darfst auch
nie 'ne andere heiraten wollen.«
»Gewiß! Natürlich, das gehört auch dazu. Und immer auf dem Weg zur
Schule oder nach Hause mußt du mit mir gehen, wenn's niemand sieht, und
bei Gesellschaften wähl' ich dich und du mich zum Spiel, denn so macht
man's, wenn man verlobt ist.«
[Illustration]
»Nein, wie hübsch! Davon hab' ich noch gar nichts gewußt.«
»Ja, 's ist schrecklich lustig. Ei, ich und Anny Lorenz --«
Beckys große, erschreckte Augen verrieten Tom sofort seinen Mißgriff.
Verwirrt hielt er ein.
»O, Tom. Ich bin also nicht die erste, mit der du verlobt bist?«
Ihre Thränen flossen. Tom tröstete:
»Wein' nicht, Becky. Ich mach' mir gar nichts mehr aus der.«
»Doch, Tom, doch -- du weißt selbst, daß du dir noch was aus ihr
machst ...«
Tom versuchte den Arm um ihren Hals zu legen, sie aber stieß ihn fort,
wandte das Gesicht der Wand zu und schluchzte herzbrechend weiter. Tom
versuchte es noch einmal mit sanft zuredenden Worten und wurde wieder
zurückgewiesen. Nun regte sich sein Stolz, stumm schritt er der Thüre
zu und ging hinaus. Draußen drückte er sich eine Weile herum, rastlos
und unbehaglich, von Zeit zu Zeit nach der Thüre schielend, in der
Hoffnung, sie würde bereuen und kommen, ihn zurück zu holen. Sie aber
kam nicht. Nun wurde ihm schlecht zu Mute und er begann zu fürchten,
daß er selber im Unrecht sei. Es kostete ihn einen harten Kampf, noch
einmal Annäherungsversuche zu machen, doch wappnete er sich schließlich
mit Mannesmut und ging hinein. Dort stand Becky noch in ihrem Winkel
und weinte, das Gesicht gegen die Wand gepreßt. Toms Herz krampfte sich
zusammen bei dem Anblick. Er trat zu ihr, im Moment ratlos, wie er die
Verhandlungen einleiten sollte. Endlich stieß er zögernd hervor:
»Becky, ich -- ich mag keine andre mehr sehen, als dich.«
(Keine Antwort -- nur erneutes Schluchzen.)
»Becky,« -- (bittend.)
»Becky, willst du mir gar nichts sagen?«
(Heftiges Schluchzen.)
Tom grub in seinen Taschen und brachte endlich das Kleinod seines
Herzens, den Messingknopf irgend eines alten Deckels, zum Vorschein,
hielt ihr denselben vor, so daß sie ihn sehen konnte und sagte in
einladendem Tone:
»Bitte, Becky, nimm doch das da, sieh mal her!«
Sie aber schlug's unbesehen zu Boden. Nun wandte sich Tom wortlos,
schritt aus dem Hause und suchte das Weite, um für diesen Tag nicht zur
Schule zurück zu kehren. Bald ward es Becky klar, was sie verscherzt
hatte. Sie rannte nach der Thüre, auf den Hof, flog um die Ecke des
Hauses -- er war nicht mehr zu sehen. Nun erhob sie die Stimme:
»Tom, Tom, komm zurück, Tom!«
Atemlos lauschte sie, keine Antwort. Ihre einzigen Gefährten waren
Schweigen und Einsamkeit. Wieder setzte sie sich, um zu weinen, und als
dann die Schüler zu den Nachmittagsstunden herbei zu strömen begannen,
mußte sie ihre Trauer bergen, ihr gebrochenes Herz zur Ruhe bringen
und das Kreuz eines langen, trübseligen, schmerzvollen Nachmittags auf
sich nehmen, ohne unter diesen Fremden auch nur eine fühlende Brust zu
haben, die ihren Schmerz hätte teilen können. --
Siebentes Kapitel.
Tom schlich sich fort auf Seitenpfaden bald zur Rechten und bald
zur Linken, um dem Späherauge der zur Schule zurück pilgernden
Kinder zu entgehen. Er setzte einigemale über einen kleinen Bach, da
kreuzweises Ueberschreiten von Wasser ein gutes Mittel sein sollte,
sich geplanter Verfolgung sicher zu entziehen. Eine halbe Stunde später
sah man ihn oben hinter dem letzten hochgelegenen Haus des Städtchens
verschwinden, die Schule lag wie im Nebel weit hinter ihm. Nun kam er
in einen dichten Wald, bahnte sich mühsam einen Weg recht ins Dickicht
hinein und warf sich ins weiche Moos unter einer breitästigen Eiche
nieder. Nicht ein Lüftchen regte sich, die brütende Mittagsglut hatte
selbst den Sang der Vöglein verstummen machen. Die ganze Natur lag
regungslos, wie in Verzückung, nur das gelegentliche, wie aus weiter
Ferne ertönende Hämmern eines Spechtes unterbrach die lautlose Stille
und schien die ringsum herrschende Einsamkeit nur noch lastender
und fühlbarer zu machen. Des Knaben Seele badete sich gleichsam in
Schwermut, seine Gefühle befanden sich im glücklichsten Einklang mit
der Umgebung. Lange saß er so, die Ellbogen auf die Kniee, das Gesicht
in die Hände gestützt und dachte nach. Ihm schien das Leben im besten
Falle nur eine Last zu sein und er beneidete beinahe den Jimmy Hodges,
der kürzlich von dieser Last erlöst worden war. So friedlich und schön
dachte er's sich, da unten zu liegen, zu schlummern und zu träumen
für immer und immer, während der Wind in den Bäumen spielte und mit
den Blumen und Gräsern koste, die auf dem Grabe standen. Da gab es
dann nichts mehr, über das man sich zu quälen und zu grämen brauchte.
Wenn nur sein Sonntagsschul-Gewissen rein wäre, wie gerne würde er der
ganzen Welt Valet sagen. Und was jenes Mädchen betraf -- was hatte
er eigentlich gethan? Nichts. Er hatte es so gut gemeint, wie nur
einer in der Welt und war behandelt worden, wie ein Hund, -- wie ein
elender Hund. Sie würde es bereuen eines Tages -- wenn es zu spät wäre
vielleicht. Ach, wenn er nur sterben könnte, nur für _einige Zeit_!
Das elastische Herz der Jugend aber läßt sich nicht lange in ein und
dieselbe Form zusammenpressen. Tom glitt alsbald wieder ganz unmerklich
in die Interessen dieses Lebens zurück. Wie, wenn er allem den Rücken
kehrte und geheimnisvoll verschwände? Oder wenn er davon wanderte,
weit, weit, ewig weit fort, in ferne fremde Länder jenseits der See
und niemals wieder käme? Wie würde Becky zu Mute sein? Der Gedanke,
ein Hanswurst zu werden, stieg auch wieder in ihm auf, aber er wies
ihn mit Ekel von sich. Tollheit und Witze nebst gesprenkelten Trikots
waren jetzt förmlich eine Beleidigung für seinen Geist, der sich in das
nebelhafte, hehre Gebiet der Romantik aufgeschwungen hatte. Nein, ein
Soldat wollte er werden und nach langen, langen Jahren wiederkehren,
kriegsmüde, ruhmbedeckt. Oder, noch besser! Er wollte zu den Indianern
gehen, Büffel jagen, den Kriegspfad beschreiten in den wilden Bergen
und unermeßlich weiten Ebenen des ›Fernen Westens‹, und dann einmal
in grauer Zukunft zurückkehren als großer Häuptling, starrend von
Federn, scheußlich bemalt, und an einem schläfrigen Sommermorgen mit
gellendem Kriegsgeheul, welches das Blut gerinnen machte, in die
Sonntagsschule einbrechen, wo die Herzen und Augen seiner Kameraden
ihn förmlich verzehren würden vor sengendem Neid. Halt, es gab noch
etwas Größeres als selbst dieses! Ein Seeräuber wollte er werden! Das
war's. Jetzt lag seine Zukunft klar vor ihm, strahlend in unsagbar
blendendem Glanze. Wie würde sein Name die Welt erfüllen und alle
Menschen schaudern und erbeben machen! Wie glorreich würde er auf
seinem langen, niedrigen, kohlschwarzen Schnellsegler ›Sturmesfittich‹
die wogenden Wellen der See durchfurchen, während die düstere Flagge
vom Vordermast wehte, ein gefürchtetes Zeichen auf allen Meeren. Und,
auf dem Gipfel seines Ruhmes angelangt, wie wollte er plötzlich im
alten Städtchen erscheinen, in die Kirche treten, braun und verwettert,
in seinem schwarzen Sammtwams und der faltigen Pluderhose, seinen
hohen Stulpstiefeln, der roten Schärpe und dem mit wallenden Federn
besteckten Schlapphut, den Gürtel starrend von Reiterpistolen, das in
blutigen Metzeleien eingerostete Schwert an der Seite; sodann wollte er
die schwarze Flagge mit dem Totenschädel und den gekreuzten Gebeinen
darauf entfalten und mit einem das Herz zum Zerbersten schwellenden
Entzücken das Raunen und Flüstern hören: »Seht, das ist Tom Sawyer, der
Pirat! Der schwarze Würger der spanischen Meere!«
Ja, nun war's entschieden, seine Laufbahn festgestellt. Er wollte von
Hause weglaufen und dieselbe sofort antreten. Gleich am nächsten Morgen
wollte er's thun! Drum mußte er aber auch sofort an die Vorbereitungen
gehen. Es galt zunächst, all seine Reichtümer zusammen zu tragen. So
ging er denn zu einem verfaulten Baumstamm in der Nähe und begann an
einem Ende desselben mit seinem Messer den Boden aufzuwühlen. Bald
kam er auf Holz, das hohl klang. Er legte die Hand darauf und sprach
andächtig die Beschwörungsformel:
»_Erscheine_, was nicht hier,
Und was schon hier war, _bleibe_!«
Danach kratzte er die Erde vollends weg und legte eine fichtene
Schindel bloß. Diese hob er empor und nun zeigte sich eine schmucke,
kleine Schatzkammer, deren Boden und Wände ebenfalls aus Schindeln
bestanden. Eine _einzige_ Glaskugel lag darinnen. Toms Erstaunen war
grenzenlos. Verblüfft kratzte er sich am Kopfe und sagte:
»Na, das übersteigt denn doch alles!«
Drauf schleuderte er die Kugel zornig von sich und überlegte die Sache,
tief in Brüten versunken. Einer seiner festesten Glaubenssätze, die bis
jetzt ihm und seinen Kameraden für unfehlbar gegolten, war soeben ins
Wanken geraten. Wenn man eine solche Kugel vergrub, so hieß es, und die
nötigen Formalitäten dabei streng befolgte, dann nach vierzehn Tagen
an dem Platz wieder nachsah mit eben der Formel, die Tom gesprochen,
so würde man alle Kugeln, die man jemals im Leben verloren, um die
eingegrabene versammelt finden, einerlei, wie weit zerstreut sie
gewesen. So lautete der Satz. Und nun war das Ding fehlgeschlagen,
fraglos, zweifellos fehlgeschlagen. Toms ganzes Glaubensgebäude wankte
in seinen Grundfesten. Immer nur hatte er von dem Erfolg, niemals von
dem Mißglücken dieses Verfahrens gehört. Er selbst hatte es schon
einigemale probiert, und nur keinen Erfolg gehabt, weil er nie das
Versteck wieder auffinden konnte. Ratlos brütete er eine Zeitlang über
der Sache und kam schließlich zu der Einsicht, daß irgend eine Hexe die
Hand im Spiel gehabt und den Zauber gebrochen haben müsse. Davon wollte
er sich nun überzeugen. So suchte er denn herum, bis er einen kleinen
sandigen Fleck entdeckte, mit einer trichterförmigen Vertiefung in der
Mitte. Er legte sich flach auf den Boden, hielt den Mund dicht an diese
kleine Höhlung und rief:
»Faulpelzkäfer, Faulpelz du,
Sag' mir, was du weißt, im Nu!«
Da begann es im Sande zu arbeiten, und gleich danach erschien auf einen
Augenblick ein kleiner, schwarzer Käfer an der Oberfläche, der sich
aber alsbald erschreckt wieder zurückzog.
»Haha! Der wagt's nicht, was zu sagen. 's war also richtig eine Hexe!
Hab' mir's doch gedacht!«
Da er die Fruchtlosigkeit eines Versuchs, es mit Hexen und Dämonen
irgend welcher Art aufnehmen zu wollen, kannte, so gab er dies sofort
entmutigt auf. Dann fiel ihm ein, daß er doch wenigstens die Kugel
nehmen sollte, die er weggeworfen im ersten Zorn, und er begab sich
geduldig an's Suchen, konnte sie aber nicht finden. Nun ging er zur
Schatzkammer zurück, stellte sich sorgfältig wieder gerade so hin, wie
er zuvor gestanden, als er die Kugel weggeschleudert, nahm eine zweite
Kugel aus der Tasche, warf diese nach derselben Richtung und sagte:
»Bruder, such' den Bruder flink!«
Genau paßte er auf, wo sie hinflog, ging dann hin und sah nach.
Entweder war sie zu kurz oder zu weit geflogen, noch zweimal mußte
er dasselbe Experiment wiederholen. Das letztemal war es von Erfolg
begleitet. Die beiden Kugeln lagen nur einen Fuß weit von einander
entfernt.