Der fremde Junge rannte heulend davon, sich den Staub von de

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text

ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist

~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.

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Buches.

Mark Twains

ausgewählte

humoristische Schriften

Illustriert von =H. Schrödter= und =Albert Richter=

Erster Band:

Tom Sawyers Abenteuer und Streiche

[Illustration]

Stuttgart

Verlag von Robert Lutz

1908

Tom Sawyers

Abenteuer und Streiche

Von

Mark Twain

Illustriert von =H. Schrödter=

[Illustration]

Stuttgart

Verlag von Robert Lutz

1908

Alle Rechte vorbehalten.

Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart.

[Illustration: Mark Twain]

Mark Twain.

Der amerikanische Humor ist eine eigenartige Pflanze, von der viele

glauben, daß sie nicht in fremden Boden versetzt werden kann.

Dennoch giebt es unter den Humoristen des Westens _einen_ Namen, der

weltbekannt ist: _Mark Twain_. Mark Twain ist durch die im Jahre 1892

in meinem Verlag erschienene Gesamtausgabe seiner besten humoristischen

Schriften auch in Deutschland in weitesten Kreisen bekannt geworden.

Es ist nur ein Zeichen seiner zunehmenden Volkstümlichkeit bei uns,

daß zur Herausgabe der vorliegenden illustrierten Ausgabe geschritten

werden konnte.

Daß es sich bei einer deutschen Ausgabe von Mark Twains humoristischen

Werken nur um eine, mit möglichster Sorgfalt getroffene Auswahl

handeln kann, versteht sich von selbst. Was sich ausschließlich auf

lokale Verhältnisse bezieht oder vergangene Zustände behandelt,

die für den Leser auch kein genügendes historisches Interesse mehr

haben, mußte ausgeschlossen werden. Dies ist auch der Grund, warum

gerade das umfangreiche Werk, durch welches Mark Twain zuerst seinen

Ruf begründete, »~Innocents Abroad~« (»Die Harmlosen auf Reisen«),

worin der Verfasser seine erste Reise nach Europa und in's Morgenland

schildert, nur durch die Wiedergabe einiger, besonders gelungener,

heiterer Scenen und Skizzen in unserer Sammlung[1] vertreten ist.

[1] Band 6 derselben.

Der Humor des berühmten Amerikaners hat seitdem vieles von bleibenderem

Werte gezeugt. Er hat Typen geschaffen, die so ganz aus dem Leben

gegriffen sind, daß wir meinen, sie verkörpert vor uns zu sehen. Es

liegt etwas unwiderstehlich Packendes und Naturwahres in der harmlosen

Art, mit der er den Ernst des Lebens zu parodieren weiß und uns zwingt,

über die menschlichen Schwächen und Erbärmlichkeiten, die er uns

vorführt, zu lachen. Wir thun dies um so lieber, da wir Mark Twain, bei

allem Scherz, stets auf der Seite der Wahrheit und des Rechtes sehen,

wo es gilt, für echte Menschenwürde und Menschenliebe einzutreten und

jeden trügerischen und falschen Schimmer zu verachten. Dennoch werden

seine Schriften nie lehrhaft. Wenn sie auch häufig stark auftragen

und sich in Uebertreibungen gefallen, so ist doch jede Unnatur darin

vermieden, und es ist gerade das Ungesuchte in der Ausdrucksweise, was

ihnen die erquickende Frische und Ursprünglichkeit verleiht.

Mark Twains Lebenslauf spiegelt sich am besten in seinen Büchern

wieder, die zum großen Teil Selbstbiographie sind. Er hat sich, lange

bevor er Schriftsteller wurde, als praktisch brauchbares Glied der

Gesellschaft bewährt, und verschiedene Berufsarten, die er von Grund

aus kennen lernte, haben ihn in die engste Beziehung zum Volksleben

gebracht. Aber mitten in harter Arbeit, in Armut und Entbehrung

betrachtet Mark Twain schon von frühe auf die Menschen und Dinge mit

dem Auge des Dichters und Humoristen und bleibt dabei seiner Kernnatur

stets treu, selbst unter den wechselndsten Schicksalen.

Der Leser findet am Schluß des letzten (6.) Bandes eine eingehende

Lebensbeschreibung Mark Twains; an dieser einleitenden Stelle mag es

genügen, unseren Meister durch eine kleine Skizze einzuführen.

Samuel L. Clemens -- der sich als Schriftsteller Mark Twain nennt, --

wurde am 30. November 1835 in dem Städtchen Florida im gleichnamigen

Staate der Union geboren. Bald darauf zog sein Vater, ein strenger,

äußerst rechtschaffener Geschäftsmann, nach Hannibal am Mississippi,

wo der junge Clemens seine Knabenjahre verlebte. Er war kaum zwölf

Jahre alt, als der Vater starb; die Familie blieb in drückenden

Verhältnissen zurück, und der Knabe sah sich darauf angewiesen, für

sein eigenes Fortkommen zu sorgen. Trotz mangelhafter Schulbildung war

in ihm schon frühzeitig ein litterarischer Hang erwacht, den er, wie

so mancher seiner Landsleute, der später berühmt geworden ist, dadurch

zu befriedigen suchte, daß er als Lehrling in eine Druckerei eintrat.

Hierauf folgten nun mehrere Wanderjahre als Setzer und Buchdrucker, die

ihn bis nach New York und Philadelphia führten.

Siebzehn Jahre alt kehrte Clemens nach Hannibal zurück und begann nach

kurzer Frist ein Reisen auf andere Art. Das Leben auf dem Mississippi

zog ihn mächtig an, er ging zu Schiffe und erlernte den Lotsendienst

auf einem Dampfer zwischen St. Louis und New Orleans. Als jedoch durch

den zunehmenden Eisenbahnverkehr und den Ausbruch des Bürgerkrieges

die Stromfahrten in's Stocken gerieten, mußte sich der junge Mann nach

einem andern Beruf umsehen. Im 4. Bande dieser Sammlung findet sich

eine anschauliche Schilderung seiner Erlebnisse während jener Zeit.

Mehr durch die Umstände gezwungen als aus innerem Antrieb, schloß sich

Clemens nun den Rebellionstruppen an, doch nur auf wenige Wochen, denn

die unorganisierte Schar, zu welcher er gehörte, löste sich wieder auf.

Kurze Zeit nachher begleitete er seinen Bruder, der zum Vizegouverneur

von Nevada ernannt worden war, als dessen Privatsekretär nach

diesem Territorium; doch legte er dies Amt bald nieder und ging als

Goldgräber in die Bergwerke. Mark Twain hat uns die Wanderung nach

dem Felsengebirge und sein Leben unter den Bergleuten mit Meisterhand

beschrieben. Schätze fand er dort aber nicht. Er mußte endlich

einsehen, daß das Glück ihm abhold sei und war froh, eine Stelle als

Zeitungsredakteur in Virginia City zu erhalten. Seine Artikel im

»Enterprise« unterzeichnete er zum erstenmal mit »Mark Twain«, dem

Schriftstellernamen, welchen er sich gewählt hatte. Auf dem Mississippi

pflegen nämlich die Matrosen beim Handhaben des Senkbleis in ihrer

Seemannssprache »~Mark twain~« zu rufen, anstatt »~Mark two~«, und das

lag ihm noch von seiner Lotsenzeit her in der Erinnerung.

Im Jahre 1864 ging Clemens, gleichfalls als Redakteur, nach

San Francisco. Hier erschienen seine humoristischen Skizzen in

verschiedenen Blättern; bald ward sein Name an der Küste des Stillen

Ozeans allgemein bekannt, und zwei Jahre später schickte man ihn als

Zeitungskorrespondenten nach den Sandwichinseln. Von seinen Erlebnissen

im fernen Westen giebt uns das Buch »~Roughing It~«[2] eine ergötzliche

Beschreibung.

[2] Band 4 und 5 der vorliegenden Ausgabe.

Nach San Francisco zurückgekehrt, trat Mark Twain als öffentlicher

Vorleser in Kalifornien und Nevada auf, wo dergleichen damals noch

etwas Neues war. In das Jahr 1867 fällt seine erste Reise nach Europa

und dem Orient, welche die »~Innocents Abroad~« schildern. Bald nach

seiner Heimkehr trat er in die Ehe und ließ sich nun zuerst in Buffalo

und darauf in Hartford nieder, welches seitdem der dauernde Wohnsitz

der Familie geblieben ist.

Sein Stillleben unterbricht Mark Twain zuweilen durch Vorlesungen

oder Reisen. Er ist in den letzten Jahrzehnten wiederholt in Europa

gewesen und hat jedesmal mit Vorliebe deutsche Lande zu einem längeren

Aufenthalt gewählt. Während er 1892 in Berlin weilte, wo er u. a. mit

dem deutschen Kaiser eine Begegnung hatte, ließ er sich im Herbst 1897

in Wien nieder, um da ein Jahr zu verbringen. Der Leser wird im letzten

Band dieser Sammlung eine Anzahl ergötzliche Skizzen finden, in welchen

sich die Reiseeindrücke wiederspiegeln, die Mark Twain auf seinen

verschiedenen Reisen in Deutschland, der Schweiz und sonst in Europa

empfangen hat.

=Stuttgart=, Januar 1898.

=Die Verlagshandlung Robert Lutz.=

Tom Sawyers

Abenteuer und Streiche.

[Illustration]

Die meisten der im Tom Sawyer erzählten Abenteuer sind wirklich

vorgekommen. Eines oder zwei habe ich selbst erlebt, die

anderen meine Schulkameraden. Huck Finn ist nach dem Leben

gezeichnet, Tom Sawyer ebenfalls, jedoch mit dem Unterschied,

daß in ihm die Charaktereigenschaften mehrerer Knaben vereinigt

sind.

_Hartford_, 1876.

=Der Verfasser.=

Erstes Kapitel.

»Tom!«

Keine Antwort.

»Tom!«

Tiefes Schweigen.

»Wo der Junge nun wieder steckt, möcht' ich wissen. Du -- Tom!«

Die alte Dame zog ihre Brille gegen die Nasenspitze herunter und

starrte drüber weg im Zimmer herum, dann schob sie sie rasch wieder

empor und spähte drunter her nach allen Seiten aus. Nun und nimmer

würde sie dieselbe so entweiht haben, daß sie durch die geheiligten

Gläser hindurch nach solchem geringfügigen Gegenstand geschaut hätte,

wie ein kleiner Junge einer ist. War es doch ihre Staatsbrille, der

Stolz ihres Herzens, welche sie sich nur der Zierde und Würde halber

zugelegt, keineswegs zur Benutzung, -- ebenso gut hätte sie durch

ein paar Kochherdringe sehen können. Einen Moment lang schien sie

verblüfft, da sie nichts entdecken konnte, dann ertönte wiederum

ihre Stimme, nicht gerade ärgerlich, aber doch laut genug, um von der

Umgebung, dem Zimmergerät nämlich, gehört zu werden: »Wart', wenn ich

dich kriege, ich -- --«

Sie beendete den Satz nicht, denn sie war inzwischen ans Bett

herangetreten, unter welchem sie energisch mit dem Besen herumstöberte,

was ihre ganze Kraft, all ihren Atem in Anspruch nahm. Trotz der

Anstrengung förderte sie jedoch nichts zu Tage, als die alte Katze, die

ob der Störung sehr entrüstet schien.

»So was wie den Jungen giebt's nicht wieder!«

Sie trat unter die offene Hausthüre und ließ den Blick über die Tomaten

und Kartoffeln schweifen, welche den Garten vorstellten. Kein Tom zu

sehen! Jetzt erhob sich ihre Stimme zu einem Schall, der für eine

ziemlich beträchtliche Entfernung berechnet war:

»Holla -- du -- To--om!«

Ein schwaches Geräusch hinter ihr veranlaßte sie, sich umzudrehen und

zwar eben noch zu rechter Zeit, um einen kleinen, schmächtigen Jungen

mit raschem Griff am Zipfel seiner Jacke zu erwischen und eine offenbar

geplante Flucht zu verhindern.

»Na, natürlich! An die Speisekammer hätte ich denken müssen! Was hast

du drinnen wieder angestellt?«

»Nichts.«

»Nichts? Na, seh' mal einer! Betracht' mal deine Hände, he, und was

klebt denn da um deinen Mund?«

»Das weiß _ich_ doch nicht, Tante!«

»So, aber _ich_ weiß es. Marmelade ist's, du Schlingel, und gar nichts

anderes. Hab' ich dir nicht schon hundertmal gesagt, wenn du mir _die_

nicht in Ruhe ließest, wollt' ich dich ordentlich gerben? Was? Hast

du's vergessen? Reich' mir mal das Stöckchen da!«

Schon schwebte die Gerte in der Luft, die Gefahr war dringend.

»Himmel, sieh doch mal hinter dich, Tante!«

Die alte Dame fuhr herum, wie von der Tarantel gestochen, und packte

instinktiv ihre Röcke, um sie in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig

war der Junge mit einem Satz aus ihrem Bereich, kletterte wie ein

Eichkätzchen über den hohen Bretterzaun und war im nächsten Moment

verschwunden. Tante Polly sah ihm einen Augenblick verdutzt, wortlos

nach, dann brach sie in leises Lachen aus.

[Illustration]

»Hol' den Jungen der und jener! Kann ich denn nie gescheit werden? Hat

er mir nicht schon Streiche genug gespielt, daß ich mich endlich einmal

vor ihm in acht nehmen könnte! Aber, wahr ist's, alte Narren sind

die schlimmsten, die's giebt, und ein alter Pudel lernt keine neuen

Kunststückchen mehr, heißt's schon im Sprichwort. Wie soll man aber

auch wissen, was der Junge im Schild führt, wenn's jeden Tag was andres

ist! Weiß der Bengel doch genau, wie weit er bei mir gehen kann, bis

ich wild werde, und ebenso gut weiß er, daß, wenn er mich durch irgend

einen Kniff dazu bringen kann, eine Minute zu zögern, ehe ich zuhaue,

oder wenn ich gar lachen muß, es aus und vorbei ist mit den Prügeln.

Weiß Gott, ich thu' meine Pflicht nicht an dem Jungen. ›Wer sein Kind

lieb hat, der züchtiget es‹, heißt's in der Bibel. Ich aber, ich --

Sünde und Schande wird über uns kommen, über meinen Tom und mich, ich

seh's voraus, Herr, du mein Gott, ich seh's kommen! Er steckt voller

Satanspossen, aber, lieber Gott, er ist meiner toten Schwester einziger

Junge, und ich hab' nicht das Herz ihn zu hauen. Jedesmal, wenn ich ihn

durchlasse, zwickt mich mein Gewissen ganz grimmig, und hab' ich ihn

einmal tüchtig vorgenommen, dann -- ja dann will mir das alte, dumme

Herz beinahe brechen. Ja, ja, der vom Weibe geborene Mensch ist arm

und schwach, kurz nur währen seine Tage und sind voll Müh und Trübsal,

so sagt die hl. Schrift und wahrhaftig, es ist so! Heut' wird sich der

Bengel nun wohl nicht mehr blicken lassen, wird die Schule schwänzen,

denk' ich, und ich werd' ihm wohl für morgen irgend eine Strafarbeit

geben müssen. Ihn am Sonnabend,[3] wenn alle Jungen frei haben,

arbeiten zu lassen, ist fürchterlich hart, namentlich für Tom, der die

Arbeit mehr scheut, als irgend was sonst, aber ich muß meine Pflicht

thun an dem Jungen, wenigstens einigermaßen, ich _muß_, sonst bin ich

sein Verderben!«

[3] In Amerika, sowie in England, ist stets der Sonnabend ein

schulfreier Tag.

Tom, der, wie Tante Polly sehr richtig geraten, die Schule schwänzte,

ließ sich am Nachmittag nicht mehr blicken, sondern trieb sich draußen

herum und vergnügte sich königlich dabei. Gegen Abend erschien er dann

wieder, kaum zur rechten Zeit vor dem Abendessen, um Jim, dem kleinen

Niggerjungen, helfen zu können, das nötige Holz für den nächsten Tag

klein zu machen. Dabei blieb ihm aber Zeit genug, Jim sein Abenteuer zu

erzählen, während dieser neun Zehntel der Arbeit that. Toms jüngerer

Bruder, oder besser Halbbruder, Sid,[4] hatte seinen Teil am Werke,

das Zusammenlesen der Holzspäne, schon besorgt. Er war ein fleißiger,

ruhiger Junge, nicht so unbändig und abenteuerlustig wie Tom. Während

dieser sich das Abendessen schmecken ließ und dazwischen bei günstiger

Gelegenheit Zuckerstückchen stibitzte, stellte Tante Polly ein, wie sie

glaubte äußerst schlaues und scharfes Kreuzverhör mit ihm an, um ihn zu

verderbenbringenden Geständnissen zu verlocken. Wie so manche andere

arglos-schlichte Seele glaubte sie an ihr Talent für die schwarze,

geheimnisvolle Kunst der Diplomatie. Es war der stolzeste Traum ihres

kindlichen Herzens, und die allerdurchsichtigsten kleinen Kniffe, deren

sie sich bediente, schienen ihr wahre Wunder an Schlauheit und List. So

fragte sie jetzt:

[4] Abkürzung von Sidney.

»Tom, es war wohl ziemlich warm in der Schule?«

»Ja, Tante.«

»Sehr warm, nicht?«

»Ja, Tante.«

»Hast du nicht Lust gehabt schwimmen zu gehen?«

Wie ein warnender Blitz durchzuckte es Tom, -- hatte sie Verdacht? Er

suchte in ihrem Gesichte zu lesen, das verriet nichts. So sagte er:

»N--nein, Tante -- das heißt nicht viel.«

Die alte Dame streckte die Hand nach Toms Hemdkragen aus, befühlte den

und meinte:

»Jetzt ist dir's doch nicht mehr zu warm, oder?«

Und dabei bildete sie sich ein, bildete sich wirklich und wahrhaftig

ein, sie habe den trockenen Zustand besagten Hemdes entdeckt, ohne daß

eine menschliche Seele ahne, worauf sie ziele. Tom aber wußte genau,

woher der Wind wehte, so kam er der mutmaßlich nächsten Wendung zuvor.

»Ein paar von uns haben die Köpfe unter die Pumpe gehalten -- meiner

ist noch naß, sieh!«

Tante Polly empfand es sehr unangenehm, daß sie diesen belastenden

Beweis übersehen und sich so im voraus aus dem Felde hatte schlagen

lassen. Ihr kam eine neue Eingebung.

»Tom, du hast doch wohl nicht deinen Hemdkragen abnehmen müssen, den

ich dir angenäht habe, um dir auf den Kopf pumpen zu lassen, oder?

Knöpf doch mal deine Jacke auf!«

Aus Toms Antlitz war jede Spur von Sorge verschwunden. Er öffnete die

Jacke, der Kragen war fest und sicher angenäht.

»Daß dich --! Na, mach' dich fort. Ich hätte Gift drauf genommen, daß

du heut' mittag schwimmen gegangen bist. Wollen's gut sein lassen.

Dir geht's diesmal wie der verbrühten Katze, du bist besser, als du

aussiehst -- aber nur diesmal, Tom, nur diesmal!«

Halb war's ihr leid, daß alle ihre angewandte Schlauheit so ganz

umsonst gewesen, und halb freute sie sich, daß Tom doch einmal

wenigstens, gleichsam unversehens, in den Gehorsam hinein gestolpert

war.

Da sagte Sidney:

»Ja aber, Tante, hast du denn den Kragen mit schwarzem Zwirn aufgenäht?«

»Schwarz? Nein, er war weiß, so viel ich mich erinnere, Tom!«

Tom aber wartete das Ende der Unterredung nicht ab. Wie der Wind war er

an der Thüre, rief beim Abgehen Sid noch ein freundschaftliches ›wart',

das sollst du mir büßen‹ zu und war verschwunden.

An sicherem Orte untersuchte er darauf zwei eingefädelte Nähnadeln, die

er in das Futter seiner Jacke gesteckt trug, die eine mit weißem, die

andere mit schwarzem Zwirn, und brummte vor sich hin:

»Sie hätt's nie gemerkt, wenn's der dumme Kerl, der Sid, nicht verraten

hätte. Zum Kuckuck! Einmal nimmt sie weißen und einmal schwarzen Zwirn,

wer kann das behalten. Aber Sid soll seine Keile schon kriegen; der

soll mir nur kommen!«

Tom war mit nichten der Musterjunge seines Heimatortes, -- es gab aber

einen solchen, und Tom kannte und verabscheute ihn rechtschaffen.

Zwei Minuten später, oder in noch kürzerer Zeit, hatte er alle seine

Sorgen vergessen. Nicht, daß sie weniger schwer waren oder weniger

auf ihm lasteten, wie eines Mannes Sorgen auf eines Mannes Schultern,

nein durchaus nicht, aber ein neues mächtiges Interesse zog seine

Gedanken ab, gerade wie ein Mann die alte Last und Not in der Erregung

eines neuen Unternehmens vergessen kann. Dieses starke und mächtige

Interesse war eine eben errungene, neue Methode im Pfeifen, die ihm

ein befreundeter Nigger kürzlich beigebracht hatte, und die er nun

ungestört üben wollte. Die Kunst bestand darin, daß man einen hellen,

schmetternden Vogeltriller hervorzubringen sucht, indem man in kurzen

Zwischenpausen während des Pfeifens mit der Zunge den Gaumen berührt.

Wer von den Lesern jemals ein Junge gewesen ist, wird genau wissen,

was ich meine. Tom hatte sich mit Fleiß und Aufmerksamkeit das Ding

baldigst zu eigen gemacht und schritt nun die Hauptstraße hinunter,

den Mund voll tönenden Wohllauts, die Seele voll stolzer Genugthuung.

Ihm war ungefähr zu Mute, wie einem Astronomen, der einen neuen Stern

entdeckt hat, doch glaube ich kaum, daß die Freude des glücklichen

Entdeckers der seinen an Größe, Tiefe und ungetrübter Reinheit gleich

kommt.

Die Sommerabende waren lang. Noch war's nicht dunkel geworden. Toms

Pfeifen verstummte plötzlich. Ein Fremder stand vor ihm, ein Junge,

nur vielleicht einen Zoll größer als er selbst. Die Erscheinung eines

Fremden irgend welchen Alters oder Geschlechtes war ein Ereignis in

dem armen, kleinen Städtchen St. Petersburg. Und dieser Junge war

noch dazu sauber gekleidet, -- sauber gekleidet an einem Wochentage!

Das war einfach geradezu unfaßlich, überwältigend! Seine Mütze war

ein niedliches, zierliches Ding, seine dunkelblaue, dicht zugeknöpfte

Tuchjacke nett und tadellos: auch die Hosen waren ohne Flecken. Schuhe

hatte er an, Schuhe, und es war doch heute erst Freitag, noch zwei

ganze Tage bis zum Sonntag! Um den Hals trug er ein seidenes Tuch

geschlungen. Er hatte so etwas Zivilisiertes, so etwas Städtisches

an sich, das Tom in die innerste Seele schnitt. Je mehr er dieses

Wunder von Eleganz anstarrte, je mehr er die Nase rümpfte über den

›erbärmlichen Schwindel‹, wie er sich innerlich ausdrückte, desto

schäbiger und ruppiger dünkte ihm seine eigene Ausstattung. Keiner

der Jungen sprach. Wenn der eine sich bewegte, bewegte sich auch der

andere, aber immer nur seitwärts im Kreise herum. So standen sie

einander gegenüber, Angesicht zu Angesicht, Auge in Auge. Schließlich

sagte Tom:

»Ich kann dich unter kriegen!«

»Probier's einmal!«

»N -- ja, ich kann.«

»Nein, du kannst nicht.«

»Und doch!«

»Und doch nicht!«

»Ich kann's.«

»Du kannst's nicht.«

»Kann's.«

»Kannst's nicht.«

Ungemütliche Pause. Dann fängt Tom wieder an:

»Wie heißt du?«

»Geht dich nichts an.«

»Will dir schon zeigen, daß mich's angeht.«

»Nun, so zeig's doch.«

»Wenn du noch viel sagst, thu' ich's.«

»Viel -- viel -- _viel_! Da! Nun komm 'ran!«

»Ach, du hältst dich wohl für furchtbar gescheit, gelt du! Du Putzaff'!

Ich könnt' dich ja unterkriegen, mit einer Hand auf den Rücken

gebunden, -- wenn ich nur wollt'!«

»Na, warum _thust_ du's denn nicht? Du _sagst's_ doch immer nur!«

»Wart', ich thu's, wenn du dich mausig machst!«

»Ja, ja, sagen kann das jeder, aber thun -- thun ist was andres.«

»Aff' du! Gelt du meinst, du seist was Rechtes? -- Puh, was für ein

Hut!«

»Guck' wo anders hin, wenn er dir nicht gefällt. Schlag' ihn doch

runter! Der aber, der's thut, wird den Himmel für 'ne Baßgeig' ansehen!«

»Lügner, Prahlhans!«

»Selber!«

»Maulheld! Gelt, du willst dir die Hände schonen?«

»O -- geh' heim!«

»Wart', wenn du noch mehr von deinem Blödsinn verzapfst, so nehm' ich

einen Stein und schmeiß' ihn dir an deinem Kopf entzwei.«

»Ei, natürlich, -- schmeiß' nur!«

»Ja, ich thu's!«

»Na, warum denn nicht gleich? Warum wartst du denn noch? Warum _thust_

du's nicht? Ätsch, du hast Angst!«

»Ich hab' keine Angst.«

»Doch, doch!«

»Nein, ich hab' keine.«

»Du hast welche!«

Erneute Pause, verstärktes Anstarren und langsames Umkreisen. Plötzlich

stehen sie Schulter an Schulter. Tom sagt:

»Mach' dich weg von hier!«

»Mach' dich selber weg!«

»Ich nicht!«

»_Ich_ gewiß nicht!«

So stehen sie nun fest gegeneinander gepreßt, jeder als Stütze ein

Bein im Winkel vor sich gegen den Boden stemmend, und schieben,

stoßen und drängen sich gegenseitig mit aller Gewalt, einander mit

wutschnaubenden, haßerfüllten Augen anstarrend. Keiner aber vermag dem

andern einen Vorteil abzugewinnen. Nachdem sie so schweigend gerungen,

bis beide ganz heiß und glühendrot geworden, lassen sie wie auf

Verabredung langsam und vorsichtig nach und Tom sagt:

»Du bist ein Feigling und ein Aff' dazu. Ich sag's meinem großen

Bruder, der haut dich mit seinem kleinen Finger krumm und lahm, wart'

nur!«

»Was liegt mir an deinem großen Bruder! Meiner ist noch viel größer,

wenn der ihn nur anbläst, fliegt er über den Zaun, ohne daß er weiß

wie!« (Beide Brüder existierten nur in der Einbildung.)

»Das ist gelogen!«

»Was weißt denn du?«

Tom zieht nun mit seiner großen Zehe eine Linie in den Staub und sagt:

»Da spring' 'rüber und ich hau' dich, daß du deinen Vater nicht von

einem Kirchturm unterscheiden kannst!«

Der neue Junge springt sofort, ohne sich zu besinnen, hinüber und ruft:

»Jetzt komm endlich 'ran und thu's und hau', aber prahl' nicht länger!«

»Reiz' mich nicht, nimm dich in acht!«

»Na, nun mach' aber, jetzt bin ich's müde! Warum kommst du nicht!«

»Weiß Gott, jetzt thu' ich's für zwei Pfennig!«

Flink zieht der fremde Junge zwei Pfennige aus der Tasche und hält sie

Tom herausfordernd unter die Nase.

Tom schlägt sie zu Boden.

Im nächsten Moment wälzen sich die Jungen fest umschlungen im Staube,

krallen einander wie Katzen, reißen und zerren sich an den Haaren

und Kleidern, bläuen und zerkratzen sich die Gesichter und Nasen und

bedecken sich mit Schmutz und Ruhm. Nach ein paar Minuten etwa nimmt

der sich wälzende Klumpen Gestalt an, und in dem Staub des Kampfes wird

Tom sichtbar, der rittlings auf dem neuen Jungen sitzt und denselben

mit den Fäusten bearbeitet.

[Illustration]

»Schrei ›genug‹,« mahnt er.

Der Junge ringt nur stumm, sich zu befreien, er weint vor Zorn und Wut.

»Schrei ›genug‹,« mahnt Tom noch einmal und drischt lustig weiter.

Endlich stößt der Fremde ein halb ersticktes »genug« hervor, Tom läßt

ihn alsbald los und sagt: »Jetzt hast du's, das nächste Mal paß' auf,

mit wem du anbindst!«

Der fremde Junge rannte heulend davon, sich den Staub von den Kleidern

klopfend. Gelegentlich sah er sich um, ballte wütend die Faust und

drohte, was er Tom alles thun wolle, »wenn er ihn wieder erwische.« Tom

antwortete darauf nur mit Hohngelächter und machte sich, wonnetrunken

ob der vollbrachten Heldenthat, in entgegengesetzter Richtung auf.

Sobald er aber den Rücken gewandt hatte, hob der besiegte Junge

einen Stein, schleuderte ihn Tom nach und traf ihn gerade zwischen

den Schultern, dann gab er schleunigst Fersengeld und lief davon wie

ein Hase. Tom wandte sich und setzte hinter dem Verräter her, bis zu

dessen Hause, wodurch er herausfand, wo dieser wohnte. Er pflanzte

sich vor das Gitter hin und forderte den Feind auf, heraus zu kommen

und den Streit aufzunehmen, der aber weigerte sich und schnitt ihm nur

Grimassen durch das Fenster. Endlich kam die Mutter des Feindes zum

Vorschein, schalt Tom einen bösen, ungezogenen, gemeinen Buben und hieß

ihn sich fort machen. Tom trollte sich also, brummte aber, er wollte es

dem Affen schon noch zeigen.

Erst sehr spät kam er nach Hause, und als er vorsichtig zum Fenster

hineinklettern wollte, stieß er auf einen Hinterhalt in Gestalt der

Tante. Als diese dann den Zustand seiner Kleider gewahrte, gedieh ihr

Entschluß, seinen freien Sonnabend in einen Sträflingstag bei harter

Arbeit zu verwandeln, zu eiserner Festigkeit.

[Illustration]

Zweites Kapitel.

Der Sonnabend-Morgen tagte, die ganze sommerliche Welt draußen war

sonnig und klar, sprudelnd von Leben und Bewegung. In jedem Herzen

schien's zu klingen und zu singen, und wenn das Herz jung war, trat der

Klang unversehens auf die Lippen. Freude und Lust malte sich in jedem

Antlitz, jeder Schritt war beflügelt. Die Akazien blühten und erfüllten

mit ihrem köstlichen Duft rings alle Lüfte.

Tom erschien auf der Bildfläche mit einem Eimer voll Tünche und einem

langstieligen Pinsel. Er stand vor dem Zaun, besah sich das zukünftige

Feld seiner Thätigkeit, und es war ihm, als schwände mit einem Schlag

alle Freude aus der Natur. Eine tiefe Schwermut bemächtigte sich seines

ahnungsvollen Geistes. Dreißig Meter lang und neun Fuß hoch war der

unglückliche Zaun! Das Leben schien ihm öde, das Dasein eine Last.

Seufzend tauchte er den Pinsel ein und fuhr damit über die oberste

Planke, wiederholte das Manöver einmal und noch einmal. Dann verglich

er die unbedeutende, übertünchte Strecke mit der Riesenausdehnung

des noch ungetünchten Zaunes und ließ sich entmutigt auf ein paar

knorrigen Baumwurzeln nieder. Jim, der kleine Nigger, trat singend

und springend aus dem Hofthor mit einem Holzeimer in der Hand. Wasser

an der Dorfpumpe holen zu müssen, war Tom bis jetzt immer gründlich

verhaßt gewesen, in diesem Augenblick dünkte es ihm die höchste Wonne.

Er erinnerte sich, daß man dort immer Gesellschaft traf; Weiße,

Mulatten und Nigger-Jungen und -Mädchen waren da stets zu finden, die

warteten, bis die Reihe an sie kam und sich inzwischen ausruhten, mit

allerlei handelten oder tauschten, sich zankten, rauften, prügelten

und dergleichen Kurzweil trieben. Auch durfte man Jim mit seinem Eimer

Wasser nie vor Ablauf einer Stunde zurückerwarten, obgleich die Pumpe

kaum einige hundert Schritte vom Hause entfernt war und selbst dann

mußte gewöhnlich noch nach ihm geschickt werden. Ruft also Tom:

»Hör', Jim, ich will das Wasser holen, streich' du hier ein bißchen an.«

Jim schüttelte den Dickkopf und sagte:

»Nix das können, junge Herr Tom. Alte Tante sagen, Jim sollen nix thun

andres als Wasser holen, sollen ja nix anstreichen. Sie sagen, junge

Herr Tom wohl werden fragen Jim, ob er wollen anstreichen, aber er nix

sollen es thun -- ja nix sollen es thun.«

»Ach was, Jim, laß dir nichts weis machen, so redet sie immer. Her mit

dem Eimer, ich bin gleich wieder da. Sie merkt's doch gar nicht.«

»Jim sein so bange, er's nix wollen thun. Alte Tante sagen, sie ihm

reißen Kopf ab, wenn er's thun.«

»Sie! O Herr Jemine, die kann ja gar niemand ordentlich durchhauen,

-- die fährt einem ja nur mit der Hand über den Kopf, als ob sie

streicheln wollte, und ich möcht' wissen, wer sich daraus was macht.

Ja, schwatzen thut sie von durchhauen und allem, aber schwatzen thut

nicht weh, -- das heißt, so lang sie nicht weint dazu. Jim, da, ich

schenk' dir auch 'ne große Murmel, -- da und noch 'nen Gummi dazu!«

Jim schwankte.

»'nen Gummi, Jim, und was für ein Stück, sieh mal her!«

»O, du mein alles! Sein das prachtvoll Stück Gummi. Aber, junge Herr

Tom, Jim sein so ganz furchtbar bange vor alte Tante!«

Jim aber war auch nur ein schwacher Mensch, -- diese Versuchung erwies

sich als zu stark für ihn. Er stellte seinen Eimer hin und streckte

die Hand nach dem verlockenden Gummi aus. Im nächsten Moment flog er

jedoch, laut aufheulend, samt seinem Eimer die Straße hinunter, Tom

tünchte mit Todesverachtung drauf los, und Tante Polly zog sich stolz

vom Schlachtfeld zurück, Pantoffel in der Hand, Triumph im Auge.

[Illustration]

Toms Eifer hielt nicht lange an. Ihm fiel all das Schöne ein, das

er für diesen Tag geplant, und sein Kummer wuchs immer mehr. Bald

würden sie vorüber schwärmen, die glücklichen Jungen, die heute frei

waren, auf die Berge, in den Wald, zum Fluß, überall hin, wo's schön

und herrlich war. Und wie würden sie ihn höhnen und auslachen und

verspotten, daß er dableiben und arbeiten mußte, -- schon der Gedanke

allein brannte ihn wie Feuer. Er leerte seine Taschen und musterte

seine weltlichen Güter, -- alte Federn, Glas- und Steinkugeln, Marken

und sonst allerlei Kram. Da war wohl genug, um sich dafür einen

Arbeitstausch zu verschaffen, aber keineswegs genug, um sich auch

nur eine knappe halbe Stunde voller Freiheit zu erkaufen. Seufzend

wanderten die beschränkten Mittel wieder in die Tasche zurück, und Tom

mußte wohl oder übel die Idee fahren lassen, einen oder den andern der

Jungen zur Beihilfe zu bestechen. In diesem dunkeln, hoffnungslosen

Moment kam ihm eine Eingebung! Eine große, eine herrliche Eingebung!

Er nahm seinen Pinsel wieder auf und machte sich still und emsig an

die Arbeit. Da tauchte Ben Rogers in der Entfernung auf, Ben Rogers,

dessen Spott er gerade am meisten gefürchtet hatte. Ben's Gang, als

er so daher kam, war ein springender, hüpfender, kurzer Trab, Beweis

genug, daß sein Herz leicht und seine Erwartungen hoch gespannt waren.

Er biß lustig in einen Apfel und ließ dazu in kurzen Zwischenpausen ein

langes, melodisches Geheul ertönen, dem allemal ein tiefes gezogenes

ding--dong--dang, ding--dong--dang folgte. Er stellte nämlich einen

Dampfer vor. Als er sich Tom näherte, gab er Halbdampf, hielt sich

in der Mitte der Straße, wandte sich stark nach Steuerbord und glitt

drauf in stolzem Bogen dem Ufer zu, mit allem Aufwand von Pomp und

Umständlichkeit, denn er stellte nichts Geringeres vor als den ›Großen

Missouri‹ mit neun Fuß Tiefgang. Er war Schiff, Kapitän, Mannschaft,

Dampfmaschine, Glocke, alles in allem, stand also auf seiner eigenen

Schiffsbrücke, erteilte Befehle und führte sie aus.

»Halt, stoppen! Klinge--linge--ling.« Der Hauptweg war zu Ende,

und der Dampfer wandte sich langsam dem Seitenweg zu. »Wenden!

Klingelingeling!« Steif ließ er die Arme an den Seiten niederfallen.

»Wenden Steuerbord! Klingelingeling! Tschu! tsch--tschu--u--tschu!«

Nun beschrieb der rechte Arm große Kreise, denn er stellte ein

vierzig Fuß großes Rad vor. »Zurück, Backbord! Klingelingeling!

Tschu--tsch--tschu--u--sch!« Der linke Arm begann nun Kreise zu

beschreiben.

»Steuerbord stoppen! Lustig, Jungens! Anker auf -- nieder!

Klingeling! Tsch--tschuu--tschtu! Los! Maschine stoppen! He, Sie da!

Scht--sch--tscht!« (Ausströmen des Dampfes.)

Tom tünchte währenddessen und ließ den Dampfer Dampfer sein. Ben

starrte ihn einen Augenblick an und grinste dann:

»Hi--hi! Festgenagelt -- äh?«

Keine Antwort. Tom schien seinen letzten Strich mit dem Auge eines

Künstlers zu prüfen, dann fuhr er zart mit dem Pinsel noch einmal

drüber und übersah das Resultat in derselben kritischen Weise wie

zuvor. Ben marschierte nun neben ihm auf. Toms Mund wässerte nach dem

Apfel, er hielt sich aber tapfer an die Arbeit. Sagt Ben:

»Hallo, alter Junge, Strafarbeit, ja?«

»Ach, du bist's, Ben, ich hab' gar nicht aufgepaßt!«

»Hör' du, ich geh' schwimmen, willst du vielleicht mit? Aber gelt, du

arbeitst lieber, natürlich, du bleibst viel lieber da, gelt?«

Tom maß ihn erstaunt von oben bis unten.

»Was nennst du eigentlich arbeiten?«

»W--was? Ist das keine Arbeit?«

Tom tauchte seinen Pinsel wieder ein und bemerkte gleichgültig:

»Vielleicht -- vielleicht auch nicht! Ich weiß nur soviel, daß das dem

Tom Sawyer paßt.«

»Na, du willst mir doch nicht weis machen, daß du's zum Vergnügen

thust?«

Der Pinsel strich und strich.

»Zum Vergnügen? Na, seh' nicht ein, warum nicht. Kann unser einer denn

alle Tag 'nen Zaun anstreichen?«

Das warf nun ein neues Licht auf die Sache. Ben überlegte und

knupperte an seinem Apfel. Tom fuhr sachte mit seinem Pinsel hin und

her, trat dann zurück, um die Wirkung zu prüfen, besserte hie und da

noch etwas nach, prüfte wieder, alles ohne sich im geringsten um Ben

zu kümmern. Dieser verfolgte jede Bewegung, eifriger und eifriger mit

steigendem Interesse. Sagt er plötzlich:

»Du, Tom, laß mich ein bißchen streichen!«

Tom überlegte, schien nachgeben zu wollen, gab aber diese Absicht

wieder auf: »Nein, nein, das würde nicht gehen, Ben, wahrhaftig nicht.

Weißt du, Tante Polly nimmt's besonders genau mit diesem Zaun, so dicht

bei der Straße, siehst du. Ja, wenns irgendwo dahinten wär', da läg

nichts dran, -- mir nicht und ihr nicht -- so aber! Ja, sie nimmt's

ganz ungeheuer genau mit diesem Zaun, der muß ganz besonders vorsichtig

gestrichen werden, -- einer von hundert Jungen vielleicht, oder noch

weniger, kann's so machen, wie's gemacht werden muß.«

»Nein, wirklich? Na, komm, Tom, laß mich's probieren, nur ein ganz

klein bißchen. Ich ließ dich auch dran, Tom, wenn ich's zu thun hätte!«

»Ben, wahrhaftig, ich thät's ja gern, aber Tante Polly -- Jim hat's

thun wollen und Sid, aber die haben's beide nicht gedurft. Siehst du

nicht, wie ich in der Klemme stecke? Wenn du nun anstreichst, und 's

passiert was, und der Zaun ist verdorben, dann --«

»Ach, Unsinn, ich will's schon recht machen. Na, gieb her, -- wart', du

kriegst auch den Rest von meinem Apfel; 's ist freilich nur noch der

Butzen, aber etwas Fleisch sitzt doch noch drum.«

»Na, denn los! Nein, Ben, doch nicht, ich hab' Angst, du --«

»Da hast du noch 'nen ganzen Apfel dazu!«

Tom gab nun den Pinsel ab, Widerstreben im Antlitz, Freude im Herzen.

Und während der frühere Dampfer ›Großer Missouri‹ im Schweiße seines

Angesichts drauf los strich, saß der zurückgetretene Künstler auf einem

Fäßchen im Schatten dicht dabei, baumelte mit den Beinen, verschlang

seinen Apfel und brütete über dem Gedanken, wie er noch mehr Opfer

in sein Netz zöge. An Material dazu war kein Mangel. Jungen kamen in

Menge vorüber. Sie kamen um zu spotten und blieben um zu tünchen! Als

Ben müde war, hatte Tom schon Kontrakt gemacht mit Billy Fischer, der

ihm einen fast neuen, nur wenig geflickten Drachen bot. Dann trat

Johnny Miller gegen eine tote Ratte ein, die an einer Schnur zum Hin-

und Herschwingen befestigt war. So gings weiter und weiter, Stunde um

Stunde. Und als der Nachmittag zur Hälfte verstrichen, war aus Tom, dem

mit Armut geschlagenen Jungen mit leeren Taschen und leeren Händen,

ein im Reichtum förmlich schwelgender Glücklicher geworden. Er besaß

außer den Dingen, die ich oben angeführt, noch zwölf Steinkugeln, eine

freilich schon etwas stark beschädigte Mundharmonika, ein Stück blaues

Glas, um die Welt dadurch zu betrachten, ein halbes Blasrohr, einen

alten Schlüssel, um nichts damit aufzuschließen, ein Stück Kreide,

einen halb zerbrochenen Glasstöpsel von einer Wasserflasche, einen

Bleisoldaten, ein Stück Seil, sechs Zündhütchen, ein junges Kätzchen

mit nur einem Auge, einen alten messingnen Thürgriff, ein Hundehalsband

ohne Hund, eine Messerklinge, vier Orangenschalen und ein altes,

wackeliges Stück Fensterrahmen. Dazu war er lustig und guter Dinge,

brauchte sich gar nicht weiter anzustrengen die ganze Zeit über und

hatte mehr Gesellschaft beinahe, als ihm lieb war. Der Zaun wurde nicht

weniger als dreimal vollständig überpinselt, und wenn die Tünche im

Eimer nicht ausgegangen wäre, hätte er zum Schluß noch jeden einzelnen

Jungen des Dorfes bankerott gemacht.

Unserm Tom kam die Welt gar nicht mehr so traurig und öde vor. Ohne

es zu wissen, hatte er ein tief in der menschlichen Natur wurzelndes

Gesetz entdeckt, die Triebfeder zu vielen, vielen Handlungen. Um das

Begehren eines Menschen, sei er nun erwachsen oder nicht, -- das

Alter macht in dem Fall keinen Unterschied -- also, um eines Menschen

Begehren nach irgend etwas zu erwecken, braucht man ihm nur das

Erlangen dieses ›etwas‹ schwierig erscheinen zu lassen. Wäre Tom ein

gewiegter, ein großer Philosoph gewesen, wie zum Beispiel der Schreiber

dieses Buches, er hätte daraus gelernt, wie der Begriff von _Arbeit_

einfach darin besteht, daß man etwas thun _muß_, daß dagegen Vergnügen

das ist, was man freiwillig thut. Er würde verstanden haben, warum

künstliche Blumen machen oder in einer Tretmühle gehen ›Arbeit‹ heißt,

während Kegel schieben im Schweiße des Angesichts oder den Mont-Blanc

erklettern lediglich als Vergnügen gilt. Ja, ja, wer erklärt diese

Widersprüche in der menschlichen Natur! --

[Illustration]

Drittes Kapitel.

Tom erschien vor Tante Polly, die am offnen Fenster eines

Hinterzimmers saß, das Schlaf-, Wohn-, Eßzimmer, Bibliothek, alles

in sich vereinigte. Die balsamische Sommerluft, die friedliche Ruhe,

der Blumenduft, das einschläfernde Summen der Bienen, alles hatte

seine Wirkung auf sie ausgeübt, -- sie war über ihrem Strickstrumpf

eingenickt in Gesellschaft der Katze, die auf ihrem Schoße friedlich

schlummerte. Die Brille war zur Sicherheit ganz auf den alten, grauen

Kopf geschoben. Sie war fest überzeugt gewesen, daß Tom längst

durchgebrannt sei und wunderte sich nun nicht wenig, als er sich jetzt

so furchtlos ihrer Macht überlieferte.

»Darf ich jetzt gehen und spielen, Tante?« fragte er.

»Was -- schon? Ei, wie weit bist du denn?«

»Fertig, Tante.«

»Tom, schwindle nicht, du weißt, das kann ich nicht vertragen.«

»Gewiß und wahrhaftig, Tante, ich bin fertig.«

Tante Polly schien nur wenig Zutrauen zu der Angabe zu hegen, denn sie

erhob sich, um selbst nachzusehen; sie wäre froh und dankbar gewesen,

hätte sie nur zwanzig Prozent von Toms Aussage bestätigt gefunden. Als

sie aber nun den ganzen Zaun getüncht fand und nicht nur so einmal

leicht überstrichen, sondern sorgsam mit einer festen, tadellosen Lage

Tünche versehen, da kannte ihr Erstaunen, ihre freudige Ver- und

Bewunderung keine Grenzen.

»Na, so was!« stieß sie fast atemlos hervor. »Arbeiten _kannst_ du,

wenn du willst, Tom, das muß dir dein Feind lassen. Selten genug

freilich willst du einmal,« schwächte sie ihr Kompliment ab. »Aber nun

geh' und spiel', mach' dich flink fort. Daß du mir aber vor Ablauf

einer Woche wieder kommst, hörst du, sonst gerb' ich dir das Fell doch

noch durch!«

Sie war aber so gerührt von seiner Heldenthat, daß sie ihn zuerst noch

mit in die Speisekammer nahm und einen herrlichen, dicken, rotbackigen

Apfel auslas, den sie ihm einhändigte, daran den salbungsvollen

Hinweis knüpfend, wie Verdienst und ehrliche Anstrengung den Genuß

einer Gabe erhöhe, die man als Lohn der Tugend erworben, nicht durch

sündige Tücke. Und während sie die Predigt mit einer ebenso passend

als glücklich gewählten Schriftstelle schloß, hatte Tom hinterrücks

ein Stückchen Kuchen stibitzt, um sich den Lohn der Tugend wie die

Errungenschaft sündiger Tücke ganz gleich gut schmecken zu lassen.

Dann schlüpfte er hinaus und sah gerade, wie Sid die Außentreppe,

die zu dem Hinterzimmer des zweiten Stocks führte, hinauf huschte.

Erdklumpen waren zur Hand und im Moment war die Luft voll davon. Sie

flogen um Sid wie ein Hagelwetter, und ehe noch Tante Polly ihre

überraschten Lebensgeister sammelte oder zu Hilfe kommen konnte, hatten

sechs oder sieben ihr Ziel getroffen, Sid brüllte, und Tom war über

den Zaun gesetzt und verschwunden. Es gab freilich auch ein Thor, aber

für gewöhnlich konnte es Tom aus Mangel an Zeit nicht benutzen. Nun

hatte seine Seele Ruhe, jetzt hatte er abgerechnet mit Sid und ihm die

Verräterei mit dem schwarzen Zwirn heimgezahlt. Der würde ihn nicht so

bald wieder in Ungelegenheiten zu bringen wagen!

Tom schlich auf Umwegen hinter dem Stalle, um Haus und Hof herum,

bis er außer dem Bereich der Gefangennahme und Abstrafung war, dann

setzte er sich eiligst nach dem Hauptplatz des Dorfes in Trab, wo der

Verabredung gemäß zwei feindliche Heere sich eine Schlacht liefern

sollten. Tom war General der einen Armee, Joe Harper, sein Busenfreund,

General der zweiten. Die beiden ruhmgekrönten, großen Anführer ließen

sich aber nicht zum Fechten in Person herbei; bewahre, ganz nach

berühmten Mustern sahen sie nur von ferne zu, von irgend einer Erhöhung

herab, und leiteten die Bewegungen der kämpfenden Heere durch Befehle,

welche Adjutanten überbringen mußten. Nach langem, heißem Kampfe trug

Toms Schar den Sieg davon. Nun wurden die Toten gezählt, Gefangene

ausgetauscht, die Bedingungen zum nächsten Streit vereinbart und der

Tag für die daraus notwendig sich ergebende Schlacht festgesetzt, die

Armeen lösten sich auf, und Tom marschierte allein heimwärts.

Als er am Hause des Bürgermeisters vorüber kam, sah er ein fremdes,

kleines Mädchen im Garten, ein liebliches, zartes, blauäugiges Geschöpf

mit langen gelben, in zwei dicke Schwänze geflochtenen Haaren, weißem

Sommerkleid und gestickten Höschen. Der ruhmgekrönte Held fiel ohne

Schuß und Streich. Eine gewisse Anny Lorenz verschwand aus seinem

Herzen, ohne auch nur einen Schatten ihrer selbst zurück zu lassen. Tom

hatte seine Liebe zu besagter Anny für verzehrende Feuersglut gehalten,

und nun war es nur noch ein leise flackerndes, verlöschendes Flämmchen.

Monatelang hatte er um sie geworben, vor einer Woche erst hatte sie

ihm ihre Gegenliebe gestanden, sieben Tage lang war er der stolzeste,

glücklichste Junge des Städtchens gewesen und jetzt -- im Umdrehen

hatte sie sich empfohlen aus seinem Herzen, wie irgend ein fremder

Besuch, dessen Zeit um ist.

[Illustration]

Mit verstohlenen Blicken verfolgte Tom den neu auftauchenden Engel, bis

er bemerkte, daß sie ihn entdeckt hatte. Jetzt that er, als ob er sie

gar nicht sähe und begann nach echter Jungenart ›sich zu zeigen‹, in

der Absicht, ihre Bewunderung zu erringen. Eine Zeitlang trieb er es

so fort, aber mitten in irgend einer halsbrecherischen, gymnastischen

Leistung schielte er seitwärts und bemerkte, daß die Holde sich dem

Hause zuwandte. Er brach ab und sprang auf den Zaun zu, voller Bedauern

und in der Hoffnung, daß sie doch noch ein wenig länger verweilen

werde. Einen Moment blieb sie auf den Stufen stehen, näherte sich dann

aber schnell der Thüre. Tom stieß einen schweren, schallenden Seufzer

aus, als ihr Fuß die Schwelle berührte, im selben Moment aber erhellte

sich sein melancholisches Antlitz, -- sie hatte ein Stiefmütterchen

über den Zaun geworfen im Augenblick, da sie verschwand. Der Junge

rannte drauf los, blieb aber einen oder zwei Fuß von der Blume entfernt

stehen, beschattete die Augen mit der Hand und that, als habe er, weit

da unten in der Straße, etwas von großem Interesse entdeckt. Gleich

danach raffte er einen Strohhalm vom Boden auf, um ihn auf der Nase zu

balancieren, indem er den Kopf weit zurück warf, und als er sich dabei

hin und her bewegte, rückte er der Blume immer näher. Schließlich

berührte er sie mit seinem nackten Fuße, seine geschmeidigen Zehen

umschlossen dieselbe, auf einem Bein hüpfte er fort mit dem eroberten

Schatze und verschwand um die nächste Ecke. Aber nur für eine Minute,

-- nur bis er die Blume an seinem Herzen geborgen hatte oder auch

an seinem Magen vielleicht, -- Tom war nicht sehr bewandert in der

Anatomie und jedenfalls nicht allzu kritisch.

Jetzt kehrte er zu seinem früheren Standorte zurück und trieb sich am

Zaun herum, bis die Nacht hereinbrach, immer von Zeit zu Zeit seine

Kunststücke loslassend. Die blonde Schöne aber zeigte sich nicht

wieder, und Tom tröstete sich mit dem Gedanken, daß sie sicher hinter

irgend einem der Fenster gestanden habe, und seine Aufmerksamkeiten

also nicht auf dürren Boden gefallen seien. Endlich bequemte er sich

widerstrebend zum Abzug, Kopf und Sinn voll wunderbarer Visionen.

Während des ganzen Abendessens war er in solch gehobener Stimmung,

daß seine Tante nicht klug draus wurde, ›was zum Kuckuck in den

Jungen gefahren sei!‹ Den Ausputzer, den er für Sids Beschießung mit

Erdklumpen erhielt, nahm er mit Lammesgeduld entgegen und schüttelte

ihn ebenso schnell wieder ab. Er probierte, der Tante vor der Nase

weg Zucker zu stibitzen, und kriegte dafür ordentlich auf die Pfoten.

Vorwurfsvoll meinte er:

»Tante, du klopfst doch den Sid nicht, wenn er Zucker nascht.«

»Der quält mich auch nicht so wie du. Was, ei wenn ich dir nicht

aufpaßte, du stecktest den ganzen Tag in der Zuckerdose!«

Gleich danach wollte sie in der Küche etwas holen und ging hinaus.

Sid, im Gefühl seiner Unstrafbarkeit, langte nach der Zuckerdose mit

einer Überhebung, die Tom unerträglich dünkte. Aber weh! -- Sids Hand

zitterte, die Dose entglitt den haltenden Fingern, fiel zu Boden und

zerbrach. Tom triumphierte, -- triumphierte _so_, daß er sich bezwang,

seine Zunge im Zaum hielt und atemlos, erwartungsvoll schwieg. Er

gelobte sich innerlich, kein Wort zu sagen, selbst wenn die Tante

wieder herein käme, sondern sich ganz stille zu verhalten, bis sie

frage, wer das Unheil angestellt, dann würde er berichten und welche

Wonne, wenn der geliebte ›Musterjunge‹ auch einmal was Ordentliches

abkriegte. Er platzte beinahe vor Ungeduld und konnte sich kaum auf dem

Stuhl halten, als nun die alte Dame hereintrat und sprachlos, Wutblitze

unter ihrer Brille hervor schleudernd, vor den Trümmern stand. »Jetzt

kommt's, jetzt geht's los,« frohlockte er. Im nächsten Moment fühlte er

sich gepackt, zu Boden geworfen, und schon hob sich die strafende Faust

zum zweiten- und drittenmal über seinem südlichen Rückenende, ehe er,

sprachlos vor Ueberraschung und Entrüstung, Worte fand:

»Laß los, Tante, was haust du _mich_ denn? Sid hat's ja gethan!«

Tante Pollys erhobene Faust sank noch einmal mechanisch mit

klatschendem Schlag, dann hielt sie ein, erstaunt, verwirrt, während

Tom, eines Ausbruchs tröstenden, selbstanklagenden Mitleids gewärtig,

vorwurfsvoll zu ihr emporstarrte. Aber alles, was sie sagte, als sie zu

Atem kam, war:

»Na, Gott weiß, an dir ist kein Schlag verloren, das ist mein Trost.

Nimm's einstweilen als Abschlagszahlung, hörst du!«

Tom Sawyers Abenteuer und Streiche · 第 1 / 19 段