Immer und immer wieder kommen in Briefen und in der Presse Angriffe
gegen die Behörden, den Heimatschutz, den Verein zur Erhaltung des
Lohengrinhauses in Großgraupa, gegen die Richard-Wagner-Vereinigungen
und andere hier interessierte Kreise, es möchte doch diese denkwürdige,
erhaltenswerte Stätte zu einem Nationalheiligtum erklärt und in den
Besitz eines dieser Vereine gebracht werden. Der Vorwurf, daß in dieser
Angelegenheit nichts getan worden sei, ist völlig unbegründet, wie eine
Einsichtnahme in die bis auf die Zeit vor Kriegsausbruch zurückgehenden
umfangreichen Akten klar erkennen läßt. Es fragt sich nur, ob es
sich wirklich jetzt noch lohnt, riesige Summen für ein Grundstück
aufzubringen, in dem gar nichts mehr an jenen Sommer 1846 erinnert,
oder ob man sich nicht begnügen muß, die zwei Gedenktafeln zu erneuern
und zu erhalten.
Es ist von mir schon angedeutet worden, daß im und am Lohengrinhause
leider sehr große bauliche Veränderungen vorgenommen worden sind,
die zu verhindern, damals nicht in der Macht der Behörden bzw.
interessierter Kreise stand. Das Gebäude ist um 1918, als die
Haushaltungsschule hier einziehen sollte, im Innern und Äußern durch
Erneuerungen, Um- und Ausbauten stark verändert worden, wobei besonders
das schöne Treppenhaus und das Fachwerk litten. Geradezu als eine
Verschandelung ist der Balkon an der Giebelseite anzusehen, der von dem
Richard-Wagner-Zimmer jetzt ins Freie führt. Einst war die nach dem
Dorfplatz zeigende Schauseite des Gebäudes bis ans Dach mit Weinspalier
bedeckt. Als man hier neue Mauern aufführte, mußte das Spalier entfernt
werden. Es ist gegenwärtig nur zum Teil wieder erneuert worden.
Dem mit viel Fleiß und feinem Verständnis von überall her
zusammengebrachten kleinen Schätzen des Wagner-Museums hatte der
frühere Besitzer des Gutes pietätvoll die zwei leeren Zimmer
überlassen, die der Meister im Sommer 1846 bewohnt hatte. Lange Zeit
stand diese Sammlung von Wagnererinnerungen den sich aus aller Herren
Ländern hier einfindenden Freunden und Verehrern des Altmeisters
zur Besichtigung und zu Studienzwecken zur Verfügung. Der jetzige
Eigentümer hat jedoch vor Jahren dem Verein zur Erhaltung des
Lohengrinhauses in Großgraupa, wie schon erwähnt, gekündigt und die
Sammlung vor die Tür gesetzt. Die Mittel des Vereins langten nicht,
das Grundstück zu erwerben, und der Weltkrieg und die Inflation
unterbrachen die mit dem Heimatschutz darob angeknüpften Verhandlungen.
Wie die Verhältnisse heute liegen, wird der Heimatschutz wohl kaum zu
dem Entschluß kommen können, das Lohengrinhaus käuflich zu erwerben,
wie er dies beispielsweise mit dem so pietätvoll erhaltenen und
gepflegten _Weberhäuschen_ im nahen Hosterwitz getan hat. Eine von
führenden Persönlichkeiten des Heimatschutzes unternommene Besichtigung
des Lohengrinhauses ergab, »daß aus dem alten Fachwerkbau in Großgraupa
ein ziemlich nüchternes Steingebäude geworden ist, dessen Räume im
Innern gegenüber dem früheren Zustande völlig verändert worden sind, so
daß irgendwelche Poesie oder sonstige geschichtliche Erinnerungen an
die Schaffensstätte Richard Wagners vollständig verblichen sind …«
Der Gedanke, den im Besitz von Prof. Gaßmeyer befindlichen Rest des
_Wagner-Museums_ wieder in das Lohengrinhaus zurückzubringen, würde
wohl nur bei einem Kaufe des Gutes ausführbar sein. Doch ist ja dort
alles so verändert, daß man eine Veranlassung dazu wirklich nicht
recht einsehen könnte, um so weniger, als die genannte Sammlung nur
ganz wenige Erinnerungen an den Sommeraufenthalt des Meisters enthält
und alle übrigen Gegenstände ebensogut in jedem anderen Museum bzw.
Wagnerzimmer den Fremden gezeigt werden können.
Wie heute die Dinge liegen, kann man dem Gutachten nur zustimmen: »Die
wenigen Erinnerungen in das Lohengrinhaus wieder zurückzubringen, ist
zwecklos, da sie dort in Räumen, die heute ganz anders aussehen, auch
nicht anders aufbewahrt werden könnten, als in irgendeinem dem Gedenken
Richard Wagners gewidmeten Raume eines Museums« …
Bei aller Anerkennung der Verpflichtung, Wagner-Erinnerungen unseres
Sachsenlandes der Heimat zu erhalten, kann vom Heimatschutz aus nichts
weiter getan werden, als die verblichene Gedenktafel am Giebel und die
Inschrift an der Einfahrtssäule erneuern zu lassen und darüber hinaus
die Verbindung mit den Kreisen aufrecht zu erhalten, die schon bisher
das Lohengrinhaus als ein Sorgenkind betrachtet haben, damit keine
weiteren Pietätlosigkeiten die Spuren des Altmeisters in Großgraupa
völlig verwischen.
Horei! Horei!