Von _Karl-Heinrich Diener von Schönberg_

Wenn Altweibersommerfäden im Revier die Äste zusammenspinnen und

silberblaue Schleier über unseren Bergen liegen, dann klingt von allen

Höhen das Singen der Hütejungen und ihr »Horei! Horei!« liegt in der

Luft, selbstverständlich und heimathaft. – Wie bei allem, was wir

von Kind auf kennen, haben wir zu wenig Abstand zu diesem unzählige

Male gehörten Liede, um nüchtern darüber zu urteilen. Leider! Denn

gerade wo unsere Zeit so stark für Heimatbewegung eintritt, hat es

mich stets gewundert, daß gerade dieser Heimatschatz fast gänzlich

unbeachtet blieb. Nur im sächsischen Dichterbuch fand ich ein sehr

hübsches Gedicht von einem Lengefelder Lehrer, P. Rother, darüber. Und

doch ist dieses Lied vielleicht hier in unserer engeren Heimat unser

einzigstes _Volks_lied. Liegt nicht schon im Sinne dieses Wortes, daß

es nicht komponiert, nicht zurechtgelegt, nicht gedichtet wird? Es

ist auf einmal da. So wie der erzgebirgische Wald seit Jahrhunderten

da, die Felder, die Häuser, so ist dieses heimatlichste aller Lieder

auch da gewesen, ohne daß man weiß, woher und wie. Die künstlichen

»Volkslieder«, die man uns zu Heimatliedern machen will, haben

alle einen betont heimatbegeisterten Text. Dieses ureigentlichste

Erzgebirgslied hat keine Worte, die die Kinder in der Schule mühsam

auswendig lernen müssen. Es hat nur seine Melodie, oder irgendein

paar Worte, die sich die Kinder selbst zurechtlegen. Und das ist ja

das Herrliche daran! Diese paar Takte Melodie sind schon an sich

vollkommen: Heimat und Herbst und Liebe zur Scholle, sind wesenlos und

zeitlos und unsagbar wehmütig. Nur noch einmal habe ich fast dasselbe

gehört, das waren in Ungarn die Zigeunerlieder. Auch hier: ein kleines

Lied, abgerissen und unvollständig, in einem Rhythmus, dessen Stärke

in seiner Unbestimmbarkeit und Regellosigkeit liegt, – und wenn man

fragen wollte, wie es heißt oder was es bedeutet: – ein kleines Nichts,

ein paar Takte Melodie, und doch: _Alles_! Ich bin kein Wortforscher

und weiß auch nicht, was das heißt: Horei, und woher es kommt. Das ist

ja aber auch so unglaublich nebensächlich! Die Hauptsache ist: _es ist

da_! Wie froh dürfen wir sein, daß wir es noch haben. Aber wir müssen

alles tun, daß wir es niemals verlieren, und dazu müssen wir uns zu

allererst einmal seines Besitzes bewußt werden! Man zeigt uns die –

längst abgelegten – Kostüme anderer Gegenden, man singt erzgebirgische

Lieder, die im Grunde nur Lieder im erzgebirgischen Charakter sind

(ohne sie irgendwie herabsetzen zu wollen), aber man weiß nicht, daß

jeden Herbst unser ganzes Erzgebirge anfängt aufzuklingen.

Ja, wir müssen dieses Lied lieben lernen, und die Lehrer sollten den

Schulkindern, die draußen beim Hüten ihr Horei singen, sagen, daß

es nichts Nebensächliches ist, was sie da singen, nichts Sinnloses,

sondern etwas wunderbar Schönes! Und wenn wir dann wieder einmal

auf die Höhen gehen, über die der herbstliche Abendwind das »Horei«

herüberträgt, dann werden auch wir hier etwas von der Stimmung fühlen,

die Rainer Maria Rilke in die Worte faßt:

»Wenn ein Kind sacht

singt beim Kartoffeljäten,

klingt Dir sein Lied im späten

Traum noch der Nacht.

Magst Du auch sein

weit über Land gefahren,

fällt es Dir doch nach Jahren

stets wieder ein.«

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVII, Heft 3–4 · 第 45 / 68 题