Wenn Altweibersommerfäden im Revier die Äste zusammenspinnen und
silberblaue Schleier über unseren Bergen liegen, dann klingt von allen
Höhen das Singen der Hütejungen und ihr »Horei! Horei!« liegt in der
Luft, selbstverständlich und heimathaft. – Wie bei allem, was wir
von Kind auf kennen, haben wir zu wenig Abstand zu diesem unzählige
Male gehörten Liede, um nüchtern darüber zu urteilen. Leider! Denn
gerade wo unsere Zeit so stark für Heimatbewegung eintritt, hat es
mich stets gewundert, daß gerade dieser Heimatschatz fast gänzlich
unbeachtet blieb. Nur im sächsischen Dichterbuch fand ich ein sehr
hübsches Gedicht von einem Lengefelder Lehrer, P. Rother, darüber. Und
doch ist dieses Lied vielleicht hier in unserer engeren Heimat unser
einzigstes _Volks_lied. Liegt nicht schon im Sinne dieses Wortes, daß
es nicht komponiert, nicht zurechtgelegt, nicht gedichtet wird? Es
ist auf einmal da. So wie der erzgebirgische Wald seit Jahrhunderten
da, die Felder, die Häuser, so ist dieses heimatlichste aller Lieder
auch da gewesen, ohne daß man weiß, woher und wie. Die künstlichen
»Volkslieder«, die man uns zu Heimatliedern machen will, haben
alle einen betont heimatbegeisterten Text. Dieses ureigentlichste
Erzgebirgslied hat keine Worte, die die Kinder in der Schule mühsam
auswendig lernen müssen. Es hat nur seine Melodie, oder irgendein
paar Worte, die sich die Kinder selbst zurechtlegen. Und das ist ja
das Herrliche daran! Diese paar Takte Melodie sind schon an sich
vollkommen: Heimat und Herbst und Liebe zur Scholle, sind wesenlos und
zeitlos und unsagbar wehmütig. Nur noch einmal habe ich fast dasselbe
gehört, das waren in Ungarn die Zigeunerlieder. Auch hier: ein kleines
Lied, abgerissen und unvollständig, in einem Rhythmus, dessen Stärke
in seiner Unbestimmbarkeit und Regellosigkeit liegt, – und wenn man
fragen wollte, wie es heißt oder was es bedeutet: – ein kleines Nichts,
ein paar Takte Melodie, und doch: _Alles_! Ich bin kein Wortforscher
und weiß auch nicht, was das heißt: Horei, und woher es kommt. Das ist
ja aber auch so unglaublich nebensächlich! Die Hauptsache ist: _es ist
da_! Wie froh dürfen wir sein, daß wir es noch haben. Aber wir müssen
alles tun, daß wir es niemals verlieren, und dazu müssen wir uns zu
allererst einmal seines Besitzes bewußt werden! Man zeigt uns die –
längst abgelegten – Kostüme anderer Gegenden, man singt erzgebirgische
Lieder, die im Grunde nur Lieder im erzgebirgischen Charakter sind
(ohne sie irgendwie herabsetzen zu wollen), aber man weiß nicht, daß
jeden Herbst unser ganzes Erzgebirge anfängt aufzuklingen.
Ja, wir müssen dieses Lied lieben lernen, und die Lehrer sollten den
Schulkindern, die draußen beim Hüten ihr Horei singen, sagen, daß
es nichts Nebensächliches ist, was sie da singen, nichts Sinnloses,
sondern etwas wunderbar Schönes! Und wenn wir dann wieder einmal
auf die Höhen gehen, über die der herbstliche Abendwind das »Horei«
herüberträgt, dann werden auch wir hier etwas von der Stimmung fühlen,
die Rainer Maria Rilke in die Worte faßt:
»Wenn ein Kind sacht
singt beim Kartoffeljäten,
klingt Dir sein Lied im späten
Traum noch der Nacht.
Magst Du auch sein
weit über Land gefahren,
fällt es Dir doch nach Jahren
stets wieder ein.«