Mitte Mai 1846 war Richard Wagner, mit einem dreimonatigen Urlaub in
der Tasche, in Großgraupa eingezogen. Am 21. Mai schreibt er in einem
Briefe an _Karl Gaillard in Berlin_:
»… Gott sei Lob, ich bin auf dem Lande. Eine große Wohltat
hat mir mein König durch die Gewährung eines längeren Urlaubs
erzeigt …
_Ich wohne in einem gänzlich unentweihten Dorfe; ich bin der
erste Städter, der sich hier eingemietet hat._ Nun hoffe ich,
alle Erlabung meines Gemüts und meiner Gesundheit von meinem
Bauernleben. Ich laufe, liege im Walde, lese, esse, trinke und
suche das Musikmachen ganz zu vergessen …«
(Quelle: Carl Fr. Glasenapp, Das Leben Richard Wagners,
2. Band, S. 154.)
Die zahlreichen, oft recht weit ausgedehnten _Spaziergänge_, bei dem
Richard Wagner einen riesigen, breitkrempigen weißen Strohhut trug,
übten einen heilenden und ausgleichenden Einfluß auf das Gemüt des
Meisters aus. Glasenapp bemerkt hierzu in seinem oben angeführten Werke:
»Ein innigst ansprechendes Bild seines damaligen Verkehrs mit
Fels und Wald, wie er mit der 1. musikalischen Aufführung
des Lohengrin Hand in Hand ging, tritt uns aus den Briefen
entgegen: Wir sehen ihn da auf einsamen Wanderungen fern vom
Qualm der Stadt heraustreten in ein schön belaubtes Tal,
sich auf das Moos strecken, dem schlanken Wuchs der Bäume
zuzuschauen, einem lieben Waldvögelchen lauschen, bis ihm im
traulichsten Behagen eine gern ungetrocknete Träne entrinnt …
Und noch sechs Jahre später im Schweizer Exil verschmilzt
ihm das Bild dieser heimatlichen Natur und ihrer auf den
Streifzügen besuchten mannigfachen Ortschaften mit der
Erinnerung an die Entstehung seines Werkes: ›Fast bin ich doch
überall da gewesen. _In Dittersbach auf Schönhöhe habe ich
gelohengrint_ …‹«
Was Richard Wagner selbst über seine Streifzüge durch die schöne
Umgebung Großgraupas und über die Bedeutung der hier verlebten
Erholungswochen urteilt, hat er uns auch an anderer Stelle erzählt. Er
schreibt:
»Zu meiner Erholung von allen überstandenen Mühseligkeiten
hatte ich mir nun als höchste Gunstbezeugung von meiner
Direction einen dreimonatigen Urlaub ausgewirkt, um in
ländlicher Zurückgezogenheit sowohl mich zu erholen, als reinen
Atem zum Beginn einer neuen Arbeit schöpfen zu können …
Ich hatte hierzu ein Bauernhaus in dem auf halbem Wege zwischen
Pillnitz und dem Eintritt in die Sächsische Schweiz gelegenen
Dorfe _Groß-Graupe_ ausgesucht.
Häufige Ausflüge auf den _Porsberg_, nach dem nahen
_Liebethaler Grunde_, auch nach der entfernteren _Bastei_
trugen bald zur Stärkung meiner angegriffenen Nerven bei …
In dem _Flußbade bei Pirna_, wohin ich fast täglich gegen Abend
zu meiner Erfrischung mich aufmachte, überraschte es mich eines
Males, von einem mir unsichtbaren Badenden die Melodie des
_Pilgerchores aus Tannhäuser_ gepfiffen zu hören. Dieses erste
Anzeichen einer möglichen Popularisierung des zunächst nur mit
so großer Mühe in Dresden durchgesetzten Werkes machte auf mich
einen Eindruck, den keine ähnliche spätere Erfahrung je hat
überbieten können …
Im ganzen blieb ich meist nur auf den Umgang mit meiner Frau,
auf meinen weiteren Spaziergängen sogar nur auf den mit meinem
_Hündchen Peps_, angewiesen.
Während dieses Sommerurlaubs, von welchem eine bedeutende Zeit
anfänglich noch der Besorgung meiner widerlichen Geschäfte
und der Stärkung meiner Gesundheit allein gewidmet werden
mußte, gelang es mir doch, _die Musik sämtlicher drei Akte
des Lohengrin_, wenn auch nur in sehr flüchtigen Umrissen, zu
skizzieren.
Mit dieser Ausbeute kehrte ich im August nach Dresden zu meinen
bereits immer lästiger mir werdenden Kapellmeisterfunktionen
zurück.«
(Quelle: Richard Wagner, Sämtliche Schriften und Dichtungen.
Volksausgabe, 13. Band, Leipzig, Breitkopf & Härtel.
2. Teil, 1842/50, Seite 160.)
Ich erwähnte vorhin kurz die Besuche, die Richard Wagner und Frau
Minna aus der nahen Residenz erhielten. Eine besondere Bedeutung
kommt von den zahlreichen Gästen dem _Bildhauer Gustav Kietz_ zu, der
damals noch Schüler der Dresdner Akademie war. Von seiner Meisterhand
stammt u. a. das den Marktplatz der Stadt Pulsnitz zierende Denkmal
Ernst Rietschels, ferner das zwei Jahre nach dem Tode Gustav Nieritzs
geschaffene Denkmal dieses Volkserzählers. Erwähnt sei hier nur noch
ein von Robert Kietz gezeichnetes Bildchen Richard Wagners vom Jahre
1844, »Richel und Cile, die Mama erwartend bei Loschwitz« (Cile =
Richard Wagners Stiefschwester Cäcilie). Unser Meister hatte den jungen
Bildhauer sehr in sein Herz geschlossen. Gustav Kietz spricht sich nun
in einem Briefe ausführlich über seinen ersten Besuch in Großgraupa
aus, ebenso über einen dreißig Jahre später hierher unternommenen
Spaziergang. Er schreibt da:
»Der erste Besuch in Wagners Sommerfrische ist mir besonders
dadurch erinnerlich, daß ich, im Begriff zu fragen, wo
eigentlich der Herr Kapellmeister wohne, in den Flur eines
Hauses tretend, sogleich durch Töne aus dem _Tannhäuser_
elektrisiert wurde, die vom oberen Treppenflur herabschallten.
Eine Sandsteintreppe führte in diesen oberen Vorraum, in
welchem als einzigem größeren Raume ein Flügel aufgestellt
war. An ihm saß Wagners Schwägerin … und spielte darauf den
Pilgerchor …
Mehr als dreißig Jahre später betrat ich das Haus aufs neue.
Ich lief schnell die Treppe hinauf, und sofort sah ich alles
so, wie es mir in Erinnerung war. In dem Stübchen sah ich genau
den Platz, wo Tisch und Sofa standen, und mir kam der herrliche
Mittag, den ich dort verlebte, mit allen, die dabei waren,
wieder lebendig vor die Seele. Selbst das Plätzchen hinter der
Scheune mit seinen Obstbäumen und dem herrlichen Ausblicke
auf die Berge war noch unverändert, sogar der kleine Weg, der
durch die Wiesen des Talgrundes nach den Bergen führt und auf
welchem der Meister von seinem Spaziergange zurückkam, ist noch
derselbe …«
(Quelle: Glasenapp.)
Am 27. Juli 1894 ließen Gustav Kietz und die Seinen – Familien
Kietz-Geisberg – die noch heute vorhandene, aber nicht mehr zu
entziffernde _Marmortafel_ am Giebel des Schäfergutes zwischen dem
ersten und zweiten Stock anbringen. Ihre Inschrift lautet:
~In diesem Hause entwarf
RICHARD WAGNER
im Sommer 1846 die Musik zum
LOHENGRIN.
Errichtet im Jahre der ersten
»Lohengrin«-Aufführung in Bayreuth
1894.~