III. Richard Wagners Sommeraufenthalt in Großgraupa.

Es war an einem schönen Vorsommertage des Jahres 1846, als der

junge Dresdner Kapellmeister Richard Wagner in dem mit Weinspalier

geschmückten, von einem alten Nußbaum bewachten Bauerngehöfte seinen

Einzug hielt. Hier hatte er den ruhigen Landsitz gefunden, der ihn

und seine Gattin _Minna_ – sie stammte aus einer armen Familie

Öderans – für einige Monate dem Trubel und dem teuren Leben der

großen Stadt entrücken sollte, daneben auch den Intrigen, dem Klatsch

und Neid der Theater-Atmosphäre. Hier in Graupa wollte Wagner sich

von den Anstrengungen des Dresdner Dienstes erholen, aber auch am

Lohengrin arbeiten. In sehr entgegenkommender Weise hatte ihm die

Theaterintendantur, der _Generaldirektor von Lüttichau_, einen längeren

Urlaub bewilligt. Auch war dem Meister vom König großzügig eine

beträchtliche Geldsumme zur Regelung seiner zahlreichen finanziellen

Verpflichtungen zur Verfügung gestellt worden, so daß das junge Paar

ziemlich sorgenlos einige Wochen auf dem Lande verbringen konnte.

Als die Kutsche vor dem Schäferschen Bauerngut hielt, die den

angemeldeten Sommergast mit seiner jungen Frau hierher gebracht hatte,

schaute ein großer Kinderschwarm neugierig dem Einzuge des Paares zu,

das den Mädels und Buben mit Silberstücken für den Empfang dankte.

In erster Linie waren die Geschenke freilich für die zahlreichen

Schäfer-Kinder bestimmt. Ein uraltes Mütterlein hat erzählt, wie es

damals als kleines Mädel auch eine Gabe von Richard Wagner erhalten

habe, aber zurückerstatten mußte, als sichs herausstellte, daß es

nicht zur Schäferschen Familie gehöre. Die Freunde des Meisters haben

dem Mütterchen später eine große Freude bereitet, indem sie ihm einen

kostenlosen Besuch der Lohengrin-Aufführung im Dresdner Opernhause

vermittelten. –

Oben im ersten Stock des schönen Fachwerkbaues waren die beiden besten

Stuben dem jungen Paare für seinen Landaufenthalt eingerichtet worden.

Sogar ein Flügel war vorhanden. Von den Fenstern an der Giebelseite

blickte das junge Paar zwischen Weinspalier hinab auf den traulichen

Dorfplatz mit den ihn rings einschließenden Bauerngehöften.

In dem Schäfergute verlebte nun Richard Wagner mit Minna köstliche

Wochen, die sein Herz wieder froh machten, seine angegriffenen Nerven

stärkten und ihn nach einiger Zeit auch zu neuem Schaffensdrang

anregten. Wenn der Meister nicht an seinem Lohengrin schuf,

durchstreifte er allein, nur in Begleitung des treuen Hundes Peps,

oft aber auch an der Seite seiner Gattin, die wundervolle Umgebung

des Heidedörfchens. Der sich zum Borsberg hinanziehende Tiefe Grund,

das Pillnitzer Elbgebirge, die Jagdwege mit den Hohen Brücken, das

malerische Bonnewitz, vor allem aber die _Graupaer Heide_ und der

_Liebethaler Grund_ mit der _Lochmühle_ waren die Stätten, die immer

wieder aufgesucht wurden. An den Sonntagen stellten sich meist Freunde

und Bekannte aus der Residenz ein, manchmal waren es der Gäste soviel,

daß der Meister wenig Freude an den Besuchen hatte. In den ersten Tagen

des August kehrte dann das junge Paar nach Dresden zurück.

Wie lieb aber dem Meister der Töne die Graupaer Landschaft geworden

war, wie sehr sie ihm unvergeßlich blieb, können wir aus seinen

späteren Besuchen entnehmen. Wiederholt suchte Wagner die Gegend an

schönen Tagen auf, zuletzt als Greis in Begleitung seiner Familie am

10. August 1881. Da durchwanderte er mit den Seinen den Liebethaler

Grund und hielt Einkehr in der _Lochmühle_, wo er vor fünfunddreißig

Jahren am Wehre sein Lieblingsplätzchen gehabt hatte. Beim Rauschen und

Tosen der Wesenitz, beim Brausen und Schäumen des Wassersturzes hatte

sich Richard Wagner in jenem Sommer des Jahres 1846 Aufzeichnungen

gemacht, die er für seine Lohengrin-Musik verwendete – ähnlich wie man

es von _Carl Maria von Weber_ erzählt, der auf dem Hockstein und am

Amselfall komponierte. Die hier von dem Grünbach gebildete Höhle diente

dem Textdichter des Freischütz, Kind, als Motiv für die Gestaltung der

Wildschützenszene. An der Lochmühle hatte die uralte und schönste aller

Wesenitzbrücken Richard Wagner oft über sie dahinschreiten sehen, wenn

er in der Felsschlucht auf der langen Treppe nach Daube und Lohmen

hinaufgestiegen war. Noch heute hält das genannte Wirtshaus pietätvoll

die Erinnerung an seinen berühmtesten Gast fest …

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVII, Heft 3–4 · 第 42 / 68 题