Eine zeitgenössische Charakteristik Caspar David Friedrichs

(Mitgeteilt durch Professor _A. Anacker_, Dresden.)

Nummer 14 der Heimatschutz-Nachrichten hat das vergessene Grab C. D.

Friedrichs wieder in Erinnerung gebracht. Das gibt Anlaß, eine wenig

bekannte Charakteristik des bedeutenden deutschen Malers mitzuteilen.

Sie entstammt der Selbstbiographie des Naturphilosophen Gotthilf

Heinrich von Schubert, der während seines reichlich zweijährigen

Aufenthalts in Dresden enge Beziehungen zu Friedrich unterhielt. Auch

Schubert ist heute weithin vergessen; wenige werden zu seinem Denkmal

in der Geburtsstadt Hohenstein (bei Chemnitz) wallfahrten. Doch

erschien noch 1910 das Buch Franz Rud. Merkels: »Der Naturphilosoph

G. H. Schubert und die deutsche Romantik«, und 1918 gab der Göttinger

Professor Bonwetsch Schuberts Briefe heraus. – Anfang Oktober 1806

traf, von Freiberg kommend, der damals sechsundzwanzigjährige Schubert

in Dresden ein. Bald stand er in lebhaftem Verkehr mit den geistigen

Größen der Hauptstadt. Es sei nur auf das Körnersche Haus und auf

Gerh. v. Kügelgen hingewiesen. Der Briefwechsel mit der Familie

Kügelgen wurde erst durch Schuberts Tod 1860 beendet. Während des

Winters 1807/1808 hielt Schubert in Gemeinschaft mit Adam Müller und

K. A. Böttiger öffentliche wissenschaftliche Vorträge. Die seinigen

gestalteten sich zu dem Buche »Ansichten von der Nachtseite der Natur«,

das seinen literarischen Erfolg begründete und nach Bonwetsch Heinrich

v. Kleist und E. T. A. Hoffmann tief beeinflußt hat. – Wie nahe

Schubert unserem C. D. Friedrich gestanden hat, beweisen die folgenden

Ausführungen aus seiner Feder.

Ich hatte sehr bald vertraute Bekanntschaft und Freundschaft

geschlossen mit einem Manne, bei dem man von dem Toben der äußeren,

politischen Stürme am öftesten etwas hören konnte. Das war kein

Kriegsmann oder berühmter Diplomat, sondern der edle Pommer _Caspar

David Friedrich_, der zu seiner Zeit und in dem Kreise, der ihn

erkannte, hochgeachtete Landschaftsmaler. Ich muß hier von diesem

höchst originellen Menschen von allen meinen Dresdner Bekannten

zuerst reden, denn er gehört mir zu den liebsten Erinnerungen an

die inneren wie äußeren Aufregungen aus jener Zeit einer gewaltsamen

Wiedererweckung der lange schlummernden deutschen Kraft.

Friedrich wohnte draußen an der Pirnaischen Vorstadt in einem nahe

bei der Elbe gelegenen Hause, welches, wie die meisten Häuser in der

Nachbarschaft, Leuten von geringem Vermögen zugehörte. Die Einrichtung

in seinem Zimmer schickte sich ganz gut zu dieser Nachbarschaft;

man sah da nichts als einen hölzernen Stuhl und einen Tisch, auf

welchem die Gerätschaften seiner Arbeit standen. Kam einer zu ihm,

den er wollte sitzen lassen, dann wurde aus der Kammer noch ein alter

hölzerner Stuhl, und wenn zwei kamen, eine hölzerne Bank von dem

Vorplatz bei der Treppe hereingetragen. Denn in der Kammer fand sich

außer dem alten Stuhle auch nichts, als ein diesem ebenbürtiger Tisch

und ein Bett, über welches eine wollene Decke ausgebreitet lag. Wir

waren, als ich den ersten Besuch bei ihm machte, unser drei, denn

Hartmann führte mich und meinen Freund Köthe bei Friedrich ein, deshalb

wurden heute alle dem Künstler zu Gebote stehenden Möbeln in Bewegung

gesetzt.

Ich konnte vorerst nicht satt werden, mir den merkwürdigen Mann zu

betrachten. Denn ein solches Angesicht wie das seinige hatte ich

damals und habe wohl auch seitdem selten oder nie an einem anderen

Menschen gesehen. Es war keineswegs das, was man schön nennt, ziemlich

bleich und mager, aber jeder Muskel desselben, auch wenn er sich nicht

bewegte, stellte einen kräftigen Charakterzug dar, welcher durch die

sich immer gleich bleibende Stimmung des Gemütes zu einem feststehenden

Gepräge geworden war. Der schwermütige Ernst, der sich in den Zügen der

Stirne kundgab, wurde schon durch den kindlich treuherzigen Blick der

blauen Augen gemildert; über dem Munde schwebte ein leichter Zug des

Scherzes.

In der Tat ein seltsames Zweigespann der Gemütsstimmungen, zum tiefsten

Ernste wie zum heitersten Scherze, dergleichen sich nicht selten bei

den ausgezeichnetsten Melancholikern wie Komikern beisammenfindet.

Denn, daß Friedrich im höchsten Grade von melancholischem Temperamente

sei, das wußten alle, die ihn und seine Geschichte, sowie den

Grundton aller seiner künstlerischen Arbeiten kannten. Seitdem er

als Jüngling seinen Bruder, den Knaben, den er wie sein eigenes Herz

liebte, unter dem zusammenbrechenden Eise des Meeres mußte versinken

sehen, dahin er ihn zum Schlittschuhlaufen verlockt hatte, war er

lange Zeit in ein düsteres Grämen versunken, das ihm die Freude

am Leben bis zum gefahrdrohenden Überdruß verleidete. Er wollte

keinen tröstenden Zuspruch der Freunde, er floh die Gesellschaft

der Bekannten und Verwandten. Die stille Wildnis der Kreidegebirge

und der Eichenwaldungen seiner vaterländischen Insel Rügen waren im

Sommer, noch mehr aber in der stürmischen Zeit des Spätherbstes und

im angehenden Frühling, wenn auf dem Meer an der Küste das Eis brach,

sein beständiger, sein liebster Aufenthalt. In Stubbenkammer, wo damals

noch kein modernes Gasthaus stand, verweilte er am öftesten, dort

sahen ihn die Fischer manchmal mit Sorge um sein Leben, ja wie einen,

der freiwillig in der Flut sein Grab suchen wollte, auf und zwischen

den Zacken der Bergwand und ihren ins Meer hineinragenden Klippen

herumklettern. Wenn der Sturm am kräftigsten war und die Wogen, mit

Schaum bedeckt, am höchsten heranschlugen, da stand er, von dem

heranspritzenden Schaume oder auch von einem plötzlichen Ergusse des

Regens durchnäßt, hinschauend wie einer, der sich an solcher gewaltigen

Lust der Augen nicht satt sehen kann. Wenn ein Gewitter mit Blitz und

Donner über das Meer daherzog, dann eilte er ihm, wie einer, der mit

diesen Mächten den Freundschaftsbund geschlossen, entgegen, auf den

Felsensaum der Küste oder ging ihnen nach in den Eichenwald, wo der

Blitz den hohen Baum zerspaltete, und murmelte da sein halblautes »wie

groß, wie mächtig, wie herrlich«. Diese Liebschaft seines Gemütes

mit der gewaltigen, mit der wilden Natur, sprach sich auch in seinen

gelungensten Bildern aus, die erst in späteren Jahren ein milderes

Licht empfingen. Ein Felsen im anbrandenden Meere; ein Wald, dem der

Sturm das herbstliche Laub und einen Teil der Zweige entreißt; ein

abgestorbener Baumstamm, auf dem ein Rabe sitzt; ein Fischerboot,

das mit den Wellen kämpft; eine Winterlandschaft vom scheidenden

Abendlichte beleuchtet, aus deren Schnee die entlaubten Bäume und

ein Kirchhof mit seiner Kapelle hervorragt, nach welcher ein Greis

an seinem Stabe dahinschleicht, und unzählige Skizzen, sowie viele,

meist nur in Sepia ausgeführte Bilder trugen alle diesen Charakter

des tiefen Ernstes. Damals soeben war er mit einem seltsamen Bilde

beschäftigt. Es stellte keine Landschaft dar, denn vom Lande sah man

nichts als einige über den Hochnebel hervortretende Berggipfel, sondern

es war ein Bild, dergleichen nur der Luftschiffer sehen kann, wenn er

auf seinem Fahrzeuge sich über die Tiefe der Wolken, welche das Land

unter ihm bedecken, bis dahin erhebt, wo schon hin und wieder durch

den zerrissenen Nebelschleier das ungetrübte Blau des Himmels gesehen

wird und ein Strahl der Sonne hereinbricht. Kein Luftschiffer aber,

sondern ein Seeadler war es, den der Künstler als lebenden Zeugen

des Kampfspieles darstellte, das dort in der Höhe der Sturm mit dem

zerreißenden und flüchtigen Gewölke hielt. Denn an der Richtung von

diesem, wie am Gefieder des Adlers, der soeben aus dem fliehenden Nebel

sich herausarbeitete in das lichtere Blau, konnte man, wie an einem

wogenden Meere, die Gewalt ermessen, welche da oben der Wind hatte.

Es war ein Bild, dem der Künstler, wie ich nachher sagen werde, seine

Deutung gab; für ihn ein Bild der damaligen Geschichte des Vaterlandes.

(Ein ähnliches Bild von ihm, das keine Landschaft, sondern vielmehr

eine Luftschaft, mit einer bei Mondschein zwischen den Wolken

schwebenden Eule darstellte, ist oder war im Besitze eines bekannten

vermögenden Kunstfreundes.)

Wer aber in dem Maler Friedrich nur diese eine Seite seines Wesens: den

tiefen, schwermütigen Ernst, sah, der kannte ihn nur halb. Ich habe

wenig Menschen kennen gelernt, welche im geselligen Umgang mit anderen,

wenn diese nämlich ihm zusagten, eine so heitere Gemütlichkeit, eine

solche Gabe zum Scherz hatten, als er. Mit der ernstesten Miene sprach

und erzählte er Dinge, welche bei allen anderen ein unverlöschliches

Lachen erregten; überall, wohin er kam, brachte er, wenn ihm der Kreis

gefiel, Heiterkeit mit sich und fröhliches Bezeigen.

Wenn er in tiefem Ernst versunken bei seiner Arbeit saß, und es kamen

Kinder aus der Nachbarschaft zu ihm, da plauderte und scherzte er mit

diesen selber wie ein Kind. Ein kleines Mägdlein der Nachbarin bat ihn

öfters um ein Geschenk von Bildern. Er, der keinem Kinde eine Bitte

abschlagen konnte, vermochte dies hier am wenigsten, ihn freute der

Sinn und die Neigung des Kindes zur Kunst, er gab ihm, denn anderes

hatte er nicht, kleine Skizzen aus seiner Hand. Als aber das Mägdlein

gar so oft mit derselben Bitte kam, fragte er es einmal: was tust du

mit den vielen Bildern? – Ich wickle meine Sachen hinein, antwortete

die Kleine.

Doch ich wollte hier nur von dem ersten Eindrucke reden, den der

seltene Mann auf mich machte. Es war gegen Ende des Oktobers; Napoleon

mit all seinen Gewalttätigkeiten; die Schmach des Vaterlandes,

kamen bald ans Gespräch. Mit seinem gewöhnlichen Ingrimme gegen die

Franzosen sprach Friedrich zugleich den Schmerz über die Erniedrigung

Deutschlands aus. Als aber wir anderen trübe Bedenken und bängliche

Befürchtungen für die fernere Zukunft äußerten, da deutete er auf den

Adler in seinem Bilde hin. »Er wird sich schon herausarbeiten, der

deutsche Geist, aus dem Sturme und den Wolken«, sagte er, »und dort

sind Berggipfel, die feststehen und Sonne haben. Wäre der Sturm nicht

gekommen, der Adler wäre vielleicht unten im Nebel sitzen geblieben, wo

keine Beute zu sehen und zu fangen war, hätte gehungert und gelungert.

Der Deutsche muß erst warm werden, ehe er den Arm erhebt, wenn er ihn

aber einmal erhebt, da flutscht es, wie wir Pommern sagen. Es fällt mir

dabei ein Geschichtchen von diesem Warmwerden ein, das ich euch wohl

erzählen will.«

»Ein Engländer, der sich längere Zeit in Berlin aufgehalten, machte

eine Reise nach Italien und nahm sich dazu als Bedienten einen

pommerschen Bauernknecht, einen baumstarken, braven Burschen mit. In

Italien fuhren sie bald, bald gingen sie zu Fuß, denn der Engländer

wollte da alles, was ihm merkwürdig schien, recht genau sehen. Einmal

auf einer Wanderung übers Gebirge springen vier Kerle aus dem Gebüsche

heraus, mit Pistolen und gezückten Dolchen in der Hand; treten vor den

Engländer hin und begehren sein Geld samt seiner Uhr. Er gibt ihnen

alles her. »Ja, sagen die Kerle, das Geld und die Uhr sind wohl gut,

aber, mein Herr, Ihr seht, daß es uns gar sehr an neugewaschenen Hemden

und ganzen Röcken fehlt, wir müssen euch auch darum ersuchen.« Der

Engländer winkt seinem Bedienten, welcher, denn er hatte so etwas in

seinem Leben noch nicht gesehen, ganz ruhig der Sache zuschaute; der

Bursche schnallt den Tornister ab, den er auf dem Rücken trug, und gibt

ihn den Spitzbuben. Da nun diese fort sind, wendet sich der Herr zu

seinem Bedienten, und zwar nicht mit den Blicken allein, sondern mit

dem Stocke, den er gut zu schwingen weiß. »Du baumstarker, deutscher

Lümmel«, sagt er, indem er immer auf den Burschen losschlägt, »schämst

du dich nicht, daß du deinen Herrn so ruhig ausplündern lässest? Du mit

deinen Drescherarmen und Fäusten, mit deinem dicken Prügel in der Hand,

hättest es doch wahrhaftig mit vier solchen elenden Kerlen und noch

einem mehr aufnehmen können«. Der Pommer läßt sich eine Weile prügeln,

dann sagte er: jetzt halten Sie einmal ein wenig an; läuft mit seinem

Prügel ins Gebüsch hinein, den Spitzbuben nach, und es dauert gar nicht

lange, da kommt er mit dem Tornister, mit der Geldbörse, Uhr und allem,

was man seinem Herrn genommen, zurück. »Denen habe ich es, ruft er,

tüchtig nachgezahlt; einer liegt noch am Boden, die andern sind davon«.

– »Du alberner Bursche, sagt der Engländer, warum hast du das nicht

gleich so getan, da wären wir doch unsrer zwei gewesen, denn ich hätte

dir gern mit geholfen«. – »Herr, so antwortete der andere, der Deutsche

muß nur erst warm werden, dann steht er seinen Mann«. – So, meine ich,

fügte Friedrich seinem Geschichtchen hinzu, wie mein Landsmann, der

Pommer, den Spitzbuben, werden es die Deutschen, wenn sie erst warm,

das heißt brüderlich einig geworden sind, auch noch den Franzosen

machen«.

Ich kam seitdem oft zu Friedrich, in sein abgelegenes Haus in der

Vorstadt, hörte gern die Ergießungen seines deutschgesinnten Herzens

über die damalige Lage der Dinge an, und ging nie von ihm hinweg, ohne

über vieles belehrt, beruhigt und getröstet zu sein.

_Anmerkung_: Das ausgezeichnete Werk Willi Wolfradts über

»Caspar David Friedrich und die Landschaft der Romantik« (1924)

kann das Bild vom »Adler über dem Nebelmeer« leider nur als

»wohl verschollen« erwähnen.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVII, Heft 3–4 · 第 33 / 68 题