Die richtige seelische Einstellung wahrt auch dem einfachsten
Grab seine Würde und auch die einer ganzen »Gräbergemeinschaft«.
Das Grab in seinem jeweiligen Typ ist die Ordnungszelle für
eine Gräbergemeinschaft. Aus diesen Gräbergemeinschaften setzt
sich schließlich der Friedhof zusammen. Der kleine Friedhof aus
wenigen Gemeinschaften, der große aus vielen, deren Anordnung eine
künstlerische Aufgabe darstellt.
Das Grab als Ordnungszelle kann ein _Einzelgrab_ (0,80 × 2,00)
sein oder ein vielfaches davon als _Familiengrab_. Daraus ergeben
sich Gemeinschaften aus Einzelgräbern und aus Familiengräbern. Die
Anordnung dieser beiden Gemeinschaften ergibt sich aus den örtlichen
Verhältnissen. Einzelgräbergemeinschaften möchten nicht mehr als
100 bis 200 Gräber umfassen. Die gegenseitige Absonderung der
Gemeinschaften soll möglichst durch gärtnerische Mittel geschehen, um
dem Friedhof den Zusammenhang mit der Natur und ihren Gefühlswerten
zu wahren. Auf diese Weise entsteht der Friedhof organisch aus
der Grabzelle zur Gräbergemeinschaft und zur Zusammenfassung von
Gräbergemeinschaften.
~A.~ Die Gestaltung des Einzelgrabes.
Der wirtschaftliche Gesichtspunkt ist bei der Gestaltung des
Einzelgrabes nicht auszuscheiden, er darf aber für die Würde des
Grabes keine Rolle spielen. Es wäre daher zu untersuchen, wie auch das
billigste Einzelgrab eine ethische Würde wahren kann. Vorbilder hierfür
sind vorhanden.
_Es ist der Erdhügel, als Symbol des Sarges über der Erde._ Ein
Erdhügel, von Pflanzenwuchs überzogen, das schönste und einfachste
Symbol und Denkmal. Aber was hat die Gefühlslosigkeit aus diesem
schönen Symbol in den letzten Jahrzehnten gemacht, es sind mit
Steinen eingefaßte Blumenkästen daraus geworden. – Und nicht nur das,
dieser Verzerrung eines selbständigen Males als Sargsymbol wurde
noch ein zweites »Grabmal« hinzugefügt, ein stehender Stein, meist
ohne jede organische Verbindung mit dem Hügel. Diese Zwitterform ist
zu überwinden, wenn wir auf die schöne Ursymbolik des Grabhügels
wieder zurückgehen. Der pflanzlich sinngemäß umsponnene Hügel ist
als Sargsymbol ein würdiges Mal an sich. Es fragt sich nur, wie die
Inschrift für den Toten sich einfügen läßt, ohne den Symbolwert des
Hügels zu stören. Es gibt zwei Lösungen. 1. Die Lehnplatte am Fußende
des Hügels und 2. der in den Hügel »gesteckte« Schriftträger.
Diese beiden Lösungen erhalten dem Hügel den Charakter eines
selbständigen Symbols und werden einer Hügelgemeinschaft ihren
seelischen Wert bewahren. Damit fallen alle störenden Zwitterbildungen
zwischen Hügel und Denkmal von selbst.
Verlassen wir nun den Hügel als Symbol des Einzelgrabes, so wird der
Typ des »Grabbeetes« der Ausgangspunkt weiterer Betrachtung sein müssen.
Das »_Grabbeet_« hat an sich nicht den sichtbaren Symbolwert des
Grabhügels. Die Gefühle senken sich dabei in die Tiefe, in der der
Tote ruht, und das Grabbeet wird zur liebevoll gepflegten Decke des
Grabes. Der Schriftträger wird hierbei eine andere Rolle spielen als
beim Grabhügel; war hier der Hügel das Symbol, so wird beim Grabbeet
der Schriftträger auch zum Symbolträger. Er bildet den »Abschluß« zu
Häupten des Grabbeetes. Auch hier bestehen zwei Möglichkeiten: 1. der
schrägliegende Schrift- und Symbolträger und 2. der senkrechtstehende.
Je mehr beide Lösungen den »Abschlußgedanken« des Grabbeetes zum
Ausdruck bringen, um so besser werden sie sein. In jenen Fällen,
wo das Grabmal an sich das Grabbeet nicht genügend abschließt,
ist dieser Abschluß durch gärtnerische Mittel anzustreben. Die
gärtnerische Behandlung des Grabbeetes selbst darf den Abschluß durch
den Schriftträger nicht stören, d. h. sie soll flach sein, im Sinne
der Grabdecke. Die schmalen Zwischenräume zwischen den Grabhügeln
oder Grabbeeten sollen die Trennung der Gräber nicht zu sehr betonen,
d. h. im Material und seiner Farbe nicht auffallen. Das in die Erde
»gesteckte« Holz-, Stein- oder Eisenmal kann auch beim Grabbeet, ohne
den Abschluß zu betonen, in jenen Fällen besonders sinnvoll sein, wo
die einzelnen Grabbeete zu einem »Gemeinschaftsbeet« ohne Zwischenwege
zusammengezogen sind. In solchen Beeten kommt der Gedanke menschlicher
Gemeinschaften auch im Tode am schönsten zum Ausdruck. (Kriegergräber,
Klosterfriedhöfe.) Das Grabbeet als »Grabdecke« kann auch steinernen
Ausdruck finden, als deckende Grabplatte.
Diese grundsätzlichen Betrachtungen über das Nebeneinander von
Grabhügel- und Grabbeetgemeinschaften bedürfen noch einer Ergänzung
durch jene harmonischen Voraussetzungen, die durch _Farbe_ und _Form_
bedingt sind.
1. _Die Farbe._ Bei Grabgemeinschaften spielt die Farbe des
Pflanzenwuchses eine Hauptrolle. Dazu kann grundsätzlich gesagt werden:
ist die _Form der Bepflanzung in Ordnung_, wird ihre Farbe nie stören,
da die Natur selbst dafür gesorgt hat, daß ihre Farben stets harmonisch
sind, harmonisch in Licht und Schatten, im Frühling, Sommer, Herbst und
Winter. Das gilt für Grabhügel- und Grabbeetgemeinschaften. Schwieriger
wird die Frage bei dem Schriftträger, dem Denkmal, gleichgültig,
welches Material in Frage kommt. Aber trotzdem, auch dieses Problem
läßt sich durch einfache Grundsätze überwinden. Grellweiß und
grellschwarz sind gegensätzliche Pole. Die Harmonie liegt in den grauen
oder farbigen Zwischenstufen dieser Pole, die eine große Farbskala in
den verschiedensten Materialien umfassen und immer ein harmonisches
Nebeneinander ermöglichen. So spielt die Farbe eine wichtige Rolle
innerhalb der Gräbergemeinschaften. Sie kann stille und ernste Gefühle
heraufbeschwören, frohe und erlösende, sie kann aber auch alle
Harmonien stören.
2. _Die Form._ Die Form von Grabhügel und Grabbeet in Verbindung mit
dem Schrift- und Symbolträger ist eingangs bereits grundsätzlich
erörtert worden. Schwierigkeiten für ein harmonisches Nebeneinander
der Denkmalsformen entstehen hauptsächlich beim senkrechten Abschluß
des Grabbeetes, denn hier gibt die Massenwirkung des Grabsteins den
Ausschlag. Im Grunde handelt es sich dabei um zwei elementare Formen:
um die »Platte« und um den »Kubus«. Je mehr diese beiden Dinge ihrem
Wesen nach auseinandergehalten werden, um so besser wird die Lösung
sein. Beide unterliegen jedoch im Rhythmus einer Gräbergemeinschaft
gewissen _Höhenmaßen_, die je nach den besonderen Verhältnissen
festzusetzen sind. Dabei sind stets »Kernmaße« festzulegen. Was
darüber hinausragt, ergibt als freie Endigung das rhythmische Spiel
der Formen gegenüber der Uniformierung. »Breitenmaße« vorzuschreiben,
kann eine unzulässige Einengung des künstlerischen Gefühls bedeuten,
eines Gefühls, das verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten findet, ohne die
Harmonie des Nebeneinander der Massen zu stören.
Aber eines ist sehr wichtig, ja entscheidend. _Diese Massen müssen in
ihrer Form klar sein._ Innerhalb der Klarheit der Formen sind dann
viele Varianten möglich. Eine klare Form kann einfach schön sein,
sie kann aber auch durch sinngemäße Detaillierung zu reicher Wirkung
gesteigert werden. Ein weiteres Gesetz ergibt sich aus dem Grundsatz
der Formklarheit: _je kleiner das Grabmal ist, um so einfacher muß
seine Form sein_. (Kindergräber.) Die Unterscheidung zwischen Platte
und Kubus ist wichtig, weil die Mehrzahl der Grabsteinsünden aus dieser
Nichtachtung entstehen. Man beachte auf den Friedhöfen nur die Menge
von »Kulissensteinen«. Kulissensteine sind jene Denkmäler, die auf der
Vorderseite in Architektur machen, die aber, kaum begonnen, wieder
aufhört. So, wie wenn man eine verkleinerte Haus- oder Tempelfassade
mit Profilen und Pilastern und Säulen für sich ins Freie stellte oder
an eine dünne Wand und hinten fehlt die kubische Masse.
Demgegenüber muß wieder ehrlich und wahrhaftig zwischen Platte und
Kubus gewählt werden. (Kubische Denkmäler werden ja für Einzelgräber
selten in Frage kommen und dann nur mit kleiner Grundfläche. Es gibt
aber auch _Verbindungen_ von Kubus und Platte, die sehr schön sein
können, wenn die Zusammenstellung klar und sinnvoll ist.
Der Dresdner Ausstellungsfriedhof 1926 hat auch eine beachtenswerte
Anregung für einfache Reihengräbergemeinschaften gebracht. Einen
durchlaufenden niederen Erdwall zur Anlehnung der Schriftplatten. Die
Idee ist wert, weiter verfolgt und zu einer guten Lösung geführt zu
werden.
Zum Schluß sei noch darauf hingewiesen, daß auch der Gärtner in
seinen Gewächsen die Einheit der Form zu wahren hat. Ein wahlloses
Durcheinander von Sträuchern und Bäumen stört auch hier die
Formharmonie. Zusammenfassend muß zu dem Kapitel »Gestaltung« gesagt
sein: Farbe und Form sind sowohl für das Einzelgrab wie für die daraus
entstehende Grabgemeinschaft die entscheidenden Faktoren für eine
Harmonie oder eine Disharmonie des Friedhofsbildes.
~B.~ Die Gestaltung des Familiengrabes.
Kommt bei dem schmalen Einzelgrab das Nebeneinander innerhalb der
Grabgemeinschaft als besonders schwieriges Problem in Frage, so läßt
sich dieses Problem innerhalb der Familiengemeinschaft etwas leichter
lösen. Die an sich breiteren Familiengräber können und sollen durch
Bepflanzung voneinander geschieden werden. Auch beim Familiengrab
ist zwischen _Grabhügel_ oder _Grabbeet_ zu wählen. Familiengräber
sollen stets so angeordnet werden, daß sie sich an eine Pflanzenwand
oder an eine Mauer anlehnen können. Der Zusammenhang von Grabmal und
Pflanzenschmuck ist hierbei eine künstlerische Aufgabe, die von Fall
zu Fall zu lösen ist. Das Familiengrab bildet schon für sich eine
kleine stille Gemeinschaft. Es kann dabei ein gemeinsames Grabmal in
Frage kommen oder kleine Einzelmäler, sinnvoll harmonisch angeordnet
oder eine schöne Verbindung von beiden Möglichkeiten. Es braucht wohl
nicht besonders erwähnt zu werden, daß auch beim Familiengrab jede
Reklamehaftigkeit von Kulturlosigkeit zeugt. Von Kultur zeugt nur
künstlerische Schönheit und Gefühlstiefe, die sich rücksichtsvoll
äußern wird, ohne den Künstler in seinen höchsten Aufgaben zu
beschränken.