I. Gefühlswert.

Das Grab, es ist umstrahlt von Schmerz und Liebe und von Ehrfurcht

vor dem Tode. Liebe und Schmerz. Geschwistergefühle, aus den Tiefen

der Seelen geboren, sie sind Kinder des Schweigens. Wer hat es nicht

erfahren, daß alle Worte fehlen, wo höchste Liebe und tiefster Schmerz

in unser Leben traten.

Dann ein Stammeln, und dann Worte, und damit der Übergang von der

seelischen Tiefe zur Welt der Sinne und zum Dasein auf dieser Welt

mit all seinen menschlichen Verbundenheiten. So ist der Friedhof eine

Stätte des Schweigens, so lange die Seele spricht. Wenn er zu reden

anhebt, wird er nur zu leicht zu einer Stätte menschlicher Schwächen.

Die Ehrfurcht vor dem Tode beginnt zu schwinden. Die Jahrhunderte

dokumentieren in ihren Totenhöfen nur zu oft ihr Menschliches,

Allzumenschliches.

So wurde auch der Friedhof unserer Zeit nicht mehr zu einer Stätte des

Schweigens, sondern des Redens in steinernen Phrasen.

Eine Harmonie wird erst wieder kommen, wenn die Menschen die Ehrfurcht

auch vor dem toten Nächsten wieder fühlen und im Nebeneinander der

Gräber und ihrer Male wieder harmonische Ruhe fordern. Die Würde liegt

nicht im finanziellen Vermögen, sie liegt in der Gesinnung. Diese

Gesinnung zu fördern ist Aufgabe aller Instanzen, und der Friedhof wird

dann ganz von selbst wieder eine Stätte des Friedens sein, den unsere

Zeit im Leben nicht findet und doch so sehr ersehnt.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVII, Heft 3–4 · 第 27 / 68 题