Ein durch die Jahre, wie Janfru Emerenzia von dem Fröken Ulrike es

bemerkte, tiefgekrümmter und durch die Grabesnähe schmächtig gewordener

Greis erschien an der Schwelle, mit einem Haupt voll schneeweißer

Locken, die zu beiden Seiten des ganz schmalen Gesichtchens auf die

Schultern herabfielen; sein Auge war noch hell und scharf, und der

Schnitt der Züge, wenn man sie nur erst recht angesehen, und über

alle Narben und Zeichen, welche Wetter-Unbill, Alter und Gram ihnen

aufgeprägt, hinaus war, immer noch auffallend edel und schön. Wie eine

Glocke tief und fromm klang seine milde Stimme; es war, als läge schon

im Ton derselben eine Beschwichtigung für den Leidenden, ihm seine

Noth Klagenden. Ueber dem geistlichen Gewande trug er einen schwarzen

Mantel, der um den Leib mit einem Strick von Ziegenhaar gegürtet war,

daß der Orcan ihn nicht an demselben zu erfassen und vom Felsrand

hinab in die Tiefe zu schleudern vermöge; auf dem Kopf hatte er eine

Pelzkappe, die er beim Eintritt nebst seinem Alpenstock der alten Magd

übergab.

Freundlich und würdig begrüßte er den Fremden, als er ihn genauer

in's Auge faßte, überflog ein leichtes Zittern die ganze Erscheinung;

er fuhr mit der bebenden Hand über die Stirn -- als müßte er einen

Gedanken verscheuchen, doch setzte er sich schnell gefaßt zu uns

und entschuldigte, ihn herzlich bewillkommnend, bei seinem Gast

sein spätes Erscheinen. Graf Thugge erzählte dagegen ihm nun von

seinem botanischen Reisezweck und seiner Absicht, die Geiser und das

Hochgebirg aufzusuchen, und der Alte gab mit umsichtiger Ortskenntniß

ihm Bescheid. Wir anderen ihn Geleitenden hatten uns in einen

entfernten Winkel des Gemachs zurückgezogen, die Unterredung der beiden

Männer nicht zu stören; von dem, was sie betreffen werde, hatten wir

keine Ahnung; der Graf aber schien unsrer Gegenwart ganz zu vergessen.

Nachdem er dem Pfarrer für die ihm gegebene Auskunft gedankt, sagte

er ihm, daß er noch einen Auftrag, einen Gruß ihm zu überbringen

versprochen, und nannte des Frökens Namen. Als der Schall dieses Wortes

sein Ohr traf, schrak der Pfarrer zusammen, als habe ein elektrischer

Schlag ihn berührt -- dann aber vergeistigte sich die ganze zitternde

Greisesgestalt, einen Augenblick ward sie strahlend schön, durch

einen fast überirdischen Ausdruck; Johannes stand mit himmelaufwärts

gerichtetem Antlitz wie ein Prophet vor uns, der zu seinem Gotte

spricht, aller Erdengram war von ihm abgefallen; es war der heiße Dank

der Seele, der im preisenden Gebet zum Ewigen sich erhob für den ihm

endlich gewordenen, ein Leben lang ersehnten Augenblick.

Graf Thugge vollendete seinen Bericht; ach, es blieb unmöglich, dem

Alten die Trauerkunde von Ulrikens Geisteszustande zu bergen! Demüthig

mit vor den zitternden Lippen gefaltenen Händen nahm er schweigend

sie hin; es lag etwas Unantastbares in der höchsten Freude, die ihm

geworden, nichts vermochte sie ganz zu zerstören; in frommer Ergebung

hörte er dem Grafen zu. -- »Sie sind Thugge! mein einstiger Schüler,«

sagte er endlich, »der hoffnungsvolle und doch so traurige Knabe, den

ich nur kurze Zeit unterrichtete und dann verlor! -- wie dachten wir

Beide so oft auch Ihrer! Auch diese Freude, Sie wiederzusehen, hat

mir der Herr geschenkt, o was sind alle Leiden, die uns Menschenhand

auferlegt, gegen seine allerbarmende Gnade! --«

Er stand auf und näherte sich den mit Papier verklebten Fenstern, um

in hellerem Licht den Grafen besser zu sehen; es war als tränke er

Ausdruck und Form seiner Züge, als zöge er sie mit aller Seelenkraft

in sein Gemüth, um nur ja nie sie zu vergessen! -- Endlich richtete

er gefaßter den klaren Blick auf ihn: »Sagen Sie ihr,« sprach er

mit fester, sonorer Stimme, »daß auch ich keine Andre geliebt -- ja

nicht einmal ein andres Weib bemerkt auf der ganzen Welt! Daß auch

ich täglich immer und immer ihrer gedacht: daß Schmerz und Seligkeit

meiner Liebe zu ihr niemals geendet! meine Pfarre hat mich gerettet!«

-- Unfähig weiter zu reden, drückte er dem Grafen die Hand, wandte sich

ab und trat in eine kleine Kammer, in welcher er schlief; die Thüre

zog er leise hinter sich zu. --

Uns aber winkte der Graf und wir gingen ernst, wortlos, wie aus der

Kirche, hinaus, schwangen uns auf unsere vor der Thüre angebundenen

Pferde und ritten schweigend dem Hecla zu. Draußen schien es

Frühling geworden, eine warme belebende Sonne vergoldete den fernen

Gebirgsschnee, und ließ die Gletscherspalten im reinsten Saphirblau

erscheinen, die Schneeammer sang, und die Kinder liefen uns mit

Alpenblüthen entgegen, die sie während unseres Aufenthaltes in der

Pfarre gesucht.

Der Graf kehrte nicht nach Rangavallesyssel zurück; allein er

weilte noch mehrere Tage in der Sundlendinga Fiordung, und sprach

den Stiftsamtmann zu Reikiawik, bei welchem er eine große Geldsumme

niederlegte für die Gemeine von Skalholt, um jedem Wunsch des würdigen

Pfarrers für dieselbe, welcher bisher durch Unzulänglichkeit der Mittel

unerfüllt geblieben, zu willfahren.

Johannes errichtete im nächsten Jahr sein kleines Hospital und verband

mit demselben, wie er Jahre lang gewünscht, eine Apotheke. -- Wenn Ihr

einmal nach Island kommt, lieb Fröken, will ich Euch das Granit- und

Krystall-Denkmal zeigen, das die Gemeine dem guten dänischen Grafen

erbauet; -- die Leute wissen seinen Namen nicht, auch der Stiftsamtmann

weiß ihn nicht, allein wenn der Johannistag kommt und die Schneeammer

singt, eilen alle Einwohner von Skalholt, dasselbe zu bekränzen, und

finden es oft schon von tausend blühenden Rankenrosen dicht umwoben.«

Am späten Abende versuchte Alslev noch einmal in einer langen

Unterredung seiner jungen Freundin tief erregtes Gemüth zu

beschwichtigen. Er fand sie sehr schmerzlich bewegt: -- das Bild eines

zu lebenslanger Einsamkeit verdammten Herzens stand unaufhörlich ihrem

inneren Blicke gegenüber; ein unsägliches Grauen vor dem Scheiden aus

Thoralds unmittelbarer Nähe, und vor der durch eigenes Leid nie zu

erweichenden Hartnäckigkeit des Stammes, dem sie angehörte, hatte sich

ihrer bemächtigt; ach, nur zu deutlich empfand sie im eigenen Busen

dessen unbeugsamen Eigensinn!

Alslev bewies ihr, daß jeder Versuch vergeblich sein würde, die von

ihrer Großtante testamentarisch dem jüngsten Fräulein des älteren

Familienzweiges hinterlassene Dot, anders, als im Augenblick ihrer

öffentlichen Verlobung in Anspruch zu nehmen, und daß diese +nie+

zuzugeben Graf Christian jetzt fest entschlossen. Auf dem Rechtswege

einer gerichtlichen Klage aber könne nur dann etwas erreicht werden,

wenn Thorald eine Frau zu ernähren im Stande, der Unannehmlichkeit des

öffentlichen Verfahrens und des Verstoßes gegen altes Herkommen und

gewohnte Sitte gar nicht zu gedenken! -- Er vertröstete sie auf den

Zeitpunkt, in welchem Thorald durch die zu hoffende Professor-Stelle

an der neu errichteten Akademie, um ihre Hand beim Bruder anzuhalten

befähigt sein werde, weil irgend ein unberechenbarer äußerer Umstand

sich ihr günstig gestalten, oder auf Christians störrischen Sinn

Einfluß gewinnen könne! Kjöbenhavn, meinte er, sei groß genug, ihr,

welche kaum ein paar Wochen alljährlich in seinen höheren Kreisen

zugebracht, den Unterschied zwischen diesen und der erwählten

bürgerlichen Lebensstellung nicht allzu schmerzlich fühlbar zu machen,

wenn es ihr nur glücke, die Zustimmung des nach Landesweise Vaterstelle

an ihr Vertretenden zu gewinnen.

»Und,« fragte erbebend das Mädchen, »wie lange Zeit, theurer Alslev,

kann es erfordern, bis Thorald jenen Punkt erreicht?«

»Wenn ihm jetzt gelingt, die Portraits der Königin Juliane Maria und

des Prinzen Friedrich zu deren Zufriedenheit zu vollenden und diesem

Auftrag noch einige andre bedeutende Bestellungen folgen, so zweifle

ich kaum, daß er die offne Professur nicht bald erhalte, doch können

allerdings noch zwei, drei Jahre vergehen, ehe er ein kleines Vermögen

erworben.«

»Zwei, -- drei Jahre! Alslev!«

»Helene! Sie sagen mir ja, Ihre Liebe sei ewig, werde das Leben

überdauern!«

»Aber wir werden nicht immer jung bleiben, Alslev, und die Zeit ist

eine so furchtbare Macht, sie kann eben so gut Tod und Verzweiflung

uns bringen,« -- wieder flog ihrem Geiste das Geschick der wahnsinnig

gewordenen Tante vorüber! Alslev schüttelte das ernste Haupt; ihm

erschien Alles gering neben der Kraft des eignen unbeugsamen Willens.

»Wer etwas erreichen will, muß warten können,« sagte er stolz.

Bitterlich weinte Helene. Ach, noch vor wenig Stunden hatte ihr das

Loos der Liebenden so sanfte, süße Thränen entlockt! damals hatte nur

die Poesie eines alle Qual und Lust, Jugend, Alter, jeden Wechsel des

Lebens überdauernden Gefühls sie erfaßt; jetzt sah sie nicht mehr die

im Geist einander begegnenden bejahrten Liebenden, denen die eigne

Treue zum Bürgen einer die schwere Erdenlast durchwachsenden Hoffnung

geworden, sie sah nur die furchtbare, nackte Realität des Leids! Das

einsame Todtenbett der gewaltsam Getrennten, zwischen denen sich das

weite Meer des ganzen wogenden Daseins ausgedehnt, und welche nicht

einmal die letzte Stunde desselben wiedervereinte! --

Thoralds schriftliche Versicherung, daß er ihr nach Kiögge folgen

und ganz gewiß von dort Mittel finden werde, sie im Stift zu sehen,

vermochte nicht die tiefe, fast krankhafte Niedergeschlagenheit ihres

Gemüthes zu heben. -- Trostlos warf sie sich in den Wagen, trostlos

empfing sie im Vorüberrollen ihres harrenden Freundes Abschiedsgruß. --

Trostlos erreichte sie bei einbrechendem Abend das Ziel ihrer Reise.

Eine Meile abwärts von der ehemaligen kleinen Festung Kiögge, welche

längst im Lauf der Zeiten ihre mittelalterlichen Ringmauern, ihre

Gräben und Wälle eingebüßt, liegt in lieblichster Umgebung, von den

herrlichsten Buchenhainen umgürtet, das große adlige Schloß und

Damenstift Wallöe. Weiter zurück, nach der Seeseite zu, zieht sich das

Dörfchen hin mit seiner schönen Kirche; ungemein fruchtbar und anmuthig

ist die Gegend.

Das Schloß selbst, im Geschmack der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts

erbauet, scheint eine Art deutsch-gothische Uebertragung zum Zopfstyl,

vielleicht ist es ein wenig zu überladen im architektonischen Schmuck;

die zwei breiten Wassergräben mit Zugbrücken, die beiden hohen

Thürme an seinen Flanken, der eine rund, der andre viereckig, deren

Kupferdächer in der Sonne glitzern und glänzen, geben der schönen

Façade ein ehrenfestes, burgartiges Ansehen. Die sehr solide Unterlage

des Baues besteht aus großen grauen Sandsteinquadern; der obere

Theil prangte in den Tagen, von welchen wir erzählen, noch in seiner

ursprünglichen rothen Backsteinfarbe; unter jeder Fensterflucht ziehen

sich breite, ebenfalls graue, Sandsteingurten hin, vom selben Material

ist die reiche Steinmetzenarbeit der Fenstergiebel; zwischen diesen

und wo es irgend sonst noch ausführbar, sind graue rosettenartige

Verzierungen angebracht; höchst charakteristische Hautreliefsköpfe,

die sonderbar dämonisch auf den Eintretenden herabschauen! Ueber dem

Haupteingange prangt das ebenfalls in Stein gehauene riesige Wappen der

Gründerin des Stiftes; es steht unter unmittelbarem Schutze der Königin.

Das Ganze macht, trotz des zwischen dem Ehrwürdigen und Barocken

schwankenden Styls, einen ernsten Eindruck, durch Größe und

Uebereinstimmung edler Proportionen.

Als der Wagen über die Brücke fuhr, schreckte Helene auf aus ihren

Träumen; aber der Ausdruck stiller Abgeschlossenheit der Umgebung,

die etwas feierliche Ehrbarkeit des alten Stiftsbedienten, der sie

am Thor empfing, wie die in ihren Zimmern herrschende peinliche

Ordnung berührte sie schmerzlich. Alles erinnerte sie an Begräbniß und

Gefängniß, und die draußen in buntem Herbstschmuck wogende Waldnatur,

mit all ihrem Drossel- und Finkenschlag, mit dem unsäglich lieblichen,

allmäligen Stillwerden der eintretenden Dämmerung, reizten sie durch

den Widerspruch mit ihrem Innern zu immer verzweifelnderer Stimmung.

Sie bewohnte das letzte Zimmer zur linken Hand eines ziemlich

langen Ganges; um es zu erreichen, mußte sie an den jetzt noch leer

stehenden Stuben ihrer Schwestern vorüber, das Vorzimmer, das ihnen

gemeinschaftlich war, schloß eine Glasthüre; ließ Helene die ihres

eigenen Gemachs offen, so blickte sie durch dieselbe auf den matt

erhellten Corridor.

Nach einer etwas späteren Präsentation bei der alten sehr kränklichen

Abatissin, entschuldigte sich Helene mit Kopfschmerz, entzog sich dem

gemeinschaftlichen Abendmahl und eilte zurück in ihre Wohnung. Die

neugierigen Fragen nach allen gesellschaftlichen Verhältnissen und den

Hochzeitsfeierlichkeiten reizten ihre Nerven bis zum Unerträglichen.

Als sie den langen Gang durchschritt, gewahrte sie durch die Glasthüre

im matten, nicht eigentlich klaren Mondenlicht in ihrem Vorzimmer eine

Art Bewegung, -- wie ein wehender Vorhang wogte etwas durchsichtig

Weißes in demselben. Des Mädchens Charakter neigte weder zur Furcht

noch eigentlicher Exaltation, -- die momentane Ueberspannung all ihrer

Kräfte war ihr selbst fühlbar; so blieb sie besonnen auf dem Gange

stehen, ungefähr in der Mitte desselben, und schloß beide Augen mit der

vorgelegten Hand. -- Erst als sie ihr Herz ruhiger schlagen fühlte,

öffnete sie dieselben, es war Alles still. -- Wunderliche Einbildung!

sagte sich Helene und setzte ihren Weg fort, -- in demselben Augenblick

erhob sich's wieder, die Bewegung mehrte sich, allein das nebelartige

Wesen hatte zur Gestalt sich verdichtet, welche mit langem weißen Arm

rückwärts zu deuten, ja zu drohen schien! Jetzt stürzte Helene in

fliegendem Lauf auf dieselbe zu, »es hat sich Jemand eingeschlichen,«

war ihr einziger Gedanke, Thoralds Briefe auf dem Schreibtisch

ihre einzige Sorge. -- -- Die Figur wurde compact, -- sie stand

mit gläsernem, wasserblauen Blick und todtenbleichem Antlitz dicht

hinter der Glasscheibe, -- es war eine steinalte Frau in wunderlichem

jugendlichen Aufputz, in weißem Kleid, eine blaßrosa Schleife in dem

schneeweißen Haar, und die dünne weiße Hand winkte zurück! zurück! mit

immer steigender, ängstlicher Hast: zurück!

Jesus! es sind der Tante Zimmer, die ich bewohne! durchblitzte es

Helenens Gehirn, aufschreiend sank sie bewußtlos zu Boden.

Als sie zu sich kam, standen der alte Diener und die Kammerfrau, welche

im Stift sie bediente, vor ihr, man hatte sie ohnmächtig im Corridor

gefunden, aufgenommen, in ihre Stube getragen und in einen Fauteuil

gesetzt, man sprach von lauter Hausmitteln, vom Arzt, der Apotheke und

einem heftigen Blutandrang, -- nach wenigen Secunden war ihr die volle

Geisteskraft zurückgekehrt.

Sie bat Niemand weiter zu rufen, die Damen nicht an der Tafel zu

stören, nahm geduldig den ihr gebotenen Thee, ließ gelassen sich zu

Bette bringen. Die dienstgewohnte alte Margareth bestand darauf, im

Vorzimmer zu wachen; auch das ließ die Comtesse ruhig geschehen.

Ein tiefes Besinnen hatte ihre ganze Seele erfaßt, »es war die

Tante!« sagte sie sich selbst, »sie warnte; ich soll nicht elend

sein wie sie. Abwärts, zurück winkte der lange schneeweiße Arm, der

Finger deutete den Gang entlang. -- Wohin? hinaus? der Treppe zu?« --

Alles Grausen war dem Mädchen untergegangen im seltsam angestrengten

Bemühen, die Absicht der ihr wohlwollenden Erscheinung zu verstehen,

-- die grübelnden Gedanken begannen einander zu drängen, sie wurden

zu Bildern, die sich mischten und theilten, -- zusammen- und wieder

auseinander flossen, -- wie eine anschlagende Glocke tönte es ihr im

Ohr, leiser, endlos dazwischen fort, die Töne wurden Musik, -- Gesang,

-- Schlaf.

-- In das weit offene Schloßthor wallte ein Festzug in fremder,

altmodiger Kleidung in den Saal, in welchem alle großen Feierlichkeiten

des Hauses Statt zu finden pflegten, Helene kannte Niemanden von all

den Versammelten; unter dem rothsammetnen Baldachin stand eine schöne

Frau, vor ihr, den Rücken Helenen zugekehrt, kniete eine Dame in der

Galatracht der Priorinnen des Stifts, -- die Königin nahm die Insignien

des Ordens und eine Pergamentrolle von einem Sammetkissen, das ein

Cavalier hielt, -- auf dem Kissen, auf den Sammetbehängen immer das

Wappen der fürstlichen Gründerin und Beschirmerin des Stifts zahllos

wiederholt; -- »überall das Wappen der +Königin+!« dachte Helene, --

»ja, an den Wänden, -- über der Thüre des Refectoriums, die nach dem

Gange führt, überall +das Wappen+,« -- sie erwachte? -- Hell und klar

drang die Sonne durch den halbgeschlossenen Vorhang, -- sie warf ihn

zurück und sog mit langem genesenen Blick die Pracht der herbstlichen,

rings ihr entgegen quellenden, bunten Fülle ein! »Der Mensch +kann+

glücklich sein,« sagte sie, »auch ich +will+ glücklich sein.«

Den ganzen Morgen blieb Helene in ihrem Zimmer eingeschlossen und

schrieb. Die Nacht, der wirre, nur den unmittelbaren Schutz der

Königin andeutende Traum, mochte er dem Zufall oder der ungeheuren

geistigen Arbeit des gewaltsamen Nachsinnens sein Entstehen danken,

hatte einen klaren, festen Entschluß in ihr gereift. Eine Ordensdame

des königlichen Stifts Wallöe hatte den Rang einer hochadligen

Erbtochter; -- zu einer Vermählung nach freier Willkür bedurfte sie

+nur+ der Zustimmung ihrer Majestät! Helene war die erste Dame des

Stifts Wallöe, welche in diesem Augenblick von jenem höchsten Anrecht

Gebrauch zu machen beschloß und sie führte den Entschluß durch!

In der verwitweten Königin Juliane Marie Privatgemache, stand

ihres Eintritts gewärtig und ihrer harrend ein junger, schöner

Mann; die hochgerötheten Wangen und die fliegende Brust, deren

convulsivisch-heftigen Herzschlag das Spitzen-Jabeau verrieth,

bezeugten, daß die ehrfurchtsvoll-ruhige, fast hofmännische Haltung

desselben, eine mühsam erzwungene! Er hielt ein paar Chagrinleder-Etuis

in der Hand, welche kleine Wiederholungen zweier, auf der Staffelei am

Fenster bereit gestellter Portraits der Königin und ihres erhabenen

Sohnes Friedrich umschlossen. In einzelnen Pausen der sein Haupt

durchjagenden Gedanken, blickte er mit Wohlgefallen auf die in

herrlichen Goldrahmen prangenden Staffeleibilder, besonders auf das der

Königin, -- es war wirklich ein sehr gelungenes Portrait; französische

Erinnerungen der damaligen Behandlungsweise schienen des Künstlers Hand

geleitet zu haben, und gerade diesen Zügen war sie ungemein günstig;

der Hang zur Intrigue, der in denselben fast kleinlich hervorstechend

sich zeigte, war in anmuthige Schlauheit und feine Ironie übersetzt,

der fast hinterlistig-scharfe Blick gewandt mit einer königlichen,

stolzen Haltung gepaart, so daß er ohne hochmüthig zu erscheinen,

durchdringende Klugheit aussprach, die sich der eigenen Kraft bewußt

ist.

Kurz, es war dem Maler gelungen, durch eine sehr geistreiche

Schmeichelei auf dennoch nicht unwahre Weise, die Eigenschaften der

Seele hier so zu idealisiren, wie wohl andere Künstler bei äußeren

Eigenschaften der Gestalt es zu thun pflegen.

Juliane trat, noch im Gespräch mit ihnen, von den Grafen Reventlow

und Schimmelmann begleitet aus ihrem Cabinet. Des Letzteren Züge und

ein kaum merkliches Zucken der linken Achsel verriethen, daß er dem

Gegenstand der eben gehabten Unterredung keinen sonderlichen Werth

beimesse; der Königin Gesicht dagegen sprach Aerger und Empfindlichkeit

aus, die sie vergebens zu bemeistern strebte -- keinen günstigern

Augenblick hätte der Maler finden können, die Trefflichkeit seiner

Auffassung zu beurkunden, als die, welche eben jetzt die Vergleichung

des Originals und der Copie dem unbefangenen Beobachter bot.

* * * * *

»Aha, mein lieber Meister,« redete ihn sogleich die Königin an, »er

bringt mir pünktlich das Gemälde und die kleinen Copien. Schelm!« fügte

sie im Nähertreten hinzu, »hat Er in Frankreich so artig schmeicheln

gelernt? Er hat uns da eine Physiognomie gegeben, die Er um zehn Jahr

rückwärts errathen haben muß. Schon recht, man muß ~in effigie~ der

Zeit das wieder abzugewinnen versuchen, wozu in der Realität ihr

unerbittliches Gericht uns verdammt. Sehr brav! Schöner Atlas! ja,

ja, das Portraitiren verstehen die Franzosen. Er ist auch in Italien

gewesen?«

»Zwei Jahre, Majestät, in Rom und Florenz.«

»Hat Er mir nicht gesagt, seine Mutter sei arm, die Witwe eines

Officianten -- wo hat sie denn das Geld hergenommen, Ihn so lange im

Auslande lernen zu lassen?«

»Sie hat entbehrt, Hoheit, vieles sich versagt, um mich reisen und

studiren --«

»So? ich hoffe Er wird dankbar sein, ihr das vergelten, nicht zu den

technischen Fortschritten in Seiner Kunst, Herzens-Demoralisation des

Auslandes uns mitgebracht haben!«

»Ach, wollte der Himmel ich könnte ihr den so tief, so warm empfundenen

Dank anders als in Worten zeigen -- --«

»Was ist Ihm denn? Das wird Er ja nun können, wenn Er die

Ihm versprochene Professur erhält -- nun? Er kommt ja ganz in

Agitation -- --«

Ein Blick auf die Minister, welche das Gemälde betrachteten, wandte

plötzlich die Aufmerksamkeit der Majestät von ihm ab, jenen zu. »Sie

sind verdrießlich, Graf Schimmelmann, und sagen mir kein Wort, weder

über mein Portrait noch meinen Protégé?«

»Leider haben wir dem anerkannt tüchtgen Maler desselben wehe thun

müssen und gerade im Augenblicke, da Ew. Majestät ihm ein so gnädiges

Wohlwollen geschenkt,« erwiederte etwas verlegen der Minister, »der

Anblick der so gelungenen Aehnlichkeit --«

»~Qu'est-ce donc, Comte?~« fragte etwas zurücktretend Juliane Marie,

»wir haben unsre Freude daran, heimischen Künstlern die Aufrechthaltung

der neuen Akademie anvertrauen zu können und haben dem Manne die

erledigte Professur zugesagt --«

Auch Thorald wich einige Schritte zurück; die Königin trat mit den

beiden Grafen in eine Fenstervertiefung, das Gespräch ward mit halber

Stimme fortgesetzt.

So ungemein vaterländisch nach Struensee's Tode alle Hofgesinnungen

geworden, denn unter der Königin und Prinz Friedrichs Regentschaft war

dem Ausländischen offene Fehde erklärt, so konnte dennoch Juliane Marie

die französischen gewohnten Brocken in ihrer Wortstellung nicht wohl

entbehren, und im Affect verfiel sie leicht in den damals fast in allen

fürstlichen Häusern üblichen Ton -- »~c'est fort~,« fuhr sie fort,

»wenn nicht die +Meine+, welche Art Fürsprache soll denn hier wohl

entscheiden? Giebts einmal wieder irgend einen lumpigen Deutschen oder

Franzosen zu versorgen?«

»Bernstorff trägt die Schuld,« flüsterte ehrerbietig der Minister,

»einem früheren Versprechen nach und auf ganz besondere Bitte eines

Mannes, dem man verpflichtet, hat der alte Informator Henning Klint die

Professur erhalten --«

»Der Prinz kennt meinen Wunsch, ~c'éstoit une chose arangée, Messieurs~

-- Eynerssen hat mein Wort --«

»Der König hat diesen Morgen das Decret unterschrieben.«

Die Königin ward bis an die Stirne roth und stampfte mit dem Fuße:

»wer hat mir das gethan? ~il me le payera!~« setzte sie zwischen den

Zähnen murmelnd hinzu. Die beiden Grafen schwiegen. »Nun, meine Herren?

Graf Schak-Reventlow? Darf ich um die besonderen Verdienste des alten

Informators oder seines Fürsprechers bitten? Sie werden doch dessen

Licht nicht unter den Scheffel stellen wollen?«

»~Ma foi, Madame~,« sagte der Graf, »es ist mir bloß klar, daß Graf

Christian Gejern Alles +gegen+ den jungen Eynerssen und +für+ den Klint

gethan; Ew. Majestät werden geruhen sich zu erinnern, daß der Graf

alle Offerten der königlichen Huld stets abgelehnt -- diese Besetzung

der Akademiestelle war eine von ihm erbetene Gnade -- die aller Erste!

Es war unmöglich ihm nicht zu willfahren und Se. Majestät der König,

welcher ihm von der Bauernsache her noch immer gewogen, unterschrieb

sogleich -- --«

Eine dänische Geschichte: Roman · 第 10 / 11 段