gewaltsam gefaßt die Königin; ihr Auge flammte und in den Mundwinkeln
zeigte sich das Lächeln höhnischer Verbitterung, »ich werde morgen
mit dem Könige sprechen.« Mit einer anmuthigen Bewegung des Hauptes
und der linken Hand entließ sie die beiden Herren -- Eynerssen stand
noch ihres Befehles gewärtig nahe am Ausgang. Juliane wandte sich nach
der inneren, zu ihrem Cabinet führenden Thüre, »bleibe Er und erwarte
Er mich hier, mein Sohn,« sprach sie mit gnädigem Kopfnicken, »es wird
sich wohl in meiner Armuth irgend ein Mittel finden, ihn zu lohnen.«
Rasch schritt sie durch ihr Schreibe-Cabinet in das Zimmer, in welchem
sie schlief, eine ihrer vertrauten Kammerfrauen arbeitete dort mit
einem Hoffräulein, Sophie Harrested. »Kennt eine von Euch,« fragte
Juliane, »die Verhältnisse der Gräflich Gejerschen Familie?« Beide
hatten bei Eintritt und Anrede der Königin sich ehrfurchtsvoll erhoben.
Das Fröken erzählte von den Hochzeiten, den Ausstattungen der beiden
Neuvermählten. »Schon gut, das haben wir selbst erlebt.« -- »Die
Gräfin?« Niemand kannte sie. »Kinder?« -- Keine. »Die dritte Comtesse
ist also die junge Stiftsdame von Wallöe, von welcher dies Schreiben,«
sagte die Königin vor sich hin, »und der Graf will die glücklich genug
fruchtlos gebliebene Mißheirath durch einen glänzenden Stammerben
auslöschen; der eine Bruder kinderlos, wie er -- der jüngste kränklich
-- keine Kinder zu hoffen. Da rechnet man auf Uebertragung des Namens.
-- Weiß Jemand von der jüngsten Comtesse?« Die Kammerfrau kannte die
Familie Alslev und floß über vom Lobe Helenens. »Keine Aussicht zur
Heirath, nicht verlobt?« Beide Erzählerinnen stockten -- endlich fuhr
die Harrested fort -- »man hat von einer großen Leidenschaft der
Comtesse für einen jungen Bürgerlichen gesprochen, allein das Betragen
derselben ist so in den strengsten Regeln des Schicklichen geblieben,
daß Niemand den Gegenstand dieser Neigung kennt.« -- »Schon gut,« sagte
die Königin, »Ihr könnt gehen;« sie stand auf und rief, indem sie
selbst die Thüre öffnete, den jungen Mann in ihr Cabinet.
»Mit der Professur ist's wirklich nichts, junger Freund,« redete sie
ihn an; »danke Er Gott dafür! Er ist also in die Comtesse Gejern
verliebt?« -- Wie vom Blitz getroffen schwankte der Künstler auf den
Füßen, die ihn nicht zu tragen vermochten, er taumelte rückwärts gegen
die Wand, keines Wortes fähig -- »nun, nun!« lächelte die Königin, »die
Liebe an und für sich, wenn sie in den Grenzen der Zucht und Ehrbarkeit
bleibt, ist eben kein Todesverbrechen. Fasse Er sich -- und antworte
mir klar und vernehmlich.«
»Ich liebe die Gräfin mehr als mein Leben,« erwiederte stolz und
fest der junge Mann, »wenn aber mein Gefühl das Elend der Comtesse
herbeiführen könnte, würde ich den Muth haben, Kjöbenhavn sogleich zu
verlassen.«
»Ja? was ist denn seine Absicht? daß die Comtesse auch Ihn sehr
schätzt, weiß ich; wollte er deshalb Professor werden?«
»Ja, Ew. Majestät; ich betrachtete diese Anstellung als den ersten
Schritt, um der Gräfin würdiger gegenüber zu stehen, wenn ich auch kein
anderes Ziel an diese Aussicht zu knüpfen wagte.«
»Und der Graf Christian weiß um diese Neigung?«
»Leider! da er sie verdammt!«
»So, so,« sagte die Königin für sich, »ich will ihn lehren eigenmächtig
handeln!« Sie ging an den Schreibtisch und unterschrieb Helenens
Petition, durch welche sie ihr gestattete, ohne Einwilligung ihres
Bruders sich zu vermählen. »Lese er das.«
Der Glückliche lag, ihr Gewand an seine Lippen drückend, zu ihren
Füßen. »Aber höre Er, meine Bedingung! ich will keine Auswanderung
unserer Landeskinder; daß wir in der Fremde etwas Tüchtiges zu lernen
suchen, ist schon recht, allein man soll Dänemark nicht die Früchte des
Erworbenen entziehen. Man wird sich Eurer annehmen! Ich bin Ihm das
Honorar für die Bilder schuldig -- und -- Ihr könnt im Cavalier-Hause
wohnen, fällt mir ein! Sagen Sie dies Alles der Comtesse und vergessen
Sie nicht, daß wir in Gnade Ihnen Beiden gewogen bleiben!« setzte
sie plötzlich französisch hinzu; trotz der innern Heftigkeit, welche
ihre rasche Handlung herbeigeführt, machten deren Folgen sie bereits
verlegen.
Ein reitender Bote brachte den Befehl der Königin nach Wallöe, das
sogenannte Cavalier-Haus der Gräfin Gejer zur Verfügung zu stellen
und mit diesem zugleich Helenen die Erlaubniß zu ihrer Vermählung.
-- Thorald erhielt noch am selben Abende eine für die Privatkasse
Julianens sehr bedeutende Summe als Bezahlung der Gemälde.
Christian war wie vernichtet! Helene nahm sogleich die ihr zufallenden
10,000 Thaler in Beschlag und ihren Antheil an der Tante Mitgift.
Ohne weiter ein Wort zu verlieren, sandte der Graf Alslev alle
nöthigen Papiere, sowohl zu Auszahlung der seiner Schwester aus ihrem
gemeinsamen Vermögen zufallenden Dot, als zu jener der Gräfin Owen; als
er das Paket siegelte überfiel ihn eine an Ohnmacht grenzende Schwäche
-- mit gewaltsamer Anstrengung drückte er sein Wappen auf dasselbe. --
»Man wird es zerbrechen!« sagte er leise vor sich hin, dann zog er sich
in seine Zimmer zurück und begrub sich in seinen Studien.
Gar anders sah es in Wallöe aus. Von allen Seiten zog die Freude ein.
Der Königin so bestimmte Bestimmung schloß alle böswilligen Bemerkungen
aus -- selbst die sieben Mogenstrupps wagten nur orcanische Seufzer.
Im Cavalier-Hause regte sich ein gewaltiges Leben, es wimmelte von
Arbeitern; da wurde tapeziert und gezimmert, angestrichen, gemalt,
geschmückt, und die Liebe half überall der Liebe! denn Thorald war
selbst von Kjöbenhavn herüber gekommen, Helenen beizustehen.
Das Cavalier-Haus, ein freundliches, kleines Gebäude aus der nämlichen
Zeit als das Stift; rings von einem Blumengarten umfaßt, lehnt es an
einem mit Buchen schön bewaldeten Hügel; diese herrschaftliche Wohnung
wurde von Alters her bei Regulirung der Gesammt-Einkünfte desselben von
den dabei beschäftigten Herren eingenommen, wenn sie zu einem längern
Aufenthalt in Wallöe veranlaßt wurden. Auch die Königin bediente sich
ihrer früher gern, wenn sie um die Osterzeit einige Tage in der von
ihr bevorzugten Stiftung zubrachte, um die sie begleitenden Cavaliere
unterzubringen, wodurch das freundliche Schlößchen den ihm anhangenden
Namen erhielt. Seit Jahren war Juliane Marie nur auf einzelne Stunden
in ihr Ordenshaus eingekehrt; der hübsche Bau hatte verödet dagestanden.
Wer hat nicht irgend einmal mit Vergnügen zugesehen, wenn Kinder
Wirthschaft spielen? Wenn sie auf Blumenblättern statt auf Tellern
serviren? Des Vaters goldne Dose und der Mutter Schmuck zu Küchengeräth
machen, und lauter Bisquit und Bonbons kochen? Nicht sehr viel anders
war der Brautleute Einrichtung, weil Jedes das Andere mit noch einer
ganz einzigen Herrlichkeit und Bequemlichkeit überraschen wollte. Es
wurde Alles phantastisch-schön und nebenbei sehr kostbar; aber es war
dem Geschmack Beider vollkommen analog, und wurde dadurch wieder ein
Beider Leben enger verflechtendes Band.
Man hatte dergleichen nie in der Gegend gesehen, halb Kiögge ritt
und fuhr herbei, das Wunder zu schauen. An einem wunderschönen
Spät-Herbstmorgen ward die stille Trauung vollzogen; keiner der
drei Brüder war zugegen, die Schwestern schrieben freundlich und
sandten Geschenke. Alslev kam mit seiner Familie -- er hatte Helenen
zur Oeconomie ermahnen wollen; als er aber in dieser Mischung von
englischem Cottage-Comfort und italienischer Villa und französischer
Eleganz das glückstrahlende Gesichtchen Helenens sah, verschob er es
auf ein andermal. Der isländische Pfarrer hatte eine rührende Botschaft
gesandt und die Versicherung: er werde bei seiner Rückreise bei dem
neuen Paare einkehren; ihn hielt die bereits geschlossene Schifffahrt
noch in Dänemark zurück.
Auch die arme Nordermule hatte geschrieben. Helene las das Blatt
wohl zwanzigmal, ohne daß ihr dessen Inhalt verständlich geworden
wäre. Es war ein wild-schmerzlicher Abschied, einem Schmerzensschrei
vergleichbar, der in der jungen Frau Seele einschnitt -- unklar und
verworren. »Sie traut sich wegen Christian nicht zu mir,« sagte sie
sich, »die arme Gute! sie mag wohl recht haben, er würde es ihr kaum
verzeihen, und besser ist ihr das sichere Dach meines Bruders, als die
Decke unsres Wanderzelts! -- Wer weiß, wo wir einst es aufschlagen.
Christians Haus beut ihr eine stets gleiche Zuflucht, während wir
vielleicht nur einer des andern Brust behalten, unser müdes Haupt
darauf zu legen.« Aber so vernünftig das Alles war, streifte es nur
leicht ihre Gedanken; das Glück war zu übermächtig in ihr.
Der Winter flog auf seinen Silberfittigen dahin, er war mild und schön;
schon nahte der Lenz; die Liebenden waren glücklich und fleißig. Helene
hatte Zeichnen gelernt und begann zu malen.
Sie rechneten nicht, ihr Capital nahm ab! ihre Wirthschaftskasse war
eine offene Schieblade -- aber die Seeländer sind ehrlich; weder sie
noch das sorglose Paar dachten an Diebstahl.
Die Schifffahrt war eröffnet, als unvermuthet spät Abends ein Gast
erschien; Helene hatte zum ersten Mal den Versuch gemacht, nach Gyps
zu zeichnen, und die Lection hatte wie gewöhnlich mit einem Kußhonorar
geschlossen, als Kund Jürgenssen eintrat. »Dieser Anblick ihres
Wohlergehens erleichtere ihm das Abschiednehmen,« meinte er, »und er
hoffe, daß ihn die Kunde ihres ferneren Glücks noch oft erreichen
werde.« Dem Alten war Alles zu reich und köstlich in ihrer Umgebung --
er konnte sich aus all der Seide und den Spiegeln und dem Mahagoni
gar nicht herausfinden; Helene sperrte ihn lachend mit dem Tisch in
einen Saffian-Fauteuil, damit er nicht gar vor lauter Achtsamkeit, ihre
Schätze nicht zu beschmutzen oder zu zerbrechen, ganz verstumme; und
nun begann er zu erzählen, »wie er auch einmal beim Grafen zu Aalholm
gewesen,« -- ein leichtes Wölkchen überflorte Helenens glänzende Stirn,
sie reichte rasch Thorald die Hand. -- Es wären schon ein paar Monate
her, fuhr er fort, und wiederum sei ihm dort eine besondere Gnade des
Herrn geworden! »Es war Abend,« erzählte er weiter, »eine silbergraue,
noch klare Dämmerung lag auf Aalholm, und ich ging durch die schönen
buntgefärbten Buchengänge, die ich nun bald wieder entbehren sollte;
auf den Wiesen wogte eine bläuliche Feuchte, und am Teich kräuselte und
webte es so neblig hin, und ballte und rollte sich auf -- das Schilf
schwankte träumerisch mit seinen schweren Dolden, die Vögel hörte man
nur fliegend und flatternd im Laube ihr Nachtlager suchen, sie sangen
schon längst nicht mehr -- auch die Insectenwelt war abgestorben. Den
dunkelnden Wald durchleuchteten die fernen Schloßfenster mit röthlich
schimmerndem Lichtschein; zwischen den Mauern dort mochte es wohl schon
finster sein.
Ich gedachte der immer trauriger werdenden Jahreszeit in meinem
Vaterlande, und der hübschen Mährchen und Balladen, mit welchen wir sie
Abends daheim zu erheitern suchen, da sah ich plötzlich mir gegenüber
am jenseitigen Ufer des Weihers eine fliegende Gestalt, um sie her
flatterten weiße Gewänder, kaum berührte, so schien mir's, dann und
wann ihr Fuß den Boden. Sie eilte auf den mir nicht allzu fern im
Schilf liegenden und ganz von Weiden und Wasserpflanzen umgebenen
Kahn -- ich war schon wieder besonnen und wußte gar wohl, daß die
Erscheinung nur eine menschliche sein könne! Sie kniete nieder in den
Nachen und begann eine Menge Steine in ein Tuch zu binden, welche
vermuthlich dort schon bereit lagen; endlich wand sie dasselbe um ihre
Füße, indem sie zugleich damit ihre Kleider festschnürte; -- als sie
damit fertig, richtete sie nochmals das Antlitz betend gen Himmel auf
-- jetzt kniete sie schon am Schnabelende des Boots, und so rutschte
sie mit den gebundenen Füßen vorwärts dem Rande näher --«
»Um Gotteswillen, Emerenzia!« schrie Helene auf.
»Ja,« sagte der Pfarrer, »ja sie war's! aber Gott leitete meine
Schritte und meine Hand, daß ich im rechten Augenblicke sie erfaßte
und gewaltsam sie zurückhielt! ich nahm sie wortlos in meine Arme und
trug sie zurück; ihr selbst schwanden die Sinne, und sie kam erst dem
prasselnden Feuer gegenüber in ihrem Stübchen, wohin ich sie getragen,
zu völligem Bewußtsein.« »Unglückselige!« sagte Thorald, »was hatte zu
solchem Schritte sie vermocht?«
»Ach, lieber Herr,« erwiederte Jürgenssen, »sie verstand es nicht, so
allein zu leben! Die drei nun zu Frauen gewordenen Fröken waren so
glücklich ohne sie, es hatte, so meinte sie in böswilligem Trotz --«
»Ach, Trotz! meine arme Nordermule, das demüthige Herz!«
»Frau Eynerssen wissen nicht, daß sich Demuth und Trotz im Leben
manchmal gar nicht unterscheiden lassen?«
»Also Janfru Nordermule sah den langen Tag und die lange Nacht immer
wieder vorüberziehen, ohne daß irgend Eines ihrer bedurft hätte --
da wurde sie trauriger mit jeder Stunde! Sie kam sich mit einem Male
vor, wie ein abgelaufenes Uhrwerk, zu welchem der Schlüssel verloren
gegangen; und als der Kummer allmälig mehr und mehr all ihre Gedanken
überschattete, konnte sie zuletzt der Sehnsucht nach dem stillen Weiher
nicht länger widerstehen, in dem sie Schlaf und Ruhe zu finden meinte,«
-- »und nun? und nun?« fragte in ängstlicher Spannung das junge Paar,
»wo ist sie jetzt?«
»Nun steht sie draußen vor der Thüre und hat mich beauftragt, das Alles
My Frau Eynerssen zu erzählen; sie will Abschied nehmen -- denn sie
geht mit mir nach Island!«
Die jungen Leute waren schon draußen bei ihr, als er die letzten Worte
vollendete.
Ja, so war's! Die kleine graue Nordermule stand, tief in Pelze
verhüllt, im nordischen Reiseanzuge auf der Flur; mit tausend
Liebkosungen ward sie in die lieblich phantastischen Räume eingeführt,
gehätschelt, gescholten -- das ganze Herz ward ihr bewegt; aber ganz
unerschütterlich entschlossen reichte sie ihrem alten greisen Führer
die Hand -- »er hat mich überzeugt, daß ich dort noch nützen kann,« --
versicherte sie freundlich.
»Ob sie das kann!« sagte der alte Kund, »für's erste muß sie gleich
den Sommer hindurch uns beistehen, Thorsons mit Ihres Herrn Vaters
Gelde gestiftetes Hospital aufrecht zu erhalten, dann mag sie meiner
Mathilde helfen, die Kranken meines eigenen Sprengels zu pflegen; ach
und Abends, wenn der Winter draußen um unsre Hütten ras't, dann wird
Emerenzia uns Allen +erzählen+! Unsre Weiber wird sie lehren, bessere,
feinere Handarbeit machen, unsre Kinder mit unterrichten helfen und vor
Allem meine Kirche mit den fleißigen, geschickten Händen schmücken, o
wir werden Alle so dankbar und glücklich sein, Janfru Emerenzia um uns
zu haben, -- so glücklich!« er drückte ihre Hand.
»Aber Jürgenssen, es kann ja nicht Ihr Ernst sein -- sie wird mit ihrer
geschwächten Kraft die Reise nicht überstehen -- sie bringen sie nicht
lebend hinüber!« sagte leise Thorald --
»Sie irren,« erwiederte ernst und mild der alte Pfarrer, »sie ist
eine Nordländerin und wird die Fahrt überdauern -- und gönnen Sie ihr
denn nicht, umringt von den poetischen Erinnerungen ihrer Jugend,
als Pflegerin der Pfarrkinder unsres Johannes und der Rosen des ihr
so theuern Grafen Thugge zu sterben? +Dort+ sind all die ihr +hier+
abgewelkten Interessen noch frisch erhalten -- hier verdrängt sie eine
laut und lauter sich erhebende Gegenwart!«
»Er hat Recht!« sagte wehmüthig Helene, und am andern Morgen zogen
sie von dannen! Das Ehepaar sah vom Kiögger Hafen aus lange dem
buntbewimpelten Schiffe nach und kehrte in seine Künstler-Einsamkeit
zurück. Wie ein Thautropfen hing die Abschiedsthräne an der vollen Rose
ihres Glücks, und der nächste Sonnenstrahl küßte sie auf!
Und Graf Christian, und Eva? und wie wurde es denn weiter? dauerte
denn das Glück im Cavalierhause bei dieser tollen, wunderlichen
Wirthschaftsweise?
Soll ich meinen Lesern weitläuftig von der Ebbe und Fluth alles
menschlichen Erfahrens berichten? Das Gold ward alle -- manchmal
klopften böse Verlegenheit und Noth an die Thüren und Fenster, manchmal
schlich die Sorge ein und zog ihre grauen Schleier über das fröhliche
Auge Helenens, und zuweilen faßte auch wohl eine fast wilde Sehnsucht
ihr Innres nach ihren beiden Schwestern und nach Christian, ihrem
nun ganz vereinsamten Bruder, der seine arme Eva mit dem fallenden
Laube zu Grabe getragen, und nun, wie einst ihr Vater Thugge, allein
das große Aalholm bewohnte; aber der Gejersche Trotz wollte dennoch
sich nicht bändigen lassen in dem stolz aufschlagenden Herzen und der
freundlichere Gedanke wurde noch lange Jahre hindurch in Beiden nicht
zum einander verzeihenden Wort.
* * * * *
Da starb auch Joachim. Seine Ehe war kinderlos geblieben. Der
Trauerfall und die ihm entstehenden Angelegenheiten zogen alle
Geschwister in die Residenz. Die Schwestern sahen sich, und das gute
Vernehmen zwischen ihnen stellte sich her. Christian und Helene
aber blieben sich fern; auch Thorald, der zum tüchtigen, vielfach
beschäftigten, vom Hofe vergötterten Künstler sich herangebildet, mied
seine Schwäger. Der gute Alslev und seine würdige Gattin hörten mit
unveränderter Theilnahme jedes Einzelnen Klage an, aber beide scheuten
den ihnen wohlbekannten finstern Geist des Geschlechts, den alten
Starrsinn der Gejers zu sehr, um eine Aussöhnung auch nur zu versuchen.
* * * * *
Da öffnete eines Tages Christian unvermuthet die Thüre des
Studirstübchens seines alten Freundes; Alslev saß schlummernd in seinem
hochrückigen Großvaterstuhl, er war über einer langen Actenrevision
eingenickt, auf der Lehne des Sessels aber hing oder ritt ein
wunderbar schöner Knabe von etwa sechs Jahren; er hatte dem Alten ein
buntseidenes Band über den Kopf geworfen, daß er ihm durch die vom
Schlaf halb erschlossenen Lippen zu ziehen eifrig bemüht war, indem
er sich zugleich auf dessen Schulter zu schwingen suchte, um ihn zum
Roß zu machen und einen kühnen Ritt in's Fabelland seiner Phantasie
zu thun. »Willst Du mitspielen,« fragte das kecke Bübchen, »mußt aber
jetzt auch Pferd sein und Dich von mir führen lassen, nachher darfst Du
aber auch reiten!«
Helenens Sohn! durchblitzte es Christians Starrsinn, und die
Wunderkraft der Kindheit trat plötzlich in ihr volles Licht. Denn
der Graf vermochte kein Auge von dem kleinen Tyrannen zu wenden,
der ihm mit schmeichelnder Gewalt den Zügel bot -- als Alslev von
dem Jubel-Geschrei erwachte, war die Bekanntschaft schon weit
vorgeschritten.
Wer in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren in Wallöe war, wird wohl
den neuen herrlichen Aufbau des ehemaligen Cavalier-Hauses und seine
prächtige Umgebung und Einrichtung bemerkt haben; sie ist solider aber
noch kostbarer als sie vor etwa fünfzig Jahren es war. Ein neues,
kräftiges Geschlecht der Gejer bringt dort die schönen Sommertage zu;
die bösen Geister des erloschenen Stammes beunruhigen es nicht, sie
sind dem heitern Glück gewichen!
Der jetzige Graf ist ein schöner, alternder Mann und unermeßlich reich,
weil ihm das Vermögen aller Nebenzweige der großen Familie zugefallen;
seine Mutter war eine geborene Comtesse Gejer und hieß Helene; er
hat schon als Knabe den Namen derselben auf seiner Oheime Wunsch
angenommen, weil ihnen selbst kein Stamm-Erbe erblüht war.
Fußnoten
[1] Zur Zeit der für Aufhebung des Gemeinbesitzes constituirten
Commission 1759.
[2] Fröken, +adliges Fräulein+.
[3] Feste-Bauers, ohne alles Eigenthum.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Satzfehler wurden stillschweigend korrigiert.
Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
S. 47: ancharten → Plancharten
auf seine Bücher und {Plancharten}
S. 65: Halde → Haide
leichten Ganges über die {Haide} hineilte
S. 140 aufgischend → aufgischtend
Wildströme reißen sich {aufgischtend}
S. 235: Gräber → Gräben
Ringmauern, ihre {Gräben} und Wälle eingebüßt
End of Project Gutenberg's Eine dänische Geschichte, by Adele Schopenhauer