Starr vor sich hinblickend, überdachte die kleine Buckliche ihre lange

ereignißlose Existenz; ein Lichtpunkt derselben blieb Ulrikens erster

Anblick; Emerenzia hatte sie zum ersten Mal in einer künstlichen

Dämmerung, bei zugezogenen rothen Vorhängen gesehen und zwar jener

unbewußt; denn nur nach und nach hatte man die Leidende an die Nähe der

Fremden gewöhnen können. Wie heiß und jugendfrisch hatte sie von jenem

Moment an für die schöne Trauergestalt gefühlt und geschwärmt, die kaum

halberschaut ein Ideal aller Schönheit und weiblichen Vollkommenheit

ihr geblieben. Ach, die stets nur mit dem Bilde des ihr entrissenen

Liebsten sich beschäftigte, in dem einzigen Gedanken absorbirte Ulrike,

hatte die leidenschaftliche Hingebung des armen Mädchens nicht einmal

bemerkt. Dennoch hatte diese den schönsten Theil ihrer Jugendjahre

ihrer Pflege geopfert, und aus den Erinnerungen an jene Zeit den

Nimbus all ihrer Träume gewoben -- für noch blüthenlosere Tage, voll

noch herberer Realität. Der verschwiegenen Treue der allmälig mit dem

Hause Gejer so eng Verwachsenden, deren Gegenwart man bedurfte ohne

sie zu beachten, deren Lebenskraft man verbrauchte ohne je darüber

nachzudenken, war die ganze Qual des Mitgefühls der unseligen Ehe des

Grafen Thugge aufgebürdet worden.

Alle Phasen des überhand nehmenden riesigen Elends, das verschmähte

Liebe, Haß, Argwohn und Flatterhaftigkeit einem Ehebande zu bereiten

vermögen, hatte sie mit durchlebt; die ganze dem kleinsten Samenkorn

des Unrechts entwachsende Wucht gegenseitiger Versündigung mitgetragen,

all den Seelenverrath sich täglich erneuender Verzweiflung an allem

Guten, an Gott, Menschen und dem eigenen unbarmherzigen Selbst hatte

die arme Nordermule mit durchfühlt in endloser Gewissenspein. Es hatte

Niemand je daran gedacht es ihr anzurechnen, oder gar es ihr zu danken.

Später hatte Emerenzia dem Leben der Kinder eben so rücksichtslos

Körper und Seele geweiht. Jene schwersten Ereignisse waren

vorübergezogen, Graf und Gräfin ruhten endlich im Grabe. Nun nahmen

Glück und Leid der Uebriggebliebenen ihre von dem Dasein Emerenzia's

weit abführende Richtung. Neue Fäden knüpften sich zum Gewebe besserer

Tage -- die Nordermule blieb verlassen allein zurück; die sie mit ihrem

Herzblut genährt, zogen fort; weder Licht noch Schatten der ihr nun

entfremdeten Existenzen der Geliebten fiel mehr auf sie zurück. -- Sie

hatte die Erlaubniß nach Belieben im Schlosse oder auf dem Stifte zu

weilen. --

Große schwere Thränen rollten über die bleichen gefurchten Wangen der

Alten; es sah es ja Niemand, sie durfte schon weinen. Da öffnete sich

leise die Thüre ihres Stübchens -- es war Graf Christian, der eintrat.

»Liebe Emerenzia,« sagte er kurz aufathmend, eilig, in gepreßtem Tone,

»Sie wissen, wie ich voraussetzen muß, Alles was hier im Hause, was

in Helenens Seele sich zuträgt -- ich brauche mich nicht deutlicher

zu erklären. Es soll eine große Unbesonnenheit, ein Unrecht begangen

werden -- Sie müssen das hindern, oder vielmehr mir helfen es zu

hintertreiben. Meines seligen Vaters Zimmer grenzt an das meiner

Schwester; -- ich bitte Sie dort insgeheim diese Nacht zuzubringen --

die Fenster gehen nach dem Garten wie Sie wissen -- auch diesen Abend

ersuche ich Sie, sich dort oder bei der Comtesse aufzuhalten. Sie

verstehen mich doch genau? Helene darf nicht sich selbst überlassen

bleiben, nicht unbeachtet -- und man kann sie doch nicht bewachen

lassen.«

Der Graf trocknete sich heftig mit dem Schnupftuch die Stirn, sie war

mit Schweiß überdeckt, trotz der Kälte im Zimmer.

»O weh! also hatte mein banges Herz richtig geahnt, was uns bedroht!«

sagte die Nordermule zu sich selbst. Sie war schon aufgestanden, um dem

erhaltenen Befehl augenblicklich Folge zu leisten; »aber,« bemerkte sie

zaghaft zögernd, »wird der Comtesse mein ungewohnter Aufenthalt in den

Gemächern des seligen Herrn Grafen nicht sehr auffallend sein? oder

wird sie vielleicht auf meine Gegenwart gar keine Rücksicht nehmen?

ich wäre ja nicht einmal im Stande sie zurückzuhalten.« -- Glühendroth

wurde Christian, er biß sich in die Lippen, »im Nothfall rufen --

schreien Sie! ich -- begreifen Sie denn nicht? -- ich werde angezogen

in meinem Zimmer wachen. Muß man,« setzte er ungeduldig mit dem Fuß

stampfend hinzu, »einer Person, welche ein Viertel Säculum im Hause,

mit schlagender Derbheit auch das Zarteste breit treten, damit sie es

erfasse und ihr wie einem Neuling, wie einem unserer ausländischen

Diener +befehlen+? -- Sie werden das sich im Augenblick als passend und

nothwendig Herausstellende thun, Jungfrau Nordermule,« setzte er stolz

den Kopf zurückwerfend, mit dunkel aufblitzendem Auge sie durchbohrend

hinzu, »oder -- hätte ich mich geirrt? wüßte Die, welcher wir, mein

Vater und ich, ehemals die Ehre unseres Hauses unbedingt anvertrauen

durften, jetzt keinen Rath mehr zu finden, das Rechte zu thun? Hat

Helenens Wahnsinn auch Sie so verblendet, daß Sie wie ein kleines

Pensionsmädchen ihr beizustehen wähnen, indem Sie die bereits Taumelnde

dem Abgrunde zustoßen, an dessen Rande sie steht? -- Ist es möglich!«

rief er plötzlich, auf's Leidenschaftlichste erregt zum Himmel

aufblickend und die gefaltenen Hände schmerzhaft gegen die auffliegende

Brust gedrückt, »auch hier habe ich geirrt!«

»O nein, nein, niemals!« rief in die Knie sinkend und seinen Rock

ergreifend die Nordermule, »um Gotteswillen kein Mißtrauen! es würde

mir das Leben kosten! Alles, Alles, was Sie wünschen, soll geschehen,

wüßte ich nur genau, wie das Rechte erreichen; ach, Graf Christian, ich

bin nicht mehr stark und jung wie in jenen Tagen, der Körper altert,

bleibt auch das Herz jung!«

Lebhaft riß Christian die Bebende auf, alle Muskeln seines edlen

Gesichtes vibrirten, tief beschämt führte er sie sorgsam zu einem

Sessel; er sprach kein Wort. Sie sah zu ihm auf, wie ein sterbender

Katholik zu seinem Schutzpatron, der sie vertreten soll vor dem ewigen

Richter. Endlich, als sie nicht mehr so convulsivisch schluchzte, nahm

er, in den gewohnten etwas unsichern Ton zurückfallend, ihre Hand,

»vergeben Sie,« sagte er, »ich habe Sie durch meine Heftigkeit sehr

erschreckt! Ich war nicht darauf vorbereitet einer unserer Familie so

ergebene Person« -- das Wort Freundin brachte er nicht über die Lippen

-- »Erörterungen so schmerzhafter Art geben zu müssen.« Leise drückte

er die ergriffene Hand, und Emerenzia blieb allein. Eine wunderbare

Verklärung überzog die unschönen Züge des armen alten Mädchens; also

hatte er doch wirklich einmal gewußt, was sie mit seiner Mutter

ertragen, um seinetwillen! Seine Jugendgestalt schwebte ihrem innern

Blicke vorüber. Dann sah sie die Stelle noch einmal an, wo er vor ihr

gestanden, und die Stuhllehne, auf welcher seine Hand geruht, während

sie da saß und weinte -- und begab sich, fest entschlossen, Alles zu

Erhaltung der Ehre und Wohlfahrt der Familie zu thun, in das Zimmer des

verstorbenen Grafen Thugge.

Vor Helenen stand in der nämlichen Stunde der gute isländische

Pfarrherr, hielt begütigend, wie ein mildrichtender Vater, ihre kleine

Hand in seinen beiden großen und endete eine lange tröstende Rede mit

diesen Worten:

»Glauben Sie mir, theure Comtesse, jede willkürliche Abweichung von

den uns vorgezeichneten Lebenswegen, obschon sie in der Zulassung des

Höchsten liegt, denn sonst könnte sie ja nicht geschehen, bringt neues

Leid, statt des gehofften Erdenglücks. Der gewaltsam Handelnde erzeugt

neue Gewaltsamkeit. Ist es Ihnen möglich, so greifen Sie nicht jetzt,

nicht in einem Augenblicke in Ihr Geschick, in welchem alle Tiefen

Ihrer Seele vom Schmerz aufgewühlt sind!«

»Ach, würdiger Herr,« erwiederte Helene, »Sie sind über all diesen

täglich sich erneuenden Quälereien hinaus, Sie leben Ihr einfaches,

gottergebenes Dasein so still für sich hin, wie können Sie die Pein

all der civilisirten Nadelstiche mir nachempfinden, wie ich unter den

Meinen, wie in der Gesellschaft ich sie erdulde.«

»Und doch lehrt mich nicht nur die Religion, welche für alles

Menschenweh dem aufrichtig das Gute Wollenden die Gefühlsfäden

verleiht, das fremde Leid zu erkennen; auch die Geschichte meiner Väter

mahnt mich zum Verständniß des meiner Stütze Bedürfenden. -- Zwar

haben wir Geistlichen auf Island keine blutige Fehden mehr, wie im 16.

Jahrhundert, aber wie um die Mitte desselben Bischof Arensen mit seinen

beiden Söhnen den Tod auf dem Schaffot dem Versprechen vorzog, das man

ihm abverlangte: sich nicht an seinen Feinden zu rächen, wie er in

starrer Unbeugsamkeit, ohne ein Wort der Selbstvertheidigung lieber als

Majestäts-Verbrecher das Todesurtheil über sich aussprechen ließ, um

nur das stolze Herz nicht demüthigen zu müssen, im Zugeständniß seiner

Unbill, so denkt noch jeder einzelne Bewohner unserer Insel. Je rauher

das Clima, je schneidend schärfer der Wille, je karger die Gaben des

erkaltenden Bodens, je eigensinniger der Mensch in jedem ihn und die

Seinen betreffenden Entschluß! Wäre ich sonst wohl hier? -- Ach der

Isländer härtet seine Seele im Frost, wie das Eisen im Feuer. So kenne

ich denn gar wohl die Tiefen der übermüthigen Menschenbrust, die weder

in Haß noch in Liebe das richtige Maß zu halten im Stande. Mein Heiland

und Herr! Seit mehr denn zweihundert Jahren schon liest der isländische

Bauer die Bibel in seiner eigenen Muttersprache, und immer noch

erweicht ihm Gottes mildes Wort nicht das verstockte Herz, -- sehen

Sie, lieb Fröken, so weiß ich denn auch um die Gewalt der Leidenschaft,

hab' auch ich selber sie nie empfunden -- sie spiegelt sich auf gleiche

Art in der Nation, wie im Individuum: von Leidenschaft seid Ihr +Alle+

bewegt! --«

»So soll ich den Mann, der mir unbedingt vertraut, einer Grille

meiner Brüder wegen verlassen? -- Ihn aufgeben in einem Augenblick,

wo der Adel überall wie ein veraltetes, menschliches Institut in sich

zusammenbricht, und zurücksinkt in die eigene Unbedeutenheit -- wo er

allmälig nur zum Hofgewand sich gestaltet, das man ab- und anlegt nach

Belieben, eben da soll ich Thorald aufgeben? Ihn den Liebenden? Ihn der

mich beglückt? Habe ich denn zur Aufrechthaltung des alten adeligen

Stammes, wenn sie denn wirklich als etwas Wünschenswerthes gelten soll,

nicht Brüder und Schwestern --«

»Aufgeben? nein! aber warten! die Gestaltung dieser gährenden

Volksmassen in ihren immer schnelleren Bewegungen abwarten, die Zeit

arbeitet an einer Krisis, --«

»Abwarten! -- Jürgenssen! Sie haben wohl niemals von dem Geschick

gehört, das die Liebe den Unglückseligen unseres Hauses zu bereiten

pflegt. O es ist grauenhaft, mit welcher vornehmlächelnden Heiterkeit

wir ganz unmerklich Herzen zu brechen, keimende Hoffnungen zu knicken

verstehen! Sie haben wohl niemals von meiner verstorbenen Tante Ulrike

gehört?«

»O wohl und oft!«

»Und -- auch von meinem Vater?«

»Fast mehr als Sie, liebe Comtesse, von ihm wissen mögen!«

»Und Sie muthen dennoch mir zu, einem Ausspruch mich zu unterwerfen,

der solche Opfer seinem lächerlichen Götzen bringt, oder eine äußere

Hülfe zu hoffen?« --

»O, liebes Fröken,« sagte der schon bei den ersten Worten, welche

das Leben ihrer Vorgänger im Leide berührten, in sich und seine

Erinnerungen versunkene Kind, »welch ein edles Herz hatte Ihr Vater!

Als er auf unsere Insel kam, war ich eben erst von Norwegen herüber

gekommen, wo ich zu Drontheim auf der Schule gewesen. Ich war fast noch

ein Knabe. Aber immer wieder und wieder erzählten sich die Männer auf

der Insel von dem traurigen und liebreichen Manne, der einer Rose wegen

nach Island gereis't und --«

»Mein Vater auf Island? Sie träumen lieber Kund!« -- Der gute Pfarrer

schüttelte sanft das Haupt: »sollte man Sie, theures Fröken, um das

Erkennen der Trefflichkeit Ihres Herrn Vaters gebracht haben? Das ist

ja kaum möglich! es ist ja so herrlich dieses Bild seines dortigen

Aufenthaltes, es ist ja so recht wie ein von der Gnade des Herrn uns

hingestelltes leuchtendes Sternbild, das den Erdenweg uns erleichtert,

indem es an den Himmel uns erinnert!«

Helene sah ihn mit bittenden Blicken an.

Der gute Alte setzte sich, wie immer etwas ängstlich ungeschickt »in

den prächtigen Zimmern« mit dem Rücken gegen die Thür, welche Helenens

Stube mit der des verstorbenen Grafen verband.

»Es war im Frühling des Jahrs 1763« -- ein leiser Seufzer drang aus

dem Nebenzimmer an Helenens Ohr -- ein Schauer überflog ihre Glieder,

sie wickelte sich fester in ihrem Shawl, »als ein ältlicher Herr,«

fuhr der Pfarrer fort, »der sich insbesondere mit Naturwissenschaften

befaßte, zu uns herüber kam -- hier im Lande mag es wohl schon Sommer

gewesen sein, denn er war kurze Zeit vor dem Johannisfeste; -- über

die Eilande Engey und Vidöe, wo sonst das große Mönchskloster lag

-- das jetzt ein königlicher Hof geworden, des Eiderdaunenverkaufs

wegen -- war der fremde Herr nach Reikiawik gekommen, das damals nur

ein elendes Dorf von wenig Häusern war. Nach dem Kloster auf Vidöe

war er gegangen, um eine Blume zu suchen, eine Rankenrose, sagte

man, welche in anderen Ländern eine große Seltenheit sein soll, bei

uns aber dem Hochgebirge wild entsprießt, wie den Gletschern in der

Schweiz die Alpenrose. Ehemals hatte die Rose im Mönchskloster fast

das ganze dem Brüderhause anhangende Kirchlein umwoben, nun seitdem

ihre Pfleger vertrieben und ausgestorben, war sie verkommen, wie das

ganze Gärtlein; keine Spur war dort mehr von ihr zu finden. An der so

eifrig gesuchten Rose aber hing des Wandrers ganzes Herz, ihretwegen,

sagte er, habe er die Heimath verlassen, er bedürfe sie, um sie in ein

großes Buch zu legen, und die Beschreibung derselben einem botanischen

Werke einzuverleiben, an welchem er arbeitete. Es müßten, meinten

die isländer Häuerlinge, dem guten blassen Herrn, der immer so ernst

und trübe vor sich hinsähe, daheim viel traurige Prüfungen auferlegt

worden sein, die ihn so recht gerade zu in das Herz getroffen, daß er

an so kleinen Dingen Trost zu suchen in die Fremde ziehe! Er wollte von

uns aus nach Rangavallesyssel, wo er im Hochlande die Rose zu finden

sicher war« -- der Seufzer in der Nebenstube wiederholte sich, ein

beklommenes, schweres Athmen ward in der Stille, welche nur Kunds milde

Stimme belebte, deutlich hörbar. Rasch sprang Helene auf und öffnete

die Thüre hinter dem durchaus arglosen Kund: die Nordermule saß in des

Grafen Zimmer an der Wand in der nächsten Nähe desselben, jedes seiner

Worte mußte dort ihr vernehmlich gewesen sein.

Einen Augenblick maß des Mädchens glühender Blick Beide -- »ich bin

wohl hier in meinen Zimmern bewacht?« fragte sie sehr ernst, dann

setzte sie scherzend hinzu: »Du kannst ruhig zu Bette gehen Emerenzia,

wenn Du es nicht vorziehst unseres lieben Pfarrers Erzählung mit

anzuhören, ich entfliehe Euch nicht! denn -- Thorald hat nicht

+gewollt+! das kannst Du denen sagen, welche Dich hierher postirt,«

setzte sie mit leicht bebender Lippe hinzu, indem sie fortgesetzt

schärfer und richtender der armen Nordermule in das erbleichende

Antlitz schaute; »aber nun, lieb Väterchen, fahrt fort in Eurer

seltsamen Geschichte der Wunderrose, die nur auf Schnee und Eis

erblüht!«

»Ach,« sagte die Nordermule, »Alles, was der hochwürdige Herr erzählt

hat, so fabel- oder mährchenhaft es klingt, ist buchstäblich wahr! Ja,

Graf Thugge's Herz war zum Brechen voll und schwer, als er fortzog in

die nordischen Lande. Lange Jahre schon hatte er in der Botanik und

im Besitz irgend einer seltnen Pflanze, von welcher in ganz Dänemark

kein zweites Exemplar sich fand, die einzige Erheiterung seiner trüben

Tage gesucht. Die Frau Gräfin brachte immer längere Zeit, ja drei

Viertel des Jahrs bei ihren Freunden in Copenhagen zu, der arme Herr

blieb ganz allein mit uns auf dem Schlosse; Graf Christian war in

Bauerntracht entflohen und lebte in Jütland, die beiden anderen Junker

in entfernten Schulen; ich war abwechselnd hier bei den Kindern, oder

bei der Comtesse Ulrike. Wenn er nun die übergroße Einsamkeit seines

Lebens, (denn allen Umgang mit den Gutsnachbarn mied er), nicht länger

zu tragen vermochte, machte der Graf Reisen, nach Versailles, nach

England, und öfterer noch nach Holland, um seltne Gewächse zu sehen

und für sein Herbarium zu kaufen. In der Pflanzenwelt, sagte er, ist

Stille und Frieden, sie verblühen und verwelken sanft! So schritt er

leisen Schrittes zwischen den Wiesen-Blumen und unter den Riesenbäumen

des Parks hin, er liebte sie und betrachtete sie wie Verwandte; keinen

Stamm durfte man fällen, keinen Zweig knicken, keine Blüthe stören

durch Berührung! Mit den Sträuchern und Bäumen sprach er auch immer,

weit seltner mit uns! Im Winter trug er sich die Scherben voll Blüthen

in's Zimmer, war auch viel im Gewächshaus und spielte oft halbe Nächte

hindurch auf der Geige; dann mochten ihn wohl frohe Erinnerungen

umschweben, man sah ihn zuweilen mit der Violine in der Hand vor den

großen Saalspiegeln sich rhythmisch bewegen, fast wie auf Schloß

Steinburg die Comtesse, aber nur mit fest geschlossenen Augen. --

Weil das Alles Jahre lang immer sich erneuete, waren wir an sein

stilles Walten gewöhnt und suchten in solchen Augenblicken nur die

kleinen Kinder ihm fern zu halten, daß keines ihn störe. -- Immer

größer aber wurden seine Reisen, und führten ihn immer weiter hinweg.

Nun war es um die Zeit, daß wir zuerst an einen Versuch dachten, die

Comtesse hierher zu bringen, um dem Arzt näher zu sein, als der Graf

gerade einen Theil seiner Fels-Flora ordnete, deren Herbarium in

Steinburg lag. Da fehlte denn in der Reihe der wildwachsenden Rosen

eine hochnordische Alpenpflanze, welche alle Kälte überdauert und auf

das Gletschermeer ihre Blüthen wirft; Tag und Nacht dachte unser Graf

nur an sie, und beschloß endlich mit einem der Frühlingsschiffe nach

Island zu gehen, um sie zu holen.

Ich weiß nicht wie es zuging, daß wir gerade über diese Reise so

ungewöhnlich viel redeten, die weite Entfernung, das rauhe Clima

machten uns besorgt -- es hat wohl so kommen sollen, nach des

Allmächtigen Willen! -- Kurz, wir vergaßen uns so weit, sogar in der

stets tief in ihren eigenen Gedanken versunkenen Ulrike Gegenwart von

des Grafen Absicht zu sprechen -- plötzlich horcht sie auf! ihr Auge

wird blau und strahlend, die Sehkraft desselben concentrirt sich in

der Pupille, jeder Bewegung mächtig, wendet sich ihr Antlitz uns zu.

»Nach +Island+?« fragt sie, »wer will nach Island?« -- Wir erzählen

ihr, glauben aber, daß sie nicht auf unsere Rede achten wird --

aufmerksam, ohne einen Laut zu verlieren, lauscht sie unserer Antwort,

dann richtet sie plötzlich sich auf und steht vor uns. »Meinen Bruder!

ich will meinen Bruder sprechen,« sagt sie, fest und vollkommen ihrer

selbst bewußt. Welch ein Anblick! Diese tief verhüllte Herzensjugend,

die so plötzlich ihre Decke durchbrach, und vergeistigend die längst

verschrumpften Züge der Greisin durchleuchtete! Ihre gekrümmte, vom

Alter schon klein gewordene Gestalt streckte sich, uns Alle ergriff

eine unsägliche Ehrfurcht, denn es war, als ob Gott zu uns spräche aus

dieser mit einem Mal sich erfrischenden Vergänglichkeit -- sie wurde

beinahe schön wie in ihrer Jugend, durch das Erwachen eines himmlischen

Ausdruckes ihres Gesichts -- »Ich will meinen Bruder sprechen, meinen

Bruder!« wiederholte sie immer von neuem.

Ein Reitknecht warf sich auf's Pferd und eilte zum Herrn Grafen, dem

er unterwegs schon begegnete, (des Herbariums halber hatte dieser nach

Steinburg gewollt), und Hans gab ihm die Nachricht, daß die Comtesse

ganz zusammenhängend gesprochen, und dringend nach ihm verlangt habe.

»Das ist der nahende Tod!« rief der Erschrockene, »sie stirbt!« Rasch

sprang er aus dem Wagen, warf sich auf des Reitknechts Pferd, und

sprengte in rasendem Galopp zu uns herüber.

Allein es war nicht die Hand des Todes, nur die der Liebe, welche das

Herz der Kranken berührt! -- Sie erkannte ihn sogleich; »Bruder,« sagte

sie, »die Frauen sagen mir, daß Du nach Island reisen willst« -- »ja,«

erwiederte der Staunende, sie wie ein Wunder anstarrend -- »ja Ulrike,

ich habe dort ein Geschäft, und will morgen schon hin.«

»In der Sundlendinga Fiordung,« fuhr sie mit immer gleicher

Besonnenheit fort, »mußt Du nach dem Rangavallesyssel fragen, zwischen

den Apa- und Huitaae-Seen geht der Weg -- da liegt Skalholt, und etwas

höher hinauf das Pfarrhaus; drinnen wohnt ein sehr alter Mann, der

Prediger einer weit an den Bergen hin zerstreuten Gemeine, sie zieht

sich bis zu dem Markarfiorden hin, da mußt Du nach Johannes Thorson

fragen, und in seine Wohnung gehen. Frage nur recht genau, sie werden

Dich gern berichten; da findest Du einen alten Mann, alt und grau wie

ich, mit hellen blauen Augen, ach, du wirst ihn gleich erkennen, wenn

du ihn von Ulrike Gejer gegrüßt! Sage ihm, sie habe nie seiner Liebe

vergessen, und nie einem Andern die Hand gereicht, nie sei sie wieder

fröhlich geworden, nie habe sie wieder gelacht; Tag und Nacht, Wochen,

Monate, Jahre um Jahre, das ganze lange Leben hindurch habe sie nur

seiner gedacht -- immer -- nie weiter gedacht -- immer nur sein, sein

bis zum Tode!«

Als sie diese Worte gesagt, vermochte sie nichts mehr hinzuzufügen,

ihre Kraft war gebrochen; sie sank zusammen und wir trugen sie hinaus

auf ihr Lager. Sie blieb still wie schlafend liegen, noch viele

folgende Tage hindurch; dann stand sie auf, fiel aber bald wieder in

ihre alte träumerische Geistesabwesenheit zurück, und sprach nicht

mehr. -- Der Graf reis'te am nächsten Morgen ab nach Island.«

Mit sanfter Aufmerksamkeit hatte Kund der Nordermule unerwarteten

Eingriff in seine Erzählung hingenommen, mit wachsender Theilnahme, und

immer gespannter war er ihren Worten gefolgt.

»Ja! so war es!« sagte er endlich, »gerade so erfuhren wir nach und

nach aus des Grafen Munde alle Einzelnheiten, die wir gar nicht

ahneten. Kaum hatte er unter unserer Leitung dem Rangavallesyssel sich

genähert, so fiel ihm auf, wie alle Pfade und Stege auf dem Gebirge

rein gehalten, und mit Wahrzeichen versehen, daß der Bergsteigende

die Richtung nicht verliere und nicht versinke in um das Frühjahr

von der Felswand sich lösenden weichen Schnee, oder begraben werde

in den leicht überdeckten Eisspalten. Die Bewohner des Syssels wären

reinlicher und besser gekleidet, meinte er, und ihn freute, wie

die Kinder, denen wir begegneten, alle gern Bericht gaben von der

Bergesrose, und sich erboten, sie zu suchen, falls sie schon erblüht,

sonst aber den Strauch mit den Wurzeln dem fremden Herrn zu bringen.

Unter uns dachte Keiner an diesen großen Unterschied, welchen die

Gemeine der seltnen Sanftmuth und Geisteskraft ihres Predigers zu

danken hatte, welcher seit fast einem Menschenalter, ohne Weib und

eignes Kind, nur seinem Kirchspiel und dem Wohl seiner Pfarrkinder

lebte. Nun es der dänische Herr bemerkte, fiel es plötzlich uns Allen

auf.

* * * * *

Des guten Johannes Wohnung war ganz aus grau und rother Lava

erbaut; um dieselbe her lagen, da sie sehr klein war, noch mehrere

ebenfalls einstöckige Wirthschaftsgebäude zur Stallung des Viehs, zu

Schlafkammern des Gesindes und zu Aufbewahrung der Wintervorräthe

bestimmt; alle waren, wie das Sitte bei uns, roth angestrichen und mit

grünendem Rasen belegt. Dem Grafen schauderte vor der anscheinenden

Aermlichkeit und Oede dieses Aufenthalts, doch war alles, was er sah,

auffallend gut gehalten und glänzend rein: kein Fensterladen gebrochen,

kein Mist oder Unrath in Winkeln aufgehäuft, kein vernachlässigtes,

umherliegendes Ackergeräth zu sehen, Alles war sauber und geordnet.

Als wir nun einsprachen, herrschte drinnen in der kleinen Stube

die nämliche stille Reinlichkeit; es war, als sei es immer Sonntag

drinnen: das Zimmerchen war weiß getüncht, auf saubern Regalen standen

lange Reihen dänischer Bücher, unter Glas und Rahmen hingen an der

Wand sorgfältig getrocknete Blumensträuße aus Dänemark, wie hier die

Wiese sie beut. Neben dem wohleingerichteten Schreibtisch, dem Feuer

zunächst, stand ein Körbchen, drinnen lag ein krankes Lamm, das der

Alte pflegte. Der Pfarrherr war nicht im Augenblicke daheim, die Magd

brachte uns einen Morgenimbiß, trockne Fische, gekochte Eier, Käse

und Blanda -- und die Burschen, die aus Reikiawik uns hergeleitet,

erzählten, wie der Pfarrer sie alle gelehrt, die Kartoffeln besser zu

bauen, wie er eigenhändig ihre Gärtchen angelegt habe, ihre Arbeiter

geleitet, ihre Häuser gerichtet unter dem Felsendach; immer war es der

Pfarrer, von welchem alles Gute kam, was sie thaten oder hatten, -- mit

thränendem Blick gedachten die alte Magd und der Knecht seines hohen

Alters, und der wenigen Ruhe, die er sich gönne! Was sollte wohl aus

ihnen werden, wenn sie ihn nun verlören? Und er war beinahe an die

Achtzig! Auch dem Grafen wurden die Augen feucht; da hörte man Schritte

und Jubelgrüße der Kinder draußen; es war der gute Prediger Johannes,

der heimkam aus dem Gebirg, wo er Kranke besucht.

Eine dänische Geschichte: Roman · 第 9 / 11 段