einzigen der Eisinsel, bestehen außer Reikiawik, das wohl über sechzig
Häuser zählt, auch nur aus wenigen größern Kaufmannswohnungen und
um diese herliegende Packhäuser und Magazine; alle sind einstöckig,
niedrig, roth angestrichen, der Wärme wegen oft mit grünem Rasen
belegt. Die Pachthöfe entbehren meist den Luxus eines Schornsteins,
eines Ofens oder gar gläserner Fensterscheiben, denn die wilden Orcane
gestatten ihn nicht. Unsäglich beschwerlich und dennoch durch seine
tief eingreifende Wirksamkeit heilig-schön, ist hier der Beruf des
Pfarrers! Der von ihm viele, viele Stunden weit durch die menschenöden
und dennoch stets bewohnten Districte getragene Kelch des Herrn wirkt
dort noch beseligend auf den Todeskranken; und Taufe und Trauung
werden, wenn sie Wochen hindurch bis zum Erstlings-Sonnenstrahl des
Frühlings verschoben worden, in vielen Herzen um so frommer ersehnt, so
daß dem Priester der schwere Gang gelohnt wird und sein eigener Beruf
verklärt vor seinem geistigen Auge sich erhebt.
* * * * *
Wie zart wiederhallte dieses Gefühl in des bescheidenen, orthodoxen
Kunds Seele! und dennoch war er angeklagt, hart angeschuldet von dem
Probst seines Districts, und wie einst vor 25 Jahren jetzt abermals
vor das Consistorialgericht des Bisthums Reikiawik gestellt, weil
er »aus Trägheit« die Leichen der in seinem Sprengel Verstorbenen
unbeerdigt lasse, ja, auf Monatelang bloß in den Schnee sie einsenke,
ehe er dem müden Leibe einer den Trauerort vielleicht rastlos
umkreisenden Seele, die letzte Gott geweihte Ruhestätte auf dem
Kirchhof gönne und durch das Wort des Herrn dieselbe ihr bereite! --
O wie lange, bittre Nächte hatte der Arme verweint, bei der rauhen
Grausamkeit dieser Anklage! -- Das Bewahren der Körper im Schnee war
eine harte Nothwendigkeit, welche indessen nur die entferntesten
Mitglieder seines Kirchspiels traf, denen das Erreichen des sehr
entlegenen Gottesackers mit der Leiche fast unmöglich war. Oft war
das Leben der Träger beim Transport des Sarges in Gefahr gerathen,
sie versanken in Schnee und Eisspalten; der ihn selbst treffenden
Beschwerde hätte der fromme Mann nicht geachtet, kaum sie erwähnt,
obschon er mehrmals durch dieselbe erkrankt; allein eine größere Anzahl
seiner stündlich Bedürfender litt darunter!
Der Probst war ihm nicht gewogen, seine Rechtfertigung ward verworfen,
schwere Klage gegen ihn im Consistorio erhoben! -- Im Gefühl seines
guten Rechts war Jürgenssen vor fünf und zwanzig Jahren nach Copenhagen
gesegelt. Seiner einfachen Seele war die damalige Aufhebung aller
Ministerien und die Gewalt, mit welcher Struensee eine Menge wirklicher
Verbesserungen einführte, nur eine Vereinfachung des Geschäftsgangs
gewesen, er hatte für den Günstling des Königs geschwärmt und an
die wirkliche Thätigkeit des Letztern lange nach Ausbruch seiner
Geistesschwäche geglaubt. Mit der leicht erworbenen Rechtfertigung und
günstigen Entscheidung seines Prozesses war er damals heimgekehrt; die
gänzliche Umgestaltung der dänischen, und mithin der provinziellen
Verhältnisse hatte auch diese längst entschlafene Anklage erweckt, von
neuem war ihm aus Reikiawik der Befehl augenblicklicher und wirklicher
Bestattung der in seinem Kirchspiel Verstorbenen zugekommen. -- Allein
zu dem Schnee seiner Gebirge hatte sich nun dem armen Pfarrer der
Schnee des Alters gesellt, der sich auf seinem müden Haupte gesammelt,
und man altert schnell, bei so schwerem Beruf, in solchem Clima! Dem
Prediger blieb nur die Wahl zwischen freiwilligem Aufgeben seines
bisherigen Berufs, oder des Versuchs, eine erneute Vergünstigung von
Copenhagen aus zu erhalten, seine Leichen in das weiße Schleiertuch der
Erde zu hüllen, bis der Frühling das Herz der alten Mutter erwärme, und
sie das entschlafene Kind in ihre treuen Arme aufzunehmen im Stande.
Von seiner Kirche den Kund bannen, hieß ihn tödten! sie war seine
Liebste, seine Welt! Von Katharina, seiner verstorbenen Ehefrau,
hatte er ein holdseliges Töchterchen; Mathilde (so hieß sie nach
der unglücklichen Königin) -- war die einzige, welche außer der dem
öffentlichen Gottesdienst geweihten Stunde den geheiligten Raum mit
ihm betreten und Küsters-Dienst, in Reinigung und Ausschmückung der
Kirche, mit ihm theilen durfte. Was sie Kostbares besaßen, ward zur
Zier des Altars, der Kanzel, ja des kleinen Chors verwandt. An einem
Pfeiler hing ein Kupferstich, das Bildniß des Vaters Alslev, des
»edelsten Menschen, den er je gekannt!« Dieser Ehre hielt er nur ihn
für würdig; während seines ersten, dreimonatlichen Aufenthalts hatte
er in der Residenz all seine ihm für das ganze Leben ausreichende
Menschenkenntniß gesammelt; Alslevs klares, festes Wollen und
bestimmtes Handeln hatte ihn zur verehrenden Begeisterung fortgerissen,
sein treuer Sinn bewahrte sie in immer gleichbleibender Erinnerung.
Alle diese kleinen und doch ihrem bisherigen Erfahren fremden Züge
aus einem beschränkten, fast von jeder Bequemlichkeit entblößten,
rein-menschlichen Dasein rührten Helenen unsäglich, allein sie baueten
sich auf zur trennenden Mauer zwischen ihr und den einzig mit den
Vermählungsfeierlichkeiten und den Ausstattungen beschäftigten und
erfüllten Geschwistern.
Außer Christian waren Alle, selbst die Brüder durch ihre Frauen in
den Taumel der Hoffeste und Zerstreuungen hineingerissen, mit welchen
man Christian ~VII.~ fortwährend umgab. Die Grafen Schimmelmann und
Bernstorff waren nur theilweis im Volk geliebt, im Innern des Staats
gab es viel Unzufriedene. Die dänische Politik ging darauf aus, mit
allen auf Dänemark einwirkenden Mächten Frieden zu halten, aber trotz
der dabei zu Tage gelegten Würde und äußerlichen Größe, ließ sich eine
gewisse Unsicherheit der Ansichten wie der Verhältnisse kaum bergen.
Alle Geschäfte, welche die verschiedenen, nach Struensee's Sturz wieder
eingeführten Canzeleien dem Staatsrath vorlegten, mußten in doppelten
Sitzungen vorgetragen werden; in der Versammlung beim Erbprinzen
Friedrich wurden die Resolutionen gefaßt, alsdann in einer zweiten
dem Könige zum Schein vorgelegt, der sie halb bewußtlos unterschrieb.
Das war eine unsäglich betrübte Comödie, und ihre Rückwirkung auf das
Volk war es nicht minder! Der arme Prediger litt unbeschreiblich, sein
beschränkter Geist sah überall böse Dämonen sich drohend gegen sein
ihm so theures Vaterland erheben; so lange seine Sache bei Gericht
anhängig blieb, war Helene sein einziger Trost, und die ganz einfachen
und zugleich so tief poetischen Lebens-Anschauungen desselben, ließen
dagegen dem aufgeregten Sinn des Mädchens alles Treiben der Vornehmen
und des Adels im widerwärtigsten Lichte erscheinen, ja sie steigerten
ihren Entschluß, mit Thorald ein von diesen hemmenden Einschränkungen
freies Leben zu führen zur entsetzlichsten Pein.
Thoralds leichteres Blut ließ ihn einfacher seine Bahn weiter ziehen;
er war in Copenhagen, arbeitete in der noch neuen und unvollständigen
Academie, gefiel durch heitere wohlwollende Theilnahme, umarmte den
alten Kund, der ihn auf Helenens Bitte besuchte, machte das Portrait
des kleinen, leider kränklichen Kronprinzen, und war bei jeder
einzelnen Nachricht von Frankreich aus überzeugt: auch im Norden
müsse jede kleine Meuterei, jede Unzufriedenheit des durch Monopole
gedrückten Handelstandes nächstens große Umwälzungen herbeiführen,
welche dem Charakter und einer der Nation inwohnenden Gleichmüthigkeit
und sehr ernsten Besonnenheit widersprachen. Er selbst war kaum noch
ein Däne; der lange Aufenthalt in Italien und Frankreich hatte alle
vorspringenden National-Eigenschaften in ihm verwischt.
Graf Christian vermied Erörterungen, welche zu nichts Glücklichem
führen konnten, Alslev und er waren verstimmt, weil sie sich nicht zu
gleicher Ansicht zu vereinen vermochten; in sich selbst streng und
scharf concentrirt beobachtete der Advocat den Maler genau; er hätte
so gern etwas Bedeutendes aus ihm gemacht, ihn durch einen glücklichen
Wurf Geld und ein den Rang übertragendes Wirken verschafft -- Thorald
aber war und blieb eine hoffende, dem Leben vertrauende, sorglose
Künstlerseele; er war überzeugt, einmal ein unsäglich schönes Bild zu
malen, das ihm Ruf, Ruhm, Brot, und den Besitz der Geliebten zusichere.
Unterdessen aber malte er eine Menge gleichgültiger Portraits, wurde
Mode beim höchsten Adel und bei den Prinzessinnen, und begriff Helenens
leise Klage nicht; sie sah weiter hinaus als er!
Die Hochzeittage mit ihren prächtigen Toiletten, alle den
Gnadenbezeugungen der alten Königin, welche sich der »endlich wieder
standesmäßigen Heirathen in der Familie Gejer« erfreute, das große
Festmahl, und die lästigen, das Zartgefühl der Neuvermählten nicht
sonderlich schonenden Gratulations-Visiten am Morgen nach dem Beilager
-- Alles das war vorüber! Nach den erwiederten Besuchen bei der über
halb Copenhagen reichenden Vettern- und Cousinenschaar, wollten die
neuen Ehepaare auf ihre Güter. Am Morgen vor dem Abschiedstage fuhren
zwei schwere Caleschen in den Hof -- die Neuvermählten waren schon auf
ihren Berufswegen, und die Meldung des Besuchs erging an die »Gräfin
Gejer!« Es waren die sieben Gejer-Mogenstrupp, Hochwürden! Sie wurden
zu Eva geführt; welch ein Elend einen Bedienten vom Lande zu haben!
der redliche Nysteder kannte die Weltverhältnisse nicht! Da standen
sie, grau und Ehrfurcht erregend, in stummer Erhabenheit, wie sieben
Wartthürme des Mittelalters die anmuthige Eva umgebend, und vermochten
kaum das schwere Haupt ein klein wenig zu neigen, zum Gruß! Tödtlicher
Schreck lähmte ihre riesigen Glieder: sie, die Hochadeligsten
aller Chanoinessen, hatten der »wegen Kränklichkeit« nicht an den
Hof gehenden Fästebönders Tochter, der nie zum Gesellschaftskreis
mitzählenden Pseudo-Gräfin, die +erste Visite+ gemacht --
* * * * *
Mit eben so viel Anmuth als Würde empfing sie die liebenswürdige,
sanfte Eva; sie errieth leicht, daß der hohe Besuch ihrer Schwägerin
Helene gälte, deren Rückkehr in das Stift Wallöe bereits festgesetzt
war, und ließ diese sogleich zu sich bitten. Wie ein Frühlingsvöglein
schwebte die kleine Comtesse herein und auf die sieben Wartthürme
zu, welche sie sogleich im Flug der zierlichsten Worte umkreis'te,
und ihnen zu dem Zufall Glück wünschte, ihre leider fast nonnenhaft
zurückgezogene Schwägerin auf diese Weise kennen gelernt zu haben!
So leichten Kampfes waren jedoch die empörten Stifts-Damen nicht
zu beschwichtigen! Es entspann sich eine jener gesellschaftlichen
Fehden, welche nur Frauen führen und kennen; mit hinreißender Anmuth
verstand es Helene, jedem Worte, das Eva sprach, volle Geltung zu
verschaffen, und deren Charakter, Stellung, Güte und Glück fortwährend
hervorzuheben, indem sie selbst sich ihr gänzlich unterordnete und
sogar den Rang der regierenden Gräfin und verheiratheten Frau in
volles Licht setzte. Die sieben Mogenstrupps rissen unermeßliche
Augen auf -- sie fühlten sich angegriffen bis in's eigentliche
Mark ihres Lebens -- und schritten zur Rache! Alle Sieben begannen
mit unendlicher Volubilität von lauter kleinen Hofgeschichten und
Familienangelegenheiten der höchsten Kreise, als von bekannten Dingen
zu sprechen, indem sie sorgsam alle darin vorkommenden Personen nur
bei Vornamen oder den Spitz-Namen nannten, die man ihnen in jenem
Cirkel gab; Eva konnte um alle diese Einzelnheiten nicht wissen, und
die siegreichen Sieben stellten sich auf solche Weise zu Helenen in
intimen Rapport, während sie die Gräfin aus dem Interesse des Gesprächs
gewaltsam herausdrängten, um sie fühlen zu machen, daß sie jenem
Cirkel der königlichen Familie und des sie eng umgebenden Adels nicht
angehöre, obschon sie Christians Titel führe.
* * * * *
Helene gab nicht nach! Geschickt deckte sie sogleich ihre Schwägerin
mit dem Schilde des Ausländisch-Modischen, warf nebenbei mit der
persönlichen Gunst der verwitweten Königin um sich, als habe sie
dieselbe in der Tasche, und überwältigte endlich in fortgesetztem
Gespräch den Feind durch eine Menge Anekdoten vom englischen,
russischen und schwedischen Hofe, mit denen sie die der ganzen
civilisirten Außenwelt entfremdeten Mogenstrupps dermaßen betäubte,
daß ihnen nichts übrig blieb, als die herkömmlichen Stiftsgeschenke an
Elixiren, Rosenwasser und Confitüren zur Reise der »theuren Cousinen«
in ihre Hände niederzulegen und den formellen Rückzug anzutreten.
Als sie fort waren, warf sich die ermüdete Siegerin auf das Sopha,
ein Paar großer Thränen perlten in ihren Augen. Es ist sehr schwer zu
sagen, warum sie weinte, ob aus Nichtachtung oder Ueberschätzung der so
eben hart von ihr angegriffenen Vorurtheile!
Eva blieb still und gelassen, wie immer; ihr fehlte nie etwas anderes,
als ihres Christians volle Liebe, wie sie einst sie gekannt und
besessen.
Allein am nämlichen Vormittage schrieb Helene zwei Briefe; den ersten
an Thorald. Sie bot ihm an, mit ihm zu fliehen nach Frankreich
oder Italien. »All diese Einwirkungen und Rückspiegelungen
angenommener, langjähriger Vorurtheile werden aus Pygmäen zu uns
überwältigenden Riesen, wenn wir den hiesigen gewohnten Familien- und
Gesellschaftsformen ausgesetzt bleiben! An jedem andern Orte, um wie
mehr in einem anderen Lande, verlieren sie alle Geltung.
So wenig als unsere monopolisirende, auf Fabrikwesen und Gewerbefleiß
angelegte Academie Ihrem Kunststreben wirklich fördernd genügen kann,
eben so wenig würde Ihnen ein Lebenskreis genügen, in welchem wir
stets defensiv aufzutreten hätten! -- Den ganzen Morgen hindurch habe
ich für meine Schwägerin mit den scharfen Waffen der Ironie gegen die
Thorheit meiner sogenannten Standesgenossen gekämpft, gegen die armen
Mogenstrupps, die am Ende glücklicher sind als Jene, denn sie haben
sich mit dem Leben außer ihrem Stift und mit den persönlichen Wünschen
abgefunden; dennoch habe ich sie und mich mit den spielend geführten
Waffen verletzt -- verletzen +müssen+!
O Thorald, lassen Sie uns den Muth fassen, unser Vaterland auf
vielleicht zehn, zwölf Jahre zu verlassen, in Frankreich, England,
Deutschland -- wo Sie wollen, zu leben, menschlich frei zu sein! uns
bleibt keine Wahl, wenn nicht unsere edelsten Seelenkräfte einer
fortgesetzten, sie verkrüppelnden Entwürdigung ausgesetzt bleiben
sollen!«
Den Rest des Briefes nahm der Ausdruck der tiefsten, weiblichsten
Zärtlichkeit ein, und die Bitte, sie bei einer gemeinschaftlichen
Bekannten zu erwarten, bei welcher sie zuweilen sich getroffen.
Das zweite Schreiben war an den Grafen Christian; es ward abgesandt,
als Helene zu jener Freundin gefahren, bei welcher sie Thorald zu
finden hoffte. Sie schrieb:
»Du hast Wort gehalten, Christian, Du sagtest mir, als meinen
Widersacher Dich anzusehen, und hast offenbar und insgeheim als
solchen Dich mir bewährt. Kämpfe mit gleichen Waffen ehren die
muthig Streitenden, die unsern sind nicht einmal gleich, sondern
die Deinen stärker -- dennoch hast Du mir alle mögliche Ehre durch
Deine hartnäckigen, unablässigen Angriffe erzeigt. -- Vergieb den
trüben Scherz, ich gehe wahrlich nicht darauf aus, Dir wehe zu
thun; ehemals kanntest Du mich; Du bist aber in den letzten Jahren
immer unglücklicher geworden, und Thränen, sagt man, machen blind;
darum wähnst Du auch durch Gewalt mich zu besiegen und vermöchtest
doch höchstens mich zu tödten aus Scherz, nicht aber mich bis zur
Regungslosigkeit zu zerdrücken, wie jene Unglückselige, die wir nicht
nennen wollen!
Mir scheint, Du hast in unserer Familienstellung eine unbedeutende
Kleinigkeit übersehen, nämlich: daß ich das jüngste Fräulein unseres
Hauses bin, und mir bei einer keineswegs durch Adelsforderung
verklausulirten Verheirathung als solchem die zehntausend Thaler
Mitgift zufallen, welche die Schwester des Grafen Owen, unsere
Großtante, uns ausgesetzt hat. Ich wußte seit Jahren um diese Sache,
und der Instinct der Schwachen ließ mich in Alslevs Studirzimmer unser
Familienbuch, und in diesem die Notiz darüber finden, während Du bei
unserer Ankunft Dich seiner sogleich bemächtigtest, ihn in Dein Zimmer,
und mir und meinem Vertrauen zu entführen für gut fandest. -- Ich
werde auf diese Summe Anspruch machen, Du hast kein Recht, mir sie zu
verweigern, mich aber wird dies Geld vor jedem Mangel schützen, bis es
meinem theuren Thorald gelungen sein wird, uns Beiden eine nur auf
sein Talent und seine eigene Kraft begründete Existenz zu sichern.«
Trostlos kehrte Helene heim vom Besuch der arglosen Freundin, bei
welcher sie Thorald gesehen! Sie hatte Gelegenheit gefunden ihn zu
sprechen, sogar allein eine lange Unterredung mit ihm gehabt -- aber
ach! -- Thorald hatte mit dem vollen Ausdruck der zärtlichsten Liebe
in Blick und Wort dennoch auf das Allerbestimmteste sich geweigert mit
ihr zu fliehen! -- Sein dem Grafen Christian im Wäldchen auf Laaland
gegebenes Wort, »nichts zu thun, was Helenens Ruf der Welt oder dem
bösen Leumund des Kreises, welchem sie angehöre, preisgäbe,« -- war er
entschlossen zu halten.
»Laß mich als fester Mann ihm gegenüberstehen bleiben, wie ich dort
am See mich vor ihm als solcher empfand,« bat er sie, »damit er einst
Deinem Gemahl seine Achtung nicht zu versagen im Stande! Sobald mir
möglich sein wird Dir meine Hand zu bieten, wird das Vermögen, welches
Du mir zuzubringen gedenkst, mir den Trost gewähren, Dich wenigstens
nicht harter Entbehrungen durch unsere Liebe ausgesetzt zu sehen,
allein nur in unserm Vaterlande, nur öffentlich, vor Deiner Familie und
Aller Augen, darf ich als mein eigen Dich an mein Herz schließen, als
meine Frau Dich heimführen, wäre es auch gegen den Willen der Deinen!«
Was sie ihm auch einwandte, glitt an der einmal empfangenen
Gedanken- und Gefühlsrichtung seines einfachen Charakters ab; sobald
Thorald nicht durch äußere Uebermacht gesteigert aus sich selbst
herausgetrieben zu enthusiastischer Heftigkeit hingerissen handelte,
war er gerade und redlich in allem Thun; er vermochte sein Glück nicht
um den verlangten Preis zu erkaufen.
»Kein Flecken darf durch meine Liebe zu Dir auf den Schnee Deiner
Seele fallen! Nicht Deiner stolzen Familie, nicht Christians Versagen
schreckt mich, auch ohne alle Einwilligung der Dich mir Mißgönnenden
werde ich Dich einst mein nennen, aber öffentlich, nicht insgeheim. --
Sind wir aber einmal verbunden, dann Liebste, dann laß uns fortziehen,
daß sich der allerschönste Erdenhimmel, das blaue Zelt Italiens über
unser Glück hinwölbe, seine klare Sonne freudig uns in's Herz scheine,
und wir all den grauen Jammer ihrer Pergamente und Diplome vergessen.«
* * * * *
Ach, Helene wußte nur zu genau, daß kein Priester sie trauen werde in
Dänemark, ohne Einwilligung des Bruders, welcher nach Landessitte und
Brauch Vaterstelle an ihr vertreten, fast seit ihrer Geburt.
* * * * *
Im höchsten Grade verstimmt schritten Graf Christian und Alslev in
dessen Studirzimmer auf und nieder; das sorgsam geführte Register aller
im Archiv der Familie Gejer enthaltenen Documente lag im uns wohl
bekannten Pergamentbande auf dem Pulte des Advokaten. »Und so,« schloß
dieser seinen Bericht, »fand sie schon am ersten Tage ihrer Ankunft
Gelegenheit, eine Schrift zu sehen, deren Inhalt ich ihr absichtlich
verborgen.«
»Und schwieg darüber bis heute!« setzte der Graf hinzu, »auch dahinter
muß eine Absicht versteckt sein --«
»Nein,« erwiederte Alslev, »die Comtesse läßt sich ungern vom
Augenblick zu Gewaltschritten drängen, und concentrirt auf diese Weise
für den Nothfall all ihre Kraft. Ich glaubte behaupten zu dürfen, daß
wenn der Herr Graf Dero Abreise, und mithin Gräfin Helenens Rückkehr
in's Stift etwas weniger hastig betrieben, dieselbe ruhig hier verweilt
haben würde; hätte die Academie dem wirklich talentvollen jungen Manne
die Professur gewährt -- sie wäre sogar ruhig nach Wallöe gezogen; ihre
Pläne sind noch nicht reif!«
»Am Ende hätten wir doch nur einen Aufschub erlangt! Ich kenne Helene
besser! Hier hilft +nur+ die stärkere Gewalt. Zum Glück kann ich auf
das Bestimmteste ihr meine Einwilligung versagen; sie mag meinen Tod
abwarten und --«
Des Advokaten Züge überflog ein leiser Spott, -- »und in zwei Monaten
ist sie mündig,« fügte er der abgebrochenen Phrase an. »Ich bekenne,
daß ich nicht ganz begreife, weshalb gerade der jüngsten Comtesse
Heirath dem gräflichen Hause so ganz besonders wichtig. --«
»Haben Sie nie bedacht, daß von den Töchtern unseres Hauses, deren
eine unseren Namen dem ihres Gemahls beifügen kann, die Erhaltung
des Geschlechts der Gejer oder wenigstens der Hauptlinie der Familie
abhängt, oder abhängen wird, denn --«
»Allerdings scheint wenig Aussicht zu einer Descendenz des Grafen
Friedrich geblieben; aber Graf Joachim --«
»Ist schwächlich wie ich! Ich kann und werde diese Verbindung mit
dem jungen Roturier von einer zu ganz unbekannten Größen gehörenden
Abstammung +nie+ zugeben! Ich bin uns Allen schuldig, unter keiner
Bedingung es zu thun. -- Morgen soll mir Helene auf ihr Stift nach
Wallöe!«
»Darf ich Ihnen rathen, so überreizen Sie das heftige Mädchen nicht!
Treiben Sie sie nicht auf's Aeußerste --«
»Was kann sie in solcher Geschwindigkeit, binnen vierundzwanzig Stunden
unternehmen, Alslev? Auch Sie übertreiben!«
»Sie könnte zum Beispiel den Geliebten dahin vermögen, mit ihr nach
Frankreich oder England zu fliehen.«
»Tod und Teufel! Alslev! eine Gräfin Gejern!«
»Ist vor Allem ein Weib, und hier ein leidenschaftlich liebendes --«
»Sie haben Recht. Man muß ihr jede Möglichkeit zur Flucht abschneiden,
sie bewachen, ihr Gesellschaft leisten, wollte ich sagen --«
Und unterdessen schwamm Helene in Thränen, weil Thorald unerbittlich
blieb!
Es giebt eine Menge weiblicher Wesen, welche von der Natur zu
Vertrauten-Rollen im großen Lebens-Drama bezeichnet scheinen, sie
kommen niemals dahin, eigene reelle Verhältnisse, reinpersönliche
Erfahrungen zu haben, ihr Leben wird von Andern gelebt, sie verfließen
ganz in Anderer Individualität, in Anderer Leid und Lust. Zu diesen
Naturen gehörte die Nordermule, sie ging auf in der drei Gräfinnen
Persönlichkeit. Seitdem die zwei Aelteren vermählt und von Copenhagen
fortgezogen, hatte eine unbeschreiblich tiefe Melancholie das gute
alte Mädchen erfaßt, alle ihre Stunden waren ihr übrig geblieben!
-- Daß Helene ihrer nicht bedürfe, war ihr längst deutlich geworden,
nun fürchtete sie, daß ein rascher Schritt derselben sie sogar um den
Anblick des letzten ihr gebliebenen Zöglings bringen und dann ihr
armes Leben zu einer ganz zwecklosen Leere sich ausdehnen werde. Schon
die alljährig sich erneuende Rückkehr in's Stift war ihr qualvoll,
sie gehörte auf keine Weise zu demselben; von Alters her war ihr das
ehemalige Stübchen ihrer Mutter geblieben, welche, wie schon erwähnt,
in der verstorbenen Fürstin Abatissin Diensten gestanden. Wie ein
Stück Möbel oder sonstiges Geräth, hatte man sie dem Haushalt der
wahnsinnigen Ulrike zugestellt, bei welcher sie lange Jahre geblieben
-- später hatte Graf Thugge sie zur Pflege und Erziehung seiner drei
Töchter nach Aalholm berufen.